Der Halbblutprinz
Der Halbblutprinz
Am nächsten Morgen trieb es Zoe bereits früh aus dem Bett. Sie hatte schlecht geschlafen und jedes Mal, wenn sie wach geworden war, hatte sie Harrys unfaire Worte im Ohr gehabt. Schließlich war die Sechzehnjährige aufgestanden, hatte sich gemächlich fertig gemacht und wartete darauf, dass es endlich spät genug war, um zum Frühstück in die Große Halle zu gehen. Gerade in dem Moment, da Zoe den Gemeinschaftsraum verlassen wollte, hörte sie, wie die Tür des Jungenschlafsaals aufging und Theodore den Raum betrat.
„Morgen“, begrüßte Zoe ihn und hob die Hand kurz.
„Morgen“, erwiderte er und war sichtlich verwundert, Zoe bereits anzutreffen. „Du bist aber früh wach.“
„Ich konnte nicht mehr schlafen. Kommst du mit zum Frühstück?“
Theodore fuhr sich mit der Hand durch das mittellange braune Haar, doch dann nickte er. Sie verließen als die Ersten den Gemeinschaftsraum und gingen den Korridor hinauf, der sie in die Eingangshalle bringen würde.
„Du siehst gut aus“, sagte Zoe nach einer Weile und errötete, als die Worte aus dem Mund hervorgekommen waren. „A-a-also ich meine … du siehst aus, als wäre es dir in den Ferien gut ergangen … Meine ich …“
Theodore grinste nur schief, ließ den Blick aber beharrlich auf dem Boden. Dann antwortete er: „Ja, war ganz gut. Und bei dir?“
„Langweilig … wie immer“, gab Zoe zu.
„Wie geht es Harry?“, fragte der Slytherin nach einer weiteren Pause höflich.
„Gut, wieso?“
„Draco hatte scheinbar gestern eine Auseinandersetzung mit ihm“, berichtete Theo schlicht.
„Im Zug?“, wollte Zoe wissen.
Jetzt hob der Reinblüter den Kopf und fragte: „Hat er dir nichts davon erzählt?“
„Es gab gestern keine Gelegenheit mehr.“ Zoe wich ihrem Blick aus und nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Wir haben uns gestritten.“
„Weswegen?“
„Weil er etwas Doofes gesagt hat …“
„Was denn?“, hakte Theo neugierig nach, doch Zoe schüttelte nur mit dem Kopf.
„Also, was hat Draco erzählt?“
„Scheinbar hat er sich in ihr Abteil geschlichen und sie belauscht, aber Draco hat ihn erwischt.“ Sie betrat mit Theodore die Eingangshalle und steuerte die Große Halle an. „Er hat ihm einen Körperklammerfluch verpasst und ihm ins Gesicht getreten.“
Aprubt blieb Zoe stehen. Die Erinnerung an Harrys blutüberströmtes Gesicht flammte vor ihrem inneren Auge auf. Unwillkürlich hielt sie sich die eigene Nase fest.
„Alles in Ordnung?“, fragte Theo besorgt und berührte kurz ihren Arm.
„Ins Gesicht getreten“, wiederholte sie fassungslos. Ihre Stimme bebte leicht. „Er war bewegungsunfähig und wehrlos. Und Draco hat ihm einfach...“ Sie schluckte schwer und zwang sich, weiterzugehen. „Das war ... das war-“
„Naja, ist er irgendwie selbst schuld, oder?“ Theodore zuckte mit den Schultern und steuerte einen Platz in der Nähe einer Obstschale an. „War ziemlich dreist von ihm, sie zu belauschen.“
Zoe fuhr herum, ihre Augen blitzten. „Selbst schuld? Theo, man tritt nicht auf jemanden ein, der am Boden liegt! Das ist ...“ Sie presste die Lippen zusammen, um nicht laut zu werden. Nach einem tiefen Atemzug setzte sie sich ihm gegenüber und sagte mit gedämpfter, aber fester Stimme: „Belauschen ist eines. Aber was Draco getan hat ... das war primitiv. Brutal und völlig unverhältnismäßig.“
Theodore musterte sie einen Moment schweigend, dann widmete er sich wortlos seinem Frühstück. Das Thema war offenbar beendet, doch Zoes Hände zitterten noch leicht, als sie nach ihrer Tasse griff.
„Ist ja auch egal“, murmelte der Reinblüter schließlich. „Wie viele ZAGs hast du geschafft?“
Zoe nahm den Themenwechsel zu gerne an. Auf einen weiteren Streit hatte sie wirklich keine Lust. Während sie sich über die Fächer austauschten, die sie in diesem Schuljahr belegten, füllte sich die Große Halle allmählich. Zoe sah, wie ihre Gryffindor-Freunde hereinkamen, mied jedoch den Blick in Harrys Richtung tunlichst.
„Guten Morgen“, flötete Tracey im Vorbeigehen den beiden zu. „Endlich kein Pflege magischer Monster mehr! Oder hat einer von euch das Fach wieder belegt?“
Sowohl Theo als auch Zoe schüttelten zeitgleich mit dem Kopf.
„Da wird Hagrid wohl alleine in seiner Stunde stehen“, jodelte Tracey. „Bis jetzt hat noch keiner diese Frage mit einem ‚ja’ beantwortet.“
Sie folgte Daphne ans Kopfende des Tisches und Zoe packte plötzlich das schlechte Gewissen. Zoe war förmlich erleichtert gewesen, Pflege magischer Geschöpfe abwählen zu können. Nach Acromantulas, Flubberwürmern und Knallrümpfigen Krötern hatte die Sechzehnjährige die Nase von Hagrids harmlosen Kreaturen voll gehabt und war froh, dass sie dieses Fach endlich nicht mehr haben musste. Aber sie hatte mit keinem Gedanken daran gedacht, dass es ihre Mitschüler ähnlich handhaben würden.
Hagrid, der immerhin ihr Freund war, würde fürchterlich enttäuscht sein.
„Kein Astronomie, keine Arithmantik, keine Zaubertränke …“, hörte sie Tracey ein paar Plätze weiter aufzählen, „das gibt eine Menge Freistunden.“
„Die Zeit müssen wir in die anderen Fächer investieren“, stellte Daphne klar.
Zoe sah, wie Hermine die Große Halle betrat und ihr fröhlich winkte. Sie erwiderte ihren Gruß lächelnd, aber ihre Laune sank wieder, als Draco sich zusammen mit Pansy und Millicent unweit von ihr am Tisch niederließ. Eine Weile sah Zoe den Vertrauensschüler berechnend an, doch er blickte nicht einmal zu ihr herüber. Er schien zu beschäftigt mit Pansy zu sein, die wie ein Bowtruckle an ihm dranhing, dass es Zoe schon lästig erschien.
Die Posteulen kamen schließlich von einem azurblauen Himmel herab, den kaum ein Wölkchen trübte. Zoe sah dem Treiben zu, genoss nur eine Tasse Tee während Theodore sich bereits die zweite Portion Eier und Speck auf den Teller schaufelte.
Nach dem Essen verteilte Professor Snape die Stundenpläne. Für die Oberstufen musste er sich zunächst vergewissern, dass sie die notwendigen ZAG-Noten erreicht hatten, um die UTZ-Wahlfächern zu belegen.
„Ausgezeichnete Leistung, Miss Dumbledore“, lobte Snape, als er bei ihr angekommen war. „Es bestehtehen keinerlei Bedenken, dass sie das kommende Kurspensum nicht erreichen sollten.“
Zoe dankte ihm mit einem knappen Lächeln und warf einen Blick auf ihren Stundenplan. Es war klar, dass sie weiterhin Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Verwandlung, Kräuterkunde, Arithmantik, Alte Runen und Zaubertränke haben würde. Und mit Alte Runen würde dieser Schultag beginnen.
Deswegen holte Zoe Hermine am Gryffindor-Tisch ab und würdigte Harry dabei keines Blickes.
„Wollt ihr euch nicht wieder vertragen?“, begann Hermine, auf ihre Freundin einzureden, nachdem sie die Große Halle hinter sich gelassen hatte.
