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Teil 47 und 48

Zahn Nummer Fünf — www.fanfiktion.de · All chapters

Teil 47 und 48

Siebenundvierzigster Teil

Malo zwitscherte ein einziges Mal in seinem gesamten Leben.

Es geschah, als er weinte — als ich ihn auf den Ast eines Baumes neben dem Küchenfenster setzte. (Ich wünschte mir an jenem Tage, er möge fortfliegen und sich befreien; hege ich doch den Glauben, dass es außerhalb der Unabhängigkeit kein wahrhaftiges Leben gibt — einer Unabhängigkeit, nach der keineswegs allein der Mensch verlangt, sondern vielmehr alle Geschöpfe, selbst jene, die ausschließlich in der Gemeinschaft zu leben vermögen; lässt sich von diesen doch sagen, dass sie sich zusammenschließen, um als ein einziges Wesen zu leben, selbst wenn sie bloß ein Teil einer Gemeinschaft und kein integriertes Glied derselben wären). Ich sprach zu Malo: „Bleib hier“, und trat in die Küche ein.

Wie grausam war ich doch, und wie töricht war dieses mein Tun!

In Wahrheit beabsichtigte ich dies keineswegs, noch vermochte ich vor dem Ertönen von Malos Weinen zu begreifen, was ich da angerichtet hatte.

Der Laut war beschaffen, als sänge Malo, um dem gesamten Universum die Idee des Weinens angesichts von Furcht und Panik zu erläutern; dasjenige, was Malo an jenem Tage durch seinen Gesang kundtat, ließ sich durch nichts anderes beschreiben denn als die wahrhaftige Stimme der Trauer und der Furcht in ihrem reinen So-Sein. Meine Haut wandelte sich, als ich vernahm, was Malo da schrie, in die Haut einer verängstigten, zitternden Gans, und ich verspürte einen kalten Schweiß, der meine Rückgratwirbel hinabrollte.

Ich eilte beschleunigt hinaus, nahm ihn fest in meine Faust und trat mit ihm wieder ein.

Er schlief gar lange — ganz so, als hätte er, als er weinte, die Erschöpfung eines Albtraums durchlebt, der Jahre überdauert hatte.

Dasjenige, was sich begab, unterschied sich gänzlich von der Trauer oder der Furcht des Getrenntseins; ich wähne vielmehr, Malo glaubte, ein Teil seiner selbst sei schlagartig verschwunden. Denn Malo hegte keineswegs Furcht vor der Außenwelt — verbrachten wir doch die meiste Zeit außerhalb des Hauses —, doch fürchtete er (so begann ich nach dem Vernehmen seines Weinens zu denken), er sei nicht mehr er selbst, nicht mehr Malo.

Malo liebte das Auto gar sehr, doch schätzte er es keineswegs, direkt auf dem Armaturenbrett hinter der Windschutzscheibe zu stehen; gleichwohl wollte er im Auto keineswegs im Inneren des Kartons verharren. Daher fertigte ich für den Karton einen Sockel aus Pappe und Holz an, sodass er nunmehr vermochte, aus dem Auto nach draußen zu blicken.

Ich schnallte die beiden Kartons mit dem Sicherheitsgurt fest und wünschte mir, niemand möge erblicken, was sich da neben mir im Auto befand.

Es scheint mir nunmehr, als habe Malo verlangt, dass ich an einem Orte verharre, wo er mich unmittelbar zu schauen vermochte.

In Wahrheit vermag kein Wesen irgendetwas anderes zu sein als es selbst.

Dersatzerfordert keinerlei Beweis, sofern das Gebot der Existenz und der Präsenz in der physischen Welt lautet:

„Sei du selbst.“

Betrachtet man die theoretische Kainuna als die Gesamtheit aller Befehle, die im Existenzbauplan eines Wesens enthalten sind — etwa in einer bestimmten DNS —, so wirken diese in letzter Konsequenz ausschließlich auf die (theoretische) Bestimmung hin; sprich: auf die Definition dessen, wer dieses „Du“ überhaupt ist.

Dies bedeutet mit absoluter Notwendigkeit, dass die Befehle von einem Prinzip ausgehen müssen, das sich in keiner Weise wandelt — einem unerschütterlichen, ewigen Prinzip, welches ausnahmslos alle Befehle durchdringt; ich meine damit das Prinzip der Identität.

Die einzige verbleibende Frage — die von gar vielen als die bedeutsamste aller Fragen erachtet wird, für mich jedoch lediglich die Grenze darstellt (existiert für mich doch keinerlei Notwendigkeit, hinter diese Grenze zu forschen, solange dasjenige, was dahinter liegt, keinen unmittelbaren Einfluss auf dasjenige auszuüben vermag, was ich schaue; sprich: solange ich das von mir Geschaute zu erklären vermag) — lautet:

Wer hat dieses Prinzip erschaffen?

