Das Haus der Gaunts
Das Haus der Gaunts
„Ausgezeichnet, Harry, einfach ausgezeichnet!“ Professor Slughorns Stimme hallte zum vierten Mal in dieser Woche durch den Kerker. „Zehn Punkte für Gryffindor!“
Zoe warf ihrer Sitznachbarin einen genervten Blick zu. Hermine rührte mit zusammengepressten Lippen in ihrem Trank, der eine ungesunde graue Farbe angenommen hatte. Neben ihnen murmelte Ron etwas von „Streber“.
Irgendwann jedoch war Zoes Neugierde zu groß und so schnappte sie sich noch vor dem Braubeginn der nächsten Stunde Harrys Schulbuch und begann, darin zu blättern.
„Zoe, was-“ Harry warf ihr einen besorgten Blick zu, doch sie ignorierte ihn und schlug das Buch auf.
Beinahe bei jedem Rezept prangte eine Korrektur in schwarzer, schräger Handschrift, die Zoe irgendwie bekannt vorkam. Als sie länger darin blätterte, fiel ihr auf, dass dieses Buch für den ursprünglichen Besitzer mehr gewesen sein musste als ein bloßes Zaubertrankbuch. Es befanden sich auch viele anderweitige Notizen und Zauberformeln, die mit dem Fach nichts zu tun hatten.
Zoe sah im Impressum nach dem Druckdatum, aber an der Stelle, wo es hätte stehen müssen, befand sich ein großer, tiefschwarzer Tintenfleck. Doch dort, auf der ersten Seite, stand in der gleichen schrägen Handschrift geschrieben: Dieses Buch ist Eigentum des Halbblutprinzen.
„Kann ich es wieder haben?“, wollte Harry wissen. „Der Unterricht beginnt.“
Die Slytherin tat ihm den Gefallen, als Hermine neben ihr schlechtgelaunt den Kessel aufbaute.
Professor Slughorn halste ihnen eine Menge Hausaufgaben auf, die Zoe im Wechsel mit ihren Jahrgangskollegen absolvierte. Zunächst arbeitete sie mit Daphne und Tracey an ihrem Aufsatz über ‚Die Prinzipien der Rematerialisierung’, als Blaise sie am Samstagnachmittag dazu einlud, zusammen mit Theodore an ihrem Zaubertrankaufsatz zu verfassen.
Zoe ließ sich zu den beiden Jungs in eine Ecke des Gemeinschaftsraumes fallen. „Was ist mit Draco?“
Theo zuckte mit den Schultern.
Blaise blätterte in seinen Notizen. „Der will sich später darum kümmern. Kann ich mir ehrlich gesagt nicht leisten nachdem, was uns Snape und McGonagall noch aufgegeben haben.“
„Ja“, seufzte Zoe und zog ihr Arbeitsmaterial heraus, „die erste Woche war echt stressig.“
Sie saßen mehrere Stunden an dem Aufsatz und schenkten den ein- und ausgehenden Schülern kaum Beachtung. Doch pünktlich, als die Uhr sechs schlug, meldete sich Theos Magen und knurrte laut.
„Zum Glück gibts gleich Essen“, murmelte der Slytherin kleinlaut und sah nicht einmal von seinen Dokumenten auf.
Zoe ließ ihre Feder neben das Pergament fallen und stellte zufrieden fest: „Ist doch fast geschafft. Ich finde, wir haben gute Arbeit geleistet.“
„Ja.“ Blaise reckte die Arme über den Kopf und streckte sich. „Genug für heute. Lasst uns zur Großen Halle gehen. Den Nachtisch haben wir uns wirklich verdient.“
„Ich komme nicht mit.“ Zoe rollte ihren Aufsatz sorgfältig zusammen. Auf die fragenden Gesichter der Jungs fügte sie hinzu: „Ich esse heute Abend mit meinem Großvater.“
Blaise und Theodore wechselten einen Blick, sagten aber nichts. Gemeinsam räumten sie ihre Unterlagen weg und brachten die Taschen in ihre Schlafsäle. Zoe begleitete die beiden bis zur Eingangshalle und schlug dann den langen Weg zum siebten Stock ein.
Als sie das Schulleiterbüro betrat, saß ihr Großvater am Lehrerpult über einem Stapel Pergamente und hob den Kopf, als seine Enkelin eintrat.
„Wieso lässt du Professor Snape Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichten?“, echauffierte sich Zoe noch vor einem Wort der Begrüßung.
„Dir auch einen schönen Abend, Zoe“, begrüßte er sie und sah streng über die Halbmonde seiner Gläser hinweg.
„Hallo!“, schmollte seine Enkelin und warf ihren Umhang auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Beharrlich ignorierte sie sein Herabfallen.
„Hat dir sein Unterricht etwa nicht zugesagt?“ Er erhob sich von seinem Platz und zeigte auf die Sitzecke am Fenster, auf der bereits das Abendessen serviert war.
„Das ist es nicht“, gab Zoe verärgert zurück. „Es ist vielmehr, weil wir wissen, dass kein Lehrer das Fach lange unterrichtet hat. Professor Quirrell ist sogar gestorben.“
„Es besteht die Möglichkeit, dass Professor Snape einfach an seinen alten Posten zurückkehrt“, erwiderte der Schulleiter sachlich.
„Und wenn nicht?!“, protestierte Zoe. „Wenn ihm etwas Schlimmes zustößt? Wenn diese Stelle verflucht ist? Was dann?“
Wütend baute sie sich die Slytherin vor dem Sessel auf, auf dem ihr Großvater bereits Platz genommen hatte und zu ihr aufsah. Doch er antwortete nicht sofort.
„Ich erinner mich an eine Schülerin“, erzählte er sachte und im Plauderton, „die an eben jener Stelle stand, an der du nun stehst, um darum zu bitten, Professor Snapes Wunsch zu gewähren und ihm diesen Posten zu geben.“
Zoe wusste genau, worauf ihr Großvater anspielte.
„Und du sagtest, du würdest nie wieder einen so guten Tränkemeister finden“, hielt sie trotzig dagegen.
Albus Dumbledore schmunzelte und Zoe bemerkte, wie sich ihre Fingernägel tief in die Handflächen gruben.
„Das war, bevor Professor Slughorn zustimmte, zurückzukehren, Zoe.“
„Was, wenn ihm etwas zustößt?“, fragte seine Enkelin nun ernsthaft besorgt.
Dumbledore richtete sich in seinem Sessel auf und versprach ernst: „Das wird nicht geschehen.“
„Wie willst du das verhindern? Du konntest auch Quirrells Tod nicht verhindern, oder Professor Moody durchschauen!“
„Das ist wahr“, antwortete er und atmete tief ein.