Zoe ignorierte die Frage und Hermine seufzte.
„Wie geht es dir?“, fragte sie dann, eine andere Taktik verfolgend.
„Ganz gut“, sagte Zoe einfach nur und trottete weiter.
„Hör mal“, begann ihre Freundin, als sie die Eingangshalle hinter sich gelassen hatten, „Harry tut leid, was er gestern gesagt hat. Ich hab ihm ordentlich den Kopf gewaschen und er hat eingesehen, dass es dumm war.“
„Ich will nicht darüber reden, Hermine, okay?“, wimmelte Zoe ab.
Die Gryffindor seufzte abermals, schwieg jedoch. Eine ganze Weile gingen sie stumm nebeneinander her, bis sie an einem vergilbten Wandbehang vorbeikamen.
„Lass uns diesen Weg nehmen“, schlug Hermine vor und zog den Teppich zur Seite.
Zoe huschte hindurch und folgte im Dunkeln den Stufen hinauf, während sie mit den Händen nach dem Ende des Tunnels tastete. Schließlich berührte sie die raue Rückseite des nächsten Wandteppichs und schob ihn gerade so weit weg, dass sie hindurchgepasst hätte. Da ergriff auf der anderen Seite jemand die seitlich herunterhängenden Troddeln, um Zoe mehr Platz zu machen.
Verwundert bedankte sich die Slytherin und als sie den Gang betrat, erkannte sie, dass dieser Jemand Harry war.
„Was macht … HERMINE!“ Wütend wandte Zoe sich um, doch ihre Freundin war ihr gar nicht durch den Gang gefolgt.
„Ich hab’ ne Freistunde“, erklärte Harry auf ihre unausgesprochene Frage hin.
„Schön für dich“, antwortete Zoe nur, ohne den Gryffindor anzusehen. Sie blickte sich im Korridor um, um sich zu orientieren, und wollte dann nach rechts abbiegen.
„Zoe, warte“, rief Harry flehentlich.
„Wozu?!“, fauchte seine Freundin zurück.
Harry verschränkte die Arme vor der Brust, aber er seufzte. „Weil … weil ich mich … also bei dir entschuldigen will“, gab er schließlich zu, „ich war etwas taktlos gestern.“
„Taktlos?“, wiederholte Zoe ungläubig und stellte die schwere Tasche ab. „Das klingt, als habe Hermine dir die Worte in den Mund gelegt!“
„Hat sie nicht“, empörte Harry sich und sah die Slytherin an. „Hör zu, Zoe, ich war sauer, weil Snape mich schon wieder provoziert hat … Er hat mich extra am Tor abgeholt, nur um-“
„Du hast ihm den Tod gewünscht, Harry“, unterbrach Zoe ihn heiser. „Sirius ist tot!“
Harry sah betreten zu Boden und sagte nichts darauf, obwohl Zoe, zitternd vor Wut, mit den Tränen kämpfte. Sie wandte sich dem Fenster zu und sah auf die Ländereien hinaus, als eine Gruppe jüngerer Hufflepuffs den Korridor entlangkam, um ihren Klassenraum aufzusuchen.
Erst als diese außer Hörweite waren, regte sich Harry wieder. Er trat neben Zoe ans Fenster und flüsterte: „Es tut mir leid, Zoe. Ich … ich war nur so wütend und …“ Seine Stimme versagte kurz. „Und … ich vermisse Sirius so sehr und manchmal ... manchmal ist es einfach zu viel, und dann sage ich Dinge, die ich nicht so meine.“
Heiße Tränen stiegen Zoe in die Augen und sie presste die Lippen zusammen versuchte, die Kontrolle zu bewahren, doch dann brach der Damm. Mit einem erstickten Schluchzer fiel sie Harry um den Hals und vergrub ihr Gesicht in seinem Umhang.
„Ich auch“, brachte sie irgendwann hervor, „und ich muss immerzu daran denken, dass … dass er wegen uns gestorben ist … weil er uns beschützen wollte …“
„Ich weiß“, krächzte Harry leise und schloss die Arme fest um Zoe. „Und nur wegen mir, sind wir ins Minis-“
„Voldemort hat dich hereingelegt!“, flüsterte Zoe in sein Ohr. „Du hast versucht, ihn zu retten …“
„Und alles viel schlimmer gemacht … wie bei Cedric …“
Zoe begann erneut, leise zu schluchzen, und Harry drückte sie noch ein bisschen fester an sich und einen Moment lang standen sie einfach nur so da, beide zitternd und gefangen in der gemeinsamen Trauer, die niemand sonst wirklich verstehen konnte.
„ Er hat alles schlimmer gemacht“, sagte Zoe ernst, als sie sich etwas beruhigte. „Nicht du … und das hab ich gestern auch nicht sagen wollen.“
„Ich weiß“, flüsterte Harry heiser.
„Aber es tut so weh“, murmelte Zoe in seinen Umhang. „Und ich bin immer noch so wütend auf dich, Harry. Weil du gesagt hast ... weil du ...“ Sie löste sich leicht von ihm, sah ihm mit verweinten Augen ins Gesicht. „Snape ist nicht wie Sirius, aber er ist ... er gehört zu meinem Leben. Und wenn ihm etwas passieren würde ...“
„Ich weiß.“ Harry reichte ihr ein zerknittertes Taschentuch aus seiner Tasche. „Es war dumm und ich habe nicht nachgedacht. Ich ... ich wollte dich verletzen.“
Zoe tupfte sich die Tränen ab, doch neue folgten bereits nach. Sie atmete zittrig ein, dann wieder aus. „Bist du mir noch böse?“, fragte Harry vorsichtig.
Lange schwieg Zoe. Sie wischte sich über das Gesicht, starrte aus dem Fenster auf die Ländereien, wo die Morgensonne das Gras in goldenes Licht tauchte. Schließlich drehte sie sich wieder zu ihm um.
„Ich bin dir nicht mehr böse“, sagte sie leise, und ihre Stimme war heiser vom Weinen. „Aber es tut noch weh, Harry.“
„Ich verstehe.“ Sein Blick war ernst und darin lag auch eine unübersehbare Traurigkeit.
Zoe nickte langsam, und zum ersten Mal seit gestern Abend fühlte sich die Schwere in ihrer Brust etwas leichter an. Noch nicht weg, aber erträglicher. Sie holte tief Luft und versuchte ein schwaches Lächeln.
„Dann sind wir also wieder Freunde?“, fragte Harry unsicher.
„Waren wir das jemals nicht?“, erwiderte Zoe.
Harry grinste schief, das nicht ganz seine Augen erreichte.
„Idiot“, murmelte Zoe, aber diesmal lag Zuneigung in dem Wort.
Der Gryffindor lachte und schien sichtlich erleichtert. Er hob Zoes Tasche vom Boden auf, als Zeichen der guten Geste.
„Was ist gestern im Zug geschehen?“, fragte Zoe und nahm sie an. „Draco rühmt sich scheinbar damit, dir eins ausgewischt zu haben.“
Harry seufzte und erklärte: „Ist blöd gelaufen, ja. Ich hab mich ins Abteil der Slytherins geschlichen und Malfoy belauscht.“ Er machte eine kurze Pause. „Und er hat da etwas sehr Aufschlussreiches von sich gegeben.“
„Was denn?“
„Er sagte, dass er im nächsten Jahr womöglich nicht mehr in Hogwarts sein würde. Die Parkinson war ganz aus dem Häuschen, deswegen.“
Zoe zog nachdenklich die Brauen zusammen.
„Hat er auch gesagt, warum das so sein wird?“, wollte sie wissen, und Harry nickte.
„Er meinte, er könne sich bis dahin schon größeren Dingen zugewandt haben!“ Er sah sie erwartungsvoll an, doch seine Freundin beäugte den Gryffindor kritisch.
„Damit meinte er Voldemort!“, betonte Harry energisch. „Das ist der Beweis! Malfoy hat es selbst gesagt. Er sagte, wenn er an der Macht sei, dann ginge es nicht mehr um schulische Abschlüsse, sondern nur noch darum, welchen Dienst man ihm erwiesen hat.“
„Das ist eine Feststellung und kein Beweis“, schloss Zoe ernüchternd.
