Ein Moment der Schwäche
Ein Moment der Schwäche
Für Sharon und Robert Smith war dies zunächst ein Tag wie jeder andere gewesen. Die kühle Morgenluft strich ihr über das Gesicht, während sie kurz innehielt und auf die Dächer Londons blickte. Der Himmel war grau, wie so oft. Anschließend nahm sie die Kleider vom Herrendiener und ging in den nächsten Raum ins Bad. Auch Robert war inzwischen aufgestanden und stellte in der Küche die Kaffeemaschine mit dem frisch gemahlenen Kaffee an. Das Ehepaar Smith pflegte einen routinierten und eingespielten Morgenablauf. Während er das Frühstück bereitete, kam Sharon aus dem Badezimmer und ging die Zeitung hereinholen.
Während Robert sich rasierte, goss seine Frau den Kaffee ein, nahm die Eier und den Speck vom Herd und stellte das Toastbrot auf den Tisch. Daraufhin schaltete sie das Radio ein, erhöhte die Lautstärke etwas und lauschte einer Morgensendung. Ein schriller Jingle kündigte die Nachrichten an, dann folgten Berichte über Verkehrsunfälle, politische Kontroversen, ein Erdrutsch in Wales und der für die Jahreszeit untypische und anhaltende Nebel vielerorts. Nichts, was die beiden besonders beunruhigte.
Mit dem Ende des Wetterberichtes, der heute von dem verheerenden Hurrikan an der Westküste berichtete, begannen die Smiths üblicherweise, gemeinsam den Tisch abzuräumen, ihre Taschen zu packen und sich anschließend voneinander zu verabschieden.
Robert verließ das Haus ein paar Minuten vor seiner Frau. Mit der Aktentasche in der Hand fuhr er mit dem Fahrstuhl bis ins Foyer, grüßte den Nachtwächter freundlich und machte sich auf den Weg zur nächsten U-Bahnstation. Er war ein Mann der Gewohnheit, der immer die gleiche Strecke nahm, am gleichen Stand die Zeitung kaufte und demselben Obdachlosen an der Ecke 50 Pence gab. Seinen Arbeitsplatz erreichte er in weniger als einer halben Stunde, und er war wieder einer der Ersten, die ankamen. Deshalb stellte er den Kaffee für die Kollegen auf, nahm die Unterlagen und die Post aus dem Briefkorb und ging in sein Büro, um die Umschläge zu öffnen. Während er die Dokumente nach Priorität sortierte, summte die Klimaanlage gleichmäßig. Diese vertraute Geräuschkulisse beruhigte ihn. Hinter der Glastrennwand flackerte allmählich Licht auf; das Großraumbüro füllte sich langsam. Seine Sekretärin, Nora, brachte ihm Kaffee und unterhielt ihn mit etwas Smalltalk, bevor sie die Tagesthemen ansprachen. Der Büroalltag nahm seinen gewohnten Lauf, bis einer seiner Kollegen in der Tür erschien.
„Detective Inspector Smith“, rief er, „das müssen Sie sich ansehen!“
In der Erwartung, mit einem neuen Fall konfrontiert zu werden, erhob sich Robert und folgte seinem Kollegen, der zu seiner Überraschung nicht in das Konferenzzimmer, sondern in den Pausenraum abbog. Die meisten der Angestellten hatten sich hier versammelt und starrten gebannt auf den Fernseher, der an der Wand hing. Dort lief BBC News, das gerade Luftaufnahmen einer zerstörten Londoner Brücke zeigte. Robert erkannte sie als die Brockdale Bridge.
„Was ist passiert?“, fragte er geschockt in den Raum.
„Man weiß noch nicht, was geschehen ist“, antwortete Mike, ernst. „Sie ist vor etwa einer Stunde eingestürzt. Einige Autos sind in den Fluss gefallen.“
Roberts Herz setzte kurz aus.
Er dachte an Sharon, ihren Weg zur Arbeit. Wie oft hatte sie ihm gesagt: ‚Ich nehme die Brücke, da bin ich schneller.’
Ihm wurde auf einen Schlag schlecht und Mike sah ihn besorgt an. Doch bevor der Profiler ein Wort an ihn richten konnte, lief Robert zurück in sein Büro. Noch im Stehen wählte er die Arbeitsnummer seiner Frau und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, während es klingelte.
Niemand ging ran.
Robert wartete beharrlich, doch er spürte auch, wie sein Körper taub wurde. Hatte Sharon heute Morgen den Weg über die Brockdale-Brücke genommen?
Endlich ging seine Frau ans Telefon. Robert schien ein Stein vom Herzen zu fallen.
„Ich rufe dich zurück, Robert, ich bin gerade in einer Krisensitzung“, flüsterte Sharon leise. Im Hintergrund waren aufgeregte Stimmen zu hören.
„Gut“, atmete Robert erleichtert auf, „ich liebe dich.“
„Ich dich auch.“
Danach legte sie auf.
Für einen langen Moment stand Robert nur da und hielt den Hörer in der Hand, während er auf die Wand starrte. Seine Knie fühlten sich schwach an. Das Adrenalin, das eben noch durch seinen Körper gerast war, ebbte allmählich ab und hinterließ eine bleierne Schwere.