„Warum hast du nachgegeben?“, verlangte Zoe energisch und spürte im nächsten Moment, dass sie zu weit gegangen war.
„Das, Zoe, ist allein eine Angelegenheit zwischen Professor Snape und mir.“
Der strenge Blick aus den wachen und gletscherblauen Augen ihres Großvaters brachte sie zum Verstummen. Widerwillig schloss Zoe den Mund und schluckte die Worte, die ihr auf der Zunge gelegen hatten, herunter.
Geschlagen, aber frustriert wandte sie den Blick ab und sah aus dem Fenster. Die untergehende Sonne tauchte die Ländereien in ein warmes, weiches Licht. Stille legte sich über die Welt, die nicht friedlicher hätte sein können.
„Möchtest du einen Tee?“, erkundigte sich ihr Großvater nach einer Weile.
Zoe nickte. Dann ging sie zurück zu ihrem Umhang, klaubte ihn vom Boden, nahm ein kleines Tütchen daraus hervor und legte ihn ordentlich über den Stuhl, bevor sie zu der Sitzgruppe zurückkehrte.
„Das hab’ ich dir aus der Winkelgasse mitgebracht“, erzählte sie kleinlaut und reichte ihrem Großvater den Heiltee aus der Apotheke.
„Vielen Dank, Zoe“, sagte er erfreut und öffnete das Tütchen, um an den Kräutern zu schnuppern. „Hmm, Süßholz und eine sehr ansprechende Note Lakritz. Das war aufmerksam von dir.“
Zoe zwang sich zu einem Lächeln und begann, ihnen Essen auf die Teller zu tun. Den Rest ihrer Zeit verbrachten sie ohne Streit und mit einer freundlichen Höflichkeit, und nachdem die Sonne hinter dem verbotenen Wald verschwunden war, wurde es draußen immer dunkler.
„Das war ein schöner Abend, findest du nicht?“, fragte ihr Großvater kurz vor acht und schlug die Beine übereinander.
Zoe stimmte nur träge zu. Sie hatte sich in den Sessel gekuschelt, war gut gesättigt und wurde allmählich müde.
„Was hältst du davon, wenn wir uns zukünftig regelmäßig treffen, um zusammen zu essen und etwas Zeit miteinander zu verbringen?“
„Ja, von mir aus.“ Zoe gähnte und als es an der Tür klopfte, wandte sie den Kopf über die Schulter.
So entging ihr der ernste und besorgte Blick ihres Großvaters, der schließlich sanft „Herein“ sprach.
Zoe wandte sich weiter um und sah, wie Harry eintrat.
„Guten Abend, Sir.“ Harrys Blick glitt überrascht zu Zoe.
Dumbledore gestikulierte einladend zu einem freien Stuhl. „Ah, guten Abend, Harry. Setz dich.“
Harry nickte und ließ sich vorsichtig nieder, den Blick zwischen Zoe und dem Schulleiter hin und her wandernd.
„Ich hoffe, du hattest eine angenehme erste Woche zurück in der Schule?“
„Ja, danke, Sir.“
„Du musst fleißig gewesen sein, da du dir bereits einmal Nachsitzen eingehandelt hast!“
„Ähm …“, peinlich berührt sah er zu Zoe, die sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte, dann sah er wieder zum Schulleiter. Der erwiderte: „Ich habe mich mit Professor Snape verständigt, dass du stattdessen nächsten Samstag zum Nachsitzen kommst.“
„Gut“, gab Harry kleinlaut zurück.
„Also, Harry“, begann Dumbledore und deutete auf Zoe, „du hast sicher nichts dagegen, wenn Zoe uns bei unserer kleinen Reise begleitet.“
„Ähm, also, nein, Sir!“ Harry und zog überrascht die Brauen nach oben. „Welche Reise?“
Dumbledore lächelte. „Nun, in Ermangelung eines besseren Wortes als ‚Unterrichtsstunden’ könnte man unser Vorhaben auch als eine Art Reise bezeichnen. Sei aber unbesorgt, Harry, es besteht nicht die Notwendigkeit, dieses Büro zu verlassen.“
„Okay, Sir“, sagte Harry, „was werden wir tun?“
„Nun, ich habe beschlossen, dass es an der Zeit ist, dir gewisse Informationen mitzuteilen, jetzt, da du weißt, was Lord Voldemort vor fünfzehn Jahren zu dem Versuch veranlasst hat, dich zu töten.“
Stille folgte. Nur das leise Surren der Instrumente erfüllte den Raum.
„Sie sagten am Ende des letzten Schuljahrs, Sie würden mir alles erzählen … Sir“, unterbrach Harry das Schweigen.
„Und das habe ich auch getan“, entgegnete Dumbledore. „Ich habe dir alles erzählt, was ich weiß. Von jetzt an werden wir den festen Boden der Tatsachen verlassen und gemeinsam durch die trüben Sümpfe der Erinnerung in das Dickicht wildester Spekulation wandern. Von hier an, Harry, könnte ich mich genauso erbärmlich irren wie Humphrey Belcher, der glaubte, die Zeit sei reif für einen Käsekessel.“
„Aber Sie denken, dass Sie sich nicht irren?“, wollte der Gryffindor wissen.
„Natürlich, aber wie ich dir bereits bewiesen habe, mache ich Fehler wie jeder andere.“ Er hielt einen Moment lang traurig inne, bevor er fortfuhr. „Genau genommen sind meine Fehler, da ich – verzeih mir – eher klüger bin als die meisten Menschen, in der Regel auch entsprechend größer.“
„Sir“, unterbrach Harry, „hat das, was Sie mir erzählen werden, irgendetwas mit der Prophezeiung zu tun? Wird es mir helfen … zu überleben?“
„Es hat sehr viel mit der Prophezeiung zu tun“, bestätigte Dumbledore ruhig, „und ich hoffe zweifellos, dass es dir helfen wird, zu überleben.“
Dann erhob er sich und ging in Richtung eines mit Schnitzereien verzierten Schrankes, von dem Zoe wusste, dass er darin sein Denkarium aufbewahrte. Und tatsächlich nahm er die Steinschale hervor und stellte sie auf seinem Schreibtisch ab.
Zoe fing Harrys sorgenvollen Blick auf, doch sie konnte nur mit den Schultern zucken.
„Du siehst beunruhigt aus“, stellte Dumbledore fest. „Diesmal tretet ihr mit mir zusammen in das Denkarium ein … und was sogar noch ungewöhnlicher ist – mit Erlaubnis.“
Zoes Magen verkrampfte unangenehm und sie hörte den Tadel heraus. Im letzten Jahr hatte sie ein paar Tage lang in den Erinnerungen ihres Großvaters gestöbert und war erwischt worden.
