5. Zwischen Hoffnung und Zweifel
5. Zwischen Hoffnung und Zweifel
Die nächsten Tage versuchte sie sich so gut es ging abzulenken und nicht an einen rothaarigen jemand zu denken. Dabei war auch mal wieder ein treffen mit ihrer Freundin fällig. Beide saßen in ihren Stammcafé und unterhielten sich. "Und was ist mit diesen Typen den du kennengelernt hat?", fragte ihre Freund aus heiterem Himmel. Erschrocken schaute Mina ihre Freundin an. "Nichts was soll mit ihm sein", versuchte sie das Thema zu umschiffen.
"Versuch mich nicht für dumm zu verkaufen, ich kenne diesen Blick", drohte sie ihr mit dem Finger. Mina seufzte, ihre Freundin schien ihr keine Wahl zu lassen. Und so erzählte sie was bisher geschehen war. Ihre Freundin schüttelte einfach nur den Kopf als Mina geendet hatte. "Ich weiß ich bin einfach unverbesserlich", knibbelte sie an ihre Finger. "Und was soll ich jetzt tun?", fragte sie.
"Tja gute frage, bis jetzt hört sich ja alles gut an...nur", und schaute Mina wissend an. "Verdammt ja ich weiß, aber ich will diese Freundschaft nicht aufs Spiel setzen. Und wenn das so weiter geht steck ich verdammt in der Tinte."
"Das musst du wissen, du kennst ihn besser als ich."
"Das ist ja halt das Problem", seufzte sie bevor ihre Freundin beschloss sie mit anderen Themen vom Grübeln abzuhalten. Total erledigt viel Mina dann abends ins Bett auch wenn sie nichts Großartiges gemacht hatte.
Die nächsten Tage vergingen für Mina quälend langsam. Sie gab sich alle Mühe, ihren Alltag wieder in normale Bahnen zu lenken. Ausbildung, Arbeit, kleine Besorgungen, Bücher, Kaffee – alles war besser, als über einen gewissen rothaarigen Gelehrten nachzudenken. Leider funktionierte dieser Plan ungefähr so gut wie ein Regenschirm aus Papier. Am Abend lag sie erschöpft in ihrem Bett. Obwohl sie den ganzen Tag kaum etwas körperlich Anstrengendes getan hatte, fühlte sie sich ausgelaugt. Ihre Gedanken wanderten trotzdem wieder zurück. Zu seinem Lachen. Zu seinen Armen, die sie gehalten hatten. Zu seiner Stimme, als er ihren Namen gesagt hatte. Und natürlich zu diesem verdammten Kuss. Mina zog sich die Decke über den Kopf.
„Nein.“
Eine kurze Pause.
„Nein, nein, nein.“
Sie drehte sich auf die andere Seite.
„Ich denke nicht darüber nach.“
Zwei Sekunden später dachte sie darüber nach.
„Verdammt.“
Zur gleichen Zeit saß G’raha in seiner Wohnung. Vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch. Er hatte dieselbe Seite inzwischen seit ungefähr einer Viertelstunde betrachtet. Nicht, weil sie besonders kompliziert war. Sondern weil er sie nicht gelesen hatte. Sein Blick wanderte stattdessen immer wieder zum Sofa, auf dem Mina vor einigen Tagen gesessen hatte. Die Bürste lag noch immer dort. Er hatte sie nach ihrem überstürzten Aufbruch nicht zurück in die Schublade gelegt. Warum eigentlich? G’raha nahm sie schließlich in die Hand. Ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Du bist wirklich ein sonderbares kleines Rätsel.“
Er legte die Bürste wieder zurück. Dann fiel sein Blick auf den leeren Korb. Die Küchlein waren längst aufgegessen. Alle. Auch die, die er eigentlich hatte mit anderen teilen wollen. Er räusperte sich.
„Nun...“
Ein kleines, ertapptes Grinsen.
„Vielleicht fast alle.“
Er lehnte sich zurück. Irgendwie vermisste er ihre Stimme. Ihr Lachen. Ihre völlig absurden Vergleiche. Und sogar ihre Drohungen. Vor allem aber ging ihm eine Sache nicht aus dem Kopf. Ihre überstürzte Flucht. G’raha verschränkte die Finger vor dem Gesicht.
„Ich glaube, ich sollte sie beim nächsten Mal einfach fragen.“
Er dachte kurz nach.
„Nein.“
Er schüttelte den Kopf.
„Nicht direkt.“
Denn inzwischen kannte er Mina gut genug. Wenn er sie frontal mit etwas konfrontierte, das ihr unangenehm war, würde sie vermutlich wieder irgendeinen frechen Spruch machen, lachen und anschließend davonlaufen. Also würde er warten. Ihr Gelegenheit geben. Und vielleicht... würde sich die Antwort irgendwann von selbst zeigen. Ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Schließlich habe ich Zeit.“
Er nahm sein Buch wieder zur Hand. Diesmal las er tatsächlich. Zumindest für ungefähr drei Seiten. Dann blieb sein Blick wieder an derselben Stelle hängen.
„...Mina.“
Er seufzte. Offenbar war seine Konzentration heute genauso zuverlässig wie ihre.
Die Tage vergingen nur so. Mina nahm jede Schicht auf Arbeit an die sich ihr bot um ja beschäftigt zu sein. Machte Gartenarbeit, trainierte bis sie völlig k.o ins Bett fiel wenn sie es bis dahin schaffte. Und versuchte sich so weit es ging zu beschäftigen das sie ja keine Zeit zum grübeln oder nachdenken hatte. Denn wann immer sie einmal einen ruhigen Moment hatte, war er wieder da. Dieser verdammte rothaarige Kater.
Auch G’rahas Alltag ging weiter. Zunächst hatte er angenommen, Mina würde irgendwann wieder auftauchen. Vielleicht mit einem Korb voller Küchlein. Vielleicht mit einer neuen absurden Idee. Vielleicht einfach nur, um ihn zu ärgern. Doch aus einigen Tagen wurden Wochen. Und Mina kam nicht. Anfangs hatte er sich eingeredet, dass sie vermutlich beschäftigt war. Dann, dass sie vielleicht einfach Zeit für sich brauchte. Doch irgendwann begann er sich Sorgen zu machen. Nicht dramatisch. Nicht in der Art, dass er sofort losstürmen würde. Aber genug, dass er immer wieder beim Vorbeigehen zur Tür sah. Genug, dass er sich fragte, ob sie wohl gesund war. Ob sie arbeitete. Ob sie wieder irgendeinen Unsinn angestellt hatte. Oder ob vielleicht etwas passiert war.
Eines Abends saß er in der Bibliothek und starrte auf einen Stapel Bücher, ohne wirklich eines davon aufzuschlagen.
„Das ist lächerlich.“
Er lehnte sich zurück.
„Sie ist erwachsen.“
Er wusste das. Natürlich wusste er das. Mina konnte auf sich selbst aufpassen.Sie war eine Kämpferin. Eine ausgesprochen eigensinnige Miqo’te, die ihn während einer Kissenschlacht beinahe in die Knie gezwungen hatte. Er musste unwillkürlich lächeln. Doch das Lächeln verschwand wieder. Denn da war noch etwas anderes. Er vermisste sie. Nicht nur ihre Gesellschaft. Nicht nur ihre Scherze. Er vermisste sie. Ihre Stimme. Ihr Lachen. Die Art, wie ihre Ohren bei bestimmten Bemerkungen zuckten. Wie ihr Schweif verriet, wenn sie aufgeregt war, obwohl sie selbst versuchte, vollkommen gelassen zu wirken. Und wie sie ihn manchmal ansah, wenn sie glaubte, dass er es nicht bemerkte. G’raha schloss langsam das Buch vor sich. Vielleicht war es Zeit. Zeit, nicht länger darauf zu warten, dass sie zufällig wieder vor seiner Tür auftauchte. Er stand auf. Sein Blick fiel auf die Bürste, die wieder in der Schublade lag. Ein kleines Lächeln erschien.
„Na schön, gefährliche Mietz.“
Er griff nach seinem Mantel.
„Dann sehe ich wohl einmal nach, ob du mich tatsächlich vergessen hast.“
Doch als er die Wohnung verließ, wusste er noch nicht, dass seine Sorge um sie inzwischen längst etwas anderes geworden war. Und dass Mina während derselben Wochen zu Hause gerade versuchte, genau das Gegenteil zu erreichen.
Wieder einmal saß sie in ihren Café, aber wartete diesmal nicht auf ihre Freundin sondern auf jemand anderes.
"He komm ich zuspät?", wurde sie gefragt als sich ein dunkler Schopf zu ihr gesellte. "Ne ich sitzt noch nicht lange hier", grinst sie.
"Also was gibt es?"
"Könntest du mir vielleicht helfen? Ich muss da was in Ordnung bringen", sagte sie. Mit zuckenden Ohren blinzelte ihr gegenüber. "Okay worum gehts?, fragte er und sie erzählte worum es ging und was ihr Plan war. "Bist du dir sicher das du das machen willst?"
"Ich hab keine andere Möglichkeit. Bitte nur dieses eine mal", flehte sie schon fast. "Okay aber du schuldest mir dann was", stimmte er zu und ihr Schweif schwang hin und her. "Alles was du willst."
Der Dunkelhaarige musterte sie noch einen Moment, als wolle er sicherstellen, dass sie diese Entscheidung wirklich getroffen hatte.
„Alles, was ich will?“
Mina nickte sofort, woraufhin er skeptisch eine Augenbraue hob.
„Das solltest du nicht so leichtfertig versprechen.“ „Ich hab gesagt, alles, also alles.“
„Du bist dir deiner Sache wirklich sicher?“
„Ja.“
Er seufzte und lehnte sich zurück. „Na schön. Dann erklär mir deinen Plan noch einmal ganz genau. Und diesmal lässt du bitte nichts aus, was schiefgehen könnte.“
Mina begann erneut zu erklären, was sie vorhatte. Immer wieder unterbrach er sie mit kritischen Fragen, woraufhin sie entweder sofort eine Antwort parat hatte oder kurz ins Stocken geriet. Als sie schließlich fertig war, herrschte einen Moment Schweigen.
„Du weißt schon, dass das ziemlich auffällig werden könnte?“
„Deshalb brauche ich dich.“
„Das ist mir klar.“
Er schüttelte amüsiert den Kopf. „Du hast dir das also alles genau überlegt.“
Mina nickte. „Mehrmals.“
„Und du bist trotzdem der Meinung, dass das die beste Möglichkeit ist?“
Diesmal dauerte ihre Antwort etwas länger. „...Ja.“
Der Dunkelhaarige musterte sie aufmerksam. „Du willst also wirklich nicht einfach mit ihm darüber reden.“
Mina senkte den Blick auf ihre Tasse. „Nein.“
„Warum?“
Ihre Ohren sanken leicht. „Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll.“
Er seufzte. „Mina...“
„Ich weiß.“ Sie rührte gedankenverloren in ihrem Kaffee. „Ich weiß, dass es wahrscheinlich einfacher wäre, einfach ehrlich zu sein. Aber wenn ich mich irre…“ Sie ließ den Satz unbeendet. Der andere verstand trotzdem.
„Dann riskierst du eure Freundschaft.“
Mina nickte. „Und genau das will ich nicht.“
Eine Weile sagte er nichts. Dann griff er nach seiner Tasse. „Na schön. Ich helfe dir.“
Mina hob sofort den Kopf. „Wirklich?“
„Ja.“
Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Danke!“
„Aber ich habe eine Bedingung.“
„Welche?“
Er grinste. „Wenn dein Plan funktioniert, schuldest du mir einen Gefallen.“
Mina streckte ihm sofort die Hand entgegen. „Abgemacht.“
Er schlug ein. „Dann haben wir einen Deal.“
Ihr Schweif begann zufrieden hin und her zu schwingen. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich etwas in ihr wieder nach einem Plan an. Ob es allerdings ein guter Plan war... Das würde sich noch zeigen.
G’raha hatte sich tatsächlich auf den Weg gemacht. Er hatte sich eingeredet, dass es lediglich ein kurzer Besuch werden würde. Nichts Besonderes. Ein freundschaftliches Nachfragen, ob bei Mina alles in Ordnung war. Zumindest hatte er sich das eingeredet. Doch je näher er ihrem Viertel kam, desto mehr merkte er, wie sehr er sich auf ihre Reaktion freute. Vielleicht würde sie ihn wieder „Kater“ nennen. Vielleicht würde sie sich beschweren, dass er unangekündigt auftauchte. Vielleicht würde sie ihn sogar wieder mit einem Kissen bewerfen. Bei dem Gedanken musste er lächeln. Dann fiel sein Blick auf das Café. Und er blieb stehen. Denn durch das Fenster sah er eine bekannte Gestalt. Mina. Sein Gesicht hellte sich unwillkürlich auf.
„Da bist du ja.“
Er wollte gerade hineingehen, als er bemerkte, dass sie nicht allein war. Ein dunkelhaariger Mann saß ihr gegenüber. G’rahas Schritte kamen zum Stillstand. Sein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. Mina wirkte ungewöhnlich aufmerksam. Ihr Schweif bewegte sich leicht hin und her, und sie schien sichtlich erleichtert über etwas zu sein, das der Mann gesagt hatte. Dann sah G’raha, wie sie ihm die Hand hinhielt. Der Mann schlug ein. Ein Deal. G’rahas Ohren senkten sich ein winziges Stück.
„...Oh.“
Er wusste nicht, warum ihm dieser Anblick plötzlich so wenig gefiel. Es war schließlich völlig normal, dass Mina Freunde hatte. Natürlich hatte sie Freunde. Sie hatte ihm selbst von Aki, Tachi und ihrer Freundin erzählt. Und trotzdem... Sein Blick blieb an dem Dunkelhaarigen hängen. Wer ist das? Er schob die Hände in die Taschen seines Mantels. Vielleicht sollte er einfach hineingehen. Sie begrüßen. Den Mann kennenlernen. Ganz normal. Völlig entspannt. G’raha atmete einmal tief durch.
„Rein wissenschaftlich betrachtet“, murmelte er leise, „ist daran überhaupt nichts ungewöhnlich.“
Er setzte einen Schritt vor. Dann blieb er wieder stehen. „Warum fühlt es sich dann so ungewöhnlich an?“
Er schüttelte den Kopf über sich selbst. „Unsinn.“
Diesmal ging er tatsächlich weiter. Die Tür des Cafés öffnete sich mit einem leisen Klingeln. G’raha trat ein. Sein Blick fand sofort Mina. Und für einen kurzen Moment trafen sich ihre Augen. Er lächelte.
„Mina.“
Dann wanderte sein Blick zu ihrem Begleiter. Höflich verneigte er den Kopf.
„Verzeih die Störung.“
Ein kurzer Moment.
„Ich wollte eigentlich nur nachsehen, ob es meiner gefährlichen Mietz gut geht.“
Sein Ton war locker. Doch sein Auge blieb einen Moment länger an dem Dunkelhaarigen hängen, als es nötig gewesen wäre.
Mina hörte die Türglocke und wie als hätte sie es geahnt das er durch die Tür kam, welch ein zufall. Auch wenn sie nicht wußte wann sie ihn das nächste mal wiedersehen würde nach so langer zeit. "Jetzt", formte sie mit den Lippen und ruckte unauffällig mit den Kopf. Sofort schien ihr gegenüber zu verstehen und legte sanft eine Hand an ihre Wange in der sie sich hinein schmiegte und die seine andere Hand landete auf ihrer über die er zärtlich mit dem Daumen strich. Als G’raha dann an ihren Tisch trat schaute sie erst auf. "Oh hi, lange nicht mehr gesehen", blickte sie zu ihm auf. Bei den Wortlaut schaute auch der Dunkelhaarige zu G’raha auf. "Wer ist der Typ süße, kennst du den?" fragte er sie.
"Das ist G’raha ein freund von mir", stellte sie vor.
Der Dunkelhaarige stand auf und zog Mina mit hoch, wobei er seinen Arm demonstrativ um ihre Hüfte schlang und sie an sich zog. "Die hier ist MEINE, kapiert?", gingt es an G’raha. "Komm süße", und wandte sich zum gehen. "Sorry G’raha wir wollten sowieso gerade gehen tschüssi", winkte sie ihm zu und beiden gingen aus der Tür.
G’raha hatte kaum Zeit zu reagieren. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er sich darauf gefreut, Mina nach all den Wochen endlich wiederzusehen. Jetzt stand er mitten im Café und sah dabei zu, wie der Fremde sie an sich zog.
Meine.
Das Wort hallte unangenehm in seinem Kopf nach. Sein Blick fiel auf den Arm des Mannes um Minas Hüfte, dann auf ihre Hand, die eben noch unter dessen lag.
„...“
Er sagte zunächst gar nichts. Nicht, weil ihm keine Antwort einfiel. Sondern weil ihm zu viele einfielen. Als Mina ihm mit einem fröhlichen „Tschüssi“ zuwinkte, brachte er schließlich ein kleines Lächeln zustande.
„Ja...“
Seine Stimme klang erstaunlich ruhig.
„Bis bald, Mina.“
Die Tür schloss sich hinter den beiden. G’raha blieb stehen. Einige Sekunden lang. Dann setzte er sich langsam an den Tisch, an dem die beiden gerade noch gesessen hatten. Sein Blick fiel auf Minas halbvolle Tasse. Er betrachtete sie, als könne sie ihm irgendeine Erklärung liefern.
