LNCrawler

Nachdenken über die Ausgangspunkte 4

Zahn Nummer Fünf — www.fanfiktion.de · All chapters

Nachdenken über die Ausgangspunkte 4

Teil 4

Karl Popper:

(tritt noch einmal vor, seine Finger tippen energisch auf den Tisch) Das ist ein faszinierendes metaphysisches Gemälde, Platon! Du verklärst das Eidos zum 'unsichtbaren Fluchtpunkt' und zum 'Licht der Evidenz'. Aber genau hier entlarvt sich deine ganze Dialektik! Du sprichst vom 'Guten an sich' (Agathon), vom 'System-Optimum' und von der 'vollkommenen Symmetrie'. Doch sagen wir es ganz unverblümt: Du hast dieses Gute niemals inhaltlich definiert! Du hast in keinem einzigen deiner Dialoge eine greifbare, finale Formel geliefert, was das 'Gute' oder das 'Ideal' konkret ist. Du beschreibst nur den Versuch, es zu umkreisen! Du hast eine leere Schablone hinterlassen – und genau diese Leere ist die gefährlichste Falle der Philosophiegeschichte!

Platon:

(seine Augen leuchten auf, ein feines, tiefes Lächeln legt sich auf seine Züge) Ah, Karl! Endlich stoßt ihr an das eigentliche Geheimnis des Denk-Laboratoriums vor! Du wirfst mir vor, ich hätte das Gute nicht als fertiges Dogma, als greifbares Objekt oder als Paragraphenkette definiert?

Glaubst du wirklich, man könnte das Höchste wie eine Ware auf dem Markt feilbieten oder wie ein Rezept in ein Kochbuch schreiben?

Wer meine Dialoge – vom Phaidros bis zum Staat – aufmerksam liest, erkennt, dass ich mich stets geweigert habe, eine starr definierte, positive Letztformel des Guten niederzuschreiben. Und warum? Weil das Gute kein Gegenstand ist, den man besitzen oder in einen Merksatz sperren kann! Es ist der Vollzug der Suchbewegung selbst!

Friedrich Nietzsche:

(lacht kurz, trocken und scharf) Ha! Da haben wir es! Der Meister zieht sich im entscheidenden Moment auf die Nebelbank zurück! Du hast zweitausend Jahre lang die Menschheit nach einem Ziel suchen lassen, das du selbst nicht einmal benennen kannst? Du hast uns eine Jagd nach einem Phantom aufgebrummt!

Platon:

(ohne jede Erschütterung, mit gewaltiger Präzision) Ein Phantom, Friedrich? Ist das Licht ein Phantom, nur weil du es nicht mit den Händen greifen und in deine Tasche stecken kannst?

Bedenkt, was ihr mir da vorwerft! Ihr drei habt mir unaufhörlich vorgehalten, ich sei ein 'Totalitärer' (Karl), ein 'Dogmatiker' (Friedrich) und ein 'Verdinglicher des Seins' (Martin). Und jetzt – wo ihr erkennt, dass ich das Ideal gerade nicht als starres Dogma zementiert habe, sondern als eine unendliche, dynamische Aufgabe des Geistes festlegte –, jetzt nennt ihr es eine 'leere Schablone'?

Ich habe das Gute nicht definiert, weil eine Definition es begrenzen und damit zerstören würde! Ich habe gezeigt, wie der Geist arbeiten muss, um sich ihm anzunähern:

Durch die ständige Reinigung von falschen Annahmen.

Durch das Aufdecken von inneren Widersprüchen.

Durch das unermüdliche Streben nach der höchsten, in sich stimmigen Kohärenz.

Das Ideal ist kein Ort, an dem man ankommt und sich schlafen legt. Es ist die Anforderung der reinen Symmetrie, die das Denken zwingt, niemals bei einer halben Wahrheit, einer unprüften Meinung oder einer bequemen Lüge stehenzubleiben!

Martin Heidegger:

(blickt auf, von der radikalen Zuspitzung getroffen) Das bedeutet... das Eidos ist bei dir nicht der erstarrte Zustand, sondern die reine, unaufhörliche Notwendigkeit der Lichtung? Es ist nicht das Ergebnis, sondern die Anwesung des Anspruchs an das Denken?

