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Teil 43 und 44

Zahn Nummer Fünf — www.fanfiktion.de · All chapters

Teil 43 und 44

43

Zahn Nummer fünf

Dreiundvierzigster Teil

Die Nächte des Wochenendes erwiesen sich als wahrhaft qualvoll, und ich vermochte schlichtweg nicht mehr zu ermessen, worin die eigentliche Quelle des Schmerzes lag. Die vier Kronen schmerzten mich auf eine nahezu unerträgliche Weise, und selbst in der ersten, kurzen Krone stellte sich nunmehr ein Schmerz ein — obschon von einer gänzlich anderen quantitativen Natur; mochte dies doch (wie ich mir bedachtsam überlegte) daran liegen, dass dieser Zahn über keinen Nerv mehr verfügte.

Überdies hatte sich der Einriss in meinem Mundwinkel leicht entzündet.

Ich rief in den frühen Morgenstunden in der Praxis an und schilderte der Arzthelferin die Lage, woraufhin sie mir mitteilte, ich könne am Nachmittag vorbeikommen.

Der gewohnte Tisch war am heutigen Tage nicht im Warteraum anzutreffen; an seiner Statt befand sich dort ein anderer Tisch mit Rollen — offenkundig ein Überbleibsel des alten Praxisinventars —, welcher dort aufgestellt worden war, um den Zeitschriften und Zeitungen vorübergehend als Ablage zu dienen; mag die Ursache hierfür wohl in jener Beschädigung gelegen haben, die die Granitplatte und das Gestell erlitten hatten.

„Dieser Arzt hat die Praxis einst von seinem Schwiegervater geerbt“, bemerkte einer der Besucher und deutete dabei auf den Tisch. Es schien in der Tat so, als stammte dieser Tisch aus dem Fundus oder vielmehr aus den alten Gerätschaften jener früheren Praxis.

Mir schoss sogleich der Gedanke durch den Kopf, dass ich den einstigen Besitzer dieses Tisches wohl kennen dürfte — nämlich ebenjenen Schwiegervater des Arztes.

Während meiner Tätigkeit in einem Bauunternehmen pflegte der Inhaber, welcher von meiner Arbeit überaus begeistert war, mich den Kunden stets als Spezialisten für besonders präzise und feine Arbeiten vorzustellen. So arbeitete ich einst im Hause eines pensionierten Zahnarztes. War es gar möglich, dass ebenjener Zahnarzt der frühere Eigentümer dieses Tisches war?

Der besagte pensionierte Arzt hatte mir damals während der gesamten Arbeitszeit in seinem Hause zur Hand gegangen; er war von ausgesuchter Höflichkeit, Eleganz und großer Intelligenz, und er besaß eine erstaunliche handwerkliche Begabung. Es schien mir damals beinahe so, als hätte er viel lieber ein Bauhandwerk erlernt anstatt der Zahnheilkunde.

Ich versuchte mich zu erinnern, ob dieser Arzt in der Tat der Schwiegervater des hiesigen sei.

Dies würde bedeuten, dass ich ihm einst begegnet war — oder zumindest seiner Tochter, die ihren Vater damals täglich zu besuchen pflegte?

Ich versuchte vergeblich nachzusinnen, ob sich damals irgend etwas zugetragen haben könnte, das einem Menschen womöglich Kränkung oder Schaden zugefügt hätte; war ich doch damals mit den feinen Gefügesystemen und Beziehungsgeflechten dieser neuartigen Kultur noch nicht vertraut (bedarf eine solche Erkenntnis doch langer Zeit und umfassender sprachlicher Erfahrung, ohne jemals vollkommen abgeschlossen zu sein).

Ich war damals ein junger Mann in den Frühen Zwanzigern, der unablässig lachte und Scherze trieb. Zu meinen bevorzugten Scherzen gehörte jene Anekdote von meinem Kamel — jendem Kamel, das ich angeblich in Berlin in der Steinstraße angebunden zurückgelassen hatte. Mit diesem Scherz beantwortete ich in Wahrheit jene tägliche Frage, die mir von nahezu jedem gestellt wurde, der mit mir zu tun hatte: Wie ich denn nach Deutschland gekommen sei.