Er hätte sie verlieren können. Heute Morgen. Einfach so.
Als er sich endlich umdrehte, sah er seine Sekretärin bereits im Türrahmen stehen. Wie lange sie dort stand, wusste er nicht.
„Haben Sie sie erreicht, Sir?“, fragte Nora besorgt.
Er nickte und musste sich räuspern, bevor er sprechen konnte. „Ja … ja, sie ist in Sicherheit.“
„Gott sei Dank“, antwortete Nora sanft und trat einen Schritt näher. „Es ist schlimm ...“
Robert nickte wieder. Er fühlte sich noch immer benommen, wenngleich die Paralyse nun allmählich von ihm abzufallen schien. Er rieb sich die Schläfen.
Als Detective Inspector war er täglich mit dem Tod konfrontiert, dennoch machte ihn die Vorstellung, seine Frau verloren zu haben, für Sekunden handlungsunfähig.
„Sir, wenn Sie heute ... wenn Sie eine Pause benötigen, das würde jeder verstehen. Nach so einem Schreck-“
„Nein.“ Robert schüttelte den Kopf und ließ die Hand wieder sinken. Vielleicht etwas zu heftig. Die Arbeit würde ihn ablenken. „Nein, ich ... Arbeit hilft ... Gibt es etwas Neues?“
Nora zögerte, musterte ihn ein paar Sekunden, dann sagte sie: „Es ist ein neuer Fall eingegangen, zu dem Sie hinzugezogen werden sollen, Sir. Liam schickt gerade die Adresse und Daten durch. Die sollten gleich ankommen.“
„Worum geht’s?“
„Um eine ältere Dame in Islington. Verwüstete Wohnung, keine Einbruchspuren, viele äußerliche Verletzungen sichtbar. Die ersten Fotos … sind verstörend, Sir.“
„Leiten Sie die Unterlagen an mich weiter und lassen Sie bitte den Wagen vorbereiten, Nora.“
„Das ist schon erledigt“, erwiderte seine Sekretärin mit einem breiten Lächeln.
„Danke!“
„Sehr gerne, Sir.“
Schließlich verschwand Nora im Vorraum.
Robert benötigte noch ein paar Minuten, um sich zu sammeln, bevor er sich für den Außendienst bereit machte, um mit dem Fahrstuhl und seinen Assistenten nur kurz darauf hinunter in die Tiefgarage zu fahren.
Robert ahnte nicht, welch seltsamer Fall ihn an diesem Tag erwarten würde – noch, dass er nichts würde tun können, um diesen aufzuklären.
„Was für ein Tag“, ächzte Robert und warf sein Jackett über den Treppenpfosten. Er war erschöpft, denn der neue Fall gab ihm zu viele Rätsel auf, als dass er sie hätte zum Feierabend vergessen können.
„Komm in die Küche, Schatz, ich habe uns Essen mitgebracht.“ Sharons liebevolle Stimme ließ ihn lächeln. Er war einfach unglaublich erleichtert.
Robert zog die Schuhe aus, stellte die Aktentasche neben die Treppe und schlüpfte in die Hausschuhe, aus Rücksicht auf Sharons Wunsch, keine Straßenschuhe auf dem Parkett zu tragen.
Sharon hatte indisches Curry geholt, sein Lieblingsessen nach anstrengenden Arbeitstagen, bereits den Tisch gedeckt, etwas Tee gekocht und begrüßte ihn mit einem liebevollen Kuss auf die Wange. Er hielt sie länger fest, als es notwendig gewesen wäre, und seine Frau lehnte tröstlich den Kopf an die Schulter.
„Ich hatte mir Sorgen gemacht“, murmelte er.
„Ich weiß“, entgegnete Sharon. „Ich habe heute den anderen Weg genommen, weil … Ich weiß es nicht … Vermutlich hatten wir einfach Glück.“
„Das hatten wir!“, beteuerte Robert und drückte seine Frau noch einmal an sich, bevor er sich von ihr löste.
„Du siehst müde aus“, stellte Sharon besorgt fest und deutete auf seinen Platz, damit er sich setzte.
„Das bin ich … das bin ich wirklich“, gab Robert zu und holte die Teekanne mit zum Esstisch, bevor er Platz nahm. „Es war ein anstrengender Tag, sehr undurchsichtig, verwirrend.“
„Erzähl mir davon, Schatz“, ermutigte Sharon ihren Mann, weil sie wusste, dass es ihm guttat, über die Dinge zu sprechen, die er an den Tatorten erlebt hatte.
„Heute Morgen zeigte eine Frau ihre Nachbarin als vermisst an. Eine alleinstehende Dame mittleren Alters. Anscheinend engagiert und in der Wohngegend beliebt. Die Nachbarin hatte einen Notschlüssel zu ihrer Wohnung, doch die Tür war zusätzlich von innen verriegelt, also rief sie die Polizei.“
Sharon hörte aufmerksam zu, obwohl sie wusste, worauf diese Geschichte hinauslief. Ihr Mann wurde durch seinen Posten nur zu den harten Fällen gerufen.
