Spinner’s End
Spinner’s End
Endlich war er eingeschlafen.
Narzissa Malfoy strich ihrem Sohn das seidige, blonde Haar aus dem Gesicht und hielt kurz inne, um seine Temperatur zu fühlen. Seine Stirn und die Wangen waren noch immer heiß. Das Fieber brannte in ihm. Sorgenvoll sah sie ihn an. Die letzten Wochen hatten ihren Tribut gefordert. Der anhaltende Stress, die seelische Belastung und nicht zuletzt die ständige Angst hatten ihn geschwächt, bis sein Körper so anfällig war für eine ganz banale Grippe.
Doch nun zeigte der Trunk seine Wirkung und schon morgen würde Draco erwachen und zumindest körperlich wieder geheilt sein. Die seelischen Wunden, die man ihm in den vergangenen Wochen zugefügt hatte, würden allerdings nicht so schnell genesen.
Seit Lucius’ misslungenem Auftrag war er in Ungnade gefallen und der Dunkle Lord ließ ihn mit den anderen in Askaban versauern und Draco sollte nun die Fehler seines Vaters ausbügeln.
Ihr kleiner Junge …
Narzissa hätte alles getan, um Draco die Last von den Schultern zu nehmen.
Für ihre Familie war die geborene Black bereit, alles zu tun. Ihre Familie war das Wichtigste auf dieser Welt.
Traurig sah sie ihren schlafenden Sohn an und dachte daran, was sie ihm alles verdankte.
Dracos Geburt veränderte ihr Leben. Nachdem sie Lucius den Erben geschenkt hatte, der ihre reinblütige Linie sicherte, hatte sich ihr Leben vollkommen gewandelt. Nur äußerst ungern dachte sie an die ersten Ehejahre zurück, in denen sie sich nicht wenige Nächte in den Schlaf geweint hatte.
Damals, als ihre Eltern ihr verkündeten, mit wem sie die Hochzeit arrangiert hatten, war Narzissa euphorisch gewesen. Sie freute sich darauf, ihr Elternhaus verlassen zu können, um eine eigene Familie zu gründen. Zudem hatte man einen Mann gewählt, den Narzissa bereits heimlich in Hogwarts verehrt hatte. Die geborene Black hatte sich nie für den Hohn oder den Spott interessiert, der hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde. Unter den Unantastbaren Achtundzwanzig flüsterten manche, dass die Familie Malfoy besser einen Pfau anstelle einer schlangenähnlichen Kreatur auf ihrem Wappen tragen sollte. Ebenso wurde spekuliert, dass ihr Motto eher ‚Vanitas ...' oder ‚Pulchritudo vincet semper' [1] – lauten sollte, anstatt ‚Sanctimonia Vincet Semper' [2] .
Doch all dies hatte Narzissa nie interessiert. Lucius Malfoy war eine gute Partie: von reinem Blut, einflussreich, wohlhabend und aus ehrbarem Haus.
Die Ernüchterung kam jedoch schon in der Hochzeitsnacht. Lucius konnte charmant und freundlich sein; seine Ehe allerdings war für ihn nur ein gesellschaftliches Schauspiel gewesen: Eine Pflicht, die er zu erfüllen hatte, um sein Erbe zu erhalten. Ein wirkliches Interesse an ihr hatte er nicht gehegt.
Damals hatte Narzissa tagtäglich ihre Schwester beneidet. Bellatrix und Rodolphus hatten sich sofort miteinander arrangiert. Der Lestrange war seiner Frau von Anbeginn an mit Respekt begegnet und schließlich waren sie einander sogar ebenbürtig gewesen. Narzissa selbst jedoch fühlte sich mit jedem weiteren Tag wertloser. Dabei wollte sie von Anfang an nichts sehnlicher als ihrem Ehemann gefallen. Doch Lucius hatte damals nur Augen für eine andere gehabt und erst, als sie den Mut aufgebracht hatte, sich dem zu stellen, hatte der Wandel begonnen.
Sie konnte mutig sein, wenn die äußeren Umstände es forderten; in ihr schlummerte der Kämpfergeist einer Löwenmutter. Doch im Schatten ihres Mannes war dies nie notwendig gewesen, aber die Erinnerung an den Abend, an dem sie Gwendolyn regelrecht angefleht hatte, die Affäre mit ihrem Mann zu beenden, war für immer in ihren Geist gebrannt.
Vielleicht, weil sie selbst nicht an eine Veränderung geglaubt hatte.
Vielleicht auch, weil sie sich selbst viel zu lange als schwach und hilflos wahrnahm.
Ihr Leben hatte sich schließlich verändert, doch erst nachdem sie endlich Lucius’ Nachfahren unter dem Herzen trug, wandelte sich auch sein Verhalten und letzten Endes hatte er sie sogar lieben gelernt.
Das alles verdankte Narzissa nur ihrem Sohn.
Er hatte ihr Glück vollkommen gemacht [3] .
Doch dieses Glück stand nun auf dem Spiel.
Narzissa besaß nicht viele Möglichkeiten. Als die Frau eines Todessers, der zudem noch in Ungnade gefallen war, war sie kaum mehr wert als ein Hauself. Sie hatte nie Macht besessen oder Einfluss. Doch nun, da ihr Mann nicht hier war, um seine Familie zu beschützen, lag es an ihr, diese Rolle zu übernehmen. Auch wenn dies bedeutete, dass sie dafür um Hilfe bitten musste.
Sie sah ein letztes Mal in Dracos friedliches Gesicht.
Wenigstens war er nun einen kleinen Moment lang ohne Sorgen. Das, so wusste sie, würde sich allerdings ändern, sobald er erwachte. Leise, um ihn nicht zu stören, schlich sie sich aus seinem Zimmer und schloss lautlos die Tür hinter sich.
Ebenso gekonnt nahm sie die Treppe nach unten zur Eingangshalle und ging zur Garderobe, um ihren Reiseumhang zu nehmen. Sie warf ihn sich um die schmalen Schultern, zog die Kapuze über den Kopf und lauschte in die Dunkelheit. Aus dem Herrensalon hörte sie Stimmen. Missbilligend schürzte sie die Lippen.
Schon seit einiger Zeit war die Familie Malfoy nicht mehr alleine im Manor.
Zielstrebig und darauf bedacht, keinen Laut von sich zu geben, verließ Narzissa das Haus. Mit vorsichtigen Schritten passierte sie den Kiesweg in Richtung des schmiedeeisernen Tors und verließ das Anwesen scheinbar ungesehen. Kurz bevor sie die Appariersperre erreicht hatte, bemerkte sie jedoch, dass jemand sie verfolgte, und zog ihren Zauberstab aus dem Ärmel und drehte abrupt um.