„Wohin gehen wir, Sir?“, wollte Harry wissen.
„Auf eine Reise auf Bob Ogdens Straße der Erinnerung“, erzählte er und zog ein kleines Kristallfläschchen aus seiner Tasche.
Darin befand sich eine wirbelnde silbrig-weiße Substanz.
„Wer war Bob Ogden?“, fragte Zoe neugierig und erhob sich, um zum Schreibtisch zu gehen.
„Er hat in der Abteilung für Magische Strafverfolgung gearbeitet“, erklärte er. „Er ist vor einiger Zeit gestorben, aber ich konnte ihn noch rechtzeitig ausfindig machen und ihn überreden, mir diese Erinnerungen anzuvertrauen. Wir werden ihn gleich bei einem Besuch begleiten, den er von Amts wegen gemacht hat. Wenn du bitte aufstehen würdest, Harry …“
„Lass mich dir helfen.“ Vorsichtig entkorkte Zoe das kleine Fläschchen, als sie erkannte, dass es für ihren Großvater mit den tauben, schwarzen Fingern schier unmöglich war.
„Danke, Zoe“, sagte er, als seine Enkelin den Korken auf den Schreibtisch legte.
„Sir“, begann Harry, als er zu ihnen aufschloss, „wie haben Sie sich die Hand verletzt?“
„Es ist noch nicht Zeit für diese Geschichte, Harry. Noch nicht. Wir haben eine Verabredung mit Bob Ogden“, erwiderte er und träufelte den Inhalt der Flasche in das Denkarium.
Zoe beobachtete für ein paar Atemzüge lang das eigentümliche Verhalten der Substanz, die weder flüssig noch gasförmig zu sein schien. Dann deutete ihr Großvater auf das Becken. „Nach euch.“
Die beiden Teenager tauschten einen Blick miteinander und Zoe fragte sich just in dem Moment, als sie näher herantrat, wie sie zu dritt daran Platz finden sollten.
„Du zuerst“, flüsterte Harry aufgeregt und Zoe nickte.
Dann nahm sie einen tiefen Atemzug und tauchte das Gesicht in die wirbelnde Substanz. Es fühlte sich an, als würde sie die Balance verlieren und der Boden unter ihren Füßen klappte weg. Für ein paar Herzschläge lang trieb sie schwerelos durch die Gedanken, bis sich unerwartet eine Landstraße materialisierte. Dann erhellte sich die Umgebung und füllte die Landschaft mit blendendem Sonnenlicht.
Zoe musste die Augen ein wenig abschirmen und als Harry und ihr Großvater neben ihr auftauchten, ließ den Arm sinken.
„Ist er das?“ Zoe deutete auf einen dicklichen Mann, der ein paar Meter entfernt von ihnen stand.
Er trug eine seltsame Kleiderkombination aus einem vergissmeinnichtblauen Gehrock mit Gamaschen und darüber ein gestreiftes Etwas, das Zoe nicht recht zuordnen konnte. Auf seiner Nase saß eine Brille mit enorm dicken Brillengläsern. Zoe beobachtete, wie er ein hölzernes Straßenschild betrachtete, und trat neugierig etwas näher. Darauf stand:
Great Hangleton , 3 Meilen
und
Little Hangleton , 3 Meilen
Als er losging, folgten sie ihm die verschlungene Landstraße entlang, die rechts und links von dichten Hecken und Brombeersträuchern umsäumt war. Zoe brannte vor Neugier und war Bob Ogden nah auf den Fersen, um direkt zu sehen, was er tun würde.
Sie folgten der Straße nach links und gingen einen steilen Hügel hinunter, von dem sich irgendwann das Tal vor ihnen erstreckte. Zoe blieb stehen, damit Harry und ihr Großvater aufschließen konnten, und betrachtete das kleine Dorf, das zwischen zwei weiteren Hügeln lag.
„Little Hangleton“, sagte ihr Großvater schlicht und folgte wieder dem Zauberer vor ihnen.
Sie mussten einen Laufschritt einlegen, denn Ogden war, des Gefälles wegen, in einen flotten Trab verfallen. Doch anstatt dem Weg zum Dorf zu folgen, bog der Zauberer irgendwann nach rechts ab und huschte durch eine Lücke in den Hecken.
Irritiert blieb Zoe davor stehen.
Als Harry und ihr Großvater sie erreichten, folgten sie dem schmalen Feldweg und Zoe duckte sich instinktiv zwischen den Zweigen hindurch, auch wenn diese sie nicht berühren konnten.
Dann verlangsamte Ogden seine Schritte, als sie einen kleinen, dunklen Wald erreichten, und zog seinen Zauberstab. Erwartungsvoll tauschte Zoe einen Blick mit Harry. Sie spürte das aufgeregte Herzklopfen des alten Zauberers und hielt gebannt inne, während sie versuchte, zu erkennen, wohin er sah. Da erkannte sie, dass unter dem Schatten im Dickicht der Bäume ein kleines Haus stand. Es war kaum erkennbar, durch das mit Moos und Efeu bewachsene Mauerwerk. Der Sockel war komplett von Unkräutern und Brennnesseln verdeckt und es fehlten einige Ziegel am Dach. Die Fenster waren vor Schmutz schwarz und undurchsichtig und Zoe hatte nicht den Eindruck, dass diese Hütte bewohnt war.
Doch warum sonst hatte Ogden sie dann hierher geführt?
„Wer lebt dort?“, fragte Zoe ihren Großvater, als er näherkam.
„Das werden wir gleich sehen“, gab dieser nur zur Antwort.
Die Teenager zuckten erschrocken zusammen, als sich klappernd ein Fenster öffnete und ein Dampfgeschwader daraus hervorkam.
Ogden nickte sich selbst zu, dann ging er vorsichtig voran.
Sie näherten sich der Haustür und Zoe musste zweimal hinschauen, bevor sie erkannte, dass dort etwas an der Tür baumelte. Was sie für Zierrat gehalten hatte, war eine tote, festgenagelte Schlange. Angeekelt rümpfte sie die Nase.
Plötzlich raschelte es vom Baum über ihnen und ein in Lumpen gekleideter Mann landete direkt vor Ogdens Füßen und brüllte: „Du bist hier unerwünscht.“
Zoe stieß vor Schreck einen spitzen Schrei aus und prallte mit Harry zusammen, der, ebenfalls erschrocken, sie für einen Moment festhielt.
Auch Bob Ogden schien nicht erfreut zu sein. „Ähm – guten Morgen“, grüßte er jedoch höflich. „Ich bin vom Zaubereiministerium-“
„Du bist hier unerwünscht“, wiederholte der Fremde.
