Vierter Teil
Vierter Teil
Vierter Teil
Meine beiden Augen waren unvergleichlich wichtiger als meine Zähne, zumal eine fundierte Diagnose noch immer nicht gestellt worden war und die Behandlungen lediglich darauf abzielten, die Symptome zu lindern.
Um die Schmerzen zu dämpfen, die von Zahn Nummer fünf ausgingen, hatte ich mithilfe von Gewürznelken eine durchaus zufriedenstellende Methode gefunden — insbesondere da die Nelke zugleich der Bauchspeicheldrüse zugutekommt, die in meinem Fall zwingend gesund und stark bleiben musste. Indem ich diese beiden Wirkungen gedanklich miteinander verknüpfte, gelang es mir, den scharfen, beißenden Geschmack der Nelke zu besiegen.
Aufgrund der ununterbrochenen Behandlungen meiner Augen fehlte mir schlicht die Zeit und die Möglichkeit, mich um die Sanierung von Zahn Nummer fünf zu kümmern. Ich spürte den Schmerz so deutlich, als sähe ich ihn wie einen dunklen Schatten auf einem Röntgenbild oberhalb eines Zahnes, dessen Nerv sich unrettbar entzündet hatte.
Dieser Zustand verharrte über einen so langen Zeitraum nahezu unverändert, dass ich allmählich an mir selbst zu zweifeln begann: War dieser Schmerz womöglich nur die Nachwirkung alter Erfahrungen und gar nicht organischen Ursprungs?
Doch nach knapp einem Jahr — es waren nun etwa zwei Jahre vergangen, seit diese Krone zum ersten Mal eingeklebt worden war — fiel sie plötzlich erneut ab. Der Kleber war also keineswegs magisch, schoss es mir im ersten Augenblick durch den Kopf, und ich verspürte jenen stolzen Genugtuungseffekt, den die meisten Menschen empfinden, wenn sich ihre Vorahnungen durch handfeste Tatsachen bewahrheiten. In Wahrheit hatte ich weder gezaubert noch prophezeit; ich hatte lediglich anhand unumstößlicher, bewiesener Prämissen einfache, beinahe mathematische Schlussfolgerungen gezogen. Ich hatte lediglich das Ergebnis berechnet — wie jemand, der schlicht addiert und subtrahiert.
Ich fotografierte das Innere der Krone: Es war hellbraun, weder weich noch völlig fest, sondern von einer Konsistenz und Beschaffenheit wie Rost, der die Klinge eines Messers vollkommen durchsetzt hat. Einen üblen Geruch wies es nicht auf. Der Zahn war offenbar noch immer in der Lage, zu arbeiten und mit dem Organismus zu interagieren — etwa indem er giftige Rückstände an das Blut abführte.
Ich versuchte, die Krone genau so zu belassen, wie sie war — trotz meines brennenden Verlangens, genauer zu ergründen, was sich in ihrem Inneren abgespielt hatte: Handelte es sich um Kalkablagerungen, um den Kleber selbst oder um Rückstände bakterieller Entzündungen und Wucherungen, vermischt mit dem einen oder anderen? Ich verbot es mir und bezähmte meine Neugier, damit der Arzt, der die Krone erneut einkleben würde, den Befund mit eigenen Augen sehen konnte.
So zumindest mein Wunschdenken — ich meinte, der Arzt würde tatsächlich nach den Ursachen des Geschehenen suchen. Ich begnügte mich mit den Fotos und versprach mir selbst, sie eingehend zu studieren, sobald die Behandlungen meines rechten Auges abgeschlossen sein würden.
Ich rief in der Praxis an.
Die Ärztin, die mich an jenem Tag behandeln sollte, war neu. Sie eröffnete mir unverzüglich, dass dies ihr allererster Arbeitstag in dieser Praxis sei.
Ich hieß sie willkommen — scherzhaft, als gehörte ich zum Stammpersonal oder den Miteigentümern der Praxis, wobei in meinem Scherz ein feiner Hinweis darauf lag, woher ich wohl wissen konnte, dass dies ihr erster Tag war.