In der ersten Zeit hatte ich geduldig erklärt, wie sich dies zugetragen hatte; doch nachdem ich dieselbe Frage hunderte Male beantwortet hatte — eine Frage, die im Grunde keinen anderen Sinn barg, als dass der Fragende zu erfahren wünschte, welcher Art mein rechtlicher Status sei und wie es mir möglich wurde, hier zu leben und zu arbeiten (hätte er mich doch nur direkt gefragt, so hätte ich ihm gewiss geantwortet, ohne Zuflucht zu jenem Scherz zu nehmen, der in Wahrheit eine bloße Reaktion und zugleich ein seelischer Ausgleich war; genötigt doch ein solcher Scherz den Fragenden meist dazu, nachmals unverhohlener zu fragen) —, kam ich auf das Kamel zu sprechen. Ich pflegte dann zu antworten, nachdem ich jene stets wiederkehrende Frage beantwortet hatte: „Was hast du denn in deiner Heimat erlernt — vor oder nach dem Beruf des ( Kamel-Treiben )?“

Wenn ich dem Fragenden nämlich entgegnete, ich habe in Wahrheit kein Handwerk im hiesigen Sinne erlernt, versuchte dieser zu begreifen, weshalb er an den Inhaber der Baufirma die Kosten für einen Fachmann zu entrichten habe, obschon ich nach den hiesigen Bestimmungen gar kein ausgebildeter Fachmann war.

Und wenn ich wiederum erklärte, ich sei mein Leben lang zur Schule und sodann zur Universität gegangen und habe mir meine handwerklichen Kenntnisse lediglich in den Sommerferien angeeignet, so wurde die Sache nur noch komplizierter; vermochte man einer solchen Darstellung doch oft keinerlei Glauben zu schenken.

Es waren Scherze, die keineswegs jedermanns Wohlgefallen fanden; und manche schienen (nach ihren nachfolgenden Fragen zu urteilen) ihnen tatsächlich Glauben zu schenken. Zuweilen glaubte man mir selbst dann nicht, wenn ich einräumte, bloß gescherzt zu haben — aus Furcht, man könnte es für bare Münze nehmen —, und man schenkte meinem Geständnis keinen Glauben, dass ich in meinem ganzen Leben niemals auf einem Kamel gesessen, ja keines erblickt hatte außer in den deutschen Zoologischen Gärten.

Einige Kollegen nannten mich damals den Hakkawati — den Geschichtenerzähler … und wer mich so nannte, warnte mich zuweilen vor dem Maßlosen mit den Worten:

„Du lehnst dich da zu weit aus dem Fenster!“

Dienstes Sprichwort verstand ich augenblicklich ohne jede weitere Erklärung; scheint es mir doch, dass Sprichwörter, Weisheiten und dergleichen zum gemeinsamen Kulturgut der Menschheit gehören, welche Zustände — meist menschliches Verhalten oder Naturerscheinungen — behandeln; diese ähneln einander und wiederholen sich in allen Gesellschaften (sind die Mitglieder menschlicher Gesellschaften doch schlichtweg Menschen).

Mythen beispielsweise — welche ein kollektives Kulturprodukt darstellen und von manchen fälschlich für identisch oder voneinander abgekupfert gehalten werden — sind keineswegs immer bloße Entlehnungen; doch weil sie ein und dieselbe Erscheinung behandeln, tritt diese Erscheinung zwangsläufig in ihnen zutage. Die Sonne, der Mond, die Sterne, der Himmel, Blitz und Donner existieren schließlich überall.

Freilich wandern Mythen und Geschichten; doch wenn sie an einem neuen Orte Fuß fassen, suchen sie sich den dortigen natürlichen Gegebenheiten anzupassen. Wer genau hinsieht  wer eine Mond-Mythologie bei den Menschen der Südhalbkugel mit jener der Nordhalbkugel vergleicht, der gewahrt, dass der Mond dort eine gänzlich andere Stellung einnimmt — eine Stellung, die sich in den feinsten Einzelheiten offenbart.

