Teil 85 und 86
Teil 85 und 86
Teil 85
Dass der Mensch sich wandelt, ist eine unstrittige Notwendigkeit. Wer sich nicht wandelt, lebt seine Gegenwart (das Jetzt) nicht wirklich. Tut er es nicht, verharrt er entweder in der Angst, zu spät gekommen zu sein (den Zug verpasst zu haben), in der Furcht vor dem Kommenden oder in der Sorge, etwas zu versäumen, das andere mühelos finden … Und womöglich sucht er nach Anlässen, die ihn später in Verwicklungen stürzen, derer er gar nicht bedurft hätte — meist im Zusammenhang mit einer Änderung des äußeren Erscheinungsbildes, in dem irrigen Glauben, der Wandel habe damit bereits stattgefunden oder könne dadurch erwirkt werden.
Mir scheint, dass der menschliche Verstand hier — wie so oft, wenn sich das Verhalten des Menschen von dem anderer Lebewesen, insbesondere seinen Verwandten wie den Affen, unterscheidet — selbst das Problem darstellt. Er versucht auf gewisser Weise, seinem Besitzer vorzugaukeln, dass der Wandel ihn selbst — also den Verstand in seiner eigenen Substanz — nicht berühren dürfe.
Womöglich versucht der Verstand (wie jedes Gebilde, das sich als System oder als Organ innerhalb eines Systems mit eigener Natur begreift), sich im gegenwärtigen Zustand zu erhalten. So verbirgt er vor dem Menschen, seinem Besitzer (bzw. vor dem mentalen Gesamtsystem, dessen Teil er ist), die ihm als Individuum offenstehenden Mechanismen des echten Wandels, damit der Mensch diese nicht anwendet und dadurch den Verstand selbst transformiert.
Ich denke manchmal sogar, dass es der Verstand ist, der verhindert, dass Informationen das eigentliche Großhirn erreichen. Auf gewisse Weise zwingt er das Kleinhirn und die Medulla oblongata zu Entscheidungen, ohne das Bewusstsein tatsächlich einzubeziehen. Er verhindert seine eigene Inanspruchnahme und vermeidet es, in die Irrgärten der Entscheidungsfindung hineingezogen zu werden (wie jedes System, das Kraft und Energie sparen will) — denn eine durchdachte, geistige Entscheidung ist etwas, das den gesamten Lebenslauf radikal verändern kann.
Das mag absurd und sonderbar klingen, doch meines Erachtens lässt sich manches menschliche Verhalten, dessen wahre Ursache uns verborgen bleibt, nicht anders erklären.
Manchmal täuscht der Verstand seinem Besitzer vor, der Mensch habe sich bereits gewandelt, nur weil sich die äußeren Umstände geändert haben und man sich diesen anpassen müsse. Er spiegelt ihm vor, er müsse sich lediglich anpassen, ohne sich im Kern zu wandeln — vermutlich ein Versuch, dessen Ursprung in der Energieeinsparung liegt oder in der Neigung effektiver Systeme zu einer Art physikalischer Trägheit (Trägheitsprinzip).
Der echte innere Wandel in der Psyche ist in Wahrheit ein programmatischer Wandel. Er vollzieht sich erst dann, wenn eine Transformation im System des Verstandes selbst eintritt. Dies führt notwendigerweise zu einem Wandel jener Prinzipien, auf deren Grundlage der freie Wille operiert — jener Regeln, die der Verstand fortwährend überprüfen müsste (da der Verstand von Natur aus keine Grenzen kennt und diese Schrankenlosigkeit ihm eigentümlich ist, erfordert das Setzen von Grenzen Anstrengung und Energie; deshalb versucht dieses Gebilde stets, sich dieser Fessel zu entledigen).
Dieser Zustand des echten Wandels unterscheidet sich im Prinzip in keiner Weise von einem paradigmatischen Wandel in der Wissenschaft.
