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Ein dunkles Omen

Zoe Dumbledore Und Der Halblutprinz — www.fanfiktion.de · All chapters

Ein dunkles Omen

Als Zoe Tracey und Daphne von Slughorns Einladung berichtete, warfen sie ihrer Freundin neidvolle Blicke zu.

„Was wird dort beredet?“, fragte Tracey, während sie in ihrem Nachtisch herumstocherte.

„Nichts Wichtiges“, antwortete Zoe augenrollend, „ich hab so das Gefühl, dass er nur mehr über uns erfahren will.“

„Die Slug-Partys sind berühmt-berüchtigt“, sprach Daphne und tupfte sich die Lippen mit ihrer Serviette ab. „Dad hat davon schon viel erzählt. Wer sich gut mit Professor Slughorn stellt, der hat Chancen auf einen Karrieresprung, weil er die richtigen Leute kennt.“

„Wer ist noch alles da?“ Tracey lehnte sich wissbegierig nach vorne und Zoe zählte all jene auf, die auf der Hinfahrt im Abteil gesessen hatten.

„Longbottom?“, wiederholte sie ungläubig und ließ ihre Gabel sinken. Um sie herum dämpfte das Gemurmel der Großen Halle zu einem behaglichen Hintergrundgeräusch. „Der bekommt doch keinen Schwebezauber hin, ohne selbst an der Decke zu kleben.“

Die Slytherins in ihrer Hörweite kicherten. Zoe spürte, wie sich ihre Schultern verspannten, und sie schüttelte energisch den Kopf, während sie ihren Kürbissaft im Glas schwenkte. „Er ist in den letzten Wochen sehr viel besser geworden.“

„Sein Können wird auch kaum der Grund der Einladung sein“, entgegnete Daphne nüchtern und tupfte sich die Lippen mit ihrer Serviette ab, bevor sie sich alle vom Tisch erhoben, um hinab in die Kerker zu schlendern. „Seine Eltern waren erfolgreiche Auroren und sein Vater stammt aus einer Linie, die zu den Unantastbaren Achtundzwanzig gehören.“

Als sie ihren Gemeinschaftsraum erreicht hatten, suchten die Mädchen sich eine ruhige Ecke, in der sie ungestört ihre Hausaufgaben erledigen konnten. Draco saß allein am Nebentisch, den Kopf in die Hände gestützt, während er nachdenklich auf ein paar Notizen starrte. Zoe nahm ihn nur beiläufig wahr, doch als sie sich auf den Stuhl setzte, der Rücken an Rücken mit seinem stand, zuckte sein Kopf plötzlich in ihre Richtung. In einem einzigen, hastigen Zug packte er seine Sachen zusammen, sprang auf und verschwand mit schnellen Schritten im Jungenschlafsaal.

Nur wenige Minuten später erschien Pansy am Tisch, ihre Augen suchend durch den Raum wandernd. Sie hielt einen Moment inne und wandte sich dann an Daphne, die gerade in ihr Buch vertieft war.

„Hast du Draco gesehen?“, fragte Pansy mit einem leicht fordernden Ton, der nicht zu überhören war.

Daphne hob den Kopf und schüttelte ihn. „Nein, habe ich nicht.“

Pansy schnaubte verächtlich und ging schmollend zum Sofa zurück, wo sie sich kurz darauf mit Millicent flüsternd unterhielt.

Die Stunden bis zum Abend verstrichen in träger Routine mit Hausaufgaben, halbherzigen Gesprächen und dem stetigen Strom von Schülern durch den Gemeinschaftsraum. Zoe versuchte, sich auf ihren Aufsatz zu konzentrieren, doch ihre Gedanken kreisten immer wieder um Slughorns bevorstehende Party.

Um kurz vor acht löste sich Blaise von einer Gruppe Siebtklässler am Kamin und kam zu ihrem Tisch herüber. Etwas widerwillig packte die Slytherin ihre Sachen zusammen und folgte ihrem Mitschüler hinaus auf den Korridor.

„Slughorn hat im Zug gesagt, deine Mutter habe Du-weißt-schon-wenherausgefordert“, erzählte Blaise, während sie alleine durch den Gang gingen, und es klang beinahe so, als läge ihm diese Frage schon lange auf der Zunge.

Zoe sog die Luft ein. „Professor Slughorn redet viel …“

„Also ist es nicht wahr?“, hakte der Slytherin nach.

Sie zuckte nur mit den Schultern, aber das war ihrem Hausgenossen nicht genug.

„Weißt du es etwa nicht?“

„Ich war nicht dabei“, brachte Zoe genervt hervor. „Ich war noch ein Baby, als sie starb …“

Der Dunkelhäutige zog betont eine Braue in die Höhe. Doch bevor er widersprechen konnte, bogen sie scharf um die nächste Ecke und ein unverwechselbarer blonder Haarschopf tauchte vor ihnen auf. Mit energischen Schritten eilte er voran.

„Hey, Draco“, rief Blaise seinem Freund sogleich hinterher. „Wohin gehst du?“

Der Blonde drehte sich um und strafte seinen Hausgenossen mit einem verachtenden Blick.

„Das geht dich gar nichts an“, zischte der Vertrauensschüler über die Schulter und beschleunigte seinen Schritt noch, um die beiden Slytherins hinter sich zu lassen.

Blaise verzog ungehalten das Gesicht.

„Immer noch so ne miese Laune …“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu Zoe.

„Warum, immer noch?“, wollte Zoe sofort wissen.

„Hast du es nicht im Tagespropheten gelesen?“ Der Slytherin sah sie verwundert an. „Sie haben das Manor durchsucht, auf einen anonymen Tipp hin. Aber scheinbar nichts gefunden.“

Sie erreichten den Gang, in dem Professor Slughorns Büro lag.

„Aber wenn man nichts gefunden hat“, wiederholte Zoe verwundert, „ist das doch kein Grund für schlechte Laune.“

Blaise zuckte nur mit den Schultern, es schien ihn auch nicht weiter zu interessieren. Stattdessen klopfte er an. Professor Slughorn öffnete ihnen persönlich und gutgelaunt die Tür. Nach einer förmlichen Begrüßung bat er sie herein und sprach: „Kommen sie, setzten sie sich. Damit ist unsere Gesellschaft komplett. Mr Potter ist leider verhindert, denn Professor Snape gab meiner Bitte, ihn freizustellen, leider nicht nach. Sehr schade, sehr schade.“

Zoe und Blaise nahmen die verbliebenen Plätze an einem kreisrunden Tisch ein und als Slughorn mit der Zunge schnalzte, erschienen ein paar Hauselfen, um sie zu bedienen.

