Teil 19 und 20
Teil 19 und 20
Neunzehnter Teil
Was war nun zu tun? Was bloß?
Zunächst trug ich mich mit dem Gedanken, auf der Stelle eine neue Praxis aufzusuchen. Doch ich besann mich, hielt inne und sprach mir zu: „Denke in aller Ruhe nach, handle nicht übereilt.
So versuchte ich, das Geschehene Szene für Szene vor meinem inneren Auge ablaufen zu lassen — wie einen Film in extremer Zeitlupe. Ich suchte nach jenen feinen, unscheinbaren Gesten, die mir den tiefen Grund für sein Verhalten offenbaren könnten. Denn ein solch ungeheuerliches Gebaren war mir bisher nur in einem einzigen Kontext begegnet: Wenn der Andere dir unmissverständlich zu verstehen geben will: „Habe nichts mit mir zu schaffen.“
Zunächst stellte ich zwei Hypothesen auf: Die erste besagte, dass dieser Mann sein Handwerk schlicht nicht verstand; die zweite schrieb seine Reaktion der Tatsache zu, dass ich mich für eine Kassenfüllung entschieden hatte.
Glaubte dieser Arzt wahrhaftig, eine Kassenfüllung sei dazu da, Zähne zu verwüsten? Bildete er sich ein, er habe das Recht, ein solches Material schlampig hineinzuklatschen, weil er es für wertlos hielt — ganz so, als sei es von vornherein zur Nutzlosigkeit verdammt?
Dabei erfüllt eine solche Füllung aus technischer Sicht exakt denselben Zweck wie jede andere auch — vorausgesetzt, der Arzt führt sein Werk mit der gebotenen Pflichtausübung aus. Dass sie von der Versicherung getragen wird, beraubt sie keineswegs ihres Wesens als medizinische Füllung; die Krankenversicherung begleicht schließlich die Kosten einer Arbeit, ganz gleich, welches Material zur Anwendung gelangt. Zudem existieren diese Füllungen in unterschiedlichen Nuancen; ein Arzt, der seine Arbeit achtet, vermag damit Beeindruckendes zu schaffen. In ärmeren Ländern formt man aus solchem Material ganze Kronen und Brücken.
Ich bin von jeher der festen Überzeugung: „Ein geschickter Bauer vermag die Ernte beinahe ebenso gut mit dem Horn einer Ziege einzuholen wie mit der schärfsten Sense.“ Auf die Medizin übertragen bedeutet dies: Ein tüchtiger Zahnarzt füllt den Zahn, um ihn zu schützen — ganz gleich, welches Material ihm zur Verfügung steht. Denn so wie der Bauer das eigentliche Werk — das Einholen der Ähren — unabhängig vom Werkzeug vollzieht, das lediglich Zeit spart, aber das Wesen des Ergebnisses nicht verändert, so vermag auch der Zahnarzt mit jedem verfügbaren Werkstoff eine Füllung von derselben Schutzwirkung zu schaffen. Das Gegenstück dazu gilt freilich ebenso — und genau darin liegt der Kern jener Weisheit: Wer das Ernten nicht versteht, dem nützt das beste Werkzeug nichts. Und ein Arzt, der eine schlichte Amalgam- oder Kassenfüllung nicht fachgerecht einzubringen vermag, vermag überhaupt keine Füllung zu setzen.
Das Verächtlichmachen der Kassenfüllung ist in Wahrheit nichts als der klägliche Versuch, das eigene Unvermögen zu verschleiern. Hier trifft jenes den Deutschen wohlvertraute Sprichwort den Nagel auf den Kopf: „Der schlechte Handwerker schimpft auf sein Werkzeug.“
Ich rief mir das Antlitz des Arztes ins Gedächtnis zurück, wie er über meinen Mund gebeugt bohrte. Wann immer der Bohrer innehielt und ich die Augen ein wenig öffnete, schien es mir, als wende er beim Bohren den Kopf ab. Er setzte das Instrument an, setzte es in Gang, wandte aber das Gesicht seitwärts ab — erst wenn ich die Lider hob, kehrte sein Blick in meinen Mund zurück.
War da etwa ein Geruch, der ihn störte?
Ich suchte krampfhaft in meiner Erinnerung, ob irgendein Geruch von mir ausgegangen sein könnte. Doch ich rauchte längst nicht mehr, pflegte meine Zähne und meinen Mundraum mit äußerster Akribie — erst recht vor einem Zahnarztbesuch. Ich benutzte keinerlei Parfüm oder Duftstoffe und wusch Körper und Haupt ausschließlich mit milder Babyseife. Mein Haar schor ich mir seit jeher vollkommen kahl, ebenso wie den Bart …
Was dieser Arzt getan hatte, besaß mehr als nur eine Ursache — so mein schlussfolgerndes Urteil. Doch was auch immer die Beweggründe gewesen sein mochten: Das tatsächliche Ergebnis war eine tiefe körperliche und seelische Versehrung.