„Ein Freund.“
Er wiederholte ihre Worte leise. Natürlich. Sie hatte gesagt, dass sie ihm Bescheid geben würde, wenn sie jemanden kennenlernte. Und nun hatte sie offenbar jemanden kennengelernt. Das war doch gut. Er sollte sich für sie freuen. Er wollte sich für sie freuen. G’raha legte eine Hand an seine Stirn.
„Warum fällt mir das gerade so schwer?“
Sein Schweif lag ungewöhnlich still hinter ihm. Er dachte an die letzten Wochen. Daran, wie sehr er sie vermisst hatte. Wie oft er sich gefragt hatte, wo sie war. Wie sehr er sich auf ihr Lachen gefreut hatte. Und jetzt hatte sie offenbar jemand anderen. Jemanden, der sie ohne zu zögern berührte. Jemanden, der sie „Süße“ nannte. Jemanden, der vor ihm behauptete, sie gehöre ihm. G’rahas Ohr zuckte.
„Meine.“
Er sprach das Wort noch einmal aus. Diesmal mit einem deutlich weniger amüsierten Unterton. Er lehnte sich zurück und starrte zur Tür.
„Das war also der Grund.“
Vielleicht hatte Mina sich deshalb so verändert. Vielleicht war das der Grund, warum sie ihn wochenlang gemieden hatte. Vielleicht hatte sie tatsächlich jemand anderen kennengelernt. Und wenn das so war... Er schloss kurz das Auge. Dann zwang er sich zu einem kleinen Lächeln.
„Ich sollte mich für sie freuen.“
Er stand auf. Doch statt sofort zu gehen, blieb er noch einen Moment neben dem Tisch stehen. Seine Finger strichen gedankenverloren über die Stelle auf seiner Wange, an der Mina ihm Wochen zuvor einen kleinen Kuss gegeben hatte.
„...Verdammt.“
Zum ersten Mal musste G’raha sich eingestehen, dass seine Reaktion auf diesen Mann mit Freundschaft allein wohl nicht zu erklären war. Und dieser Gedanke gefiel ihm gleichzeitig überhaupt nicht. Denn nun gab es eine Frage, die er sich bisher tunlichst nicht gestellt hatte. Was genau empfand er eigentlich für Mina?
Sie gingen beide schnell von dem Café weg, Mina mit gesenkten blick bis sie schließlich mit genügend Abstand stehen blieben. "So ich hoffe du bist zufrieden", wandte sich dann der dunkelhaarige an sie. Immer noch blickte sie zu Boden und biss sich auf die Lippen während ihr die tränen kamen. Sofort nahm der dunkelhaarige sie im Arm. "Ach Mäuschen, ich hoffe du hast keinen Fehler gemacht", schniefend schüttelte sie den Kopf. Vielleicht konnte sie ja jetzt mit ihren aufkommenden Gefühlen für diesen Rothaarigen Kater abschließen. "Als Wiedergutmachung möchte ich Eintrittkarten für das nächste Konzert von dir für Aki und mich, klar?", fragte er und streichelte ihr über den Kopf. "Ja abgemacht, danke Tachi." schniefte sie. Tachi hielt sie noch einen Moment fest und strich ihr beruhigend über den Kopf.
„Hey. Nicht weinen.“
Mina schniefte und wischte sich hastig über die Augen. „Ich weine nicht.“
„Natürlich nicht.“ Sein Ton war trocken genug, dass sie trotz allem kurz schnaubte.
„Du bist ein Idiot.“
„Das höre ich öfter.“ Er ließ sie langsam wieder los und musterte sie besorgt. „Aber Mina...“
Sie hob den Blick.
„Du bist dir wirklich sicher, dass du das so machen wolltest?“
Sie schwieg. Dann sah sie wieder zu Boden. „Ich weiß es nicht.“
Tachi seufzte. „Dann solltest du vielleicht nicht versuchen, dir selbst einzureden, dass es richtig war.“
Mina biss sich auf die Unterlippe.
„Ich wollte nur…“ Ihre Stimme brach kurz. „Ich wollte, dass es aufhört.“
„Was?“
„Dieses Gefühl.“
Tachi sagte nichts. Mina atmete zittrig ein. „Ich wollte nicht irgendwann etwas sagen oder tun, was unsere Freundschaft kaputt macht. Und wenn er wirklich…“ Sie schluckte.„...wenn er diese andere Frau wirklich liebt, dann habe ich sowieso keine Chance.“
Tachi betrachtete sie lange. „Du hast mir nicht erzählt, dass er überhaupt weiß, was du fühlst.“
Mina schüttelte den Kopf. „Er darf es nicht wissen.“
„Warum?“
„Weil ich Angst habe.“
Tachi nickte langsam. „Das verstehe ich.“
Er legte ihr noch einmal kurz eine Hand auf den Kopf. „Aber nur weil du Angst hast, heißt das nicht, dass du dich selbst dafür bestrafen musst.“
Mina sah ihn mit geröteten Augen an. „Ich wollte doch nur einmal jemanden haben, bei dem ich mich…“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Tachi verstand trotzdem.
„...zu Hause fühlst?“
Sie nickte. Ein schwaches Lächeln.
„Ja.“
Er zog eine Augenbraue hoch. „Dann solltest du vielleicht nicht so tun, als wäre das, was du für ihn empfindest, einfach verschwunden, nur weil du gerade einen sehr komplizierten Plan durchgezogen hast.“
Mina schloss die Augen. „Ich weiß.“
Zur selben Zeit stand G’raha noch immer vor dem Café. Er hatte sich schließlich nicht dazu bringen können, einfach nach Hause zu gehen. Sein Blick ruhte auf der Straße, auf der Mina verschwunden war. Etwas in ihm sträubte sich dagegen, es dabei zu belassen. Er hatte sich wochenlang gefragt, warum sie verschwunden war. Jetzt glaubte er, einen Grund zu kennen. Und trotzdem fühlte sich die Erklärung nicht richtig an. Denn wenn Mina wirklich glücklich mit diesem Mann war... Warum hatte sie beim Weggehen nicht glücklich ausgesehen? Warum hatte sie ihn kaum angesehen? Warum hatte ihre Stimme so seltsam geklungen? Und warum hatte sie ihn wochenlang gemieden? G’raha schloss kurz die Augen.
„Das ergibt keinen Sinn.“
Er setzte sich schließlich in Bewegung. Doch diesmal ging er nicht zurück zu seiner Wohnung. Stattdessen schlug er den Weg zu einer Stelle ein, an der er wusste, dass Mina gelegentlich vorbeikam. Nicht, um sie zu verfolgen. Nicht, um sie zur Rede zu stellen. Nur um eine Gelegenheit zu bekommen, mit ihr zu sprechen. Denn eines war ihm inzwischen klar geworden: Er wollte nicht einfach akzeptieren, dass sie aus seinem Leben verschwand. Und vielleicht war es an der Zeit, herauszufinden, warum sie überhaupt versucht hatte, ihn daraus zu verbannen.
Als sich Mina etwas beruhigt hatte löste sie sich von Tachi. "Komm ich bring dich nach hause. Liegt ja quasi auf meinen weg", versuchte er sie aufzumuntern. Zu hause bei ihr dann angekommen fragte er sie nochmal ob sie okay sei. "Ja mach dich auf zu deinen Mann, Aki wartet sich schon auf dich."
"Okay aber wenn was ist, du weiß wo wir sind, ja", und schaute sie eindringlich an. "Ja versprochen. danke dir nochmal", und umarmte den Miqo’te herzlich bevor er ging.
Völlig erledigt setzte sie sich aufs Sofa. Es dauerte nicht mal 10 Minuten und sie brach weinend zusammen. Sie trauerte um das was sie gerne hätte aber nicht haben konnte und durfte. Sie zog die Beine an den Körper und vergrub das Gesicht in ihren Händen.
„Verdammt...“
Ihre Schultern bebten. Sie hatte sich eingeredet, dass dieser Plan ihr helfen würde. Dass es leichter werden würde, wenn G’raha glaubte, sie hätte jemanden. Vielleicht würde er Abstand halten. Vielleicht würde sie dadurch endlich aufhören, auf jedes Lächeln von ihm zu reagieren. Aber jetzt tat es einfach nur weh. Denn das, was sie eigentlich betrauerte, war nicht dieser erfundene Freund. Es war die Möglichkeit, die sie sich insgeheim gewünscht hatte. Eine Möglichkeit, die sie sich selbst verboten hatte, weil sie glaubte, dass sie keine Chance hatte.
„Ich wollte doch gar nicht viel…“ Ihre Stimme brach. „Nur…“ Sie schluckte schwer „...einmal.“
Ein Schluchzen entwich ihr. Einmal jemanden haben, der blieb. Jemanden, bei dem sie sich sicher fühlte. Jemanden, dessen Nähe sich so selbstverständlich anfühlte wie seine. Und ausgerechnet G’raha hatte es geschafft, diese Sehnsucht wieder hervorzuholen, die sie so lange tief vergraben hatte. Mina wischte sich über die Augen.
„Du bist so ein Idiot, Mina.“
Sie lachte kurz unter Tränen. „Du wusstest doch von Anfang an, dass das nichts werden kann.“
Doch ihr Herz schien diese vernünftige Erklärung nicht hören zu wollen. Immer wieder tauchte sein Gesicht vor ihrem inneren Auge auf. Sein Lächeln. Seine roten Haare. Seine Stimme. Seine Arme um sie. Und dieser eine Satz. Du bist inzwischen ein wichtiger Teil meines Lebens geworden. Mina presste die Hände gegen ihr Gesicht.
„Warum musstest du das sagen...“
Sie weinte weiter, bis ihre Kräfte nachließen.
Währenddessen war Tachi bereits einige Straßen weiter. Er warf einen Blick zurück in Richtung Minas Haus. Sein Gesicht war ungewöhnlich ernst.
„Hoffentlich weißt du wirklich, was du da tust.“ Er kannte Mina gut genug, um zu wissen, dass sie ihre Gefühle lieber versteckte, als jemanden damit zu belasten. Und er kannte Aki gut genug, um zu wissen, dass dieser vermutlich genauso wenig begeistert wäre, wenn er wüsste, wie sehr Mina gerade litt. Tachi seufzte und setzte seinen Weg fort.
„Und hoffentlich findet dieser Kater irgendwann heraus, was er eigentlich will.“
Ganz woanders saß G’raha unterdessen noch immer mit einer Frage im Kopf, die er nicht loswurde. Er hatte Minas Gesicht gesehen. Nicht lange. Aber lange genug. Und obwohl sie gelächelt hatte, hatte irgendetwas daran nicht gestimmt. Er hatte es erst jetzt richtig erkannt. Sie hatte ihn kaum angesehen. Als hätte sie Angst gehabt, seinem Blick zu begegnen. G’raha saß in seiner Wohnung und starrte ins Leere.
„Sie hat geweint.“
Die Erkenntnis kam plötzlich. Er war sich nicht sicher, woher er das wusste. Aber irgendetwas in ihrem Gesicht hatte ihm diesen Gedanken vermittelt. Seine Finger schlossen sich langsam um die Tasse in seiner Hand.
„Warum?“
Und dann kam wieder dieses unangenehme Ziehen in seiner Brust, sobald er an den dunkelhaarigen Mann dachte. G’raha schloss sein Auge.
„Ich sollte mich für sie freuen.“
Doch diesmal glaubte er sich selbst nicht. Nicht einmal ansatzweise.
Ein paar Tage später nach dieser Sache war sie in der Markthalle von Gridania unterwegs und besorgte sich Lebensmittel die ihr zuhause ausgegangen waren. Die letzten Tage hatte sie sich einfach nur verkrochen und sich gesuhlt. Gelegentlich mit Kopfschmerztabletten betäubt wenn diese so groß waren wegen ihres ständigen heulen. Sie musste dringend wieder normal werden, sogar Firmien hatte sie angeperlt und gefragt ob alles in Ordnung sei. Gedankenversunken trat sie einen Schritt zur Seite und rempelte jemanden aus versehen an. "Oh Schuldigung war nicht mit Absicht", entschuldigte sie sich bei der Miqo’te mit den kurzen Haarschopf. Die junge Frau machte einen kleinen Schritt zurück, als Mina sie anrempelte, und fing dabei beinahe einen Beutel auf, der ihr aus der Hand gerutscht wäre.
„Oh— schon gut.“
Sie lächelte freundlich und musterte Mina einen kurzen Augenblick.
„Ich war selbst in Gedanken.“
Ihr Blick blieb allerdings einen Moment länger an Minas Gesicht hängen. Die Miqo’te sah ziemlich mitgenommen aus. Die Augen leicht gerötet, die Gesichtszüge müde, und selbst ihre Ohren wirkten ungewöhnlich kraftlos. Die Frau neigte leicht den Kopf.
„Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“
Sie hob den heruntergerutschten Beutel wieder auf.
„Du siehst aus, als könntest du entweder dringend schlafen... oder dringend einen sehr starken Kaffee gebrauchen.“
Ein amüsiertes Funkeln trat in ihre Augen.
„Wobei ich bei letzterem nicht zufällig einen gewissen rothaarigen Gelehrten in Verdacht habe, der angeblich eine erstaunliche Menge Kaffee verträgt.“
Sie hielt inne. „Oh.“ Ihr Gesichtsausdruck änderte sich. „Moment.“ Die Miqo’te betrachtete Mina nun etwas genauer. „Du bist doch Mina, oder?“ Ein kleines Lächeln.„G’raha hat von dir erzählt.“ Sie hielt ihr die Hand hin. „Y’shtola.“ Ihre Stimme blieb freundlich, doch ihr Blick war jetzt eindeutig neugierig. „Und bevor du dich wunderst: Nein, ich habe dich nicht anhand einer Beschreibung gesucht.“ Ein kurzer, trockener Blick auf Minas Einkaufskorb. „Obwohl ich zugeben muss, dass die Kombination aus weißem Haar, grünen Augen und einem Gesichtsausdruck, als hättest du seit Tagen nicht richtig geschlafen, die Suche vermutlich deutlich erleichtern würde.“ Y’shtola zog leicht eine Augenbraue hoch. „Du kennst G’raha also tatsächlich.“ Eine kurze Pause.„Dann erklärt das zumindest, warum er in letzter Zeit so ungewöhnlich schweigsam ist.“
Völlig verdattert blickte Mina zu Y’shtola und ihre Augen weiteten sich vor Schreck als sie den Namen hörte. Sie musste ja richtig ramponiert aussehen. "Ach hat er das?", kam es dann von ihr und ergriff Y’shtolas Hand. "Mina freut mich", stellte sie sich noch einmal vor.
"Achso ist er das?", fragte sie auf deren letzten äußerung.
Y’shtolas Mundwinkel hob sich bei Minas Reaktion kaum merklich.
„Oh ja. Das ist er.“
Sie ließ Minas Hand wieder los und musterte die Miqo’te noch einmal, diesmal etwas aufmerksamer. Die geröteten Augen waren ihr schließlich nicht entgangen.
„Wobei ich mich frage, ob ungewöhnlich schweigsam tatsächlich die passende Beschreibung ist.“
Ihre Ohren zuckten leicht. „Er wirkt eher... abgelenkt.“
Y’shtola nahm ihren Beutel wieder ordentlich in die Hand.
„Und erstaunlicherweise schweift das Gespräch recht häufig ab, sobald dein Name fällt.“
Ein kurzer, wissender Blick. „Natürlich rein zufällig.“
Sie ließ eine kleine Pause entstehen und fügte dann trocken hinzu: „Zumindest behauptet er das vermutlich.“
Y’shtolas Blick fiel auf Minas Einkaufskorb. „Du bist also Mina, von der ich schon einiges gehört habe.“
Ein leichtes Schmunzeln. „Eine gefährliche Mietz, wenn ich mich recht erinnere.“
Ihre Augen blitzten amüsiert auf. „Das waren jedenfalls nicht meine Worte.“
Sie machte eine kurze Pause. „Aber G’raha scheint eine bemerkenswerte Sammlung an Geschichten über dich zu besitzen.“
Dann legte sie den Kopf ein wenig schief. „Allerdings muss ich zugeben, dass du heute nicht gerade wie jemand aussiehst, der in letzter Zeit besonders viel Unsinn angestellt hat.“
Ihr Blick wanderte wieder zu Minas müden Augen. „Eher wie jemand, der dringend ein wenig Schlaf gebrauchen könnte.“ Y’shtola schwieg einen Moment, bevor ihr Ton sanfter wurde. „Ist etwas passiert?“
Mina lauschte Y’shtolas Gerede. Gut er vermied sie sogar in Gesprächen. dann war ja hoffentlich bald alles beim alten.
"Ja. ähm entschuldige. Ich hatte mit einer Erkältung zu Kämpfen und der Wetterumschwung, da bekomme ich immer schnell Kopfschmerzen", und rieb sich die Schläfen.
Y’shtola betrachtete sie einen Moment schweigend. Offenbar glaubte sie Mina nicht ganz. Doch sie war klug genug, eine offensichtliche Ausrede nicht sofort auseinanderzunehmen.
„Verstehe.“ Ihre Ohren zuckten leicht.
„Dann solltest du dich wohl ein wenig schonen. Wetterbedingte Kopfschmerzen können ausgesprochen lästig sein.“
Sie nahm ihren Beutel fester in die Hand und musterte Mina noch einmal. „Und du solltest vermutlich nicht gerade dann versuchen, besonders viel zu arbeiten, wenn dein Körper dir eigentlich etwas anderes sagt.“
Ein kurzer, wissender Blick. „G’raha hat übrigens eine ähnliche Angewohnheit.“
Ein kaum merkliches Lächeln. „Er ignoriert Erschöpfung gerne so lange, bis jemand anderes ihn darauf aufmerksam macht.“
Sie wandte sich kurz dem nächsten Stand zu, blieb aber noch bei Mina.