Anschließend entschuldigte ich mich in vollem Ernst bei ihr dafür, dass die Odyssee mit diesem Zahn einfach kein Ende nehmen wollte.
Ich stellte mir vor — vermutlich aus reiner Hoffnung heraus —, sie kenne die Geschichte dieses Zahnes, den Verlauf seiner Behandlungen und die einstigen Versprechungen bezüglich eines adäquaten Stumpfes.
Ich erklärte ihr zudem, dass oberhalb des Zahnes ein Schmerz vorhanden sei, der auf eine Entzündung hinweise, die jedoch zu einer Art chronischem Leiden geworden war, mit dem mein Körper umzugehen verstand. Ich erzählte ihr von der laufenden Behandlung meiner Augen und dass ich meine Zahnpflege keineswegs zu vernachlässigen pflegte. Zugleich bat ich sie inständig, die Krone von den darin haftenden Rückständen zu befreien. Sie versicherte mir, das Labor werde dies ganz gewiss erledigen, und fuhr fort, mir die Notwendigkeit der Zahnhygiene einzuschärfen, während sie den Stumpf reinigte — einen Stumpf, der, wie ich spürte, von Mal zu Mal kleiner und kümmerlicher wurde.
Ich erwiderte, dass ich mir sehr gründlich die Zähne putze und sie auch mechanisch pflege — mit Zahnseide und Interdentalbürsten für die Zwischenräume.
„Vielleicht liegt genau darin die Ursache“, entgegnete sie. In ihrem Tonfall lag ein unverkennbarer Anflug von Spott. Sie meinte es wohl genau so, selbst wenn sie etwas anderes vorgegeben haben sollte; denn diese Aussage bedeutete letztlich, dass ich bei all diesen Pflegeschritten Fehler beging. Selbst wenn sie ausdrücken wollte, es seien schlicht zu viele und unnötige Handgriffe, warf sie mir damit ein Fehlverhalten vor. Mein Geist war jedoch zu sehr davon in Anspruch genommen, was nun geschehen würde und wie sie diesen Fall anzugehen gedachte. Zudem neige ich in solchen Situationen nicht dazu, Widerworte zu geben: Wer von sich aus nicht achtsam ist, will es nicht sein.
Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf — oder genauer gesagt: Ich malte mir aus, wie die Dinge idealerweise ablaufen sollten. Die Behandlung müsste eigentlich mit einer Wurzelkanalbehandlung beginnen oder mit einer Injektion zur Rettung des Nervs, falls dieser noch nicht vollkommen entzündet war — was wunderbar gewesen wäre. Denn jeder Verlust eines einzelnen Teils führt später zum Verlust weiterer Teile und schließlich des Ganzen. Danach würde eine provisorische Krone eingesetzt werden, und nachdem das Labor die ursprüngliche Krone gereinigt hätte, würde ich zurückkehren — entweder zur Fortsetzung der Wurzelbehandlung, zum Einkleben der gereinigten Krone oder gar zum Anfertigen einer neuen, falls der Stumpf anders aufgebaut werden müsste.
Durch meine ständige Suche nach medizinischen Neuerungen und mein Interesse an der Zahnheilkunde wusste ich, dass Zähne herauswachsen ( elongieren ) können, wenn im Gegenkiefer eine Lücke klafft. Dies ist eine empirische Tatsache: Manchmal sieht man bei Menschen, die einen Zahn verloren und nicht ersetzt haben, wie der gegenüberliegende Zahn bis in die Lücke des anderen Kiefers hineinwächst.
Ich überlegte, die Ärztin zu bitten, mir eine verkürzte Übergangskrone einzusetzen — eine Bauweise, die dem Stumpf den nötigen Freiraum böse, um auf eine angemessene Höhe ( nachzuwachsen ) , die für einen natürlichen Stumpf ausreichte.
