Teil 21 und 22
Teil 21 und 22
Einundzwanzigster Teil
Am darauffolgenden Morgen, während ich beim Frühstück eine Schale Haferflocken mit einer zerdrückten Banane verzehrte, löste sich die Füllung vollkommen unvermutet aus dem Zahn. Sie sprang förmlich heraus; ich hätte sie beinahe verschluckt oder mir gar die angrenzenden Zähne an ihr zerbrochen.
Es war ein Vorfall, der jeglicher Erwartung trotzt hatte.
„Jeder Mensch ist Fehlern unterworfen“, dachte ich bei mir. Punkt acht Uhr rief ich in der Praxis an und schilderte das Geschehene. Die Helferin entgegnete mir, ich könne unverzüglich vorbeikommen, sofern es mir möglich sei. Ich dankte ihr und machte mich sogleich auf den Weg.
Die herausgefallene Füllung verwahrte ich in einem winzigen Tütchen und nahm sie mit — mir war nämlich der Gedanke gekommen, der Arzt möchte das abgeplatzte Stück womöglich genauer untersuchen, um der Ursache auf den Grund zu gehen.
Er hieß mich erneut mit jener gewohnten Herzlichkeit willkommen und fragte mich unvermittelt, ob ich der Urheber jener Internetseite sei, auf der Werke von ganz eigenständiger, künstlerischer Prägung zu bewundern seien. Ich bejahte dies und dankte ihm für das Kompliment. Daraufhin erkundigte er sich nach dem Leitgedanken eines dieser Werke; ich erläuterte ihm die Hintergründe, was er mit aufrichtiger Bewunderung aufnahm.
Sodann erklärte er mir, er müsse den Zahn nun seitlich ein wenig unterhöhlen, um der neuen Füllung einen mechanischen Halt zu verschaffen — nach der Methode des sogenannten Schwalbenschwanzes. Er beabsichtigte also, die innere Kavität breiter auszufräsen als die eigentliche Zugangsöffnung an der Oberfläche.
Ich überlegte einen Moment lang, welche Wendung die Dinge nehmen würden, wenn ich ihn darum böte, mir stattdessen eine hochwertige Privatfüllung einzubringen. Ich fasste mir ein Herz und sprach es aus, wobei ich hinzufügte: „Eine solche Füllung würde es entbehrlich machen, eine derart weitläufige Höhle im Inneren des Zahnes zu schaffen.“
Doch er wiegte bedauernd den Kopf und erklärte, solche Füllungen verarbeite er grundsätzlich nicht.
So willigte ich widerstrebend ein. Auf mein ausdrückliches Bitten verabreichte er mir eine Betäubung, ehe er zu bohren und zu fräsen begann — ganz so, als schürfe er nach einer verborgenen Goldader. Was er da schuf, glich in der Tat einer bodenlosen Höhle.
Anschließend brachte er das Material auf punktgenau dieselbe Weise ein wie am Tage zuvor; doch jene Kugel, die er zwischen den Fingern geformt und mit dem Schaft seines Handinstruments hineingepresst hatte, war diesmal von beträchtlich größerem Ausmaß.
Er modellierte die Oberfläche erneut mit derselben Verblüffung erregenden Meisterschaft: Jedes Detail fühlte sich für meine Zunge exakt so an wie am Vortag — bis hin zu den feinen Furchen und Erhöhungen auf dem Zahnrelief.
Ich sprach ihm erneut meinen Dank aus. Daraufhin erkundigte er sich, ob ich mich nun bezüglich der Überkronung entschieden habe. Die Krankenversicherung werde ihren Anteil übernehmen, und der von mir selbst zu tragende Eigenanteil halte sich in überschaubaren Grenzen, sofern wir die Kronen über jenes Labor in Hongkong fertigen ließen.
Ich erwiderte, dass ich dieses Vorhaben wohl demnächst in Angriff nehmen werde, es jedoch vorzöge, zunächst den sechsten Zahn im linken Oberkiefer behandeln zu lassen.
Er gab mir keine direkte Antwort, sondern raunte bloß ein beiläufiges: „Nun gut.“
Was mochte bloß so Furchterregendes an diesem sechsten Zahn haften, dass bisher alle Ärzte ihn beharrlich zu ignorieren schienen? Dieser Gedanke beschäftigte mich auf dem Heimweg unablässig.