„Vielleicht habt ihr euch in dieser Hinsicht mehr gemeinsam, als euch beiden lieb ist.“
Dann sah sie wieder zu ihr. „Aber keine Sorge. Ich werde ihn nicht mit deinen Kopfschmerzen belästigen.“
Eine kleine Pause. „Allerdings…“ Y’shtola hob eine Augenbraue.
„Wenn du mir erlaubst, eine persönliche Vermutung anzustellen, würde ich sagen, dass nicht ausschließlich das Wetter dafür verantwortlich ist.“
Ihr Ton war vollkommen ruhig. Nicht vorwurfsvoll. Eher neugierig. „Aber das musst du mir natürlich nicht erzählen.“
Sie ließ Mina damit bewusst die Möglichkeit, das Thema zu wechseln.
„Und falls du tatsächlich nur wegen einer Erkältung so erschöpft bist, wäre ein heißes Getränk vermutlich keine schlechte Idee.“
Ein kleines Schmunzeln. „Ich habe gehört, du kennst dich mit Kaffee ziemlich gut aus.“
"Ja so was ist echt lästig", erwiderte sie. "Ach ja wirklich?", fragte Mina bei der gemeinsamkeit.
Sie war froh als Y’shtola dann das Thema wechselte, sie schien wohl zu merken das sie auf das Thema G’raha nicht besonders reagierte. Es versetzte ihr jedes mal einen schmerzhaften stich wenn sie den Namen hörte.
"Ja ich bin das was man einen Kaffeejunkie nennt. Ich bestehe aus90% Kaffee und 10% der rest", witzelte sie.
Y’shtola hob bei Minas Bemerkung eine Augenbraue. „Neunzig Prozent Kaffee?“
Ihr Blick wanderte kurz zu Minas Einkaufskorb und dann wieder zu ihr.
„Dann sollte ich wohl hoffen, dass du niemals versehentlich zu einer Blutuntersuchung gebeten wirst. Die Heiler von Gridania könnten vor einem wissenschaftlichen Rätsel stehen.“
Ein kleines Schmunzeln. „Wobei ich G’raha durchaus zutraue, sich freiwillig mehrere Stunden mit der Untersuchung eines solchen Phänomens zu beschäftigen.“
Sie bemerkte sofort, wie Minas Ohren bei dem Namen leicht zuckten. Y’shtola sagte zunächst nichts dazu. Stattdessen wandte sie sich dem Kaffeestand neben ihnen zu.
„Dann nehme ich an, dass du diesen Ort bereits kennst.“ Sie deutete auf die verschiedenen Bohnen und Mischungen. „Such dir etwas aus. Ich lade dich ein.“
Ihr Blick wurde ein wenig wärmer.
„Betrachte es als Entschädigung dafür, dass ich dich gerade mit einem gewissen rothaarigen Gelehrten genervt habe.“
Sie ließ Mina einen Moment Zeit, bevor sie mit einem leichten Lächeln hinzufügte:
„Und keine Sorge. Ich werde nicht weiter nachfragen.“
Y’shtola nahm selbst eine kleine Packung Kaffee in die Hand und betrachtete das Etikett.
„Obwohl ich gestehen muss…“ Ihre Ohren zuckten amüsiert. „Ich bin durchaus neugierig, wie jemand mit einem derart hohen Kaffeeanteil im Blut überhaupt noch schläft.“
Sie sah Mina von der Seite an. „Oder tust du das inzwischen auch nur noch aus wissenschaftlicher Höflichkeit?“
"Das sagt man so Y'sthola", kicherte sie dann seit langen mal wieder. Aber das lachen blieb ihr im halse stecken als sie wieder den Namen hörte. "Oh danke sehr freundlich", kam es verwundert bei der Einladung und nahm ihre Lieblingsmischung in die Hand. "Kein Problem", entgegnete sie und musste dann wieder kichern was ihr schnell verging. "Sag mal ist das ansteckend mit dem Wissenschaftlichen Gerede?", fragte sie nicht böse gemeint.
Y’shtolas Lippen verzogen sich zu einem kleinen, zufriedenen Lächeln, als sie Minas Kichern hörte. Es war nur kurz gewesen, aber immerhin war es ein echtes Lachen.
„Das hoffe ich nicht“, erwiderte sie trocken. „Eine Person, die ständig alles wissenschaftlich betrachtet, reicht völlig.“
Sie stellte die Packung Kaffee zurück und verschränkte locker die Arme. „Obwohl…“ Ihre Ohren zuckten leicht. „Wenn du tatsächlich so viel Zeit mit G’raha verbracht hast, könnte es bereits zu spät sein.“ Ein winziger Anflug von Belustigung lag in ihrem Blick.
„Vielleicht ist es eine Nebenwirkung.“
Y’shtola nahm Minas Reaktion auf den Namen allerdings sehr wohl wahr. Diesmal kommentierte sie sie nicht. Stattdessen wechselte sie bewusst das Thema.
„Aber genug davon.“ Sie deutete auf Minas Kaffeepackung. „Du hast deine Lieblingsmischung gefunden. Das ist immerhin ein Erfolg.“
Dann musterte sie Minas Gesicht erneut. „Und jetzt eine viel wichtigere Frage.“
Eine kurze Pause. „Wie lange ist es her, dass du etwas Vernünftiges gegessen hast?“
Ihr Blick wanderte vielsagend über Minas Gestalt.
„Ich frage nicht aus Neugier. Ich frage, weil du aussiehst, als könnte dich ein stärkerer Windstoß aus dem Gleichgewicht bringen.“
Ein leichtes Schmunzeln. „Und bevor du jetzt behauptest, Kaffee sei ebenfalls eine Mahlzeit…“ Y’shtola hob warnend einen Finger. „...nein.“ "nein- zum glück nicht", und senkte kurz den Blick.
Mina wollte gerade auf die Frage mit dem Essen antworten als lautstark ihr Magen knurrte. Wie peinlich. "Sorry", kam es verlegen. "Aber das was ich von dir gehört habe stimmt wohl. Du bist die Mutti", entschlüpfte es ihr.
Y’shtolas Ohren zuckten bei dem lauten Knurren, und für einen Moment sah sie Mina einfach nur an. Dann hob sich eine Augenbraue.
„Nun.“ Ihr Blick wanderte kurz zu Minas Bauch und wieder zurück in ihr Gesicht.
„Ich nehme an, damit wäre meine Frage beantwortet.“ Ein kleines, kaum unterdrücktes Lächeln erschien auf ihren Lippen. Als Mina sich dann auch noch verlegen entschuldigte und sie als „Mutti“ bezeichnete, wurde ihr Blick für einen Moment amüsiert.
„Die Mutti?“ Sie legte den Kopf leicht schief. „Ich fürchte, ich sollte mich fragen, wer dir diese Bezeichnung beigebracht hat.“
Dann seufzte sie gespielt ergeben. „Allerdings muss ich zugeben, dass ich gewisse Ähnlichkeiten nicht abstreiten kann.“
Y’shtola musterte Minas Einkaufskorb. „Du gehst jetzt mit mir etwas essen.“
Es klang weniger wie ein Vorschlag als wie eine Feststellung. „Kaffee darfst du danach trinken.“
Eine kurze Pause. „Und bevor du fragst: Nein, du kannst mich nicht mit deinem charmanten Miqo’te-Blick davon überzeugen, dass ein weiteres Küchlein eine vollwertige Mahlzeit darstellt.“
Ihre Ohren zuckten belustigt. „Obwohl ich inzwischen durchaus verstehen kann, warum G’raha deine Backkünste so lobt.“
Sie setzte sich in Bewegung und bedeutete Mina mit einer kleinen Kopfbewegung, ihr zu folgen.
„Komm.“ Nach einigen Schritten fügte sie trocken hinzu: „Und falls du dich fragst, ob ich gerade tatsächlich eine völlig fremde Frau zum Essen schleppe, obwohl ich sie erst seit wenigen Minuten kenne...“
Y’shtola sah über die Schulter zurück. „Ja.“ Ein winziges Lächeln.
„Du gewöhnst dich besser daran.“
Ihre Ohren stellen sich auf. Y’shtola wußte auch von den Küchlein, Himmel was hatte dieser Mann ihr alles erzählt? Gehorsam folgte sie Y'sthola. "Ja das bekomm ich gerade mit, und ich habe wohl keine Chance zu widersprechen", stellte sie fest.
Y’shtola warf ihr einen kurzen Seitenblick zu, während sie gemeinsam durch die Markthalle gingen. „Nein.“ Eine winzige Pause. „Hast du nicht.“ Ihr Ton war so trocken, dass man nicht sicher sein konnte, ob sie scherzte.
„Zumindest nicht, wenn dein Magen weiterhin so lautstark protestiert.“
Ihre Ohren zuckten amüsiert.
„Und was G’raha uns alles erzählt hat…“ Y’shtola ließ den Satz zunächst offen. „Das ist tatsächlich eine interessante Frage.“
Sie ging ein Stück weiter, bevor sie hinzufügte: „Er hat nicht nur deine Küchlein erwähnt.“
Ein Seitenblick. „Er hat von eurem Ausflug nach Ul’dah erzählt.“
Noch ein paar Schritte. „Vom Badehaus.“
Ihre Mundwinkel zuckten.
„Von eurer Kissenschlacht.“ Dann sah sie Mina direkt an. „Und von einer gewissen gefährlichen Mietz, die offenbar ausgesprochen talentiert darin ist, ihn in Schwierigkeiten zu bringen.“
Y’shtola ließ einen Moment verstreichen. „Er erzählt nicht sonderlich viel über sich selbst.“
Ihre Stimme wurde etwas weicher. „Aber wenn er über Menschen spricht, die ihm wichtig sind, merkt man es.“
Sie wandte den Blick wieder nach vorne. „Du gehörst offenbar dazu.“
Dann erreichten sie einen kleinen Tisch bei einem Essensstand. Y’shtola deutete auf einen freien Platz.
„Setz dich.“ Sie selbst blieb zunächst stehen und musterte Mina.
„Und bevor du dich jetzt fragst, ob ich dich ausfragen werde…“ Ein kleines Lächeln.
„Nein.“ Sie setzte sich ihr gegenüber. „Ich bin nur neugierig.“
„Aber wenn du irgendwann selbst darüber sprechen möchtest, höre ich zu.“
Dann kam wieder dieser trockene Tonfall.
„Und jetzt iss.“ Ein kaum merkliches Grinsen. „Das ist keine wissenschaftliche Studie.“
Mina hatte wohl keine Möglichkeit nein zu sagen, oder sie sie ihr gar keine. Also folgte sie Y’shtola ganz brav. "Er hat wohl doch nicht übertrieben was er erzählt hatte", murmelte sie und stellte dann ihren Korb ab um sich zu setzen. Bestellte sie sich eine Kartoffelsuppe die ihr in einer kleine Suppenterrine Gericht wurde.
"Wie - wie geht es ihm denn?", fragte sie nach zwei Löffelspitzen Suppe die sie zu sich genommen hatte.
Y’shtola bemerkte natürlich, wie vorsichtig Mina die Frage stellte. Sie nahm einen kleinen Schluck von ihrem Getränk und ließ sich einen Moment Zeit, bevor sie antwortete.
„G’raha?“
Sie sah Mina über den Rand ihrer Tasse hinweg an. „Er ist... beschäftigt.“ Eine kurze Pause.
„Aber das ist nichts Ungewöhnliches.“ Y’shtolas Ohren zuckten leicht. „Allerdings wirkt er in letzter Zeit etwas zerstreut.“
Sie stellte die Tasse ab.
„Er liest dieselbe Seite eines Buches manchmal länger, als es selbst für ihn üblich wäre.“
Ein kaum merkliches Schmunzeln. „Und er hat begonnen, während Gesprächen plötzlich abzuschweifen.“
Y’shtola beobachtete Minas Reaktion aufmerksam, ohne sie jedoch offensichtlich zu mustern.
„Ich vermute, er würde behaupten, dass er einfach zu viele Dinge gleichzeitig im Kopf hat.“
Sie nahm einen weiteren Schluck. „Aber ich kenne ihn lange genug, um zu wissen, wann ihn etwas beschäftigt.“ Ein Moment Stille. „Oder jemand.“
Sie ließ den letzten Satz bewusst offen. Dann wandte sie sich wieder ihrer Tasse zu.
„Abgesehen davon geht es ihm gut.“
Y’shtola hob leicht eine Augenbraue. „Zumindest körperlich.“
„Und bevor du dir jetzt Sorgen machst: Nein, er ist nicht krank, verletzt oder in irgendeiner anderen unmittelbaren Gefahr.“
Ein kleines Lächeln. „Du darfst also beruhigt weiter deine Suppe essen.“
Dann fügte sie trocken hinzu: „Es sei denn, du möchtest unbedingt wissen, warum er so zerstreut ist.“
Ihr Blick traf Minas.
„Das wäre allerdings eine wesentlich interessantere Frage.“
"Ah verstehe", genau das was sie beabsichtigt hatte. Y’shtola wies sie darauf hin weiter ihre Suppe zu essen, diese Frau war einfach gnadenlos. So löffelte sie weiter ohne wirklich etwas zu schmecken, alles schmeckte nur noch fade.
Bei dem letzten Satz hob sie wieder ihren Kopf. "Was denkst du denn warum er so - zerstreut ist?", rutschte ihr die Frage heraus bevor sie sich auf die Zunge beißen konnte.
Y’shtola hielt mitten in der Bewegung inne. Ihre Augen ruhten einen Moment lang auf Mina. Dann stellte sie ihren Löffel ruhig ab. „Was ich denke?“ Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Nun, das ist eine gefährliche Frage, wenn du tatsächlich meine ehrliche Meinung hören möchtest.“ Sie lehnte sich etwas zurück.
„Ich glaube nicht, dass es seine Arbeit ist.“ Eine kurze Pause. „Und auch nicht irgendeine neue wissenschaftliche Entdeckung.“
Y’shtolas Ohren zuckten leicht. „Er ist normalerweise erstaunlich gut darin, selbst mehrere Dinge gleichzeitig zu bewältigen.“
Sie musterte Mina.
„Aber seit einiger Zeit scheint ihn etwas Persönliches zu beschäftigen.“ Sie ließ die Worte bewusst wirken. „Jemand hat ihn aus dem Gleichgewicht gebracht.“ Ein Moment Stille. Dann fügte Y’shtola völlig sachlich hinzu: „Und wenn ich mich nicht irre, bist du diese Person.“
„Natürlich kann ich mich irren.“
Y’shtola trank ein Schluck. „Aber ich habe G’raha lange genug kennengelernt, um seine Gewohnheiten zu erkennen.“
Sie sah Mina wieder an. „Und seit du nicht mehr bei ihm auftauchst, ist er anders.“
Y’shtola ließ einen Moment verstreichen. „Er hat nicht gesagt, dass er dich vermisst.“
Ihre Mundwinkel hoben sich kaum merklich. „Das wäre schließlich viel zu direkt für ihn.“ Dann nahm sie einen weiteren Löffel. „Aber er hat mehr als einmal nach dir gefragt.“
Sie sah Mina ruhig an. „Und jedes Mal hat er so getan, als wäre es eine vollkommen beiläufige Frage.“
Eine Augenbraue wanderte nach oben. „Du kennst ihn inzwischen vermutlich gut genug, um zu wissen, wie überzeugend er darin sein kann.“
Dann deutete sie mit dem Finger auf Minas Suppe. „Und jetzt iss weiter.“ Ein winziges Schmunzeln.
„Du bist gerade sehr blass geworden.“
"Ich?", fragte sie völlig verwundert. Und ballte bei Y’shtolas weiteren Ausführungen eine Hand zur Faust unter dem Tisch, das sich ihre Fingernägel in den Handballen bohrten. Sie aß erst mal weiter wobei die Suppe kaum leer zu werden schien. "Hat er euch denn gar nichts von der anderen Frau erzählt die er interessant findet?", fragte sie dann.
Y’shtola bemerkte die Bewegung unter dem Tisch, sagte dazu jedoch nichts. Sie ließ Mina zunächst ein paar weitere Löffel essen, bevor sie antwortete.
„Die andere Frau?“ Ihre Ohren zuckten leicht. „Nein.“
Sie nahm einen weiteren Schluck.