Zuweilen weist uns das Sprichwort auf spezifische Gefüge innerhalb der Gesellschaft selbst hin — insbesondere auf die Art und Weise des Umgangs miteinander und darauf, ob in dieser Gesellschaft Kategorisierungen und Schubladendenken vorherrschen; Dinge, die zwar in allen menschlichen Gesellschaften existieren, sich jedoch nach geographischen, beruflichen und klimatischen Gegebenheiten unterscheiden.

Jenes Wort „Lehne dich nicht zu weit aus dem Fenster“ — wiewohl das Ausgreifen bloß ein Scherz war — deutete darauf hin, dass da jemand spürte, ich dringe in seinen eigenen Bereich ein. Dies bedeutet, dass Bereiche in einem solchen Falle mit Hierarchien verknüpft sind; die Menschen sind in den Augen eines Solchen — oder vielmehr in seinem kollektiven Unbewussten und Bewusstsein — in Ränge unterteilt, und er nimmt sich das Recht heraus, mir das Scherzen zu verwehren, sofern er es nicht wünscht oder wähnt, dass andere es nicht zu ertragen vermögen.

Ich wusste wohl, dass eine Kultur sich keineswegs allein durch Gesetze regelt, sondern vielmehr durch die Sitte — und der Sitten gibt es zweierlei: bewusste und unbewusste. Die Sitte setzt sich am Ende stets gegen das Gesetz durch; denn das Gesetz verbietet lediglich und wirkt einzig durch das Verbot, während die Sitte belohnt — sie belohnt denjenigen, der sie befolgt, und diese Belohnung besteht meist im Schutz durch die Gemeinschaft.

Damals kannte ich bloß einige unumgängliche Gesetze (wusste ich doch wohl und hegte niemals den Wahn, die geltenden Gesetze seien bereits die deutsche Kultur selbst; ist dies doch eine Erscheinung, die allen menschlichen Gesellschaften eignet).

Wie schön wäre es doch gewesen, wenn eine Kultur vollkommen mit der deutschen Verfassung übereingestimmt hätte! Ich denke zuweilen an diese Unmöglichkeit — eine Unmöglichkeit, die jener Vorstellung gleicht, wie schön die Welt doch wäre, wenn alle Menschen im Umgang miteinander wie Maschinen agierten, nämlich wie Maschinen, die darauf programmiert sind, keinerlei Unterschied zwischen den Menschen zu machen. Dies ist jedoch ein Unmöglichkeit; besitzen Kultur und Sitte, die sich in ihr festsetzen und anhäufen, sowie das Gesetz doch zwei gänzlich verschiedene Naturen — das heißt, sie lassen sich als Einheiten oder Systeme in keiner Weise miteinander vergleichen.

Zuweilen möchte ich behaupten, dass Gesetze erlassen werden, um die Sitten selbst zu zähmen; und zuweilen beobachte ich, dass dies schlechterdings unmöglich ist. Selbst die schrecklichsten Schreckensherrschaften, welche ihre Macht von Weltenherrschern ableiteten und Furcht und Schrecken verbreiteten, vermochten in Wahrheit niemals etwas vollkommen zu zähmen.

Der Mensch bleibt in seiner Kultur stets an die natürlichen Gegebenheiten gebunden, die ihn umgeben — insbesondere an die geographischen Verhältnisse, die Gegebenheiten des Bodens, das Klima und die Technologien.

In Zeiten der Globalisierung und ähnlichen Epochen, die die Menschheit zuvor durchlebte, triumphiert über die Kulturen nichts als das, was aus ihnen selbst hervorgeht — das heißt, ein kultureller Wandel erfolgt niemals durch bloße Gewalt oder äußeren Zwang.

Vierundvierzigster Teil

Ich glaube kaum, dass die Farbe dieses Tisches seine ursprüngliche war; er erweckt vielmehr den Eindruck, als sei er mehrmals überstrichen worden, und ich hege die Vermutung, dass dieser letzte Anstrich keineswegs in der Absicht aufgebracht wurde, ihn als bloßes Inventarstück der Praxis zu belassen.

