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Teil 51 und 52

Zahn Nummer Fünf — www.fanfiktion.de · All chapters

Teil 51 und 52

Einundfünfzigster Teil

Als die kurze Krone, die auf dem sechsten Zahn im rechten Unterkiefer befestigt war, abfiel beziehungsweise sich löste, war es Wochenende.

Ich rief damals den Notdienst  an; der diensthabende Arzt klebte mir die Krone rasch, gleichwohl jedoch mit hoher Handwerkskunst wieder an. Dieser Arzt war in den späten Fünfzigern, doch handelte es sich bei dieser Praxis um eine Gemeinschaftspraxis mehrerer zusammengeschlossener Ärzte. Der Arzt kümmerte sich keineswegs — wie es vorzeiten der Brauch war — darum, neue Patienten zu gewinnen, und behandelte mich tatsächlich wie einen bloßen vorübergehenden Besucher; er wies gar ausdrücklich darauf hin, dass die Praxis keinerlei neue Patienten mehr aufzunehmen vermag.

Ich war in Wahrheit auf der Suche nach einer Zahnarztpraxis, und es schien, als hätte dieser Arzt dies gespürt.

Ich habe mich bis zum heutigen Tage keineswegs danach erkundigt, ob Praxen tatsächlich berechtigt sind, Patienten abzulehnen und andere aufzunehmen — aus irgendeinem Grunde, den die Praxis selbst bestimmt —, und dies auf eine solche Weise; auch weiß ich keineswegs, wer eine solche Vorgehensweise überwacht und wie dies geschieht.

Gar viele Praxen schreiben in diesen Tagen: „Wir nehmen keine neuen Patienten auf“ — etwas, das ich vorzeiten keineswegs zu erblicken pflegte. Es erscheint mir bisweilen als ein Akt der Werbung oder als ein Akt der Täuschung und Umgehung des Gesetzes sowie des Herkommens zugleich, um das Messen mit zweierlei Maß zu ermöglichen — sprich: die Auswahl des „besten / für die Praxis geeignetsten Patienten“.

Denn der Arzt ist im Herkommen — in nahezu allen Herkommen und Kulturkreisen — eine Persönlichkeit, die eine gänzlich andere Rolle einnimmt als die übrigen Rollen und Persönlichkeiten; und es ist ihm keineswegs möglich, Patienten abzulehnen, zu deren Untersuchung und Heilung er imstande ist.

Selbstverständlich lehnen diese Ärzte die Behandlung von Notfällen keineswegs ab.

Es erscheint mir, dass diese Ablehnung eine verfehlte Angelegenheit ist, deren Folgen überaus schwer wiegen werden, sollte ihr Zweck tatsächlich der Gewinn sein; sie ist zumindest eine Angelegenheit, die von den Menschen sowie nach menschlichem Herkommen keineswegs ungesehen oder akzeptiert bleibt.

In Wahrheit und gemäß dem rein intuitiven Empfinden glauben und vertrauen gar viele Menschen darauf, dass der Arzt (der in etlichen Kulturen mit einem Worte bezeichnet wird, das „der Weise“ bedeutet) eine öffentliche Persönlichkeit ist — sprich: Er besitzt keineswegs das Recht, nach bloßem Gewinn zu trachten. Er ist verpflichtet, hinreichend entschädigt zu werden, doch gebührt es ihm keineswegs, wie ein Kaufmann zu denken. Die Menschen in den armen Ländern bringen dem Arzte das Beste dar, was sie besitzen und erzeugen, ohne dass der Arzt dies verlangt; und die meisten von ihnen wählen tatsächlich das Allerbeste aus — keineswegs aus Gier nach der Gunst des Arztes, sondern aus Ehrerbietung und Wertschätzung ihm gegenüber.

Wie überaus schwer fällt es dem Arzte, ein Kaufmann zu sein? Er muss gewiss seelisch überaus leiden, wenn er gezwungen wird, Handel zu treiben; ist die Ware des ärztlichen Handels doch die Gesundheit und der Mensch selbst.

Ich behaupte, dass dem Richter, dem Arzte, dem Politiker, dem Professor und dem Erzieher hinreichende Entschädigungen zustehen müssen — auf dass sie keineswegs daran denken, Geld auf Wegen außerhalb ihres Standes herbeizuschaffen; wie etwa durch Handel oder durch das Verkaufen unnötiger Leistungen, sei es eine Operation, eine Krone oder eine Behandlung.

Was für mich wahrhaft unmöglich zu begreifen bleibt, ist die Frage: Wie vermag ein Arzt eine keineswegs notwendige Operation durchzuführen? Ich vermag dies in Wahrheit keineswegs zu glauben. Ich glaube zwar beispielsweise, dass ein Arzt einen hohen Preis verlangt; doch bleibt es für mich unmöglich zu glauben, dass achtzig Prozent der Operationen an künstlichen Gelenken und anderem keineswegs notwendig seien.

