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Teil 37 und 38

Zahn Nummer Fünf — www.fanfiktion.de · All chapters

Teil 37 und 38

Siebenunddreißigster Teil

Der Arzt trat ein, desinfizierte wie gewohnt seine Handschuhe, die er bereits beim Betreten trug, blickte zur Sprechstundenhilfe und raunte:

„Aha, aha, aha! Heute erstrahlt hier aber etwas in hellem Glanz!“ Nach diesen Worten verstummte er.

Unverzüglich begann er, den zweiten Zahn im linken Oberkiefer aufzubohren; doch er bohrte nicht tief, sondern ging sogleich dazu über, den Zahn zu füllen oder genauer gesagt: eine Füllungsmasse an den Zahn anzukleben.

Als er mir sodann den Handspiegel reichte, verharrte der dunkle Fleck nach wie vor an unveränderter Stelle; das Volumen des Zahnes hingegen hatte sich schlagartig beinahe verdoppelt — ganz so, wie meine Zunge es bereits Augenblicke zuvor registriert hatte. Der Zahn wies nunmehr eine seltsame Melange verschiedenster Farbtöne auf: ein gräuliches Etwas, gemischt mit Elfenbein, Braun und einem blassen Gelb!

Der Arzt hatte diesen Versuch unternommen, um die beträchtliche Lücke zwischen dem zweiten und dem dritten Zahn zu schließen — eine Lücke, die bei mir von Natur aus weit bemessen ist. Anschließend polierte er den Zahn, sodass er vollends das Aussehen eines minderwertigen Achat-Gesteins annahm. Mit der Zunge vermochte ich gar eine Oberfläche zu ertasten, die rauem, mit einer Drahtbürste behandeltem Holz  glich; offenbar erwiesen sich manche Komponenten des Zahnes oder der Füllungsmasse als härter als das Schleifwerkzeug, das der Arzt verwendete …

Der Arzt nickte voller Genugtuung mit dem Kopf, ganz so, als sei er (und womöglich war er es tatsächlich — ich vermag es nicht zu ermessen!) aufrichtig begeistert von seinem Werk. Er versicherte mir sodann, dass wir als Nächstes den Eckzahn — er meinte den dritten Zahn auf der rechten Seite — füllen müssten; beim nächsten Mal werde er versuchen, Farbschattierungen zu kreieren, die als „Farbbrücken“ zwischen meinen Zähnen fungieren. Er wiederholte hierbei schlicht Wort für Wort das, was der Laborbesitzer tags zuvor geäußert hatte. Diese spezifische Form des geistigen Diebstahls ist unter den Menschen weit verbreitet: Der Mensch eignet sich mit Vorliebe das an, was ihm gefällt, und gebärdet sich sodann, als habe er es selbst erdacht, erfunden oder entdeckt — ja, mitunter glaubt er in vollkommener Selbsttäuschung tatsächlich daran, insbesondere wenn er dem Ganzen einen neuen Namen verleiht … Es gibt Gelehrte, Philosophen und Künstler, die im Grunde kaum mehr getan haben, als einem uralten Gedankengut einen neuen, wohlklingenden Namen zu geben und es fortan als ihr eigenes, unabhängiges Werk auszugeben. Nicht ohne Grund bemerkte Whitehead einst treffend, die gesamte abendländische Philosophie sei lediglich eine Reihe von Fußnoten zu den Dialogen Platons.

Ich musste unwillkürlich lächeln. Im Spiegel erblickte ich heute weder Helios noch seinen ungestümen Sohn; so sagte ich dem Arzt schlicht, dass dieser Zahn eine ganz eigene Geschichte besitze, und erzählte ihm in kurzen Worten die Episode der vergoldeten Krone. Ich fügte mit voller Absicht hinzu, dass jene vergoldete Krone — ungeachtet ihrer beträchtlichen Ausmaße und ihrer fremdartigen Farbe — damals keineswegs mein inneres Gleichgewicht gestört oder den Massenmittelpunkt meines Mundes und damit meines Kopfes beim Öffnen des Mundes verschoben habe … (Ich sprach das Wort „im Gegensatz zu heute“ nicht explizit aus, doch genau diese Botschaft wollte ich ihm übermitteln). Und ich ergänzte, dass ich mich heute ganz ähnlich fühle wie damals: Der Zahn nehme in meinem Mund Raum in einer Weise ein, die völlig maßlos wirke — wenn auch auf eine gänzlich andere Art.