„Zissy!“, flüsterte eine Stimme aus der Dunkelheit und Narzissa entspannte sich wieder. „Wo willst du hin?“
Die Malfoy antwortete nicht, wartete jedoch ab, bis ihre Schwester sie eingeholt hatte, bevor sie ihren Weg fortsetzte.
„Antworte mir!“, zischte Bellatrix und ergriff die Jüngere am Arm.
Diese schüttelte sie ab und setzte ihren Weg energisch fort. Es waren nur noch ein paar Schritte, bis sie die Appariersperre erreicht hatten.
„Spinner’s End!“, erwiderte Narzissa bestimmt.
„Das kannst du nicht tun!“, widersprach Bellatrix.
Sie antwortete nicht, denn sie wusste um die Leidenschaft ihrer Schwester für den Dunklen Lord.
Ein Kribbeln auf ihrer Haut verriet ihr, dass sie den Schutzzauber durchquert hatte. Anschließend war sie mit einem leisen Plop verschwunden.
Narzissa Malfoy landete direkt am Ufer eines Flusses und brauchte einige Sekunden, um sich zu orientieren. Dann setzte sie ihren Weg fort und das Gras unter ihren Schuhen dämpfte ihre Schritte. Sie ging entschlossen los, als hinter ihr die Gestalt ihrer Schwester mit einem weiteren Plop erschien.
„Warte!“, rief sie barsch.
Aus dem Gestrüpp neben ihnen sprang plötzlich ein Schatten hervor und lief direkt an Narzissa vorbei die Böschung hinauf.
Bellatrix reagierte sofort.
Ein grüner Lichtblitz zischte durch die Luft und das Leben in dem Wesen erlosch. Der leblose Körper rollte den Hang herab und blieb vor Narzissas Füßen liegen. Diese betrachtete das buschige, rotbraune Fell und stieß das Tier mit dem Fuß an, um sicherzugehen, dass es wirklich nur ein Tier war.
„Nur ein Fuchs“, stellte sie im abfälligen Ton fest, dann setzte sie ihren Weg fort.
„Ich dachte, es wär vielleicht ein Auror“, verteidigte sich Bellatrix und lief ihr hinterher. „Zissy, warte!“
Doch Narzissa hatte keineswegs vor, sich von ihrer Schwester aufhalten zu lassen. Ohne die Ältere weiter zu beachten, stieg sie die Böschung empor.
„Zissy – Narzissa – hör mir zu-“
Bellatrix bekam sie am Arm zu fassen, doch wieder riss sich die Malfoy von ihr los. Der Zorn, der durch die Angst des Verlustes in ihr geschürt wurde, machte sie mit jedem Schritt mutiger.
„Geh zurück, Bella!“, sagte sie bestimmt, weil sie die Beweggründe ihrer Schwester nur zu gut kannte.
„Du musst mir zuhören!“, erwiderte diese ungeduldig.
„Ich habe zugehört! Ich habe mich entschieden! Lass mich in Ruhe!“
Narzissa mochte Bellatrix’ Beharrlichkeit immer bewundert haben. Doch heute Abend machte es sie zornig. Einen Moment blieb sie am Rand der Pflasterstraße stehen, die sich oberhalb der Böschung in einen Ort voller maroder Backsteinhäuser wand. Den dunklen Fenstern nach zu urteilen, schienen die meisten von ihnen unbewohnt zu sein. Einfach verlassen, wie die Fabrik, deren trostloser Schornstein noch immer die unzähligen Arbeiterhäuser überragte.
Bellatrix holte sie ein und atmete zischend aus, als ihr Blick auf den heruntergekommenen Muggelort fiel.
„Hier lebt er?“, fragte sie fassungslos und mit unüberhörbarer Abneigung in der Stimme. „Hier? In dieser Muggelkloake? Wir sind wahrscheinlich die Ersten unserer Art, die jemals den Fuß-“
Narzissa ignorierte ihre Worte und setzte ihren Weg fort. Geschickt schlüpfte sie durch den rostigen Gitterzaun, der die Straße von der Flussböschung trennte, und glitt mit wehendem Umhang zwischen zwei Häusern hindurch auf eine dunkle Gasse.
„Zissy, warte!“
Allmählich konnte Bellatrix die Verärgerung kaum mehr aus ihrer Stimme bannen. Narzissa hörte, dass sie ihr dicht auf den Fersen war, und auch die Haken, die sie zwischen den Häusern schlug, konnten ihre Schwester nicht abwimmeln.
Als die Malfoy unter einer kaputten Laterne innehielt, um sich erneut zu orientieren, holte Bellatrix sie ein. Abermals griff sie nach ihrem Arm, doch dieses Mal riss sie Narzissa mit roher Gewalt herum, sodass diese ihr direkt ins Gesicht blicken musste.
Durch die Kapuze konnte sie nicht das blasse Antlitz mit den schweren Augenlidern ihrer Schwester erkennen, doch sie erkannte ganz deutlich ihre Missbilligung.
„Zissy, das darfst du nicht tun, du kannst ihm nicht vertrauen-“
Ein hönisches Lachen kam über Narzissas Lippen und erwiderte nur: „Der Dunkle Lord vertraut ihm, oder etwa nicht?“
„Der Dunkle Lord“, Bellatrix wagte es kaum, ihre Zweifel laut auszusprechen, und sah sich nach heimlichen Beobachtern um, bevor sie fortfuhr: „… täuscht sich … glaube ich … Jedenfalls hat man uns befohlen, mit niemandem über den Plan zu sprechen. Das ist ein Verrat am Dunklen Lord und …“
„Lass mich los, Bella!“, fauchte Narzissa.
Sie hatte die Nase voll vom Dunklen Lord. Sie hatte es satt zuzusehen, wie er ihre Ehe zerstörte, und sie würde unter keinen Umständen zulassen, dass er auch noch ihre Familie zerstörte. Der ungezähmte Fanatismus ihrer Schwester machte sie umso zorniger, doch für Draco war sie sogar bereit, mit ihr zu brechen – um Draco zu schützen, war sie zu sterben bereit.
So tat Narzissa das Einzige, was ihre Schwester wirklich verstehen würde: Sie zog ihren eigenen Zauberstab und hielt ihn Bellatrix direkt ins Gesicht.
Für einen Moment entgleisten deren Gesichtszüge, doch dann hatte sich die Ältere gefasst und lachte nur hämisch.