Zum allerersten Male spürte ich — womöglich weil die seelische Demütigung diesmal von einem physischen Schaden begleitet war —, dass dieser Mensch mich aus irgendeinem Grunde zutiefst verachtete.
Durch mein Handwerk und meine Leidenschaft besitze ich eine Vielzahl feiner Werkzeuge, Vorrichtungen und technischer Mittel, die mir hochpräzise Arbeiten ermöglichen. Zudem hatte ich mir bei früheren Behandlungen von jener Prophylaxe-Helferin stets jene feinen Schleifstreifen geben lassen — ein Material, das feinstem Schmirgelpapier glich. Sie hatte mich stets davor gewarnt, diese Streifen im eigenen Mund anzuwenden, und mir das Versprechen abgenommen, dies niemals zu tun, ehe sie mir aushändigte, was sie ohnehin weggeworfen hätte — jene Streifen, die bei mir bereits im Einsatz gewesen waren. Ich hatte es ihr versprochen und mich auch stets daran gehalten; ich nutzte diese Streifen lediglich einmal, um ein hochfiligranes Metallwerkstück zu schleifen und zu polieren.
Nun aber sagte ich mir — fest entschlossen, die Schwelle dieser Praxis nie wieder zu übertreten, was auch geschehen möge: „Ich muss diese beiden Zähne voneinander trennen, sonst werde ich kein Auge zumachen können.“
Ich ging unverzüglich ans Werk. Mehr als zwei Tage lang verbrachte ich damit, beharrlich zu probieren, zu testen und mit äußerster Behutsamkeit zu schleifen — bis es mir schließlich gelang, die Zähne so weit zu trennen, dass die feine Seide wieder mühelos durch den Zwischenraum gleiten konnte.
Die Erleichterung über diesen Triumph war von unschätzbarem Wert.
Ich rief in der Praxis an, sagte den bevorstehenden Termin ab und erklärte, ich werde mich wieder melden, sobald ich wisse, wann ich die Behandlung fortsetzen könne.
Zwanzigster Teil
Ich wusste mit absoluter Gewissheit, dass der regelmäßige Gang zum Zahnarzt für mich eine unumgängliche Notwendigkeit darstellte. Ich konnte es mir — erst recht mit voranschreitendem Alter — keinesfalls leisten, ohne zahnärztliche Begleitung zu bleiben oder auf die periodischen Kontrollbesuche zu verzichten.
Meine Zähne besaßen von Natur aus nicht jene genetische Robustheit, die ihnen dauerhafte Widerstandskraft verleiht; überdies wiesen sie mittlerweile zahlreiche tiefe Höhlungen auf, was die Gesamtlage nur noch weiter verschlimmerte — oder wie man zu sagen pflegt: „Es goss zusätzlich Wasser in den bereits aufgeweichten Lehm.“
Eine beträchtliche Anzahl jener Füllungen wäre in Wahrheit gar nicht nötig gewesen; insbesondere die Eingriffe am sechsten Zahn sowie am vierten und fünften Zahn im linken Oberkiefer hätten keineswegs von solch gewaltigem Ausmaß und solch verheerender Tiefe sein dürfen.
Doch das Geschehene war unumkehrbar, und ich musste — wie immer in meinem Leben — von dem ausgehen, was tatsächliche Realität war.
Diese fundamentale Maxime rettet mich seit jeher vor unüberlegten Schritten, vor dem Anrufen juristischer Paragrafen oder dem Verfallen in die Opferrolle … Denn all dies vermag das Verlorene nicht wiederzubringen, solange das Verlorene ein Teil meines eigenen Körpers ist.
So gehe ich stets von den real vorhandenen Gegebenheiten aus — selbst wenn ich von etwas träume, das gewisser Mittel bedarf. Bedarf ein Wunsch etwa einhundert Euro, so kalkuliere ich nüchtern mit jenen fünf Euro, die ich tatsächlich in den Händen halte.
