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Hermines helfende Hand

Zoe Dumbledore Und Der Halblutprinz — www.fanfiktion.de · All chapters

Hermines helfende Hand

„Dieser Ring“, sagte Harry ernst, als sie den Korridor im siebten Stock entlangliefen. „Wie ist er da herangekommen?“

„Ich weiß es nicht“, gab Zoe zu. „Aber er hat die Verletzung seiner Hand verursacht.“

Der Gryffindor blieb überrascht stehen.

„Das ist der Ring?“, fragte er entsetzt.

Sie nickte nur.

„Weißt du inzwischen, wie genau das passiert ist?“

„Nein“, gab Zoe zu. „Ich fand Großvater in den Ferien am Abend wimmernd im Büro. Der Ring und das Schwert von Gryffindor lagen neben ihm.“

„Du hast ihn … aufgefunden ?“, fragte Harry entsetzt. „Warum hast du das nicht gleich erzählt?“

Zoe wandte den Kopf ab, weil sie spürte, wie es ihr die Kehle zuschnürte und sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie versuchte, sie hinunterzuschlucken, doch es gelang ihr nicht.

„Zoe?“ Harry legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter.

„Ich hatte solche Angst“, wisperte sie heiser.

Unwillkürlich schloss Harry sie in die Arme und Zoes Tränen tropften auf seinen Umhang. Schluchzend klammerte sie sich an ihn.

„Ich hab … Professor Snape gerufen“, erzählte sie mühsam weiter. „Und er … er hat so einen komischen Gesang angestimmt … Er meinte, es war … richtig knapp.“

Sie drückte ihr Gesicht an Harrys Hals und der Gryffindor klopfte ihr beruhigend auf den Rücken.

„Es ist ja alles noch einmal gut gegangen“, murmelte er tröstend. „Es wird alles wieder gut.“

Sie verharrten ein paar Minuten so, bis in der Ferne ein Glockenschlag ertönte und sich Zoe von ihrem Freund löste. Sie schenkte ihm ein peinlich berührtes Lächeln und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Tut mir leid“, sagte sie heiser.

„Muss es nicht“, gab Harry zurück.

„Ich hab deinen Umhang vollgeheult“, erwiderte Zoe beschämt.

„Das bekommt Dobby wieder hin“, sprach Harry und verrenkte sich den Hals, um die nassen Flecken zu sehen.

Zoe musste lachen und ihr Freund stimmte erleichtert mit ein. Schließlich setzten sie ihren Weg fort. Die kühle Luft im Korridor half Zoe, sich zu sammeln.

„Was meinst du, wollte uns dein Großvater mit dieser Erinnerung sagen?“, fragte Harry nach einer Weile.

Schniefend wischte Zoe sich abermals über die Augen, weil sie nicht mit verweintem Gesicht in ihrem Gemeinschaftsraum auftauchen wollte.

„Ich weiß nicht“, erwiderte sie zunächst. „Was hat sie uns offenbart? Wir wissen, dass …“, sie stockte, „… dass ich von einem Haufen Irrer abstamme …“

„Das war wohl nicht sein zielführender Gedanke“, meinte Harry sogleich.

Zoe zuckte mit den Schultern.

„Und dass Merope ihren Mann mit einem Liebestrank erobert hat“, fügte Zoe hinzu, und da zogen sich ihre Brauen nachdenklich zusammen. „Harry“, meinte sie in einem Anflug von plötzlicher Erkenntnis, „weißt du noch, was Mrs Weasley uns über echte Liebestränke gesagt hat?“

„Ähm, nein?“, gab der Gryffindor zu.

„Sie hat es uns erzählt, als wir zusammen im Tropfenden Kessel waren.“

„Das ist ja schon ewig her“, verteidigte sich Harry.

„Ginny hat sie damals gefragt, warum Liebestränke verboten sind“, erklärte Zoe langsam, „und sie hat gesagt, dass …“

„Das was?“, fragte Harry, als sie zögerte.

Zoe sah ihren Freund nachdenklich an. „Dass Kinder aus einer solchen Verbindung nicht der Liebe fähig sind.“

Harry starrte sie an und zog langsam die Brauen in die Höhe.

„Inwiefern soll uns das weiterbringen?“, fragte er dann. „Dein Großvater hat schon oft gesagt, Voldemort sei der Liebe nicht fähig.“

„Aber das ist der Beweis“, stellte Zoe nüchtern fest. „Und irgendwie … ist das bemitleidenswert, oder etwa nicht?“

Der Gryffindor sah sie entgeistert an.

„Weißt du eigentlich, was du da gerade redest?“, fragte er voller Unverständnis. „Du hast Mitleid mit Voldemort. VOL-DE-MORT!“

Zoe schüttelte den Gedanken ab.

„Nein“, verteidigte sie sich, wurde jedoch nachdenklich, „nicht wirklich. Es entschuldigt nichts von dem, was er getan hat. Aber irgendwie …“

„Irgendwie was?“, wollte Harry wissen.

„Hallo, ihr zwei!“

Zoe und Harry stoben gleichermaßen wie ertappte Diebe auseinander und wandten sich um. Doch es war nur Rons Schwester, die in den Korridor einbog. Ginny ließ den Blick zwischen ihnen hin und herschweifen. Sie wirkte verwirrt über ihr Verhalten.

„Störe ich?“, fragte Ginny verunsichert.

„Äh, nein!“, antwortete Harry etwas zu hastig.

„Wir waren nur unterwegs zu …“, erzählte Zoe und Ginny sah ihren Hausgenossen fragend an, der ihr nervös auswich. „… zu unseren Gemeinschaftsräumen“, vollendete er Zoes Satz.

„Ja“, bestätigte die Slytherin, die noch immer mehr mit ihren Gedanken als mit der Gegenwart beschäftigt war.

„O-kay“, meinte Ginny und klang etwas ungläubig, „dann kann ich dich begleiten, Harry?“

„Klar!“, bestätigte der Gryffindor sofort.

