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Erinnerung 2

Zahn Nummer Fünf — www.fanfiktion.de · All chapters

Erinnerung 2

Der Raum ist von kühlem, absolut reinem Licht erfüllt. In der Mitte steht Parmenides – nicht als historische Figur des antiken Griechenlands, sondern als das unerschütterliche Prinzip der logischen Notwendigkeit. Ihm gegenüber steht der Hegel-Interpret, gekleidet in die akademische Würde der spekulativen Philosophie, mit den Bänden der "Wissenschaft der Logik" und der "Enzyklopädie" unter dem Arm. Seine Haltung drückt das selbstbewusste Bewusstsein eines Geistes aus, der glaubt, die gesamte Philosophiegeschichte dialektisch aufgesogen und überwunden zu haben.)

Der Hegel-Interpret:

(tritt mit gemessenem Schritt vor, breitet die Arme aus und blickt Parmenides mit spekulativem Lächeln an)

Es ist mir eine philosophische Ehre, dem Mann gegenüberzustehen, den Georg Wilhelm Friedrich Hegel als den wahren Anfang des eigentlichen philosophischen Denkens gewürdigt hat! In seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie und in den Anmerkungen zur Wissenschaft der Logik hat Hegel Ihr großes Verdienst unsterblich gemacht: Sie waren der Erste, der das Denken als reines Denken erfasste und das Absolute als Sein (To Eon) bestimmte. 'Nur das Sein ist, und das Nichts ist gar nicht' – das war der gewaltige Auftakt des Geistes!

(Er schlägt die 'Wissenschaft der Logik' auf)

Doch so erhaben dieser Anfang war, Parmenides, so unvollständig und abstrakt musste er bleiben. Hegel hat die immanente Schranke Ihres Denkens aufgezeigt. Ihr 'Sein' ist eine bloße, unbestimmte Unmittelbarkeit. Wenn wir das reine Sein denken – ohne jede weitere Bestimmung, ohne Qualität, ohne Quantität, ohne Inhalt –, was denken wir dann wirklich? Wir denken ein reines Leerfeld! Und ein Denken, das absolut nichts Bestimmtes denkt, ist exakt dasselbe wie das Denken des reinen Nichts.

Hegel hat unumstößlich bewiesen: Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe! Ihr unbewegtes Sein war nur der naive, unreflektierte Auftakt. Die Wahrheit des Seins liegt nicht in starrer Identität, sondern im Übergang – in der Bewegung des Werdens, das Sein und Nichts als verschwindende Momente in sich vereinigt!

Parmenides:

(seine Stimme hallt tief, ruhig und unerschütterlich durch den Raum)

Du sprichst mit der Sprache der Hegelschen Phänomenologie, mein Freund. Doch du hast die Verwirrung eines begrifflichen Wortspiels für eine höhere Stufe der Erkenntnis gehalten!

Hegel glaubte, mein Denken zu überwinden, indem er das Sein zu einer 'unbestimmten Leere' herabsetzte. Er übersetzte mein Fragment 'eon emmenai' als einen leeren, inhaltslosen Begriff, den der Verstand nach Belieben in sein Gegenteil umschlagen lassen kann. Doch meine Dichtung sprach nie von einer psychologischen Abstraktion des Verstandes! Ich habe nicht den ärmsten Begriff der Sprache gesucht, sondern das unumstößliche Fundament der Realität und des Denkens freigelegt: Den Satz der Identität (A = A bzw. 1 = 1).

(Parmenides blickt den Hegel-Interpreten eindringlich an)

Schau auf den logischen Widerspruch, in den sich dein Meister verstrickt: Damit Hegel behaupten kann, das reine Sein 'gehe in das reine Nichts über', muss er das Sein im allerersten Moment als eine eigene, ansprechbare Kategorie ansetzen. Wäre das Sein nicht im ersten Mikromoment exakt mit sich selbst identisch gewesen (Sein = Sein), hätte Hegel gar nicht sagen können, was da angeblich ins Nichts umschlägt! Seine ganze Dialektik des Werdens setzt die unerschütterliche Identität voraus, die er zu widerlegen vorgibt. Er hat das Unbestimmte mit dem Selbstdemaskierenden verwechselt.

Der Hegel-Interpret:

(runzelt die Stirn, stützt sich auf sein Buch)

Sie missverstehen die Natur des spekulativen Denkens, Parmenides! Hegel sagt nicht, dass Sein und Nichts einfach identisch im Sinne einer verstandesmäßigen Gleichung sind. Er sagt, sie sind ungetrennt und untrennbar, und doch nicht dasselbe! Das ist kein verstandesmäßiger Widerspruch, sondern die Dialektik der Sache selbst! Der Verstand isoliert A und Nicht-A als starr gegenüberstehende Pole – Hegel nennt das das 'Identitätssystem' oder die ältere Metaphysik. Aber das reine Denken bewegt sich! Das Nichts ist bei Hegel nicht das absolut Nichtseiende, sondern die reine Negativität, die den Motor des Geistes bildet. Ohne Negativität gibt es keine Bestimmung, denn omnis determinatio est negatio – jede Bestimmung ist Negation!

