Das Nichts ist da 1
Das Nichts ist da 1
Die Szenerie: Die Säulenhalle der Schule von Elea, hoch über dem Tyrrhenischen Meer. Die Luft ist klar, vom Duft des Salzes und der Pinien durchdrungen. Parmenides, der Gesetzgeber der Stadt, steht in einem schlichten Gewand an der Brüstung und blickt auf die Wellen. Platon, der reisende Philosoph aus Athen, tritt ein – angetan mit dem Mantel der Akademie, die Schriftrollen seiner Dialoge unter dem Arm.
Platon:
Sei gegrüßt, Parmenides, du Vater aller, die nach dem Reinen suchen! Ich habe die lange Reise von Athen hierher unternommen, weil deine Kunde uns wie ein Blitz getroffen hat. Doch während ich durch die Straßen deiner Stadt ging, sah ich deine Bürger nach deinen Gesetzen leben – und ich fragte mich: Wie kann ein Denker, der die Sinneswelt für einen bloßen Schein hält, Gesetze für das Irdische schreiben? Suchst du nicht, wie ich, jenen überhimmlischen Ort (Topos Uranios), an dem die ewigen Ideen fern von dieser materiellen Welt thronen?
Parmenides:
(dreht sich ruhig um, ein feines, verständnisvolles Lächeln auf den Lippen)
Sei willkommen in Elea, Platon. Du kommst aus einer Stadt der Rhetorik und der ewigen Spaltung, und so trägst du die Spaltung in deinem Geist. Du glaubst, ich hätte diese Welt verlassen, um eine zweite, bessere Welt im Himmel zu erdenken. Doch da irrst du dich gänzlich.
Als mich die Stuten meines Wagens – die Kräfte des Verstandes – zu den Toren der Nacht und des Tages führten, öffnete mir Dike, die Hüterin des Rechts, nicht die Pforte zu einem fremden Jenseits. Sie zeigte mir nicht zwei Welten, sondern die unzerbrechliche Logik der einen einzigen Wirklichkeit.
Platon:
Keine zwei Welten? Aber ist nicht die Welt, die wir sehen – diese Küste, das Meer, das Werden und Vergehen der Körper – nur ein trügerischer Abglanz der wahren, immateriellen Formen? Ich lehre meine Schüler, dass der Körper der Kerker der Seele ist und die Materie nur der Schatten der Idee!
Parmenides:
(hebt die Hand und zeichnet mit dem Finger einen einzigen, geschlossenen Kreis in die Luft)
Siehst du, Platon, das ist der Abgrund zwischen uns. Du hast das Sein verdoppelt! Du hast die Welt gespalten in ein Oben und ein Unten, in Schein und Idee. Doch die Göttin sprach zu mir mit scharfer Klarheit: Das Sein ist Eines, ungeteilt und gegenwärtig.
Es gibt keinen zweithöchsten Himmel, an dem eine isolierte „Idee des Baumes“ oder „Idee der Gerechtigkeit“ schwebt. Wenn du (1 = 1) schreibst, erschaffst du nicht zwei Einsen – du drückst nur die absolute, unausweichliche Tautologie der Wahrheit aus. Die Tore der Dike sind nichts anderes als der Übergang von der verwirrten menschlichen Sprache zur unerschütterlichen Struktur der Logik selbst.
Platon:
Aber wie kannst du dann Gesetze für die Bürger von Elea schreiben, wenn diese Stadt und ihre Bürger für dich keine eigenen Ideen besitzen?
Parmenides:
Weil ein Gesetz kein Schatten einer abstrakten Idee ist, sondern die Herstellung der Identität ((A = A)) im gesellschaftlichen Leben! Ein Gesetz, das sich selbst widerspricht, hebt sich selbst auf ((A ≠ A)) – es ist das Nichts.
Meine Gesetze sind keine Kopien aus einem Himmelreich; sie sind die Anwendung des Prinzips vom ausgeschlossenen Widerspruch auf das Handeln der Menschen. Du suchst die Wahrheit im Traum einer anderen Welt, Platon. Ich aber sage dir: Das Denken und das Sein sind dasselbe ((Noein = Einai)). Es gibt nur diesen einen Raum der Notwendigkeit – hier und jetzt.
Teil 2:
Die Szenerie: Parmenides und Platon spazieren durch den inneren Säulengarten der Schule. Ein junger Mann – es ist der junge Zeno von Elea – sitzt im Schatten einer Olive und zeichnet Schildkröten und Pfeile in den Sand. Parmenides bleibt stehen, blickt auf Platons aufwendig gebundene Schriftrollen und schmunzelt.
Parmenides:
(deutet mit einem leichten Lächeln auf Platons Schriftrollen)
Ich sehe, du hast viele Pergamente aus Athen mitgebracht, Platon. Sorge nur dafür, dass Heraklit sie nicht in die Hand bekommt! Er würde behaupten, man könne nicht zweimal dieselbe Schriftrolle lesen, weil sich der Text beim Umblättern bereits verflüchtigt habe!