Dies würde bedeuten, dass achtzig Prozent der Ärzte, die solche Operationen vollziehen, in Wahrheit genau wissen, was sie tun. Und dies stellt für mich mehrfache Verbrechen dar:

Der Diebstahl am Versicherungsgeber und der Betrug an ihm.

Die körperliche Schädigung unter Berücksichtigung der Möglichkeit des Todes des Patienten.

Die Zerstörung der Glaubwürdigkeit der Heilkunde bei den Menschen — gehört die Heilkunde bei den Menschen doch zum Gemeinwohl … was wiederum die Untergrabung des Vertrauens des Volkes bedeutet.

… und etliches andere mehr.

Wenn mir dies in den Sinn kommt, verspüre ich tatsächlich ein Mitgefühl mit demjenigen, der solches tut: Wie überaus bedürftig muss er sein, um seine Zukunft und seinen Ruf auf eine solche Weise aufs Spiel zu setzen?

Die Menschen sprechen zwar keineswegs laut darüber, doch wissen sie es ganz gewiss; und wenn sie eine Schädigung erkennen, vergessen sie sie keineswegs.

Wähnt etwa derjenige, der den Menschen Schaden zufügt, das Schweigen der Menschen sei bloße Schwäche?

Es findet folglich ein Wandel in den herrschenden grundlegenden Beziehungen statt. Die Praxen verändern die anerkannten Grundsätze; sie verändern ihr eigenes Wesen, indem sie Grundsätze in diese (Kainuna) einsetzen, die ihr gänzlich fremd sind.

Was künftig daraus heranwachsen wird, weiß niemand; doch dasjenige, was gemäß diesen Gegebenheiten heranwachsen wird, verheißt keineswegs das Mindeste an Gutem.

Die Steuerung der Kainuna (beispielsweise der Kainuna der Praxis) ist keineswegs möglich, es sei denn, die Gesetze erlauben dies, oder aber die Gesetze selbst verändern sich auf eine Weise, die jene Umstände schafft, welche dies gestatten — oder zumindest denjenigen, der solches tun will, dazu in die Lage versetzen; meistenteils auf einem grauen Wege durch Löcher in den neuen Gesetzen!

Wenn Gesetze mithin das Verbrechen erlauben oder ihm dienliche Umstände schaffen, so zerfällt das Gefüge des Staates in kurzer Frist (dies ist in Wahrheit ein bedeutsames Zeichen für den Verfall von Staaten ( Systemen).

Betrachten wir die Kainuna der Praxis als das Ganze jener Beziehungen, durch welche die Praxis überhaupt erst Praxis genannt wird — beispielsweise als jener Ort, an welchem die Kranken den Arzt aufsuchen …, in welchem sich ein Arzt befindet, der ein Diplom besitzt, das ihm die Ausübung jenes Fachgebiets erlaubt, und die den internen Bestimmungen unterliegt; wobei diese internen Geschäftsbedingungen den geltenden allgemeinen Gesetzen unterworfen sind …

Gewöhnlich bewirkt der prinzipielle Wandel — wie klein er auch erscheinen mag — einen quantitativen und qualitativen Wandel im Wesen zugleich; ganz so, wie wenn die Menschen an der Kainuna, an den Genen etwa einer Maispflanze tappen: Es entsteht ein neues Werden, in welchem neue Beziehungen obwalten … gemäß dem, womit die Menschen hantierten.

Ich weiß keineswegs, wie lange der Mensch dieses dumme Spiel der Genveränderung zu spielen vermag (der Beweis dieser Dummheit tritt in demjenigen offen zutage, was später mit dem geschieht, dessen Gene von Menschen verändert wurden); doch wenn er imstande wäre, in den Kainunat selbst zu verändern, die innerhalb eines Gens existieren — wenn der Mensch beispielsweise eines Tages in der Lage wäre, eine Kainuna dritter Ordnung zu verändern und durch eine andere zu ersetzen, während die Gene als Ganzes weiterhin tatsächlich funktionieren …

Wenn er beispielsweise durch den Befehl „Sei eine Ziege!“ bewirkte, dass daraus ein „Sei eine Kuh!“ würde, so wäre dasjenige, was daraus wird (das Werden / das Gewordene), keineswegs eine Ziege — obgleich all dasjenige, was von den Genen verblieb, gänzlich die Ziege verwirklicht und keineswegs anders vermag. Wir wissen keineswegs, was dieses Wesen sodann sein wird.

Der prinzipielle Wandel führt unweigerlich zu einem neuen Werden — oder aber zu dessen Nichtsein, falls das Wesen keineswegs eine Karte zu erlangen vermag, die einen Code enthält, der es zum Hinzutreten zum Universum befähigt.

Die Praxen verwandeln sich — nach dem, was ich beobachte — in eine Art Wesen, das eine Quelle des Gewinns und keineswegs eine Quelle des Lebensunterhalts sein will.