Sein Haar war schmutzig und verfilzt, der fauchende Mund zahnlos und die kleinen dunklen Augen starrten in zwei unterschiedliche Richtungen. Er wirkte auf Zoe verstörend und sie konnte nachvollziehen, dass Ogden ein paar Schritte zurückwich.
„Ähm – Verzeihung – ich verstehe Sie nicht.“ Ogden wirkte nervös und Zoe tauschte einen fragenden Blick mit Harry.
„Ihr beiden versteht ihn sicher, oder?“, sagte ihr Großvater.
„Ja, natürlich“, antwortete Zoe sofort.
„Warum kann Ogden ihn nicht –?“, Harry hielt inne und sah zur Tür, wo die tote Schlange hing. „Er spricht Parsel?“
„Sehr gut.“ Dumbledore nickte und lächelte.
Zoe schauderte unwillkürlich.
Der Fremde zog ein Messer mit der freien linken Hand, in der anderen hielt er seinen Zauberstab.
„Nun hören Sie-“
Ein lauter Knall zerriss die Luft.
Ogden stürzte zu Boden, die Hände vors Gesicht gepresst. Ekeliger gelber Schleim troff zwischen seinen Fingern hindurch. Der Fremde lachte ein wildes, ungezügeltes Lachen, das Zoe eine Gänsehaut über die Arme jagte.
„Morfin!“
Die autoritäre Stimme ließ sie herumfahren. Ein alter Mann humpelte aus dem Haus. Zoe trat instinktiv zur Seite, obwohl er durch sie hindurchgehen würde.
Er hatte einen merkwürdigen Körperbau mit überbreiten Schultern und seine braunen Augen und das kurze, stoppelige Haar erinnerten Zoe ein wenig an einen Affen. Sie schämte sich sofort für diese Assoziation.
Er baute sich neben dem Mann mit dem Messer auf und sah verachtend zu dem am Boden liegenden Ogden.
„Ministerium, ja?“, zischte er wütend.
„Korrekt“, antwortete Ogden ungehalten. „Und Sie sind, wie ich annehme, Mr Gaunt?“
„Richtig“, raunte Gaunt. „Er hat Sie wohl im Gesicht erwischt, was?“
„Ja, hat er!“, fauchte Ogden.
„Sie hätten sich ankündigen sollen, oder?“, giftete der Alte. „Das hier ist Privatgelände. Können nicht einfach hier reinspazieren und erwarten, dass mein Sohn sich nicht verteidigt.“
„Gegen was verteidigt, Mann?“, wollte Ogden wissen.
„Topfgucker. Eindringlinge. Muggel und Abschaum.“
Ogden deutete mit dem Zauberstab auf seine Nase, aus der noch immer gelber Schleim hervorquoll, und das Rinnsal versiegte.
„Ins Haus mit dir. Keine Widerrede!“, befahl Gaunt zischend zu Morfin.
„Ist er sein Vater?“, wollte Zoe wissen, und ihr Großvater nickte nur.
Widerwillig verschwand Morfin im Haus und knallte die Tür so fest zu, dass die Schlange daran hin- und herbaumelte.
„Ich bin wegen Ihres Sohnes hier, Mr Gaunt“, erklärte Ogden, als dieser ins Haus trat. „Das war Morfin, nicht wahr?“
„Ah, das war Morfin“, wiederholte Gaunt und kam Zoe mit jedem Wort verrückter vor. „Sind Sie Reinblüter?“
„Das spielt keine Rolle“, entgegnete der Ministeriumszauberer trocken.
Die Antwort schien dem Alten jedoch zu missfallen. Mit zusammengekniffenen Augen sah er zu dem größeren Mann auf und murmelte: „Wenn ich’s mir recht überlege, hab ich Nasen wie Ihre schon unten im Dorf gesehen.“
„Das bezweifle ich nicht, wenn Ihr Sohn auf sie losgelassen wurde“, erwiderte Ogden kühl und wischte sich auch den Rest des gelben Zeugs aus Gesicht und Kleidern. „Vielleicht können wir diese Unterhaltung drinnen fortsetzen?“
„Drinnen?“, wiederholte der Alte misstrauisch.
„Ja, Mr Gaunt. Ich habe es Ihnen bereits gesagt. Ich bin wegen Morfin hier. Wir haben eine Eule geschickt-“
„Ich kann mit Eulen nichts anfangen“, raunte Gaunt. „Ich öffne keine Briefe.“
„Dann können Sie sich wohl kaum beschweren, dass Ihre Besucher sich nicht ankündigen“, erwiderte der Ministeriumszauberer und Zoe kicherte. „Ich bin hier infolge einer schwerwiegenden Verletzung des Zaubereigesetzes, die heute in den frühen Morgenstunden hier verübt-“
„Schon gut, schon gut, schon gut!“, keifte Gaunt. „Dann kommen Sie eben in das verdammte Haus und sehen, was es Ihnen nützt!“
Sie folgten den beiden hinein. Die Hütte war kleiner als die von Hagrid, allerdings gab es hier scheinbar drei Räume, denn der Hauptraum diente als Wohnzimmer und Küche gleichermaßen. Zoe sah noch zwei abgehende Türen.
Morfin hatte sich in einem schmutzigen Sessel neben dem rauchenden Kaminfeuer niedergelassen und ließ eine lebende Schlange zwischen seinen dicken Fingern hindurchgleiten und besang sie leise.
„Zischle, zischle, kleine Schlange, schlängle dich am Boden hier. Bist du nicht gut zu deinem Morfin, nagelt er dich an die Tür.“
Angewidert sah Zoe zu Harry, der ihre Abneigung scheinbar teilte, als ein schlurfendes Geräusch ihre Aufmerksamkeit erregte.
In der Ecke neben dem offenen Fenster saß ein Mädchen in einem verschlissenen grauen Kleid. Sie war mit den Töpfen und Pfannen auf dem rußigen Ofen zugange und fiel vor der kargen Mauer kaum auf.
Zoe trat näher heran, um sie besser zu begutachten. Sie war unscheinbar und blass, und das dünne Haar hing ihr ins plumpe Gesicht. Auch ihre Augen starrten in verschiedene Richtungen, doch sie wirkte insgesamt gepflegter als ihre beiden männlichen Mitbewohner.
„Meine Tochter, Merope“, erklärte Gaunt auf den fragenden Blick Ogdens hin.
„Guten Morgen“, grüßte dieser höflich.
Doch das Mädchen gab keine Antwort, sondern warf ihrem Vater einen erschrockenen Blick zu und drehte sich näher zum Ofen.