Er blickte aus dem Fenster und fixierte starr einen einzigen Punkt. Etwa eine Minute lang verharrte er in einem Zustand, den ich kaum angemessen zu beschreiben vermag. Sodann stand er abrupt auf, streifte die Handschuhe ab, warf sie in den Abfall, verabschiedete sich flüchtig und wies die Sprechstundenhilfe im Gehen an, einen Termin für die Behandlung des besagten Eckzahns zu vereinbaren.

Zuhause angekommen, bemerkte man sogleich eine deutliche Veränderung in meinen Gesichtszügen; es wirkte jedoch keineswegs wie eine Schwellung oder als habe man mich geschlagen.

Diese aufgeklebte Füllung hatte in der Tat meine äußere Erscheinung aus dem Gleichgewicht gebracht. Als ich mich im Spiegel eingehender betrachtete, spürte ich deutlich, dass das Gewicht der linken Gesichtshälfte sich gleichsam verdoppelt hatte und meine Züge windschief (krumm) wirkten — in dem Sinne, dass die natürliche Symmetrie verloren gegangen und der Schwerpunkt aus der gewohnten Mitte gewichen war …

Das Wort krumm  nimmt in meiner Erinnerung einen wunderbaren Platz ein — ungeachtet der negativen Konnotation, die ihm gewöhnlich anhaftet.

Meine Großmutter pflegte dieses Wort stets zu gebrauchen, wenn ein Mangel an innerer Harmonie und Ausgewogenheit vorlag; sie nutzte es keineswegs bloß zur Bezeichnung einer physischen Krümmung oder Ungeradheit. Sie vermochte dieses Wort als Eigenschaftswort für alles einzusetzen, was seine immanente Vertrefflichkeit (Seine Bestheit) nicht zu verwirklichen vermochte — sei es aus Mangel an Streben oder aus reiner Unwissenheit (wobei Unwissenheit hier keineswegs das bloße Fehlen von Wissen bedeutete, sondern Wahnwissen: den Irrglauben, im Besitz der vollen Einsicht zu sein und das Beste zu tun, während man in Wahrheit nicht das Mindeste von seinem Tun versteht):

Ein krummes Werk, eine krumme Rede, ein krummer Weg … Und sie lachte herzlich, wenn sie von einer krummen Frau sprach; sie meinte damit eine Frau, die nicht in der Lage war, ihre Kleidung geschmackvoll aufeinander abzustimmen, oder die ihr Haar nicht so zu frisieren verstand, dass es ihren Gesichtszügen schmeichelte — oder eine, die kein Make-up aufzutragen verstand und ihr Antlitz nur noch mehr entstellte (krumm machte), wenn sie versuchte, die ohnehin vorhandene natürliche Asymmetrie zu kaschieren (eine gewisse Asymmetrie ist schließlich den meisten Menschen eigen, insbesondere mit voranschreitendem Alter). Meine Großmutter pflegte zu sagen, eine solche Frau habe sich durch ihren ungeschickten Versuch selbst krumm gemacht — ungeachtet ihrer eigentlichen Absicht, das Gegenteil zu bewirken.

Das Tun dieses Arztes am heutigen Tage war in der Tat vollkommen krumm. Doch die Krümmung seines Werkes hat aus meinem Antlitz ein wahrhaft krummes Gesicht geformt — und dies war keineswegs bloß mein subjektiver Eindruck.

Der fundamentale Unterschied zwischen der Wirkung des Tisches und jener der Füllung liegt darin: Der Tisch macht den Warteraum zu einem krummen Raum; die Füllung hingegen macht mich zu einem krummen Wesen.