„Zumindest nicht mir gegenüber.“
Y’shtola legte den Löffel wieder ab und betrachtete Mina ruhig. „Er hat einmal erwähnt, dass es jemanden gibt, der sein Interesse geweckt hat.“
Eine kurze Pause. „Aber Namen hat er nicht genannt.“
Ihr Blick wurde ein wenig nachdenklicher. „Und wenn ich mich recht erinnere, hat er diese Person als... kompliziert beschrieben.“
Ein kaum merkliches Schmunzeln. „Was bei G’raha vieles bedeuten kann.“
Sie lehnte sich zurück. „Allerdings hat er danach erstaunlich wenig über diese Frau gesprochen.“
Y’shtola verschränkte die Hände locker vor sich. „Dafür hat er umso mehr über dich erzählt.“
Sie ließ diesen Satz bewusst zwischen ihnen stehen. „Deine Backkünste. Eure Ausflüge. Eure Kissenschlacht.“ Ein kleines Lächeln. „Deine Vorliebe dafür, ihn zu ärgern.“ Dann wurde ihr Ausdruck wieder neutraler. „Und wie sehr er deine Gesellschaft zu schätzen scheint.“
Y’shtola sah Mina direkt an. „Vielleicht solltest du dir selbst die Frage stellen, warum ein Mann, der angeblich so sehr mit einer anderen Frau beschäftigt ist, ausgerechnet so viel über dich zu erzählen hat.“
Sie nahm ihre Tasse wieder auf. „Aber das ist nur eine Beobachtung.“
Ein winziger Seitenblick. „Ich werde mich hüten, dir daraus eine Schlussfolgerung aufzudrängen.“
Dann deutete sie erneut auf Minas Suppe. „Allerdings würde ich es begrüßen, wenn du währenddessen wenigstens so tun würdest, als würdest du essen.“
Ein kaum sichtbares Schmunzeln. „Die Suppe wird nicht von selbst verschwinden.“
Innerlich seufzte sie laut auf und wendete sich wieder der Suppe zu. Warum erzählte er so wenig von jemanden den er interessant fand? Das ergab keinen Sinn. Aber vielleicht hatte er einfach so viel zu tun das er gar nicht dazu kam, das musste es sein. Und wieder kamen die Erinnerungen hoch als Y’shtola diese aufzählte. Inklusive die zärtliche Umarmung als sie einen schwachen Moment gehabt hatte. Ihr Kopf ruckte hoch als die Miqo’te weitersprach. Sie traute sich nicht, sie durfte sich nicht mit dieser Frage beschäftigen warum er so viel von ihr erzählte wenn es doch eine interessant Frau gab. Damit musste Schluss sein, es war besser für sie und vermutlich für ihn auch. Sie würde ihn nicht mehr weiter im weg stehen. Dann musste sie schmunzeln Y’shtola passte wie ein Habicht auf. Sie war wirklich eine Mutti. Ess Kind ess. und diesmal tauchte sie ihren löffel richtig in die Suppe.
Y’shtola bemerkte, dass Mina nun tatsächlich etwas mehr von ihrer Suppe aß, und beließ es zunächst dabei. Ihr Blick wanderte kurz zu den Händen der Miqo’te, dann zu ihrem Gesicht. Die Anspannung war noch immer da. Aber wenigstens aß sie.
„Braves Mädchen“, murmelte sie trocken, beobachtete wie Mina weiter aß.
Nach einigen Augenblicken schien sie Minas Gedanken jedoch regelrecht anzusehen.
„Du denkst darüber nach.“
Es war keine Frage. Y’shtola stellte ihre Tasse beiseite.
„Ich werde dir nicht sagen, was du über G’raha denken sollst. Das wäre anmaßend.“
Ihre Stimme blieb ruhig. „Aber ich möchte dir einen kleinen Rat geben.“
Sie wartete, bis Mina zu ihr sah. „Wenn du glaubst, dass du ihm aus dem Weg gehen musst, weil er jemanden anderen interessant findet, dann solltest du zumindest sicher sein, dass du tatsächlich weißt, was zwischen diesen beiden Menschen besteht.“
Ein kurzer Moment Stille.
„Denn nach allem, was ich weiß, besteht dort nicht sonderlich viel.“ Y’shtolas Schwanz bewegte sich langsam hinter ihr.
„Und bevor du mich jetzt fragst, warum ich das nicht genauer weiß: G’raha spricht selten über seine Gefühle.“
Ein kaum merkliches Schmunzeln. „Er hält sich für ausgesprochen diskret.“
Sie nahm wieder ihre Tasse. „Er ist es nicht.“
Ein weiterer Schluck. „Zumindest nicht, wenn man ihn kennt.“
Y’shtola ließ Mina wieder etwas Zeit. Dann fiel ihr Blick auf die kleine Veränderung in Minas Gesicht.
„Du hast übrigens gerade gelächelt.“ Ihre Ohren zuckten amüsiert. „Offenbar funktioniert die Suppe.“
Sie deutete auf Minas Schüssel. „Also weiter.“
Ein kurzer, wissender Blick. „Ich möchte meine frisch kennengelernte Patientin schließlich nicht verhungern lassen.“
Dann fügte sie trocken hinzu:„G’raha würde mir vermutlich Vorwürfe machen.“
Ein winziger Moment.
„Und darauf habe ich heute keine Lust.“
Kurz musste Mina lachen bei dem Wort Patientin. "Du musst ihm ja nicht sagen das wir uns getroffen haben", schlug sie vor. Unwillkürlich lief ihr eine Träne übers Gesicht, verdammt. Schnell wischte sie diese mit dem Handrücken weg. "Ich weiß es aber, er hat es mir gesagt - Er hat Gefühle für sie...und ich will da einfach nicht im weg sein", kam es leise von ihr.
Y’shtolas Blick wurde sofort weicher, als sie die Träne bemerkte. Sie kommentierte nicht, dass Mina sie hastig weggewischt hatte. Stattdessen ließ sie einen Moment verstreichen.
„Ich muss ihm nichts erzählen.“ Ihre Stimme war ruhig. „Aber ich glaube, darum geht es gerade gar nicht.“
Sie stellte abermals die Tasse beiseite und sah Mina aufmerksam an. „Du sagst, er hat Gefühle für sie.“
Eine kurze Pause. „Hat er dir das tatsächlich so gesagt?“
Y’shtola wartete die Antwort nicht sofort ab. Ihr Blick blieb ruhig auf Mina gerichtet.
„Oder hat er dir erzählt, dass er sie interessant findet und du hast daraus geschlossen, dass seine Gefühle bereits viel weiter gehen?“
Sie ließ Mina darüber nachdenken. „Das ist ein Unterschied.“
Y’shtola nahm ihre Tasse und trank einen kleinen Schluck. „Und was das Im-Weg-Stehen betrifft...“
Ihre Ohren zuckten leicht. „Mina, du bist kein Hindernis in seinem Leben, nur weil du Gefühle für ihn hast.“
Sie stellte die Tasse wieder ab. „Du hast ihm nichts weggenommen. Du hast niemanden verdrängt. Und soweit ich weiß, hast du auch keinerlei Versprechen gebrochen.“
Ihr Blick wurde etwas ernster. „Du bist lediglich zu dem Schluss gekommen, dass du dich selbst zurücknehmen musst, damit es ihm gut geht.“
Ein leises Seufzen. „Das ist sehr edel.“ Dann hob sie eine Augenbraue. „Und ausgesprochen dumm.“
Ein winziges Lächeln. „Verzeih mir die Direktheit.“ Y’shtola sah auf Minas fast leere Schüssel.
„Du darfst natürlich tun, was du für richtig hältst.“ Dann fügte sie leiser hinzu: „Aber wenn du ihn wirklich nicht mehr sehen willst, dann sollte das deine Entscheidung sein.“
Ihr Blick traf Minas. „Nicht etwas, das du für ihn entscheidest, weil du glaubst, zu wissen, was er fühlen sollte.“
Für einen Moment schwieg sie. „Und jetzt iss den letzten Rest.“
Der Tonfall war wieder eindeutig der einer gewissen selbsternannten „Mutti“.
„Danach darfst du gerne weiter unglücklich sein. Aber wenigstens mit vollem Magen.“
Brav ass sie weiter und versuchte sich während dessen zu sammeln. Eigentlich war sie schon mehr als satt, aber Y’shtola sollte man besser nicht widersprechen, ganz besonders wenn sie in diesen Tonfall mit einem redete. Sie legte dann ihren löffel neben der leeren Terrine, Gott hatte sie jetzt Bauchschmerzen weil ihr Magen so voll war.
"Er hat es mir so gesagt. Er hat Gefühle für sie. Er vermisst sie wenn sie nicht da ist, ihr lachen ihre pure Anwesenheit. Sie haben sich ein paar mal getroffen. Ich bin nur eine Freundin, egal was mit meinen Gefühlen ist. Damit muss ich klar kommen."
Y’shtola wartete, bis Mina den letzten Löffel gegessen hatte. Erst dann nahm sie die leere Terrine beiseite. Ihr Blick fiel kurz auf Minas Bauch, und eine Augenbraue wanderte nach oben.
„Du hast übrigens gerade den Ausdruck eines Menschen, der bereut, meine Anweisungen so gewissenhaft befolgt zu haben.“
Ein kleines Schmunzeln. Doch als Mina weiterredete, verschwand die Belustigung wieder aus ihrem Gesicht. Y’shtola hörte ihr aufmerksam zu und unterbrach sie kein einziges Mal.
„Er hat es dir also tatsächlich so gesagt.“
Sie nickte langsam. „Dann verstehe ich, warum du zu diesem Schluss gekommen bist.“
Ein Moment verstrich. „Aber eines verstehe ich nicht.“
Ihre Stimme blieb ruhig. „Warum bist du so sicher, dass du nicht diese Frau bist?“
Y’shtola ließ die Frage bewusst stehen. „Er vermisst ihr Lachen. Ihre Anwesenheit. Er spricht von ihr. Er verbringt Zeit mit ihr und erzählt anderen Menschen von ihr. “Ihre Augen ruhten auf Mina. „Das klingt für mich nicht nach jemandem, der eine vollkommen unbedeutende Freundin beschreibt.“
Sie lehnte sich etwas zurück. „Und trotzdem sagst du, du seist nur eine Freundin.“
Ein kleines, nachdenkliches Lächeln.
„Vielleicht hat G’raha dir etwas gesagt, das er selbst noch nicht verstanden hat.“
Y’shtola nahm ihre Tasse.
„Er ist nämlich nicht gerade für seine emotionale Klarheit bekannt.“ Sie trank einen Schluck.
„Und bevor du jetzt glaubst, ich würde dir irgendwelche Hoffnungen machen...“
Sie stellte die Tasse ab. „Das tue ich nicht.“ Ihr Blick wurde ernst.
„Ich sage nur, dass du nicht genug weißt, um dich selbst aus seinem Leben zu entfernen.“
Eine Pause. „Und wenn du wirklich glaubst, dass du damit klarkommen musst...“
Y’shtolas Ohren zuckten leicht. „Dann hoffe ich wenigstens, dass du dich nicht wieder tagelang verkriechst und vergisst zu essen.“
Ein wissender Blick wanderte zu Minas leerer Terrine. „Denn dann werde ich dich persönlich suchen.“
Ein winziges Lächeln. „Und glaub mir, Mina.“
„Ich finde Menschen, wenn ich sie finden möchte.“
Sie schaute verwundert bei Y’shtolas Ausführungen. "Er scheint sie wohl kurz vor mir oder nach mir kennengelernt zu haben. So genau hab ich nicht nachgefragt. Aber es scheint ihn wohl nicht all zu schlecht zu gehen das ich nicht mehr da bin. Soll er sich dann ganz um sie kümmern, Zeit genug hat er ja jetzt wo ich nicht mehr da bin. Ich habe es für uns beide doch nur einfacher gemacht." schaute dann auf die Tischplatte.
"Heh, das glaub dir aufs Wort Y’shtola."
Y’shtola betrachtete Mina lange. Bei den letzten Worten hob sich ein Mundwinkel.
„Das glaube ich dir.“ Dann wurde ihr Ausdruck wieder ernster.
„Aber ich glaube nicht, dass du es euch beiden einfacher gemacht hast.“
Sie ließ die Worte einen Moment wirken. „Du hast es für dich einfacher gemacht, nicht für ihn.“
Y’shtola strich mit einem Finger gedankenverloren über den Rand ihrer Tasse. „Du hast eine Entscheidung getroffen, weil du Angst davor hattest, was passieren könnte, wenn du deine Gefühle zulässt.“
Ihr Blick wanderte zu Mina. „Und das ist verständlich.“ Eine kurze Pause. „Aber du hast dabei eine Kleinigkeit übersehen.“
Ihre Ohren zuckten leicht. „Du weißt überhaupt nicht, ob G’raha glücklich damit ist, dass du verschwunden bist.“
Y’shtola lehnte sich zurück.
„Du sagst selbst, dass er offenbar genug Zeit hat, sich um diese andere Frau zu kümmern.“
Ein kleines, wissendes Lächeln. „Und trotzdem sitzt er seit Wochen herum, ist zerstreut und fragt nach dir.“
Sie ließ den Satz bewusst wirken. „Das klingt nicht gerade nach jemandem, der erleichtert darüber ist, dass du ihm aus dem Weg gegangen bist.“
Dann schüttelte sie leicht den Kopf. „Aber ich werde dich nicht dazu drängen, zu ihm zu gehen.“
Y’shtola stand auf und nahm ihren Beutel. „Das musst du selbst entscheiden.“
Sie sah Mina direkt an. „Ich möchte nur, dass du eine Entscheidung triffst, weil du sie willst.“
Ein kurzer Blick auf Minas leere Terrine. „Und nicht, weil du glaubst, jemand anderem einen Gefallen damit zu tun.“
Sie setzte sich wieder. „Was diese andere Frau betrifft...“
Ein kleines Schmunzeln. „Ich würde übrigens sehr gerne wissen, wer sie ist.“
Dann wurde ihr Blick beinahe schelmisch. „Nicht aus Neugier.“
Eine Pause.
„Na gut. Vielleicht ein bisschen.“ Sie nahm ihren Kaffee.
„Aber ich verspreche dir: Sollte ich jemals herausfinden, wer diese mysteriöse Frau ist, wirst du es nicht von mir erfahren.“
Y’shtola nahm einen Schluck. „Zumindest nicht, bevor ich mir selbst eine Meinung über die Angelegenheit gebildet habe.“
Ein kaum merkliches Grinsen. „Mutti muss schließlich ihre Nachforschungen anstellen.“
Sie ließ den Kopf weiterhin gesenkt, "Ich - hab einfach keine andere Möglichkeit gesehen. Bevor ich mir wieder die Finger verbrenne und mich in irgendwas verrenne dachte ist es die beste Lösung", sie krallte ihre Hand in ihr Shirt vor die Brust. "Verdammt ich vermisse ihn doch auch, aber - auch das wird irgendwann vergehen. Und er wird mich sicher schnell vergessen haben."
Y’shtola schwieg einen langen Moment. Diesmal kam keine trockene Bemerkung. Kein Scherz über G’raha und auch kein „Iss deine Suppe“. Sie sah einfach nur, wie Mina ihre Hand in den Stoff ihres Shirts krallte.
„Mina.“
Ihre Stimme war ungewöhnlich sanft. „Du glaubst wirklich, dass du dich selbst schützen musst, indem du verschwindest.“
Sie wartete kurz. „Ich verstehe, warum.“
Y’shtola legte eine Hand ruhig auf den Tisch. „Aber du solltest dir nicht einreden, dass du ihn dadurch automatisch vergessen wirst.“
Ihr Blick blieb auf Mina gerichtet. „Du vermisst ihn jetzt. Das ist eine Tatsache. Vielleicht wird dieses Gefühl irgendwann schwächer. Vielleicht nicht.“
Eine kleine Pause. „Aber du kannst nicht kontrollieren, wie lange es dauert.“
Sie seufzte leise. „Und was G’raha betrifft...“
Y’shtolas Ohren zuckten. „Ich glaube nicht, dass er dich so schnell vergessen wird.“
Sie sagte es ohne jede Übertreibung, beinahe sachlich.
„Dafür hat er zu viel von dir erzählt.“ Ein kleines, warmes Lächeln. „Und dafür hat er dich zu oft erwähnt.“
Dann wurde ihr Blick wieder ernster. „Aber wenn du dich tatsächlich dafür entscheidest, Abstand zu halten, werde ich dich nicht daran hindern.“
Sie zog ihre Hand zurück. „Nur bitte... verschwinde nicht aus seinem Leben, weil du glaubst, dass er dich nicht braucht.“
Ein kurzer Moment Stille. „Menschen sind keine Last, nur weil sie Gefühle haben.“
Y’shtola stand schließlich auf.
„Und jetzt komm.“ Sie nahm ihren Beutel.
„Wir bringen dich nach Hause.“ Ein kurzer Blick auf Mina.
„Du bist satt, erschöpft und vermutlich kurz davor, wieder über alles nachzugrübeln.“
Ihre Mundwinkel hoben sich leicht. „Ich kenne diesen Blick inzwischen.“
Dann fügte sie trocken hinzu: „Und bevor du fragst: Ja. Ich passe auch darauf auf, dass du auf dem Weg nach Hause nicht versehentlich verhungerst.“
Ein kleines Funkeln lag in ihren Augen.
„Die Mutti lässt ihre neue Tochter schließlich nicht einfach allein.“
Brav stand sie auf und nahm ihren Korb. Ja sie war schon wieder drauf und dran zu grübeln, über Y’shtolas Worte. Es war ja nicht so das sie sich nicht schon tausend mal selber die Frage gestellt hatte ob das wirklich richtig gewesen war. Sie konnte aber auch nicht einfach wieder auftauchen 'hallo hier bin ich' als wäre nie was gewesen. „Danke dir", schmunzelte sie, "Mutti" lies zu das Y’shtola sie begleitete. Das die Frau auch beruhigt war das sie sicher angekommen war. Aber sicher war sie sich nicht ob G’raha nicht doch etwas von ihrer Begegnung erfuhr.
Y’shtola bemerkte das kleine Schmunzeln bei dem Wort „Mutti“ und schüttelte leicht den Kopf.
„Ich fürchte, dieser Name wird mir noch eine Weile erhalten bleiben.“
Sie nahm ihren eigenen Beutel und setzte sich mit Mina in Bewegung. „Und was G’raha betrifft…“ Y’shtola warf ihr einen kurzen Seitenblick zu.