Dann nahm der Ministeriumsmitarbeiter wieder den Faden auf.
„Nun, Mr Gaunt“, begann er, „um gleich zur Sache zu kommen, wir haben Grund zu der Annahme, dass Ihr Sohn Morfin gestern spät in der Nacht vor einem Muggel Zauber ausgeführt hat.“
Ein Knall unterbrach ihn und Zoe zuckte vor Schreck zusammen. Merope hatte einen Topf fallen lassen.
„Aufheben!“, keifte ihr Vater sofort. „Ja, genau, grapsch auf dem Boden rum wie ein dreckiger Muggel, wozu hast du deinen Zauberstab, du nutzloser Mistsack?“
„Mr Gaunt, bitte!“, mahnte ihn Ogden schockiert.
Die junge Frau, die den Topf bereits wieder in den Händen hielt, bekam rote Flecken im Gesicht. Ließ den Kochtopf erneut fallen und zog ihren Zauberstab. Doch der Zauber wollte ihr nicht gelingen. Der Topf schlitterte über den Boden, prallte an die nächste Wand ab und zerbrach.
Morfins keckerndes Lachen ließ Zoe zusammenzucken und ihr Vater schrie zornig: „Mach ihn wieder ganz, du nichtsnutziges Stück, mach ihn wieder ganz!“
Doch bevor sie dazu gekommen war, mischte sich Ogden ein und reparierte den Topf mit einem simplen Reparo . Mr Gaunt funkelte ihn mordlustig an.
„Ein Glück, dass der nette Mann vom Ministerium da ist, oder?“, zischte er bedrohlich. „Vielleicht holt er dich von mir weg, vielleicht hat er nichts gegen dreckige Squibs …“
Zoe empfand Mitleid mit der jungen Frau, die mit zittrigen Händen den Topf aufhob und ihn auf den Ofen stellte. „Wie kann man so hässlich sein zu … zu seinem eigenen Kind?“, murmelte sie fassungslos in den Raum, während sie Mr Gaunt beobachtete.
Doch bevor jemand hätte antworten können, fuhr Ogden fort.
„Mr Gaunt, wie bereits gesagt: Der Grund für meinen Besuch-“
„Das hab ich schon verstanden!“, zischte dieser. „Na und wenn schon? Morfin hat einem Muggel ein bisschen verpasst, was er ohnehin verdient hat – was ist schon dabei?“
„Morfin hat das Zaubereigesetz gebrochen“, empörte sich der Zauberer.
„Morfin hat das Zaubereigesetz gebrochen“, äffte Gaunt seinen Besucher nach und sein Sohn lachte schallend.
„Er hat einem dreckigen Muggel eine Lektion erteilt, und das soll jetzt gesetzwidrig sein?“, fragte Mr Gaunt.
Zoe und Harry sahen einander fassungslos an.
„Ja“, bestätigte Ogden und zog eine Pergamentrolle aus seiner Innentasche hervor. „Ich fürchte, das ist so.“
Misstrauisch sah Mr Gaunt auf das Schreiben. „Was ist das denn, sein Urteilsspruch?“
„Es ist eine Vorladung ins Ministerium zu einer Anhörung-“
„Vorladung! Vorladung? Für wen halten Sie sich eigentlich, dass Sie meinen Sohn irgendwohin vorladen könnten?“
„Ich bin der Leiter des Magischen Strafverfolgungskommandos“, stellte Ogden klar.
„Und Sie denken, wir sind Abschaum, ja?“, brüllte der Hausherr und tippte dem Ministeriumsangestellten seinen schmutzigen Finger auf die Brust. „Abschaum, der angelaufen kommt, wenn das Ministerium es ihm befiehlt? Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie reden, Sie dreckiger kleiner Schlammblüter, wissen Sie das?“
„Ich hatte bisher den Eindruck, mit Mr Gaunt zu sprechen“, antwortete Ogden schlicht und ließ sich nicht zurückdrängen.
„Das ist richtig!“, brüllte sein Gegenüber und hielt Bob Ogden einen schweren, plumpen Goldring mit einem schwarzen Stein unter die Nase, der seinen Mittelfinger schmückte.
Zoe erkannte ihn sofort, wandte sich zu ihrem Großvater um und fragte: „Ist das der-“
Dieser nickte und legte sich den gesunden Zeigefinger auf die Lippen, damit sie weiter die Szene verfolgen konnten. Zoe wandte sich wieder Mr Gaunt zu.
„Sehen Sie den? Sehen Sie den?“, zischte Gaunt und hielt seinen schmutzigen Finger unter Ogdens Nase. „Wissen Sie, was das ist? Wissen Sie, woher der kommt?“
Zoes Herz setzte einen Schlag aus. Sie erkannte diesen Ring. Der Ring, der verflucht worden war und den sie zusammen mit ihrem verletzten Großvater vor Schulbeginn auf dem Boden des Schulleiterbüros gefunden hatte.
Es war ihr Erbe, schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf, und sofort wurde ihr übel. Von diesem Mann. Von diesem Monster.
„Jahrhundertelang war er im Besitz unserer Familie, so weit zurückreicht unser Stammbaum, und wir haben immer das reine Blut bewahrt!“
Reinblut. Zoe hätte lachen können, wenn ihr nicht zum Weinen gewesen wäre. Stattdessen presste sie die Lippen aufeinander und zwang sich weiter hinzusehen.
„Wissen Sie, wie viel man mir dafür geboten hat, mit dem Peverell-Wappen, das in den Stein graviert ist?“
„Ich habe wirklich keine Ahnung“, meinte Ogden schlicht und versuchte, den Ring zu erkennen, der direkt vor seiner Nase war, „und das tut hier überhaupt nichts zur Sache, Mr Gaunt. Ihr Sohn hat sich-“
Der Alte stieß einen Schrei wie ein Tier aus, stürzte auf seine Tochter zu und zerrte sie an einer Kette, um ihren Hals wie ein Beweisstück vor Bob Ogden ohne auch nur eine Notiz von dem würgenden Mädchen zu nehmen.
Zoe schlug die Hände vor den Mund. Das Mädchen rang verzweifelt nach Luft.
Sie unterdrückte den Impuls zu schreien, denn sie wusste, dass es sinnlos war. Das hier war bereits geschehen und all diese Menschen waren vermutlich schon lange tot. Nichts davon konnte sie ändern.
Aber zuzusehen, wie das Mädchen gewürgt wurde, während ihr eigenes Blut in den Adern rauschte – dasselbe Blut wie ihres – das war fast unerträglich.
„Sehen Sie das?“, brüllte Mr Gaunt und deutete auf ein schweres, goldenes Medaillon.