Dies ändert in Wahrheit nicht das Mindeste am Wirken dieses Prinzips und seiner Macht; ja, es ändert selbst dann nichts, wenn dieses Prinzip auf seinen Schöpfer dieselbe Wirkung ausübte wie auf das Universum selbst — sprich: ob der Schöpfer dieses Prinzips ebendiesem Prinzip unterworfen ist und somit erweist, dass er er selbst und dass er Eins ist.

Für mich ändert sich rein gar nichts am Einfluss von, wohl aber an der Handhabung von und dem Bauen auf …

Wir Menschen beispielsweise kümmern uns im alltäglichen Leben (außerhalb des Themas von Tag und Nacht) keineswegs darum, dass die Ursache von Tag und Nacht in der Kugelgestalt der Erde und ihrer Rotation liegt; haben die Menschen doch gelebt, gebaut, sich fortgepflanzt, fortbestanden, Schöpferisches hervorgebracht und Sonnen- sowie Mondfinsternisse völlig korrekt vorausberechnet …, und dies trotz des Nichtwissens um jene Ursache. Es wird gar berichtet, dass gar viele Menschen bis auf den heutigen Tag keineswegs zu glauben vermögen, dass die Erde es ist, die sich um die Sonne dreht, oder dass die Erde rotiert — und gleichwohl leben sie wie alle Menschen, lernen und studieren …

Somit gehe ich davon aus, dass das Eine stets das Eine ist, was auch immer dieses Eine sein mag; es ist es selbst, es ist Eins, solange es erweist, dass es existiert. Dies ist die einzige wahrhafte Identität, die in dem uns bekannten Universum tatsächlich existiert (dies ist dasjenige, wovon ich ausgehe) …

Das Ding ist mit nichts anderem identisch als mit sich selbst.

Die Verwendung der Form der Negation ist hierbei eine absolute Notwendigkeit; denn würde ich sagen: „Das Ding ist identisch mit sich selbst“, so würde ich in Wahrheit gar nichts aussagen — sprich: ich würde lediglich die blindwütige Tautologie vollziehen.

Achtundvierzigster Teil

Ich versuchte, mich an Malos Stelle zu versetzen — ich sagte: an Malos Stelle, ganz so, wie meine Mutter zu mir zu sprechen pflegte, wenn ich mich bei ihr über jemanden beklagte. Sie pflegte mich zunächst nach dem zu fragen, was geschehen war, forderte mich sodann auf, Teile davon zu wiederholen, und versuchte schließlich — sofern sie feststellte, dass die Angelegenheit über kindliche Streitigkeiten nicht hinausging —, von mir zu verlangen: „Sei er!“ Sie meinte damit keineswegs bloß, ich solle etwa aus seiner Perspektive oder im Sinne seines bloßen Vorteils denken, sondern vielmehr, dass ich ebendiesen Ort einnehmen möge, den er einnimmt — sprich: zu versuchen, nach Kräften er selbst zu sein … Meine Mutter wusste garantiert, dass jener dem Körper eigene Raum, in welchem ein Wesen als eine eigenständige Entität verweilt, keineswegs von zwei Wesen zugleich eingenommen werden kann. Dies ist nämlich eine Angelegenheit, die weder besonderen Wissens noch einer Wissenschaft bedarf.

Die verwirklichten und in der Existenz gegenwärtigen Wesen teilen zwar etliche ihrer Teile, doch bleiben sie unerschütterlich sie selbst und nehmen ihren gesamten eigenen Raum ein.

Gewiss gibt es Ausnahmen, wie etwa siamesische Zwillinge; doch ändert dies am Grundprinzip nicht das Mindeste — ganz so, wie auch das Existieren eines roten Schwans an der Tatsache nichts ändert, dass der Schwan, welch Farbe er auch tragen mag, die Schwanheit  verwirklicht.

Denn das Wesen erweist stets, dass es ein Werden ( das Gewordene) ist.

Es dehnt sich im Raum aus und wächst, bis es ausnahmslos alle Befehle seiner Kainuna erfüllt — sprich: es konstituiert sich gemäß den Befehlen ebendieser seiner Kainuna.

Wie dieses Wachstum und diese Verwirklichung sich im Einzelnen vollziehen, ist eine Angelegenheit, die mich in Wahrheit keineswegs kümmert; ändert sie doch an diesem Thema nicht das Geringste.

Der Ort des verwirklichten Wesens ist eben jener Raum, den der Körper dieses Wesens einnimmt — der dem Körper äquivalente Raum.