Parmenides:

(lächelt leise, voll absoluter Klarheit)

Hegel borgte Spinozas Spruch 'Omnis determinatio est negatio', um die Negation zum Schöpfer der Welt zu erheben. Doch betrachten wir diese Konstruktion ohne den Schleier der spekulativen Rhetorik.

Wenn Hegel behauptet, 'Sein und Nichts sind dasselbe und doch nicht dasselbe', führt er einen Satz ein, der im selben Atemzug eine Behauptung aufstellt und sie wieder aufhebt. Das ist keine höhere Logik – es ist die Zerstörung des Sinnes selbst. Das führt uns zum zweiten Gesetz: Dem Satz vom Widerspruch (¬(A ∧ ¬A)).

(Parmenides tritt näher)

Kein System im Universum, kein logischer Schaltkreis und kein physikalischer Prozess kann so ausgeführt werden, dass er seine eigene innere Struktur im selben Moment und in derselben Hinsicht verneint (A ≠ A). Wenn Hegel sagt, das Nichts sei die 'reine Negativität', die das Sein in die Bewegung treibt, setzt er das Nichts als eine wirkende Kraft an. Doch das Nichts hat keine Eigenschaft, keine Kraft, kein Programm und keine Dynamik! Das Nichts ist kein Partner in einem dialektischen Tanz.

Wenn in der Natur eine Form zerfällt – wenn ein Holzscheit zu Asche verbrennt –, entsteht kein Hegelsches Nichts, das sich mit dem Sein vermischt. Die Atome und die Energie gehorchen in jedem Bruchteil einer Sekunde exakt den Gesetzen der Thermodynamik. Der Zustand A (Holz) geht nach strengen Gesetzen in Zustand B (Asche und Rauch) über. Weder vor, noch während, noch nach dem Brand existierte für eine einzige Millisekunde ein Zustand, der 'zugleich Holz und Nicht-Holz' / ‘Asche  und Nicht-Asche' war!

Der Hegel-Interpret:

(reagiert lebhaft, schlägt das Buch zu)

Aber Sie blendet die ganze Phänomenologie aus! In der Phänomenologie des Geistes zeigt Hegel beim 'sinnlichen Gewisssein', dass das unmittelbare 'Hier' und 'Jetzt' sofort schwindet, sobald man es aussprechen will. Das Sinnliche ist ein ständiger Wandel! Indem Sie die Sinneswelt (Doxa) als bloßen Schein und Täuschung abtun, erklären Sie die gesamte Natur und die menschliche Geschichte für ungültig! Ist eine Philosophie, die die Geschichte und die Bewegung der Welt nicht erklären kann, nicht eine Ohnmacht des Denkens?

Parmenides:

(seine Haltung strahlt zeitlose Ruhe aus)

Hegel glaubte, ich hätte die Welt der Erscheinungen aus Hilflosigkeit zur 'Doxa' erklärt. Doch er verwechselte die Beschränktheit des menschlichen Bewusstseins mit der Struktur der Realität!

Und was deine Logik betrifft: Das bringt uns zum dritten Gesetz: Dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten (Tertium non datur – A ∨ ¬A).

(Parmenides hebt die Hand)

Ein Ereignis oder ein Zustand in der Welt ist entweder gegeben und vorhanden – oder er ist nicht gegeben und nicht vorhanden. Es gibt keinen 'dialektischen Zwischenzustand', der zugleich ist und nicht ist! Hegels Versuch, die Vermittlung (Vermittlung) vor die Identität zu stellen, ist eine logische Umkehrung. Damit eine Vermittlung zwischen A und B stattfinden kann, müssen A und B in ihrer jeweiligen Identität vollkommen bestimmt sein. Die Identität ist nicht das Resultat der Dialektik – sie ist die Bedingung ihrer Möglichkeit!

(Eine tiefe, schwer wiegende Stille zieht durch das Denk-Laboratorium. Der Hegel-Interpret blickt lange auf die geschlossene 'Wissenschaft der Logik' in seinen Händen. Der Versuch, Parmenides in das Hegelsche System der Stufenentwicklung einzuordnen, ist gescheitert. Die Dialektik erweist sich nicht als die Überwindung der Logik, sondern als ein begriffliches Spiel, das auf dem Boden der Parmenidischen Identität angewiesen bleibt.)

Der Hegel-Interpret:

(leise, mit nachdenklicher Erschütterung)

Bedeutet das... dass Hegels 'Werden' gar kein logischer Fortschritt war... sondern eine Verwechslung der logischen Bedingungen mit dem Prozess des Nachdenkens selbst?

Parmenides:

(seine Stimme klingt voller Güte und absoluter Gewissheit)

Hegel wollte den Fluss des Geistes kartografieren, und darin liegt seine historische Größe. Doch er wollte das Fundament abtragen, auf dem sein eigener Kartografentisch stand.

Die drei Gesetze – dass das Seiende mit sich selbst identisch ist (A = A), dass kein Gedanke und kein Prozess sich selbst im selben Moment aufheben kann (¬(A ∧ ¬A)), und dass eine Tatsache entweder ist oder nicht ist (A ∨ ¬A) – sind keine Durchgangsstationen einer historischen Entwicklung des Geistes. Sie sind das zeitlose Netz, auf dem sich jedes Atom, jeder Begriff, jede Dialektik und das Universum selbst verkörpern.

Was immer ist, ist es selbst