„Ja … gut.“ Zoe nickte irritiert. „Nun … dann bis morgen.“

„Bis morgen!“

Zoe drehte sich um und ging alleine zurück in die Kerker.

Der Unterricht forderte sie jeden Tag mehr. Es war anstrengend und ermüdend, weil sie stets mit voller Konzentration den Professoren oder ihren Aufgaben folgen musste. Auch in den Freistunden war Lernen angesagt und die Bewältigung der Berge von Hausaufgaben.

Selbst Verwandlung ging Zoe mittlerweile nicht mehr so leicht von der Hand wie zuvor. Die Arbeitsaufträge, die Professor McGonagall stellte, waren so anspruchsvoll und aufwändig, dass sogar Hermine die Anweisungen wiederholen musste.

Auch Zaubertränke wurde kniffliger und ohne Professor Snapes helfende Hand machte Zoe beinahe mehr Braufehler als Neville in den vergangenen sechs Jahren. Zumindest kam es der Sechzehnjährigen so vor. Harry hingegen erlebte, dank des Halbblutprinzen, seine Glanzstunde in diesem Fach – sehr zu Hermines Unmut.

Mittlerweile wurden ungesagte Zauber nicht nur in Verteidigung gegen die dunklen Künste vorausgesetzt, sondern waren auch in Zauberkunst und Verwandlung ein wesentlicher Bestandteil des Unterrichts. Das war eine Tatsache, die den Schülern das meiste Können abverlangte.

Überall sah man rote Gesichter und rauchende Köpfe, und Zoe nahm sich fest vor, vor jedem Schlafengehen fünf Zaubersprüche zu üben.

Im Vergleich dazu waren die Stunden im Gewächshaus beinahe eine Erleichterung. Zwar arbeiteten sie inzwischen mit hochgiftigen und gefährlichen Pflanzen, doch Professor Sprout ermahnte sie nicht, wenn sie laut fluchten oder ein Zauber misslang. Es tat richtig gut, sich nach den vielen theoretischen Stunden auch mal körperlich zu betätigen. Die Ausgelassenheit hatte jedoch ein jähes Ende, als Professor McGonagall im Gewächshaus erschien und mit ernster Miene Hannah Abbott aus Hufflepuff mitnahm.

Fragend sahen sie ihrer Mitschülerin nach und Professor Sprout unterband im Anschluss jegliche Privatgespräche.

„Man hat Hannahs Mutter tot aufgefunden“, erklärte Hermine am nächsten Tag leise beim Frühstück.

Ihre Freunde sahen sie geschockt an.

„Was ist passiert?“, fragte Zoe besorgt.

„Laut Ernie wissen sie es noch nicht“, erklärte die Muggelstämmige und setzte sich an den Tisch.

Betretenes Schweigen folgte und diese Hiobsbotschaft verdunkelte ihnen auch den Rest des Tages.

Durch das neu auferlegte Arbeitspensum hatten sie nicht einmal Zeit gefunden, Hagrid einen Besuch abzustatten. Insgeheim fürchtete Zoe sich vor der ersten Begegnung mit dem Wildhüter, denn auch Ron, Harry und Hermine hatten – wie Zoe – Pflege magischer Geschöpfe seit diesem Schuljahr abgewählt. Seitdem hatten sie ihn nicht mehr gesehen.

Zoe hatte das ungute Gefühl, dass Hagrid schmollte, und damit war sie nicht die Einzige. Als Zoe am Samstag bei den Gryffindors frühstückte, stellte Hermine nach einem besorgten Blick zum Lehrertisch fest: „Hagrid ist wieder nicht da.“

Die Jungs nahmen dies nur kurz zur Kenntnis und widmeten sich dann ihrem Frühstück und den Plänen für die Auswahlspiele, die heute stattfinden sollten. Hilfesuchend sah Hermine zu Zoe.

„Ist mir auch schon aufgefallen“, gab sie zu. „Ich denke, er wird enttäuscht sein, weil wir alle sein Fach abgewählt haben.“

„Das ist auch meine Sorge“, gab Hermine zu und biss sich schuldbewusst auf die Unterlippe. „Wir müssen hingehen und es ihm erklären.“

Ron sah zu ihnen hinüber, schüttelte mit dem Kopf. „Heute Morgen haben wir Quidditch-Auswahlspiele! Und wir sollen auch noch diesen Aguamenti-Zauber für Flitwick üben! Außerdem, was denn erklären? Wie sollen wir ihm erklären, dass wir sein blödes Fach gehasst haben?“

„Wir haben es nicht gehasst!“ Hermine klang empört.

„Da kannst du nur für dich selbst sprechen“, gab Ron zurück, „ich hab die Kröter jedenfalls nicht vergessen. Und ich sag dir, wir sind um Haaresbreite davongekommen. Du hast nicht gehört, wie er sich über seinen bescheuerten Bruder ausgelassen hat – wenn wir geblieben wären, hätten wir Grawp noch beibringen müssen, wie man sich die Schuhe zubindet.“

Hermine sah Zoe verzweifelt an und sagte: „Ich hasse es, wenn wir nicht mit Hagrid sprechen.“

„Wir werden wieder mit ihm sprechen“, versicherte die Slytherin ihr zuversichtlich.