„Zissy, deine eigene Schwester? Das würdest du nicht-“
„Es gibt nichts mehr“, antwortete sie mit einer höheren Stimme als gewollt, „was ich nicht tun würde!“
Mit einem Wutschen senkte sie den Zauberstab und aus dessen Spitze flammte ein Lichtblitz auf Bellatrix’ Arm herab, den sie noch immer festhielt. Bellatrix ließ sie fluchend los und rieb sich die Stelle, an der Narzissa sie mit dem Fluch verbrannt hatte.
Es war eine Warnung gewesen, in der Sprache, die ihre Schwester verstand.
„Narzissa!“, fluchte diese, als die Jüngere ihren Weg fortsetzte, und folgte ihr nun mit etwas Abstand.
Diese eilte zielstrebig weiter, durch die dunklen Gassen der hauptsächlich leerstehenden Häuser, bis sie schließlich eines fand, das durch die faden Vorhänge ein spärliches Licht auf die Straße warf. Erleichtert atmete die Malfoy auf, da sie schon befürchtet hatte, es nicht mehr zu finden, und eilte dann zu der Haustür, noch bevor Bellatrix sie eingeholt hatte.
Bestimmt klopfte sie gegen die Tür und hielt den Atem an, um zu lauschen.
Aus dem Raum hinter der Tür hörte sie Geräusche und schließlich näherte sich jemand der Tür. Diese wurde jedoch nur um einen Spalt breit geöffnet, und das Licht aus dem Innenraum erhellte als schmaler Streifen die kleine Straße.
Narzissa zog ihre Kapuze in den Nacken, um sich zu offenbaren, und ihr Gegenüber öffnete die Tür augenblicklich etwas weiter.
„Narzissa!“, empfing er sie mit freundlicher Stimme; doch diese wurde sogleich einige Nuancen kälter, als er ihre Schwester hinter ihr erkannte. „Welch angenehme Überraschung!“
„Severus“, flüsterte sie angestrengt, „kann ich dich sprechen? Es ist dringend.“
„Aber natürlich“, antwortete er sofort und trat zur Seite, um sie hineinzulassen.
Sie war dankbar darum und nahm nur am Rande wahr, wie auch Bellatrix Severus grüßte und ihr folgte und sich in dem dunklen Wohnzimmer umsah.
Hier schien alles noch genauso zu sein wie beim letzten Mal, als sie hier gewesen war. Damals, kurz nach Gwendolyns Tod. Nichts hatte sich scheinbar seitdem in diesem Raum verändert, vielleicht mit Ausnahme des Bücherregals, welches eindeutig voller geworden war.
Severus deutete zum Sofa, das unter einer kegelförmigen Lampe stand, die von der Decke hing, und nahm selbst in einem alten Sessel gegenüber Platz. Narzissa folgte seiner Aufforderung, legte ihren Umhang ab und setzte sich. Ihre zitternden Hände faltete sie sofort in den Schoß, um ihre Aufregung nicht gleich zu offenbaren.
Auch Bellatrix zog nun ihre Kapuze vom Kopf, kam jedoch zu ihr herüber und blieb hinter dem Sofa stehen. Die Finger in der Lehne vergraben.
„So, was kann ich für euch tun?“, fragte Severus schließlich, als er Narzissas hilfesuchenden Blick bemerkte.
„Wir … wir sind allein, nicht wahr?“, wollte sie zunächst wissen.
„Ja, natürlich“, antwortete ihr Gastgeber. Er fügte jedoch hinzu: „Nun, Wurmschwanz ist hier, aber Ungeziefer zählt nicht, oder?“
Mit dem Zauberstab deutete er auf die Bücherwand hinter sich und eine verborgene Tür schwang krachend auf. Dahinter wurde eine schmale Treppe sichtbar, auf der unübersehbar ein kleiner Mann kauerte, offensichtlich um zu lauschen.
„Wie du zweifellos bemerkt hast, Wurmschwanz, haben wir Gäste“, antwortete Severus monoton.
Das Gesicht des kleinen Mannes, der die letzten Stufen zu ihnen herunterkam, war spitz mit wässrigen Augen. Er grinste künstlich und strich sich nervös mit seiner linken Hand über die rechte, die seltsam silbrig glänzte und offensichtlich nicht aus Fleisch war.
„Narzissa und Bellatrix!“, quiekte er mit hoher Stimme. „Wie reizend-“
„Wurmschwanz wird uns etwas zu trinken bringen, wenn ihr mögt“, unterbrach Severus ihn, „und dann geht er in sein Zimmer zurück.“
Der Mann mit dem Namen Wurmschwanz zuckte wie ein unter dem Tisch liegender Hund zusammen, nachdem man getreten hatte.
„Ich bin nicht dein Diener!“, krächzte er und sah dabei zu Boden.
Auf Severus’ Lippen bildete sich ein höhnisches Lächeln.
„Tatsächlich?“, fragte er rhetorisch. „Ich dachte eigentlich, der Dunkle Lord hätte dich hierher geschickt, um mich zu unterstützen.“
„Unterstützen, ja – aber nicht, um dir Drinks zu machen und – und dein Haus zu putzen!“
„Ich hatte keine Ahnung, Wurmschwanz, dass du dich nach gefährlicheren Aufgaben sehnst“, meinte Severus süffisant. „Das lässt sich ohne weiteres arrangieren: Ich werde mit dem Dunklen Lord reden-“
„Ich kann selber mit ihm reden, wenn ich will!“, wehrte sich Wurmschwanz mit einer hohen Piepsstimme, und mit jedem Wort wuchs Narzissas Abneigung.
„Natürlich kannst du das“, bestätigte Severus und fügte höhnisch hinzu: „Aber vorher bringst du uns etwas zu trinken. Ein wenig Elfenwein wäre recht.“
Wurmschwanz gehorchte nicht sofort, sondern zögerte einige Sekunden lang. Doch dann trat er durch eine weitere verborgene Tür und kam zwei Minuten später mit einem Tablett zurück, auf dem drei Gläser und eine staubige Flasche standen. Widerstrebend stellte er es auf einen wackeligen Tisch, eilte dann hastig durch die Tür, durch die er gekommen war, und schloss sie hinter sich. Zurück blieb nur ein raumhohes Regal voller alter magischer Bücher.
Severus goss etwas von der blutroten Flüssigkeit in die Gläser und reichte sie an die Damen weiter, woraufhin sich Narzissa bedankte und ihrer Schwester einen finsteren Blick zuwarf, weil diese alle Höflichkeiten abgelegt hatte.
„Auf den Dunklen Lord“, sprach er und sie prosteten einander zu.
Narzissa leerte ihr Glas in einem Zug und ließ sich gleich wieder einschenken.
