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Nachdenken über die Ausgangspunkte 1

Zahn Nummer Fünf — www.fanfiktion.de · All chapters

Nachdenken über die Ausgangspunkte 1

Teil 1

Karl Popper:

Platon, wer deine Politeia liest, steht vor dem Entwurf einer geschlossenen Welt. Du suchst nach einer unveränderlichen, perfekten Form der Gerechtigkeit und übergibst die Herrschaft einer Elite von Philosophen, die allein diese Form geschaut haben soll. Jede verändernde Korrektur durch das Volk wird damit als Abweichung von der 'idealen Ordnung' gebrandmarkt. Ist das nicht die gedankliche Ur-Blaupause für jeden Totalitarismus?

Platon:

Wenn ein Geometer im Sand einen Kreis zeichnet, Karl, ist dieser sichtbare Kreis niemals perfekt. Er ist uneben, verzerrt und unvollständig. Dennoch versteht der Geist, der den Kreis betrachtet, die Gesetze der absoluten Gleichabständigkeit aller Punkte zum Mittelpunkt. Sagt der Geometer dem Lehrling: 'Du musst den Strich so ziehen, weil die Gesetze der Geometrie es verlangen', zwingt er ihm dann eine Diktatur auf? Oder offenbart er ihm lediglich die logische Notwendigkeit, ohne die der Begriff des Kreises in sich selbst zusammenbrechen würde?

Karl Popper:

Das Beispiel ist trügerisch. Eine geometrische Figur leidet nicht unter den Entscheidungen des Geometers. Eine Gesellschaft besteht jedoch aus wandelbaren, fehlbaren Menschen. Wenn du die 'Idee' des Staates als absolut setzt, verweigerst du dem Menschen das Recht, durch Versuch und Irrtum schrittweise seine eigenen Institutionen zu verbessern. Du ersetzt das offene Experimentieren durch eine erstarrte Fiktion.

Platon:

Wie kann ein System ein Experiment durchführen, Karl, wenn es die Maßstäbe nicht kennt, an denen das Experiment gemessen werden soll? Du sprichst vom Versuch und vom Irrtum. Aber was definiert den 'Irrtum', wenn nicht der Blick auf die Kohärenz und den Widerspruch? Das Ideal, das du eine erstarrte Fiktion nennst, ist nicht der Bauplan eines Palastes, den man den Menschen überstülpt. Es ist die Grenzbedingung, unter der das Denken überhaupt erst in der Lage ist, Unordnung von Ordnung zu unterscheiden. Wer im Menons Dialog den Sklaven führt, zwingt ihm keine Antworten auf; er zeigt ihm, wo seine eigenen Annahmen sich widersprechen, bis der Sklave die mathematische Symmetrie aus sich selbst heraus erkennt.

Friedrich Nietzsche:

Hör auf, Platon! Das Spiel mit dem Sklaven und dem Geometer ist eine alte, durchschaubare Maskerade! Du sprichst von 'Symmetrie' und 'Kohärenz', als seien dies neutrale Naturgesetze. Aber warum verlangst du überhaupt nach der Symmetrie? Weil du das Gewirr, das Werden, den Schmerz und das unvorhersehbare Chaos dieses Lebens nicht ertragen konntest! Du hast den Begriff erfunden, um den Fluss der Realität einzufrieren. Deine Ideenwelt ist nichts weiter als eine sterile Zuflucht für Geister, denen der Wille fehlt, das Werden in seiner rohen Macht zu bejahen.

Platon:

Friedrich, wenn du sagst, dass das Leben ein ununterbrochener Fluss sei, worauf stützt du das Wort 'Fluss'? Wie kannst du die Bewegung überhaupt wahrnehmen und als Macht beschreiben, wenn dein Geist nicht zugleich einen festen Orientierungspunkt besitzt, an dem er die Bewegung misst? Wenn alles ausnahmslos im selben Augenblick zerfließt, lösen sich auch deine Worte auf, noch ehe du sie ausgesprochen hast. Der Begriff ist kein Käfig, der das Leben einfriert; er ist das Koordinatensystem, ohne das du nicht einmal spüren könntest, dass du dich bewegst.

Martin Heidegger:

Aber genau darin liegt die verborgene Verwüstung, Platon. Du bietest ein Koordinatensystem an, und indem du es anbietest, verwandelst du das Sein in ein Berechenbares. Du hast das ursprüngliche Verborgene, das reine Geschehen der Wahrheit, auf das Eidos reduziert – auf das bloße Aussehen, das dem Verstand als greifbares Objekt gegenübersteht. Von dem Augenblick an, als du die Form zum Maßstab erhobst, begann das Denken zu rechnen. Du hast den Grundstein für die Herrschaft der Technik gelegt, in der alles Nur-Noch-Vorhandene vermessen, geordnet und beherrscht werden muss.