„Ihr versteht es nicht“, schimpfte Harry.
„Ihr?“, hakte Zoe verwundert nach.
„Du, Hermine und Ron – weil ihr nicht dabei wart. Ihr habt Malfoy nicht gehört! Malfoy macht Anspielungen darauf, dass er eine Aufgabe erteilt bekam, für die sein Abschluss keine Rolle spielt. Das ist doch genau das, was ich gemeint habe! Voldemort hat ihm einen Auftrag gegeben und Ron meint nur, er würde vor der Parkinson angeben wollen …“
„Das ist sehr gut möglich“, bestätigte Zoe, „die beiden sind nämlich seit kurzem ein Paar.“
Sie senkten die Stimme, weil weitere Schüler durch die Gänge zogen. Allmählich wurde es voll und Zoe sah nervös auf die Uhr.
„Vielleicht hat er das getan, aber sowas denkt man sich doch nicht einfach so aus.“
„Na, ihr beiden“, sprach Hermine vorsichtig.
Zoe sah zu den Schülern und erkannte, dass Hermine und Ron hinter ihnen hergetrottet waren.
„Habt ihr euch wieder vertragen?“, fragte sie und ließ die Augen zwischen Zoe und Harry hin- und herspringen.
Die beiden Freunde bejahten wortlos.
„Schön“, Hermine lächelte erleichtert, „das ist gut. Lass uns losgehen, Zoe, bevor wir zu spät kommen. Wir sehen uns ja im Anschluss in Verteidigung gegen die Dunklen Künste wieder.“
„Dann viel Spaß im Unterricht!“ Ron grinste hämisch und sah die beiden Mädchen an, „wir legen jetzt erst einmal die Füße hoch.“
Hermine schnaubte, rollte mit den Augen und zog Zoe einfach mit sich.
„Der wird sich noch wundern“, grummelte sie ihrer Freundin ins Ohr, „glaubt wirklich, die Freistunden seien zum Faulenzen gut …“
Sie kamen gerade rechtzeitig im Klassenzimmer an und mussten sich mit den letzten freien Plätzen begnügen. Schon in dieser ersten Schulstunde sollte Zoe erfahren, dass nun der Ernst des Lebens begann. Professor Babbling vergeudete keine Minute mit einleitenden Worten, sondern kündigte nur knapp eine anspruchsvolle und lernintensive Zeit an und ging das Pensum für den Unterricht zügig durch. Zum Abschluss halste sie ihnen noch einen vierzig Zentimeter langen Aufsatz und zwei Übersetzungen auf, die sie bis Mittwoch fertigzustellen hatten.
Als Zoe mit Hermine den Klassenraum verließ, rauchte ihr bereits der Kopf. Ihre Professorin hatte sie mit einem Pensum entlassen, das normalerweise für zwei Wochen gereicht hätte, und verlangte diese Arbeit für Mittwoch.
„Das wird ein hartes Jahr“, seufzte Hermine, während sie die Treppen hinabstiegen.
In der Eingangshalle trafen sie auf Harry und Ron, die offenbar ihre Freistunde nicht fürs Lernen genutzt hatten. Rons Haare standen in alle Richtungen ab, und Harry hatte einen zufriedenen Ausdruck im Gesicht.
„Und?“, fragte Ron munter. „Wie war Alte Runen?“
Hermine begann sofort, von den Unmengen an Hausaufgaben zu berichten, die ihnen aufgegeben worden waren.
„Gemeinheit“, murrte Ron dazu nur und gähnte theatralisch, was ihm einen bissigen Blick von der Gryffindor einbrachte.
„Wart’s nur ab“, prophezeite die Gryffindor gehässig. „Ich wette, Snape halst uns jede Menge auf.“
Die Wartezeit vor dem Klassenzimmer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste kam Zoe heute kürzer vor als sonst. Vielleicht, weil ein Teil von ihr sich auf diesen Unterricht freute. Snape würde ihnen zeigen können, wie interessant dieses Fach sein konnte. Nicht wie Umbridge mit ihren nutzlosen Theorien oder Lockhart mit seinem aufgeblasenen Nichts.
Nur einen kurzen Moment später öffnete sich die Tür und Professor Snape erschien dahinter. Sein Blick glitt über die wartenden Schüler.
„Herein“, sagte er mit seiner tiefen Stimme.
Zielstrebig ging Zoe voran.
Drinnen waren die Vorhänge zugezogen und der Saal wurde nur von ein paar Kerzen erleuchtet. An den freien Wänden hingen große Gemälde, die Menschen zeigten, die offenbar unter Fluchschäden und grässlichen Verletzungen litten. Stumm nahmen sie ihre Plätze ein und einige der Schüler kramten in den Taschen nach ihren Büchern, was sogleich Unruhe in den Raum brachte.
„Ich habe Sie nicht aufgefordert, die Bücher hervorzuholen“, sagte Professor Snape, nachdem er die Tür schloss und hinter sein Pult trat. „Ich will Ihnen etwas sagen und ich erwarte Ihre volle Aufmerksamkeit.“
Eine gespannte Stille legte sich über die Klasse, während Snape einen Augenblick jeden einzelnen Schüler musterte.
„Sie hatten bislang fünf Lehrer in diesem Fach, meine ich“, begann Snape ernst. „Natürlich haben all diese Lehrer ihre eigenen Methoden und Schwerpunkte gehabt. Ich bin überrascht, dass so viele von Ihnen trotz dieses Durcheinanders einen ZAG in diesem Fach geschafft haben. Noch mehr wird es mich überraschen, wenn Sie alle mit dem UTZ-Pensum zurechtkommen, das noch viel anspruchsvoller sein wird.“
Er ging die Bankreihen an der Wand entlang hinauf und redete dabei so leise, dass sie mucksmäuschenstill sein musste, um seine Worte zu verstehen.
„Die dunklen Künste“, fuhr er fort, „sind zahlreich, vielgestaltig, in ständigem Wandel begriffen und unvergänglich. Der Kampf gegen sie ist wie der Kampf gegen ein vielköpfiges Ungeheuer, dem jedes Mal, wenn ihm ein Hals durchschlagen wird, ein weiterer Kopf nachwächst, noch wilder und gerissener als der alte. Sie kämpfen gegen das Unberechenbare, das sich Wandelnde, das Unzerstörbare.“
Zoe lauschte gebannt, diesem bildhaften Vergleich und kam nicht umhin, ihrem Lehrer Recht zu geben.
„Ihre Verteidigung“, sprach er nun etwas lauter, „muss daher so flexibel und erfindungsreich sein wie die Künste, deren Wirkung Sie zu zerstören suchen.“
Unvermittelt musste sie an das Duell zwischen Voldemort und ihrem Großvater denken. Noch nie hatte Zoe vergleichbare Magie erlebt. Allein bei der Erinnerung stellten sich die Härchen auf ihrem Arm wieder unweigerlich auf.
„Diese Bilder“, fuhr Snape fort und deutete über sich auf die eingerahmten Abbildungen, „vermitteln einen recht guten Eindruck davon, wie es jenen ergeht, die beispielsweise dem Cruciatus-Fluch unterliegen, die den Kuss des Dementors zu spüren bekommen oder die Angriffslust des Inferius herausfordern.“
„Ist etwa ein Inferius gesichtet worden?“, rief Parvati Patil schrill in die Klasse. „Ist es sicher, setzt er sie ein?“
„Der Dunkle Lord hat in der Vergangenheit schon Inferi eingesetzt“, erklärte Snape, „das heißt, Sie täten gut daran, wenn Sie davon ausgehen würden, dass er sie wieder einsetzen könnte. Nun …“ Er schritt zügig durch den Mittelgang zurück zu seinem Pult und sein Umhang bauschte sich hinter ihm auf. „… Sie sind, denke ich, im Gebrauch von ungesagten Zaubern völlige Anfänger. Was ist der Vorteil eines ungesagten Zaubers?“
Hermine hob wie immer als Erste die Hand. Zoe verweilte derzeit noch in Gedanken bei den Arten von kreativer Magie und überlegte, wie Voldemort sie verwenden könnte.