„Kennen Sie schon Melinda Bobbin?“, plauderte Slughorn derweil in die Runde. „Ihre Familie besitzt eine Apothekenkette …“

Zoe hörte nicht weiter zu. Stattdessen sah sie geistesabwesend den Tisch entlang, während ihr Lehrer sie mit Smalltalk langweilte, und begegnete dabei Ginnys Blick. Die Rothaarige lächelte und deutete dann ein Augenrollen an, bevor sie sich wieder Slughorn zuwandte. Die Slytherin unterdrückte ein Grinsen.

„Auch ein paar Häppchen?“ McLaggen, hielt ihr einen goldenen Teller unter die Nase und Zoe lehnte dankend ab.

Sie war noch immer vom Abendessen gesättigt.

„Sie sollten wissen, dass ich für Weihnachten etwas Außergewöhnliches plane. Meine früheren Schützlinge liebten es“, schwärmte Slughorn, „es war das Highlight des Jahres, alle fieberten darauf hin. Freuen sie sich also auf etwas Großes …“ Er machte eine Pause und schüttete den Inhalt seines Kelches schwungvoll hinunter. „Ach, warum sollte ich sie länger auf die Folter spannen, nicht?“ Er hickste, bevor er fortfuhr. „Es wird eine Weihnachtsfeier geben. Eine Feier für eine Handvoll erlesener Personen. Ehemalige Schüler, alte Freunde und natürlich sie alle hier werden eingeladen und sie können einen Tanzpartner mitbringen.“

Zoe fiel die Gabel aus der Hand. Es klirrte laut und für einen kurzen Moment starrten sie alle an. Melinda kicherte dämlich und Zoe bemerkte den sorgenvollen Ausdruck auf Hermines Gesicht.

Eine Weihnachtsfeier hatte ihr gerade noch gefehlt.

Während Slughorn in Schwärmereien von den vergangenen Veranstaltungen verfiel, rotierten in Zoes Kopf bereits die Gedanken, um nach einer Ausrede zu suchen. Doch es war ihre beste Freundin, die ihr einen Strich durch die Rechnung machen sollte.

„Wen willst du zu Slughorns Party mitnehmen?“, wollte Hermine am nächsten Tag, wissen, als sie gemeinsam auf dem Weg zum Unterricht waren.

Zoe zuckte nur mit den Schultern. „Ich hab nicht vor daran teilzunehmen …“

„Ach, Zoe“, widersprach Hermine, „du kannst mich doch nicht alleine da lassen.“

„Du wirst nicht alleine sein“, gab Zoe zurück, „er hat ja ein ganzes Geschwader von Leuten eingeladen.“

„Komm schon, das wird ein toller Abend werden. Wir feiern ein wenig und lernen interessante Kontakte kennen“, sprach Hermine. „Ich denke, das könnte wichtig für uns werden.“

Zoe schnaubte nur. „Und wen möchtest du mitnehmen?“

„Ich denke, ich werde Ron fragen“, antwortete Hermine und es klang, wie ein einstudierter Text. „Mir schien, dass er etwas angefressen war, weil Slughorn ihn nicht eingeladen hat, und so könnte er immerhin dabei sein. Wir wären dann alle zusammen, das wäre doch toll, oder?“

„Ich weiß nicht.“

„Selbst wenn die Party langweilig wird, wenn wir zusammen sind, kann es doch nur lustig werden“, ermutigte Hermine sie.

„Es ist mir ehrlich gesagt schon zu viel, mir eine Begleitung zu suchen.“ Die beiden Mädchen blieben im Korridor stehen, weil sie an der Stelle angekommen waren, an der sich ihre Wege trennten.

„Hast du …“ Hermine zögerte. „Hast du dich, seit der Sache mit Cedric, denn überhaupt mal wieder für jemanden interessiert?“

Die Slytherin seufzte. „Nein. Besser wenn nicht, denn irgendwann sterben alle, die ich mochte. Es grenzt an ein Wunder, dass Professor Snape noch nichts zugestoßen ist – wobei … da er ja nun der Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste geworden ist und keiner seiner Vorgänger war länger als ein Jahr da …“

„Ach Zoe“, sprach Hermine traurig und versuchte sie aufzuheitern, „bei uns Muggeln gibt es ein Sprichwort: Schlechten Menschen geht es immer gut …“

„Er ist kein schlechter Mensch!“, beharrte Zoe energisch und sah ihre Freundin vorwurfsvoll an.

Die Gryffindor beherrschte sich, erwiderte stattdessen nur: „Naja … er ist schon ganz schön oft fies zu uns gewesen … und zu Harry …“

„Aber nicht zu mir! Nie!“

Sie verfielen ein wenig in Schweigen, bis Zoe sich endlich ein Herz fasste und das aussprach, was ihr schon seit Wochen auf der Seele lastete. „Mit jedem Schuljahr wird es nur noch schlimmer.“

„Was meinst du?“, hakte Hermine sachte nach.

„Erst meine Eltern, Cedric und … und Sirius … Ich hab so große Angst vor dem, was kommt.“

Die Gryffindor nahm ihre Freundin in den Arm und flüsterte leise: „Es kommt nichts, Zoe.“

„Doch, das wird es“, widersprach die Sechzehnjährige und versuchte, die Tränen weg zu blinzeln. „Ich weiß es genau, Hermine. Ich weiß nur nicht was und ich hab so große Angst davor … dass es … dass es mich kaputt macht …“

Sie schluchzte in Hermines buschiges Haar.

„Wir hätten Pettigrew umbringen sollen!“, flüsterte Zoe, als sie sich wieder etwas gefangen hat. „Ich denke fast jede Nacht daran. Dann würde Cedric noch leben – und Sirius. Und alles wäre nicht so aussichtslos wie jetzt. Ich muss immerzu daran denken Hermine, das wir es damals hätten tun können und alles wäre anders! Ich würde alles für diesen Zeitumkehrer geben.“

„Der würde dir jetzt auch nichts mehr nützen, Zoe. Geschehen ist geschehen und Pettigrew zu töten wäre nicht richtig gewesen.“

„Es ist mir egal, ob es richtig gewesen wäre!“, fauchte Zoe und ließ ihre Freundin los. „Es ist auch nicht richtig, dass ich all diese Menschen in den letzten Jahren verloren habe!“

„Das hab’ ich auch nicht-“

„Gute Nacht!“ Zoe machte auf dem Absatz kehrt und nutze die Trauer und die Wut dafür den Weg hinab in die Kerker schnell hinter sich zu bringen.

Natürlich wusste sie, dass Hermine Recht hatte. Ihr Verstand wusste es, doch ihr Herz wollte es einfach nicht immer wahrhaben.

