Fünfter Teil
Fünfter Teil
Fünfter Teil
Wäre da nicht der Zustand meiner beiden Augen gewesen, hätte ich mich auf der Stelle nach einer neuen Praxis umgesehen. Ich zog diesen Gedanken tatsächlich ernsthaft in Erwägung, doch da erinnerte ich mich wieder daran, dass ich bereits in nahezu allen Praxen der näheren Umgebung auf dem Behandlungsstuhl gesessen hatte.
Jene Praxis, die ich eben erst verlassen hatte, war einst die allererste gewesen, die ich in der neuen Heimat betreten hatte. Damals wurde sie noch vom Vater der heutigen Inhaberin geführt. Er war anfangs von erlesener Freundlichkeit — später freilich erschien er mir launisch: glücklich und zuvorkommend nur dann, wenn ihm ein Werk nach seinem eigenen Geschmack gelungen war oder — was wohl eher der Wahrheit entsprach —, wenn er schlicht mit sich und der Welt im Reinen war.
Er hatte mir einst den linken Eckzahn aufbereitet, Zahn Nummer drei im linken Oberkiefer, der eine alte Amalgamfüllung trug. Er entfernte die Füllung, ohne mich vorher zu fragen — fast so, als gierte er nach jener Überraschung, die mich treffen sollte und die er bereits vollkommen vorhersah.
Und er bekam genau das, worauf er gehofft hatte. Als er mir lächelnd und voller Selbstbewusstsein über die Güte seiner Arbeit den Spiegel reichte, sah ich zum allerersten Mal in meinem Leben, wie vollkommen und schön ein Zahn im eigenen Mund wirken kann, wenn er von einer einzigen, reinen Farbe getragen wird. Der Eckzahn wirkte so makellos rein, dass das eigene Lächeln plötzlich wahrhaftiger erschien — vermutlich deshalb, weil der Mensch in solch einem Augenblick nicht mehr versucht, das zu verbergen, was er in seinem Munde trägt. Es war eine wahrhaft Meisterleistung, die mich tief berührte. Der Arzt bemerkte meine Freude an jenem Tag wohl sehr wohl; er hatte sie erwartet, denn eine solche Freude strahlt nicht nur aus, sie besitzt ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Duft. Ich bin mir gewiss, dass sich in dem Augenblick, da ein Mensch von wahrer Freude erfüllt wird, ein ganz spezifischer Duft im Raum ausbreitet — ein Hauch von Pheromonen oder ähnlichen Stoffen, die der Körper im Moment des Glücks verströmt.
Ich kann in der Tat von mir behaupten, dass ich den Duft der Freude riechen und von anderem unterscheiden kann — genau wie den Geruch der Trauer. Ich vermag gar manche Krankheiten zu erriechen, allen voran den Diabetes. Ich nehme sie also keineswegs nur wahr oder sehe sie im Lächeln, den Gesichtszügen oder der Form des Mundes.
Heute, da meine Sehkraft geschwächt ist, vermag ich diesen Duft noch deutlicher zu riechen — wohl auch deshalb, weil ich das Gesicht eines wahrhaft Glücklichen nicht mehr klar vor mir sehe. Man sagt ja, dass die übrigen Sinne des Menschen an Stärke gewinnen, wenn er einen Sinn oder Teile davon verliert.
Nach meiner persönlichen Erfahrung gewinnen die Sinne jedoch nicht an absoluter Kraft; sie werden schlicht intensiver genutzt — das heißt, sie werden feiner geschult.
Meine Freude über diesen linken Eckzahn war damals weitaus größer als einst die Freude über jene goldene Krone meiner Kindheit.
Der Arzt fragte mich damals, ob er mir auch die übrigen Zähne auf dieselbe Art und Weise sanieren solle.