Es kommt mir in der Tat so vor, als habe ich diesen Tisch bereits ehedem erblickt. Vermag das menschliche Gehirn doch offenbar weit mehr aufzuspeichern, als der Mensch bewusst aufzubewahren wünscht — was wohl jene Erinnerungen erklären mag, von denen wir spontan keine Rechenschaft zu geben vermögen!

Sollte ich diesen Tisch womöglich im Hause jenes pensionierten Zahnarztes gesehen haben? Oder ist es gar denkbar, dass die Spuren dieses Arztes in ebenjener nunmehr sichtbaren Farbschicht fortbestehen — hatte er doch diesen Tisch von einem medizinischen Gebrauchsgegenstand in ein Objekt von feinem künstlerischem Geschmack verwandelt? Ebenjener feine, kluge Geschmack war es schließlich, der mich an jenen pensionierten Arzt erinnerte.

Ganz im Gegensatz zu jenem aufbegehrenden Granittisch (welcher protestierte, weil sein Erbauer ihm zwar das äußere Erscheinungsbild aufzwingen wollte, ohne jedoch in seine immanente Kainuna einzuprogrammieren, wie es wahrhaft in Erscheinung zu treten hat), offenbart dieser Tisch allein durch seine Farbschicht die tätige Beziehung seines Schöpfers, der ihn einst überstrich und dadurch seine innere Natur wandelte. Er wandelte sie, nachdem der Tisch gemeinsam mit ihm in den Ruhestand getreten war, um fortan einen Raum von neuartigen Dimensionen einzunehmen — etwa in seinem privaten Hause.

Zwei Tische, die von einem gegensätzlichen Wesen zeugen und mir auf einleuchtende Weise den tiefen Unterschied offenbaren zwischen wahrer Kunst und dem bloßen Versuch, sich die Kunst anzumaßen.

Der begnadete Künstler ist vermögend, seine inneren Vorstellungen in allem offenbart werden zu lassen, was seine Hand berührt oder was seine Lippen aussprechen — vermutlich vermögen wir eben deshalb seinen Geist, seinen Verstand und sein handwerkliches Vermögen in all seinen Werken wahrzunehmen, trotz aller Wandlungen, die er durchlebt; verwandelt sich der Künstler doch mit jedem neuen Werk aufs Neue, und diese unauslöschlichen Spuren bilden einen fortlaufenden Faden, der all seine Schöpfungen miteinander verbindet.

Dies ermächtigt mich zu jener Aussage, die ich stets aufs Neue zu wiederholen pflege:

Der Künstler künstelt nicht — ganz so, wie der Kluge sich nicht verklügelt, der Manifeste sich nicht verstellt und der wahrhafte Schöpfer nichts erkünstelt.

Alles wahrhaft Ursprüngliche bedarf keinerlei Krücken, die es stützen; es steht als Ganzes da, gleich den lebendigen Wesen — ein eigenständiges Seins-Gebilde, das aus eigener Kraft zu stehen und zu schreiten (sprich: sich zu wandeln) vermag.

Der Schmerz nahm zusehends zu, und ich hatte am heutigen Tage den unumstößlichen Entschluss gefasst, dass der Arzt mir die Kronen herunterheben, den Zustand in ihrem Inneren prüfen und sie sodann mit herkömmlichem Zement aufs Neue befestigen müsse. Ich hegte nicht den mindesten Zweifel daran, dass der Zement die eigentliche Ursache des Übels war (stellt er doch schlichtweg das gemeinsame Bindeglied zwischen allen Kronen dar, und war ich mir doch vollkommen gewiss, dass dasjenige, was sich beim Abfallen in der Krone befand, keineswegs Speisereste waren).

Ich nahm mir vor, ihm mitzuteilen, dass ich in der vergangenen Nacht beinahe den Notdienst angerufen hätte; mochte ihn doch die Furcht ergreifen, ein anderer Arzt könnte dasjenige erblicken, was sich in meinem Munde befand, sofern der Fehler in der Tat jener war, den ich vermutete — nämlich dass mit dem Zement nicht ordnungsgemäß verfahren worden war.

