Teil 79 und 80
Teil 79 und 80
Neunundsiebzigster Teil
Schließe mit keinem Menschen einen Vertrag über etwas ab, das dem Gott dieses Menschen widerspricht — ganz gleich, wie klein dir dieser Widerspruch auch erscheinen mag. Denn er wird den Vertrag bei der ersten Gelegenheit brechen.
Nicht etwa, weil er böse, verräterisch oder ein Lügner wäre …, sondern weil er gar nicht anders kann. Wenn du in der Lage bist, ihn zu zwingen, und das Gesetz als Waffe verwendest, fügst du ihm Schaden zu.
Einen Menschen dazu zu zwingen, seinem eigenen Gott zu widersprechen, ist womöglich die größte Schädigung — mitunter weit schwerer und schmerzhafter als ein körperlicher Schaden oder eine Beeinträchtigung des Eigentums. Dies ist eine Schädigung der Seele, und ihr Vollzug gehört zu den frevelhaftesten Unfaten.
Das Gesetz ist keine Waffe — weder eine offensive noch eine defensive —, und es ist für niemanden ein Schild … All diese Zuschreibungen sind Vergleiche, die dem Gesetz Dimensionen verleihen, die ihm nicht innewohnen, und Eigenschaften andichten, die es nicht besitzt.
Das Gesetz besteht aus Gefügen von Beziehungen, die den Menschen davor schützen, sich in irgendetwas anderes als einen Menschen zu verwandeln.
Denn der Mensch als Ware wird zu einem Menschen ohne menschliche Seele.
Das Gesetz ist heute tatsächlich in der Lage, die Seele zu schützen — schlicht und auf weit einfachere Weise, als es die traditionellen Systeme vermögen: Indem es den Menschen nicht zur Ware und die Menschheit nicht zur Feilgebotenen Sache werden lässt, auch nicht für einen einzigen Augenblick.
Der Mensch wird dann zur Ware, wenn das Monopol in den öffentlichen Beziehungen herrscht; denn jedes Monopol auf irgendetwas Grundlegendes führt notwendigerweise zur Verdinglichung der Menschen.
Wenn aber das Gesetz den Monopolisten schützt oder der Monopolist in der Lage ist, in die Gesetzgebung selbst einzugreifen, werden die Menschen zu Waren, die auf dem Sklvenmarkt tatsächlich gekauft und verkauft werden.
Wenn ein Mensch spürt, dass er zur Ware geworden ist, verliert er selbst die Beziehung zu seiner eigenen Seele — jener Seele, die er (sofern er frei ist und seine Rechte geschützt sind) als unennwegten und ewigen Begleiter empfindet.
In Wahrheit bedeutet die menschliche Seele nicht mehr als das Menschsein des Menschen: das Gefühl des Menschen, dass er ein Mensch ist. Dass er er selbst ist; dass er zum Universum gehört, ein Glied darin ist, das die Eintrittskarte besitzt, darin zu verweilen und zu wirken.
Denn der Mensch besitzt — wie alle Geschöpfe — eine Eintrittskarte in das Universum, eine kosmische Identität, weil er verwirklicht, dass er ein Geschöpf ist, ein eigenständiges Wesen.
Auf dieser Karte steht geschrieben: Dies ist ein Geschöpf unter den lebenden Geschöpfen aus der Gattung Mensch; sein Rang (seine Makana) im Universum ist ein menschlicher Rang.
Die Natur braucht keine Gesetze; sie erkennt ihre Geschöpfe über diese Karte, für die es scheinbar nichts weiter braucht, als dass das Geschöpf ein zusammenhängender Körper ist, dessen Struktur eine bestimmte Art von Beziehungen verwirklicht, die seine strukturelle Festigkeit bestätigen — das heißt, dass er sich später nicht in etwas verwandelt, das er nicht ist oder das zu sein er nicht imstande ist.
Die Natur (das heißt alle existierenden Geschöpfe) vermag diese Karte zu lesen, als besäße sie einen Scanner. Und ich sage: Das ist die Schönheit selbst; denn was auf dem Bildschirm des Scanners erscheint, sind Beziehungsgefüge von Schönheit.
Jedes Geschöpf, dem es gelungen ist, im Universum anwesend zu sein, ist schön.
Die organisatorischen Programme, die die Menschen benötigen, sind weder komplex noch gebietend. Sie verhindern schlicht das Vorhandensein von Programmen in ihrem Inneren, die dieses existenzielle Gesetz aufheben oder außer Kraft setzen … Das heißt Programme, die in die Seinsformen der Geschöpfe eingreifen, um deren existenziellen Rang zu verändern.
Nicht mehr und nicht weniger … als:
Das Gesetz schützt keine Schädigung — wer auch immer der Täter, wer auch immer das Opfer, was auch immer der Grund und was auch immer der Zweck sein mag.
Und die Schädigung ist die Antastung des Rangs (der Makana) eines Geschöpfes in diesem Universum — aus welchem Grund auch immer.