Wenn er das tut, so dachte ich an jenem Tag in rasender Geschwindigkeit, wird das Lächeln zu einer Eintrittskarte bei zahllosen Menschen werden. Wenn all meine Zähne so natürlich würden wie dieser eine, befreit vom Schein der Vernachlässigung und jenen Verfärbungen, die wie Speisereste oder Zahnstein anmuten, dann wäre diese Eintrittskarte genau jener Karte gleich, die mir die vergoldete Krone in meiner Kindheit hätte verschaffen sollen: eine Karte zur Aufnahme in die Gemeinschaft der Schaf- und Ziegenhirten.
Ich zögerte nicht einen einzigen Augenblick. Voller Dankbarkeit willigte ich bedingungslos ein.
Meine Zähne besaßen — und besitzen natürlich bis heute — in ihrem Inneren einen gelblichen Ton, der sich zum Zahnhals hin bis in ein helles Braun verdunkelt. Bei den Frontzähnen wirkt diese gelb-braune Färbung wie eine Äderung im Gestein — exakt wie eine Marmorierung, mitten im Zentrum, als sei der Schmelz in diesem Bereich an manchen Stellen vollkommen transparent geworden.
Für jemanden, der die Hintergründe nicht kennt oder nicht genau hinsieht, wirkt dies leicht wie Rückstände von Speisen oder Ablagerungen, die nie gereinigt wurden.
Die Ursache dieses Zustands war das stark kalkhaltige Wasser — das einzige Wasser, das ich in den ersten zwanzig Jahren meines Lebens getrunken und genutzt hatte.
In jener Region, in der ich geboren und aufgewachsen bin, besaßen alle Menschen dieselben Zähne. Und wie überall auf der Welt galt auch dort: Wer seine Zähne pflegte, behielt sie zwar im Mund, doch ihre Farbe wandelte sich am Ende unwiederbringlich ins Braune. Denn der Schmelz hielt dem nicht stand, wusch sich ab und legte das Dentin frei, das sich allmählich mit der Farbe des Tees tränkte — dem wichtigsten Getränk jener Heimat (vermutlich war das Abkochen des Wassers vor dem Trinken schlicht eine Nötigkeit gewesen).
In solchen Fällen schwindet zunächst der Schmelz am Zahnhals, ehe er sich mit der Zeit immer weiter zurückzieht. Durch das ständige Zähneputzen wird dieser Verfall nur noch beschleunigt, und das Dentin wird nach und nach abgetragen. Im vorangeschrittenen Alter und selbst unter richtiger Pflege bleibt bei vielen Menschen nur noch die Hälfte des Schmelzes oder gar weniger übrig. Die Zähne gleichen dann jenen naturgegebenen „Teufelstischen“, die entstehen, wenn Witterung und Erosion den weichen Teil des Felsens zersetzen, sodass nur eine einzelne Steinplatte auf der Spitze ruhen bleibt — ein Phänomen, das man aus den Wüsten dieser Welt nur zu gut kennt.
Es gab in meiner ursprünglichen Heimat jedoch auch Menschen, deren Zähne weder vom Kalk noch von den kalkhaltigen Verbindungen des Wassers angegriffen wurden. Sie besaßen offenbar Erbanlagen für ein uneinzunehmendes Gebiss, oder sie nutzten neben ihren Genen ganz spezielle Reinigungsmethoden und Gebräuche: etwa das Kauen des echten Terebinthen-Harzes oder das Putzen der Zähne mit den Verbrennungsrückständen jener Glühstrümpfe, die in den alten Starklichtlampen das Petroleum zum Leuchten brachten. Sie rieben die Reste dieser verbrannten „Gewebe“ zu Pulver und schliffen damit ihre Zähne blank … All dies und viele andere Methoden gehörten damals zum Alltag der Zahnpflege.
Ich stimmte dem Angebot des Arztes voller Begeisterung zu — jenes Arztes, den ich bis heute schätze und an den ich fast jeden Tag denke. Denn nach mehr als fünfunddreißig Jahren zeugt sein allererstes Werk in meinem Mund — dieser linke Eckzahn — noch immer davon, welch meisterhafter Handwerker dieser Arzt sein konnte. Allerdings — wie ich erst viel später begreifen sollte — nur dann, wenn seine Seele im richtigen Gleichgewicht ruhte.