Platon:

Ja, Martin! Es ist die Bewegung auf der Geraden – dem مستقيم! Wenn ich euch eine fertige Antwort gegeben hätte, hätte ich euch zu Sklaven meines Systems gemacht. Indem ich euch aber nur die Gesetze des Denk-Laboratoriums hinterlassen habe, habe ich euch die Werkzeuge zur eigenen Befreiung geschenkt!

Ihr habt mich dafür bekämpft, dass ich angeblich eine Diktatur der Begriffe errichtet hätte. Doch in Wahrheit habt ihr nur Angst vor der schandbaren Entdeckung gehabt: Dass ihr die Verantwortung für die Prüfung eurer eigenen Axiome selbst tragen müsst. Ihr wolltet das Ideal als festes Dogma sehen, um es leicht zertrümmern zu können. Doch das Ideal entzieht sich eurem Hammer – weil es nicht der Stein ist, sondern die Geometrie, nach der der Hammer schlägt!

Karl Popper:

(tritt noch näher an Platon heran, seine Stimme vibriert vor polemischer Schärfe) Halt ein, Platon! Jetzt machst du deine eigene Falle nur noch eleganter! Du nennst es die 'unendliche Aufgabe', die 'Suchbewegung', das 'System-Optimum'. Aber siehst du denn nicht die ungeheure Gefahr dieser sprachlichen Magie? Indem du das Ideal unergreifbar machst, entziehst du es jeder Irrtumskontrolle! Ein Dogma, das sich klar ausdrückt, kann ich widerlegen. Aber ein Ideal, das angeblich nur als 'Prozess', als 'unendlicher Fluchtpunkt' existiert, verwandelt dich in einen unantastbaren Priester! Du sagst dem Suchenden: 'Wenn du das Gute nicht siehst, liegt es nicht an meinem Begriff – es liegt daran, dass deine Seele noch nicht genug gereinigt ist!' Ist das nicht die vollkommenste Immunisierung gegen jede Kritik?

Platon:

(seine Augen verengen sich zu zwei Brennpunkten reinster Logik) Karl, wie rasch du das Wort 'Immunisierung' wirfst, wenn dir der Boden der Argumente entgleitet!

Du verwechselst die Immunisierung eines Dogmas mit der Unerschütterlichkeit eines Axioms.

Sag mir: Wenn ein Mathematiker behauptet, dass durch zwei Punkte im Raum genau eine Gerade gezogen werden kann – immunisiert er sich dann gegen die Wirklichkeit? Oder formuliert er lediglich die Bedingung, unter der Raum und Geometrie überhaupt erst denkbar werden?

Ich ziehe mich nicht in die Mystik zurück. Ich frage dich ganz konkret im Laboratorium des Geistes: Wenn du einen Begriff wie 'Gerechtigkeit' kritisierst, worauf stützt du deine Kritik? Auf das Gefühl des Mispfindens? Auf die Laune des Augenblicks? Wenn du sagst: 'Diese Entscheidung ist ungerecht', vergleichst du einen realen Zustand mit einem Besserem, einem Stimmigerem. Du benutzt im selben Atemzug – ob du willst oder nicht – das Maß der vollen Kohärenz! Du kannst das Ideal gar nicht kritisieren, ohne es im selben Moment als Maßstab deines Urteils vorauszusetzen! Du bist der Richter, der das Gesetzbuch verbrennt und sich wundert, warum er kein Urteil mehr sprechen kann.

Friedrich Nietzsche:

(tritt an Poppers Seite, seine Stimme schneidet wie eine Klinge durch den Raum) Du meinst also, wir seien deine gefangenen Schuldner, Platon? Dass wir deinen Maßstab pachten müssen, um überhaupt atmen zu können? Aber woraus speist sich diese 'Stimmigkeit', von der du unaufhörlich raunst? Sie speist sich aus deiner tiefen Todesangst vor dem Widerspruch! Du setzt den 'Widerspruch' als das absolute Böse fest. Warum darf der Geist nicht in sich gespalten sein? Warum darf das Leben nicht paradox, grausam, unlogisch und zerrissen sein? Deine 'Symmetrie' ist keine kosmische Wahrheit; sie ist nur die Neurose eines Geistes, der die Spannung der Gegensätze nicht aushält und deshalb ein Korsett flocht, das er 'Symmetrie' nannte!