Sie lachte spöttisch auf und wischte den Gedanken augenblicklich vom Tisch, ohne ihn auch nur eine Sekunde zu erwägen. Doch kurz darauf blickte sie zur Operationsleuchte, rückte sie zurecht, als wolle sie den Zahn noch einmal genau in Augenschein nehmen, und verkündete mit dem Habitus eines Doktrinärs aus einer autoritären Partei: Selbst wenn der Stumpf nachwachse, wäre er schwach und nicht belastbar.
Ich musste unwillkürlich an unseren Nachbarn im Dorf denken, der Walnüsse mit Zähnen knackte, die auf genau diese Weise ( nachgewachsen ) waren. … Doch ich schwieg. Ich kenne die Geisteshaltung jener Menschen nur zu gut, die etwas ohne jegliches Nachdenken ablehnen und ihren Reflex im Nachhinein um jeden Preis zu rechtfertigen suchen.
Keine zwei Minuten später trat eine Helferin ein, hielt die Krone in der Hand und verkündete stolz — als verkünde sie die Geburt eines Kindes —, das „Neugeborene“ (sie meinte die Krone) sei nun sterilisiert und einsatzbereit.
Sterilisiert und einsatzbereit?, schoss es mir augenblicklich durch den Kopf — ein Gedanke, der ohne jeden gedanklichen Umweg einschlug, wie bei jemandem, der unabwendbar Schaden nehmen wird.
Das bedeutete: Sie war keineswegs von den festgebackenen Rückständen gereinigt worden!
Hätte sie gesagt „gereinigt und sterilisiert“, hätte ich wenigstens hoffen können, dass das Innerste der Krone ausgefräst und von den verbliebenen Shanklish-Resten befreit worden war. Ich hätte mir etwas vorgemacht, um mein Gewissen zu beruhigen, damit mein Verstand geglaubt hätte, die Krone sei nun frei von den Überresten des Stumpfes und der ersten sowie der zweiten Füllung, die die ersten Reste vermutlich nur überdeckt hatte. Ich versuchte mich selbst zu täuschen, obwohl die verstrichene Zeit niemals für eine solche Arbeit ausgereicht haben konnte.
Ehe ich den Mund öffnen konnte, um anzusetzen und zu bitten, erklärte die Ärztin, sie werde die Krone mit einem neuen Kleber einsetzen — demselben wie beim letzten Mal —, der jedoch teurer sei und nicht mehr kostenlos angeboten werden könne (wie es die vorherige Ärztin getan hatte, da die Garantie abgelaufen war). Das hieß: Ich würde die Differenz selbst zahlen müssen, da die Krankenkasse solche Materialien nicht übernimmt. Ich entgegnete ihr, dass ich diesen Kleber kenne, aber … Doch bevor ich den Satz vollenden konnte, schob sie mir — nachdem sie geprüft hatte, ob die Krone überhaupt noch auf den Stumpf passte — die zylindrische Watterolle zwischen innere Wange und Zahnfleisch und bat mich, den Stumpf nicht mit der Zunge zu berühren. Dann füllte sie eine erhebliche Menge des Wunderklebers in die Krone. Das verrat mir die Art und Weise, wie sie die Krone hielt: als hielte sie ein Glas brühend heißen Tees, das bis zum äußersten Rand gefüllt war. Es war offensichtlich eine gewaltige Menge. Nachdem sie die Krone aufgesetzt und angedrückt hatte, legte sie die Wattewalze zwischen die Kiefer — ich spürte bereits, wie der Zement seitlich herausquoll und unter mein Zahnfleisch drang — und befahl knapp: „Zubeißen!“
Ich biss zu und musste unwillkürlich lachen. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf: Hätte ich diese Krone bloß versteckt, wäre die Anfertigung einer neuen Krone unumgänglich gewesen!
In Wahrheit hatte ich geglaubt, dass eine Devitalisierung des Nervs den behandelnden Arzt dazu zwingen würde, die Krone entweder zur gründlichen Reinigung in ein Speziallabor zu schicken oder eine völlig neue Krone anzufertigen!
