Teil 49 und 50
Teil 49 und 50
Neunundvierzigster Teil
Der Raum im Sinne jenes Bereiches (Hintergrund/Ausdehnung), in welchem das Wesen heranwächst und sich ausdehnt, um ihn einzunehmen und gänzlich mit sich selbst zu erfüllen — sprich: der mit dem Körper des verwirklichten Wesens erfüllte Raum (Körper-eigener Raum) —, ist im Arabischen ein Wort, das ebenfalls vom Verbum des Seins (Kāna / war/existierte) abgeleitet ist. Wer immer diese Sprache erdacht hat, spürte auf eine Weise, dass eine organische Beziehung zwischen dem Wesen (Ka'in) und dem Raum (Makān) obwaltet, weshalb er diese beiden durch den lückenlosen sprachlichen Faden des Stammes K-W-N miteinander verknüpfte, indem er beide Begriffe aus derselben Ur-Quelle bildete.
Diesen Versuch unternahm Heidegger, indem er dem Worte Sein das Da hinzufügte und die Fügung Dasein gebrauchte; doch war ihm hierbei (so scheint es mir jedenfalls) keineswegs das volle Gelingen beschieden. Ragt in diesem neu geschaffenen Begriff doch eher das Verweilen, das Ankommen oder das Erscheinen hervor — keineswegs aber das organische Heranwachsen. Als müsse man sich durch seinen Versuch zwingend ausmalen, dass das Wesen von einem anderen Orte herbeikommt; oder aber als hätte er (ich meine Heidegger) versucht, den Gedanken ( Ibn Arabis ) ins Deutsche zu übertragen, ohne ihn wahrhaftig zu begreifen, oder aber weil die deutsche Sprache ihm dies schlichtweg nicht erlaubte. Selbstverständlich bleibt es möglich, dass er schlicht seine eigenen Gedanken niederschrieb und erläuterte.
Um den Raum wahrhaft zu begreifen, ist es unerlässlich, das Nichts zu begreifen; doch lässt sich das Nichts auf keinerlei Weise ausmalen. Der Raum wiederum lässt sich auf keinerlei Weise ignorieren; ist doch mein eigener Ort beispielsweise das Zentrum des Universums selbst. Das Universum umgibt mich von ausnahmslos allen Seiten; es presst mich genau so zusammen, wie es sich gebührt, auf dass mein Körper sich keineswegs über meine Grenzen hinaus ausdehne — über dasjenige hinaus, was die Möglichkeiten des Zusammenhalts der körperlichen Bestandteile erlauben. Meine Haut steht dem Universum bei diesem seinem Werke keineswegs wahrhaft bei; und wenn ein jeder lebendige Körper dergestalt erscheint, als ränge er gegen einen äußeren Druck, so ist dies meistenteils der Druck der Luft. Gleichwohl existiert da etwas — wenn ich genau hinsehe —, das keineswegs bloß der Luftdruck ist, den der Körper fernzuhalten trachtet.
Es muss zwingend noch eine weitere Schicht zwischen meinem Körper und dem äußeren Universum obwalten, von deren Wesenheit und Existenzgrund ich keinerlei Kenntnis besitze; ich verspürte sie zum ersten Male mit aller Klarheit, als ich Malo weinen hörte.
Bisweilen denke ich, wenn ich mich an Malos Schnarchen erinnere — das ich eher spürte denn mit meinen Ohren vernahm —, dass dasjenige, was ich als die den Körper des Wesens umgebende Schicht beschrieb, für ihn (für Malo) in jenem Hohlraum Gestalt angenommen hatte, den ich zwischen meiner Faust und seinem Körper bildete. Meine Faust war das gesamte äußere Universum für ihn, wenn er darin schlief.
Jener Kosmos war für ihn wie der Mutterschoß für den Fötus bei den Säugetieren — dort, wo die Geborgenheit gemeinsam mit dem Wesen schläft; dort, als das Wesen das reine Wesen (der reine Ka'in) war. Als eine jede Zelle und ein jeder Teil desselben ihm allein angehörten und ausschließlich jene Befehle erfüllten, die in seiner eigenen Kainuna enthalten waren — und als keinerlei Wesen existierte, dessen Programme von denjenigen abwichen, die in der Kainuna dieses Wesens im Mutterschoß enthalten sind. Der Mutterschoß — dieses Wunder der Natur! Das Wesen erinnert sich seiner auf keinerlei Weise, doch hört es keineswegs auf, dorthin zurückzukehren zu suchen — zurück in den Mutterschoß.