Sinnbildlich können wir die Wissenschaft wie ein Seil betrachten: Es besitzt einen kontinuierlichen, unveränderlichen Kern, der weder durch Umstände noch durch die Zeit gebrochen werden kann (ein inneres Seil, unzerreißbar und unendlich lang, gewoben aus Theoremen, Axiomen und Grundwahrheiten). Um diesen Kern lagern sich Theorien an, die ihn umschließen, jedoch symbolisch die Natur von einzelnen Fasern besitzen — vergleichbar mit den Baumwoll- oder Wollfasern eines gestrickten Taues (Fasern), deren Länge von ihrer jeweiligen Gültigkeit abhängt.
Dieses Bild lässt sich nun auf den Geist beziehungsweise das mentale System übertragen:
Gott (die Gesamtheit der Prinzipien, nach denen der freie Wille handelt) bildet diesen inneren Kern. Die Regeln, die existieren, um diesen Kern zu verwirklichen oder die aufgrund seiner Existenz überhaupt erst entstehen, wirken jedoch auch je nach Umstand — vergleichbar mit sekundären Überzeugungen, die an Gott gebunden sind und auf ihm aufbauen (so wie sich die Fasern im Tau der Wissenschaft um den Kern winden und im Kern ihren Beweis zu finden suchen).
Ein echter Wandel vollzieht sich, indem man Fasern, die nicht mehr tragen, verlässt und im Laufe der Zeit neuen Fasern folgt …
Betrachten wir dieses Seil nun als Werkzeug zum Klettern: Durch den Versuch, an ihm emporzusteigen, geben wir Gott (dem eigentlichen Kern und leitenden Prinzip) Raum zu erscheinen — einem Kern, der zuvor von Fasern verdeckt war, die unter dem Gewicht unserer eigenen Bewegung zur Seite gewichen sind. Im gewöhnlichen Zustand hingegen wirken oft verfälschte Fasern (gekünsteltes Verhalten oder der Versuch, entsprechend einer Wesenheit zu werden, die nicht die eigene Ur-Existenz ist — etwa durch das Annehmen eines fremden Gottes aus Heuchelei, Modeerscheinung oder Unwissenheit …).
Teil 86
Der Wandel im mentalen System ist ein Ereignis, das sich ereignet — es wird geschehen gemacht und lässt sich nicht willkürlich herstellen.
Ich meine damit: Der Mensch sagt nicht zu sich selbst: „Ich werde mich jetzt wandeln, weil ich mich dazu entschieden habe“, und wandelt sich daraufhin.
Der Wandel — und wenn ich auf diese Weise schreibe, meine ich das Ding an sich; ich suche weder nach dem verfälschten Wandel noch nach Ähnlichem —, also das, was ich jetzt als Wandel bezeichne, ist der wahrhaftige Wandel, der tatsächlich eingetreten ist und dessen Ergebnis Wirklichkeit geworden ist. (Das heißt, im Falle des mentalen Wandels lässt sich sagen: Es ist eine Denkweise geworden, die anders ist als jene, die zuvor war.)
Der Wandel vollzieht sich nur dann, wenn ihm selbst dieses Sich-Ereignen möglich ist.
Wie alles Werden (die Genesis/Kainuna) benötigt das Sich-Ereignen das ursprüngliche Programm sowie die passenden Bedingungen, um zu keimen und zu wachsen. Und Wachstum bedeutet in Wahrheit nichts anderes, als dass das Wesen nach etwas strebt — das heißt, es bewegt sich in eine bestimmte Richtung.
Der Wandel gleicht in den meisten Fällen kalten Revolutionen: Er besteht aus Prozessen. Und nach meinen Beobachtungen gilt: Eine Denkweise, die sich wahrhaftig wandelt, hört nicht mehr auf sich zu wandeln. Man kann sagen, sie befindet sich in einem Zustand des permanenten, ununterbrochenen Wandels.