„Nach Quidditch gehen wir runter“, schlug Harry vor. „Aber die Testspiele dauern vielleicht den ganzen Morgen, bei den vielen Leuten, die sich beworben haben.“ Er stocherte auf seinem Teller herum. „Keine Ahnung, warum alle plötzlich so scharf auf die Mannschaft sind.“

„Nun hör aber auf, Harry.“ Hermine lachte ungläubig. „Die sind doch nicht scharf auf Quidditch, die sind scharf auf dich!“

Zoe kicherte, goss sich einen Tee ein und Hermine fuhr fort: „Ja, natürlich. Du warst nie interessanter und, ehrlich gesagt, du warst nie beliebter.“

„Hermine hat recht“, bekräftigte Zoe und klopfte Ron, der sich verschluckt hatte, auf den Rücken. „Alle wissen jetzt, dass du die Wahrheit gesagt hast, oder? Die ganze magische Gemeinschaft musste zugeben, dass du Recht hattest, dass Voldemort zurück ist, und dass du tatsächlich in den letzten beiden Jahren zweimal gegen ihn gekämpft hast und beide Male entkommen bist.“

„Ganz genau“, bestätigte Hermine. „Und jetzt nennen sie dich den ‚Auserwählten’ – also, hör mal, kannst du nicht verstehen, warum die Leute von dir fasziniert sind?“

Zoe amüsierte sich über Harrys beschämten Ausdruck auf dessen Gesicht, das sich allmählich dunkler färbte.

„Und du hast diese ganzen Schikanen des Ministeriums überstanden“, erzählte Hermine weiter, „als sie versucht haben, dich als unzuverlässig und als Lügner darzustellen. Man kann immer noch die Narben sehen, wo diese niederträchtige Frau dich gezwungen hat, mit deinem eigenen Blut zu schreiben, aber du bist trotzdem bei deiner Geschichte geblieben …“

„Man kann immer noch sehen, wo mich diese Gehirne im Ministerium gepackt haben, schau mal“, warf Ron ein.

Verblüfft beobachtete Zoe den Gryffindor, wie er eilig seinen Ärmel hochkrempelte, doch Hermine ignorierte ihn einfach und sprach weiter. „Und dabei schadet es auch nicht, dass du im Sommer gut dreißig Zentimeter gewachsen bist.“

„Ich bin groß“, warf Ron ein.

Zoe wandte sich grinsend ihrer Teetasse zu. Es schien ganz so, als habe Ron inzwischen erkannt, dass Hermine ein Mädchen war.

Während die hereinkommenden Posteulen durch den verursachten Lärm ihre Gespräche beendeten, nahm die Slytherin sich vor, Hermine demnächst von ihrer neuesten Erkenntnis zu unterrichten.

Das nasse Gefieder der Vögel verteilte einen leichten Nieselregen über ihren Köpfen und wenig später landeten Pigwidgeon und Hedwig bei ihnen am Tisch mit zwei identischen Päckchen.

„Ha!“, rief Harry und zog sein neues Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene unter dem Packpapier hervor.

Hermine strahlte erfreut. „Oh, gut. Jetzt kannst du dieses vollgekritzelte Buch zurückgeben.“

„Bist du verrückt?“ Harry grinste. „Das behalte ich! Sieh mal, ich hab mir was überlegt-“ Er nahm das Buch des Halblutprinzen aus seiner Tasche und tippte mit dem Zauberstab auf den Umschlag. „ Diffindo !“

Der Einband löste sich. Dann wiederholte er den Zauber bei dem neuen Buch und Zoe wusste gleich, was er vorhatte.

„Du weißt, dass das geschummelt ist?“ Zoe beobachtete ihn skeptisch, während sie Harry dabei zusah, wie er die Umschläge der Bücher tauschte und sie dann mit Hilfe des Reparo-Zaubers wieder zusammensetzte.

Hermine schürzte missbilligend die Lippen.

„Das ist nicht geschummelt.“ Harry strahlte zufrieden. „Ich geb Slughorn das Neue zurück. Er kann sich nicht beschweren, es hat neun Galleonen gekostet.“

Eine weitere Eule brachte Hermine den Tagespropheten und die Gryffindor verschwand sogleich grimmig hinter der Zeitung.

„Jemand gestorben, den wir kennen?“, wollte Ron nach einer Weile wissen.

„Nein“, antwortete Hermine mit gereiztem Unterton, „aber es gab noch mehr Dementorenangriffe. Und eine Festnahme.“

„Einen Todesser?“, fragte Zoe.

Harry beugte sich interessiert vor. „Klasse, wer?“

„Stan Shunpike“, gab Hermine zurück.

„Was?“, fragte Harry verdutzt.

„‚Stanley Shunpike’“, las Hermine vor, „‚Schaffner des beliebten magischen Transportmittels Der Fahrende Ritter, wurde wegen Verdacht auf Betätigung als Todesser festgenommen. Mr Shunpike wurde gestern spät in der Nacht nach einer Razzia in seiner Wohnung in Clapham verhaftet … ‚“

„Stan Shunpike, ein Todesser?“, fragte Harry fassungslos. „Unmöglich!“

„Vielleicht stand er unter dem Imperius-Fluch“, spekulierte Ron. „Das weiß man nie.“

Aber Hermine schüttelte den Kopf. „Sieht nicht danach aus. Hier heißt es, er sei verhaftet worden, nachdem jemand zufällig mitbekam, wie er in einem Pub über die geheimen Pläne der Todesser sprach. Wenn er unter dem Imperius-Fluch war, hätte er wohl kaum irgendwo rumgestanden und über ihre Pläne getratscht, oder?“

„Das ist aber schon echt … fahrlässig“, sagte Zoe und ruckte mit dem Kopf.

„Hört sich an, als wollte er vortäuschen, dass er mehr weiß, als er tatsächlich wusste“, meinte Ron. „Ist das nicht der, der auch behauptet hat, er würde Zaubereiminister werden, als er diese Veela angraben wollte?“

„Ja, genau der“, bestätigte Harry. „Keine Ahnung, was die vorhaben, wenn sie Stan tatsächlich ernst nehmen.“

„Die wollen wahrscheinlich den Eindruck erwecken, als würden sie durchgreifen“, erklärte Hermine. „Die Leute haben schreckliche Angst – habt ihr gehört, dass die Eltern der Patilzwillinge möchten, dass sie nach Hause kommen? Und Eloise Midgeon hat man schon von der Schule genommen. Ihr Vater hat sie gestern Abend abgeholt.“

„Wie bitte?“, fragte Ron ungläubig. „Aber Hogwarts ist sicherer als ihre Häuser, garantiert! Wir haben Auroren, und die ganzen zusätzlichen Schutzzauber, und wir haben Dumbledore!“

„Ich glaub nicht, dass wir ihn die ganze Zeit über haben!“ Hermine legte die Zeitung weg und sah Zoe an. „Ich hab das Gefühl, dass er öfter die Schule verlässt, oder?“

Die Slytherin sah kurz hinauf zum Lehrertisch, an dem sein Platz abermals verwaist war. Sie konnte einfach nur nicken.