Der Arzt trat ein, ohne einen Gruß zu entbieten, und desinfizierte die Handschuhe, die er bereits trug, ohne dass tatsächlich ein Desinfektionsmittel entwich; verkündete das Fläschchen doch durch das Geräusch beim Niederdrücken mit aller Deutlichkeit: „Ich bin leer.“

„Womöglich werden wir den siebten Zahn ziehen müssen, falls er keine Ruhe gibt“, sprach er mit einer dünnen Stimme, die sich vergeblich um eine würdevolle Haltung bemühte — ganz so, als wolle er meine Reaktion auf die Probe stellen.

Er meint dies in der Tat ernst, schoss es mir blitzartig durch den Kopf.

Keineswegs werden wir ihn ziehen, ehe die Krone heruntergehoben und die Ursache ergründet worden ist; und ohnehin wird dieses Ziehen gegebenenfalls bei einem Chirurgen vollzogen werden und nicht hier — schreien die übrigen Zähne unter den fünf Kronen doch auf exakt dieselbe Weise.

Er schwieg, und ich gewahrte seine Furcht; ebenso spürte ich, wie er in diesem Augenblick unsere beiden Körper miteinander verglich.

Ich war in jener Lebensphase von kräftiger Statur, und die physische Kraft meines Körpers war nicht bloß äußerlich sichtbar; erforderte meine Arbeit, die ich über die Maßen liebte, doch enorme körperliche Leistungsfähigkeit, und ich arbeitete schließlich Tag und Nacht.

Die Menschen kehren in Zuständen der Furcht stets zu ihrer natürlichen Physis zurück. Ich dachte dies in rascher Folge, und obschon es mir schlechterdings unmöglich gewesen wäre, einen Menschen durch Schläge zu verletzen (sofern er mich nicht in der Absicht würgte, mich zu töten), sprach ich zu mir selbst: Lächle nicht und gib ihm keinerlei Gelegenheit nachzusinnen — das heißt, lass ihn wähnen, wir stünden unmittelbar vor einer körperlichen Auseinandersetzung.

„Es ist ratsam, dass Sie die Krone des siebten Zahnes unten links sogleich herunterheben“, sprach ich mit erstarrter Miene und strengem Unterton, während meine Augen geschlossen blieben und meine Hände die Ränder des Behandlungsstuhls fest umschlossen.

Und ich fuhr fort:

„Überdies ist mein Mundwinkel eingerissen, wie Sie gewiss bemerken; daher bitte ich um Vorsicht und um die Verschreibung einer Salbe zur Behandlung der Wunde.“

„Das rührt von einem Vitamin-A-Mangel her!“, rief er in jener wohlbekannten Weise der Weisen aus, die er stets an den Tag zu legen pflegte.

Niemals war mir der Gedanke gekommen, dass ich einst spüren würde, ich müsse einen Menschen anschreien.

Das Maß war in der Tat vollkommen übergelaufen.

Dennoch behielt ich meine Augen geschlossen und entgegnete ihm:

„Ein Vitaminmangel — (in Wahrheit wusste ich damals nicht genau, um welche Vitamine es sich handelte, und erst später forschte ich nach und erfuhr, dass dieser Arzt keineswegs wusste, wovon er sprach, als er Vitamin A als direkte Ursache anführte) — zeigt sich gewöhnlich an den Mundwinkeln wie bei den geschwollenen, gelben Schnäbeln von Spatzenküken. Diese Wunde hier jedoch ist die Folge des Schleifens an meinem gesunden Zahn in der vergangenen Woche; da ist mein Mundwinkel auf rein mechanische Weise eingerissen.“

Ich schwieg, obschon ich noch hinzuzufügen wünschte, dass seine Handschuhe, die er nie zu wechseln pflegte, wohl die eigentliche Ursache sein dürften.

Doch ich sah davon ab.

Als er versuchte, die Krone mit einem Werkzeug zu lockern, das er in der Hand hielt, sprang die Krone plötzlich hervor — ganz so, als habe dasjenige, was sich darunter befand, lediglich auf diesen leichten Anstoß gewartet. Ich stellte mir das Geschehene vor und erinnerte mich sogleich an den Spatz.