„Weißt du, wo dein Großvater ist?“, fragte Harry am nächsten Morgen beim Frühstück und ruckte mit dem Kopf in Richtung des Lehrertisches. „Ich hab’ ihn seit Tagen schon nicht mehr gesehen.“

Zoe folgte seinem Blick, zuckte dann mit den Schultern und antwortete: „Am Sonntag, als wir zu Abend gegessen haben.“

„Trefft ihr euch jetzt jeden Sonntag?“ Hermine sah sie neugierig an.

Zoe nickte nachdenklich. „Ja, scheint so …“

„Er wird aber nicht die Sonderstunden vergessen haben?“, grübelte Harry.

„Als hätte Dumbledore je etwas vergessen“, meinte Ron. „Der hat doch sicher ein Gedächtnis wie ein Erumpent.“

„Vermutlich ist er einfach zu beschäftigt“, gab Hermine zu bedenken.

„Aber mit was?“, fragte Harry und sah Zoe erwartungsvoll an, doch Hermine kam ihm zuvor.

„Na hör mal, der Orden ist bestimmt total ausgelastet und jetzt, da man seine Meinung wieder schätzt, könnte ich mir vorstellen, dass er auch einige Termine im Ministerium wahrnimmt.“ Sie machte eine Pause und tat sich und Zoe Müsli in die Schüssel. „Er wird dich schon nicht vergessen.“

Doch Zoe fiel die Frustration in Harrys Miene auf. Kurz darauf erhielten sie jedoch alle eine Nachricht, welche ihre Laune erheiterte: Mitte Oktober fand bereits das erste Hogsmeade-Wochenende statt, an dem die Schüler ab der dritten Klasse das nahegelegene Zaubererdorf besuchen durften.

Während ihre Freunde eifrig Pläne für ihre Ausflüge schmiedeten, fragte Zoe sich, ob sie überhaupt mutig genug war, das schützende Gelände von Hogwarts zu verlassen. Das uralte Schloss war von einer Vielzahl von alten Schutzzaubern umgeben und nicht zuletzt war es auch die Präsenz ihres Großvaters, die Zoe Sicherheit gab.

Nach Hogsmeade konnte jeder apparieren, der dieser Fähigkeit mächtig war, und wer konnte ihr versichern, dass nicht ein Todesser in den Gassen des Zaubererdorfes auf sie lauerte. Der Slytherin wurde bei dem Gedanken ganz flau im Magen.

„Ich werde nicht mitkommen“, verkündete Zoe leise.

Die Gespräche am Tisch verstummten und ihre Freunde sahen sie überrascht an.

„Warum nicht?“, wollte Ron wissen. „Es ist die einzige Auszeit, die wir uns zwischen der Lernerei gönnen können.“

Zoe sah sich in der Großen Halle um, wo gerade hunderte von Schülern frühstückten, lachten und ihre Ausflüge planten. Sie alle fühlten sich so sicher. Als wäre Hogwarts nur eine Schule, nicht eine Festung, und als wäre die Welt derzeit nicht voller Gefahren.

Aber Zoe wusste es besser. Sie hatte die Narbe auf ihrer Seele, die sie daran erinnerte, dass Voldemort dort draußen war. Sie hatte die Erinnerung an Cedrics ausdruckslose tote Augen, an Sirius‘ Sturz durch den Schleier. Die Welt außerhalb dieser Mauern war nicht mehr sicher für sie. Vielleicht war sie es nie gewesen.

Hogwarts mit seinen uralten Schutzzaubern, mit ihrem Großvater als Schulleiter, mit den vertrauten Korridoren und der Präsenz dutzender Professoren. Das war ihre Zuflucht. Hier konnte ihr niemand etwas anhaben.

Hogsmeade hingegen konnte jeder erreichen, der des Apparierens fähig war. In jeder Seitengasse konnten Todesser lauern.

Hermine schnaubte über Rons Bemerkung, erklärte jedoch: „Ist doch klar, es ist viel sicherer, für Zoe hierzubleiben, als in Hogsmeade herumzulaufen.“

Die Slytherin begegnete dem Blick aus Harrys grünen Augen und widmete sich ihrem Müsli. Er verstand es, schließlich befand er sich in der gleichen Situation. Nur dass er den Mut hatte, sich der Gefahr zu stellen.

Kurz vor dem Unterricht erhob sich Harry enthusiastisch mit Ronald vom Tisch, weil er Crabbe und Goyle noch vor der ersten Stunde auflauern wollte, um einen der Zauber des Halbblutprinzen an ihnen zu testen. Dabei ignorierte sie Hermines Mahnungen und einen Moment später waren die beiden auch schon verschwunden.

„Das ist so unverantwortlich!“, schimpfte Hermine empört und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen.

„Es sind doch nur Vincent und Gregory“, betonte Zoe und versuchte, ihre Freundin milde zu stimmen.

„Das ist egal! Er weiß nicht, was dieser Zauber bewirken“, protestierte die Muggelgeborene, „was, wenn einer von ihnen einen schlimmen Schaden verursacht?“

„Wie viel Schaden kann man bei den beiden noch anrichten?“, amüsierte sich Zoe schmunzelnd.

Hermine sah ihre Freundin missbilligend an.

„Bei Merlin, Hermine, dann geh ihnen nach und verpass ihm Strafarbeit … oder zieh ihnen Punkte ab, du bist doch Vertrauensschülerin.“

Ihre Miene verfinsterte sich. „Und das ist das Schlimme an der ganzen Sache: Ron amüsiert sich darüber. Das kann ihn sein Amt kosten …“

„Mach dir nicht so viele Sorgen, Hermine“, meinte Zoe, als sie sich für den Weg zum Unterricht bereitmachten. „Das sind doch nur harmlose Zauber eines Schuljungen. Und mal ehrlich, der Muffliato ist schon wirklich ganz praktisch, oder?“

Dem konnte Hermine nicht widersprechen, denn sie selbst hatte den Zauber, der das Belauschen verhinderte, nach einer skeptischen Betrachtung als befunden.

Die Woche zog sich dahin wie Bubbels Besten Blaskaugummi. Unterricht, Hausaufgaben, unruhige Nächte. Hermine hatte Zoes Absage, nicht nach Hogsmeade mitzukommen, mit besorgter Miene zur Kenntnis genommen, aber nicht weiter auf sie eingeredet.

Am Morgen des Ausfluges wütete ein herbstlicher Sturm, der die letzten goldgelben und roten Herbstblätter über die Ländereien trieb. Der Himmel war grau und verhangen und die erste Schneefront des Jahres kündigte sich an, doch noch hielten die bunten Blätter dem nahenden Winter stand.