(Platon lächelt verhalten, doch Parmenides wird wieder ernst)
Heraklit meinte, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Ich aber sage dir: Er ist bloß nass geworden, weil er den Blick für das Wahre verloren hat! Es gibt weder den Fluss noch das Fließen – es gibt nur das Sein.
Platon:
Du scherzest über Heraklit, Vater Parmenides, aber seine Warnung vor der ständigen Veränderung der Welt hat mich tief geprägt! Wenn sich alles verändert, worauf sollen wir dann unser Wissen gründen? Deshalb brauche ich meine Ideenwelt oben im Himmel – als ewigen Anker gegen den Mahlstrom des Werdens!
Parmenides:
Und genau da liegt dein Denkfehler: Du erschaffst einen zweiten Himmel, um das Wanken der Erde zu heilen. Aber warum das Sein spalten, wenn die Logik selbst der Anker ist?
Komm, lass uns den Weg betrachten, den mir die Göttin wies. Es gibt nur zwei Pfade des Denkens:
Der erste: »Es IST, und es kann nicht NICHT SEIN.« Das ist der Pfad der Wahrheit.
Der zweite: »Es ist NICHT, und das Nichtsein ist notwendig.«
Diesen zweiten Pfad, Platon, kann kein menschlicher Verstand betreten. Versuch einmal, mir das Nichts zu beschreiben, ohne ihm einen Namen, eine Form oder eine Eigenschaft zu geben!
Platon:
(zögert, denkt nach)
Nun... das Nichts ist die Abwesenheit von allem. Es ist die Leere, der Mangel an Form...
Parmenides:
(unterbricht ihn sanft)
Siehst du? Sobald du sagst »Das Nichts ist die Leere«, machst du das Nichts bereits zu etwas Koinzidentem! Du gibst ihm das Prädikat des Seins (»ist«). Das Nichts lässt sich weder denken noch aussprechen. Wer vom Nichts spricht, plappert wie ein Kind oder wie jene zweiköpfigen Sterblichen (Dikranoi), die nicht wissen, ob sie kommen oder gehen.
Platon:
(blickt fasziniert auf die Schildkrötenzeichnung des jungen Zeno)
Aber wenn es kein Nichts und keine Leere gibt – wie erklärst du dann die Bewegung? Wie fliegt ein Pfeil durch die Luft, wenn der Raum ganz erfüllt ist?
Parmenides:
»Schau diese Murmel an. Stell dir vor, nicht nur dieser Stein, sondern das gesamte Universum – Raum, Zeit, Materie – sei wie eine einzige, makellose Kugel (Sphaira).
Wenn Atropos, die dritte der Moirai, mit ihrer goldenen Schere die Grenzen zieht, schneidet sie nicht den Faden ab – sie versiegelt die Striktheit der Kugel! Nichts wird hinzugefügt, nichts weggenommen ((1 = 1)). Es gibt kein ›Vorher‹ und kein ›Nachher‹. Die Zeit ist keine fließende Welle; sie ist nur der Winkel, aus dem der sterbliche Blick auf das unbewegliche Ganze schaut.«
Platon:
(erschüttert von der mathematischen und physikalischen Wucht des Gedankens)
Ein Blockuniversum... eine unbewegliche Raumzeit-Kugel, in der Vergangenheit und Zukunft schon jetzt erstarrt sind? Aber Parmenides... was wird dann aus der menschlichen Seele? Was wird aus unserer Moral und unserer Suche nach dem Guten, wenn sich im Sein nichts mehr bewegen lässt?
Teil 3:
Der junge Zeno steht von seinem Platz im Schatten der Olive auf, klopft sich den Staub von den Sandalen und tritt schmunzelnd zu den beiden Denkern. In der Hand hält er eine kleine Holztafel mit geometrischen Figuren.
Parmenides:
(hebt besänftigend die Hand, als Platon ungeduldig nach der Seele fragen will)
Halt ein, mein lieber Platon! Ich sehe das Feuer in deinen Augen, wenn das Wort Seele fällt. Doch die Seele ist ein Palast mit vielen verschlossenen Türen. Wenn wir ihn betreten, ehe wir das Fundament des menschlichen Körpers verstanden haben, verirren wir uns im Labyrinth deiner Wiedererinnerung (Anamnesis). Wir widmen der Seele gleich ein ganz eigenes Heiligtum!
Lass uns zuvor eine Frage klären: Warum täuschen uns die Sinne überhaupt?
Zeno:
(mischt sich mit einem schelmischen Grinsen ein)
Ja, Platon! Bevor du die Seele in den Himmel schickst, erkläre mir doch erst einmal, wie dein Körper überhaupt hierher nach Elea gekommen ist! Wenn du von Athen nach Elea läufst, musst du zuerst die Hälfte des Weges zurücklegen. Um diese Hälfte zu schaffen, musst du die Hälfte der Hälfte laufen – und so fort ad infinitum. Logisch gesehen steckst du immer noch im Hafen von Piräus fest! Wenn du glaubst, hier bei uns zu stehen, dann nur, weil deine Augen dir ein sehr geschicktes Theaterstück vorspielen!