„Severus, es tut mir leid, dass ich einfach so hierher komme, aber ich musste dich sehen“, begann sie verzweifelt das Gespräch. „Ich glaube, du bist der Einzige, der mir helfen kann-“
Doch er unterbrach sie augenblicklich, indem er die Hand hob, richtete seinen Zauberstab auf die verborgene Tür hinter dem Bücherregal und ein leises Kreischen ertönte. Dann hörten sie, wie Wurmschwanz die Treppe hinauf stolperte und aus ihrer Hörweite verschwand.
„Verzeihung“, bat Severus. „Er hat sich in letzter Zeit angewöhnt, an Türen zu lauschen, ich weiß nicht, was das soll … Was sagtest du gerade, Narzissa?“
Sie atmete einmal tief durch und war froh um den Elfenwein, der allmählich ihre Zunge lockerte.
„Severus, ich weiß, ich sollte nicht hier sein, mir wurde befohlen, niemandem etwas zu sagen, aber-“
„Dann solltest du den Mund halten!“, schimpfte Bellatrix. „Vor allem in dieser Gesellschaft!“
„‚Dieser Gesellschaft’?“, wiederholte Severus zynisch, und Narzissa verfluchte ihre Schwester innerlich. „Und was darf ich darunter verstehen, Bellatrix?“
„Dass ich dir nicht traue, Snape, wie du ganz genau weißt!“
„Narzissa“, unterbrach er sie mit sanfter Stimme und lächelte ihr zu, „ich denke, wir sollten uns anhören, was Bellatrix so dringend loswerden will; das wird uns lästige Unterbrechungen ersparen.“
Sie schnappte nach Luft und bedeckte sogleich ihr Gesicht mit den Händen, um ihre Verzweiflung nicht gleich zu offenbaren. Warum nur hatte sie Bellatrix gestattet, sie bis hierher zu begleiten? Was, wenn sie nun alle Hoffnung mit ihrem Misstrauen und ihren bissigen Worten zunichte machte?
Severus hingegen ertrug die unausgesprochenen Vorwürfe mit Fasson, stellte sein Weinglas auf den Tisch, legte die Hände beidseitig auf den Sessellehnen ab und lehnte sich zurück. „Nun, weiter, Bellatrix. Warum traust du mir nicht?“
„Aus tausend Gründen!“, betonte sie anklagend und trat wie ein Advokat hinter dem Sofa hervor. „Wo soll ich anfangen? Wo warst du beim Sturz des Dunklen Lords? Warum hast du nie einen Versuch unternommen, ihn zu finden, als er verschwunden war? Was hast du all die Jahre getan, in denen du bei Dumbledore gehaust hast? Warum hast du den Dunklen Lord daran gehindert, sich den Stein der Weisen zu besorgen? Warum bist du nicht sofort zurückgekehrt, als der Dunkle Lord wiedergeboren wurde? Wo warst du vor einigen Wochen, als wir darum kämpften, die Prophezeiung für den Dunklen Lord zu beschaffen? Und warum, Snape, ist Harry Potter immer noch am Leben, wo er dir doch fünf Jahre lang auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war?“
Narzissa hatte noch immer das Gesicht in den Händen verborgen, aber das inbrünstige Auftreten ihrer Schwester konnte sie vor ihren inneren Augen ganz deutlich sehen. Ihr selbst waren all diese Fragen vollkommen egal.
Sie verlangte keine loyale Gefolgschaft zum Dunklen Lord.
Sie interessierte nicht das Leben von Harry Potter und auch nicht, aus welchen Beweggründen Severus all die Jahre gehandelt hatte.
Für Narzissa Malfoy zählten nur die Freundschaft und die jahrelange Treue gegenüber ihrer Familie. Alles andere war nicht von Belang für sie.
Severus Snape jedoch hatte auch auf Bellatrix’ kritische Fragen Antworten.
„Ehe ich dir antworte – o ja, Bellatrix, ich werde antworten“, betonte er gefasst. „Du kannst meine Worte dann all den anderen übermitteln, die hinter meinem Rücken tuscheln und dem Dunklen Lord Lügenmärchen über meine Treulosigkeit auftischen! Aber wie gesagt, ehe ich dir antworte, will ich dir auch eine Frage stellen. Glaubst du wirklich, dass der Dunkle Lord mir nicht jede einzelne dieser Fragen gestellt hat? Und glaubst du wirklich, dass ich hier sitzen und mit dir sprechen würde, wenn ich ihm keine befriedigenden Antworten hätte geben können?“
Bellatrix zögerte und Narzissa spürte die plötzliche Unsicherheit ihrer Schwester, bevor sie beteuerte: „Ich weiß, er glaubt dir, aber-“
„Du denkst, er täuscht sich? Oder ich hätte ihn irgendwie hinters Licht geführt? Den Dunklen Lord hereingelegt, den größten Zauberer, den begnadetsten Legilimentor, den die Welt je gesehen hat?“
Severus machte eine kurze Pause, um an seinem Wein zu nippen, bevor er fortfuhr: „Du fragst, wo ich beim Sturz des Dunklen Lords war. Ich war dort, wo er mich hinbefohlen hatte, an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, weil es sein Wunsch war, dass ich Albus Dumbledore ausspioniere. Ich vermute, du weißt, dass ich diesen Posten auf Befehl des Dunklen Lords annahm?
Du fragst, warum ich nicht versucht habe, ihn zu finden, als er verschwunden war. Aus demselben Grund, aus dem auch Avery, Yaxley, die Carrows, Greyback, Lucius und viele andere nicht versucht haben, ihn zu finden.