Zoe blieb länger im Bett liegen, als üblich, weil es sie nicht in die zugigen Korridore zog, aber schließlich lockte sie der Hunger doch aus dem Schlafsaal. Durch die Fenster der Kerker drang nur fahles, grünliches Licht. Die Wasserpflanzen wogen sich im unruhigen Wasser und gelegentlich sah man den Schatten eines vorbeiziehenden Fisches. Es war diese einzigartige, fast melancholische Atmosphäre, die den Slytherin-Gemeinschaftsraum prägte. Als befände man sich in einer anderen Welt, abgeschnitten vom Wandel der Jahreszeiten über ihren Köpfen.

Sie fand ihre Freunde mit dicken Umhängen und Schals bewaffnet bereits am Frühstückstisch der Großen Halle und grüßte sie.

„Freut ihr euch auf Hogsmeade?“, fragte Zoe, nachdem sie Platz genommen hatte.

„Klar“, meinte Ron mit vollem Mund. „Endlich mal raus aus diesem Schloss.“

Zoe lächelte aufgesetzt. Dann bemerkte sie Professor Snape am Lehrertisch, der mit ausdrucksloser Miene seine Zeitung umblätterte.

Irgendwo da draußen, jenseits der schützenden Mauern von Hogwarts, lauerten Todesser. Warteten vielleicht sogar auf eine Gelegenheit.

„Zoe?“ Hermines Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Alles in Ordnung?“

„Ja“, log Zoe und wandte sich ihrem Frühstück zu. Aber das flaue Gefühl in ihrem Magen blieb.

Irgendwann lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf Ronald, der lautstark eine Geschichte zum Besten gab, die seine Zuhörer scheinbar gut unterhielt.

„… also, ich hatte da einen echt angenehmen Traum, aber Harry war wohl der Meinung, es sei genug damit“, fügte der Rothaarige grinsend hinzu.

„Häh?“ Zoe sah von ihrem Kakao auf, den sie sich gerade einschenkte.

„Naja, ich war so im Dämmerschlaf, dachte an nichts Böses und da riss es mich plötzlich kopfüber an die Decke.“

Die Jungs lachten, sogar Neville stimmte mit ein, doch Hermine war das Lachen vergangen.

„Wieso?“, fragte sie angespannt.

„Harry hat einen neuen Zauber probiert“, meinte Ron.

„Das wirkte echt bescheuert“, bezeugte Seamus. „Zuerst sah Ron aus, als würde ein Riese ihn am lebendigen Leib unter der Bettdecke hervorzerren, und dann nahm sein Kopf die Farbe seiner Haare an.“

„Harrys Zauber hat dich an den Füßen aus dem Bett gerissen?“, fasste Hermine schockiert zusammen und sah den Brillenträger fassungslos an.

„War halb so wild“, meinte Ron amüsiert, „als der Schreck erst mal vorbei war, blitzte es noch einmal und ich bin wieder auf dem Bett gelandet!“

Ronald tat sich Würste auf, aber Hermine sah erschüttert zu Zoe.

„Kannst du das glauben?!“, fragte sie geschockt.

Doch selbst Zoe konnte nur mit dem Kopf schütteln. Sie verstand auch nicht, wie sich die Jungs dermaßen darüber amüsieren konnten.

„Hast du gewusst, was er bewirkt, Harry?“, wollte Zoe wissen und sah ihn ernst an. Aber Harry zuckte nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. „Du hast einen unbekannten Zauber an deinem Freund ausprobiert?“, hakte Zoe noch einmal nach.

Nun schien der Gryffindor zu wissen, worauf die Slytherin hinauswollte. Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht.

„Nicht an Ron“, verteidigte er sich sogleich. „Ich hab den Spruch einfach so ausprobiert …“

„War dieser Zauber ganz zufällig auch aus diesem Zaubertrankbuch von dir?“, wollte Hermine wissen.

Harry legte die Stirn in Falten und sah von Zoe zu Hermine, der das Buch schon seit Längerem ein Dorn im Auge war.

„Du musst immer alles runtermachen, was?“, wehrte er ab.

„War er aus dem Buch?“, hakte Zoe nun ebenfalls nach.

Harry rutschte von seinem Platz zurück, um aus dem Kreuzverhör zu kommen, und sagte dann: „Nun … jaah, schon, na und?“

„Du hast also beschlossen, eine unbekannte, handgeschriebene Zauberformel auszuprobieren und einfach mal zu sehen, was passiert?“, fasste Hermine zusammen.

„Warum ist das wichtig, ob sie handgeschrieben ist?“, gab Harry trotzig zurück.

„Weil sie wahrscheinlich nicht vom Zaubereiministerium genehmigt ist“, erklärte Hermine mit einem überheblichen Ton. „Und außerdem, weil ich allmählich glaube, dass dieser komische Prinz ein bisschen zwielichtig war.“

Harry und Ron tauschten Blicke miteinander.

„Das war doch nur ein Jux!“, versuchte der Rothaarige Hermine zu beruhigen. „Nur ein Jux, Hermine, nichts weiter!“

„Jemand kopfüber in der Luft baumeln lassen?“, betonte Hermine kritisch.

„Wer verwendet wohl Zeit und Energie darauf, solche Zauber zu erfinden?“ Zoes Frage sollte rhetorisch sein, doch Ron verstand es falsch.

„Fred und George“, antwortete er sofort, „das ist genau ihr Ding. Und, ähm-“

„Mein Dad“, warf Harry plötzlich ein.

„Was?“, wiederholten Ron und Hermine wie aus einem Mund.

Zoe sah irritiert zu den beiden herüber, bevor Harry fortfuhr.

„Mein Dad hat diesen Zauber verwendet“, erzählte Harry nachdenklich. „Ich – Lupin hat es mir gesagt.“

„Dein Dad mag ihn vielleicht verwendet haben, Harry“, meinte Hermine nach einer Weile, „aber nicht als Einziger. Wir haben eine ganze Menge Leute gesehen, die ihn eingesetzt haben, falls du das vergessen hast. Leute in der Luft baumeln lassen. Sie schweben lassen, im Schlaf, hilflos.“

Und plötzlich rutschte auch der Knut bei Ron und Harry. Zoe konnte es förmlich in ihren Augen sehen. Sie alle waren Zeugen gewesen, als Todesser vor zwei Jahren auf der Quidditch-Weltmeisterschaft eine Muggelfamilie über der Menge hatten schweben lassen.