„Ja, das denke ich auch“, gab sie zu.

Hermine brummte zustimmend, doch die Jungs sahen einander fragend an.

„Jetzt mal ehrlich“, tadelte ihre Freundin die beiden. „Ist es euch nicht aufgefallen? Sein Platz war diese Woche so oft leer wie der von Hagrid. Ich glaube, er hat die Schule verlassen, um irgendwas mit dem Orden zu machen.“ Hermine atmete tief durch. „Ich meine … das sieht doch alles ernst aus, oder?“

Sie schwiegen eine Weile und schließlich wandte sich Harry an Ron und sagte: „Wir sollten allmählich hinunter zum Quidditch-Feld gehen.“

„Wisst ihr was“, warf Hermine ein und rollte die Zeitung zusammen. „Ich glaub, ich schau euch heute mal dabei zu. Was ist mit dir, Zoe?“

Die Slytherin legte die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf.

„Komm schon“, beharrte Hermine, „das ist ja kein richtiges Spiel. Niemand wird verletzt werden, oder Harry?“

„Natürlich nicht“, betonte der Gryffindor, der sich bereits erhoben hatte.

„Aber es ist die Chance, Harry in seiner neuen Rolle zu sehen.“

„Ich weiß nicht“, meinte Zoe, und das war für Harry und Ron Anlass genug, sich zu verabschieden und vorauszugehen.

„Dann komm doch für mich mit“, flehte Hermine. „Lass uns Ron anfeuern und Harry unterstützen. Bei all den Bewerbern wird er sicher alle Hände voll zu tun haben.“

„Waren es wirklich so viele?“, fragte Zoe verwundert.

„Mehr zumindest als in den letzten Jahren“, antwortete Hermine und zog die Slytherin auf die Beine. „Na komm schon!“

Zoe gab sich geschlagen, streckte sich im Vorbeigehen noch nach einer Obstschale und klaubte sich einen Apfel heraus.

„Und im Anschluss gehen wir zu Hagrid?“, fragte sie mit Nachdruck.

„Und ob!“, beschwor Hermine.

Als sie aus dem Schlossportal traten, empfing sie ein düsterer Himmel. Es sah nach Regen aus und so rollte sie sich den Schal eine Windung weiter um den Hals und zog sich den Umhang enger um die Schultern. Ein paar Meter voraus konnten sie Harry, Ron und Ginny sehen, die zielstrebig das Quidditch-Feld ansteuerten.

Während Zoe und Hermine die Tribünen erklommen, verschwanden ihre Freunde in den Umkleidekabinen. Zu Zoes Überraschung waren sie nicht die einzigen Zuschauer. Es schien fast so, als wäre bereits ein Großteil der Gryffindors anwesend. Auch einige Ravenclaws und Hufflepuffs saßen in den Reihen.

„Was hab ich gesagt“, flüsterte Hermine, während sie sich gute Plätze suchten.

Es dauerte eine Weile, bis Harry zusammen mit den Bewerbern auf den Rasen trat, und es war beinahe so, als sei der Rest des Hauses nun auf dem Quidditch-Feld vertreten.

„Ich dachte, Erstklässler dürfen noch nicht teilnehmen.“ Zoe und deutete herab auf ein paar Jungen, die sich fast ängstlich an ihren Besen klammerten.

Hermine seufzte. „Da wird Harry alle Hände voll zu tun haben.“

„Ron sieht nervös aus“, stellte Zoe fest.

„Ja, allerdings …“

Harry verschaffte sich zunächst einen Überblick und teilte sie in Zehnergruppen auf, während sich die anderen Bewerber am Spielfeldrand verteilten, als einer von ihnen kurz vor ihrem Sitzplatz zum Stehen kam. Zoe erkannte die athletische Gestalt aus dem Zug.

„Dieser Typ“, flüsterte sie Hermine zu und deutete auf ihn, „ist auch von Professor Slughorn eingeladen worden.“

„Cormac McLaggen“, erklärte Hermine, „er ist ein Siebtklässler.“

Bei Erwähnung seines Namens wandte er sich zu den beiden Mädchen um. Hermine lächelte ertappt und Cormac grinste zurück und zwinkerte kurz, bevor er sich wieder dem Spielfeld zuwandte.

Peinlich berührt warf Hermine Zoe einen Blick zu.

Dann erhob sich das erste Zehnergrüppchen in die Luft, das scheinbar nur aus Erstklässlern bestand. Es machte den Anschein, als säßen sie teilweise zum ersten Mal auf dem Besen, und einer der Jungs knallte prompt gegen einen Torpfosten.

„Von wegen, es gibt keine Verletzungen“, grummelte Zoe, verdrehte die Augen und sah Hermine an, „die fliegen so gut wie ich.“

Die Gryffindor kicherte, doch Harry schien verärgert, das sah man deutlich, auch aus der Entfernung.

Die nächste Gruppe bestand aus kichernden Mädchen, von denen nicht einmal alle einen Besen dabei hatten.

„Groupies“, murrte Hermine genervt.

„Bitte was?“, fragte Zoe verwirrt über den Ausdruck.

„Die sind doch nur wegen Harry da“, erklärte die Muggelgeborene. „Schau dir die Schwarzhaarige mit den langen Haaren an, Romilda Vane, die hat nicht mal einen Besen!“

Auch Harry schien dies nun zu bemerken. Er pfiff laut in seine Pfeife, um die Aufmerksamkeit der Mädchen zu erlangen, und verwies sie dann vom Spielfeld. Albern giggelnd und kichernd kamen sie zur Tribüne herüber und nahmen tuschelnd Platz.