Ich dachte, er wäre erledigt. Ich bin nicht stolz darauf, ich habe mich geirrt, aber so war es nun einmal … Wenn er uns, die den Glauben damals verloren haben, nicht verziehen hätte, dann hätte er jetzt nur noch sehr wenige Anhänger.“
„Er hätte mich!“, entgegnete Bellatrix sofort so inbrünstig, dass Narzissa nur ein trauriges Lächeln für sie übrig hatte. „Mich, die für ihn viele Jahre in Askaban gesessen hat!“
„Ja, in der Tat, höchst bewundernswert“, meinte er monoton. „Du hast ihm zwar im Gefängnis nicht sonderlich genützt, aber die Geste war zweifellos edel-“
„Geste!“, fauchte Bellatrix fanatisch. „Während ich die Dementoren ertragen musste, warst du in Hogwarts und hast es dir als Dumbledores Schoßhündchen bequem gemacht!“
„Nicht ganz“, entgegnete Severus gelassen. „Er wollte mir den Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste nämlich nicht anvertrauen. Schien zu glauben, das könnte, ähm, einen Rückfall bewirken … mich in Versuchung führen, wieder alte Gewohnheiten anzunehmen.“
„Das war also dein Opfer für den Dunklen Lord, dass du dein Lieblingsfach nicht unterrichtet hast?“, spottete Bellatrix. „Warum bist du die ganze Zeit dort geblieben, Snape? Um weiter Dumbledore auszuspionieren, für einen Herrn, den du tot glaubtest?“
„Wohl kaum“, antwortete der Hausherr, „obwohl der Dunkle Lord erfreut ist, dass ich meinen Posten nie verlassen habe: Als er zurückkam, konnte ich ihm Informationen über Dumbledore geben, die ich sechzehn Jahre lang gesammelt hatte, ein etwas nützlicheres Wiedersehensgeschenk als die endlosen Geschichten über das ungemütliche Askaban …“
„Aber du bist geblieben-“
„Ja, Bellatrix, ich bin geblieben“, antwortete Severus nun ungeduldig. „Ich hatte eine angenehme Arbeit, die ich einem Aufenthalt in Askaban vorzog. Sie haben damals die Todesser verfolgt, wie du weißt. Der Schutz, den Dumbledore mir gewährte, hat mich vor dem Gefängnis bewahrt, er kam mir sehr gelegen und ich nutzte ihn. Ich wiederhole: Der Dunkle Lord beschwert sich nicht, dass ich geblieben bin, deshalb verstehe ich nicht, warum du es tust. Ich glaube, als Nächstes wolltest du wissen, warum ich mich zwischen den Dunklen Lord und den Stein der Weisen gestellt habe. Das lässt sich leicht beantworten. Er wusste nicht, ob er mir trauen konnte. Er dachte wie du, dass ich mich von einem treuen Todesser in Dumbledores Handlanger verwandelt hätte. Er war in einem bedauernswerten Zustand, ganz schwach, und hatte sich im Körper eines mittelmäßigen Zauberers eingenistet. Er wagte es nicht, sich einem ehemaligen Verbündeten zu offenbaren, da dieser Verbündete ihn womöglich Dumbledore oder dem Ministerium ausliefern würde. Ich bedauere zutiefst, dass er mir nicht vertraute. Er hätte drei Jahre früher wieder Macht erlangt. So sah ich nur, wie der gierige und nichtswürdige Quirrell versuchte, den Stein zu stehlen, und ich gebe zu, dass ich nach Kräften alles tat, um ihn daran zu hindern.“
Bellatrix blähte die Nasenflügel und sah Severus herablassend an, als sie ihm vorwarf: „Aber du bist nicht zurückgekehrt, als er zurückkam, du bist nicht gleich zu ihm geflogen, als du gespürt hast, wie das Dunkle Mal brannte-“
„Stimmt“, bestätigte er kühl. „Ich kehrte zwei Stunden später zurück. Und zwar auf Dumbledores Befehl.“
„Auf Dumbledores?“, zischte die geborene Black empört.
„Denk nach!“, fauchte er ungeduldig. „Denk nach! Indem ich zwei Stunden wartete, nur zwei Stunden, ermöglichte ich es mir, als Spion in Hogwarts zu bleiben! Indem ich Dumbledore im Glauben ließ, ich würde nur an die Seite des Dunklen Lords zurückkehren, weil Dumbledore es mir befohlen hatte, konnte ich nach wie vor Informationen über Dumbledore und den Orden des Phönix weitergeben! Überleg doch, Bellatrix: Das Dunkle Mal wurde monatelang immer stärker, ich wusste, dass seine Rückkehr kurz bevorstand, alle Todesser wussten das! Hätte ich nicht genügend Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was ich tun wollte, meinen nächsten Schritt zu planen, zu fliehen, wie es Karkaroff tat? Das anfängliche Missfallen des Dunklen Lords über meine Verspätung schwand ganz und gar, das kann ich dir versichern, als ich ihm erklärte, dass ich treu geblieben war, auch wenn Dumbledore meinte, ich sei auf seiner Seite. Ja, der Dunkle Lord dachte, ich hätte ihn für immer verlassen, doch er irrte sich.“
„Aber was hast du uns gebracht?“ Bellatrix war skeptisch. „Welche nützlichen Informationen haben wir von dir erhalten?“
„Meine Informationen wurden direkt dem Dunklen Lord übermittelt“, antwortete Severus trocken, und mit einem spöttischen Zucken seiner Mundwinkel fügte er hinzu: „Wenn er dich nicht daran teilhaben lässt-“
„Er lässt mich an allem teilhaben!“, brauste die Black-Schwester wütend auf. „Er nennt mich seine zuverlässigste, seine treueste … ich hätte Gwendolyn lange den Rang abgelaufen, wenn sie nicht-“
„Tatsächlich?“, unterbrach er sie leise. „Auch noch, nach dem Fiasko im Ministerium?“
Bellatrix sah ihn wie vor den Kopf gestoßen an. Auf ihren Wangen zeigte sich eine Röte, wie auf dem Gesicht eines beschämten Schulmädchens.
„Das war nicht meine Schuld!“, zischte sie abwehrend. „Der Dunkle Lord hat mir früher seine wertvollsten – wenn Lucius nicht-“
„Wag es nicht!“ Ein zorniges Zittern ließ Narzissas Körper erbeben. Warnend sah sie zu Bellatrix auf. „Wag es ja nicht, meinem Mann die Schuld zuzuschieben!“
Einen Augenaufschlag lang sahen die Schwestern einander angespannt an. Dann brach Severus die Anspannung zwischen ihnen, indem er ruhig entgegnete: „Es hat keinen Sinn, Schuld zuzuteilen. Was geschehen ist, ist geschehen.“
„Aber du hast nichts getan!“, brauste Bellatrix auf. „Nein, du warst wieder einmal nicht da, während wir anderen uns in Gefahr begaben, nicht wahr, Snape?“
„Mein Befehl lautete, im Hintergrund zu bleiben“, erwiderte er. „Stimmst du etwa nicht mit dem Dunklen Lord überein, glaubst du vielleicht, dass Dumbledore es nicht bemerkt hätte, wenn ich mich den Todessern angeschlossen hätte, um gegen den Orden des Phönix zu kämpfen? Und – verzeih mir – du sprichst von Gefahr … ihr hattet es mit sechs Halbwüchsigen zu tun, oder?“
„Du weißt ganz genau, dass in kürzester Zeit der halbe Phönixorden zu ihnen stieß!“, fuhr Bellatrix ihn an. „Und wo wir schon beim Orden sind – behauptest du immer noch, du könntest nicht preisgeben, wo sich ihr Hauptquartier befindet?“
„Ich bin nicht der Geheimniswahrer, ich kann den Namen des Ortes nicht aussprechen. Du verstehst, wie der Zauber wirkt, nehme ich an? Der Dunkle Lord ist zufrieden mit den Informationen, die ich ihm über den Orden gegeben habe. Sie führten, wie du dir vielleicht denken kannst, vor kurzem zur Gefangennahme und Ermordung von Emmeline Vance, und sie halfen zweifellos dabei, Sirius Black zu beseitigen, auch wenn ich voll und ganz anerkenne, dass du ihn endgültig erledigt hast.“
Er hob sein Glas und prostete ihr zu. Doch das veränderte den ernsten Ausdruck ihres Gesichtes nicht.