„Du hast recht. Du kannst nicht einfach bei ihm auftauchen und so tun, als wären die letzten Wochen nicht passiert.“
Ein kurzer Moment Stille. „Aber das bedeutet nicht, dass du für immer verschwinden musst.“
Ihre Stimme war ruhig und nachdenklich. „Manchmal braucht es keinen großen Auftritt. Kein dramatisches Gespräch. Manchmal reicht ein ganz gewöhnliches Hallo.“
Sie gingen weiter durch die Straßen Gridanias. „Und was unsere Begegnung betrifft...“
Y’shtolas Ohren zuckten leicht.
„Ich werde ihm nicht erzählen, dass ich dich getroffen habe.“
Ein winziges Lächeln.
„Zumindest nicht, solange du das nicht möchtest.“
Nach einer Weile erreichten sie Minas Haus. Y’shtola wartete tatsächlich, bis Mina die Tür aufgeschlossen hatte und hineingegangen war.
„Gut.“
Sie nickte zufrieden. „Du bist angekommen.“ Dann sah sie Mina noch einmal ernst an.
„Und jetzt ruhst du dich aus.“ Ein kurzer Blick auf den Einkaufskorb.
„Du hast heute genug erledigt.“ Y’shtola wandte sich zum Gehen, blieb aber nach ein paar Schritten noch einmal stehen.
„Mina?“
Sie sah über die Schulter zurück. „Du musst dich nicht dafür schämen, dass du jemanden vermisst.“ Ihre Stimme war sanft. „Und du musst dich auch nicht dafür bestrafen.“ Dann schenkte sie ihr ein kleines Lächeln.
„Pass auf dich auf.“
Sie ging.
Y’shtola war kaum ein paar Straßen entfernt, als sie bereits einen vertrauten roten Haarschopf entdeckte. G’raha kam ihr entgegen. Er blieb stehen.
„Y’shtola.“
„G’raha.“
Sein Blick fiel auf den Korb in ihrer Hand. „Warst du einkaufen?“
„Unter anderem.“
Eine kurze Pause. G’rahas Auge verengte sich leicht. „Unter anderem?“
Y’shtola sah ihn vollkommen ruhig an. „Ich habe jemanden zum Essen gezwungen.“
Seine Ohren zuckten. „Jemanden?“
„Mhm.“ Sie ging einfach an ihm vorbei.
G’raha drehte sich nach ihr um. „Y’shtola.“
Sie blieb stehen.
„Wer?“
Y’shtola lächelte nur. „Du stellst erstaunlich viele Fragen für jemanden, der angeblich nur wissen wollte, ob ich einkaufen war.“
G’raha wurde still.
Y’shtola setzte ihren Weg fort.
„Einen schönen Tag noch, G’raha.“
Er blieb zurück. Und sah ihr nach. Sein Schweif bewegte sich unruhig. Denn er kannte diesen Tonfall. Und plötzlich hatte er das sehr ungute Gefühl, dass Y’shtola gerade etwas wusste, das er nicht wusste.
Konnte die Frau Gedanken lesen? An der Tür nickte sie nur und musste sich zusammenreißen nicht die zitternde Unterlippe hervor zu holen. Erst als die Tür hinter ihr geschlossen war, rutschte Mina daran herunter und lies ihren Tränen freien lauf.
Y’shtola war bereits ein gutes Stück entfernt, als sie kurz innehielt. Nein. Gedanken lesen konnte sie nicht. Aber Menschen beobachten. Und Mina war für jemanden, der so verzweifelt versuchte, ihre Gefühle zu verbergen, erstaunlich leicht zu lesen gewesen.
Hinter der geschlossenen Tür sank Mina langsam zu Boden. Ihr Korb stand noch immer neben ihr. Sie bemerkte ihn kaum. Die Tränen kamen wieder, diesmal ohne jede Zurückhaltung. Sie zog die Knie an und vergrub das Gesicht darin.
„Verdammt...“
Y’shtolas Worte gingen ihr nicht aus dem Kopf. ‚Du musst dich nicht dafür schämen, dass du jemanden vermisst‘. Mina schluckte schwer.
„Ich will ihn doch gar nicht vermissen...“
Aber ihr Herz schien davon nichts wissen zu wollen. Sie vermisste seine Stimme. Sein Lachen. Seine Nähe. Sogar seine dummen wissenschaftlichen Kommentare. Und am schlimmsten war, dass sie nun wusste, dass er ebenfalls nach ihr gefragt hatte. Dass er offenbar nicht einfach erleichtert war, sie nicht mehr sehen zu müssen. Sie presste eine Hand gegen ihre Brust.
„Warum machst du es mir so schwer, Katerchen...“
Ein Schluchzen. Dann lachte sie trotz der Tränen leise über sich selbst.
„Du bist ja nicht mal hier.“
Währenddessen war G’raha noch immer auf der Straße stehen geblieben. Y’shtola hatte ihm nichts gesagt. Aber genau das machte ihn misstrauisch. Jemanden zum Essen gezwungen. Warum hatte sie dabei so eigenartig gelächelt? Und warum hatte sie ihm auf seine Nachfrage keine Antwort gegeben? Seine Gedanken überschlugen sich. War es vielleicht... Nein. Das wäre absurd. Er schüttelte den Kopf. Doch dann kam ihm ein anderer Gedanke. Was, wenn es Mina war? Sein Herz machte einen kleinen Satz. Er wusste selbst nicht, warum. Und plötzlich war da wieder diese quälende Unruhe. Wenn Y’shtola Mina getroffen hatte... Dann hatte Mina vielleicht über ihn gesprochen. Vielleicht hatte sie erzählt, warum sie verschwunden war. Vielleicht hatte sie— G’raha blieb abrupt stehen.
„Nein.“
Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Ich werde nicht anfangen, mir Dinge zusammenzureimen.“
Er atmete tief durch. Doch als er weiterging, führte sein Weg ganz automatisch in Richtung seiner Wohnung. Und zum ersten Mal seit Wochen stellte er sich nicht mehr die Frage, warum Mina ihn verlassen hatte. Sondern eine viel gefährlichere: Was würde passieren, wenn er sie einfach fragte?
In den nächsten tagen war sie häufig bei Aki und Tachi zu hause, sie brauchte dringend Ablenkung. Die fand sie da indem sie aufräumte, und Tachi ein bisschen Arbeit abnahm. Oder sich in eine ecke des Arbeitszimmers verkroch wo Aki schrieb und in seinen Büchern schmökerte. Sie war gerade dabei einen schweren Teppich auszuklopfen im Garten. Sie musste ordentlich husten bei den ganzen Staub der da raus kam. Wann wurde das teil zuletzt saubergemacht? Der Teppich war offenbar schon vor einer halben Ewigkeit das letzte Mal gründlich gereinigt worden. Kaum hatte Mina ihn über die Leine gehängt und kräftig dagegen geschlagen, quoll eine regelrechte Staubwolke hervor.
„Hrrk— hust!“
Sie wedelte mit einer Hand vor ihrem Gesicht herum.
„Bei den Sieben Höllen... Aki! Was hast du damit gemacht? Den Teppich archäologisch konserviert?“
Vom offenen Fenster des Arbeitszimmers kam ein gedämpftes Geräusch.
„Ich habe keine Ahnung!“
Tachi tauchte wenig später im Türrahmen auf. In der Hand hielt er ein Bündel Wäsche, und als er Mina und die Staubwolke sah, blieb er abrupt stehen.
„Mina.“
„Hm?“
„Was machst du da?“
Sie sah ihn unschuldig an. „Ich helfe.“
Tachi blickte zum Teppich. Dann zu Mina. Dann wieder zum Teppich. „Du versuchst gerade, unseren Teppich umzubringen.“
„Er hat es verdient.“
„Der Teppich?“
„Schau ihn dir an!“ Mina schlug noch einmal dagegen. Eine zweite Staubwolke erhob sich.
„HUST—!“ Tachi verzog das Gesicht.
„Und du gleich mit.“ Er stellte die Wäsche ab und ging zu ihr hinüber.
„Gib her.“
„Aber—“
„Mina.“
Dieser Ton. Fast so schlimm wie Y’shtolas „Mutti“-Ton. Widerwillig ließ sie den Teppich los.
Tachi nahm ihn von der Leine. „Du hast in letzter Zeit schon genug gemacht.“
Mina verschränkte die Arme. „Ich wollte euch nur helfen.“
„Das weiß ich.“ Er sah sie kurz an. „Aber du musst nicht jeden Tag irgendetwas finden, das du erledigen kannst, damit du nicht nachdenken musst.“
Mina erstarrte.
Tachi hob leicht eine Augenbraue. „Ich kenne dich.“
Sie schwieg. Dann wandte sie den Blick ab. „Ich denke nicht nach.“
„Natürlich.“
„Wirklich nicht.“
„Mina.“
Ihre Ohren klappten ein Stück zur Seite. „...Vielleicht ein bisschen.“
Tachi seufzte, legte den Teppich zur Seite und klopfte ihr einmal leicht gegen die Schulter. „Komm rein. Aki macht Kaffee.“
Mina sah ihn an. „Kaffee?“
„Sehr starken.“
Ihre Ohren stellten sich sofort wieder auf.
Tachi grinste. „Dachte ich mir.“
Aus dem Arbeitszimmer erklang Aki: „Ich höre das! Und ich habe ausdrücklich gesagt, dass sie nicht noch mehr Kaffee trinken soll!“
Mina sah Tachi an. Tachi sah Mina an. Beide grinsten.
„Wir haben nichts gehört“, sagte Mina unschuldig. „Natürlich nicht“, erwiderte Tachi.
Und zum ersten Mal seit Tagen war ihr Lächeln wieder ein wenig echter.
Während Mina und Tachi sich im Garten über den Teppich stritten, herrschte im Anwesen der Scions eine ganz andere Stimmung. G’raha saß über einem aufgeschlagenen Buch. Seit ungefähr zehn Minuten hatte er dieselbe Seite vor sich. Alphinaud, der ihm gegenüber saß, hob irgendwann den Blick von seinen eigenen Unterlagen.
„Du liest diese Seite schon eine ganze Weile.“
G’rahas Ohr zuckte. „Tue ich das?“
„Ja.“
„Dann muss sie ausgesprochen interessant sein.“
Alphinaud schmunzelte. „Offenbar nicht interessant genug, um deine Aufmerksamkeit zu halten.“
Von der anderen Seite des Raumes kam ein trockenes: „Er denkt über Mina nach.“
G’raha erstarrte.
Y’shtola saß dort mit einer Tasse Tee und blätterte seelenruhig in einem Buch. Alphinaud sah zwischen den beiden hin und her.
„Mina?“
G’raha schloss langsam sein Buch.
„Ich denke nicht—“
„Doch“, unterbrach Y’shtola. „Und du machst es ausgesprochen offensichtlich.“
G’raha starrte sie an. „Du hast sie getroffen.“
Keine Frage. Y’shtola hob den Blick. „Vielleicht.“
„Y’shtola.“
„G’raha.“
Alphinaud blinzelte. „Moment. Ihr habt Mina getroffen?“
Y’shtola nahm einen Schluck Tee. „Zufällig.“
G’raha richtete sich auf. „Wie geht es ihr?“
Die Frage kam so schnell, dass Alphinaud die Augenbrauen hochzog.
Y’shtola lächelte kaum merklich.“ Interessant.“
„Das ist keine Antwort.“
„Sie lebt.“
„Y’shtola.“
„Sie hat gegessen.“
G’rahas Ohren stellten sich auf. „Sie hat gegessen?“
Alphinaud musste sich sichtlich ein Grinsen verkneifen.
Y’shtola nickte. „Eine ganze Schüssel Suppe.“
„Das ist... gut.“
„Sehr.“ Y’shtola schlug ihr Buch wieder auf. „Und sie hat mich Mutti genannt.“
Stille. Alphinaud brach in ein Lachen aus. G’raha starrte Y’shtola fassungslos an.
„Sie hat was?“
„Du hast richtig gehört.“
Alphinaud wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. „Ich glaube, ich möchte Mina unbedingt kennenlernen.“
G’raha ließ sich mit einem leisen Stöhnen zurück in seinen Stuhl sinken. „Das wird noch mein Untergang.“
Y’shtola blätterte eine Seite um. „Das könnte durchaus unterhaltsam werden.“
Und irgendwo in seinem Hinterkopf wusste G’raha bereits: Das nächste Treffen der Scions würde vermutlich wesentlich interessanter werden, als ihm lieb war.
"Da muss sich was ändern", Mina schreckte hoch und blickte sich um bei dem ausruf, ihr gegenüber saß ihre Freundin und trommelte ungeduldig mit dem Fingernägeln auf die Tischklappe. Tapp tapp tapp "Äh was genau meinst du?", fragte sie verwundert.
"Na dich, wenn dann sonst. Seit der Sache bist du nicht mehr du selbst. Wenn ich das so ausdrücken darf, du gehst ein wie eine welke Blume. Lachst kaum noch, still und in dich gekehrt", zählte sie auf.
"Entschuldige das ich heute nicht so eine gute gesellschaft bin."
"Du solltest DRINGENDS was ändern", darauf schüttelte Mina den Kopf. "Tue ich doch" "Nein ich sehe wie meine Freundin sich aufgibt wegen eines TYPEN", schimpfte sie und packte ihre Tasche. "Ich geh für heute tschüss", und weg war sie. Großartig noch jemanden den sie vergrault hatte. Kraftlos stand sie auf und Verlies ebenfalls das Cafe. Draußen blies ihr der Wind eine frische Brise ins Gesicht, aber sie schien es kaum zu spüren oder wahrzunehmen. Sie stand auf der Brücke und schaute ins Wasser auf das traurige Spiegelbild was ihr entgegenblickte.
Der Wind strich über die Brücke und brachte das Wasser unter ihr in Bewegung. Das Spiegelbild zerfiel in kleine Wellen, kaum dass Mina es richtig betrachten konnte. Eine Weile stand sie einfach nur da.
„Ich gebe mich nicht auf...“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Ich versuche doch nur, wieder normal zu werden.“
Aber selbst sie hörte, wie wenig überzeugend das klang.
Ein gutes Stück entfernt bog eine kleine Gruppe um eine Wegkreuzung. Alphinaud war gerade mitten in einer Erzählung, während Alisaie ihm mit sichtbar wachsender Ungeduld zuhörte.
„Wenn du noch einmal anfängst, mir die Geschichte von deiner letzten Besprechung in allen Einzelheiten zu erzählen, springe ich freiwillig in den nächsten Fluss.“
„Ich habe lediglich versucht, die Zusammenhänge—“
„Alphinaud.“
„Schon gut.“
Hinter ihnen ging G’raha, eine Hand auf einem Stapel Bücher ruhend, den er unter den Arm geklemmt hatte. Er war eigentlich auf dem Weg zu einem Treffen gewesen. Eigentlich. Dann blieb er stehen. Sein Blick war über die Brücke gewandert. Und dort stand sie. Weiße Haare, die der Wind um ihr Gesicht wirbelte. Diese vertraute Gestalt. G’raha sagte zunächst nichts. Sein Herz machte einen unangenehmen Satz.
„Mina...“
Alisaie bemerkte, dass er stehen geblieben war.
„Was ist?“
Er antwortete nicht. Y’shtola, die etwas hinter ihnen gegangen war, folgte seinem Blick. Sie erkannte Mina sofort. Ihre Augen verengten sich leicht.
Alphinaud sah ebenfalls hinüber. „Ist das nicht—“
„Mina“, bestätigte Y’shtola ruhig.
G’raha setzte sich bereits in Bewegung. Alisaie sah ihm hinterher. Dann zu Y’shtola. Dann wieder zu G’raha.
„Moment.“ Ihre Augen wurden größer. „Das ist Mina?“
Y’shtola nickte.
Alisaie grinste. „Oh.“
Alphinaud seufzte. „Alisaie, bitte.“
„Was denn?“ Sie verschränkte die Arme. „Ich sage doch gar nichts.“
„Dein Gesicht sagt etwas.“
„Mein Gesicht sagt gar nichts.“
Y’shtola hob eine Augenbraue.
„Es sagt ausgesprochen viel.“
Währenddessen war G’raha bereits näher gekommen. Doch kurz bevor er Mina erreichte, verlangsamte er seine Schritte. Er hatte sich so oft gefragt, was er sagen würde, wenn er sie wiedersah. Jetzt fiel ihm nichts ein. Sie sah müde aus. Viel zu müde. Und traurig. Er blieb in einigem Abstand stehen.
„Mina?“
Seine Stimme war leise. Nicht vorwurfsvoll. Nicht überrascht. Einfach nur... erleichtert.
„Bist du in Ordnung?“
Sie erschrak aus ihren Gedanken, jetzt hörte sie sogar seine stimme, stand sie so auf Entzug? Dann bemerkte sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Träumte sie? Nein, er stand da tatsächlich die Hände mit Bücher voll beladen. Sie drehte sich zu ihm und ruckte kurz mit dem Kopf. "Hallo G’raha", kam es von ihr. Wobei sie sich am Geländer der Brücke festhielt.
G’rahas Blick fiel sofort auf ihre Hand am Geländer. Dann auf ihr Gesicht. Und sein Ausdruck veränderte sich. „Hallo, Mina.“
Er versuchte zu lächeln, doch es fiel deutlich zurückhaltender aus als sonst. Die Bücher unter seinem Arm schienen ihm plötzlich ziemlich unpraktisch. Nach einem kurzen Zögern verlagerte er sie und stellte den Stapel vorsichtig auf die Brüstung neben sich.