Hermine prustete genervt. „Erstaunlich, dass Harry so ruhig bleibt.“

Während sich die nächste Gruppe in die Luft erhob, deutete Zoe auf die letzte Gruppierung.

„Sind das nicht Hufflepuffs?“, fragte sie irritiert.

Hermine sah genauer hin.

„Ja, tatsächlich“, bestätigte sie, „und bei den anderen da hat auch nicht jeder einen Besen.“

Ein Raunen ging durch die Zuschauerreihen und Zoe sah wieder hinauf zu dem Geschehen, wo sich gerade eine Massenkarambolage abspielte. Glücklicherweise konnten sich aber alle Flieger rechtzeitig fangen, sodass keiner von ihnen abstürzte oder gar vom Besen fiel.

„Glück gehabt!“ Hermine stieß Zoe in die Rippen. „Du kannst die Augen wieder aufmachen. Sind alle heil gelandet. Zumindest ohne schlimme Blessuren.“

Zoe hob den Kopf und sah zunächst Cormac, der sich lässig auf seinen Besen stützte, spöttisch lachte und sich zu ihnen umwandte. Mit einer unmissverständlichen Miene zuckte er grinsend mit den Schultern. Hermine erwiderte peinlich berührt sein Lächeln.

Nachdem sich der Gryffindor wieder dem Spielfeld zugewandt hatte, lehnte sich Zoe näher an ihre Freundin heran und flüsterte: „Scheint so, als hättest du heute einen Verehrer gewonnen.“

„Ach quatsch“, wehrte Hermine sogleich ab, wurde jedoch rot im Gesicht, „das war bloße Höflichkeit.“

Zoe kicherte. „Erst buhlt Ron heute Morgen, nach deiner Aufmerksamkeit und jetzt-“

„Ron – bitte was“, fragte Hermine erschrocken, zuckte zusammen und setzte sich aufrecht auf dem Sitzplatz.

„Ist dir das nicht aufgefallen?“, wollte Zoe amüsiert wissen.

„Ich … w-wich …“ Hermine stammelte. „Also, was meinst du?“

„Er hat ständig dazwischengequatscht, als du von Harry geschwärmt hast!“

„Ich hab nicht von Harry geschwärmt“, stritt Hermine sofort ab.

„Ronald hat das scheinbar anders gesehen“, flötete Zoe amüsiert.

Einige Bewerber stürmten lachend und brüllend vom Platz und zogen damit wieder die Aufmerksamkeit der Mädchen auf das Geschehen. Offensichtlich hatte Harry alle Anwesenden aus fremden Häusern des Spielfeldes verbannt.

In der nächsten Stunde testete Harry die ernsthaften Kandidaten unter Verlust mehrerer Zähne und eines Kometen Zwei-Sechzig und entschied sich für drei Jägerinnen, darunter auch Ginny. Dann folgten die Testspiele der Treiber, die Zoe kaum verfolgte, weil sie in Hermines Tagespropheten las.

„Hast du gehört, was Cormac über Ginny gesagt hat?“, fragte Hermine empört und beugte sich zu Zoe herüber.

Zoe blickte vom Zeitungsteil auf und schüttelte stumm den Kopf.

„Unerträglich, dieser Typ!“, zischte Hermine kopfschüttelnd. Dann sah sie wieder aufs Feld hinaus. „Gleich kommt Ron!“

„Drückt mir die Daumen, Mädels!“ Cormac hatte sich abermals zu ihnen umgewandt, lächelte galant und marschierte dann auf das Spielfeld.

Zoe und Hermine sahen einander an und Hermine rollte mit den Augen, während Zoe die Zeitung auf ihren Schoß legte.

Nacheinander flogen die potenziellen Hüter hinauf zu den Torstangen, um die drei Ringe vor den Strafschüssen der neuen Jägerinnen zu schützen. Aber keiner war so geschickt, wie Cormac. Er fing den Quaffel bei jedem Schuss mit Präzision, sodass Hermine bereits nervös auf der Unterlippe kaute.

„Das schafft Ron nie“, murmelte sie und zog sich den Schal höher.

„Warte mal ab“, beruhigte Zoe ihre Freundin, aber die Muggelgeborene rutschte nur nervös auf ihrem Sitzplatz herum.

„Sieh ihn dir doch an.“ Sie und deutete auf Ron, der immer noch auf dem Rasen stand.

Er war bleich, reglos und sah aus, als würde er jeden Moment vom Besen kippen.

„Vier von fünf gehalten“, wimmerte Hermine.

Und dann tat sie etwas Erstaunliches. Die Gryffindor zog sich den Schal über den Mund, zog den Kopf ein und deutete unter ihrem Umhang mit der Spitze ihres Zauberstabes auf die Torstangen. Zoe konnte deutlich ein leises „ Confundo “ hören.

Just in dem Moment, da der Quaffel auf Cormac zuflog, verloren seine Augen für einen Augenblick ihren Fokus. Dann preschte er mit einem verwirrten Gesichtsausdruck genau in die entgegengesetzte Richtung los, die Arme hilflos ausgestreckt, als würde er nach etwas greifen, das nicht da war.

Der Quaffel flog ungehindert durch die Torringe.

Ein paar Mädchen auf den Tribünen quietschten enttäuscht, während Cormac orientierungslos in der Luft schwebte. Er schüttelte den Kopf wie jemand, der aus einem Tagtraum erwachte, sah verwirrt zu den Torstangen und rieb sich die Stirn.

Harry pfiff scharf und Cormac blinzelte mehrmals, offensichtlich noch immer nicht ganz bei sich. Seine Bewegungen waren unsicher, als er sich wieder in Position zu bringen suchte.

Fassungslos sah Zoe ihre Freundin an, deren Zauberstab nun nicht mehr zu sehen war.