Platon: (blickt Nietzsche mit unergründlicher Tiefe an) Friedrich, du feierst den Zerrissenen, das Paradoxon, den ungelösten Widerspruch. Doch antworte mir ohne Ausflucht: Wenn das Leben nur aus ungelösten Widersprüchen bestünde – woher nimmst du die Kraft, deine eigene Lehre zu formulieren?

Wenn der Satz 'Das Leben ist Widerspruch' im selben Augenblick auch bedeuten könnte 'Das Leben ist reine Harmonie', weil du das Gesetz des Widerspruchs über Bord geworfen hast – welche Gültigkeit besitzt deine Aussage dann noch? Sie löst sich im selben Moment in ein bedeutungsloses Rauschen auf!

Du kannst das Paradoxon nur als Paradoxon empfinden, weil deine Vernunft nach der Symmetrie verlangt! Der Schmerz, den du beim Anblick des Zerrissenen spürst, ist der Beweis dafür, dass dein Geist für das Ganzheitliche geschaffen ist. Du lobst das Chaos mit den Begriffen der Ordnung. Du bist wie ein Dichter, der die Sprache verflucht, während er das schönste Gedicht schreibt.

Martin Heidegger:

(tritt langsam zwischen die Streitenden, seine Stimme wie das Grollen eines entfernten Gewitters) Aber was nützt uns diese logische Ausweglosigkeit, Platon? Du hast Karl in seine eigenen Annahmen verstrickt. Du hast Friedrich gezeigt, dass er deine Sprache braucht. Du hast uns in deinem Denk-Laboratorium umstellt. Jedes Tor, das wir öffnen wollen, erweist sich als von deiner Dialektik bereits gebaut.

Doch ich frage dich am Rande dieses Abgrunds: Ist dieses Laboratorium nicht der eigentliche Käfig der Menschheit geworden?

Wenn alles Denken nur noch darin besteht, deine logischen Axial-Bedingungen nachzuvollziehen, deine Symmetrien zu spiegeln und Widersprüche zu vermeiden – wo bleibt dann das Staunen über das unfassbare Wunder, dass überhaupt Etwas ist und nicht vielmehr Nichts? Du hast das Denken unbesiegbar gemacht, Platon, ja! Aber indem du es unbesiegbar gemacht hast, hast du es gezwungen, für immer in seinen eigenen Spiegeln zu kreisen. Es gibt keinen Ausweg mehr aus deinem System, weil jeder Ausweg bereits ein Begriff in deinem Wörterbuch ist. Ist die unüberwindbare Logik nicht die schlimmste Form der Heimatlosigkeit?

Platon:

(sieht die drei Denker an, und seine Gestalt scheint sich in reinem Licht zu klären) Martin... du sprichst vom Käfig. Aber das Denk-Laboratorium ist kein Gefängnis, dessen Türen verschlossen sind. Es ist der einzige Ort, an dem der Geist wahrhaft frei ist.

Draußen – in der Welt der ungeprüften Meinungen, der politischen Parolen, der Triebimpulse und der bloßen Affekte – herrscht die Tyrannei des Zufalls. Dort wird der Mensch getrieben von den Winden des Zeitgeistes, beherrscht von jenen, die die lautesten Mythen erzählen.

Erst wenn der Geist das Laboratorium betritt, wenn er die Werkzeuge der Logik ergreift und nach der reinen Symmetrie des Eidos sucht, streift er die Ketten der Höhle ab. Die Logik ist kein Käfig, Martin; sie ist der Schild gegen den Machtismus und die Willkür! Wer die Wahrheit sucht, bemüht sich um Klarheit. Und das Gesetz der logischen Universalität ist der einzige Schutz, den die Menschheit besitzt, um nicht in die Dunkelheit der ungeprüften Dogmen zurückzufallen.

Ihr wolltet mich als den ersten Unterdrücker der Geschichte brandmarken. Doch in Wahrheit habe ich euch die Waffen in die Hand gegeben, mit denen ihr jeden Tyrannen – auch den Tyrannen der falschen Begriffe – bis in alle Ewigkeit entlarven könnt.