„Ich...“
Er brach ab. Was sollte er sagen? Ich habe dich vermisst. Zu direkt. Warum bist du verschwunden? Zu vorwurfsvoll. Geht es dir wirklich gut? Das hatte er gerade schon gefragt. Also sah er sie einfach einen Moment lang an.
„Du siehst müde aus.“
Seine Ohren senkten sich ein wenig. „Und bevor du mir jetzt wieder erzählst, dass es nur das Wetter ist...“
Ein winziges, vertrautes Schmunzeln erschien. „...glaube ich dir diesmal nicht.“
Hinter ihm war inzwischen der Rest der Gruppe stehen geblieben. Alphinaud warf seiner Schwester einen warnenden Blick zu, weil diese bereits aussah, als würde sie am liebsten zehn Fragen gleichzeitig stellen. Y’shtola hingegen sagte nichts. Sie beobachtete lediglich Mina und G’raha.
G’raha machte einen kleinen Schritt näher, blieb aber bewusst auf Abstand.
„Ich wollte dich nicht erschrecken.“
Sein Blick wanderte kurz über die Brücke und zurück zu ihr. „Ich habe dich seit Wochen nicht gesehen.“
Ein leises Ausatmen. „Und ehrlich gesagt... habe ich mich gefragt, ob ich etwas getan habe.“
Seine Finger strichen unruhig über den Buchrücken des obersten Bandes. „Falls dem so ist, würde ich es gerne wissen.“
Eine kurze Pause. „Und falls nicht...“
Sein Blick wurde weicher. „...würde ich trotzdem gerne wissen, warum du plötzlich verschwunden bist.“
Hinter ihm bewegte sich Alisaie ein Stück zur Seite.
„Y’shtola.“
„Hm?“
„Ist das der Teil, an dem wir gehen sollten?“
Y’shtola sah weiterhin zu den beiden.
„Ja.“
Alisaie grinste. „Schade.“
„Alisaie.“
„Ich sagte doch gar nichts.“
Y’shtola schüttelte kaum merklich den Kopf und gab Alphinaud ein Zeichen. Die drei zogen sich ein gutes Stück zurück. G’raha bemerkte es kaum. Seine ganze Aufmerksamkeit lag bei Mina.
„Du musst mir natürlich nichts erzählen, wenn du nicht möchtest.“
Er lächelte schwach. „Aber ich würde mich freuen, wenn du mir zumindest erlaubst, wieder ein wenig mit dir zu reden.“
Sein Schweif bewegte sich langsam hinter ihm. „Ich habe unsere Gespräche vermisst.“
‚Reiz dich zusammen, reiz dich zusammen‘, mahnte sie sich innerlich. Kurz erblickte sie Y’shtola und auch zwei andere, sie sahen sich verdammt ähnlich. Das mussten die Zwillinge sein. Bevor sie wieder zu G’raha blickte. Sie schluckte und fand ihre Stimme wieder.
"Mir gehts gut, wie du siehst", antwortete sie auf die erste frage und schüttelte dann den Kopf. "Mnh mh hast du nicht", schaute dann kurz auf das Wasser. "Ja ist schon ne weile her, hatte viel zu tun. Arbeit, Übungen, das leben. Wie es halt so ist", bestätigte sie. Tief zog sie die Luft durch die Nase ein. "Nein du hast nichts getan. Tja ich hatte halt viel zu tun, wie du ja selber gesehen hast", und klopfte mit dem Handballen auf das Holz des Geländers. "Vielleicht in....den nächsten Wochen...ich weiß nicht....", beugte sich dann übers Geländer. "Wie es dir geht brauch ich ja wohl nicht zu fragen. Offenbar gut, und wie immer viel zu tun", deute mit dem Kinn auf die Bücher.
G’raha folgte ihrem Blick zu den Büchern und sah anschließend wieder zu ihr.
„Offenbar gut“, wiederholte er leise. Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf seinen Lippen.
„Das klingt beinahe so, als wärst du erleichtert darüber.“
Sein Blick blieb auf Mina ruhen. Er kannte inzwischen genug von ihren kleinen Gesten, um zu bemerken, dass sie ihm gerade auswich. Das Klopfen ihrer Hand auf das Holz. Der Blick aufs Wasser. Die betont beiläufige Stimme. Alles daran wirkte bemüht.
„Und ja“, fuhr er schließlich fort, „ich habe viel zu tun.“
Er nahm den Stapel Bücher wieder an sich und betrachtete ihn kurz.
„Aber offenbar nicht genug, um dich zu vergessen.“
Die Worte waren heraus, bevor er sie hätte zurückhalten können. Sein Ohr zuckte verlegen, und für einen Moment sah er selbst beinahe überrascht über seine eigene Direktheit aus.
„Entschuldige.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Das klang vermutlich anders, als ich es beabsichtigt hatte.“
Eine kleine Pause. „Was ich eigentlich sagen wollte...“
Er suchte nach den richtigen Worten. „Ich habe mich gefragt, ob es dir gut geht. Mehrmals.“
Sein Blick wanderte kurz über das Wasser. „Und jedes Mal, wenn ich dachte, ich sollte vielleicht einfach abwarten, kam mir der Gedanke, dass ich dich möglicherweise damit in Ruhe lasse, obwohl du vielleicht gar nicht in Ruhe gelassen werden möchtest.“
Er sah wieder zu ihr. „Das ist ausgesprochen verwirrend.“
Ein leises, selbstironisches Lachen entwich ihm. „Zumindest für mich.“
Hinter ihm tauschten Alisaie und Alphinaud einen kurzen Blick. Alisaie flüsterte:
„Er redet tatsächlich.“
Alphinaud stieß ihr leicht den Ellenbogen in die Seite. „Alisaie.“
„Was denn?“
Y’shtola sagte trocken: „Lasst ihn.“
G’raha bekam davon kaum etwas mit. Er war inzwischen einen Schritt näher an Mina herangetreten, blieb aber weiterhin mit genügend Abstand stehen.
„Und du musst nicht erst in ein paar Wochen mit mir reden.“
Seine Stimme war nun deutlich sanfter. „Wenn du möchtest, können wir auch jetzt ein paar Minuten miteinander verbringen.“
Ein kleines Lächeln. „Ganz ohne Kissenschlacht.“
Sein Blick glitt kurz zu ihrem Gesicht. „Obwohl ich gestehen muss, dass ich nicht besonders abgeneigt wäre, diese Niederlage irgendwann zu rächen.“
Seine Augen funkelten für einen Moment vertraut schelmisch. Doch dann wurde sein Ausdruck wieder ernst.
„Ich habe dich vermisst, Mina.“
Diesmal sagte er es ohne Ausweichen. Ohne wissenschaftliche Erklärung. Einfach nur ehrlich.
"Sollte ich etwa einen Freudentanz aufführen wenn es dir schlecht geht?", fragte sie und wippte mit dem Oberkörper über das Geländer und ruckte bei seinen nächsten Worten den Kopf zu ihm rum. Mit halb offenstehenden Mund starrte sie ihn an, er hatte sie eiskalt erwischt. Sie blinzelte erst wieder als er einen schritt näher trat. "Tja die hast du eindeutig gewonnen", kam es von ihr.
BAM sein letzter Satz traf sie unvorbereitet und und direkt in die Brust. Sie biss sich auf die Lippen.
G’raha sah, wie sie sich auf die Lippen biss, und für einen Moment sagte er nichts. Sein Gesicht wurde weicher.
„Nein.“
Das Wort kam leise. „Du musst keinen Freudentanz aufführen.“
Ein kleines Schmunzeln. „Obwohl ich zugeben muss, dass ich vermutlich ziemlich überrascht wäre, sollte es jemals dazu kommen.“
Sein Blick blieb auf ihr liegen. Dann bemerkte er, wie sie mit den Worten du hast gewonnen versuchte, die Situation wieder ins Spielerische zu ziehen.
„Das zählt nicht.“
Er neigte leicht den Kopf. „Du kannst nicht einfach behaupten, ich hätte gewonnen, nur weil ich dich mit einem Kissenschlag erwischt habe.“
Seine Stimme wurde sanfter. „Ich habe schließlich gerade erst angefangen.“
Doch als ihre Reaktion auf seine letzten Worte sichtbar wurde, verschwand das schelmische Funkeln wieder. G’raha sah sie einen langen Moment an.
„Mina.“ Er sagte ihren Namen beinahe vorsichtig.
„Ich meinte das ernst.“ Seine Finger schlossen sich etwas fester um den Buchrücken.
„Ich habe unsere gemeinsamen Nachmittage vermisst.“
Ein kurzer Atemzug. „Deine Kommentare. Dein Lachen.“
Sein Blick wanderte für einen Moment zu ihren weißen Haaren, die der Wind über ihre Schulter wehte.
„Sogar deine ausgesprochen kreative Interpretation davon, was es bedeutet, einen Gelehrten bei der Arbeit nicht zu stören.“
Ein kleines Lächeln. „Und ich habe vermisst, wie du jedes Mal so tust, als wäre es völlig selbstverständlich, mich zu ärgern.“
Er schwieg kurz.
„Als du plötzlich nicht mehr kamst, wusste ich nicht, ob ich etwas falsch gemacht hatte.“
Sein Blick wurde ernster. „Und ich möchte nicht, dass du glaubst, du müsstest verschwinden, nur weil du denkst, dass ich dich nicht in meinem Leben haben möchte.“
Ein Windstoß fuhr über die Brücke. G’raha blieb stehen.
„Du bist mir wichtig, Mina.“
Hinter ihm war es plötzlich verdächtig still geworden. Alisaie hatte offenbar aufgehört zu flüstern. Alphinaud sah demonstrativ in eine andere Richtung. Und Y’shtola... Y’shtola hatte diesen ganz bestimmten Gesichtsausdruck einer Person, die gerade eine Vermutung bestätigt bekam.
G’raha bemerkte davon nichts. Er sah nur Mina an.
„Wenn du Abstand brauchst, werde ich ihn respektieren.“
Eine kleine Pause. „Aber bitte lauf nicht einfach davon, ohne mir zu sagen, warum.“
Sein Lächeln war diesmal etwas trauriger.
„Ich würde dich lieber verstehen, als dich wieder wochenlang zu vermissen.“
Sie schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. ‚Sei still! Hör auf zu reden! Kein weiteres Wort mehr!‘ Schrie es in ihr, warum war sie hier stehen geblieben? Jedes Wort war wie ein Messerstich in ihr Herz. Leicht schüttelte sie den Kopf und drehte sich um. Holte tief Luft, das ihre Stimme nicht zu wackelig klang. "Du hast nichts falsch gemacht G’raha", und machte einen Schritt.
G’raha sah, wie sie sich abwandte. Etwas in seiner Brust zog sich zusammen. Er hatte gehofft, dass seine Worte ihr helfen würden. Stattdessen wirkte sie, als hätte er genau das Gegenteil erreicht.
„Mina...“
Er machte einen halben Schritt auf sie zu, hielt dann aber inne. Nein. Er würde sie nicht festhalten. Nicht, wenn sie gehen wollte.
„Ich glaube dir.“ Seine Stimme war ruhig.
„Wenn du sagst, dass ich nichts falsch gemacht habe, dann glaube ich dir.“
Er senkte kurz den Blick. „Aber dann verstehe ich noch weniger, warum du plötzlich verschwunden bist.“
Ein leises Ausatmen. „Du musst es mir nicht heute erklären.“
Er ließ bewusst Abstand zwischen ihnen.
„Aber bitte…“ Seine Stimme wurde leiser.
„Sag mir nicht einfach wieder, dass du zu viel zu tun hattest.“
Er lächelte schwach. „Dafür kenne ich dich inzwischen zu gut.“
Hinter ihm bewegte sich Y’shtola kaum merklich. Alisaie wollte offenbar etwas sagen, doch Alphinaud hielt sie mit einem Blick zurück.
G’raha nahm seine Bücher wieder richtig unter den Arm.
„Wenn du jetzt gehen möchtest, werde ich dich nicht aufhalten.“
Eine Pause.
„Aber ich würde mich freuen, wenn du mir irgendwann die Wahrheit erzählst.“
Sein Blick lag noch einmal auf ihr. „Und Mina?“
Ein kleines, beinahe unsicheres Lächeln. „Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du mir fehlst.“
Er trat nun selbst einen Schritt zurück und gab ihr damit den Weg frei. „Pass auf dich auf.“
Seine Stimme wurde kaum hörbar.
„Bitte.“
"Mhm du kennst du Grund, den hast du doch im Cafe gesehen", kam es von ihr und blieb einfach stehen. Eine Seite von ihr wollte rennen, weit weg von dieser Situation. Eine andere sich umdrehe und, direkt in seine Arme.
G’raha erstarrte. Für einen Moment schien selbst der Wind auf der Brücke leiser zu werden.
„Im Café…“ Sein Blick wurde nachdenklich. Dann ging ihm offenbar etwas auf. Die Erinnerung. Der dunkelhaarige Mann. Die Hand an Minas Wange. Der Arm um ihre Hüfte.
„Die hier ist MEINE, kapiert?“
G’rahas Ohren senkten sich langsam.
„Du meinst... ihn.“ Er sagte es nicht als Frage. Eher wie eine Erkenntnis, die ihm unangenehm spät kam. Sein Blick glitt für einen Moment zur Seite.
„Ich habe damals angenommen...“
Er brach ab. Seine Finger schlossen sich fester um die Bücher. „Ich dachte, du hättest dich entschieden, mit jemand anderem zusammen zu sein.“
Ein bitteres, kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. „Und ich hatte nicht das Recht, dir deswegen Vorwürfe zu machen.“
Er sah wieder zu ihr. Doch dann runzelte er die Stirn. „Aber wenn das der Grund war...“
Seine Stimme wurde leiser. „Warum bist du dann so traurig?“
Er machte keinen weiteren Schritt auf sie zu.
„Du wirkst nicht wie jemand, der gerade etwas gefunden hat, das ihn glücklich macht.“
Sein Blick blieb auf ihr ruhen. Und dann erinnerte er sich an etwas anderes. An ihre Worte. ‚Du hast jemanden. Deine Freundin kann das Wegküssen ja übernehmen.‘ Seine Ohren zuckten.
„Mina...“
Ein kurzer Atemzug. „Was genau glaubst du eigentlich, was ich im Café gesehen habe?“
Hinter ihm wurde Y’shtola plötzlich sehr aufmerksam. Alisaie sah zu Alphinaud. Alphinaud wiederum sah zu Y’shtola. Und Y’shtola sagte nur ganz leise:
„Ah.“
G’raha schien davon nichts zu bemerken.
„Wenn du wegen dem, was du dort gesehen hast, von mir weggeblieben bist...“
Er schluckte. „Dann haben wir möglicherweise beide wochenlang etwas vollkommen Falsches angenommen.“
Sein Blick wurde vorsichtig. „Und ich möchte wirklich gerne wissen, was du damals gedacht hast.“
Sie schluckte. "Ich traurig, da musst du dich Irren", drehte sie sich um und hatte ein lächeln im Gesicht. "Sehe ich für dich traurig aus? Ich lächel doch"
"Warum fragst du mich das was du im cafe gesehen hast?"
"Was- was hast du denn angenommen? Ich kann es dir nichts sagen. Genauso wenig was du damals gedacht hast. Ich bin nicht so gut in jemandes Kopf zu schauen wie Y’shtola", kam es immer noch mit einem lächeln von ihr.
G’raha sah sie lange an. Dieses Lächeln. Es war da. Aber es erreichte ihre Augen nicht. Und diesmal ließ er sich nicht davon täuschen.
„Nein“, sagte er schließlich leise. „Du lächelst.“
Ein kleines, trauriges Lächeln seinerseits. „Aber ich habe inzwischen gelernt, dass das nicht immer bedeutet, dass du glücklich bist.“
Er trat nicht näher. „Und ich frage, weil ich damals etwas gesehen habe, das ich nicht verstanden habe.“
Sein Blick senkte sich kurz.
„Ich sah einen Mann, der dich berührte, als würde er jedes Recht dazu besitzen. Er nannte dich seine.“
Seine Ohren zuckten leicht. „Und du bist mit ihm gegangen.“
Er atmete langsam aus. „Also dachte ich, dass du dich für ihn entschieden hattest.“
Ein kurzer Moment Stille. „Ich dachte, vielleicht war ich einfach...“
Er suchte nach dem richtigen Wort. „...eine angenehme Ablenkung gewesen.“
Sein Blick ging zurück zu ihr. „Jemand, mit dem du gerne Zeit verbracht hast, bis jemand anderes wichtiger wurde.“
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Ich war nicht wütend.“ Ein schwaches Lächeln. „Verletzt vielleicht.“
Dann wurde seine Stimme noch leiser. „Und ich habe versucht, mir einzureden, dass es mir nichts ausmachen sollte.“
Sein Blick glitt für einen Moment zu den Büchern in seinen Armen. „Hat nicht besonders gut funktioniert.“
Er sah wieder zu Mina. „Aber du sagst, du kannst mir nicht erzählen, was du gedacht hast.“
Ein winziger Funke von seinem üblichen Humor kehrte zurück. „Dann sind wir wohl quitt.“
Er neigte leicht den Kopf. „Denn ich kann dir offenbar auch nicht besonders gut erzählen, was in meinem eigenen Kopf vor sich geht.“
Dann wurde er wieder ernst. „Aber eines kann ich dir sagen.“
Er hielt ihren Blick. „Der Mann aus dem Café war der Grund, warum ich dachte, dass du mich nicht mehr sehen möchtest.“
Eine Pause. „Nicht weil ich dir böse war.“
Seine Stimme brach beinahe unmerklich. „Sondern weil ich dachte, du hättest jemanden gefunden, bei dem du lieber sein möchtest.“
Er schluckte. „Und ich wollte dir nicht im Weg stehen.“
Hinter ihm schloss Y’shtola kurz die Augen. Alisaie flüsterte: „Oh, bei den Sieben...“
Alphinaud antwortete ebenso leise: „Jetzt verstehe ich einiges.“
Y’shtola hob einen Finger an die Lippen. „Still.“
G’raha bemerkte davon nichts.