„Das hast du jetzt nicht wirklich getan?“, fragte sie ungläubig.

„Was getan?“, sprach Hermine in heller Tonlage.

„Jetzt ist Ron dran“, rief jemand aus den hinteren Reihen.

Zoe sah, wie Hermine den Kopf hob, und so gab sie der Slytherin den Blick auf die Tribüne, in deren unterste Ränge Lavender Brown saß und sich überschwänglich über die Rehling beugte, um Ronald Glück zu wünschen.

„Das wird hart für ihn“, stellte Hermine fest, die es noch immer vermied, Zoe anzusehen.

Gebannt sahen sie ihrem Freund dabei zu, wie er die Torstangen verteidigte und es tatsächlich schaffte, alle fünf Schüsse zu blocken. Hermine jauchzte vor Freude.

„Er hat’s geschafft“, japste sie.

Zoe zog amüsiert eine Braue nach oben und wiederholte: „ Er hat’s geschafft?“

Hermine räusperte sich und auf ihren Wangen zeichneten sich rote Flecken ab.

„Zoe, bitte … Du darfst es keinem verraten!“, flehte sie.

Die Slytherin stimmte lächelnd zu und dann wurde sie auf den Tumult auf dem Spielfeld aufmerksam.

„Was ist da los?“, fragte Hermine.

„Scheinbar ist Cormac etwas unzufrieden …“

„Lass uns nachsehen gehen.“

Sie eilten auf den Rasen und tatsächlich bekamen sie die letzten Fetzen eines Streitgesprächs mit. Harry, als Kapitän, hatte jedoch das Schlusswort und Cormac McLaggen ging mit finsterer Miene von dannen.

Während Hermine Ron beglückwünschte, kamen auch Lavender und Parvati auf das Spielfeld gelaufen, um die neue Gryffindor-Mannschaft zu beglückwünschen. Diese ließen sich ein wenig feiern und nachdem sie einen Trainingstermin abgemacht hatten, löste sich die Gruppe allmählich auf.

„Nur noch umziehen, dann können wir los“, sagte Harry und schlug Ron anerkennend auf die Schulter.

Dieser strahlte vor Erleichterung und Stolz.

Während die Jungen in den Umkleidekabinen verschwanden, blieben Zoe und Hermine am Rand des Spielfelds zurück. Auch die anderen Zuschauer verließen nach und nach das Stadion, doch die beiden warteten geduldig. Ein wenig später kamen Harry und Ron erfrischt und gutgelaunt aus den Umkleidekabinen. Sie verabschiedeten sich vom Rest der Mannschaft und schlugen den Weg zu Hagrids Hütte ein.

Der Nieselregen verebbte allmählich und die Sonne kämpfte sich zwischen den grauen Wolken hindurch und erhellte ihnen den Weg.

„Ich dachte schon, diesen vierten Strafschuss würd ich verpassen“, meinte Ron, mit den Gedanken noch immer beim Auswahlspiel. „War ’n raffinierter Schuss von Demelza, habt ihr den gesehen, der hatte so ’nen leichten Drall-“

„Ja, ja, du warst großartig“, lobte Hermine ihren Freund mit seltsam funkelnden Augen, dann grinste sie Zoe an.

„Jedenfalls war ich besser als dieser McLaggen“, betonte Ron überglücklich. „Hast du gesehen, wie er bei seinem fünften in die falsche Richtung gerumpelt ist? Sah aus, als hätte ihm jemand einen Verwechslungszauber …“

Hermine senkte den Blick zu Boden und dieses Mal musste Zoe sich das Grinsen verkneifen. Als sie sich Hagrids Hütte näherten, sahen sie von Weitem schon Seidenschnabel, der vor der Tür angeleint war. Die Erinnerung an den Hippogreif, der im ganzen vergangenen Jahr in einem düsteren Zimmer am Grimmauldplatz gelebt hatte, ließ ihr übel werden. Nicht, wegen Seidenschnabel, sondern weil sein Anblick sie sofort an Sirius erinnerte – ein weiteres Familienmitglied, das sie verloren hatte.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Harry zu ihr herübersah, Rons Quidditch-Erzählungen ignorierend. Ihre Blicke begegneten sich für einige Herzschläge lang und Zoe war sofort klar, dass ihr Freund dasselbe dachte.

„Meine Güte.“ Hermine biss sich auf die Unterlippe, als sie näher kamen. „Er macht einem immer noch ein bisschen Angst, stimmt’s?“

„Nun hör aber auf“, rief Ron aus, „du bist doch auf ihm geritten, oder?“

Harry löste sich von ihnen, trat etwas näher an das magische Tierwesen heran und verbeugte sich tief vor ihm. Schon nach ein paar Sekunden, tat Seidenschnabel es ihm nach und er trat näher heran, um ihn zu kraulen.

Zoe, Ron und Hermine blieben in ausreichender Entfernung zu ihm stehen, um sie zu beobachten, als eine laute Stimme „He“ rief.

Der Wildhüter eilte mit großen Schritten hinter seiner Hütte hervor. In der Hand trug er einen Sack Kartoffeln und seine urige Gestalt war von einer geblümten Schürze bedeckt.

„Weg da von dem! Der beißt euch noch die Finger – oh. Ihr seid das.“

Er wurde von seinem laut bellenden Saurüden überholt, der auf sie zugerannt kam, um sie zu begrüßen. Zoe streichelte dem hektischen Rüden im Vorbeilaufen über den Rücken.

Ron schüttelte sich, weil Fang an seinen Ohren leckte, und als Zoe wieder aufsah, war Hagrid verschwunden. Das laute Knallen verriet, dass er die Tür seiner Hütte hinter sich zugeschlagen hatte.

Überrascht sahen sich die Teenager an.

„Scheint so, als sei er etwas sauer“, sagte Zoe und beugte sich wieder zu Fang herab.

„Ach je!“, stöhnte Hermine.