„Nun gut – Miss Granger?“
„Unser Gegner ist nicht gewarnt, welche Art von Zauber wir einsetzen werden“, erklärte sie sofort, „was uns einen Vorteil von einer knappen Sekunde einbringt.“
„Eine Antwort, die fast wortwörtlich aus dem Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 6 übernommen wurde“, stellte Snape missbilligend fest.
Zoes Augen huschten zu Draco herüber, der leise kicherte.
„Aber im Wesentlichen korrekt ist. Ja, wem es gelingt, Magie einzusetzen, ohne Beschwörungsformeln auszurufen, der gewinnt beim Zaubern ein Überraschungsmoment. Natürlich sind nicht alle Zauberer dazu in der Lage; es ist eine Frage der Konzentration und der mentalen Stärke, die manchen fehlt“, er sah zu lange auf Harry, das es hätte zufällig sein können. Dann bedachte die Klasse mit einem berechnenden Blick, bevor er erneut das Wort ergriff. „Sie werden sich nun aufteilen und paarweise zusammengehen. Der eine Partner wird versuchen, den anderen ohne zu sprechen zu verhexen. Der andere wird versuchen, den Fluch ebenso stumm abzuwehren. Nun los.“
Hochmotiviert sah Zoe zu Hermine, die ebenfalls lächelte. Endlich hatten sie Unterricht in diesem Fach – richtigem Unterricht! Es dauerte einige Minuten, bis die sich die Paare gefunden hatten, dann hörte man jedoch aus allen Ecken leises Flüstern.
Zoe und ihre Freundin standen nur knapp zwei Meter auseinander. Unterdessen versuchte Hermine, Zoe mit einem Körperklammer-Fluch zu belegen, wappnete sich Zoe, diesen abzuwehren. Das war jedoch einfacher gesagt, als getan. Gesprochen hatte Zoe bereits richtig gute Schildzauber hinbekommen. Immerhin hatte Harry sie im vergangenen Schuljahr zum Thema der DA gemacht, doch ohne zu sprechen war dies viel schwieriger.
Im Gegensatz zu vielen ihrer Mitschüler hielt Zoe sich daran, kein einziges Wort auszusprechen. Kein Flüstern, kein Murmeln, kein heimliches Sprechen.
Hermine schaffte es schließlich, nach den ersten zehn Minuten ihren Zauber auszuführen, der Zoe eiskalt erwischte.
„Wow, Glückwunsch, Hermine“, staunte Zoe. „Lass es nun mich mal versuchen!“
Snape schritt unterdessen zwischen den Schülerpaaren hindurch, gab ihnen Tipps oder korrigierte ihre Haltung. Als er zu Harry und Ron kam, deren Gesicht inzwischen so rot wie seine Haare war und dem scheinbar der Erstickungstod drohte, hielten die beiden Mädchen in ihrer Übung inne, weil Snape spottete: „Erbärmlich, Weasley. Hier – ich will es Ihnen zeigen-“
Mit einer flüssigen Bewegung wandte er sich um und deutete mit dem Zauberstab auf Harry. Zoe sah just in dem Moment, wie der Gryffindor die Augen aufriss und „ Protego !“, schrie.
Harrys Schildzauber war so stark, dass es Snape gegen sein Pult schleuderte.
Zoe schlug vor Schreck die Hand vor den Mund und plötzlich starrte die ganze Klasse nach vorne. Doch Ihr Lehrer hatte sich scheinbar nicht verletzt, richtete sich dennoch zur vollen Größe auf und funkelte Harry an.
„Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass wir ungesagte Zauber üben, Potter?“, fragte er bedrohlich.
„Ja“, antwortete Harry knapp.
„Ja, Sir.“
„Sie brauchen mich nicht ‚Sir’ zu nennen, Professor.“
„Oh Harry!“, zischte Zoe leise und sah ihn mahnend an.
Einigen Schülern stockte der Atem, auch Hermine. Totenstille folgte, nur ein paar Gryffindor-Jungs verkniffen sich ein Grinsen. Für einen Herzschlag lang funkelten sich Harry und Snape an, bis dieser schließlich sagte: „Nachsitzen, Samstagabend, mein Büro.“ Seine Stimme war ruhig und gefasst, doch Zoe erkannte den Zorn dahinter. „Ich lasse es nicht zu, dass mir einer frech kommt, Potter … nicht einmal der Auserwählte.“ Dann wandte er sich wieder dem Rest der Klasse zu.
Die übrige Stunde verlief ohne Vorkommnisse und irgendwann schaffte Zoe es sogar, Hermines Zauber abzuwehren. Dafür erhielt sie gleich zehn Punkte für Slytherin und verließ den Unterricht mit vor Stolz geschwellter Brust.
„Das war genial, Harry!“, gluckste Ron, als sie kurze Zeit später sicher auf dem Weg in die Pause waren.
„Nein, war es nicht“, meckerte Zoe sofort. „Es war das Dümmste, das du hättest sagen können.“
„Es ist mir einfach so ’rausgerutscht“, verteidigte sich Harry.
„Snapes Gesicht – Galleonen wert“, jubilierte Ron.
„Das ist NICHT WITZIG, RON!“, fauchte Zoe. „Immerhin war dies eine der besten Stunden, die wir je in dem Fach hatten!“
„Das ist wohl wahr“, bestätigte Hermine. „Du hättest es wirklich nicht sagen dürfen, Harry. Was ist in dich gefahren?“
„Er hat versucht, mir einen Fluch aufzuhalsen, falls du das nicht bemerkt hast!“, maulte der Gryffindor. „Davon hatte ich schon bei diesen Okklumentikstunden genug! Warum benutzt er nicht mal jemand anderen als Versuchskaninchen? Was soll das überhaupt, dass Dumbledore ihn Verteidigung lehren lässt? Hast du gehört, wie er über die dunklen Künste gesprochen hat? Er liebt sie!“
„Das ist Unsinn!“, widersprach Zoe. „Ich finde, er hat das sehr gut erklärt.“
„Pffff“, machte Harry. „Das ganze Gerede über das Unberechenbare, Unzerstörbare-“
„Nun ja“, mischte sich jetzt auch Hermine ein, „ich dachte, er klingt ein bisschen wie du.“
„Wie ich?“
„Ja, als du uns erzählt hast, wie es ist, Voldemort die Stirn zu bieten. Du hast gesagt, dass es nicht nur darum geht, ein paar Flüche auswendig zu lernen, du hast gesagt, es gibt da nur dich, dein Gehirn und deinen Mumm – also, hat Snape das nicht eben auch gesagt? Dass es im Grunde nur darauf ankommt, mutig und flink im Kopf zu sein?“
Harry blieb stehen und starrte sie an, und Zoe konnte sich ein triumphales Grinsen nicht ganz verkneifen. Doch er kam nicht dazu, etwas zu erwidern, denn sie wurden unterbrochen.
„Harry! Hey, Harry!“ Ein jüngerer Gryffindor hielt auf sie zu und überbrachte Harry eine Pergamentrolle. „Für dich. Hör mal, ich hab gehört, du bist der neue Kapitän. Wann machst du die Testspiele?“
„Ich weiß noch nicht genau“, wehrte Harry ihn ab. „Ich geb dir Bescheid.“
„Oh, in Ordnung. Ich hatte gehofft, sie wären dieses Wochenende-“
Er ließ ihn einfach stehen und Zoe sah dem Jungen verblüfft hinterher. Dann wandte sie sich an Harry.
„Du bist zum Kapitän ernannt?“, stellte Zoe überrascht fest.
Der Gryffindor nickte breit. „Ja, hatte ich dir das nicht erzählt?“
„Glückwunsch!“
„Danke … der ist von deinem Großvater.“
Zoe reckte den Hals, um den Brief besser lesen zu können.
Lieber Harry,
ich würde gerne diesen Samstag mit unserem Einzelunterricht beginnen. Bitte komme um acht Uhr abends in mein Büro. Ich hoffe, du genießt deinen ersten Tag zurück an der Schule.
Mit herzlichem Gruß Albus Dumbledore
PS: Ich mag Säuredrops.