Der Raum ist das Schicksal, zu welchem die Zeit geworden ist (die Zeit verwandelt sich, wenn sie vergeht, in Raum); ein jeder vergangene Augenblick erstarrt. Bisweilen kommt mir der Gedanke, dass Zeit und Raum in einer Beziehung zueinander stehen wie Magnetismus und Elektrizität.
Der Erzeuger ist die Zeit — dasjenige, was die Griechen Chronos nannten (ich meine keineswegs Kronos, sondern Chronos aus den protogonischen Göttern / den Ahnen der ersten Generation).
Dieser (Chronos) scheint mir an den Grenzen des Universums zu wirken; er gräbt dort wie ein Bergmann aus der Zeit und erweitert dadurch den Raum in unserem Universum …
Diese Vorstellung vermag ich vollkommen zu vollziehen, ohne dass in meinem Geiste irgendein Zwiespalt, ein Widerspruch oder eine Ermüdung entstünde.
Das Universum (die Galaxien) dehnt sich aus — ganz so, wie meine Faust sich zu öffnen pflegte, wenn ich verspürte, dass sie den Körper Malos zu drücken drohte.
Meine Muskeln hielten die Faust als Faust aufrecht, doch weiteten sie sie zugleich.
Wäre meine Hand in der Lage gewesen zu wachsen — jedes Mal anknüpfend an jenen Augenblick, da sie sich weitete —, so wäre sie an jenem Tage zu einem überaus weiten Raum geworden.
Malo schlief ausschließlich in der Höhlung meiner linken Hand und ließ sich auf keinerlei anderem Orte nieder als auf deren Zeigefinger (dem Zeigefinger meiner linken Hand), der waagerecht ausgestreckt war — und dies einzig dann, wenn ich ihm zurief: „Komm!“
Fünfzigster Teil
Ganz leise und in voller Ruhe tritt nun in den Zusammenhang meines Denkens das Wort Makāna ( die kosmische Stellung / der existentielle Wert des Wesens in der Welt) hervor. Dieses Wort bedeutet keineswegs dasjenige, was gar viele heutzutage darunter verstehen — nämlich einen Rang, einen Status oder eine Stufe …; vielmehr ist es die theoretische Verkörperung der Kainuna selbst.
Die Makāna ist das Gefüge von Beziehungen, das ins Dasein trat, weil der Befehl des Werdens sich vollzogen hat.
Das Wesen hat sich mithin verkörpert, ist gewachsen und hat sich ausgedehnt …; hierbei erblicke ich keineswegs bloß einen physischen Körper, sondern weit mehr: Ich erblicke (ich spüre die Existenz von) neu herausgebildeten Beziehungen — abseits jener Befehle, die in der Kainuna angelegt sind —, Beziehungen, welche die Kainuna mit dem Werden verknüpfen.
Diese Beziehungen schaffen für das Wesen eine Makāna im Universum (dem gesamten Universum — und das Universum ist all dasjenige, was keineswegs dieses Wesen selbst ist). Diese Makāna ist dasjenige, was es dem Universum überhaupt erst ermöglicht, mit dem Wesen in Wechselwirkung zu treten; sie ist eine Art kosmischer Identität, die ein jedes Wesen stets mit sich führt.
Die Makāna und der Körper verkünden dem Universum, wer dieses Wesen ist. Wir erblicken das Wesen in seiner Verkörperung und erkennen dadurch seine Makāna, weil es an seinem eigenen Orte (Körper-eigener Raum) gemäß seiner eigenen Kainuna gegenwärtig ist.
Diese Makāna wird keineswegs vom Universum erschaffen; sie wird durch die schlichte Existenz des Wesens an seinem Orte hervorgebracht.
Die Makāna ist ein Gefüge wertmäßiger Beziehungen, das einem jeden Wesen eignet — völlig ungeachtet des Grundes seiner Existenz oder dessen, wer es ins Dasein gerufen hat.
Diese Ausfurchung (welche das Wesen dem Universum durch seine bloße Gestalt zuruft: „Ich bin hier, weil ich ich selbst geworden bin [verwirklicht gemäß meiner eigenen Kainuna]“) ist die Bestimmung der Identität des Wesens und dessen, was seine Makāna ausmacht. Sprich: das Ganze jener Beziehungen dieses Wesens, die sein Dasein ermöglichten und nach seinem Hinzutreten durch eben dieses Hinzutreten entstanden sind.