„Du weichst meiner letzten Frage aus, Snape“, stellte sie stattdessen fest. „Harry Potter. Du hättest ihn während der letzten fünf Jahre jederzeit töten können. Du hast es nicht getan. Warum?“
„Hast du über diese Angelegenheit mit dem Dunklen Lord gesprochen?“, wollte er wissen.
Bellatrix schwieg für ein paar Sekunden, doch das Flackern in ihren großen glühenden Augen konnte sie nicht zur Gänze unterdrücken. „Er … in letzter Zeit, wir …“, begann sie ungeschickt, ärgerte sich über sich selbst und entgegnete: „Ich frage dich, Snape!“
„Wenn ich Harry Potter ermordet hätte, dann hätte der Dunkle Lord sein Blut nicht benutzen können, um wieder zu Kräften zu kommen, um sich unbesiegbar zu machen-“
„Du behauptest“, unterbrach Bellatrix ihn laut, „du hättest vorausgesehen, dass er den Jungen brauchen wird?“
„Das behaupte ich nicht“, erwiderte Severus und schüttelte sachte den Kopf. „Ich hatte keine Ahnung von seinen Plänen; ich habe doch schon zugegeben, dass ich den Dunklen Lord für tot hielt. Ich versuche nur zu erklären, warum der Dunkle Lord nicht bedauert, dass Potter überlebt hat, zumindest hat er es bis vor einem Jahr nicht getan …“
„Aber warum hast du sein Leben verschont?“, beharrte die geborene Black.
„Hast du mich nicht verstanden? Es war nur Dumbledores Schutz, der mich vor Askaban bewahrte! Meinst du nicht auch, dass der Mord an seinem Lieblingsschüler ihn zu meinem Feind gemacht hätte? Aber das war nicht alles. Ich möchte dich daran erinnern, dass über Potter, als er zum ersten Mal nach Hogwarts kam, noch viele Geschichten im Umlauf waren, Gerüchte, wonach er selbst ein großer schwarzer Magier sei und deshalb den Angriff des Dunklen Lords überlebt habe. Tatsächlich glaubten viele von den alten Anhängern des Dunklen Lords, Potter wäre vielleicht ein neuer Anführer, dem wir uns alle wieder anschließen könnten. Ich war zugegebenermaßen neugierig und verspürte nicht die geringste Neigung, ihn zu ermorden, als er den Fuß in das Schloss setzte.
Natürlich wurde mir sehr schnell klar, dass er keinerlei außergewöhnliches Talent besaß. Er rettete sich aus einer Reihe brenzliger Situationen mit einer einfachen Mischung aus schierem Glück und recht begabten Freunden. Er ist in höchstem Grade mittelmäßig, allerdings genauso widerwärtig und selbstzufrieden wie schon sein Vater. Ich habe mein Möglichstes getan, dass man ihn aus Hogwarts wirft, wo er meiner Auffassung nach kaum hingehört, aber ihn zu töten oder zuzulassen, dass er vor meinen Augen getötet wird? Ich wäre ein Dummkopf gewesen, hätte ich es darauf ankommen lassen, solange Dumbledore unmittelbar in meiner Nähe war.“
„Und trotz allem sollen wir glauben, dass Dumbledore dich nie verdächtigt hat?“ Noch immer misstrauisch sah sie auf Severus herab. „Er hat keine Ahnung, wem du wirklich treu bist, er vertraut dir immer noch blind?“
„Ich habe meine Rolle gut gespielt“, erklärte er schlicht. „Und du vergisst Dumbledores größte Schwäche: Er muss immer das Beste von den Menschen glauben. Als ich kurz nach meiner Zeit als Todesser sein Mitarbeiter wurde, tischte ich ihm das Märchen auf, wie tief meine Reue sei, und er nahm mich mit offenen Armen auf – auch wenn er mich, wie gesagt, so gut er konnte, von den Dunklen Künsten fernhielt. Dumbledore war schon immer ein großer Zauberer.“ Bellatrix schnaubte verächtlich, doch Severus fuhr unbeirrt fort. „O ja, das war er, der Dunkle Lord weiß darum. Ich freue mich aber, sagen zu können, dass Dumbledore alt wird. Das Duell mit dem Dunklen Lord im vergangenen Monat hat ihn mitgenommen. Er hat danach noch eine schwere Verletzung erlitten, weil seine Reaktionen langsamer sind als früher. Doch während all dieser Jahre hat er Severus Snape stets vertraut, und darin liegt mein großer Wert für den Dunklen Lord.“
Der skeptische Ausdruck im Gesicht der Reinblüterin offenbarte noch immer ihr Misstrauen, doch da sie erst einmal schwieg, wandte Severus sich nun seiner Schwester zu. Hoffnungsvoll hob Narzissa den Blick von ihrem Glas und ihre Verzweiflung spiegelte sich in ihrer Miene.
„Nun … du bist gekommen, um mich um Hilfe zu bitten, Narzissa?“, fragte er ernst.
„Ja, Severus“, bestätigte sie und versuchte, das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen. „Ich – ich glaube, dass du der Einzige bist, der mir helfen kann, ich habe sonst niemanden. Lucius ist im Gefängnis und …“
Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals und es verschlug ihr für einen Moment die Sprache. Bei der Erinnerung an die vergangenen Wochen, an die Demütigungen und die Schmach war es schwer, für die geborene Black Stärke zu zeigen.
Sie schloss die Augen für ein paar Atemzüge, und zwei dicke Tränen drückten sich zwischen ihren Wimpern durch und tropften in ihren Schoß.
„Der Dunkle Lord hat mir verboten, darüber zu sprechen“, flüsterte sie heiser. „Er will, dass keiner von dem Plan erfährt.“
Sie stockte kurz, denn sie wusste, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Der Dunkle Lord beabsichtigte nicht, dass das aufgetragene Vorhaben geheim blieb. Er wollte, dass Draco scheiterte und dass seine Eltern all der Qual, Verzweiflung und des Leidens ihres Sohnes zusehen mussten. Der Gedanke daran war für sie kaum zu ertragen.