Selbst der Ministeriumsbeamte schien nun mit der Fassung zu ringen und er antwortete hastig: „Ich sehe es, ich sehe es!“
„Von Slytherin!“, schrie Gaunt kehlig. „Von Salazar Slytherin! Wir sind seine letzten lebenden Nachfahren, was sagen Sie dazu, he?“
„Mr Gaunt, Ihre Tochter!“, warf Ogden ein, und just in dem Moment ließ er das Mädchen los, das nach Luft ringend zurücktaumelte.
„Also!“, rief Mr Gaunt siegessicher und sah seinen Gast angriffslustig an. „Sprechen Sie nicht weiter mit uns, als ob wir Dreck an Ihren Schuhen wären! Generationen von Reinblütern – allesamt Zauberer – mit Sicherheit mehr, als Sie von sich behaupten können!“
Er spuckte auf den Boden und Morfin lachte erneut sein keckerndes Lachen. Zoe ließ die Hände sinken und sah zu der jungen Frau, die sich demütig unter das Fenster gekauert hatte.
„Mr Gaunt“, fuhr Ogden fort, „ich fürchte, weder Ihre noch meine Vorfahren haben mit der anhängigen Sache etwas zu tun. Ich bin wegen Morfin hier, wegen Morfin und des Muggels, den er gestern spät in der Nacht angepöbelt hat. Unseren Informationen nach hat Morfin einen Fluch oder Zauber gegen besagten Muggel ausgeführt, wodurch dieser einen höchst schmerzhaften Nesselausschlag bekam.“
Morfin lachte, wurde aber von seinem Vater in Parsel zurechtgewiesen.
„Und was, wenn er es tatsächlich getan hätte?“ Mr Gaunt sah Ogden herausfordernd an. „Ich schätze, Sie haben dem Muggel sein dreckiges Gesicht sauber gewischt, und sein Gedächtnis noch dazu-“
„Darum geht es wohl kaum, nicht wahr, Mr Gaunt? Dies war ein nicht provozierter Angriff auf einen wehrlosen-“
„Ach, ich hab doch gleich gesehen, dass Sie ein Muggelfreund sind.“ Abermals spuckte Mr Gaunt auf den Boden.
„Diese Diskussion bringt uns nicht weiter“, stellte Ogden schließlich fest. „Aus dem Verhalten Ihres Sohnes geht eindeutig hervor, dass er keine Reue für seine Taten empfindet. Morfin wird am vierzehnten September zu einer Anhörung erscheinen und zu der Anklage Stellung nehmen, dass er in Anwesenheit eines Muggels Magie eingesetzt hat und besagtem Muggel Schaden und Leid-“ Seine Stimme riss ab.
Das rhythmische Klappern von Hufeisen wehte durch das offenstehende Fenster herein und das Lachen der Reiter mischte sich dazu. Zoe näherte sich der Öffnung, um besser hinaussehen zu können, und ihr fielen sofort die aufgerissenen Augen von Merope auf. Ihr Gesicht war ganz weiß und sie hielt den Atem an.
„Mein Gott, was für ein Schandfleck!“, rief eine liebliche Mädchenstimme vor dem Fenster aus.
Zoe sah hinaus und konnte erkennen, dass direkt hinter der Hecke ein Weg am Haus vorbeiführte, auf dem ein junges Paar entlangritt.
„Hätte dein Vater diese Bruchbude nicht abreißen lassen können, Tom?“
Tom .
Überrascht wandte Zoe sich zu ihrem Großvater um, der lächelnd abermals den Finger auf die Lippen legte.
„Die gehört nicht uns“, antwortete eine männliche Stimme. „Alles auf der anderen Seite des Tals gehört uns, aber dieses Haus gehört einem alten Landstreicher namens Gaunt und seinen Kindern. Der Sohn ist völlig verrückt, du solltest mal hören, was sie im Dorf so erzählen-“
Morfin wollte sich mit wütendem Gesicht aus seinem Sessel erheben, doch sein Vater mahnte ihn abermals auf Parsel.
„Tom“, die Stimme des Mädchens war nun direkt vor dem Fenster und Zoe konnte sogar die Farben der Pferde erkennen, „vielleicht täusche ich mich – aber hat da jemand eine Schlange an die Tür genagelt?“
„Guter Gott, du hast Recht!“, antwortete der Mann ihr. „Das wird der Sohn gewesen sein, ich hab dir ja gesagt, er ist nicht ganz richtig im Kopf. Sieh nicht hin, Cecilia, Liebling.“
Dann entfernte sich das Hufgetrappel und Zoe konnte keinen Blick mehr auf die Reiter erhaschen.
„‚Liebling’“, zischte Morfin gedehnt in Parsel zu seiner Schwester. „‚Liebling’ hat er sie genannt. Also will er dich ohnehin nicht haben.“
Merope rührte sich nicht. Es schien, als sei sie zu Eis erstarrt.
„Was soll das heißen?“, zischelte Mr Gaunt ebenfalls in Parsel. „Was hast du gesagt, Morfin?“
„Sie schaut diesen Muggel gerne an“, antwortete sein Sohn gehässig.
Zoe fiel die Panik im Gesicht der jungen Frau auf, die wieder nach Luft schnappte.
„Immer im Garten, wenn er vorbeikommt“, zischte Morfin boshaft lächelnd, „stiert ihn durch die Hecke an, stimmt’s? Und gestern Abend-“
Panisch schüttelte sie den Kopf und fing sich einen fragenden und besorgten Blick von Bob Ogden ein, der kein Wort der Unterhaltung verstand.
„Hat sich aus dem Fenster gehängt und gewartet, dass er nach Hause reitet, nicht wahr?“
„Aus dem Fenster gehängt“, wiederholte Mr Gaunt bedrohlich, „um einen Muggel anzuschauen?“
Es war, als hätten die drei ihren Besucher komplett vergessen. Gebannt wartete Zoe darauf, was nun passierte.
„Ist das wahr?“ Ihr Vater machte ein paar Schritte auf sie zu. „Meine Tochter – reinblütiger Nachkomme von Salazar Slytherin – sehnt sich nach einem schmutzigen, dreckblütigen Muggel?“
Merope drückte sich mit verzweifelter Miene und aller Kraft gegen die Wand hinter sich, doch es gab kein Entkommen. Morfin schien das zu gefallen. Keckernd rief er: „Aber ich hab’s ihm gezeigt, Vater! Ich hab’s ihm gezeigt, als er hier vorbeikam. Und mit dem Ausschlag überall hat er gar nicht hübsch ausgesehen, oder, Merope?“
„Du widerliche kleine Squib, du dreckige kleine Blutsverräterin!“, brüllte Gaunt und packte Merope am Hals, um sie zu würgen.