Ich habe mit meiner Großmutter oft über eine gewichtige Frage debattiert: Vermag der Krumme schlechterdings nichts anderes hervorzubringen als das Krumme? Oder deutet ein krummes Werk unweigerlich auf ein krummes Prinzip hin, das im Denken und Verstand des Schaffenden wirkt? Oder wähnt derjenige, der das Krumme wirkt, in vollkommenem Glaube, er erschaffe das Angemessenste oder gar das Gerade?

Meine Großmutter versuchte hierbei keineswegs, in den reinen Geschmack einzugreifen; ihr Augenmerk galt einzig der reinen Technik und Ausführung. Was sie als krumm bezeichnete, war keineswegs die Wahl dieser spezifischen Farbe oder jener Form an sich, sondern die Wahl im falschen Kontext und am falschen Ort.

Das heißt: Die Wahl der Farbe Rot war keineswegs an sich ein Fehler; Rot konnte an einem anderen Ort vollkommen angemessen sein, sofern es technisch harmonierte und den angestrebten Zweck erfüllte.

Der angestrebte Zweck bedeutete im Verständnis meiner Großmutter (und dies erschließt sich vielen keineswegs auf den ersten Blick) exakt jenen Zweck, den der Schöpfer im Sinne hatte.

Wenn also die Absicht einer Frau beim Auftragen von Make-up darin bestand, ihre Schönheit zu betonen oder eine Asymmetrie zu verbergen, es ihr jedoch misslang und das genaue Gegenteil eintrat, so war ihr Werk krumm.

Meine Großmutter fügte stets hinzu: „Wer weiß das schon genauer? Wir vermögen schließlich nicht zu ermessen, wie jener Mensch die Dinge wahrhaft erblickt.“

Sie pflegte zu wiederholen, dass es in der Natur nichts gibt, das von sich aus krumm wäre, und dass es keinen krummen Menschen gibt (hier pflegte sie, ganz wie meine Mutter, hinzuzufügen: „Alle Menschen sind voller Güte und Segen“). Sodann erläuterte sie, dass krumm bloß die Eigenschaft eines Werkes oder Erzeugnisses sei: Wer sein Handwerk nicht beherrscht oder es an Ernsthaftigkeit und festem Willen fehlen lässt, bringt unweigerlich ein krummes Werk hervor. Warum aber ein Mensch ein krummes Werk verrichtet, hat tiefer liegende Ursachen; meist lässt sich jedoch sagen, dass er ein krummes Werk hervorbringt, weil er ein Armseliger  ist. Er vermag aus irgendeinem Grunde nicht anders zu handeln — einem Grunde, der stets in der Trägheit wurzelt. Deshalb ist er ein Armseliger, denn die Trägheit ist es, die die Armseligen macht. Meine Großmutter meinte mit einem Armseligen einen Menschen, der nicht in der Lage ist, mit den ihm gegebenen Mitteln richtig umzugehen, und der stets auf fremde Hilfe angewiesen bleibt, wenngleich sein Körper gesund ist und es ihm keineswegs am Verstand gebricht. In der Tat glaubte meine Großmutter auf beinahe intuitive und absolute Weise daran, dass alle Menschen mit den exakt gleichen geistigen Kapazitäten geboren werden; das menschliche Gehirn sei stets von Natur aus in der Lage, auf angemessene Weise mit der Welt umzugehen.