„Das war was anderes“, wehrte Ron sofort ab. „Die haben ihn missbraucht. Harry und sein Dad haben nur einen Jux gemacht. Du magst den Prinzen nicht, Hermine, weil er in Zaubertränke besser ist als du-“

„Das hat damit nichts zu tun!“, erwiderte die Gryffindor, doch auf ihren Wangen zeigten sich rote Flecken. „Ich finde nur, dass es sehr verantwortungslos ist, einfach irgendwelche Zauber auszuprobieren, wenn man nicht einmal weiß, wofür sie gedacht sind, und hör endlich auf, vom ‚Prinzen’ zu reden, als wär das sein Titel. Ich wette, das ist nur ein bescheuerter Spitzname, und ich hab nicht den Eindruck, als wär er ein besonders netter Mensch gewesen!“

„Ich versteh nicht, wie du darauf kommst“, gab Harry gereizt zurück. „Wenn er ein angehender Todesser gewesen wäre, dann hätte er wohl nicht damit geprahlt, ein ‚Halbblut’ zu sein, oder?“

„Die Todesser können nicht alle reinblütig sein“, erwiderte Hermine, als sei dies das Normalste auf der Welt, „es gibt nicht mehr genügend reinblütige Zauberer. Ich schätze, die meisten von ihnen sind Halbblüter, die so tun, als wären sie Reinblüter. Die hassen nur Muggelstämmige, dich und Ron würden sie mit offenen Armen aufnehmen.“

„Die würden mich nie im Leben als Todesser nehmen!“ Nun wurde auch Ron wütend. „Meine ganze Familie besteht aus Blutsverrätern! Das ist für Todesser genauso schlimm wie Muggelstämmige!“

„Und mich hätten sie liebend gern!“, gab Harry sarkastisch zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir wären die besten Kumpel, wenn sie mich nicht dauernd erledigen wollten.“

Ron lachte über Harrys Spruch und selbst Hermine musste schmunzeln.

„Jetzt wird die Diskussion allmählich kindisch“, gab Zoe zu bedenken und sah sie der Reihe nach an. „Der Punkt ist doch, dass …“

„Hey, Harry“, Ginny war an ihrem Tisch erschienen und hielt dem Gryffindor eine Pergamentrolle hin. „Ich soll dir das hier geben.“

„Danke, Ginny“, sprach dieser und öffnete das Schreiben. „Das ist Dumbledores nächste Stunde! Montagabend!“ Dann sah er wieder auf zu der Rothaarigen, die bereits im Begriff war, zu gehen. „Wollen wir uns in Hogsmeade treffen, Ginny?“

„Ich bin mit Dean dort-“, sagte sie und winkte flüchtig, „vielleicht sehen wir uns ja.“

„Was wirst du heute machen, Zoe?“, fragte Hermine, als sie sich in die Schlange der Wartenden standen, die Filch mittels seines Geheimnis-Detektors überprüfte.

„Ich weiß es noch nicht“, gab die Slytherin wahrheitsgemäß zurück, „vielleicht einfach ein bisschen im Gemeinschaftsraum abhängen und lesen.“

„Wir bringen dir etwas Süßes aus dem Honigtopf mit“, versprach Hermine und lächelte aufheiternd.

„Nächster!“, brüllte Filch und Harry trat hervor.

„Na dann, viel Spaß“, wünschte Zoe und verabschiedete sich von ihren Freunden.

Zoe sah noch dabei zu, wie die Gryffindors vom Hausmeister durchsucht wurden und sich Ron, einer frechen Bemerkung wegen, ein paar extra Stiche mit dem Geheimnis-Detektor einhandelte.

Lachend verschwanden ihre Freunde im Strom der Schüler, Schals wehend, Stimmen voller Vorfreude. Zoe stand am Rand der Eingangshalle und beobachtete, wie sich die Menge lichtete und sie wie Strandgut zurückließ.

Die Halle leerte sich allmählich. Erstklässler und Zweitklässler, die noch nicht nach Hogsmeade durften, schlenderten in ihre Gemeinschaftsräume. Ein paar Schüler, die Ärger gemacht hatten, blieben missmutig zurück.

Zoe schien die einzige Sechstklässlerin zu sein, die freiwillig blieb.

Ihre Beine fühlten sich unnatürlich schwer an. Das Schloss, das normalerweise voller Leben und Lärm war, erschien ihr wieder riesig und leer.

War das nun ihr Leben? Versteckt hinter dicken Mauern, während die anderen das Leben lebten?

Sie wandte sich ab und begann, ziellos durch die ausgestorbenen Korridore zu streifen. Ihre Schritte hallten auf dem Steinboden wider und durch die hohen Fenster fiel fahles Licht.

Irgendwo in der Ferne hörte sie Peeves kichern, dann Stille.

Hogwarts konnte schön sein, wenn es leer war. Friedlich, doch heute empfand Zoe es bloß als einsam. Als sie das Erdgeschoss passierte, traf sie auf ihren Hauslehrer, der gerade aus dem Lehrerzimmer kam. Sie begrüßte ihn förmlich und er blieb verwundert stehen.

„Sie gehen nicht zusammen mit ihren Freunden nach Hogsmeade“, stellte er fest.

„Nein, irgendwie“, sie stockte, weil sie sich eigentlich nicht danach fühlte, sich zu erklären. „Nein.“

Professor Snape musterte sie ernst, und für einen Moment glaubte Zoe, etwas wie Sorge in seinen dunklen Augen aufflackern zu sehen. „Möchten Sie einen Tee trinken?“

Die Frage traf sie völlig unvorbereitet. Wie oft hatte sie sich in den letzten Wochen nach genau so einem Moment gesehnt? Nach der Geborgenheit eines vertrauten Ortes, nach der Unbedarftheit ihrer Kindheit oder einem Gespräch, das über Smalltalk hinausging?

„Ei-eigentlich … wollte ich Großvater besuchen …“

„Professor Dumbledore ist außer Haus“, erwiderte ihr Hauslehrer trocken.

Zoe spürte, wie Röte in ihre Wangen stieg. Natürlich wusste er das und natürlich hatte er auch bemerkt, wie sie ihm auswich, seit Wochen schon. Die Stille, die zwischen ihnen entstand, fühlte sich schwer und vorwurfsvoll an.

Sie wollte ‚ja‘ sagen. Jede Faser ihres Körpers sehnte sich nach der Normalität, die sie einst gelebt hatte. Aber dann hörte sie erneut Harrys Stimme in ihrem Kopf: Das war nicht fair, doch der Schmerz über Sirius’ Verlust saß noch zu tief.

„Ich ...“ Sie sah aus dem Fenster, unfähig, seinem Blick standzuhalten. „Ich sollte ... Hausaufgaben...“

Nach ein paar Sekunden regte Snape sich wieder. Ein kaum merkliches Nicken, weder verbittert noch vorwurfsvoll, nur ... resigniert. Dann verabschiedete er sich mit leiser Stimme und schritt davon.

Zoe blieb zurück und starrte ihm hinterher, bis sein wehender Umhang aus ihrem Blickfeld verschwand. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es in ihrem Brustkorb zerdrückt.