Jener Spatz, der mir nunmehr plötzlich in den Sinn kam, war ein Haussperling, der einst aus dem Nest unter den Dachziegeln unseres Hauses gestürzt war. Meine Tochter hatte ihn erblickt und kam atemlos, voller Sorge und Furcht herbeigeeilt, um mich in Kenntnis zu setzen.

Der Spatz nachgiebig nach Luft schnappend da, und es war unübersehbar, dass sein Hals gebrochen war; vermochte er doch seinen Kopf nicht mehr zu tragen.

Meine Tochter und ich bereiteten ihm ein Bett aus Stroh und Papiertaschentüchern in einem Schuhkarton und gaben ihm Wasser zu trinken. Sodann versuchten wir, ihn zu füttern; ich fing Fliegen am Fenster der Gartenhütte und fütterte ihn behutsam mit einer Pinzette — und nach etlichen Versuchen nahm er die Nahrung in der Tat an. Ich fütterte ihn reichlich und wir gaben ihm Wasser, doch vermochte er den Kot nicht aus seinem Leib auszuscheiden. Sein Bauch schwoll in den folgenden drei Tagen beträchtlich an. Und als ich nach jener Verletzung suchte, die ihn am Ausscheiden hinderte, berührte die Pinzette leicht seine Hinterseite — woraufhin er den gesamten Darm Inhalt auf einmal entleerte. Trotz des damaligen Geruchs und der Überraschung war meine Freude über das Geschehene unermesslich groß.

Eine Freude, die jener Empfindung glich, als die Krone hervorsprang — ganz so, wie das Entleeren des Unrats aus dem Bauche des Spatzen erfolgte.

Als der Arzt den Zahnstumpf schweigend säuberte und die Arzthelferin begann, die Krone zu reinigen, spürte ich sogleich, dass der Schmerz in diesem Zahne vollkommen verflogen und gewichen war.

Ich forderte ihn auf, die Nachbarkrone ebenfalls herunterzuheben, und mein Tonfall war nahezu gebieterisch.

Er versuchte sie zu lockern wie die erste, doch gelang es ihm nicht; so holte er ein Werkzeug herbei, dessen Namen ich nicht kenne, und begann die Krone herunterzuhebeln — eine Arbeit, die ihm kaum Mühe bereitete.

Der Schmerz wich in der Tat augenblicklich — eine Sache, die kaum jemand zu glauben vermag!

„Wir werden sie mit provisorischem Zement befestigen“, sprach der Arzt.

Ich entgegnete ihm, dass ich wünsche, er möge sie mit herkömmlichem Zement einsetzen (andernfalls würde ich die ganze Zeit ohne Schlaf in Furcht verharren, sie zu verschlucken, dachte ich bei mir selbst) — was er denn auch vollzog, ohne ein einziges Wort zu verlieren.

Ich sprach zu ihm: „Da der Zement offenkundig die Ursache war, müssen auch die beiden anderen Kronen heruntergehoben werden, ehe dasselbe geschieht.“

Meine Worte missfielen ihm zutiefst, und ihm stieg sichtbarer Zorn auf. Als er begann, die Kronen herunterzuhebeln, schlug er auf das Werkzeug ein, als wolle er mir die Zähne samt den Kronen ausreißen. Die Arzthelferin hielt meinen Kopf fest.

Es kam mir vor — (ich vermag dieses Gefühl nach wie vor kaum zu fassen) —, als empfände er eine wahrhafte Lust daran, mir die Zähne auszureißen.

In der Tat brach er mir dabei den Stumpf des vierten Zahnes ab und beschädigte die beiden inneren Kronenränder (diese beiden Kronen sind bis auf den heutigen Tag beschädigt eingesetzt).

Sodann setzte er sie erneut ein, und als er geendigt hatte, verließ ich die Praxis, ohne ein einziges Wort zu sprechen oder zu vernehmen … ich dankte nicht und verabschiedete mich nicht … weiß ich doch wohl: Wer sich für ein Unrecht bedankt, der stärkt im Geiste des Täters den Wahn.

Die Krone des sechsten Zahnes im rechten Unterkiefer fiel sodann etwa eine Woche später von selbst ab.