Sodann pflegte sie die Zusammenhänge wie folgt zu ordnen:

„Die Trägheit ist die Mutter des Krummen.“

Zu den Geschichten, die wir in diesem Kontext (dem Kontext des Trägen und des Fleißigen) immer wieder heraufbeschworen, gehörte die Parabel vom König und seinen beiden Söhnen. Der König sprach zu seinen Söhnen:

„Wer von euch vermag, nach Ablauf eines Jahres einen einjährigen Stier in den ersten Stock zu tragen, der soll mein Erbe sein.“

Der kräftigere der beiden prahlte sogleich, dies werde ihm ein Leichtes sein. Der zweite Sohn hingegen holte ein neugeborenes Kalb und trug es fortan jeden einzelnen Tag die Treppe hinauf und hinab. Im Laufe des Jahres wuchsen beide gemeinsam heran …

Meine Großmutter empfand stets eine tiefe Geborgenheit, wenn wir zusammen waren; und ich spürte deutlich, dass sie mich als ein eigenständiges Wesen behandelte — als ein geliebtes, unschätzbares Kind und als einen Menschen, den man in seiner Gänze niemals vollends zu ergründen vermag. Meine Großmutter wusste aus Erfahrung und Intuition, dass Kinder eine ganz eigene Art des Menschseins darstellen — und keineswegs bloß kleine Menschen in einem winzigen Körper.

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Zahn Nummer fünf

Achtunddreißigster Teil

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Meine Großmutter — dieser wunderbare, mir zutiefst kostbare Mensch! Wenngleich ich mich kaum an ihre Kochkünste erinnere (war ich es doch meist, der das Essen für sie zubereitete oder ihr das von meiner Mutter Gekochte brachte), so stehen mir ihre Geschichten und ihre Art, den Menschen zu begegnen, umso lebendiger vor Augen. Diese wundervolle Frau hegte eine aufrichtige Liebe zu den Menschen und zum gesamten Kosmos; und die Menschen liebten sie im Gegenzug nicht minder, so wie das Universum selbst ihr gewogen war. Sie war von einer reinen Schönheit, weil sie stets Sie Selbst war und niemals auch nur versuchte, etwas anderes zu sein.

Sie begegnete ausnahmslos jedem Menschen nach demselben Grundsatz, nach dem sie auch mir begegnete; daher wusste ich gewiss und vermag heute zu bezeugen, dass sie frei von jeder Falschheit war und niemals zwei Gesichter trug. Wenn ich mich heutzutage mit den Augen der Gegenwart an sie erinnere, wird mir völlig klar, dass sie schlechterdings nicht anders vermochte: Selbst wenn sie eine gewisse Diplomatie an den Tag legte, erkannte ihr Gegenüber sogleich, dass sie diese Diplomatie aus reiner Ehrerbietung übte, und wusste sich somit zutiefst geachtet.

Wer sich selbst achtet und liebt, vermag auch die Menschen, die Rinder und die Bäume zu achten und zu lieben …

Dies pflegte sie unablässig zu wiederholen.

Die Menschen waren in ihren Augen stets einzigartige Individuen; es war ihr schlicht unmöglich, sie zu einer anonymen Masse zusammenzufassen. Jeder Mensch war für sie letztlich ein vollkommen eigenständiges Seiendheit, dem sie einzig um seiner selbst willen begegnete — unbeeinflusst von äußeren Umständen .

Von ihr habe ich etwas gelernt, das sich mir unauslöschlich eingegeben hat: Eine Arbeit niemals eher ruhen zu lassen, als bis man alle verfügbaren Möglichkeiten ausgeschöpft hat, um sie auf die bestmögliche Weise ins Werk zu setzen — gemessen an dem, was einem gegeben und erreichbar ist.

Ich meine hiermit keineswegs das Erforschen der Letztgründe — etwa bei der Suche nach der Ursache für das Dasein eines Seienden —, sondern das Ergründen dessen, wer oder was dieses Seiende in Wahrheit ist.

Insbesondere wenn die Debatte jene klassische Frage berührt: Was war zuerst da — das Ei oder die Henne?

In der Tat glaube ich heutzutage fest daran, dass das Ei vor der Henne existierte — sofern mit dem besagten Ei das allererste Hühnereien gemeint ist, das jemals im Universum in Erscheinung trat.

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Hier offenbart sich sogleich das fundamentale sprachliche Dilemma — jene begriffliche Not, unter der Kant, Heidegger und viele andere gelitten haben und die sich in der arabischen Sprache auf eine Weise löst, die weit einfacher ist, als die meisten es sich je träumen ließen.