„Also...“
Er sah Mina an. „Wenn wir beide tatsächlich denselben Fehler gemacht haben...“
Sein Schweif bewegte sich unruhig. „Dann wäre es vielleicht an der Zeit, dass wenigstens einer von uns aufhört, davonzulaufen.“
Ihr lächeln verflog bei den zweiten Satz von ihm und sie schaute ihn ungläubig an. Am liebsten wäre sie zu ihm gerannt, hätte ihm diese blöden Bücher aus der Hand geschlagen. ihn geschüttelt und angebrüllt. Aber sie blieb stumm stehen. Nur ihr Herz machte einen Satz als es auf sie zuging und ihre Atmung hatte sich etwas verschnellert. "Ts mal wieder typisch das du den Spieß umdrehst was?", fragte sie.
G’raha blinzelte bei ihren Worten, dann hob sich langsam eine Mundwinkel.
„Vielleicht.“ Seine Ohren zuckten leicht.
„Aber wenn ich mich recht erinnere, bist du diejenige, die gerade versucht hat, sich mit einem Lächeln aus der Affäre zu ziehen.“
Er machte noch einen kleinen Schritt auf sie zu. Diesmal blieb er nicht ganz so weit entfernt. „Und du bist ausgesprochen schlecht darin.“
Sein Blick wanderte kurz über ihr Gesicht. Die beschleunigte Atmung entging ihm nicht.
„Du könntest mich übrigens tatsächlich anschreien.“ Ein leises, beinahe amüsiertes Ausatmen.
„Mich schütteln wäre vermutlich ebenfalls gerechtfertigt.“ Er hob die Bücher ein wenig an.
„Die würde ich dir allerdings lieber nicht aus der Hand schlagen lassen. Einige davon sind älter als ich.“
Ein kurzer Moment, in dem sein vertrautes Grinsen wieder auftauchte. Doch dann wurde es wieder ernst.
„Aber ich möchte nicht mehr raten, Mina.“ Er senkte die Bücher schließlich auf die Brüstung hinter sich, damit nichts mehr zwischen ihnen lag.
„Ich habe wochenlang versucht, aus kleinen Dingen herauszufinden, was du denkst.“ Sein Blick blieb fest auf ihrem.
„Und du hast offenbar dasselbe mit mir gemacht.“ Ein leises Kopfschütteln.
„Wir sind wirklich zwei ausgesprochen intelligente Menschen.“
Der Tonfall war trocken. “Und zusammen offenbar völlig unfähig, miteinander zu reden.“
Hinter ihm musste Alisaie hörbar ein Lachen unterdrücken. Y’shtola warf ihr einen warnenden Blick zu. G’raha bemerkte es nicht. Er atmete tief durch.
„Also...“
Seine Stimme wurde sanfter. „Wenn du mich jetzt wirklich anschreien möchtest, dann tu es.“
Ein kleiner Schritt. Nur noch wenig Abstand zwischen ihnen. „Aber lauf diesmal nicht weg.“
Sein Blick wurde warm.
„Nicht bevor wir beide wissen, worüber wir eigentlich die letzten Wochen so furchtbar unglücklich waren.“
Sie schluckte schwer und ihr Herz klopfte immer schneller je näher er ihr kam. Nein sie blieb einfach stehen, wenn sie jetzt einen Fuß bewegen würde, würden ihre Beine unter ihr weg knicken. "Du unglücklich? Das glaub ich ehr weniger? Ich hab keinen einzigen Anruf von dir bekommen. Keine Nachricht, oder bist mal vorbei gekommen. Nein du scheinst es einfach so hingenommen zu haben das ich nicht mehr da war." Sie schüttelt den Kopf. "Das klingt für mich nicht nach jemand der unglücklich ist."
G’raha blieb stehen. Ihre Worte trafen ihn sichtbar. Nicht weil er ihnen widersprechen wollte – sondern weil er plötzlich begriff, wie sein Schweigen auf sie gewirkt haben musste.
„Du hast recht.“
Er sagte es ohne Ausflüchte. „Ich habe dich nicht angerufen.“
Sein Blick sank kurz. „Ich habe dir keine Nachricht geschickt. Und ich bin nicht zu dir gekommen.“
Ein leises Ausatmen. „Und ich verstehe, warum du daraus geschlossen hast, dass es mir gleichgültig gewesen sein muss.“
Er hob den Blick wieder.
„Aber genau da habe ich einen Fehler gemacht.“
Seine Ohren legten sich leicht an. „Ich dachte, du wolltest Abstand.“
Eine Pause. „Und nach dem, was ich im Café gesehen hatte, wollte ich deine Entscheidung respektieren.“
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Ich dachte, wenn ich dir hinterherlaufe, mache ich es nur schlimmer.“
Seine Stimme wurde leiser. „Also habe ich nichts getan.“
Ein bitteres Lächeln. „Und damit habe ich dir wahrscheinlich genau das Gefühl gegeben, das ich niemals vermitteln wollte.“
Er trat keinen weiteren Schritt näher. „Dass du mir egal bist.“
Sein Blick blieb auf ihr. „Das bist du nicht.“
Ein Moment Stille. „Ganz im Gegenteil.“
Er schluckte. „Ich habe dich vermisst.“
Diesmal sagte er es nicht vorsichtig. „Jeden Tag.“
Sein Schweif bewegte sich unruhig hinter ihm. „Ich habe mich gefragt, ob du krank bist. Ob ich etwas gesagt habe. Ob du mich einfach nicht mehr sehen möchtest.“
Ein kleines, hilfloses Lächeln. „Und jedes Mal habe ich mir eingeredet, dass ich deine Entscheidung akzeptieren muss.“
Er schüttelte den Kopf. „Ich war nicht glücklich damit.“
Seine Stimme brach beinahe. „Ich war nur... still.“
Dann sah er sie direkt an. „Und offenbar war mein Schweigen genauso verletzend wie alles andere.“
Hinter ihm war Y’shtola völlig ruhig geworden. Alphinaud und Alisaie hatten sich inzwischen ein gutes Stück entfernt, um ihnen die Privatsphäre zu lassen. G’raha bemerkte es kaum.
„Du hast gefragt, warum ich nicht gekommen bin.“ Ein kleiner Schritt auf sie zu.
„Ich hatte Angst, dass du mich nicht mehr bei dir haben möchtest.“ Noch einer. Dann blieb er wieder stehen. „Und jetzt frage ich dich dasselbe.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein sanftes Flüstern. „Warum bist du nicht gekommen?“
Ihr Atem ging noch schneller. Das Herz hämmerte ihr mittlerweile in der Brust wo er noch näher getreten war. Sie hob ihre geballten Fäuste und legte sie an ihren Kopf den sie Schüttelte. Sie war stark - musste stark bleiben - sie schaffte es nicht. Mina biss sich auf die Lippen und die ersten Tränen kullerten. "Ich konnte nicht....ich....du...", suchte sie verzweifelt nach Worte. "Du hast es selbst gesagt---ich stand zu nahe am Abgrund....ich wollte nichts...kaputtmachen....unsere Freundschaft". kam es erstickt von ihr.
G’raha sah die ersten Tränen und sein Gesicht veränderte sich augenblicklich. All die vorsichtige Beherrschung wich aus seinem Ausdruck.
„Mina...“
Er machte einen Schritt auf sie zu, hielt aber kurz vor ihr inne. „Du hättest nichts kaputtgemacht.“
Seine Stimme war ruhig, obwohl man ihm die Anspannung deutlich anhörte. „Nicht dadurch.“
Er sah ihre geballten Hände, dann wieder in ihr Tränen verschleiertes Gesicht. „Ich habe dir damals gesagt, dass ich nicht weiß, ob ich mich von dir fernhalten kann.“
Ein kurzer Atemzug. „Nicht, dass du dich von mir fernhalten musst.“
Sein Blick wurde weicher.
„Und ganz bestimmt nicht, dass deine Gefühle unsere Freundschaft zerstören würden.“
Er schluckte. „Ich dachte nur, dass du vielleicht jemanden anderen hast. Dass du glücklich bist. Und ich wollte nicht derjenige sein, der sich dazwischen stellt.“
Ein leises, trauriges Lachen. „Offenbar waren wir beide ausgesprochen gut darin, uns gegenseitig aus dem Weg zu gehen, um den anderen zu schützen.“
Er hob langsam eine Hand. Doch er berührte sie nicht. Er ließ sie zwischen ihnen ruhen, als würde er ihr die Entscheidung überlassen.
„Du hast gesagt, du standest am Abgrund.“ Seine Stimme wurde noch leiser.
„Dann hättest du mir das sagen dürfen.“
Sein Blick blieb auf ihr. „Ich wäre nicht weggegangen.“
Eine Träne lief über ihre Wange. G’raha atmete tief durch. „Und wenn du mir gesagt hättest, dass du Angst hast, unsere Freundschaft zu verlieren...“
Ein schwaches Lächeln. „Dann hätte ich dir vermutlich gesagt, dass du ziemlich viel Vertrauen in unsere Freundschaft haben solltest.“
Seine Finger bewegten sich leicht. „Denn ich habe sie nicht als etwas Zerbrechliches betrachtet.“
Ein Moment Stille. „Ich habe dich nicht als etwas Zerbrechliches betrachtet.“
Dann wurde sein Blick beinahe schmerzhaft ehrlich. „Aber ich habe unterschätzt, wie sehr du Angst hattest, mich zu verlieren.“
Er ließ die Hand langsam wieder sinken. „Und vielleicht habe ich auch unterschätzt, wie sehr ich Angst hatte, dich zu verlieren.“
Die Worte standen zwischen ihnen. Diesmal wich er ihnen nicht aus.
„Du hast nichts kaputtgemacht, Mina.“ Ein kleines, warmes Lächeln trotz der Sorge in seinen Augen.
„Du bist einfach davongelaufen.“ Er neigte leicht den Kopf.
„Und ich war dumm genug, dir hinter herzusehen, statt dich aufzuhalten.“
Ein winziger Funke seines üblichen Humors kehrte zurück. „Das war vermutlich keine meiner brillanteren Entscheidungen.“
Sie schüttelte den Kopf. "Doch hätte ich", und riss dann erschrocken die Augen auf. Er hatte es gemerkt? "Das ist doch mein Satz", kam es erstickt von ihr. Als er sagte das sie ihm das hätte sagen können schüttelte sie den Kopf. "Nein das hätte noch mehr verkompliziert. Wo du doch..." Sie nickte als er sagte sie wäre weggerannt. "Du hast doch gesagt....hätte ich aber wenn ich geblieben wäre."
G’rahas Ohren zuckten bei ihrem Einwand, und für einen Moment lag tatsächlich etwas beinahe Belustigtes in seinem Blick.
„Ja.“ Er neigte leicht den Kopf. „Das ist dein Satz.“
Ein kleines, warmes Lächeln. „Ich glaube, du hast ihn mir inzwischen so oft gesagt, dass er langsam auf mich abfärbt.“
Doch das Lächeln verschwand wieder, als er ihren letzten Worten lauschte. „Wenn du geblieben wärst...“
Er wiederholte die Worte leise. Dann sah er sie lange an.
„Dann hätten wir darüber gesprochen.“
Keine Ausflucht. Kein Zögern. „Vielleicht wäre es kompliziert geworden.“
Er atmete tief ein. „Vielleicht hätte es Dinge gegeben, über die wir uns hätten streiten müssen.“
Sein Blick glitt kurz über ihr Gesicht. „Vielleicht wären wir beide ein wenig überfordert gewesen.“
Eine Pause. „Aber das wäre nicht dasselbe gewesen wie etwas kaputtzumachen.“
Er machte einen kleinen Schritt näher. „Weißt du, was ich glaube?“
Seine Stimme wurde sanfter. „Du hattest Angst davor, dass deine Gefühle etwas verändern könnten.“
Er hob leicht die Schultern. „Und deshalb hast du versucht, alles unverändert zu lassen.“
Ein trauriges Lächeln. “Nur... dadurch hat sich trotzdem alles verändert.“
Sein Blick blieb auf ihr. „Du bist verschwunden.“
Er schluckte. „Ich habe dich vermisst.“
Ein kurzer Atemzug. „Und jetzt stehen wir hier und versuchen herauszufinden, was eigentlich passiert ist.“
Er ließ die Worte einen Moment wirken. „Du sagst, es wäre komplizierter geworden, wenn du geblieben wärst.“
Seine Augen wurden ernst. „Vielleicht.“
Dann hob er leicht eine Augenbraue. „Aber seit wann hast ausgerechnet du Angst vor komplizierten Dingen?“
Ein Hauch von Schalk kehrte zurück.
Du hast mich schließlich auch während einer Kissenschlacht auf einem Sofa angegriffen, obwohl du wusstest, dass ich mich irgendwann wehren würde.“
Sein Blick wurde wieder warm. „Und du bist trotzdem geblieben.“
Er ließ einen kleinen Abstand zwischen ihnen. „Du hättest damals bleiben können, Mina.“
Ein leises Ausatmen. „Und du kannst auch jetzt bleiben.“
Dann fügte er sehr ruhig hinzu: „Aber diesmal musst du nichts versprechen.“
Sein Blick wanderte kurz zu ihren Tränen.
„Du musst mir auch nicht sofort sagen, was du fühlst.“
„Bleib einfach.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Nur für einen Moment.“
Zitternd atmete sie aus. Die tränen liefen ihr immer noch über die Wangen aber sie senkte die Hände. "Du hast selber gesagt man kann es nicht erzwingen. Vielleicht hätte ich es es unbewusst gemacht....das wollte ich nicht. Ich hab es akzeptiert in dem ich...gegangen bin."Sie schluckte wieder schwer. "Warum?", fragte sie auf seine letzten Worte.
G’raha schwieg einen langen Moment. Die Frage war so leise gewesen, dass sie beinahe im Wind unterging.
„Warum?“ Er wiederholte sie, als müsste er selbst erst die richtige Antwort finden. Dann sah er sie direkt an.
„Weil ich dich nicht noch einmal wochenlang vermissen möchte.“ Seine Stimme war ruhig, aber völlig ehrlich.
„Und weil ich nicht möchte, dass du glaubst, Weggehen wäre die einzige Möglichkeit, mit deinen Gefühlen umzugehen.“
Er machte einen kleinen Schritt näher. „Du hast recht. Gefühle kann man nicht erzwingen.“
Sein Blick glitt über ihr Tränen verschmiertes Gesicht. „Und ich würde niemals von dir verlangen, dass du etwas fühlst, was du nicht fühlst.“
Eine kurze Pause. „Aber du hast etwas anderes getan.“
Seine Ohren senkten sich leicht. „Du hast für uns beide entschieden, dass Abstand die beste Lösung ist.“
Er schüttelte sanft den Kopf. „Und genau das möchte ich nicht.“
Seine Stimme wurde leiser. „Wenn du mir irgendwann sagst, dass du nur meine Freundin sein möchtest, werde ich das akzeptieren.“
Er schluckte. „Es würde vielleicht wehtun.“
Ein kleines, ehrliches Lächeln. „Sehr sogar.“
Dann sah er ihr wieder in die Augen. „Aber ich würde lieber eine Wahrheit hören, die mir wehtut, als eine Lüge, die uns beide voneinander fernhält.“
Er ließ die Worte wirken. „Deshalb frage ich dich, warum du bleiben sollst.“
Ein weiterer kleiner Schritt. Jetzt war nur noch wenig Abstand zwischen ihnen. „Nicht damit du etwas tun musst.“
„Nicht damit du mir irgendetwas versprichst.“
Seine Stimme wurde ganz sanft. „Sondern weil ich möchte, dass du selbst entscheiden darfst, ob du neben mir stehen möchtest.“
Er hob langsam eine Hand. Diesmal blieb sie nicht einfach in der Luft. Er hielt sie ihr entgegen, ohne sie zu berühren. „Und wenn du jetzt trotzdem gehen möchtest...“
Ein trauriges Lächeln. „Dann lasse ich dich gehen.“
Sein Blick blieb auf ihr ruhen. „Aber wenn du bleibst...“
Er schluckte. „Dann bleibe ich auch.“
Sie verstand nicht, in ihren Kopf herrschte Chaos während sie auf seine Hand starrte die er ihr entgegenhielt. Was sollte sie jetzt damit? Fragend blickte sie zu ihm auf. Was hieß das denn jetzt alles, irgendwie sagte er viel aber auch wieder nichts für für sie. Aber sie blieb stehen.
G’raha sah, dass sie seine Hand nur anstarrte. Für einen Moment schien er selbst zu überlegen, ob er zu viel gesagt hatte. Dann lächelte er ganz schwach.