Im verwirklichten Wesen erblicken wir ein vollendetes Schicksal, welches in der Kainuna noch als ein offenes Schicksal verweilte.
Ein jedes Wesen besitzt eine Makāna, solange dieses Wesen auf irgendeine Weise ins Dasein getreten ist. Welch Gestalt es auch immer tragen mag: Sein Recht auf das Sich-Bilden, das Sich-Verwirklichen, das Hinzutreten und das Existieren im Universum ist eine Angelegenheit, über die niemand (weder das gesamte Universum noch gar ein Schöpfer) erneut zu entscheiden berechtigt ist.
Die heiligen Grenzen des Wesens sind keineswegs mehr bloß die Grenzen des Raumes, den sein Körper einnimmt ( jener Raum, den der Körper des Wesens erfüllt), sondern sie sind fortan die Grenzen der Makāna.
Das Wort „heilig“, das ich hier anführte, besitzt keinerlei religiöse Bedeutung; vielmehr weist es darauf hin, dass dies jene Grenzen sind, die das äußere Universum keineswegs überschreiten darf und die es zu achten hat — genau so, wie die Menschen dasjenige achten, was sie wahrhaft heiligen. Die Grenzen der Makāna sind unantastbar; sprich: Selbst wenn das äußere Universum (und das äußere Universum ist all dasjenige, was keineswegs das Wesen selbst ist) den Raum des Wesens (Körper-eigener Raum) berühren sollte, so darf es keineswegs versuchen, die Makāna anzutasten — oder genauer gesagt: Es besitzt keinerlei Recht dazu.
Die Berührung des Körpers durch das Universum bedeutet keineswegs zwingend eine Antastung der Makāna und theoretisch nicht einmal des Raumes (dem Wesen bleibt die Erinnerung für immer erhalten, und diese Erinnerung ist eine Art vollendetes Schicksal).
Es bleibt nun niemandem mehr verborgen, dass das Wort Makāna sich deckt mit der Idee der Würde , wie wir sie in der deutschen Sprache kennen; doch vermag dieses Wort die Bedeutung des kosmischen (existentiellen) Wertes des Wesens weit tiefer und mit aller Klarheit zu verwirklichen als das Wort Würde allein.
Die Makāna vermag mit Leichtigkeit den (rechtlichen) Wert des Wesens zu bestimmen, schlicht weil es ein Wesen ist — und folglich seine Makāna zu bestimmen als es selbst, als Gattung …, als Leben … oder als Unbelebtes.
Ein jedes Wesen besitzt eine Makāna, die es trotz des gesamten äußeren Universums innehat; und keinem Wesen sowie dem gesamten Universum steht das Recht zu, sie anzutasten.
Wer ihm diese Makāna verleiht, ist eine Angelegenheit, die sein Recht auf seine Makāna nicht im Mindesten beeinträchtigt.
Wer oder was auch immer die Quelle dieser Makāna sein mag — sie bleibt das Eigentum ihres Inhabers und bestimmt die Gesamtheit dessen, was das Wesen vor der Verletzung seiner Kainuna schützt.
Gar oft denke ich (wenn ich in meinem Denken an diesem Punkte anlange), dass die DNA des deutschen Staates (ich meine das deutsche Grundgesetz) in der Gesamtheit seiner Artikel (welche als Ganzes größer ist als die bloße Anzahl der Paragraphen) diese Angelegenheit durch reine Intuition in sich trägt. Dieses Grundgesetz erlaubt bis zum heutigen Tage keineswegs das Antasten beispielsweise der Gene und hält den Verlockungen jener Gewinne stand, die eine solche Antastung abwerfen könnte — obgleich die Beziehung, welche die Idee des Wortes Makāna knüpft, keineswegs in aller Deutlichkeit offenliegt.
Die Würde, die dieses Grundgesetz schützt, ist die Makāna des Wesens — und keineswegs bloß sein Körper oder sein physischer Raum …
Eine Makāna im Sinne von Würde / Wert des Wesens ist ein Wert, der durch das Hinzutreten des Wesens selbst zum Universum verwirklicht wurde; und beim Menschen verkörpert er sich auf die für uns als Menschen bislang bestmögliche Weise im rechtlichen Werte, wie er im deutschen Grundgesetz verankert liegt.