Diesen Zustand sehe ich aufs Deutlichste bei Kindern … Sie hören nicht für einen einzigen Augenblick mit dem mentalen (neben dem körperlichen) Wandel auf. Sie befinden sich in einem Zustand des Wachstums, dessen Wahrhaftigkeit ohnegleichen ist … Das Kind weiß in Wahrheit nicht einmal, dass es sich wandelt … Es erwacht jeden Tag als ein anderes Wesen als am Tag zuvor.
Um diesen Prozess zu verstehen (den Prozess an sich, nämlich dass das Kind sich wandelt), bedarf es für mich in keiner Weise des Verständnisses seiner Ursachen. Es genügt mir, ihn zu beobachten, um zu wissen, dass er existiert und wirkt. Und das bedeutet für mich, dass es notwendigerweise die Möglichkeit geben muss, dass sich der Erwachsene ebenso wandelt wie das Kind — das heißt wahrhaftig, in einem echten und nicht bloß angenommenen oder verfälschten Wandel; in dem Sinne, dass der Wandel ein wirklich wahrhaftiger ist, der tatsächlich zu einer paradigmatischen Transformation führt.
Was mich betrifft, so glaube ich, dass viele die Idee, das Kind sei schöpferisch, zu wörtlich genommen haben. So versuchten sie, wie Kinder zu sein, nachahmten das Verhalten von Kindern und bildeten sich tatsächlich ein, schöpferisch zu sein.
Das „Kind-Bleiben“ bedeutet für mich nichts anderes als das Andauern des mentalen Wandels selbst. (Oftmals wird der mentale Wandel von körperlichen Wandlungen begleitet, die jedoch nichts mit Kleidung, Haarfarbe, Frisur oder gar dem Aufbau von Muskelmasse und Ähnlichem zu tun haben … Höchstwahrscheinlich gehen mit mentalen Wandlungen körperliche Veränderungen einher, die durch Hormone oder Ähnliches bedingt sind — zumindest in jenen Fällen, die von „Güte“ geprägt sind; in dem Sinne, dass der Wandel zur Erkenntnis des Selbst, der Psyche und zum Verständnis Gottes führt.)
(Unter „Gott“ verstehe ich hier die Gesamtheit der Regeln, nach denen der freie Wille operiert — das, worauf der Geist bei seinem Handeln und Verhalten hört und was der Besitzer des Geistes umsetzt, wenn er sich von den Zwängen der Furcht befreit fühlt und keine schädlichen Konsequenzen befürchtet, falls er tut, was er will. Mit dem Verständnis Gottes meine ich das Verstehen seiner verschiedenen mentalen Manifestationen sowie das Erfassen der Gründe für die Existenz dieses Gottes und dieser Regeln — dieser Maximen — im mentalen System.)
Ein Beispiel: Das Verständnis, dass ein Mensch nicht stiehlt, weil sein Gott ihn daran hindert, das Eigentum anderer zu verletzen — anstatt aus Angst vor dem Gefängnis —, dieses andersartige Verständnis zeugt von einem echten mentalen Wandel.
Der wahrhaftige Wandel führt immer und notwendigerweise zum Wandel Gottes … Und daraus lässt sich schließen — und hier gilt das Gegenteil von dem, was in der Wissenschaft mit ihrem starren Kern gilt —, dass Gott (der den Kern des Seils der Psyche bildet) ein gewandelter, sich fortwährend wandelnder Kern ist, solange der Mensch, dem dieser Geist gehört, sich wandelt.
Daraus folgt: Der Mensch braucht seinen Gott nicht zu töten, solange er in der Lage ist, sich wahrhaftig zu wandeln. Denn wenn dieser Wandel eintritt, bedeutet er nichts anderes als den Wandel Gottes selbst.
Das Dilemma beim Wandel besteht nicht darin, ein Kind zu bleiben, wie manche dachten und denken. Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, die Versuche des Verstandes zu vereiteln, vorzugaukeln, dass alles in Ordnung sei und dass die Psyche nach Stabilität statt nach Wandel verlange.