Zoe wandte sich angstvoll ab, doch Harry und Ogden schienen zeitgleich zum selben Entschluss zu kommen und sprangen vor. Mit einem Relaschio-Zauber riss der Ministeriumsangestellte Mr Gaunt von seiner Tochter. Er stolperte, fiel über einen Stuhl und blieb flach auf dem Rücken liegen.
Dann preschte Morfin aus seinem Sessel hervor, schwang sein Messer nach Ogden und schoss wahllos Flüche auf ihn ab. Das Zimmer wurde von einer Vielzahl bunter Zauber erhellt und Bob Ogden war gezwungen, hinauszufliehen.
Zoes Großvater gab ihnen ein Zeichen, ihm zu folgen, und kurzerhand liefen sie durch das Mauerwerk und die Hecken hindurch und landeten schließlich auf einem Feldweg. Ogden stieß dort mit einem glänzenden Rotfuchs zusammen und als sie ihn eingeholt hatten, erkannte Zoe zwei Reiter. Es war ein hübsches Mädchen und ein gutaussehender, dunkelhaariger junger Mann. Beide lachten, als der Zauberer im Staub landete.
Ohne ein weiteres Wort rappelte sich Ogden auf und lief die Straße entlang, von der er gekommen war.
„Ich denke, das genügt“, verkündete ihr Großvater schließlich und brachte sie zurück ins Schulleiterbüro.
Für einen Moment fühlte sich der echte Boden seltsam unter ihren Füßen an und Zoe schwankte. Das Schreien der jungen Frau hallte ihr immer noch in den Ohren nach.
„Was ist mit dem Mädchen in dem Waldhaus passiert?“, wollte Harry sogleich wissen. „Merope oder wie sie hieß?“
Dumbledore entzündete ein paar Lampen in seinem Büro und sagte: „Oh, sie hat überlebt. Ogden apparierte zurück ins Ministerium und kehrte fünfzehn Minuten später mit Verstärkung zurück. Morfin und sein Vater versuchten zu kämpfen, wurden aber beide überwältigt, von dem Haus weggebracht und anschließend vom Zaubergamot verurteilt. Morfin, der bereits wegen Angriffen auf Muggel vorbestraft war, wurde zu drei Jahren in Askaban verurteilt. Vorlost, der außer Ogden noch mehrere andere Ministeriumsangestellte verletzt hatte, bekam sechs Monate.“
„Vorlost?“ Harrys Stimme riss Zoe aus ihrer Betäubung.
Ihr Magen verkrampfte sich.
„Richtig.“ Dumbledore lächelte. „Ich freue mich, dass du folgen kannst.“
„Der alte Mann war-?“ Harry drehte sich langsam zu ihr um.
„Mein Urgroßvater.“ Die Worte schmeckten bitter auf Zoes Zunge.
„Das ist korrekt“, bestätigte Dumbledore schließlich. „Und Voldemorts Großvater, ja. Vorlost, sein Sohn Morfin und seine Tochter Merope waren die Letzten der Gaunts.“
Zoe verzog angewidert das Gesicht, unfähig, ihrem Freund in die Augen zu sehen. Das Entsetzen in Harrys Blick konnte sie spüren, auch ohne hinzusehen. Was musste er von ihr denken? Sie teilte das Blut dieses Monsters. Und nicht nur das, auch Voldemorts Blut floss durch ihre Adern. Sie war mit ihm verwandt.
Beschämt senkte sie den Blick. Ihre Hände zitterten, und sie verschränkte sie fest ineinander, damit niemand es bemerkte.
„Einer sehr alten Zaubererfamilie“, fuhr er fort, „bekannt für ihre labile und gewalttätige Veranlagung, die über die Generationen hinweg immer stärker wurde, weil sie an der Gewohnheit festhielten, ihre eigenen Cousins und Cousinen zu heiraten. Mangel an Vernunft, gepaart mit einer ausgeprägten Prunksucht, führte dazu, dass das Familiengold schon mehrere Generationen vor Vorlosts Geburt verschwendet war. Ihm blieben nur Verwahrlosung und Armut, wie ihr gesehen habt, dazu ein hässliches Naturell, unglaubliche Arroganz und großer Stolz und ein paar Familienerbstücke, die er genauso schätzte wie seinen Sohn, und um einiges mehr als seine Tochter.“
„Das ist erschütternd“, stellte Zoe traurig fest und setzte sich neben Harry auf einen der Stühle vor den Schreibtisch.
„Merope war also“, begann Harry verunsichert, „Merope war also … Sir, heißt das, sie war … Voldemorts Mutter?“
„In der Tat“, antwortete Dumbledore. „Und zufälligerweise bekamen wir auch Voldemorts Vater kurz zu sehen. Es ist euch vielleicht aufgefallen?“
„Der Muggel, den Morfin angegriffen hat?“, stellte Zoe heiser fest. „Der Mann auf dem Pferd?“
„Sehr gut, wirklich“, lobte ihr Großvater zufrieden. „Ja, das war Tom Riddle senior, der gut aussehende Muggel, der beim Ausreiten oft am Haus der Gaunts vorbeikam und für den Merope Gaunt eine heimliche, glühende Leidenschaft hegte.“
Harry schüttelte ungläubig den Kopf. „Und sie haben am Ende geheiratet?“
Zoe wusste sofort, was ihn irritierte. Merope Gaunt und Tom Riddle Senior kamen im wahrsten Sinne des Wortes aus zwei verschiedenen Welten. Wie hatte die junge Frau, einen Mann wie diesen für sich gewinnen können?
„Ich glaube, du vergisst“, sprach Dumbledore ernst, „dass Merope eine Hexe war. Ich nehme an, dass ihre magischen Kräfte nicht besonders gut zur Geltung kamen, solange sie von ihrem Vater terrorisiert wurde. Sobald Vorlost und Morfin in sicherem Gewahrsam in Askaban saßen, sobald sie zum ersten Mal in ihrem Leben allein und frei war, konnte sie, da bin ich überzeugt, ihre Fähigkeiten ungehindert entfalten und ihre Flucht aus dem elenden Leben planen, das sie achtzehn Jahre lang geführt hatte.
Fällt dir nichts ein, was Merope hätte verwenden können, damit Tom Riddle seine Muggelgefährtin vergaß und sich stattdessen in sie verliebte?“
„Der Imperius-Fluch?“, meinte Harry sofort, doch Zoe schüttelte den Kopf.
Sie erinnerte sich an das Gedränge in Weasleys Zauberhafte Zauberscherze. Ausschließlich Mädchen.