Platon:
(muss trotz der ernsten Debatte leicht schmunzeln)
Ah, Zeno! Deine Schildkröte, die nie eingeholt wird, und dein Pfeil, der in der Luft erstarrt... Du bist der Meister darin, die Verwirrung der Sinne auf die Spitze zu treiben! Aber wollt ihr mir etwa sagen, dass die ganze Natur nur ein Zaubertrick ist?
Parmenides:
Kein Zaubertrick, Platon, sondern ein System von Regeln, das die Sterblichen missverstehen!
In Schranke ( DK 28 B 16 ) offenbarte mir die Göttin das Geheimnis des menschlichen Geistes:
»Wie sich der Sinn jedes Mal verhält in Bezug auf die Mischung seiner vielfach irrenden Organe, so tritt er dem Menschen nahe.«
Was die Menschen für ihren „freien Geist“ oder ihre „persönliche Meinung“ halten, ist in Wahrheit der physikalische Code der organischen Mischung (Krasis).
Wenn die Forscher der fernen Zukunft das Buch des Lebens entschlüsseln – jene Molekülketten in den Zellen, die sie DNA und genetischen Code nennen werden –, werden sie genau das bestätigen: Die Art und Weise, wie deine chemischen Elemente in deinen Adern gemischt sind, bestimmt, wie du die Welt siehst! Die Sinneswelt ist kein Zufall; sie ist ein biochemisches Programm.
Platon:
(betroffen, blickt auf seine Hände)
Das würde bedeuten... dass unsere Wahrnehmung der Welt nur die Sprache unserer eigenen Biologie ist? Dass wir die Welt nicht so sehen, wie sie ist, sondern so, wie unser genetischer Code sie uns übersetzt?
Parmenides:
(nickt zustimmend)
So ist es! Die Sprache der Menschen (Glossa) verleiht den Dingen nur Stempel und Namen: „Geburt“, „Tod“, „Wachstum“. Aber das sind nur die Benutzeroberflächen unseres organischen Programms. Der Fehler der Sterblichen ist nicht, dass sie die Rosen riechen – ihr Fehler ist, dass sie glauben, der Geruch der Rose sei das fundamentale Wesen der Wirklichkeit!
Teil 4:
Die Szenerie: Die Sonne neigt sich über dem Meer von Elea und taucht die marmornen Säulen in ein tiefes Goldrot. Parmenides, Platon und Zeno sitzen auf den Steinbänken des Gartens.
Platon:
Nun, Vater Parmenides! Du hast mir gezeigt, dass die Sinne durch den biochemischen Code unserer Organe (Krasis) programmiert sind. Aber sprich: Was ist mit der Seele? Ist sie nicht jene unsterbliche Substanz, die aus einer höheren Welt stammt und den Körper regiert?
Parmenides:
(blickt Platon mit einem tiefen Augenmerk an)
Du suchst die Seele immer nur im Einzelnen, Platon – verpackt in die Brust eines individuellen Menschen. Doch lass mich dir eine Frage stellen:
Wenn ein Mensch stirbt, vergeht sein Körper. Was aber geschieht mit einer Stadt? Ist eine Rechtsordnung, ist der Staat nicht auch ein lebendiges organisches Wesen?
Ein Rechtssystem ist ein Organismus mit einem Leib und einer Seele!
Die geschriebenen Gesetzestafeln da drüben an der Wand unserer Akropolis – die Paragraphen und Verträge – das ist bloß der Leib des Gesetzes.
Doch die Seele der Rechtsordnung ist die generative Logik – das, was die Menschen eurer ferner Zukunft als Verfassungs-DNA oder Grundnorm bezeichnen werden! Wenn die Verfassung einer Stadt auf dem Prinzip der Identität ((A = A)) ruht – wo Recht wirklich Recht bleibt und die Logik frei von Widersprüchen ist –, dann besitzt das Rechtssystem eine gesunde, ewige Seele.
Platon:
(greift den Gedanken auf)
Und wenn sich ein Widerspruch in diese Verfassungs-DNA einschleicht? Wenn ein Gesetz sagt: »Der Bürger ist frei«, aber ein anderes diktiert: »Er darf nicht denken«?
Parmenides:
(nickt ernst)
Dann passiert genau das, was geschieht, wenn ein tödlicher Virus die DNA eines Körpers befällt: Der Organismus erzeugt Mutation und Krebs! Ein Gesetz, das sich selbst widerspricht ((A ≠ A)), hebt sich logisch selbst auf. Es fällt augenblicklich ins Nichts.
Das war der wahre Grund meiner Reise zu den Toren der Dike! Die Göttin empfing mich nicht, um mir religiöse Fabeln zu erzählen, sondern um mir die Logik der Normenstellung zu offenbaren. Dike hält die Schlüssel, weil sie verhindert, dass sich der logische Widerspruch in den genetischen Code des Staates einschleicht!
Zeno:
(schmunzelt)
Deshalb lassen wir in Elea unsere Richter jedes Jahr einen Eid auf Parmenides' Gesetze schwören! Nicht weil Parmenides ein König wäre, sondern weil sein Gesetzessystem ein fehlerfreies mathematisches Programm ist. Wer die Verfassung von Elea bricht, begeht einen Denkfehler!