Es ist die Negativform, sollten wir das Werden in Gips gießen und eine Form der Entität anfertigen — ganz so, wie der Bildhauer zu Werke geht (er formt seine Idee im Ton und fertigt eine Negativform dafür an [meist aus Gips], sprich eine Form dessen, was er geformt hat; und in den entstandenen Hohlraum [weshalb man sie Negativform nennt] vermag er beispielsweise Gips oder anderes zu gießen, wodurch er ein Modell erhält, welches als Gestalt demjenigen nahezu vollkommen entspricht, was er im Ton geformt hatte).

Das Verlangen meiner Mutter bedeutete: Sei er, und richte über das Geschehene, als wärst du er selbst. Bisweilen fügte sie hinzu, wenn sie wusste, dass ich bereits über die entsprechende Erfahrung verfügte: Erinnere dich an jenen Tag, als du dies oder jenes tatest; erinnere dich, woran du dachtest, wie und warum.

Gar häufig spürte ich, dass meine Mutter von mir verlangte, dem Anderen zu verzeihen, was immer er auch getan haben mochte — wenngleich ich wusste, dass sie mir beistand, solange ich im Recht war.

Bei wahrhafter Gefahr pflegte sie die Angelegenheit mit den Eltern der anderen Partei oder mit einem von ihnen zu regeln.

Empathie ist keineswegs dasjenige, was etliche wähnen — nämlich bloßes Mitleid oder Mitgefühl —, sondern vielmehr die Fähigkeit zum Verweilen an ebendiem Ort, der in Wahrheit der Andere selbst ist; keineswegs das Fühlen, wie dieser Andere fühlt, sondern das Durchleben des Gefühls des Anderen gemäß der Einwirkung des Geschehnisses auf ihn, als wäre ich selbst derjenige, der davon betroffen wird.

Die Schwierigkeit dieses Tuns ist unermesslich groß, und sie bildet das ewige Anliegen der Menschheit; weshalb die Menschen keineswegs aufhören, kategorische Gebote und Verhaltensregeln aufzustellen, die in unmittelbarer Beziehung zu dieser Angelegenheit stehen.

Dergleichen wie: „Wie du mir, so ich dir“, oder: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“, oder die Goldene Regel: „Was du nicht willst, dass man dir tue, das füg auch keinem anderen zu“, oder aber: „Handle nach jener Maxime, die dein freier Wille zugleich auf dich selbst anzuwenden vermag.“

… und gar vieles andere mehr. Die letztgenannte Regel ist dasjenige, was Immanuel Kant nach meinem Dafürhalten in seinem berühmten kategorischen Imperativ („Handle so …“) beabsichtigte; er sprach damals den Gesetzgeber an und sagte ihm: Die Gesetze, die du erlässt, müssen dergestalt sein, dass du selbst ihnen ebenfalls unterworfen bist und sie (die Gesetze) für dich ebenso Gültigkeit besitzen wie für alle anderen.

Ich weiß nicht, weshalb Kant seinen kategorischen Imperativ auf diese spezifische Weise formulierte, doch existiert dieses Gebot in gar vielen Kulturen schon lange vor Kants Zeiten.

Diese Regeln wirken in Wahrheit nicht vollkommen, weil sie keineswegs in ein klares Gesetz gegossen werden können. Liegt das Wesen der Gesetze doch darin, dass sie quantitativ sind und keineswegs qualitativ.

Wie sollte ich mich nun an Malos Stelle versetzen?

Wenn ich in den Filmen jene Vögel betrachte, die sich um die Eier anderer Vögel und folglich um deren Küken kümmern (das Kuckucksei) und wie der Vogel das fremde Küken füttert, obgleich dessen Größe das Mehrfache seiner eigenen Größe erreicht hat …, so vermag ich meinem Gefühl zu glauben, dass Malo ( als Vogel ) mich keineswegs als furchterregend oder fremd erblickte. Ich vermag mir zwar keineswegs auszumalen, wie mein Bild beschaffen war, als er wähnte, ich sei ein organischer Teil seiner selbst — wie ich vermute —, doch war ich ganz gewiss ein Teil seiner eigenen Welt; war ich doch mit ihm an ebendemselben Ort, der sein eigener Raum war. Er wusste dies garantiert; wie aber diese Welt im Gehirn von Malo tatsächlich aussieht, das auszumalen bleibt weiterhin eine Unmöglichkeit. Gleichwohl hege ich den wahrhaften Glauben, dass die Angelegenheit vom Prinzip her keineswegs davon abweicht, wie die Menschen ihre Welten erblicken, wenn die reine Intuition ganz für sich alleine wirkt.