Platon:

Martin, wie willst du über das sprechen, was du das 'Verborgene' nennst, ohne ihm Worte, Abgrenzungen und Konturen zu verleihen? Eine Enthüllung, die keine Form annimmt, bleibt im Dunkeln verborgen – sie ist für das Denken nicht von der bloßen Leere zu unterscheiden. Ist das Messen und Erkennen der Verhältnisse wirklich eine Zerstörung des Seins? Oder ist die Form vielmehr die einzige Sprache, in der das Sein sich dem Geist überhaupt verständlich machen kann, ohne in stummes Chaos zu zerfallen?

Karl Popper:

Du weichst uns allen auf dieselbe Weise aus, Platon. Du flüchtest dich in die reine Logik der Formen, sobald wir dich mit den Konsequenzen deines Denkens konfrontieren. Mag sein, dass die Form logisch notwendig erscheint. Doch in den Händen der Menschen wird deine Behauptung, die 'Wahrheit' hinter den Schatten zu kennen, immer zur Legitimation von Macht. Du hast den Grundsatz aufgestellt, dass derjenige, der aus der Höhle aufsteigt, das Recht und die Pflicht hat, die anderen zu lenken.

Platon:

Sag mir, Karl: Wenn ein Mann im Dunkeln wandert und durch sorgfältige Beobachtung lernt, wo die Abgründe verlaufen und wo der Weg sicher ist – ist es ein Akt der Anmaßung, wenn er den Blinden warnt, nicht in den Abgrund zu treten? Oder ist das Erreichen der Klarheit die fundamentale Voraussetzung dafür, überhaupt einen nützlichen Schritt in der Welt zu tun?

Karl Popper:

Aber der Wanderer im Dunkeln, Platon, ist selbst ein fehlerhaftes Wesen! Dein Bild setzt voraus, dass der Philosoph den Abgrund mit absoluter Gewissheit erkennt. In Wahrheit tasten wir uns alle nur durch Vermutungen voran. Du gibst einer elitären Kaste das Recht zu behaupten, sie besitze das Licht außerhalb der Höhle, während alle anderen in den Schatten gefangen seien. Wer entscheidet denn, wer die Höhle verlassen hat und wer nicht? Du schaffst ein Monopol auf die Wahrheit, das unvermeidlich zur Unterdrückung führt.

Platon:

Du sprichst erneut von einem Monopol, Karl, als wäre das Licht ein Eigentum, das man in eine Truhe sperrt. Schau in die Höhle zurück: Der Befreite trägt keine Fackel mit sich herum, die er erfunden hätte. Er fordert die Gefesselten auf, die eigenen Köpfe zu wenden. Die Wendung der Seele ist kein Gehorsam gegenüber dem Befreier, sondern der Vollzug der eigenen Einsicht. Wenn ich behaupte, dass zwei plus zwei vier ergibt, besitze ich dann ein Monopol auf die Zahl Vier? Oder spreche ich lediglich eine Nötigung des Verstandes aus, der sich jeder beugen muss, sobald er den Gedankengang selbstständig nachvollzieht?

Friedrich Nietzsche:

Hör auf, die Zahlen als Zeugen anzurufen! Du tust so, als sei der Aufstieg ans Licht ein unschuldiger Akt der Vernunft. Aber wer war dieser Sokrates wirklich? Ein Mann des Plebejertums, hässlich, voller Ressentiment gegen die vornehme, instinktsichere Aristokratie Athens! Weil ihm die Eleganz des Blutes und der Taten fehlte, erfand er die Tyrannei der Dialektik. Er machte aus dem Gespräch eine Falle, um die Starken mit den Drähten der Logik zu verstricken. Dein 'Licht' ist nichts weiter als der Neid des Schwachen auf die Schönheit des Unmittelbaren!

Platon:

Wenn die Dialektik eine Falle wäre, Friedrich, woraus bestünde dann ihr Netz? Aus den eigenen Behauptungen des Befragten! Sokrates legte keine fremden Fesseln an; er bat den Starken lediglich, die Folgen seiner eigenen Worte zu Ende zu denken. Wenn die 'Schönheit des Unmittelbaren' zerbricht, sobald man sie nach ihrem Sinn fragt, war sie dann eine echte Stärke – oder nur eine unbewusste Einbildung? Warum fürchtest du die Prüfung der Begriffe so sehr? Ist der Wille zur Macht so fragil, dass er vor der Frage nach seiner eigenen Schlüssigkeit zittern muss?