„Er mag Säuredrops?“, fragte Ron verdutzt, der die Nachricht auch gelesen hatte.
„Das ist das Passwort, um an dem Wasserspeier vor seinem Büro vorbeizukommen“, erklärte Zoe schlicht.
„Ha!“, rief Harry aus, „Snape wird sich nicht gerade freuen … dann kann ich nicht bei ihm nachsitzen!“
„Er wird den Termin nachholen“, sagte Zoe, als sei es das Normalste auf der Welt. „So etwas vergisst er nicht.“
„Ich hoffe trotzdem“, meinte Ron, als sie nach der Pause am Mittagstisch saßen. „Dass er dir ausgefuchste Flüche beibringt, die kein Todesser kennt.“
„Das ist unwahrscheinlich, da es illegal ist“, sprach Hermine. „Eher würde er Harry in fortgeschrittener defensiver Magie unterrichten. Aber ich glaube, dass es so sein wird, wie Zoe vermutet hat.“
Ron sah auf und blinzelte nachdenklich, während er kaute. „Nun“, grübelte er, „ein bisschen Duellierkunst würde ihm wohl kaum schaden, oder?“
„Was Voldemort kann, das kann Harry unmöglich in ein paar Monaten aufholen“, erklärte Hermine ernst.
„Sehr aufbauend“, gab der Schwarzhaarige grinsend zurück und holte sich Nachschlag.
„Er hat ihn schon mal besiegt“, beharrte Ron.
„Er hatte Glück“, korrigierte Zoe. Dann sah sie ihren Freund an. „Erinnerst du dich an das Duell im Ministerium? Zwischen Voldemort und Großvater?“
Harry nickte nur und Zoe sah nachdenklich Ron und Hermine an.
„Es war so … so mächtig “, versuchte sie zu erklären. „Nicht das, was wir in der DA machen … nicht so wildes Zauberstabgefuchtel, sondern … einfach …“
„Ich weiß, was du meinst.“ Harry und sah sie ernst an.
„Da wäre ich gerne dabei gewesen“, meinte Hermine beeindruckt.
„Aber das lernt man nicht über Nacht“, erklärte Zoe.
„Was glaubst du, werden sie dann tun?“, wollte Ron wissen. „Einfach nur über ihn plaudern?“
„Ich weiß es nicht“, gab Zoe zu. „Aber wir werden es ja bald erfahren.“
Nach Arithmantik verabschiedete sich Hermine, um in den Gryffindor-Turm zurückzugehen. „Ich will noch die Hausaufgaben anfangen“, erklärte sie entschuldigend. „Diese vierzig Zentimeter werden sich nicht von selbst schreiben.“
Zoe winkte ab. Ihr Kopf rauchte nach zwei Stunden komplexer Zahlenmagie, und der Gedanke, sich jetzt auch noch über Runenübersetzungen zu beugen, war unerträglich. Stattdessen schlenderte sie ziellos durch die Korridore, ließ sich von ihren Füßen leiten. Sie beobachtete eine Weile die jüngeren Schüler, die aufgeregt über ihre ersten Unterrichtsstunden plauderten, verweilte am Fenster mit Blick auf den See und verlor sich in Gedanken.
Die Zeit verging unerwartet schnell und als eine Uhr im Korridor schlug, schreckte Zoe auf. Noch zehn Minuten bis Zaubertränke. Sie hastete die Treppen hinunter in die Kerker, ihre Tasche lastete schwer auf der Schulter. Der vertraute Geruch von Stein und feuchter Luft empfing sie, doch heute lag etwas Fremdes darin – eine Veränderung, die sie nicht sofort greifen konnte.
Vor dem Klassenzimmer hatten sich bereits ihre Freunde versammelt und Zoe gesellte sich zu Harry, Hermine und Ron, die sich mit Ernie Macmillan unterhielten. Kurz darauf ging die Kerkertür auf und Slughorn bat sie herein. Zoes Laune sank zeitgleich mit dieser Einladung. Denn der neu eingerichtete Saal für Zaubertränke missfiel ihr auf den ersten Blick. Nichts war hier mehr so, wie Professor Snape es arrangiert hatte, und das war für die Sechzehnjährige befremdlich. Es fühlte sich fast so an, als sei ihr ein Stück Zuhause weggenommen worden. Der Raum war seit Anbeginn ihrer Erinnerung gleich gewesen und nun befand sich nicht nur anderes Mobiliar darin, neue Gerüche, sondern auch ein fremder Lehrer.
Die Klasse war deutlich geschrumpft, denn offenbar hatten nicht alle ihre ZAGs in dem Fach erreicht. Neben Theo, Blaise und Draco war Zoe die einzige Slytherin und dazu kamen ihre Gryffindor-Freunde, vier Ravenclaws und Ernie als Vertreter der Hufflepuffs.
Es war befremdlich.
Die Grüppchen bildeten sich wie von selbst und so saß Zoe wenig später an einem Tisch mit ihren Gryffindor-Freunden. Doch die Freude darüber war gedämpft und immer wieder wurden ihre Gedanken abgelenkt von einem seltsam bekannten Duft, der in der Luft lag. Zoe versuchte zu orten, woher er kam oder woran er sie erinnerte, doch sie fand es einfach nicht heraus. Sie wusste nur, dass es ihr auf eine befremdlich anregende Weise gefiel. Ihre Nasenflügel weiteten sich unwillkürlich, um mehr aus der Mischung des vertrauten Kräuterduftes und den Düften, die sie an ihr Zuhause in Albanien denken ließen, aufzunehmen. Da war jedoch noch eine andere Note, etwas Bekanntes. Doch woran erinnerte es sie?
Mit fragendem Blick sah sie zu ihren Freunden hinüber, die mit einem seligen Lächeln auf den Lippen vor sich hin grinsten.
„Nun denn, nun denn, nun denn“, sprach Slughorn plötzlich und riss sie aus ihrer Trance. „Bitte alle die Waagen hervorholen und Trankzutaten, und vergessen Sie Zaubertränke für Fortgeschrittene nicht …“
Zoe kam der Aufforderung nur vage hinterher, weil sie sich viel lieber auf die Düfte konzentriert hätte, die allmählich ihr Gehirn vernebelten.
„Sir?“ Harry, neben ihr, hob die Hand.
„Harry, mein Junge?“
„Ich habe kein Buch und keine Waage oder sonst was – und Ron auch nicht – wir wussten nicht, dass wir den UTZ doch machen können, verstehen Sie-“
„Ah, ja, Professor McGonagall hat das erwähnt … kein Problem, mein lieber Junge, gar kein Problem. Sie können heute Zutaten aus dem Vorratsschrank nehmen, und wir können Ihnen sicher eine Waage leihen und haben auch einen kleinen Bestand an alten Büchern hier, das wird reichen, bis Sie an Flourish & Blotts schreiben können …“
Der Zaubertrankmeister ging zu dem Schrank in der Ecke und brachte nach kurzem Stöbern zwei abgewetzte Exemplare des Lehrbuches Zaubertränke für Fortgeschrittene von Libatius Borage mit und überreichte sie Harry und Ron zusammen mit einer angelaufenen Messingwaage.
„Nun denn“, sagte er dann und widmete sich wieder der Klasse. „Ich habe ein paar Zaubertränke für Sie vorbereitet, nur mal zum Anschauen, rein aus Interesse, verstehen Sie? Diese Art von Tränken sollten Sie herstellen können, wenn Sie Ihren UTZ abgelegt haben. Auch wenn Sie sie noch nicht selbst gemacht haben, dürften Sie von ihnen gehört haben. Kann mir jemand sagen, was das hier für einer ist?“
Er deutete auf den Kessel, der neben dem Tisch der Slytherins stand. Zoe erhob sich leicht vom Platz, um hineinsehen zu können, und erkannte darin eine klare Flüssigkeit.
Hermines Hand schnellte in die Luft und zog Slughorns Aufmerksamkeit auf sich. Er ruckte auffordernd mit dem Kopf in ihre Richtung. „Das ist Veritaserum, ein farbloser, geruchloser Zaubertrank, der den Trinkenden zwingt, die Wahrheit zu sagen“, erklärte Hermine sofort.