Verzweifelt schnappte sie nach Luft, öffnete die Augen und sah flehend zu Severus hinüber, als sie fortfuhr.
„Er ist … sehr geheim. Aber-“
„Wenn er es verboten hat, solltest du nicht darüber sprechen“, unterbrach er sie sofort ernst. „Das Wort des Dunklen Lords ist Gesetz.“
„Da hast du’s!“, schnarrte ihre Schwester triumphierend. „Sogar Snape sagt es: Man hat dir befohlen, nicht zu reden, also sei still!“
Verzweifelt rang Narzissa nach Atem und versuchte, dem quälenden Druck auf ihrem Brustkorb zu entkommen. So sah sie den besorgten Ausdruck im Gesicht ihres Freundes nicht. Er stand auf, ging zu dem Fenster neben der Tür und spähte hindurch, bevor er sorgfältig die Vorhänge zuzog.
„Zufällig weiß ich von dem Plan“, offenbarte er mit leiser Stimme. „Ich bin einer der wenigen, mit denen der Dunkle Lord darüber gesprochen hat. Dennoch, hätte ich das Geheimnis nicht gekannt, Narzissa, dann wärst du eines großen Verrats am Dunklen Lord schuldig geworden.“
„Ich dachte mir, dass du bestimmt davon weißt!“, sprach sie sofort, als sie endlich wieder Herrin über ihren Körper war. „Er hat so großes Vertrauen zu dir, Severus …“
„Du weißt von dem Plan?“, wiederholte Bellatrix mit neidvollem Unterton. „Du weißt davon?“
„Gewiss“, bestätigte der Tränkemeister schlicht. „Aber welche Hilfe verlangst du, Narzissa? Wenn du glaubst, ich könnte den Dunklen Lord überreden, es sich anders zu überlegen, kann ich dir, fürchte ich, keine Hoffnung machen, nicht die geringste.“
„Severus“, flehte sie, und mit den Gedanken an Draco liefen ihr die Tränen wieder unaufhaltsam die Wangen herab. „Mein Sohn … mein einziger Sohn …“
„Draco sollte stolz sein“, rief ihre Schwester hochmütig aus. „Der Dunkle Lord erweist ihm eine große Ehre. Und was man Draco zugutehalten kann: Er schreckt nicht vor seiner Pflicht zurück, er scheint froh über die Gelegenheit, sich zu beweisen, er brennt darauf …“
Vor Verzweiflung begann Narzissa zu schluchzen. Ihre Schwester war dumm. Sie war eine der cleversten und gerissensten Hexen, die sie kannte, doch in dieser Sache war sie einfach dumm …
Nie hatte sie ihr eigen Fleisch und Blut in den Armen gehalten, um dessen Unversehrtheit gebangt oder die eigenen Laster an ihm erkannt und belächelt.
Nie hatte sie die Liebe und das schier endlose Vertrauen eines Kindes gespürt, dessen Trotz oder sein Streben.
Bellatrix konnte es einfach nicht verstehen.
„Das liegt daran, dass er erst sechzehn ist und keine Ahnung hat, was ihm bevorsteht!“, erklärte sie krächzend, dann wandte sie sich wieder ihrem Freund zu. „Warum, Severus? Warum mein Sohn? Es ist zu gefährlich! Das ist die Rache für Lucius’ Fehler, ich weiß es!“
Er entgegnete nichts darauf, wandte jedoch den Kopf ab, als könne er ihre Verzweiflung nicht ertragen.
„Deshalb hat er Draco gewählt, nicht wahr?“, sprach Narzissa ihre Vermutung geradeheraus. „Um Lucius zu bestrafen?“
„Wenn es Draco gelingt“, sagte Severus mit wenig überzeugter Stimme, „wird ihm größere Ehre zuteilwerden als allen anderen.“
„Aber es wird ihm nicht gelingen!“, heulte sie auf. „Wie könnte es, wenn der Dunkle Lord selbst-?“
Bellatrix zischte zornig und Narzissa verschluckte sich und räusperte sich hastig. „Ich wollte nur sagen … dass es keinem bisher gelungen ist … Severus … bitte … du bist, du warst immer Dracos Lieblingslehrer … du bist Lucius’ alter Freund … im Manor hatten wir immer eine offene Tür für dich … ich bitte dich … du genießt die Gunst des Dunklen Lords, bist sein vertrautester Berater … wirst du mit ihm sprechen, ihn umstimmen?“
„Der Dunkle Lord wird sich nicht umstimmen lassen“, entgegnete er tonlos. „Und ich bin nicht so dumm, es zu versuchen. Ich will nicht verhehlen, dass der Dunkle Lord wütend auf Lucius ist. Eigentlich trug Lucius die Verantwortung. Er ließ sich gefangen nehmen, zusammen mit was weiß ich wie vielen anderen, und es gelang ihm auch nicht, die Prophezeiung zu beschaffen. Ja, der Dunkle Lord ist wütend, Narzissa, sehr wütend sogar.“
„Dann habe ich Recht“, schluchzte sie erneut verzweifelt. „Er hat Draco zur Vergeltung gewählt! Er will nicht, dass es ihm gelingt, er will, dass er bei dem Versuch umkommt!“
Die Qual der Erkenntnis brachte Narzissa schier um den Verstand und das Schweigen ihres Freundes deutete sie als Bestätigung. Blind vor Tränen stellte sie das Glas ab, wo sie den Tisch vermutete, raffte sich auf und taumelte auf ihn zu.
Severus Snape – ihre einzige Hoffnung.
Verzweifelt krallte sie sich am Revers seines Umhangs fest, ihre Tränen tropften auf seine Brust.
„Du könntest es tun“, keuchte sie außer sich. „Du könntest es anstelle von Draco tun, Severus. Dir würde es gelingen, natürlich würde es das, und er würde dich mehr, als uns alle belohnen-“
Sie spürte seine kalten Hände an ihren Handgelenken, als er ihren Griff von seinem Umhang löste. Er war bestimmt, jedoch sanft. Hilflos presste Narzissa die Augen fest aufeinander.
„Er will, dass ich es am Ende tue, denke ich“, gab er leise zu und Narzissa stockte der Atem.
Erschrocken riss sie die Augen auf.
„Aber er hat beschlossen, dass Draco es zuerst versuchen muss. Sieh doch, wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass es Draco gelingt, kann ich noch ein wenig länger in Hogwarts bleiben und meine nützliche Rolle als Spion weiterspielen.“
Geschockt sah sie ihren alten Freund an und entriss sich schließlich seinem Griff.