Ich ertastete die neue Füllung mit der Zunge. Sie fühlte sich merkwürdig weich an — oder genauer gesagt: Das Empfinden meiner Zunge glich dem Gefühl, wenn man über hartes Wachs oder jene besondere Steinart streicht, die man als Speckstein bezeichnet.
Zweiundzwanzigster Teil
Was sich am darauffolgenden Morgen zutrug, glich dem Geschehnisse des Vortags in beinahe unheimlicher Weise — mit dem einzigen Unterschied, dass sich die Füllung diesmal beim Hantieren mit der Zahnbürste löste. Ich verwahrte sie in demselben kleinen Tütchen, in dem bereits das erste Fragment ruhte. Ihre Farbschattierung war ein wenig dunkler als die der ersten, und ihr Volumen übertraf das des vorherigen Stücks beträchtlich. Als ich sie am Abend einer genaueren Furchung unterzog, fiel mir auf, dass die von den Händen des Arztes gestalteten Oberflächenreliefs von verblüffend identischer Form waren — ganz so, als habe er die Anatomie dieser Struktur auswendig gelernt und reproduziere sie wie ein blinder Mechanismus.
Ich rief erneut in der Praxis an. Die Helferin entgegnete mir wiederum, ich könne unverzüglich vorbeikommen.
Und in der Tat traf ich kaum eine halbe Stunde später dort ein.
Das Erste, was meine Aufmerksamkeit erregte, war die völlige Abwesenheit jeglicher Entschuldigung seitens des Arztes. In seinem Unterbewusstsein schien er sich womöglich gar einzubilden, er erweise mir mit seinem Tun einen Wohlgefallen.
Er sprach klipp und klar:
„Nun gut, wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder lassen wir für diese Kavität“ — er meinte jene gewaltige Höhle, die er selbst geschlagen hatte — „eine im Labor gefertigte, feste Einlagefüllung anfertigen und zementieren sie ein, oder wir versehen diesen Zahn sogleich zusammen mit den übrigen mit einer Krone; denn die Höhlung ist nun wahrlich groß genug.“
Ich flehte ihn förmlich an, die Höhle vorerst schlicht zu verschließen. Nachdem er dies vollbracht hatte, dankte ich ihm und merkte beiläufig an, dass ich derzeit finanziell nicht in der Lage sei, all diese kostspieligen Eingriffe auf einmal zu stemmen; ich müsse die Sache zunächst in aller Ruhe durchdenken und entscheiden.
Dieser Entschluss stieß bei ihm sichtbar auf Missfallen. Ich spürte, dass ihm in diesem Augenblick klar wurde, dass meine Schritte seine Schwelle nie wieder übertreten würden.
Auf dem Heimweg fühlte sich die neue Füllung haargenauso an wie jene vom Vortag.
Ich wusste ohne jeden großen Denkaufwand, dass auch sie nicht von Dauer sein würde.
Ich musste ohne Verzug eine neue Praxis ausfindig machen; denn diese offene Höhle duldete keinen Aufschub und musste so rasch wie möglich fachgerecht versiegelt werden.
Mir kam ein Arzt in den Sinn, von dessen handwerklichem Können einst die Inhaber jener Firma gesprochen hatten, für die ich gelegentlich tätig war — sie selbst waren langjährige Patienten in seiner Kartei.
Ohne dass es einer nennenswerten Anstrengung bedurft hätte — ein bloßes, sanftes Berühren mit den Borsten der Zahnbürste genügte —, löste sich auch die dritte Füllung aus ihrer Verankerung. Ich gesellte sie zu ihren beiden Schwestern ins Tütchen. Die Ähnlichkeit zwischen den drei Gebilden war von einer beunruhigenden Faszination: Trotz der Unterschiede im Volumen wiesen ihre Oberflächen und Furchen exakt dieselbe Struktur auf.
Ich rief unverzüglich in der neuen Praxis an.
Da Gefahr im Verzuge war, gewährte man mir einen raschen Termin gleich nach dem bevorstehenden Wochenende.