„Sehr gut, sehr gut!“, lobte Slughorn zufrieden und deutete auf den Kessel neben dem Tisch, an dem sich die Ravenclaws und Ernie niedergelassen hatten.
„Nun, dieser hier ist recht bekannt … wurde kürzlich auch in einigen Merkblättern des Ministeriums erwähnt … wer kann –?“
Erneut war Hermine die Schnellste und sie antwortete: „Es ist der Vielsaft-Trank, Sir.“
Zoe beobachtete die träge, blubbernde und schlammartige Substanz abwesend, als sie plötzlich einen der Gerüche erkannte, die ihre Sinne vernebelten.
„Patschuli“, flüsterte sie vor sich hin.
„Was?“, fragte Harry.
„Oh, nichts“, wehrte Zoe ab und versuchte, sich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren.
„Ausgezeichnet, ausgezeichnet!“, lobte Slughorn und deutete auf den goldenen Kessel direkt vor Zoe. „Nun, dieser hier … Ja, meine Liebe?“
„Das ist Amortentia!“, erklärte Hermine.
Amortentia , wiederholte Zoe im Geist und begann unweigerlich zu lächeln.
„In der Tat. Es scheint fast töricht zu fragen“, sprach ihr Lehrer, der von Hermine beeindruckt war. „Aber ich nehme an, Sie wissen, was er bewirkt?“
„Er ist der mächtigste Liebestrank der Welt!“, sagte Hermine ad hoc.
„Völlig richtig!“, lobte Slughorn. „Wie ich annehme, haben Sie ihn aufgrund seines charakteristischen Perlmuttschimmers erkannt?“
„Und wegen des Dampfes, der ganz typisch in Spiralen aufsteigt“, erklärte die Muggelgeborene erfreut und deutete auf die Rauchwaden in der Luft, „und der angeblich für jeden von uns anders riecht, je nachdem, was wir anziehend finden – ich kann frisch gemähtes Gras und ein neues Pergament und …“
„Myrrhe“, beendete Zoe leise den Satz und nahm sich noch eine Nase voll.
Etwas fehlte noch.
Hermine lief rot an und biss sich auf die Lippen, als ihr bewusst wurde, was sie fast ausgesprochen hatte. Professor Slughorn sah darüber jedoch hinweg.
„Darf ich Ihren Namen erfahren, meine Liebe?“, wollte er stattdessen wissen.
„Hermine Granger, Sir.“
„Granger? Granger? Sind Sie womöglich verwandt mit Hector Dagworth-Granger, der die Extraordinäre Zunft der Trankmeister gegründet hat?“
„Nein, ich glaube nicht, Sir“, wehrte Hermine ab. „Ich stamme von Muggeln ab, wissen Sie.“
Vom Slytherin-Tisch kam leises Kichern und Zoe sah, wie Draco Theodore etwas zuflüsterte.
„Oho!“, rief Slughorn aus. „Eine sehr gute Freundin von mir ist muggelstämmig und sie ist die Beste in unserem Jahrgang! Ich nehme an, das ist diese Freundin, von der Sie sprachen, Harry?“
„Ja, Sir“, antwortete dieser und nickte.
„Schön, schön, nehmen Sie zwanzig wohlverdiente Punkte für Gryffindor, Miss Granger!“
Hermine wandte sich freudestrahlend Harry zu und flüsterte: „Hast du wirklich zu ihm gesagt, dass ich die Beste in unserem Jahrgang bin? Oh, Harry!“
„Na und, was ist so beeindruckend daran?“, fragte Ron von der anderen Tischseite herüber. Er wirkte verärgert. „Du bist die Beste im Jahrgang – ich hätte es ihm auch gesagt, wenn er mich gefragt hätte!“
Hermine lächelte und warf Zoe einen vor Stolz strotzenden Blick zu. Doch als Ron wieder etwas sagen wollte, legte sie ihren Zeigefinger auf die Lippen und zischte ein leises „Schh!“.
Auch Zoe wandte sich dem Lehrer erneut zu, der mit seinem Vortrag fortfuhr.
„Amortentia erzeugt natürlich nicht wirklich Liebe“, erklärte er sachlich. „Es ist unmöglich, Liebe herzustellen oder nachzubilden. Nein, er verursacht nur starke Schwärmerei oder Besessenheit. Es ist der wohl gefährlichste und stärkste Zaubertrank in diesem Raum – o ja.“ Er machte eine theatralische Pause, bevor er weitersprach. „Wenn Sie so viel vom Leben gesehen haben wie ich, werden Sie die Macht besessener Liebe nicht unterschätzen … Und nun ist es an der Zeit, dass wir mit der Arbeit beginnen.“
„Sir“, unterbrach Ernie Macmillan den Professor und deutete auf einen weiteren schwarzen Kessel, der durch seine geringe Größe kaum aufgefallen war, „Sie haben uns nicht gesagt, was in dem dort drin ist.“
„Oho“, rief Slughorn aus und zog gespielt eine Braue nach oben.
Er ging zu dem Kessel hinüber, der nicht größer als ein Granatapfel war und dessen sämiger, leicht blubbernder Inhalt an flüssiges Gold erinnerte.
„Ja. Dieser“, begann Slughorn erneut und deutete auf eine kleine verkorkte Glasflasche. „Nun, dieser hier, meine Damen und Herren, ist ein höchst kurioser kleiner Trank namens Felix Felicis.“ Hermine riss die Augen auf und sah Zoe überrascht an, sodass sich der Tränkemeister abermals der Gryffindor zuwandte und fragte: „Ich nehme an, dass Sie wissen, was Felix Felicis bewirkt, Miss Granger?“
„Es ist flüssiges Glück“, antwortete die Muggelgeborene, ohne zu zögern. „Es bewirkt, dass man Glück hat!“
Verblüfft sah Zoe auf den goldenen Trank, der nur ein paar Meter von ihnen entfernt stand. Doch sie war nicht die Einzige, deren Interesse geweckt wurde. Auch der Rest der Klasse spähte nun neugierig nach vorne und außer dem Brodeln und Blubbern vernahm man für ein paar Sekunden keine Geräusche aus dem Klassenzimmer.
„Völlig richtig“, lobte Slughorn, „nehmen Sie weitere zehn Punkte für Gryffindor. Ja, das ist ein merkwürdiger kleiner Trank, Felix Felicis. Furchtbar kompliziert, ihn herzustellen, und eine Katastrophe, wenn er nicht gelingt. Wenn er allerdings richtig gebraut wird, wie dieser hier, dann werden Sie feststellen, dass alle Ihre Unternehmungen dazu neigen, zu gelingen … zumindest, bis die Wirkung nachlässt.“
„Warum trinken die Leute ihn nicht die ganze Zeit?“, rief Terry Boot in den Raum, dessen Mund vor Verwunderung noch immer offenstand.
„Weil er, wenn man ihn im Übermaß zu sich nimmt, ein Schwindelgefühl, Leichtsinn und gefährlich übersteigertes Selbstvertrauen verursacht“, erklärte ihr Lehrer. „Zu viel des Guten, verstehen Sie … höchst giftig in großen Mengen. Aber in Maßen eingenommen, und ganz selten …“
„Haben Sie ihn jemals genommen, Sir?“, wollte Michael Corner wissen.
„Zweimal in meinem Leben“, antwortete Slughorn ernst. „Einmal, als ich vierundzwanzig war, und das andere Mal mit siebenundfünfzig. Zwei Esslöffel zum Frühstück. Zwei perfekte Tage.“ Er starrte einen Moment lang in die Leere, als erinnere er sich an jene Tage, die nun vergangen waren. Dann fuhr Slughorn fort. „Und das, setze ich in der heutigen Stunde als Preis aus.“
Ehrfürchtiges Schweigen erfüllte den Klassensaal.
„Diesen Trank?“, fragte Zoe ungläubig, da kein anderer nachhakte.
Slughorn wackelte mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht mit dem Kopf.