„Mit anderen Worten“, stellte sie schmerzlich fest, „es ist ihm egal, ob Draco getötet wird!“
„Der Dunkle Lord ist sehr wütend“, betonte Severus ernst. „Es ist ihm misslungen, die Prophezeiung zu hören. Du weißt genauso gut wie ich, Narzissa, dass er nicht so leicht vergibt.“
Plötzlich verließ sie die Kraft.
Es war, als würden alle Lebensgeister in ihr auf einmal schwinden.
Was hatte ihr Leben für einen Sinn, wenn sie es ohne Draco weiterführen musste.
Was würde aus ihrer Familie werden, wenn das Herzstück zerbrochen war?
Ihre zittrige Knie gaben kraftlos nach und Narzissa sank vor Severus zu Boden und weinte. Weinte herzzerreißend und schmerzlich.
„Mein einziger Sohn … mein einziger Sohn …“ Draco war alles, an das sie noch denken konnte.
„Du solltest stolz sein!“, wiederholte Bellatrix eisern. „Wenn ich Söhne hätte, würde ich sie gerne für den Dienst am Dunklen Lord hingeben!“
Narzissa wimmerte.
Bellatrix war so dumm.
Was wusste sie schon von der Liebe?
Was wusste sie schon von Familie?
Alles, was ihre Schwester kannte, war haltloser Fanatismus.
Der Schmerz in ihrer Seele war kaum mehr zu ertragen. Verzweifelt vergrub sie die Hände in ihrem Haar, riss daran, damit dieser körperliche Schmerz die Qualen, die sie spürte, überdecken sollte.
Dann mischte sich Severus wieder ein.
Er packte sie bestimmt an den Händen, hob Narzissa vom Boden auf und bugsierte sie zurück auf den Platz, an dem sie eben noch gesessen hatte.
Doch sie konnte einfach nicht aufhören, zu weinen.
Nicht dann einmal, als er ihr Wein nachschenkte und ihr das Glas in die bebenden Hände drückte.
„Narzissa, es ist genug“, sprach Severus mit einer ungewöhnlichen Sanftheit in der Stimme. „Trink das. Hör mir zu.“
Hoffnungsvoll riss sie sich zusammen. Trank zittrig einen Schluck des Weines und sah aus geschwollenen Augen zu ihm auf, als er auf dem gegenüberliegenden Sessel Platz genommen hatte.
„Es könnte sein“, begann er langsam, „dass ich Draco helfen kann.“
Eine Welle der Erleichterung durchströmte Narzissa beim Klang dieser Worte. Es war ein kleiner Funke Hoffnung in nicht enden wollender Dunkelheit.
„Severus“, keuchte sie atemlos, „oh, Severus – du würdest ihm helfen? Würdest du auf ihn Acht geben, dafür sorgen, dass ihm nichts passiert?“
„Ich kann es versuchen“, sagte er knapp.
Narzissa stieß ihr Glas auf den Tisch und rutschte vom Sofa herab und kniete vor Severus’ Füßen. Bellatrix’ Zischen ignorierend nahm sie seine Hände und drückte dankbar ihre Lippen auf seine Handrücken.
Sie würde alles für Draco tun. Einfach alles.
Doch sie musste die Gewissheit haben, um die kommenden Monate zu überstehen.
„Wenn du dabei bist und ihn beschützt“, wisperte sie heiser, „Severus, wirst du mir das schwören? Wirst du den Unbrechbaren Schwur ablegen?“
„Den Unbrechbaren Schwur?“, wiederholte er, ohne die Miene zu verziehen.
Bellatrix’ schallendes Gackern erfüllte den Raum.
Königlich schritt sie hinter dem Sofa hervor und flötete: „Hörst du nicht zu, Narzissa? O ja, er wird es versuchen, sicher … die üblichen leeren Worte, wie gewohnt drückt er sich vor dem Handeln – keine Gwen mehr da, die ihm den Rücken stärkt … oh, auf Befehl des Dunklen Lords natürlich!“
Narzissa hörte nicht hin.
Sie sah Severus nur an. Stumm. Flehentlich. Sie hielt seine Hände fest umklammert, so wie damals, als er nach Gwendolyns Tod vor ihr gekniet hatte.
Schluchzend. Zerrissen.
Er kannte den Schmerz, der sie plagte.
Und er wusste auch, wie notwendig Trost und Hoffnung waren.
„Natürlich, Narzissa“, sagte er schließlich leise, ohne den Blick von ihren blauen Augen zu lösen. „Ich werde den Unbrechbaren Schwur ablegen. Vielleicht ist deine Schwester bereit, unseren Bund zu besiegeln.“
Bellatrix verstummte.
Vollkommen ungläubig stand sie da und sah mit offenem Mund auf die beiden herab. Erst als Severus neben ihr auf den Boden rutschte und sie kühl aufforderte, den Zauberstab hervorzuholen, kam sie wieder zu sich.
Fassungslos gehorchte sie und trat näher heran, bis sie direkt neben ihnen stand und auf ihre verschränkten Hände herabblickte.
Narzissa ergriff das Wort und in ihrer Stimme lag all die verbliebene Hoffnung.
„Wirst du, Severus, über meinen Sohn Draco wachen, wenn er versucht, die Wünsche des Dunklen Lords zu erfüllen?“
„Das werde ich“, antwortete er ernst.
Aus der Spitze von Bellatrix’ Zauberstab züngelte eine leuchtende Flamme hervor und legte sich wie eine rotglühende Schlange um ihre beiden Hände.
Dann fuhr Narzissa fort.
„Und wirst du ihn mit all deinen Kräften vor Gefahren schützen?“
„Das werde ich“, schwor Severus, und eine zweite Flamme glitt hervor und verband sich zusammen mit der ersten.
„Und sollte es sich als notwendig erweisen … wenn Draco zu scheitern droht“, hauchte Narzissa mit klopfendem Herzen und sah gebannt in Severus’ schwarze Augen, „wirst du selbst die Tat ausführen, die der Dunkle Lord Draco befohlen hat?“
Stille erfüllte den Raum.
Für ein paar Sekunden war nur das Knistern des Feuers zu hören.
Selbst Bellatrix schien gespannt den Atem anzuhalten.
Dann sprach Severus mit einer Entschlossenheit: „Das werde ich.“
Mit der dritten magischen Flamme erglühte auch das überraschte Gesicht ihrer Schwester unter dem Zauber.
Ein Zauber, der endgültig war, unwiderruflich und für dessen Bruch man mit dem Leben zahlte.
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[1] Eitelkeit... oder Schönheit wird immer siegen
[2] Reinheit wird immer siegen
[3] Zu Narzissas Geschichte kann die FF „Sanctimonia Vincet Semper" gelesen werden. Siehe externer Link.