„Sie brachen die Tür auf und fanden die Vermisste.“ Er machte eine kurze Pause, um in seinem Tee zu rühren. „Furchtbar zugerichtet. Scheinbar hat sie sich einen verbitterten Kampf mit ihrem Mörder geliefert. Die untere Etage in Trümmern … Überall lagen allerlei merkwürdig verstreute Gegenstände herum. Sie schien eine Art Sammlerin für Obskuritäten zu sein. Ihr Jack Russell Terrier – regelrecht zerfetzt … hatte eine gegabelte Rute. Alles war, irgendwie … etwas befremdlich … Das Seltsamste war“, fuhr Robert fort, während er gedankenverloren ein Stück Naanbrot zerriss, „dass die Uhr in ihrem Wohnzimmer exakt zu dem Moment stehen geblieben war, als der Mord laut Gerichtsmedizin stattgefunden haben muss. Es war, als hätte jemand die Zeit selbst angehalten.“
„Konntet ihr Hinweise sichern?“, fragte Sharon und reichte ihm den Reis.
Robert lachte leise, nahm sich eine Scheibe aus dem Korb und schüttelte den Kopf: „Das ist das Verrückte, Sharon, es gibt keine Hinweise. Kein Haar, keine fremden Fingerabdrücke und das Merkwürdigste ist, dass das Haus komplett abgesperrt war.“
„Überall?“
„Ja“, betonte Robert ungläubig. „Alle Türen von innen verschlossen, die Fenster vergittert und keine andere Möglichkeit, einzusteigen. Wir haben das ganze Gebäude auf den Kopf gestellt, aber nichts gefunden. Die Nachbarin hat auch ausgesagt, dass sie niemanden bemerkt hat, der das Haus besucht oder verlassen hat.“
„Ihr müsst etwas übersehen haben“, überlegte Sharon laut.
„Ganz offensichtlich“, bestätigte Robert, „und ich grüble und grüble die ganze Zeit darüber, doch es fällt mir nichts ein. Wie konnte der Mörder – und es ist unabstreitbar, dass hier Fremdeinwirkung im Spiel war – das Haus verlassen, wenn alle Zugänge verschlossen waren?“
Erschöpft schwieg er und als seine Frau ihm die gefüllten Teller hinstellte, bedankte er sich bei ihr und griff nach dem Besteck.
„Aber ich rede wieder zu viel“, stellte Robert ermattet fest. „Dabei war dein Tag wahrscheinlich auch anstrengend. Ich habe es direkt in den Nachrichten gesehen … Was ist geschehen?“
„Das gilt es nun herauszufinden“, antwortete Sharon, als sie den Mund geleert hatte. „Alle existierenden Unterlagen wurden nach Benachrichtigung sofort angefordert. Auf den ersten Blick scheinen die TÜV-Berichte tadellos zu sein. Die Wartungsintervalle und Inspektionstermine sind eingehalten worden. Zumindest dem Papier nach hätte die Brockdale-Brücke nicht einstürzen dürfen. Es kam völlig unerwartet.“ Sie zögerte, nahm einen Schluck Tee. „Es wird vermutet, dass Baumängel die Ursache waren, immerhin steht sie erst seit zehn Jahren. Aber es ist noch zu früh für sichere Aussagen. Die Untersuchungen werden Monate dauern.“
„Ein furchtbares Unglück“, warf Robert mitfühlend ein. „So viele Opfer.“
„Ja“, seufzte Sharon, „vermutlich wird es Jahre dauern, bis der Fall geklärt ist. Und was seltsam ist“, fügte sie leiser hinzu. „Einige Kollegen erwähnten, dass wohl mehrere Überwachungssysteme zur gleichen Zeit ausgefallen sein sollen. Könnte Zufall sein, könnte auch ...“ Sie schüttelte den Kopf. „Zu früh, um darüber zu spekulieren.“
Bevor Robert hätte nachhaken können, klopfte es an der Tür.
Das Paar sah sich fragend an, denn sie erwarteten keinen Besuch.
„Bleib sitzen, ich gehe“, entgegnete Sharon sanft, legte die Serviette zur Seite und erhob sich.
„Bestimmt nur Mrs Harrison“, meinte Robert und trank einen Schluck Tee. „Sie will sicher, dass du ihr etwas aus der Mall mitbringst.“
„Vermutlich“, sagte Sharon, während sie den Flur entlangging.
Doch diese Uhrzeit war selbst für die alte, schrullige Mrs Harrison von nebenan ungewöhnlich. Sharon runzelte die Stirn.
Als sie durch den Türspion blickte, war sie mehr als verblüfft, denn dahinter standen zwei Männer in ihrem Alter. Einer von ihnen trug einen senfgelben Umhang und einen Spitzhut, der andere etwas, das einer Toga ähnelte. Sein Gürtel war mit kleinen Fläschchen und einem Notizbuch aus Leder behangen.
Doch Sharon war nicht ängstlich, außerdem vertraute sie dem Sicherheitsdienst, der den Eingangsbereich der Apartments im Auge behielt. Sie fürchtete sich nicht vor Fremden.
Freundlich öffnete sie die Tür und grüßte die seltsamen Gestalten. „Guten Abend, kann ich Ihnen behilflich sein? Haben sie sich vielleicht an der Tür geirrt?“
„Sind Sie Sharon Smith?“, fragte der Mann in dem senfgelben Umhang.