›Was machst du da ?‹ , hallte eine Stimme in ihrem Inneren wider. › Er war immer für dich da. Immer.‹

Aber da war noch eine andere Stimme, leiser, giftiger und sie flüsterte: › Er hat dich angelogen. Alle haben dich angelogen.‹

Sie biss sich auf die Unterlippe und schloss die Augen, während eine einzelne Träne über ihre Wange rollte. Die Wärme seines Angebots hing noch in der Luft, doch sie hatte sie ausgeschlagen.

Wann war alles so kompliziert geworden? Wann hatte sie vergessen, wie man einfach nur ... lebte?

Professor Snape war eine der konstantesten Bezugspersonen in ihrem Leben. Er hatte sie beschützt, ihr Vertrauen geschenkt, ihr aber auch so vieles verschwiegen – über ihre Mutter, über Voldemort, über die Prophezeiung. Wie konnte sie ihm noch vertrauen, wenn jedes Geheimnis, das ans Licht kam, ihre Welt ein Stück mehr erschütterte?

Und jetzt stand sie hier, allein im kalten Korridor, unfähig, einen einfachen Schritt auf ihn zuzugehen. Die Tränen, die sie so verzweifelt zurückhielt, brannten hinter ihren Lidern.

Was war nur los mit ihr?

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie noch immer Schneeflocken vor dem angefrorenen Fenster tanzen. Dann fiel ihr Fokus auf das undeutliche Spiegelbild der Glasscheibe. Es war beinahe so, als erkannte sie sich nicht mehr; innerlich wie äußerlich. Verzweifelt strich sie sich das inzwischen schulterlange blonde Haar hinter das Ohr.

Die vergangenen Monate hatten so vieles verändert. Sie hatten ihr Vertrauen erschüttert, ihre Hoffnung erstickt und ihr Herz zerrissen. Zoe wischte sich eilig über die Wange, um die Träne zu entfernen, die nun doch übers Gesicht gerollt war, als sie an Sirius dachte. Ihr Mund wurde trocken und ihr Brustkorb war wie zugeschnürt. Fast sein ganzes Leben war er gefangen gewesen und schließlich gestorben, um sie und Harry zu beschützen. War gestorben, als er endlich den Glauben an ein besseres Leben wiedergefunden hatte.

„Ich … gehe noch etwas spazieren“, murmelte sie sich selbst mit erstickter Stimme zu und ging eilig den Korridor entlang.

Sie lief die nächste Treppe hinauf, die Tränen brannten hinter ihren Lidern und drohten, jeden Moment überzulaufen. Sie brauchte einen Ort, an dem sie alleine war und ihr niemand Fragen stellte. Ihre Füße trugen sie fast von selbst zu dem einzigen Raum, von dem sie wusste, dass er von anderen Schülern gemieden wurde.

„Myrte?“, rief Zoe, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Doch das Mädchenklo war scheinbar verlassen. Myrte saß vermutlich wieder in irgendwelchen Abflussrohren und sinnierte über den Tod. Ziellos trat Zoe an die Waschbecken heran und betrachtete die junge Frau im Spiegel kritisch. Ihre Sicht trübte sich durch weitere Tränen, die sie wegblinzelte, und um sich etwas abzulenken, suchte sie eben jenen Wasserhahn mit dem eingravierten Schlangensymbol. Es war so klein, dass Zoe es nicht gefunden hätte, wenn sie nicht schon gewusst hätte, wonach sie suchen musste. Vorsichtig berührte sie es mit den Fingerspitzen. Das Metall war kalt und die Gravur kaum erkennbar.

Genau hier, hatte Harry vor fast vier Jahren den Eingang zur Kammer des Schreckens gefunden und die Erinnerung an Tom Riddle ausgelöscht.

Damals war es bloß eine Erinnerung gewesen, gegen die er gekämpft hatte.

Heute war er real.

Zoe schauderte und fuhr herum, als sie ein knirschendes Geräusch hinter sich hörte, und zog instinktiv ihren Zauberstab.

„Myrte?“, wiederholte sie deutlich und lauschte. „Bist du das?“

Aber es kam keine Antwort.

Vorsichtig trat Zoe näher an die Kabinen heran, doch es blieb vollkommen still. Dann beugte sie sich bis auf den Fußboden, um unter den Trennwänden hindurchblicken zu können.

Es war niemand da.

Vielleicht hatte sie sich geirrt?

Ein komisches Gefühl blieb allerdings an der Slytherin haften, nachdem sie sich wieder erhoben hatte. Sie lauschte noch einen Moment lang. Dann entschloss sie sich, das Klo der Maulenden Myrte zu verlassen.

Als Zoe zum Abendessen die Große Halle betrat, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Ein nervöses Gemurmel lag über den Tischen, Schüler steckten die Köpfe zusammen und warfen besorgte Blicke umher. Am Gryffindor-Tisch saßen ihre Freunde bereits. Hermine blass, Ron mit versteinerter Miene und Harry, der aussah, als würde er gleich explodieren.

„Was ist passiert?“, fragte Zoe, kaum dass sie sich gesetzt hatte.

„Katie Bell“, begann ihre Freundin mit gedämpfter Stimme und sah sich um, als fürchte sie, belauscht zu werden. „Sie wurde angegriffen.“

Zoes Hände wurden kalt. Genau davor hatte sie Angst gehabt. Hogsmeade war nicht sicher und hatte es nie sein können.

„Sie hatte ein verfluchtes Halsband“, erzählte Hermine weiter, „und-“

„Es war Malfoy!“, platzte Harry heraus, die Hände zu Fäusten geballt.

Hermine stöhnte auf und erhob sich vom Tisch. „Nicht hier. Kommt!“

„Aber Hermine! Das Essen“, protestierte Ron.

„Du hast den ganzen Weg über Süßigkeiten in dich hineingestopft, Ronald“, giftete Hermine, „komm schon!“

Der Weasley folgte ihnen mit düsterer Miene.

Die Eingangshalle war verlassen, alle schienen beim Abendessen zu sein. Trotzdem lotste Hermine sie weiter in den Korridor des ersten Stocks.

„Was genau ist passiert?“, wiederholte Zoe, als sie sicher waren, nicht belauscht zu werden.

„Katie ging vor uns zurück zum Schloss“, erklärte Hermine. „Plötzlich ... sie wurde einfach hochgerissen, schwebte in der Luft und schrie so fürchterlich ...“ Sie schauderte bei der Erinnerung.

„Aber echt.“ Ron schüttelte sich. „Das war gruselig …“

„Scheinbar hat sie ein verfluchtes Halsband berührt. Zum Glück kam Hagrid“, fuhr Hermine unbeirrt fort, „und hat sie zu Madam Pomfrey ins Schloss gebracht.“

„Was hat Großvater zu dem Vorfall gesagt?“, wollte Zoe wissen, die einen Moment lang vergaß, dass er nicht in Hogwarts war.

„Er ist bis Montag außer Haus“, erklärte Harry, und es klang beinahe wie ein Vorwurf.