„Ein Liebestrank“, murmelte sie leise.
„Sehr gut. Ich persönlich denke eher, dass sie einen Liebestrank benutzt hat. Ich bin sicher, das muss ihr romantischer vorgekommen sein, und ich glaube, es kann nicht sonderlich schwierig gewesen sein, Riddle, als er an einem heißen Tag alleine nach Hause ritt, zu einem Schluck Wasser zu überreden. Jedenfalls erfreute sich das Dorf Little Hangleton ein paar Monate nach dem Vorfall, dessen Zeuge wir eben wurden, an einem gewaltigen Skandal. Ihr könnt euch vorstellen, wie viel Klatsch es gab, als der Sohn des Gutsherrn mit Merope, der Tochter des Landstreichers, durchbrannte.
Aber der Schreck der Dorfbewohner war nichts im Vergleich zu dem von Vorlost. Er kehrte aus Askaban zurück und dachte, seine Tochter würde ihn pflichtbewusst mit einer warmen Mahlzeit auf dem Tisch erwarten. Stattdessen fand er eine zentimeterdicke Staubschicht und ihren Abschiedsbrief vor, in dem sie ihm erklärte, was sie getan hatte.
Nach allem, was ich herausfinden konnte, hat er von da an nie mehr ihren Namen oder ihre Existenz erwähnt. Der Schock über ihr Fortgehen mag zu seinem frühen Tod beigetragen haben – oder vielleicht hatte er auch einfach nie gelernt, für sich zu sorgen. Askaban hatte Vorlost außerordentlich geschwächt und er erlebte Morfins Rückkehr in sein Haus nicht mehr.“
„Und Merope?“, fragte Zoe.
„Sie … sie ist gestorben“, antwortete Harry, „oder? Ist Voldemort nicht in einem Waisenhaus aufgewachsen?“
„Ja, richtig“, bestätigte Dumbledore. „Wir sind hier auf einige Vermutungen angewiesen, allerdings glaube ich, dass sich leicht erschließen lässt, was geschah. Ihr müsst wissen, wenige Monate nachdem sie durchgebrannt waren und geheiratet hatten, tauchte Tom Riddle wieder im Gutshaus in Little Hangleton auf, ohne seine Frau. Es gab wilde Gerüchte in der Nachbarschaft, dass er davon spreche, er sei ‚hinters Licht geführt’ und ‚reingelegt’ worden. Ich bin sicher, dass er eigentlich sagen wollte, er habe unter einem magischen Bann gestanden, der sich nun gelöst habe, vermutlich wagte er es aber nicht, genau diese Worte zu gebrauchen, aus Angst, man würde ihn für verrückt halten. Als sie hörten, was er sagte, nahmen die Dorfbewohner jedoch an, Merope habe Tom Riddle angelogen und so getan, als würde sie ein Kind von ihm bekommen, und er habe sie aus diesem Grund geheiratet.“
„Aber sie hat wirklich ein Kind von ihm bekommen“, widersprach Zoe.
„Ja, aber erst ein Jahr nachdem sie geheiratet hatten. Tom Riddle verließ sie, während sie noch schwanger war.“
Schockiert schwiegen sie, bis Harry meinte: „Was ist schiefgelaufen? Warum hat der Liebestrank aufgehört zu wirken?“
„Auch darüber können wir nur mutmaßen“, sagte Dumbledore, „aber ich glaube, dass Merope, die ihren Mann innig liebte, es nicht über sich brachte, ihn weiterhin mit magischen Mitteln zu versklaven. Ich glaube, sie hat beschlossen, ihm den Trank nicht länger zu verabreichen. Vernarrt wie sie war, hat sie sich vielleicht eingeredet, dass auch er sich inzwischen in sie verliebt hätte. Womöglich dachte sie, er würde um des Kindes willen bei ihr bleiben. Wenn es so war, dann hat sie sich in beiden Punkten geirrt. Er hat sie verlassen, hat sie nie mehr wiedergesehen und sich nie die Mühe gemacht, herauszufinden, was aus seinem Sohn geworden ist.“
Bedrücktes Schweigen legte sich über sie, wie der pechschwarze Himmel über die Ländereien Hogwarts’. Einzig und allein die vielen Lampen im Büro des Schulleiters hielten die Dunkelheit fern.
Dumbledore seufzte und damit wusste Zoe, dass sie zum Abschluss kamen.
„Ich denke, das genügt für heute Abend“, meinte er schließlich.
„Ja, Sir.“ Harry nickte gehorsam.
Langsam erhob er sich von seinem Platz, doch Zoe zögerte. Einen sah er von der Slytherin, die seinen Blick nicht erwiderte, zu Dumbledore. „Sir“, begann er, „… ist es wichtig, all das über Voldemorts Vergangenheit zu wissen?“
„Sehr wichtig, denke ich“, antwortete dieser.
„Warum?“, hakte Zoe skeptisch nach.
„Es wird dabei helfen zu verstehen“, erklärte Dumbledore sanft. „Euch beiden.“
Die Teenager sahen einander kurz an und schließlich erhob sich auch Zoe von ihrem Platz. Dann fragte Harry: „Und hat es … hat es etwas mit der Prophezeiung zu tun?“
„Es hat alles mit der Prophezeiung zu tun.“
„Klar.“ Sein Unmut war deutlich herauszuhören. „Sir, dürfen wir Ron und Hermine alles erzählen?“
Dumbledore nickte langsam, dann sprach er: „Ich denke, Mr Weasley und Miss Granger haben sich als vertrauenswürdig erwiesen. Aber ich muss euch bitten, ihnen zu sagen, dass sie nichts davon irgendjemand anderem weitererzählen dürfen. Es wäre nicht gut, wenn bekannt würde, wie viel ich über Lord Voldemorts Geheimnisse weiß oder ahne.“
„Nein, Sir, ich seh zu, dass nur Ron und Hermine davon erfahren. Gute Nacht.“
Er machte Anstalten, zu gehen, aber Zoe zögerte. Schließlich folgte sie dem Gryffindor zur Tür. Harry war jedoch an einem kleinen storchenbeinigen Tisch stehengeblieben und sah auf den Goldring mit dem zerbrochenen schwarzen Stein herab, der darauf lag.
Zoe war sofort klar, dass Harry ihn wiedererkannte.
Er schüttelte kaum merklich den Kopf, dann ging er voraus die Treppe herunter.
Zoe wandte sich im Türrahmen jedoch noch einmal um.
„Gute Nacht, Großvater“, sagte sie ernst.
„Gute Nacht, Zoe“, erwiderte er liebevoll.
Dann zog sie die Tür hinter sich ins Schloss.