„Das bin ich“, erwiderte diese irritiert, „gibt es ein Problem?“
„Kein Problem“, sprach der andere mit einer angenehmen tiefen Stimme, „doch leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie und Ihr Mann bedauerlicherweise obliviiert werden müssen.“
Sharon blinzelte. „Obli … was?“
Der Mann hob einen langen, schmalen Gegenstand auf Augenhöhe. Es war eine Art silberner Stab mit pulsierendem Licht am Ende, und er zielte damit direkt auf ihr Gesicht.
Instinktiv zuckte sie zurück und Sharons letzter bewusster Gedanke war ein verschwommenes Bild vom Flur, der wie Tinte in Wasser verblasste.
Während in London zwei Menschen ihre Erinnerungen verloren, stand hunderte Kilometer nördlich, in den schottischen Highlands ein alter Mann vor dem Fenster, der von seinen eigenen Erinnerungen gequält wurde.
Albus Dumbledore sah hinab auf die Ländereien von Schloss Hogwarts, während er sich daran erinnerte, was er alles verloren hatte.
Es war, als wäre es erst gestern gewesen. Jeder Einzelne dieser Verluste hatte seine Seele gezeichnet. Er hatte so viel aufgegeben, so viel riskiert und so viel geopfert, um heute dort zu sein, wo er nun war.
Doch wofür?
Einen Teil seiner Fehler hatte er begleichen können.
Fast sein ganzes Leben widmete er dem Größeren Wohl . Anders, als er es sich in jungen Jahren ausgemalt hatte, doch damit konnte er zumindest sein Gewissen ein wenig bereinigen. Die Erkenntnis, dass es im Leben nicht um ein Individuum allein ging, sondern um das Ganze, hatte ihn durch jede Phase seines Lebens getragen.
Diesem Ideal waren auch einige Individuen zum Opfer gefallen, weil er es nicht verhindern konnte. Am Ende hatte sie jedoch immer dem Größeren Wohl gegolten.
Doch wofür?
Was hatte es gebracht, wenn nun nur noch Schuldgefühle und Leere blieben? Wenn die Stimmen, die man einst liebte, nur im Echo der Erinnerung lebten?
Nun war fast ein Jahrhundert vergangen, da er auch sich selbst geopfert hatte – für das Größere Wohl – immerzu.
Doch wofür?
Albus Dumbledores Blick glitt über das gewaltige, schattige Gelände von Hogwarts hinweg. Plötzlich fixierten seine Augen etwas anderes. Für ein paar Atemzüge betrachtete er sein trauriges Spiegelbild in der Glasscheibe, während die Sonne über den Wäldern von Hogwarts unterging, und da fiel sein Blick auf den goldenen Gegenstand, der auf dem Schreibtisch des Schulleiterbüros lag.
Er drehte sich langsam um die eigene Achse, um das kleine Ding auf seinem Schreibtisch direkt anzusehen. Er lag unscheinbar auf dem polierten Holz, doch Dumbledore spürte seine Präsenz im Raum wie eine zweite Schwerkraft.
Fast ein ganzes Jahrhundert war vergangen, seit er nach ihm suchte.
Vermutlich hatte es deswegen nicht lange gedauert um das Artefakt hinter dem, mit dunkler Magie besudelten Objekt zu erkennen. Wenngleich die Offenbarung seiner Eigenschaften gefährlich sein würde. Doch Dumbledore hatte sich zu keinem Zeitpunkt davor gefürchtet.
Er hatte sich nie vor Magie gefürchtet. Noch weniger allerdings vor einem Menschen.
Es war nicht die Magie, die ihn zögern ließ – es war die Wahrheit dahinter.
Natürlich blieb ein Risiko, doch es war viel zu einfach, wenn man seinen Stil kannte.
Er überwand die wenigen Schritte bis zu seinem Schreibtisch und betrachtete das Objekt darauf nachdenklich.
Hatte er damals begriffen, was er in Händen hielt? Hatte er erkannt, dass dies mehr war als ein Erbstück, mehr als ein wertvolles Schmuckstück?
Vermutlich nicht.
Seine Überheblichkeit hatte ihn blind gemacht für den Wert dieses Objektes. In seinen Augen wogen die Reinheit und die Wertigkeit des Blutes mehr, als dass er erkannt hätte, welch wertvollen Schatz er in den Händen hielt.
Trotz allem war er doch immer noch ein naiver Junge.
Ein bedauernswerter, naiver Junge.
Albus Dumbledore seufzte leise.
Der schwarze Stein im goldenen Ring wirkte ruhig und doch wusste Dumbledore, was in ihm schlummerte. Vor langer Zeit hatte er danach gesucht. Jetzt war er ihm mehr oder weniger in die Hände gefallen. Zufällig – wie so vieles im Leben.
Und nun stand es in seiner Macht, die drei Heiligtümer zu vereinen. Wenn er es denn wollte.
Aber Dumbledore wollte das schon lange nicht mehr.
Diesen Traum hatte er vor vielen Jahren begraben, zusammen mit etlichen anderen. Es gab nun wichtigere Ziele und diesen Ring, der den Stein der Auferstehung umschloss wie eine Geliebte, zu zerstören, gehörte nun zu den Wichtigeren.