Einen Moment lang waren sie still, bis Zoe sich daran erinnerte, warum sie den Tisch verlassen hatten. Sie wandte sich wieder Harry zu. „Wie kommst du darauf, dass Draco etwas damit zu tun haben könnte?“

„Als ich vor vier Jahren versehentlich durch den Kamin bei Borgin und Burkes landete, habe ich mich vor den Malfoys versteckt und gesehen, wie Draco sich das Halsband genaustens angesehen hat. Ich erinner’ mich so gut daran, weil es so prunkvoll verziert war und auf dem Schild stand, dass es verflucht sei. Ich bin sicher, dass er es vor ein paar Wochen, als wir ihn dort erwischten, gekauft hat.“

„Aber wie hätte er es ins Schloss schmuggeln können?“, warf Zoe skeptisch ein, „wo doch alles über-“

„Ach“, unterbrach Hermine sie, „die ganze Diskussion ist unerheblich. Harry, du hast Professor McGonagall doch gehört. Malfoy war nicht in Hogsmeade!“

„Wieso?“, fragte Zoe verblüfft.

„Scheinbar musste er bei Professor McGonagall nachsitzen.“

„Er hat es vielleicht gar nicht ins Schloss gebracht, sondern es sich liefern lassen. Und was die Nachsitzen-Sache angeht, Hermine, Malfoy könnte doch jemanden beauftragt haben“, beharrte Harry. „Crabbe oder Goyle. Hast du sie heute im Gemeinschaftsraum gesehen, Zoe?“

„Ich war nicht dort“, antwortete die Slytherin. „Bin etwas im Schloss herumgestreift … Wo genau hat Katie dieses Päckchen bekommen?“

„Man hat es ihr in den Drei Besen im Mädchenklo überreicht.“

„Vielleicht war es Mundungus“, warf Ron plötzlich ein. „Wir trafen ihn doch in Hogsmeade und Handel mit zwielichtigen Gegenständen fällt genau in seinen Bereich.“

„Selbst Mundungus hätte dieses wertvolle Halsband nicht an eine Schülerin verkauft“, sprach Hermine und verdrehte die Augen. „Zumal Katie wohl kaum genug Galleonen dafür in der Tasche gehabt hätte.“

„Hat Katie gesagt, wem sie es bringen wollte?“, grübelte Zoe.

Die drei schüttelten synchron den Kopf.

„Sie wäre damit auch unmöglich an Filch vorbeigekommen“, gab Hermine zu bedenken. „Das sind ziemlich mysteriöse Umstände. Ich hoffe nur, dass es ihr bald besser geht.“

„Ja, das tun wir alle, Hermine“, meinte Ron. „Aber lasst uns zurück in die Große Halle gehen, bevor das Essen verschwindet!“

Hermine seufzte, lenkte jedoch ein und ging mit Ronald voran.

Harry und Zoe zögerten.

„Dein Großvater“, begann der Gryffindor und setzte sich auch in Bewegung, „hat vor Schuljahresbeginn gesagt, die Todesser könnten hinter Slughorn her sein.“

„Womöglich hat er ihn deswegen an die Schule geholt“, spekulierte Zoe. „Aber glaubst du wirklich, ein Todesser würde einen solch-“ sie suchte nach Worten, „ bescheidenen Versuch wagen, einen Lehrer anzugreifen? Der Plan strotzt ja geradezu vor Risiken, um fehlzuschlagen.“

Harry fuhr sich durchs Haar und sagte betont leise: „Zoe, ich weiß nicht, wie er es gemacht hat, aber ich sag es dir, es war Malfoy!“

„Aber solange du keine Beweise hast, Harry, bleiben es nur … Vermutungen.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Und ganz ehrlich, jede Logik spricht dagegen.“

Harry sah sie an, und in seinen grünen Augen lag eine Mischung aus Enttäuschung und Frustration. „Du glaubst mir nicht.“

„Das hab ich nicht gesagt“, wehrte Zoe ab. Sie holte tief Luft, wählte ihre Worte sorgfältig. „Harry, ich kenne Draco seit fünf Jahren. Ja, er ist arrogant und gemein und ein Todesser-Sympathisant. Aber ...“ Sie zögerte. „Aber das bedeutet nicht, dass er zu Mord fähig ist. Das ist ein gewaltiger Unterschied.“

„Du hast gesehen, wie er sich verhält!“, beharrte Harry, die Stimme gepresst. „Diese Rückzüge, sein Verschwinden, diese ganze Geheimniskrämerei-“

„Ich weiß“, unterbrach Zoe ihn sanft. „Und du hast Recht, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Aber zwischen ‚etwas stimmt nicht‘ und ‚er ist ein Mörder‘ liegen Welten, Harry.“

Sie sah ihren besten Freund an, der mit verkrampften Kiefern und geballten Fäusten vor ihr stand. So hatte sie ihn schon einmal erlebt, in ihrem dritten Jahr, als er überzeugt war, Sirius Black würde ihn jagen.

Und damals hatte er sich geirrt.

„Ich mache mir Sorgen um dich“, sagte sie leise. „Diese Obsession wegen Draco ... sie frisst dich auf. Was, wenn du falsch liegst? Was, wenn du so sehr auf ihn fokussiert bist, dass du die wirkliche Gefahr übersiehst?“

Harry starrte sie an, dann wandte er sich abrupt ab. „Ihr versteht es nicht“, murmelte er und beschleunigte seine Schritte.

Zoe blieb zurück, ein Gefühl der Hilflosigkeit in der Brust. Sie verstand es. Sie verstand es nur zu gut. Der verzweifelte Wunsch nach Kontrolle, nach jemandem, den man für das Chaos verantwortlich machen konnte. Aber sie hatte auch gesehen, wohin blinde Gewissheit führte.

Zu Sirius‘ Tod in der Mysteriumsabteilung.

Zu Cedrics Tod auf dem Friedhof.

Sie schloss kurz die Augen, dann folgte sie ihren Freunden. Aber die Sorge um Harry nagte an ihr wie eine offene Wunde.

Als Zoe am Abend alleine an der Schreibecke saß, um ihren Aufsatz für Verwandlung zu schreiben, konnte sie sich einfach nicht konzentrieren. Immer wieder musste sie an Harrys Worte denken. Ohne den Kopf zu heben, ließ sie den Blick durch den überfüllten Gemeinschaftsraum gleiten.

Draco war nicht anwesend.

Wie oft in den vergangenen Wochen hatten andere Schüler seinen gewohnten Platz am Kamin in Beschlag genommen. Selbst beim Essen erschien er nur sporadisch, und wenn, dann wirkte er gehetzt und abwesend. Die wenigen Male, die sie ihn gesehen hatte, schien er fluchtartig davonzueilen. Wie damals im Korridor, als er Blaise barsch abwies. Das kam ihr merkwürdig vor.