„Mach dir deswegen keine Sorgen“, meinte Harry und ließ Seidenschnabel stehen.

Dann ging er zur Tür, klopfte energisch dagegen und rief: „Hagrid! Mach auf, wir wollen mit dir reden!“

Es kam jedoch keine Antwort.

„Wenn du die Tür nicht aufmachst“, donnerte Harry und zog seinen Zauberstab, „sprengen wir sie auf!“

Hermine sprang erschrocken nach vorne. „Harry! Du kannst doch unmöglich-“

„Ich kann sehr wohl!“, entgegnete dieser. „Geht zurück-“

Noch bevor er einen Spruch hätte sagen können, ging die Tür wieder auf und Hagrid stand raumausfüllend im Rahmen. Finster sah er auf Harry hinab und brüllte wütend: „Ich bin ein Lehrer! Ein Lehrer, Potter! Wie kannst du’s wagen, meine Tür aufzubrech’n!“

„Tut mir leid, Sir“, erwiderte Harry und steckte den Zauberstab ein.

Hagrid hielt einen Moment verwundert inne und Zoe musste über den verwirrten Ausdruck in seinem Gesicht schmunzeln.

„Seit wann nenns’ du mich ‚Sir’?“, fragte er.

„Seit wann nennst du mich ‚Potter’?“, erwiderte Harry und Hermine kicherte.

Hagrid sah geschlagen zu ihnen hinüber.

„Oh, sehr schlau“, grummelte er. „Sehr witzig. Da haste mich aber ausgetrickst, was? Na gut, dann kommt halt rein, ihr undankbaren kleinen …“

Den Rest seiner Worte murmelte er in seinen langen, zerzausten Bart. Zoe folgte ihren Freunden in die dunkle Hütte und setzte sich neben Harry an den Holztisch.

Hagrid schloss die Tür hinter ihnen und sah sie mürrisch der Reihe nach an. „Nu?“

„Bekommen wir keinen Tee?“, fragte Zoe und sah vorwurfsvoll zu dem Hünen auf.

Hagrid blieb einen Moment vor ihnen stehen, dann grummelte er und sagte: „Doch … klar …“ Und ging hinüber zum Ofen, um Wasser aufzustellen, bevor er sich wieder umwandte.

„Was soll das? Schlechtes Gewissen weg’n mir? Denkt wohl, ich wär einsam oder was?“

„Nein“, entgegnete Harry und kraulte Fangs Kopf, der auf seinem Schoß lag. „Wir wollten dich sehen.“

„Wir haben dich vermisst!“, betonte Hermine mit zittriger Stimme. Hermine schien eingeschüchtert von Hagrids Gebaren.

„Mich vermisst, ach so?“ Hagrid schnaubte. „Jaah. Klar.“

„Natürlich haben wir das“, sagte Zoe und zog verärgert die Brauen zusammen.

Hagrid wisch ihrem Blick aus, wandte sich zum Kupferkessel um und nuschelte wieder in seinen Bart. Dann stellte er ein paar eimergroße Tassen und einen Teller mit Felsenkeksen auf den Tisch. Wortlos befüllte er die Teekanne mit Kräutern und goss das heiße Wasser darüber.

Die Freunde sahen einander verzweifelt an. Harry zuckte mit den Schultern und auch Zoe wusste nicht so recht, wie sie anfangen sollte. Dann setzte sich Hagrid zu ihnen an den Tisch, zog einen Korb Kartoffeln heran und schälte sie mit einer solchen Ruppigkeit, dass sie beinahe glaubte, die Knollen schreien zu hören.

„Hagrid“, begann Hermine zögerlich. „Wir wollten wirklich mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen, weißt du?“

Der Wildhüter brummte nur ungläubig und sah nicht einmal auf.

„Das stimmt, Hagrid“, pflichtete Zoe bei und kramte in ihrem Hinterstübchen nach einer positiven Erinnerung aus dem grauenvollen Unterricht. „Es war so toll, als du uns die Einhörner gezeigt hast, oder die Niffler.“ Ihre drei Freunde nickten sofort eifrig. „Aber die UTZ-Kurse sind so anspruchsvoll und wir hatten einfach Sorge, dass wir das alles nicht schaffen, oder Hermine?“

„Ja“, pflichtete die Gryffindor ihr sofort bei. „Keiner von uns hat es mehr in seinem Stundenplan untergekriegt!“

„Jaah“, antwortete Hagrid darauf nur. „Klar“

Ein merkwürdig schmatzendes Geräusch kam aus dem Fass in der Ecke und zog ihre Aufmerksamkeit an. Hermine schrie hell auf und Ron, der dem Gefäß am nächsten gewesen war, sprang von seinem Stuhl auf und rannte auf die andere Tischseite.

Zoe hob sich ein wenig vom Platz, um hineinsehen zu können, und versuchte augenblicklich, sich ihren Ekel nicht ansehen zu lassen.

„Was ist das, Hagrid?“ Harrys Stimme klang skeptisch.

„Nur Riesenraupen“, antwortete der Wildhüter.

„Und aus denen werden mal … ?“, fragte Ron misstrauisch.

„Gar nix wird aus denen mal“, unterbrach Hagrid ihn barsch. „Ich hab die nur als Futter für Aragog.“

Ohne Vorwarnung kullerten Tränen aus seinen großen dunklen Käferaugen und rollten in seinen Bart. Zoe war so verblüfft, dass sie zunächst keine Worte fand. Hermine sprang unterdessen vom Stuhl, ging zu Hagrid und legte ihm eine Hand auf den bebenden Arm.

„Hagrid!“, sprach sie besorgt. „Was ist denn?“

„Es is’ … wegen ihm …“, schluchzte der Wildhüter und wischte sich mit der Schürze über das Gesicht. „Es is’ … Aragog … ich glaub, er stirbt … Er is’ im Sommer krank geworden und’s wird nich besser mit ihm … Ich weiß nich, was ich tun soll, wenn er … wenn er … wir sin’ so lang zusammen gewesen …“

Ratlos sah Zoe zu Harry, der genauso betreten dreinblickte wie Ron. Es fiel den dreien schwer, Mitleid mit der riesigen Spinne zu empfinden, weil sie im zweiten Schuljahr nur knapp mit dem Leben davongekommen waren, nachdem Hagrid sie in Aragogs Kolonie geschickt hatte.