Das musste er sich immer wieder vor Augen halten.
Mit schweren Schritten ging Albus Dumbledore hinüber zur Vitrine, in der er das Schwert von Gryffindor aufbewahrte. Bedächtig öffnete er die Glasfront und nahm es heraus. Die Klinge glänzte, als hätte sie nur auf diesen Einsatz gewartet.
Vor drei Jahren hatte Harry Potter damit den Basilisken von Salazar Slytherin erschlagen. Die koboldgearbeitete Klinge des Schwertes war gestärkt durch das Basiliskengift aus dieser Vereinigung herausgegangen und nun war das Schwert der Schlüssel für die Vernichtung von Salazars Erbstück. Welch Ironie.
Als er zurück zum Schreibtisch schritt und wieder den Ring mit dem glänzenden schwarzen Stein betrachtete, zögerte er.
Wie ruhig er da auf der polierten Platte lag. Er war ein Teil Salazar Slytherins und in ihm pulsierte der Fluch des Mannes, den Albus Dumbledore einst als Schüler unterwiesen hatte. Tom Riddle.
Doch Albus sah nicht mehr den Ring.
Er sah nur noch den schwarzen Stein.
Wie viel Energie hatte er einst darauf gesetzt, um dieses Relikt zu finden?
Wie viel Herzblut?
Und wofür?
Sein Schwertarm wurde plötzlich furchtbar schwer und schließlich legte er das Relikt von Gryffindor, neben den Ring von Slytherin, auf dem Schreibtisch nieder.
Er konnte spüren, wie der Horcrux pulsierte, der die Bedrohung wahrnahm.
Dumbledore spürte das dunkle Wispern in seinem Innern und hörte auch die verlockenden Stimmen.
Doch seine Augen blieben auf den Stein gerichtet – den Stein der Auferstehung.
Der Stein der Auferstehung, eines der Heiligtümer des Todes.
Wie viel von der Legende war wahr?
Würde er sie alle wiedersehen können?
All jene, nach denen er sich so sehr sehnte?
Sein Leben lang hatte er für das Größere Wohl gekämpft. Stand ihm selbst nicht auch einmal ein kleiner Moment zu?
Ein Blick, eine letzte Umarmung.
Wofür war er all die Jahre stark gewesen?
Er wollte sie so gerne wiedersehen. Ein einziges Mal. Dieses Laster haftete so schwer auf seinen Schultern. Schon so viele Jahre.
Vergebung.
Seine Hände griffen nach der Kante des Schreibtisches und sein Kopf näherte sich dem flüsternden Horcrux, ohne dessen Worte wahrzunehmen, während er den Stein intensiv betrachtete.
Warum sollte es ihm nicht vergönnt sein?
Nur kurz – und um Verzeihung bitten.
Er würde nur ihn flüchtig berühren – und nur den Stein. Sie nur einmal wiedersehen, bevor er ihn zerstörte. Er streckte die Hand aus. Doch just in dem Moment, da er den Stein der Auferstehung streifte, der eingefasst war in den schweren Goldring, geschah das, womit er eigentlich hätte rechnen müssen.
Der Ring glitt ohne sein Zutun auf seinen Finger und die ganze grauenerregende schwarze Magie brach mit einem Mal aus dem Horcrux hervor. Begrub ihn wie eine Lawine in Dunkelheit und Schmerz. Magie, uralt und bösartig, fegte durch seinen Körper. Das Seelenbruchstück zermalmte jeglichen Widerwillen unter den Wellen des Fluches. Tosender Lärm war in seinem Kopf und ein zermalmender Schrei machte ihn taub für seine Umwelt. Dann entlud sie die jahrhundertealte, schwarze Magie mit voller Wucht. Erzeugte furchteinflößende, verstörende Bilder.
Zersplitterte Erinnerungen. Gesichter. Flammen. Ein zerbrochener Spiegel.
Dumbledore taumelte zurück, doch da war kein Entkommen.
‚Warum hast du uns geopfert?’
Eine Stimme – weiblich, jung, verzweifelt.
‚Warum hast du uns nicht beschützt?’
„Großvater!“ Pure Verzweiflung.
Zoe.
Ihre Rufe schnitten durch den Wahnsinn. Markerschütternde Schreie drangen durch die Visionen an seinen Geist. Die Stimme war so vertraut und sie weckte den Überlebensinstinkt in ihm erwachte, als er sie erkannte. Es war Zoe. Seine kleine Zoe …
‚Du wusstest es … und hast es trotzdem geschehen lassen.’
Blind ertastete seine freie Hand den Schaft eines Schwertes. Der Ring brannte an seinem Finger, als wollte er sich in sein Fleisch graben. Das Kreischen des Horkruxes wurde unerträglich.
‚Für das Größere Wohl, nicht wahr?’
Es schmerzte in seinen Ohren, es schmerzte in seiner Seele, doch die Rufe seiner Enkelin waren stärker.