Friedrich Nietzsche:

Ich fürchte deine Prüfung nicht, Platon – ich durchschaue ihre Absicht! Du fragst nach dem 'Sinn', als gäbe es einen festen Sinn außerhalb des Lebens selbst. Du setzt voraus, dass das Denken ein neutrales Richteramt sei. Aber das Denken ist selbst ein Machtmittel, ein Werkzeug des Triebes! Wenn du nach der 'Gerechtigkeit an sich' suchst, suchst du in Wahrheit nach einem Ruhekissen für eine ermüdete Seele. Du hast das Vertrauen in die Erde verloren und musstest dir deshalb einen Himmel bauen, um deine eigene Müdigkeit heiligzusprechen.

Platon:

Wenn der Geist nach der Symmetrie sucht, Friedrich, tut er das nicht aus Müdigkeit, sondern weil das Denken ohne Gesetz schlicht aufhört zu sein. Du sagst, der Begriff stehe gegen das Leben. Aber antworte mir: Wenn ein Bildhauer einen Marmorblock bearbeitet, kämpft er dann gegen den Stein, wenn er dessen Maserung respektiert und die Form herausarbeitet? Oder verleiht er der rohen Materie erst dadurch Dauer und Gestalt? Ohne das Gesetz der Form bleibt der Stein nur ein Haufen Schutt, und das Leben nur ein stummer Schrei.

Martin Heidegger:

Und doch hast du den Stein vom Boden gelöst, Platon, und ihn in den Äther der reinen Abstraktion gehoben. Friedrich hat auf seine Weise recht: Du hast das Wesen der Symmetrie von der lebendigen Anwesenheit getrennt. Die Idee war bei den Vorsokratikern das Aufstrahlen des Seins selbst in seiner Unverborgenheit. Bei dir wurde sie zum Maßstab, zur Norm, an der die Wirklichkeit gemessen und für 'mangelhaft' erklärt wird. Seitdem blickt der Mensch nicht mehr staunend auf das, was ist, sondern prüft nur noch, ob es deinem Muster entspricht.

Platon:

Wie könnte der Mensch staunen, Martin, wenn er das Gestaltlose nicht vom Gestalteten unterscheiden kann? Das Staunen beginnt nicht im dumpfen Staustrahl des Unbestimmten, sondern an der Grenze, wo das Wesen seinen Umriss offenbart. Das Eidos ist kein Muster, das der Geist dem Sein aufzwingt wie ein Stempel dem Wachs. Es ist die Anwesenheit in ihrer reinsten Klärung. Wenn wir die Verwirrung der Meinungen durchreinigend durchwandern, erfinden wir die Form nicht – wir legen sie frei, wie das Licht die Kontur des Berges freilegt, wenn der Nebel weicht.

Martin Heidegger:

Aber das Licht, von dem du sprichst, blendet das Auge für das Schattenreich, aus dem alles entspringt! Du machst die Helligkeit der Geometrie zur einzigen Wahrheit. Damit erziehst du den Menschen dazu, nur das als 'wirklich' anzuerkennen, was im vollen Licht der Berechenbarkeit steht. Alles Geheime, alles Unfassbare, das Vergehen und das Werden selbst verfallen bei dir dem Urteil des 'Scheins'. Du hast das Denken aus dem Grund des Daseins herausgerissen und es in ein Laboratorium der Begriffe verwandelt.

Platon:

Wenn das Denken kein Ort der Prüfung ist, Martin – was ist es dann? Eine unkontrollierte Phantasie? Ein Raunen im Dunkeln? Wenn du die Schärfe der Begriffe als 'Kälte' ablehnst, woran unterscheidest du dann die Wahrheit von der Täuschung? Sag mir: Wie willst du den Menschen vor dem Abgrund bewahren, wenn dein Denken sich weigert, dem Licht eine feste Richtung zu geben?

Martin Heidegger:

Du fragst, woran ich Wahrheit von Täuschung unterscheide, Platon, wenn ich deine Geometrie ablehne. Aber dein Diktat der 'Schärfe' ist selbst schon die grundlegendste Täuschung! Du setzt voraus, dass Wahrheit eine Übereinstimmung des Verstandes mit einem festen Objekt sei – eine 'Richtigkeit'. Doch die ursprüngliche Wahrheit, die Aletheia, ist kein Zustand der Berechenbarkeit, sondern das Licht und der Schatten zugleich: das Sichentbergen im Sichentziehen. Indem du den Schatten als bloßen Mangel, als 'Höhle' entwertest, hast du den Menschen heimatlos gemacht. Er wohnt nicht mehr im Sein, sondern verwaltet nur noch deine Begriffe.