„Entschuldige.“
Seine Hand blieb ausgestreckt, aber er bewegte sie keinen Zentimeter näher. „Ich merke gerade, dass ich schon wieder viel rede und dabei vermutlich alles nur noch verwirrender mache.“
Ein leises, verlegenes Lachen. „Eine meiner besonderen Fähigkeiten.“
Er sah auf seine eigene Hand und dann wieder zu Mina. „Du musst damit übrigens nichts Bestimmtes machen.“
Seine Finger entspannten sich. „Ich wollte dir nur zeigen, dass ich da bin.“
Er hielt ihren Blick. „Und dass du nicht alleine entscheiden musst, wie es jetzt weitergeht.“
Eine kurze Pause. „Du hast wochenlang versucht, die richtigen Entscheidungen für uns beide zu treffen.“
Seine Stimme wurde sanft. „Vielleicht darfst du diesmal einfach eine kleine Entscheidung für dich treffen.“
Seine Hand blieb zwischen ihnen. „Du kannst sie nehmen.“
Ein kleines Lächeln. „Oder du kannst sie ignorieren.“
„Du kannst bleiben.“
„Oder du kannst gehen.“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Ich werde dich nicht festhalten.“
Sein Blick wurde wieder ernster. „Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich dich nicht aus meinem Leben haben möchte.“
Das war diesmal ungewöhnlich direkt. Kein Rätsel. Keine Andeutung.„Nicht als Pflicht.“ „Nicht aus Mitleid.“
„Und ganz bestimmt nicht, weil ich vergessen hätte, was zwischen uns passiert ist.“
Seine Ohren zuckten leicht. „Ich möchte dich einfach wiedersehen können, ohne dass einer von uns dabei davonläuft.“
Ein leises Lächeln. „Und vielleicht können wir irgendwann darüber sprechen, was du eigentlich unter kompliziert verstehst.“
Er sah sie an. „Aber heute musst du mir keine Antwort geben.“
Seine ausgestreckte Hand blieb ruhig.
„Bleib einfach noch ein bisschen hier.“Ein winziger Moment.
„Das wäre für den Anfang genug.“
Ein kurzes schiefes lächeln ihres Mundes. Dann schüttelte sie wieder stumm den Kopf, hob zögerlich ihre Hand, er konnte sehen das sie zitterte. Kurz zuckte sie zurück und schaute zu ihm auf. Einseitig verliebt zu sein tat so weh, aber da musste sie wohl durch. Lieber das als ohne diese Freundschaft. Und anstatt seine Hand zu nehmen legte sie beide Arme um seine Hüfte und überbrückte den letzten Schritt in dem sie sich an ihn schmiegte. Nur einen kleinen Augenblick so bleiben. Wenn er sowieso mitbekommen hatte wie es um sie stand.
G’raha hielt für einen Herzschlag den Atem an. Er hatte mit vielem gerechnet. Damit, dass sie seine Hand nahm. Damit, dass sie sie wegschob. Vielleicht sogar damit, dass sie wieder davonlief. Aber nicht damit. Seine Arme blieben zunächst reglos an seinen Seiten, als müsste sein Verstand erst begreifen, was gerade geschah. Dann spürte er, wie sie sich an ihn schmiegte. Ganz vorsichtig. Als wäre selbst diese kleine Nähe etwas, das sie sich nur für einen einzigen Augenblick erlaubte. G’raha schloss langsam die Augen.
„Mina...“
Ihr Name war kaum hörbar. Er hob schließlich die Arme und legte sie behutsam um sie. Nicht fest. Nicht besitzergreifend. Nur so, dass sie jederzeit hätte zurückweichen können. Eine Hand legte sich sanft zwischen ihre Schulterblätter.
„Nur einen kleinen Augenblick“, murmelte er.
Ein leises Lächeln lag in seiner Stimme. „Das kann ich dir wohl erlauben.“
Doch sein Herz schlug inzwischen mindestens genauso schnell wie ihres. Er hatte sie vermisst. Viel mehr, als er sich während der letzten Wochen eingestehen wollte. Und jetzt war sie wieder hier. In seinen Armen. Für diesen einen kurzen Moment wollte er nicht darüber nachdenken, was danach kommen würde. Keine andere Frau. Keine Missverständnisse. Keine Entscheidungen. Nur Mina. Seine Hand bewegte sich ganz leicht über ihren Rücken.
„Du musst dich nicht beeilen.“ Seine Stimme war warm und ruhig. „Ich halte dich.“
Ein kleiner Moment verstrich. Dann fügte er beinahe flüsternd hinzu: „Und ich werde dich nicht einfach wieder verschwinden lassen.“
Hinter ihm standen die anderen noch immer einige Schritte entfernt. Alphinaud hatte inzwischen demonstrativ den Blick zum Wasser gerichtet. Alisaie sah aus, als würde sie sich gerade mit aller Kraft davon abhalten, irgendetwas zu kommentieren. Y’shtola dagegen beobachtete die beiden nur mit einem kaum sichtbaren, zufriedenen Lächeln. Sie hatte ihre Vermutung. Aber sie würde den beiden nicht dazwischenfunken. Nicht jetzt.
Mit seinen letzten Worten drückte sie sich ein Stückchen fester an ihn und hielt sich hinten an seinen Shirt fest, so als wollte sie ihn daran hinter einfach zu verschwinden falls er sich doch noch plötzlich anders überlegen würde.
G’raha spürte sofort, wie sich ihre Finger fester in seinen Stoff krallten. Sein Blick senkte sich zu ihren Händen. Ein kleines, warmes Lächeln huschte über sein Gesicht. Er sagte zunächst nichts. Stattdessen schloss er seine Arme ein wenig sicherer um sie.
„Ich habe nicht vor, irgendwohin zu verschwinden.“
Seine Stimme war ruhig, beinahe ein Flüstern. Eine Hand blieb an ihrem Rücken liegen, während die andere sich behutsam auf ihren Arm legte.
„Und wenn ich vorhätte, plötzlich wegzulaufen, wäre das vermutlich ausgesprochen schwierig.“
Ein leiser Hauch seines üblichen Humors. „Du hältst mich schließlich fest.“
Er spürte, wie angespannt sie noch immer war. Also wurde sein Ton wieder sanft.
„Mina...“
Er machte eine kleine Pause. „Du musst mich nicht festhalten, damit ich bleibe.“
Seine Finger strichen einmal beruhigend über ihren Arm.
„Ich bleibe, weil ich bleiben möchte.“ Diese Worte kamen ohne Zögern. Dann schloss er kurz die Augen.
„Und falls du gerade nur diesen einen Augenblick brauchst...“
Sein Kinn senkte sich leicht, sodass seine Stimme näher an ihrem Ohr war. „Dann gehört er dir.“
Er hielt sie einfach weiter. Keine Fragen. Keine Forderungen. Keine Erklärungen. Nur diese kurze Ruhe nach all den Wochen voller Missverständnisse. Nach einer Weile murmelte er leise: „Allerdings muss ich gestehen...“
Ein kleines Schmunzeln. „Ich hatte mir unsere nächste Begegnung etwas weniger dramatisch vorgestellt.“
Sein Schweif bewegte sich leicht hinter ihnen. „Vielleicht mit Kaffee.“
Eine Pause. „Und ohne dass du vorher wochenlang vor mir davonläufst.“
Für einen Moment wurde sein Lächeln spürbar. „Das wäre vermutlich eine Verbesserung.“
Ein schniefen an seiner Brust und ihr Schweif hebte sie etwas und wedelte etwas hin und her. Das erste Zeichen seit Wochen wo er schlaff herunter gehangen hatte vor Kummer. Sie war gerade nicht fähig zu sprechen, der Klos in ihren Hals war zu groß, das sie auch nur ein Wort heraus bekommen hätte.
G’raha bemerkte die Bewegung ihres Schweifs sofort. Sein Blick fiel kurz darauf, und etwas in seinem Gesicht wurde weich. Wochenlang hatte er sich gefragt, ob er dieses fröhliche Wedeln überhaupt noch einmal sehen würde. Jetzt war es da. Nur ganz leicht. Aber es war da. Er sagte nichts. Er musste nichts sagen. Stattdessen strich seine Hand langsam und beruhigend über ihren Rücken. Als er ihr Schniefen hörte, zog er sie ein klein wenig näher an sich.
„Schon gut“, murmelte er leise. „Du musst nichts sagen.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein ruhiger Ton an ihrem Ohr. „Nicht jetzt.“
Er ließ ihr Zeit. Keine Fragen. Kein Drängen. Nur seine Arme, die sie weiterhin sicher hielten. Nach einem Moment senkte er den Kopf ein wenig.
„Und falls du gerade Angst hast, dass ich morgen wieder verschwunden bin...“
Eine kurze Pause. „Dann kann ich dich beruhigen.“
Ein kleines Lächeln schwang in seiner Stimme. „Ich habe morgen tatsächlich vor, dich wiederzusehen.“
Seine Hand blieb ruhig an ihrem Rücken. „Und übermorgen vermutlich auch.“
Er atmete leise aus. „Es sei denn, du wirfst mich vorher wieder mit einem Kissen aus deiner Wohnung.“
Ein Hauch von Wärme lag in seinen Worten. „Dann müsste ich meine Strategie überdenken.“
Er schwieg wieder. Der Wind strich über die Brücke. Und G’raha hielt Mina einfach weiter fest. Nicht weil er eine Antwort erwartete. Nicht weil er wusste, was zwischen ihnen nun werden würde. Sondern weil sie gerade endlich aufgehört hatte wegzulaufen. Und für diesen Augenblick war das genug.
Sie schniefte noch ein zweimal und atmete tief ein bevor sie sich etwas gefasst hatte. In der Zeit wo sie an G’raha gekuschelt war hatte sie für sich beschlossen lieber eine unerwiderte liebe zu G’raha als das sie sich seine nähe verbot. Das hielt sie nicht aus. Mit roten Augen hob sie dann den Kopf. "Hi", kam es von ihr. "Du hast mir schrecklich gefehlt"
G’raha hielt für einen Moment völlig still. Diese wenigen Worte trafen ihn vermutlich härter als alles, was sie ihm zuvor gesagt hatte. Du hast mir schrecklich gefehlt. Seine Augen wurden ein wenig größer, bevor sich etwas in seinem Gesicht löste. Die Anspannung, die er seit ihrer Begegnung mit sich herumgetragen hatte, schien für einen Moment von ihm abzufallen.
„Hi“, erwiderte er leise.
Ein beinahe ungläubiges Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Du mir auch.“
Seine Arme schlossen sich einen Hauch fester um sie. Nicht viel. Nur gerade genug, um ihr zu zeigen, dass ihre Worte angekommen waren.
„Mehr, als ich vermutlich zugeben wollte.“
Er atmete tief durch und senkte den Kopf ein wenig. „Und ich glaube, ich habe gerade eine ziemlich wichtige Erkenntnis gewonnen.“
Ein winziger Funke von Schalk erschien in seinen Augen. „Ich mag dich wesentlich lieber, wenn du nicht versuchst, mir wochenlang aus dem Weg zu gehen.“
Dann wurde er wieder ernst. „Aber...“
Er zögerte kurz. „Du musst mir nicht sofort erzählen, was du für mich empfindest.“
Seine Hand strich einmal beruhigend über ihren Rücken. „Ich habe verstanden, dass du Angst hattest.“
Er sah auf sie hinab. „Und ich möchte nicht, dass du jetzt aus Angst vor meiner Reaktion wieder davonläufst.“
Ein leises Lächeln. „Also können wir langsam machen.“
Hinter ihm räusperte sich plötzlich jemand. Sehr auffällig. G’raha hob den Kopf. Alisaie stand einige Schritte entfernt und hatte die Arme verschränkt.
„Entschuldigt die Störung.“ Ihr Gesicht sagte allerdings ziemlich deutlich, dass sie sich überhaupt nicht entschuldigte. Alphinaud stand neben ihr und wirkte wesentlich verlegener.
„Alisaie…“
„Was denn? Wir stehen hier seit einer gefühlten Ewigkeit herum.“
Y’shtola trat schließlich ebenfalls näher. Ihr Blick fiel zuerst auf Mina, dann auf G’raha. Ein kaum sichtbares Lächeln.
„Ich nehme an, die beiden haben inzwischen festgestellt, dass sie miteinander reden können.“
G’raha wurde prompt etwas rot.
„Y’shtola.“
„Was?“
Alisaie grinste. „Ich finde, sie hat recht.“
Alphinaud seufzte. „Bitte entschuldigt meine Schwester.“
„Ich bin direkt hier.“
„Das weiß ich.“
Y’shtola wandte sich nun Mina zu.
„Und du musst Mina sein.“
G’raha blinzelte. „Ihr habt euch doch bereits getroffen.“
„Natürlich.“ Y’shtolas Blick wanderte kurz zu G’raha.
„Aber damals hatte ich keine Gelegenheit, euch ordentlich miteinander bekannt zu machen.“
Alisaie trat neugierig einen Schritt vor. „Ich bin Alisaie.“
Sie deutete auf den jungen Mann neben sich. „Und das ist mein Bruder Alphinaud.“
Alphinaud verbeugte sich höflich. „Es freut mich sehr, dich kennenzulernen.“
G’raha schloss kurz die Augen.
„Ich hätte euch vielleicht erwähnen sollen.“
Alisaie grinste. „Du hast sehr viel von ihr erwähnt.“
G’rahas Ohren schossen nach oben. „Alisaie.“
„Was denn?“
Y’shtola sagte seelenruhig. „Sie übertreibt nicht.“
G’raha sah aus, als würde er gerade ernsthaft erwägen, sich samt seiner Bücher von der Brücke zu stürzen. Und zum ersten Mal seit Wochen lag wieder dieses vertraute, beinahe schelmische Funkeln in seinen Augen.
Sie blickte von einem zum anderen. Verfolgte gespannt die Unterhaltung ohne G’raha los zu lassen. Dabei entstand langsam seit langen wieder ein lächeln auf den Lippen. Unweigerlich löste sie sich dann doch von dem Kater. "Hallo Mutti Y’shtola", grüßte sie diese. "Und ihr müsst die Zwillinge sein. Freut mich euch endlich mal kennen zu lernen", schaute sie von einem zum anderen.
Y’shtola hob bei dem vertrauten „Mutti“ eine Augenbraue. „Ich sehe, du hast dir das tatsächlich gemerkt.“
Ein kaum sichtbares Schmunzeln lag auf ihren Lippen. „Und ich nehme an, meine Suppentherapie hat gewirkt.“
Alisaie blinzelte. „Mutti?“
Alphinaud sah ebenfalls kurz zu Y’shtola. „Das ist eine längere Geschichte, nehme ich an.“
„Eine sehr kurze“, erwiderte Y’shtola trocken. „Mina war hungrig.“
Alisaie sah Mina an, dann Y’shtola und schließlich G’raha.
„Und deshalb bist du jetzt ihre Mutter?“
„Offenbar.“
G’raha konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. „Ich habe versucht, ihr zu erklären, dass Y’shtola durchaus keine—“
Y’shtola drehte langsam den Kopf zu ihm. „G’raha.“
„...Ich sage nichts mehr.“
Alisaie grinste breit. „Ich mag sie.“
Alphinaud lächelte höflich und neigte den Kopf.
„Es freut mich ebenfalls sehr, dich endlich kennenzulernen, Mina. Ich habe schon einiges von dir gehört.“
G’raha wurde prompt aufmerksam.
„Alphinaud.“
„Was?“
„Was genau hast du gehört?“
Alphinaide überlegte demonstrativ. „Dass sie gerne Kaffee trinkt.“
Alisaie hob einen Finger. „Dass sie Bücher mag.“
Noch einen. „Dass sie Badehäuser liebt.“
G’rahas Ohren wurden immer röter.
Alisaie setzte ihr unschuldigstes Gesicht auf. „Und dass du eine bemerkenswerte Begabung dafür besitzt, ihn zu ärgern.“
Mina konnte sehen, wie G’raha langsam die Hand vors Gesicht hob. „Ich hätte euch niemals miteinander bekannt machen dürfen.“
Y’shtola sah ihn trocken an. „Du hast sehr viel über sie erzählt.“
„Ich weiß.“
„Sehr viel.“
„Y’shtola.“
Alisaie lachte. „Oh, das wird lustig.“
G’raha ließ die Hand sinken und blickte Mina an. „Ich fürchte, ich habe einen Fehler gemacht.“
Sein Blick wurde für einen Moment wieder warm. „Oder vielleicht auch nicht.“
Alphinaud schmunzelte. „Nun, nachdem wir uns nun tatsächlich kennen gelernt haben, könnten wir vielleicht irgendwo hingehen, wo wir nicht mitten auf einer Brücke stehen.“
Alisaie nickte sofort. „Ich wäre für etwas zu essen.“
Y’shtola sah Mina an. „Eine ausgezeichnete Idee.“
Dann fiel ihr Blick auf G’raha. „Und du solltest ebenfalls etwas essen.“
„Ich habe—“
„G’raha.“
Er verstummte. Mina dürfte der Tonfall inzwischen bekannt vorkommen.
Alisaie grinste. „Oh. Sie macht das wirklich mit allen.“
G’raha seufzte ergeben. „Offenbar bin ich von Müttern umgeben.“
Y’shtola lächelte zufrieden. „Dann kommst du vielleicht endlich einmal dazu, vernünftig zu essen.“
Und während die kleine Gruppe sich langsam von der Brücke entfernte, blieb zwischen Mina und G’raha nur ein kleiner Abstand. Nicht mehr die große, schmerzhafte Distanz der letzten Wochen. Nur ein paar Schritte. Und diesmal ging keiner von beiden davon.