Ich gelangte zu dem Schluss, dass es wohl ratsam sei, eine Gemeinschaftspraxis aufzusuchen, in der mehrere Ärzte tätig sind. Solche Großpraxen schossen heutzutage wie Pilze nach einem warmen Regenguss im Herbst aus dem Boden — ganz besonders auf den Gebieten der Zahnheilkunde und der Augenmedizin. Es schien, als greife die Privatisierungswelle nun vollends auf jene öffentlichen und privaten Sektoren des Gesundheitswesens über — einen Bereich, dessen ureigenster Zweck doch selbst in kühnsten Träumen niemals der reine Profit sein dürfte.
Doch die Investoren und die Kapitalgeber dieser Privatisierungswellen im öffentlichen Sektor wissen ganz genau, „wie der Hase läuft“; sie spüren treffsicher auf, wo der garantierte Gewinn begraben liegt. Und so wählen sie gezielt jene medizinischen Disziplinen aus, die den höchsten Ertrag versprechen.
In meinem damaligen Denken wiegte ich mich in der Hoffnung, dass in solch gewinnorientierten Praxen das ästhetische Erscheinungsbild meines Gebisses womöglich als Ansporn dienen könnte: Die Praxis würde sich gewiss bemühen, aus meinen Zähnen keine wandelnde Negativwerbung werden zu lassen — ja, womöglich würde eine gelungene Restaurierung gar als Aushängeschild genutzt werden?
(In Wahrheit wohnte diesem Gedankengang ein schwerwiegender logischer Fehlschluss inne, den ich erst später durchschaute: Dem Monopolprofit ist der Wettbewerb vollkommen gleichgültig, da er ihn gar nicht nötig hat. Am Ende bleibt alles an der individuellen Haltung des behandelnden Arztes hängen — entweder er achtet seine eigene berufliche Ehre, oder er tut es nicht. Ein echter Wettbewerb um Kranke und Heilungen ist ohnehin eine Unmöglichkeit; handele es sich hierbei doch nicht um Strümpfe oder Automobile, die man nach Farbe und Schnitt vergleichen könnte — die Gesundheit ist schließlich keine Ware. In solchen rein profitgetriebenen Praxen wird daher an allen Ecken und Enden gespart, um den Ertrag zu maximieren).
(Wenn man über das Wesen des Profits nachdenkt, kommt man nicht sogleich auf den Gedanken, dass die eigentliche „Tugend des Profits“ schlicht in seiner Maximierung besteht. Die Pragmatik schlägt hier unweigerlich in reine Profitgier um — eine Entwicklung, die wir heute mit erschreckender Beschleunigung erleben. Sogar Soziologen und Ökonomen beginnen mittlerweile, Pragmatismus und Profitstreben miteinander zu verwechseln. Dabei verbessert der Pragmatiker die Qualität der Strümpfe seiner Fabrik, um im Wettbewerb zu bestehen und Nutzen zu stiften; der Profitgesteuerte hingegen will ausschließlich die Zahl auf seinem Konto mehren … Um diesen Widerspruch zu kaschieren, erfinden manche künstliche Begriffe wie „Effizienz“).
Auf der Suche nach einer neuen Praxis begann ich, den Zähnen jener Menschen, die ich nach ihren Erfahrungen befragte, aufmerksam auf den Grund zu gehen.
Die großen Zentren lagen jedoch in weit entfernten Städten, und die Anreise wäre von beschwerlicher Mühsal gewesen. Bei meiner systematischen Recherche fiel mir schließlich auf, dass die Zähne eines Nachbarehepaares — insbesondere ihre Überkronungen — von bemerkenswerter handwerklicher Güte waren. Auf meine Nachfrage nannten sie mir den Namen eines Arztes in einer kleinen Nachbarstadt unseres Dorfes.
Ich rief in der Praxis an. Es waren mittlerweile mehr als vier Jahre vergangen, seit ich letztmals einen Zahnarztkonsultiert hatte. Abgesehen von dem sechsten Zahn, der einer Krone bedurfte, und einer winzigen Füllung, die herausgefallen war, litt ich unter keinen akuten Beschwerden. Ich ergriff die Gelegenheit und vereinbarte einen Termin in jenem Nachbarort.
Man gewährte mir überraschend schnell einen Termin für den darauffolgenden Tag.
Es handelte sich um eine kleine Praxis mit zwei Arzthelferinnen. Eine von ihnen eröffnete mir unverblümt und ohne jede Umschweife, während sie mich für die Untersuchung vorbereitete, dass sie einst in Kasachstan Zahnmedizin studiert habe, die Anerkennung ihres Diploms hierzulande jedoch aus irgendwelchen Gründen gescheitert sei.