Die arabische Sprache vermag nämlich aus ihrem eigenen Seins-Verb — ich meine: war, ist, sei — eine ununterbrochene begriffliche Kette zu schmieden, in der der eigentliche Stamm des Seins-Verbs stets als klarer Ursprung erhalten bleibt — sichtbar eingezeichnet in den grammatikalischen Wurzeln aller Glieder dieser Kette:

Kāna, Yakūnu, Kainuna, Kun, Kawnan, Takwīnan, Mutakawwinan, Kayānan, Kā’inan, Makānan, Maknūnan … Wer existiert (Yakūnu), ist unweigerlich ein anwesendes Seiendheit (Wesen Anwesend) …

In dieser sprachlichen Wirkungskette wird unmissverständlich offenbar, dass das Seiende aus einem theoretischen Teil besteht — nämlich jenen Programmen und Strukturbedingungen, die durch das Wort Kainuna  bezeichnet werden (welches die strukturellen Beziehungsgefüge meint, gemäß denen das Seiende entsteht, wie etwa die Gene im lebenden Organismus oder die begriffliche Blaupause beim Zeichnen eines Kreises) — während der Begriff Kayan  das physische Gefüge, den Leib des Seienden, bestimmt.

Kainuna — dieses Wort, das auf den ersten Blick sperrig wirkt, weil ihm scheinbar die greifbare Bedeutung fehlt — bezeichnet in Wahrheit das Ur-Programm, das die Idee des Seienden artikuliert und sie in einer verständlichen Sprache niederschreibt. Bei natürlichen Seienden ist diese Sprache meist dem Programm selbst verständlich; denn der innere Antrieb formt sich exakt in jenem Augenblick, in dem das Programm so niedergeschrieben ist, dass der allererste Befehl (Sei du selbst) vollzogen werden kann. Wer auch immer der Befehlende gewesen sein mag: Der Impuls zum Beginn muss im Programm selbst verankert sein, damit es zu wirken vermag — selbst dann (und dies ist das Entscheidende), wenn der Programmierer bei jedem Entstehen eines Seienden aufs Neue den Befehl gäbe, ganz gleich, ob dieses Seiende eine Galaxie ist oder ein bloßes Wort.

Selbst wenn ein äußerer Schöpfer oder eine externe Ursache für das Entstehen existierte, ändert dies nicht die geringste Kleinigkeit daran, dass der eigentliche Antrieb, der das Entstehen und Formwerden überhaupt erst befiehlt, ein innerer Befehl innerhalb dieser Kainuna ist … Wie das Entstehen in seinen allerersten Anfängen jedoch vollbracht wird, weiß bis zum heutigen Tage kein Mensch.

Stellen wir uns also vor, der Programmierer sei beispielsweise ein göttliches Wesen, so hätte er einen Befehl geschrieben, den jedes Seiende in sich trägt, und sodann einen Befehl, den jede spezifische Gattung besitzt …

Zum Beispiel:

Sei du selbst!

Sei eine Pflanze,

sei ein Baum,

sei ein Aprikosenbaum!

Das verflixte Problem von Sein, Seiendem, dem theoretischen Sein und dem konkret verwirklichten, erscheinenden Sein existiert in der arabischen Sprache schlichtweg nicht, sobald man das ihr eigene Seins-Verb konsequent nutzt. Daher erscheint mir (da ich dieser Sprache vollkommen mächtig bin) all das, was über dieses Thema verfasst wurde, kaum des enormen Aufwands wert, wenn man es entlang dieser klaren Kette durchdenkt — es erweist sich letztlich als eine reine Tautologie und keineswegs als eine umwerfende, wundersame Entdeckung. Denn das Fortbestehen der sprachlichen Wurzel in sämtlichen Wortableitungen hält das Denken in einem stetigen, inneren Zusammenhang — ein Zusammenhang, der wie der Faden im Labyrinth wirkt und ein Verirren unmöglich macht.