Platon:

Wenn der Mensch im Unbestimmten wohnt, Martin, ohne Maß und ohne Ziel, wohnt er dann wirklich – oder irrt er nur umher? Du wirfst mir vor, den Schatten entwertet zu haben. Aber das Höhlengleichnis zeigt die Schatten nicht als Nichts; es zeigt sie als den notwendigen Anfang der Erkenntnis! Der Irrtum liegt nicht darin, die Schatten zu sehen, sondern darin, die Schatten für die ganze Wirklichkeit zu halten. Wenn das Denken sich weigert, nach der Ursache der Schatten – nach dem Licht und dem Gegenstand – zu fragen, macht es sich selbst zum Gefangenen. Ist deine 'Gelassenheit' gegenüber dem Unbestimmten nicht in Wahrheit die Weigerung, die Verantwortung des Denkens zu übernehmen?

Karl Popper:

Schau genau hin, Platon! Jetzt sprichst du es selbst aus: 'Die Verantwortung des Denkens.' Und wer trägt diese Verantwortung? In deiner Welt ist es der Wissende, der den Gefangenen bescheid weiß. Du kannst dich drehen und wenden wie du willst: Deine 'Notwendigkeit der Form' führt in der Praxis immer dazu, dass eine kleine Gruppe von Selbsternannten behauptet, den Weg aus der Höhle zu kennen. Du sagst, sie zwingen niemandem etwas auf. Aber in der Politeia vertreibst du die Dichter, zensierst die Mythen und teilst die Bürger in Gold, Silber und Erz ein. Ist das die 'freie Selbsterkenntnis des Geistes'?

Platon:

Karl, wenn ein Arzt einem Kranken eine Bittermedizin verschreibt und ihm den Schimmel aus der Wunde schneidet, tut er das aus Herrschsucht – oder weil die Natur des Körpers bestimmte Gesetze der Heilung verlangt? Wer die Harmonie einer Seele oder eines Staates sucht, kann die Elemente nicht ungeordnet durcheinanderwerfen. Die Einteilung in Gold, Silber und Erz ist kein erblicher Kaste-Zwang, sondern ein Bild für die verschiedenen Kräfte im Geiste jedes einzelnen Menschen: die Vernunft, der Mut und die Begierde. Wenn die Begierde das Regiment führt, verfällt der Mensch der Tyrannei seiner Leidenschaften; wenn die Vernunft führt, entsteht Symmetrie. Wenn ich die Dichter begrenze, dann weil sie die Affekte anstacheln und das Denken trüben, wie Staub das Auge trübt. Du wirfst dem Arzt Zensur vor, weil er das Gift aus dem Brunnen entfernt.

Friedrich Nietzsche:

Ein Arzt! Hört ihn an! Der große Euthanasist der antiken Welt nennt sich einen Arzt! Du hast die Begierde beschnitten, Platon, weil du Angst vor ihrer Wildheit hattest! Du hast den Mut unter die Fuchtel deiner kalten Vernunft gestellt, weil du die Tragik des Kampfes nicht ertragen konntest! Was du 'Gesundheit' nennst, ist die Kastration des Lebens! Deine 'Symmetrie' ist der Zustand eines Leichnams – da regt sich nichts mehr, da stört kein Trieb mehr die reine Ruhe deines Denkmuseums. Du hast den Menschen nicht geheilt, du hast ihm das Rückgrat gebrochen und es durch ein Lineal ersetzt!

Platon:

Wenn ein Bauwerk unter der Last seines eigenen Gewichts zusammenstürzt, Friedrich, lag es dann daran, dass das Lineal das Holz 'kastriert' hat? Oder lag es daran, dass die Statik missachtet wurde? Du feierst den ungehemmten Trieb. Aber was passiert mit dem Menschen, der allein von seinen Trieben beherrscht wird? Er wird zum Sklaven jedes wechselnden Impulses, zerrieben von seinen eigenen inneren Widersprüchen. Er meint, frei zu sein, während er nur von Hunger zu Hunger getrieben wird. Die Logik ist kein Lineal, das das Rückgrat ersetzt; sie ist das Rückgrat selbst! Erst wenn das Denken in sich fest steht, kann der Mensch handeln, anstatt nur von seinen Affekten geschüttelt zu werden.

Friedrich Nietzsche:

Aber wer sagt denn, dass der Mensch 'fest stehen' muss? Wer sagt denn, dass die Ruhe höher steht als der Sturm? Das ist dein christlicher Vorfahrts-Glaube, den du in die Philosophie geschmuggelt hast! Du hast die Welt in eine 'wahre' und eine 'scheinbare' geteilt, weil du den Schmerz der Veränderung nicht bejahen konntest. Der starke Mensch braucht kein logisches Geländer; er wagt es, im Chaos zu tanzen, ohne nach einer 'Symmetrie' zu betteln, die ihn vor dem Absturz rettet!

Platon:

Wie willst du tanzen, Friedrich, wenn es keinen Boden gibt, auf den du deine Füße setzt? Selbst der Tanz braucht den Rhythmus, das Maß und das Gesetz der Schwerkraft – sonst ist er kein Tanz, sondern ein besinnungsloses Zucken im freien Fall.