Mir fiel auf, dass die Räumlichkeiten von dämmriger Düsterheit waren und das Instrumentarium ein beträchtliches Alter aufwies. Überdies bemerkte ich kleine Fliegen — jene Art, die sich bevorzugt an häuslichen Abflüssen ansiedelt — und erblickte gar eine von ihnen, wie sie am Abfluss des Behandlungsstuhls trank.
„Dies verheißt nichts Gutes“, raunte mir meine innere Stimme zu. Zugleich wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich vergessen hatte, mich vorab nach dem Alter dieses Arztes zu erkundigen.
Der Arzt betrat den Raum und begrüßte mich mit einer herzlichen, unverstellten Wärme — ganz wie jene selbstbewussten Bauern, die um die Ahnenkette ihrer Familie wissen und voller Stolz auf ihre Wurzeln blicken. Er war von magerer, jedoch ausgesprochen rüstiger Statur, ungeachtet seines Alters, das ich auf das Rentenalter schätzte.
(Diese vitale Gesundheit manifestierte sich in seinem Haar, seiner Haut, den Fältchen um seine Augen, seinen Nägeln und seinen gesamten Bewegungen).
Meine Schätzung erwies sich als zutreffend; denn während er mich nach den Gründen meines Kommens, meiner Herkunft und meiner Person befragte, eröffnete er mir beiläufig, dass er vor dem baldigen Ruhestand stehe.
Er erzählte mir ausführlich, dass er nicht hier im Ort wohne, sondern sein Haus an einem Bergabhang in Flussnähe stehe.
Sodann erkundigte er sich nach dem eigentlichen Anlass meines Besuchs. Ich schilderte ihm beide Anliegen und fügte hinzu, dass ich — sollte er mir eine Krone einsetzen — ein modernes Exemplar wünsche, nämlich eine metallfreie Vollkeramik, da dies nach meinem Kenntnisstand heutzutage technisch möglich sei.
Nachdem er mein Gebiss flüchtig in Augenschein genommen hatte, verweilte sein Blick auf dem sechsten Zahn im rechten Unterkiefer. Er fragte mich unvermittelt, ob diese Krone einst in Kasachstan gefertigt worden sei.
Ich versicherte ihm, dass dies nicht der Fall sei, die angewandte Technik jedoch durchaus sowjetischen Ursprungs sein könnte.
Er erklärte, diese Krone müsse zwingend erneuert werden, da sie den Zahnhals nicht mehr vollständig umschließe. Über den sechsten Zahn im linken Oberkiefer verlor er hingegen kein einziges Wort — ganz so, als habe er ihn gar nicht wahrgenommen.
Sodann begann er unverzüglich mit der Versorgung der herausgefallenen Füllung. Er bohrte, fräste und schliff, während er meine Wahl der modernen Kronen überschwänglich lobte. Er erwähnte beiläufig, dass er eng mit einem Dentallabor in Hongkong zusammenarbeite, das solche Kronen zu äußerst moderaten Preisen anfertige.
Er fragte mich mit keinem Wort nach dem gewünschten Material der Füllung. Er nahm eine Masse, formte sie zunächst zwischen seinen Fingern zu einer kleinen Kugel, drückte sie tief in die vorbereitete Kavität und presste sie mit dem Griff seines Handinstruments mit gewaltigem Druck an. Sodann wies er die Helferin an, das blaue Licht zu aktivieren, während er den Druck auf die Füllung während der gesamten Aushärtungsphase unerschütterlich aufrechterhielt!
Anschließend formte er die Oberfläche von erstaunlicher Schönheit — so zumindest meldete es mir meine Zunge. Das Relief wies feine Einkerbungen und Erhöhungen auf, die einem natürlichen Mahlzahn verblüffend nahekamen; er vollbrachte dies in einer geradezu wundersamen Geschwindigkeit. Auch die Bisshöhe erwies sich als keineswegs störend — wohl auch deshalb, weil die Füllung eher flach gehalten war.
„Was werde ich Ihnen dafür schulden?“, erkundigte ich mich.
„Nichts“, erwiderte er schlicht.
Ich sprach ihm und der Helferin meinen Dank aus. Letztere meinte beim Verlassen des Raumes, ich solle einen neuen Termin vereinbaren, sofern ich die Sache mit den Kronen weiterverfolgen wolle.
„Kronen?“, fragte ich mich im Stillen.
Ich dankte ihr höflich und meinte, ich werde mich telefonisch melden, sollte dies notwendig werden.
Die Füllung war in der Tat von bemerkenswerter Güte. „Dieser Arzt versteht es wahrhaftig noch, einen Zahn zu modellieren“, sagte ich mir auf dem Heimweg im Stillen, während meine Zunge den neuen Backenzahn unentwegt tastend erkundete.