Mit der letzten verbleibenden Kraft schwang er entschlossen das magische Schwert von Gryffindor. Die in Basiliskengift getränkte Koboldklinge traf den Ring und zerschmetterte das sich verzweifelt wehrende Seelenfragment, ohne sein Fleisch zu verletzen. Seelenzerreißende Schmerzen durchdrangen seinen Geist und mit einem Mal wurde es schwarz und finster um ihn herum. Und darum war er dankbar.
Ein Aufschrei, nicht menschlich, zerriss den Raum. Der Horcrux schrie.
Dumbledore stürzte.
Stürzte ins Schwarz.
In die Stille.
In den Frieden.
Und war dankbar darum.
Als Albus Dumbledore die Augen wieder aufschlug, war das Erste, was er sehen konnte, das blasse Gesicht von Severus Snape.
„Kommen Sie, ich helfe Ihnen beim Aufstehen.“
Er spürte, wie er ihm unter die Arme griff und ihm dabei half, auf dem Stuhl hinter seinem Schreibtisch Platz zu nehmen.
„Ssseverus“, wisperte er schwach.
„Schonen Sie Ihre Kraft!“, erwiderte Snape scharf, beinahe herrisch.
„Zoe …. wo ….“
„Ich habe sie in die Schulküche geschickt. Sie war in Panik.“
Dumbledore atmete erleichtert aus und entspannte sich ein wenig. Er schloss die Augen, während Severus Snape den Zauberstab auf seine linke, fast kohlrabenschwarze Hand richtete und eine Beschwörung murmelte.
Sein Kopf schwankte. Ihm war schwindelig und er brauchte kein Genie zu sein, um zu wissen, was mit seiner Hand geschehen war. Er war wahrlich kein Genie, denn ein Genie hätte diese Versuchung direkt durchschaut. Doch er hatte seiner Sehnsucht nachgegeben, wohlwissend, dass Voldemort diesen Horkrux verflucht hatte.
Warum hast du uns geopfert?
Warum hast du uns nicht beschützt?
Du wusstest es … und hast es trotzdem geschehen lassen.
Für das Größere Wohl, nicht wahr?
Sein Herz ruckte schmerzhaft.
Wie dumm er gewesen war, wie entsetzlich töricht. Trotz allem, was er über Tom Riddle wusste, hatte er den Ring berührt.
Kraftlos sank er in sich zusammen und gab sich einen Augenblick dieser Schwäche hin und als er wieder die Augen öffnete, war Snapes Beschwörung beendet. Dessen Zauberstab deutete jetzt auf sein Handgelenk, das zu kribbeln begann. Auf der Zunge schmeckte er plötzlich ein honigsüßes Aroma.
Severus Snape ließ den Zauberstab sinken und stellte einen Kelch mit den Resten einer goldenen Flüssigkeit neben sich auf den Boden.
Als sich ihre Blicke trafen, fragte er ohne Umschweife: „Warum … warum haben Sie sich diesen Ring angesteckt? Auf ihm liegt ein Fluch, das war Ihnen sicher bewusst. Warum haben Sie ihn überhaupt berührt?“
Albus Dumbledore sah zu Vorlost Gaunts Ring, der nun auf dem Schreibtisch lag, das Schwert von Gryffindor direkt daneben. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, woher er die Kraft geschöpft hatte, den Horkrux zu zerschmettern.
„Ich … war ein Narr“, brachte er schwach hervor. „In großer Versuchung …“
„Was hat Sie in Versuchung gebracht?“
Darauf wollte er nicht antworten. Er richtete sich ein wenig auf und spürte, wie das Leben in seine Glieder zurückkam. Die Wärme, die allmählich wieder in seinen Körper strömte, und ihm wurde augenblicklich klar, welch großes Glück er gehabt hatte, dass ausgerechnet Severus zu ihm gefunden hatte.
Dieser schien jedoch nicht beruhigt. Im Gegenteil: verärgert.
„Es ist ein Wunder, dass Sie es geschafft haben, ihn zu zerstören!“, schimpfte er wütend. „Wenn Zoe mich auch nur ein paar Minuten später gerufen hätte, hätte ich womöglich nichts mehr tun können. Auf diesem Ring lag ein Fluch von außerordentlicher Kraft, uns bleibt nur zu hoffen, dass wir ihn eindämmen können; ich habe den Fluch fürs Erste in der einen Hand eingeschlossen-“
Er hob die Hand schwach vor seine Augen, was ihm ungewöhnlich schwerfiel, und musterte sie interessiert. Er konnte die Finger nicht mehr bewegen und die geschwärzte Haut war kein schöner Anblick. Er wusste, was dies bedeutete, doch er versuchte, zunächst seine Ängste hintenanzustellen.
„Das haben Sie sehr gut gemacht, Severus“, lobte er, dankbar für die Zeit, die der Tränkemeister ihm verschafft hatte. „Wie lange, glauben Sie, habe ich noch?“
Severus Snape wirkte weniger lässig. Doch er behielt seinen Zorn unter Kontrolle. Er sah die Hand nachdenklich an, dann meinte er schließlich: „Ich bin nicht sicher. Vielleicht ein Jahr. Es ist unmöglich, einen solchen Fluch für immer aufzuhalten. Er wird sich irgendwann ausbreiten, es ist die Art von Flüchen, die mit der Zeit stärker werden.“
Dumbledore war erleichtert.