„Ein Fläschchen Felix Felicis“, bestätigte er und zog ein winziges Glasfläschchen aus der Tasche hervor. „Genug für zwölf Stunden Glück. Von morgens bis abends wird Ihnen alles, was Sie unternehmen, gelingen. Allerdings muss ich Sie warnen, Felix Felicis ist bei Wettbewerbsveranstaltungen eine verbotene Substanz … bei Sportereignissen zum Beispiel, Prüfungen oder Wahlen. Der Gewinner darf es also nur an einem gewöhnlichen Tag benutzen … und wird erleben, wie ein gewöhnlicher Tag zu einem außergewöhnlichen wird! Also“, er ließ das Fläschchen zurück in die Tasche gleiten und meinte energisch, „wie können Sie meinen sagenhaften Preis gewinnen? Nun, indem Sie die Seite zehn von Zaubertränke für Fortgeschrittene aufschlagen. Wir haben noch eine gute Stunde, das sollte Ihnen genügen, einen ordentlichen Versuch zu machen, den Sud des lebenden Todes hinzubekommen. Ich weiß, dass er komplizierter ist als alles, was Sie bisher in Angriff genommen haben, und ich erwarte von keinem einen perfekten Trank. Wer sich aber am geschicktesten anstellt, wird den kleinen Felix hier gewinnen. Und los geht’s!“
Zoe schlug eilig ihr Buch auf und begann, die Seiten durchzublättern. Um sie herum brachen Geknister und Klappern aus, als ihre Mitschüler eifrig die Unterlagen hervorholten und ihre Kessel aufbauten.
„Das ist ja unglaublich“, jauchzte Hermine, als ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren. „Das nenn’ ich mal einen Ansporn.“
Die Slytherin nickte nur, während sie die Zutatenliste überflog und sich zur Konzentration besann. Dann gestattete sie sich einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das flüssige Glück in dem Kessel vor ihnen und schob die aufregenden Pläne über dessen Verwendung zur Seite.
Harry stöhnte genervt und Zoe sah kurz zu ihm herüber.
„Was ist?“, fragte sie neugierig.
„Das ganze Buch ist vollgekritzelt“, moserte er. „Hier … sogar durchgestrichen … was heißt das?“
Zoe sah in ihrem Exemplar nach und las vor: „Eine Unze Baldrianwurzel, fein geschnitten.“
Der Gryffindor schüttelte den Kopf und erhob sich, um zum Vorratsschrank zu gehen. Zoe folgte ihm. Keiner ihrer Mitschüler sah zu ihr auf, als sie zwischen den Tischen hindurchging. Ein jeder schien von dem Ehrgeiz ergriffen, den Tagespreis zu erringen.
Harry klaubte zwei kleine Stücke aus einem Tütchen mit der Aufschrift ‚Valeriana officinalis‘ und gab eines davon Zoe. Diese bedankte sich und nahm sich noch eine Schlafbohne aus einem der Gläser. Dann ging sie zurück an ihren Platz.
Als Zoe mit dem Hacken und Zerschneiden ihrer Zutaten begonnen hatte, wurden bereits hektische Blicke zwischen den Sitznachbarn ausgetauscht.
Hermine hatte ihre Bestandteile vorbildlich in kleinen Schälchen vor ihrem Kessel aufgereiht und begann nun damit, das Feuer zu entfachen. Sie war auch die Erste, deren Trank die wünschenswerte Farbe von schwarzen Johannisbeeren erreichte. Zoe kämpfte unterdessen noch mit dem Problem, die zu dick gehackten Wurzeln in der Flüssigkeit richtig zu zerkochen, und war somit gezwungen, das Feuer zu schüren.
Energisch krempelte sie sich die Ärmel ihrer Robe nach oben und band sich das rückenlange blonde Haar am Hinterkopf zusammen.
Am Tisch der Ravenclaws zischte es laut und Ernie fluchte verhalten. Slughorn war jedoch sogleich zur Stelle und verhinderte so einen größeren Schaden. Draco nutzte die Nähe zu dem Professor, um auf sich aufmerksam zu machen.
„Sir“, seine Stimme hallte von den Kerkerwänden wider, „ich glaube, Sie kannten meinen Großvater, Abraxas Malfoy?“
Neugierig über Slughorns Reaktion hob Zoe den Kopf und sah an Hermine vorbei zu den Slytherins hinüber.
„Ja“, antwortete Slughorn nur kurz und steuerte wieder sein Lehrerpult an, „zu meinem Bedauern hörte ich, dass er verstorben ist, auch wenn es natürlich nicht unerwartet kam, Drachenpocken in seinem Alter …“
Der Reinblüter sah dem Lehrer missmutig hinterher und Zoe fragte sich für ein paar Sekunden lang, ob Draco angefressen war, weil man ihn im Zug nicht zum Slug-Klub eingeladen hatte. Es war, als hätte der Slytherin ihren Blick auf sich gespürt. Sein Kopf drehte sich zu ihr um, doch just in dem Moment, da er ihr fast in die Augen sah, wandte er sich wieder ab und beugte sich über sein Lehrbuch.
„Pass auf, Zoe!“, zischte Hermine und begann, eilig in dem Kessel ihrer Freundin zu rühren.
„Oh … danke, Hermine!“, murmelte Zoe und verkleinerte das Feuer wieder.
„Nichts zu danken“, antwortete die Gryffindor und reichte Harry über Zoes Kopf hinweg ein kleines, silbernes Messer.
Die Slytherin rührte ihren anthrazitfarbenen Trank, bis er nicht mehr zum Überkochen drohte, und widmete sich dann der schrumpeligen Schlafbohne. Es war knifflig, das kleine Ding aufzuschneiden, um den Saft in den Kessel zu geben, doch mit jedem weiteren Tropfen färbte sich die Flüssigkeit tiefer, bis ihr Trank schließlich eine dunkle, rosa Farbe hatte.
Skeptisch betrachtete Zoe ihr Werk und verglich es mit den Tränken von Hermine und Harry. Beide hatten einen Lilastich, wobei Harrys Resultat der Abbildung aus ihrem Buch am nächsten kam.
„Da muss mehr Schlafbohnensaft rein“, flüsterte Hermine, als sie Zoes fragenden Blick sah.
Angestrengt quetschte sie die vertrocknete Bohne zwischen den Fingern, doch es wollte einfach nicht mehr Flüssigkeit aus ihr austreten.
„Hier“, Harry hielt Zoe das silberne Messer von Hermine unter die Nase, „zerdrücke sie mit der Klinge.“
Aus den Augenwinkeln erkannte Zoe den überraschten Blick aus dem geröteten Gesicht ihrer Freundin, doch sie zögerte nicht und tatsächlich hatte Harry recht. Nach dem Zerquetschen konnte sie ihrem Trank weitere Tropfen des Schlafbohnensaftes hinzufügen, sodass er zumindest einen Lavendelton annahm.
Dann rührte sie das Gebräu gewissenhaft sieben Mal im Uhrzeigersinn, bis es wieder purpurn wurde.
„Wie machst du das?“, fragte Hermine und sah beinahe neidisch zu Harry hinüber.
Erst jetzt fiel Zoe auf, dass Harrys Trank einen zartrosa Farbton angenommen hatte. Irritiert las die Slytherin in der Rezeptanleitung nach.
„Rühr zusätzlich einmal im Uhrzeigersinn-“, erklärte Harry.
„Nein, nein, im Buch steht, gegen den Uhrzeigersinn!“, krächzte Hermine.
Zoe hob ihren Kopf, stimmte dem zu.
Der Gryffindor zuckte mit den Achseln und widmete sich wieder seinem Trank. Ron fluchte leise, da den Schaum auf seiner zähen, schwarzen Masse abschöpfen musste.
Hektisch rührte Zoe in ihrem Zaubertrank herum, doch das Gebräu wurde nur immer dunkler.
Schließlich klatschte Slughorn in die Hände und rief: „Und die Zeit ist … um! Nicht mehr rühren, bitte!“
Missmutig legte Zoe den Löffel auf das Schneidbrett und sah sich in der Klasse um, und auch Hermine ließ sich schlecht gelaunt auf ihrem Stuhl sinken. In den Kesseln ihrer Mitschüler befanden sich Tränke in den unterschiedlichsten Rosa- und Violett-Tönen, doch keiner war so makellos blass wie der von Harry.