Achtzigster Teil
„Theoretisches Gerede ist leicht“, pflegte meine Tante zu sagen, und manchmal fügte sie hinzu: „… und es ist bequem für denjenigen, der eigentlich gar nicht arbeiten (etwas verändern) will.“ Von dieser Tante — der Schwester meines Vaters — habe ich gelernt, dass Arbeit ohne Willen zu nichts als Zerstörung führt. Arbeite nur aus (ganzem Herzen), wenn du arbeitest, und mit dem Willen deines Gottes — das bedeutet: dass ich nicht gegen meine Prinzipien verstoße, wenn ich arbeite; das bedeutet, dass ich alles gebe, was ich habe, und dies immer, was auch immer ich tue; und dass ich nicht das tue, von dem ich glaube, dass es falsch ist.
Diese meine Tante war Atheistin, das heißt, was sie unter Gott verstand, war nichts anderes als der Gott, wie ihn sich der Mensch vorstellt.
Wer beispielsweise an einen religiösen Gott glaubt und ihn fürchtet, dessen Glaube zeigt sich in seinem Verhalten und vor allem in seinen Worten … Wer sagt: „Gott wird bestrafen, falls es einen Gott gibt“, sagt ganz deutlich, dass es keinen Gott gibt, aber er hat Angst vor der ausdrücklichen Erklärung oder ist sich ihrer nicht sicher …. Und alle Religionen verlangen vom Gläubigen, nicht an ihren Texten und ihren Göttern zu zweifeln. Meine Tante glaubte nicht wirklich, aber sie war sehr realistisch. Sie wusste, dass das Programm göttlich (ideal) sein muss, damit es funktioniert. Wenn sie eine Arbeit plante, plante sie so, dass keine Möglichkeit unberücksichtigt blieb — insbesondere dann, wenn die Arbeit mit Geld zu tun hatte. Sie berechnete manchmal Wahrscheinlichkeiten, die niemandem in den Sinn kämen, sodass es schien, als wolle sie gar nicht arbeiten und suche nach einem Grund, um nicht zu handeln. In Wahrheit war das Gegenteil richtig: Meine Tante begann am Ende die Arbeit, aber im Lichte dessen, was sie an Erkenntnissen erreicht hatte.
Dieser Pragmatismus ist keineswegs (extrem), denn der Pragmatismus kann — wie die Demokratie, wie die Menschlichkeit, wie jede (Güte) — nicht extrem werden; er kann nicht über sich selbst hinausreichen. Das heißt: Wie sehr der Mensch in der Ausübung des Pragmatismus auch gehen mag, er wird nicht weiter gelangen, als dass von ihm gesagt wird: Er ist ein Pragmatiker. Diese Bewegung wird in der Mathematik als (Streben gegen Eins) bezeichnet — das bedeutet, sie kann nicht über die Eins hinausreichen.
Dies führt mich manchmal zu dem Schluss, dass die Natur in Wahrheit nur danach strebt, die Eins zu verwirklichen, oder genauer gesagt: Im Universum gibt es nichts, das danach strebt, etwas anderes als es selbst zu sein; und dies ist am Ende immer das Geschöpf selbst: Es ist es selbst, und es selbst entspricht ihm selbst, was gleich Eins ist.
Bis heute habe ich die tiefere Beziehung nicht gefunden, die in der einzigen Relation verborgen liegt, bei der das Ergebnis der Subtraktion des Goldenen Schnitts von dem Quadrat dieser Zahl gleich Eins ist. Diese einzigartige Relation, die erfüllt, dass ((x zum Quadrat) minus x gleich eins ist) — wenn wir also x durch die Goldene Zahl —, erlaubt es uns, beide Seiten der Gleichung beliebig zu potenzieren oder die Wurzel daraus zu ziehen, und das Ergebnis bleibt immer Eins.
In dieser Beziehung liegt das Geheimnis, dass der Goldene Schnitt in einer organischen Verbindung zur Eins steht (und die Eins ist das Vollkommene). In der Tat denke ich seit Jahrzehnten angestrengt darüber nach, wie diese tautologische Beziehung in der Natur wirkt. Sie ist zweifellos eine Beziehung der Schönheit, aber es ist eine zwangsläufige Schönheit, weil wir an sie gewöhnt sind und weil wir als existierendes Naturwesen in dieser Beziehung enthalten sind. Das heißt: Wenn die Natur diese Beziehung nutzt, um zur mathematisch (stabilen) Eins zu gelangen, dann ist die Schönheit, die ich als Eintrittskarte in das Universum als verwirklichtes Wesen beschrieb, das Ergebnis dieses Zusammenhalts und nicht umgekehrt. Das bedeutet, dass das, was wir als natürlich erachten (was uns keine Angst einflößt), uns deshalb vertraut erscheint (selbst wenn wir es zum ersten Mal sehen), weil darin Beziehungen wirken, die primär seinen strukturellen Zusammenhalt erzeugen — und nicht seine bloße Schönheit.