Ein Jahr war genug Zeit, um die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, und etwas Zeit, um Zoe vorzubereiten. Doch daran wollte er nun noch nicht denken. Stattdessen lenkte er seine Gedanken auf die Dankbarkeit, die er gegenüber Severus Snape empfand. Für all das, was er bereits getan hatte, auch darum, dass er ihm jetzt noch etwas Zeit verschafft hatte. Er lächelte.
„Welch ein Glück, welch ein Glück, dass ich Sie habe, Severus“, beteuerte er.
„Hätte sie mich nur ein wenig früher gerufen, dann hätte ich vielleicht mehr tun, Ihnen mehr Zeit verschaffen können!“, Snape presste die Kiefer aufeinander und wandte sich ab. „Haben Sie geglaubt, wenn Sie den Ring zerbrechen, würden Sie auch den Fluch brechen?“
„Etwas in der Art …“, wich er aus und versuchte, sich auf seinem Stuhl aufzurichten. Es kostete ihn all seine Kraft. „Ich war wie in einem Rausch, zweifellos … Nun, in der Tat, das macht die Angelegenheit viel einfacher.“
Severus Snape sah ihn skeptisch an und er lächelte aufmunternd und erklärte: „Ich meine den Plan, den Lord Voldemort um mich herum ausheckt. Seinen Plan, mich durch den armen Malfoy-Jungen ermorden zu lassen.“
Tonlos nahm der Tränkemeister auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz. Er betrachtete die verkohlten Finger seiner verfluchten Hand. Dann wurde Severus ungeduldig.
„Der Dunkle Lord erwartet nicht, dass es Draco gelingt“, erklärte Snape ernst. „Das ist nur eine Strafe für die jüngsten Misserfolge von Lucius. Langsame Folter für Dracos Eltern, sie sehen mit an, wie er scheitert, und bezahlen den Preis.“
„Kurz, über den Jungen wurde ein Todesurteil gefällt, genau wie über mich“, stellte er nüchtern fest und ließ seine Hand sinken. „Nun, ich würde meinen, der Nachfolger für diese Aufgabe, sobald Draco gescheitert ist, sind selbstverständlich Sie?“
Severus Snape antwortete nicht sofort. Er sah ihn auch nicht an.
„Das ist, denke ich, der Plan des Dunklen Lords“, sagte er schließlich zögerlich.
„Lord Voldemort sieht den Zeitpunkt näher rücken, da er keinen Spion in Hogwarts mehr braucht?“
„Er glaubt, die Schule wird bald in seiner Hand sein, ja.“
„Und wenn sie ihm tatsächlich in die Hand fällt“, fragte er beiläufig, „habe ich Ihr Wort, dass Sie alles in Ihrer Macht Stehende tun werden, um die Schüler von Hogwarts zu beschützen?“
Severus Snape nickte nur.
„Gut“, sprach Dumbledore erleichtert, „nun denn. Ihre erste Priorität wird es sein, herauszufinden, was Draco im Schilde führt. Ein verängstigter Junge im Teenageralter ist eine Gefahr für andere ebenso wie für sich selbst. Bieten Sie ihm Hilfe und Rat an, das sollte er annehmen, er mag Sie-“
„- viel weniger, seit sein Vater in Ungnade gefallen ist“, erwiderte Snape. „Draco macht mich dafür verantwortlich, er denkt, ich hätte Lucius von seinem Platz verdrängt.“
„Gleichwohl“, beharrte er, „versuchen Sie es. Ich sorge mich weniger um mich selbst als um zufällige Opfer irgendwelcher Machenschaften, die dem Jungen vielleicht in den Sinn kommen. Am Ende wird es natürlich nur eins geben, was wir tun müssen, wenn wir ihn vor Lord Voldemorts Zorn retten wollen.“
Snape hob den Kopf und fixierte den Schulleiter, als glaube er seinen Worten nicht.
„Haben Sie die Absicht, sich von ihm töten zu lassen?“, fragte er sarkastisch.
„Gewiss nicht. Sie müssen mich töten.“
Severus Snape zuckte nicht. Er blinzelte nicht oder gab sonst eine Regung von sich, die auch nur im Entferntesten ermöglichte, seine Gedanken zu deuten. In den Jahren, die er als Spion verbracht hatte, hatte er seine Okklumentik-Fertigkeiten perfektioniert. So perfekt, dass er Voldemort selbst täuschen konnte, und so perfekt, dass auch Dumbledore Severus’ Intention nicht immer erkennen konnte.
Die Stille zwischen ihnen schien eine Ewigkeit anzudauern. Nur das schabende Geräusch, das von Fawkes ausging, der an einem Sepiaschulp nagte.
„Möchten Sie, dass ich es jetzt gleich erledige?“, fragte sein Gegenüber schließlich spöttisch. „Oder wünschen Sie ein wenig Zeit, um einen Grabspruch zu verfassen?“
Dumbledore schmunzelte und legte die Hände in den Schoß, bevor er antwortete: „Oh, nicht so schnell. Ich vermute, der richtige Moment wird sich bald einstellen. In Anbetracht dessen, was heute Abend geschehen ist, können wir sicher sein, dass es binnen eines Jahres geschehen wird.“
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, zu sterben, warum lassen Sie es nicht Draco tun?“, fragte Snape barsch.