Slughorn ging kommentarlos an ihren Plätzen vorbei, rührte in dem ein oder anderen Trank und roch auch daran. Zum Schluss erst kam er an ihren Tisch. Er bedachte Hermines Zaubertrank mit einem anerkennenden Nicken und schien beinahe enttäuscht, als er in Zoes Kessel hineinspähte. Der Slytherin war das nicht entgangen und es trübte ihre Laune noch ein wenig mehr. Dann sah er Ron nur mit einem mitleidigen Lächeln an und blieb schließlich mit unverhohlener Freude im Gesicht vor Harrys Kessel stehen.
„Der klare Sieger!“, verkündete Slughorn laut und deutlich. „Ausgezeichnet, ausgezeichnet, Harry! Mein Gott, Sie haben eindeutig das Talent Ihrer Mutter geerbt, sie war ein richtiges Ass in Zaubertränke, unsere Lily! Also, hier, bitte sehr, bitte sehr – eine Flasche Felix Felicis, wie versprochen, und verwenden Sie es mit Bedacht!“
„Glückwunsch!“, sagte Zoe anerkennend, als Harry seinen Preis freudestrahlend entgegennahm, während Hermine nur fassungslos auf ihren Stuhl saß.
Als es läutete, hatten sie bereits die Tische gesäubert und die Kessel ausgewischt und Zoe folgte ihren Gryffindor-Freunden hinaus in den Flur.
„Schon seltsam, oder?“, meint Ron, als sie die Kerker hinter sich gelassen hatten. Er warf Harry einen verschwörerischen Seitenblick zu. „Kaum gibt ein richtiger Lehrer den Unterricht, entdeckt Harry sein Talent für-“
„Professor Snape IST ein richtiger Lehrer!“ Zoe blieb so abrupt stehen, dass Hermine beinahe in sie hineinlief. Ihre Wangen färbten sich rot vor Empörung.
Ron verdrehte die Augen in einer übertriebenen Geste. „Und Harry war immer schlecht in seinem Unterricht!“
Einige Zweitklässler, die an ihnen vorbeihasteten, warfen ihnen neugierige Blicke zu. Zoe senkte die Stimme, ihr Tonfall blieb jedoch schneidend: „Vielleicht hatte er einfach nur dieses Mal Glück.“
„Oder“, Ron verschränkte die Arme vor der Brust, „Snape hat all die Jahre-“
„Können wir mal das Thema wechseln?“ Harry schob sich zwischen die beiden, eine Hand beschwichtigend erhoben. Er war sichtlich froh darüber, dass Zoe wieder mit ihm redete, und wollte keinen neuen Streit riskieren.
Zoe atmete scharf durch die Nase aus, nickte dann aber knapp. Ihre Schultern blieben angespannt, während sie die Treppe hinaufstiegen.
„Noch nicht“, hielt Hermine dagegen und wandte sich dem Brillenträger zu. „Mich würde das nämlich ebenfalls interessieren.“
„Was interessieren?“
„Wie hast du das gemacht?“, fragte Hermine direkt.
Harry blieb zunächst stumm und sah stattdessen dabei zu, wie Draco, Blaise und Theodore mit enttäuschten Mienen an ihnen vorbeizogen.
„Hab einfach Glück gehabt, schätze ich“, sagte er, als er sicher war, dass sie außer Hörweite waren.
Das schien Hermine nicht zu überzeugen. Verärgert schüttelte sie den Kopf und ihre Schritte wurden energischer. Sie folgten ihr durch die Eingangshalle und steuerten schließlich den Gryffindor-Tisch an und fanden etwas abgelegene Plätze für ihr Abendessen.
„Sei doch nicht verärgert, Hermine“, beschwor Harry seine Freundin, weil diese sich bereits während des gesamten Essens ausschwieg.
„Dann rück endlich mit der Sprache heraus“, verlangte diese missmutig. „Und erzähl mir nicht, dass du Glück gehabt hast!“
Harry nahm sich eine Portion Schokoladenpudding und beugte sich über sein Schälchen.
„Ich hab nur die Anweisungen aus meinem Buch befolgt.“ Doch als Hermine herablassend schnaubte, erklärte er. „Jemand hat welche zusätzlich hineingekritzelt.“
„Anweisungen?“, wiederholte Zoe verwirrt.
„Das Buch, das Slughorn mir gab. Jemand hat dort Kommentare hineingeschrieben“, erklärte Harry. „Der Tipp mit dem Quetschen der Schlafbohne, stand auch darin.“
„Du hast zusätzliche Notizen verwendet? Wie eine Art Spickzettel?“, fasste Hermine mit ernster Miene zusammen.
„Ich vermute, du denkst, ich hätte geschummelt?“, antwortete Harry darauf.
„Also, das war eigentlich gar nicht deine Arbeit, oder?“, stellte Hermine trocken fest.
„Er hat sich nur an andere Anweisungen gehalten als wir“, mischte sich nun Ron ein. „Hätte auch ’ne Katastrophe werden können, oder? Aber er hat was riskiert und es hat sich gelohnt.“ Er machte eine Pause, starrte ins Leere und seufzte dann. „Slughorn hätte auch mir dieses Buch geben können, aber nein, ich krieg eins, in das nie jemand reingeschrieben hat. Höchstens drübergekotzt, so, wie Seite zweiundfünfzig aussieht, aber-“
„Warte mal!“ Rons Schwester war hinter Harry erschienen und trat nun näher an sie heran. Sie war blass und sah beunruhigt aus. „Hab ich richtig gehört? Du hast Anweisungen befolgt, die jemand in ein Buch geschrieben hat, Harry?“
„Das hat nichts zu bedeuten“, meinte Harry, als er sich zu ihr umwandte. „Es ist nicht wie, du weißt schon, Riddles Tagebuch. Es ist nur ein altes Schulbuch, in das jemand reingekritzelt hat.“
„Aber du tust, was es sagt?“, beharrte Ginny, und in ihrem Gesicht erschienen rote Flecken.
„Ich hab nur ein paar von den Tipps ausprobiert, die an den Seitenrändern stehen, ehrlich, Ginny, da ist nichts Merkwürdiges-“
„Ginny hat Recht“, betonte Hermine energisch. „Wir sollten nachsehen, ob damit alles in Ordnung ist. Ich meine, diese ganzen komischen Anweisungen, wer weiß?“
Hilfesuchend wandte sich Harry an Zoe.
„Es kann nicht schaden, oder?“, entgegnete die Slytherin auf seinen protestierenden Blick hin.
Doch Hermine überließ Harry keine Entscheidung. Trotz seines Widerspruchs zog sie das Zaubertrankbuch aus seiner Tasche, knallte es zwischen die Teller auf den Tisch, versetzte dem Umschlag einen heftigen Schlag mit dem Zauberstab und murmelte: „ Specialis revelio !“
Gespannt sahen sie alle für ein paar Sekunden auf das mitgenommene Buch, doch es geschah nichts. Dem abgenutzten Einband sah man die Jahre an und die unzähligen Flecken und Eselsohren zeugten von einer lebhaften Geschichte.
„Fertig?“ Harry hob den Kopf und sah Hermine auffordernd an. „Oder willst du warten, ob es ein paar Saltos rückwärts macht?“
Die Gryffindor starrte misstrauisch auf das Buch herab. Argwöhnisch zog sie die Brauen zusammen.
„Es scheint okay zu sein“, schloss sie schließlich. „Ich meine, es scheint tatsächlich … einfach nur ein Schulbuch zu sein.“
„Also keinerlei Gefahrenpotential“, stellte Zoe fest. „Als hättest du ein Buch aus der Bibliothek ergattert.“
„Die alte Pince würde uns an den Regalen aufhängen, wenn wir je ein Buch in diesem Zustand zurückbringen“, erwiderte Ron ernst und sorgte damit für reichlich Lacher.
„Gut. Dann will ich es wiederhaben!“ Und mit diesen Worten schnappte er sich das Buch und steckte es sorgfältig in seine Tasche.