Früher hatte Draco den Gemeinschaftsraum dominiert, hatte mit seiner Clique gelacht und sich vor jüngeren Schülern profiliert. Jetzt war er ein Schatten, der durch die Gänge huschte und Gesellschaft mied.

Auch Vincent und Gregory fehlten heute Abend. Ob sie mit ihm unterwegs waren? Pansy hingegen saß zusammen mit Millicent vor dem Feuer, sichtlich frustriert über die Abwesenheit ihres Freundes.

Wenn man es genau betrachtete, war Dracos Verhalten mehr als nur merkwürdig. Das plötzliche Verschwinden, die Müdigkeit im Unterricht, der Rückzug von seinen Freunden ... Wofür sparte er seine Energie auf?

Lag Harry womöglich mit seiner Vermutung gar nicht so falsch, wie Hermine und Ron dachten?

Zoe hätte Sirius gerne um Rat gebeten und ließ bei dem Gedanken deprimiert die Feder sinken.

Sie würde Sirius nie wieder um Rat oder Hilfe fragen können.

Ein anschwellendes Brodeln entstand in ihrem Bauch und drückte sich bis zu ihrer Brust hinauf. Abermals musste sie an Harrys vorwurfsvolle Worte denken. Zoe wollte sie abwimmeln, doch sie drohten, die Slytherin zu ersticken.

„In meinem ganzen Leben war ich länger gefangen, als dass ich frei war.“

„… hast du Angst, er könnte den Rat eines Mannes nicht sonderlich ernstnehmen, der sich seit einem halben Jahr im Haus seiner Mutter verkriecht?“

„Wegen ihm ist Sirius tot!“

Es knackte und Zoe zuckte nach vorne. Als ihr Blick auf die zerbrochene Feder in ihrer Hand fiel und sie den versauten Aufsatz sah, wurde ihr auch erst bewusst, wie sehr ihre Kiefer vom Zubeißen schmerzten.

Fluchend legte sie die Feder beiseite und versuchte, ihre Arbeit zu retten, der nun mit Tinte bekleckert war. Sie schaffte es zumindest, die großen Kleckse zu entfernen, so dass der Text wieder leserlich war. Doch vermutlich würde Zoe ihn nochmal ins Reine schreiben, denn sie wusste, wie penibel Professor McGonagall war.

„Hallo Zoe!“

Als die Slytherin aufsah, stand ihr die Überraschung ins Gesicht geschrieben, denn es handelte sich um Blaise, der zu ihr herübergekommen war. Er lächelte selbstbewusst und offenbarte damit eine Reihe weißer Zähne, die durch seine dunkle Hautfarbe noch reiner und makelloser wirkten. Er stützte sich lässig mit beiden Armen auf der Tischplatte vor Zoe ab und sah auf sie herab.

Ihr war diese Nähe etwas unangenehm und so lehnte sie sich im Stuhl zurück und fragte: „Hallo, Blaise, was gibt’s?“

„Du weißt ja, dass Slughorn diese Weihnachtsparty geplant hat, oder?“

„Ja, hab’ ich mitbekommen“, entgegnete Zoe und ein flaues Gefühl bildete sich in ihrer Magengegend.

„Gut, ich wollte dich dazu einladen.“

Einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen und Zoe war zu perplex, um zu antworten. Doch dann erinnerte sie sich an seine netten Worte aus dem vergangenen Schuljahr.

„Seit wann gehst du denn mit Zicken aus, Blaise?“

Er sah mit funkelnden Augen auf sie herab, und an seinem Mundwinkel zuckte es, als würde er sich über ihre Reaktion amüsieren.

„In diesem Jahr warst du gar nicht so zickig“, erwiderte er noch einmal mit einem charmanten Lächeln. „Scheint mir so, als würdest du langsam erwachsen werden.“

Zoe verschränkte die Arme vor der Brust und kniff die Augen ein wenig zusammen.

„Komm schon, zier dich nicht so“, meinte er locker und zwinkerte ihr zu, „ich hab’ dich erwählt.“

„Du hast mich erwählt?“, wiederholte Zoe und sah verblüfft zu ihm auf. „Welch’ Auszeichnung!“

„Du musst dich nicht bedanken.“

„Das hatte ich auch gar nicht vor!“, gab die Slytherin etwas zu energisch zurück.

Blaise richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf. Sein Verhalten und sein. Gesichtsausdruck machten klar, dass er sich seiner Attraktivität durchaus bewusst war, doch Zoe hatte ihre Mitmenschen noch nie anhand ihres Aussehens bewertet.

„Du hast bis morgen abend Zeit, um es dir zu überlegen“, erklärte der Slytherin großspurig. „Aber sei dir gewiss-“

„So viel Zeit brauche ich nicht“, unterbrach Zoe ihn und zog die Schultern zurück, um etwas mehr Selbstbewusstsein auszustrahlen. „Ich lehne dankend ab. Nein, danke, Blaise.“

„Zu dumm“, sprach ihr Gegenüber und die Überheblichkeit kam zu ihm zurück, „scheinbar doch noch zickig.“

„Lieber zickig, als eines deiner Schätzchen zu sein“, entgegnete Zoe, „und wenn du jetzt so freundlich wärst, dich zu entfernen. Ich habe noch Arbeit.“

Blaise schnaubte abfällig. „Dein Verlust“, murmelte er und wandte sich ohne ein weiteres Wort um und ging hinüber zum Jungenschlafsaal.

Zoe sah ihm nach, bis er hinter der Tür verschwand. Erst dann erlaubte sie sich, auszuatmen. Ihre Hände zitterten leicht, als sie nach ihrer Feder griff. Nicht, weil sie aufgeregt war, sondern vor aufgestautem Ärger.

Ich hab dich erwählt.

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. War das wirklich, was Beziehungen für diesen Jungen bedeuteten? Er ‚wählt‘ jemanden, wie ein Accessoire, das zu einem Outfit passen sollte? Ohne echte Zuneigung oder Interesse an der Person dahinter und nur der Attraktivität der Fassade wegen?

Cedric war anders gewesen. Bei ihm hatte sie Tiefgang gespürt, nicht nur Schein.

Der Gedanke ließ ihr einen Kloß im Hals entstehen und Zoe begann heftig, gegen die aufsteigenden Tränen anzublinzeln. Nein. Nicht schon wieder. Nicht wegen Blaise Zabini und seiner lächerlichen Selbstgefälligkeit.

Entschlossen tauchte sie die Feder in die Tinte und zwang sich, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen, aber sie schrieb weiter. Jedes Wort war ein kleiner Akt des Widerstands gegen die Traurigkeit, die in ihr brodelte.