Hermine hatte sich scheinbar besser im Griff. Mitfühlend tätschelte sie Hagrids Arm und fragte: „Können wir – können wir irgendwas tun?“

Ron schüttelte hinter Hagrids Rücken energisch mit dem Kopf, doch zu Zoes Erleichterung antwortete dieser nur: „Ich glaub nich, Hermine. Weißt du, der Rest vom Stamm … die Familie von Aragog … die werden ’n bisschen komisch, jetzt wo er krank is’ … bisschen zapplig …“

„Jaah“, warf Ron halblaut ein, „ich glaub, von der Seite haben wir sie schon ein bisschen kennen gelernt.“

„… ich glaub, es wär im Moment nich sicher, wenn jemand außer mir in die Nähe von der Kolonie geht.“ Hagrid schnäuzte in die Schürze hinein und hob dann lächelnd den Kopf. „Aber danke fürs Angebot, Hermine … weiß ich zu schätzen …“

Hermines Hilfsbereitschaft stimmte Hagrid wieder milder und nach einer Weile sagte er: „Ah, ich hab immer gewusst, ’s wird schwierig für euch, mich in euern Stundenplan zu quetschen. Selbst wenn ihr Zeitumkehrer beantragt hättet-“

„Das wär nicht gegangen“, warf Hermine sofort dazwischen. „Wir haben den ganzen Ministeriumsbestand an Zeitumkehrern demoliert, als wir im Sommer dort waren. Es stand im Tagespropheten .“

„Ah, na denn“, grummelte der Wildhüter mit seiner dunklen Stimme, „hättet ihr’s gar nich machen können … ’tschuldigung, dass ich – ihr wisst schon – hab mir nur Sorgen gemacht wegen Aragog … und ich hab mich gefragt, ob ihr, wenn Professor Raue-Pritsche euch unterrichtet hätt’-“

„Sie kann dir gar nicht das Wasser reichen, Hagrid!“, beteuerte Zoe sofort und warf den Jungs einen auffordernden Blick zu.

„Sie ist eine schreckliche Lehrerin“, pflichtete Harry ihr bei.

„Wir waren froh“, betonte Ron, „als du zurück warst – ehrlich!“

Zum Glück konnte Hagrid nicht die auf seinem Rücken gekreuzten Finger sehen und der Zuspruch munterte ihren großen Freund sichtlich auf und er stellte ihnen munter eine Schale Felsenkekse auf den Tisch.

Als sie sich verabschiedeten, war die Sonne bereits hinter den Bergen versunken. Hagrid winkte ihnen von seiner Tür aus nach.

„Das lief besser als gedacht“, meinte Hermine erleichtert, als sie den Hang hinaufstiegen.

„Ich verhungere gleich“, moserte Harry, der energisch voranging. „Und ich hab heute Abend dieses Nachsitzen bei Snape, also nicht viel Zeit zum Abendessen …“

Sie betraten die Eingangshalle und steuerten zielsicher mit ein paar anderen Gryffindors die Große Halle an. Zoe sah, wie Cormac McLaggen zwei Mal hintereinander gegen den Türrahmen rannte und sich verwirrt umsah, als könne er nicht ganz begreifen, was mit ihm los war.

Während Ronald schadenfroh lachte, bedachte Zoe Hermine nur mit einem vorwurfsvollen Blick. Die Muggelgeborene zog den Kopf etwas ein, und als Ron an ihnen vorbeigegangen war und bereits die Große Halle betrat, schnappte Harry Hermine am Arm und hielt sie zurück.

„Was ist?“, fragte sie, während ihr die Röte ins Gesicht stieg.

„Wenn du mich fragst“, flüsterte der Gryffindor leise, „dann sieht McLaggen tatsächlich so aus, als hätte ihn jemand mit einem Verwechslungszauber belegt. Und er stand genau vor dem Platz, auf dem du gesessen hast.“

„Okay, na schön, ich hab’s getan“, zischte Hermine gereizt und schüttelte Harrys Arm ab. „Aber du hättest hören sollen, wie der über Ron und Ginny hergezogen ist! Jedenfalls hat er eine fiese Art, du hast ja gesehen, wie er reagiert hat, als er nicht aufgenommen wurde – so einen hättest du doch nicht in der Mannschaft haben wollen.“

Während Hermine und Harry noch tief in ihre Diskussion versunken waren, glitt Zoe unbemerkt an ihnen vorbei und steuerte den Tisch der Slytherins an, um etwas Zeit mit Daphne und Tracey zu verbringen. Doch bevor sie ihr Ziel erreichte, lief sie Professor Slughorn direkt in die Arme.

„Miss Dumbledore, schön sie anzutreffen“, begrüßte er sie überschwänglich und stemmte die Hände in den Rücken. „Lassen Sie nach dem Abendessen etwas Platz für einen kleinen Imbiss, den ich in meinen privaten Räumen gebe. Miss Bobbin, Mr Zabini und Mr McLaggen werden ebenfalls kommen und ich hoffe, ihre beiden Freunde aus Gryffindor noch zu finden. Sie haben sie nicht zufällig gesehen?“

Zoe, vollkommen überrumpelt, deutete nur hinter sich und Slughorns folgte ihrer Geste. Seine Augen weiteten sich, als er Harry erkannte.

„Schön, schön“, murmelte er und wandte sich rasch ab, „ich erwarte sie um acht Uhr in meinem Büro.“

Und mit diesen Worten ließ er sie einfach stehen. Zoe sah ihm finster hinterher und ging dann zu ihrem Haustisch, wo ihre Freundinnen bereits auf sie warteten.