Der Wunderkleber fixierte den Zahn, und die Helferin härtete ihn mit dem blauen Licht aus — von dem ich mittlerweile wusste, dass es den Zahn niemals von allen Seiten gleichmäßig erreichen kann, weshalb die Krone an einer Seite völlig anders haftet als an der anderen.
Die Assistentin der neuen Ärztin bemerkte scherzhaft, doch in einem tonangebenden Befehlston — typisch für das Abstecken von Machtbereichen gegenüber einer Kollegin an ihrem ersten Arbeitstag: „Du hast aber reichlich Zement in die Krone getan! Sie wirkt deutlich höher als vorher, findest du nicht?“
Die Krone saß in der Tat spürbar zu hoch und war merklich geneigt. Ich hatte das Gefühl, meinen Mund nicht mehr richtig schließen zu können. Obwohl die Überhöhung womöglich nur Bruchteile eines Millimeters betrug, schien der Mund mit seinen unzähligen Nervenenden den Tastsinn wie ein Vergrößerungsglas zu verstärken — und das in rasender Geschwindigkeit. Die Zunge lässt kleine Lücken wie riesige Höhlen und Abgründe erscheinen, und die Zähne registrieren jeden feinsten Abweichungsfehler augenblicklich. Vermutlich ist das ein evolutionärer Schutzmechanismus, damit der Mensch nicht arglos weiterkaut, wenn sich etwas Fremdes in der Nahrung befindet — eine harte Schale etwa oder eine Substanz von anderer Konsistenz als das Erwartete. Die Zähne besitzen Präzisionsmessflächen, die jenen in Sensoren-Prüflaboratorien in nichts nachstehen.
Die Ärztin schliff an der Krone ab, was sie abzuschleifen wagte, und wechselte dann dazu über, die gesunden Zähne im Gegenkiefer unterhalb der Krone abzuschleifen. Ich flehte sie an, mir doch nicht wegen einer künstlichen Krone die gesunden Zähne abzuschleifen. Meine Bitten gefielen ihr keineswegs. Sie sagte bloß: „Nur ein ganz kleines bisschen, machen Sie sich keine Sorgen.“
Ich war wahrhaftig erschüttert über dieses Vorgehen — und es war beileibe nicht das erste Mal. Wie jedes Mal fragte ich mich erstaunt: Wie kann ein Mensch das Original opfern, um ein künstliches Ersatzstück zu retten? Doch dann erinnerte ich mich wieder daran, dass es ja nicht ihre eigenen Zähne waren, die sie opferte. Aus ihrer Sicht war meine Frage somit völlig bedeutungslos; schließlich wäre sie es gewesen, die hätte zahlen müssen, falls sie die Krone beschädigt oder durchgebohrt hätte.
Das eigentliche Problem ist: Wenn das Sehvermögen geschwächt ist, vermag der Mensch nicht mehr vollkommen zu begreifen, was der andere ihm sagen will. Denn das Gesicht eines Menschen spricht eine wahrhaftigere Sprache als seine Zunge. Wie gerne hätte ich ihre Mimik und ihre Gesichtszüge gesehen, als sie das sagte! Ich vermute, sie zog die Augenbrauen zusammen, fest entschlossen in dem Glauben, sie sei im vollen Recht.
Die Ärztin fertigte keinerlei Röntgenaufnahme an und stellte nicht eine einzige Frage bezüglich der Nervenschmerzen. Sie wusste offenbar nicht mehr, als dass ihre Aufgabe schlicht darin bestand, eine abgefallene Krone wieder anzukleben.
Ich bedankte mich bei der Praxis und wünschte mir im Stillen nur eines: dass mich niemand bitten möge, einen neuen Termin zu vereinbaren.
Ich verabschiedete mich von der Empfangsdame, die ihrerseits lächelnd, jedoch ohne den Blick von ihrem Bildschirm zu wenden, erwiderte: „Die Rechnung kommt per Post.“