„Die Seele dieses Jungen ist noch nicht so beschädigt“, erklärte er ernst. „Ich möchte nicht, dass sie meinetwegen auseinandergerissen wird.“
„Und meine Seele, Dumbledore?“, warf Snape ein. „Meine?“
„Sie allein wissen, ob es Ihrer Seele schaden wird, einem alten Mann zu helfen, Schmerz und Demütigung zu vermeiden.“ Er sah ihn ernst an. „Ich erbitte diesen einzigen großen Gefallen von Ihnen, Severus, weil mein Tod so sicher kommen wird, wie die Chudley Cannons dieses Jahr Letzte der Liga sein werden. Ich gestehe, ich ziehe einen raschen, schmerzlosen Abgang jener langwierigen und hässlichen Angelegenheit vor, die es werden würde, wenn beispielsweise Greyback daran beteiligt wäre – wie ich höre, hat Voldemort ihn angeworben? Oder die gute Bellatrix, die gern mit ihrem Essen spielt, bevor sie es verspeist.“
„Was ist mit Zoe?“, fragte Snape, ernster als je zuvor.
„Ich habe ein Jahr“, erklärte Dumbledore und spürte ein schmerzliches Ziehen in seinem Herzen, „in dem ich sie vorbereiten werde. Ich hoffe auf Ihre Unterstützung, Severus. Sie sind der Einzige, der ihr dann noch bleibt.“
Diesmal standen Snape die Skepsis und die Sorge ganz deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Kann ich auf Sie zählen, Severus?“, fragte Dumbledore nach einer Weile.
Sein Gegenüber nickte.
„In beiderlei Belangen?“, vergewisserte er sich.
Kurz zögerte er, doch dann nickte er abermals.
„Danke, Severus … Ich werde außerdem einige Vorkehrungen treffen müssen, damit Zoe vor Voldemort in Sicherheit ist.“
„Welches Interesse sollte der Dunkle Lord an ihr hegen, wenn Sie tot sind?“, fragte Snape schlicht. „Sie stellt dann kein Druckmittel mehr dar.“
„Blutmagie“, erklärte Dumbledore leise und mit zitternder Stimme, „sie ist von seinem Blut und das macht sie für ihn fast so wertvoll wie sein eigenes Leben. Ihr Blut zu vergießen, ihr Fleisch zu verbrennen oder ihre Organe zu entnehmen, kann mächtige Magie entfesseln. Voldemort weiß davon. Dazu ist er tief genug in die Schwarze Magie eingetaucht. Versprechen Sie mir auch, sie zu beschützen“, verlangte er schwach.
„Dazu braucht es kein Versprechen“, antwortete Snape leise. „Ich werde sie immer beschützen. Wenn nötig, mit meinem Leben.“
Albus Dumbledore lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Sein heiseres ‚Danke’ war kaum wahrnehmbar.
Kurzzeitig sah er wie ein alter, gebrechlicher Mann aus. Ein Mann, der sich der Grenzen seiner Möglichkeiten bewusst geworden war.
„Ich habe so vieles im Leben falsch gemacht“, flüsterte er. „Gwendolyn nicht die Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, die sie verdiente, war einer meiner größten … Ich habe sie so sehr geliebt, doch habe ich es ihr jemals gesagt? Drei kleine Worte, Severus, die ihr Leben verändert hätten … die ihr Leben gerettet hätten.“
Severus konnte darauf nichts erwidern. Albus Dumbledore, seinen Mentor, so menschlich – verletzlich zu sehen, war befremdlich.
„Hätte sie genügend Anerkennung von mir erfahren, dann hätte sie diese vermutlich nicht so verbissen ersuchen müssen. Es ist beinahe beschämend, Severus. Den Fehler, vor dem ich mich stets als Professor hütete – junge Menschen allein nach ihrer Leistung zu beurteilen – habe ich als Vater gemacht. Ich schäme mich so sehr dafür.“
Tränen tropften unter der halbmondförmigen Brille hervor und Severus war so diskret, so zu tun, als nehme er keine Notiz davon. Doch Dumbledore machte keinen Hehl daraus.
„Sie wollten nur ihr Bestes“, sagte er stattdessen unbeholfen.
„Das wollte ich wirklich!“, beteuerte Dumbledore heiser. „Und ich wollte bei Zoe all das besser machen und doch hab ich ihr kaum ein Leid ersparen können.“
Er machte eine kurze Pause, als erwartete er, dass sie jeden Augenblick aus der Küche zurückkam.
„Die Zeit, die vor ihr liegt, wird ihre schwerste Prüfung werden und sie wird entscheidend sein für den Weg, den sie gehen wird. Sie wird sie maßgeblich formen und beeinflussen … und ich werde nicht für sie da sein können …“
„Ich werde an ihrer Seite sein“, beteuerte Severus leise. „Immer.“
Albus Dumbledore öffnete die tränennassen Augen, doch darin stand eine unaussprechliche Dankbarkeit.
Echte Freundschaft war so selten wie die große Liebe.
Gwendolyn war in ihrem jungen Leben wahrlich reich gewesen, denn sie hatte beides besessen.