Und der Gewinn kennt keinerlei Qualität, es sei denn eine Qualität, die er selbst anerkennt — sprich: eine solche, die Gewinn einbringt. Und die Tugend bemisst sich bei ihm am Gewinn (und weil der Gewinn ein Wesen aus der Gattung der Programme ist, von menschlicher Setzung und Erschaffung), bedeutet sie — die Tugend des Gewinns —: Der beste Gewinn ist der größte Gewinn.

Zweiundfünfzigster Teil

Der Gewinn bedarf des Marktes; und auf dem Markte existieren der Verkäufer und der Käufer: Der Erste verkauft die Ware, und der Zweite erwirbt sie.

Es existiert mithin kein Markt ohne das Vorhandensein der Ware.

Wenn die Praxis der Markt ist — was ist sodann die Ware?

Der Patient auf der Suche nach Heilung besucht die Praxis, weil er krank oder verletzt ist …

Der Arzt heilt ihn.

Der Arzt verkauft im (natürlichen) Falle keineswegs sein Wissen, sondern er empfängt eine Entschädigung dafür; er empfängt einen Lohn für die Heilkunst, und dies ist sein Lebensunterhalt. Der Lebensunterhalt ist das Recht eines jeden Wesens, und der Mensch steht hierin allen Wesen gleich.

Ich muss dies indes genauer gliedern, denn der Märkte gibt es gar viele: Welcher Art von Markt vermag die Praxis überhaupt zu sein?

Wenn der Nahrungsmarkt Nahrung verkauft, der Kleidermarkt Kleidung verkauft und der Maschinenmarkt Maschinen verkauft, so verkaufte die Praxis — sofern sie überhaupt verkaufte — die Gesundheit.

In Wahrheit vermag ich die Gliederung auch aus der Perspektive der Besucher vorzunehmen — sprich: aus der Sicht der Nachfragenden. In der ersten Gliederung ordnete ich das Dargebotene … Im gewöhnlichen Falle und gemäß der Natur des Handelns kauft auf dem ersten Markte derjenige ein, der Kochzutaten bedarf, auf dem zweiten derjenige, der Kleidung bedarf, auf dem dritten derjenige, der Maschinen bedarf — und in der Praxis die Gesundheit.

Dies bedeutet: Die Kranken besuchen die Praxis; im übertragenen Sinne vermag man zu sagen, dass sie „Gesundheit“ erwerben.

So wirken jene Praxen, die den Märkten ähneln — so wie die Märkte im natürlichen Zustande wirken.

Wenn jedoch der Gewinn zum alleinigen Zweck eines Marktes wird (an diesem Endpunkte wandelt sich der Zweck vollkommen: sobald der Verkäufer keineswegs mehr der Erzeuger ist, sprich wenn das Dargebotene und das Nachgefragte auf irgendeine Weise dem Gelde selbst gleichgesetzt werden — die Ware ist das Geld, denn der Kaufmann vermag die Ware gewöhnlich keineswegs in ihrem Wesen zu erblicken, sondern er bezieht sie stets auf das Geld —), sodann wird auch die Nachfrage zu einem Teil der Ware selbst, weil der Marktbesitzer sie als Faktor in den Preis einsetzt.

Wird folglich die Krankheit selbst zu einem Teil der Ware auf dem Markte der Gesundheit?

Wir stehen hier vor einem Markte, der in Wahrheit keineswegs ein echter Markt sein kann, weil ihm das Element der freien Konkurrenz fehlt und er in seinen Programmen das Element des erzwungenen, unabweisbaren Monopols trägt (die Furcht um das Leben ist die höchste anthropologische Konstante; daher ist das Recht auf das Verbleiben im Leben das höchste aller Rechte). Denn die Heilkunde wird ausschließlich von Ärzten ausgeübt, und im Falle der Krankheit besitzt der Kranke gewöhnlich keinerlei echte Wahl.

All die Versuche, die in jüngster Zeit unternommen wurden (so sprach ich zu mir selbst), um das Gesundheitswesen in einen Markt zu verwandeln, scheitern auf eine Weise, die dem Scheitern desjenigen gleicht, der an den Genen einer Maispflanze zu tappen versucht.

Dieser Markt wird künftig zu einem wunderlichen Wesen werden, in welchem stets der Schwache (der Kranke) der Verlierer bleibt; doch der Starke (der Besitzer der Ware oder ihr Händler) bemerkt keineswegs, dass er sich ebenfalls in einen dauerhaft Furchtsamen verwandelt.

Denn es wird künftig genügen, an dasjenige zu denken, was derzeit darüber geäußert wird, dass achtzig Prozent der Gelenkoperationen ohne Notwendigkeit seien, damit ein jeder Verkäufer auf diesem Markte verspürt, dass er selbst gemeint ist.