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Was der Krieg verlangt

Zoe Dumbledore Und Der Halblutprinz — www.fanfiktion.de · All chapters

Was der Krieg verlangt

Severus Snape hatte Wurmschwanz in die Winkelgasse entsandt, um die gewöhnlichen Ingredienzien zu besorgen, die er für den Trank benötigte, mit dem ihn der Dunkle Lord beauftragt hatte. Es war ein kompliziertes Gebräu, anspruchsvoll selbst für jemanden mit seiner Expertise, und der kleinste Fehler konnte verheerende Folgen haben. Die Zutaten waren selten, einige illegal, andere nur unter Lebensgefahr zu beschaffen.

Es waren erst ein paar Stunden vergangen, seit die Black-Schwestern ihn verlassen hatten, und ihre Unterhaltung ließ seine Gedanken rotieren. Der Arm, an dem Bellatrix den Zauber ausgeführt hatte, pulsierte noch immer leicht. Der Zauber kroch langsam seine Venen hinauf und würde bald schon sein Herz erreichen.

Der Unbrechbare Schwur war endgültig.

Aber konnte er ihm auch gerecht werden?

Die Situation für Draco war aussichtslos, und genau deshalb hatte der Dunkle Lord ihn damit betraut. Nicht aus Vertrauen, sondern aus Berechnung. Er wollte den Jungen langsam zerbrechen, seine Psyche zermürben, und er wollte, dass seine Eltern Zeugen davon wurden. Dass sie machtlos, verzweifelt und hilflos dabei zusahen, wie ihr Sohn scheiterte.

Severus konnte nichts für ihn tun, doch er würde es versuchen – Narzissa zuliebe. Ihr Flehen hallte noch in seinen Ohren nach. Diese beinahe wahnsinnige Sorge einer Mutter, die wusste, dass sie ihren Sohn verlieren würde, wenn niemand eingriff. Eine Sorge, die ihn tiefer berührt hatte, mehr, als er sich hätte eingestehen wollen.

Die Freundschaft zur Familie Malfoy war beinahe so alt wie er selbst. Er kannte Lucius aus Hogwarts, hatte seine kalte, arrogante Art früh durchschaut und ihn dennoch nie ganz dafür verabscheut. Sie waren gewissermaßen zu Verbündeten in einem System geworden, das mit Härte und Kontrolle arbeitete.

Bei Narzissa jedoch war es anders gewesen. Sie hatte ihm nach Gwendolyns Tod eine Zuflucht geboten und ihn aufgefangen. Sie hatte ihm Raum gegeben, ohne Erwartungen, ohne Forderungen. Und dafür war er ihr ewig dankbar.

Narzissa Malfoy war eine ehrbare und liebende Frau, deren höchstes Gut ihre Familie war. Severus wusste das, der Dunkle Lord wusste das, und er nutzte es schamlos aus.

Nun musste sie die Leiden ertragen, die das Versagen ihres Mannes verursacht hatten, und Severus konnte nichts weiter tun, als einen unausgesprochenen Schwur zu erfüllen: Draco zu schützen. So gut es eben ging.

Er dachte an Dracos bleiches Gesicht, die aufgesetzte Arroganz und die Art des Jungen mit Spott und Hohn alles von sich fernzuhalten. Draco war kein Mörder. Noch nicht.

Vielleicht würde der Krieg ihn dazu machen.

Vielleicht würde Dumbledore aber zuvor durch den Fluch des Ringes versterben.

Vielleicht musste er den Moment für Draco einfach nur lange genug hinauszögern.

Das würde er tun, um jeden Preis, denn er hatte Mitleid mit Narzissa.

Severus wusste, wie es war, einen geliebten Menschen zu verlieren. Er wusste auch, wie es sich anfühlte, dabei zusehen zu müssen, wie jener Mensch den falschen Weg einschlug.

Aller Ratschläge, aller Bitten zum Trotz.

Ein trauriges Lächeln bildete sich auf seinen Lippen.

Gwendolyn hatte schon immer ihren eigenen Kopf gehabt.

Er erhob sich schwerfällig aus seinem Sessel, der ihm plötzlich unbequem erschien, und ging zu dem hohen Bücherregal, das eine Wand des Wohnzimmers ausfüllte. Seine Finger fuhren über die Buchrücken, suchten beinahe tastend nach Halt, bis sie schließlich bei einem alten, abgegriffenen Band innehielten. Er zog es heraus. Es war ein Schulbuch aus längst vergangenen Tagen und Severus klappte den vergilbten Deckel auf.

Auf der ersten Seite lag eine Fotografie, die eigentlich aus vier verschiedenen bestand. Die beiden Personen darauf bewegten sich nicht, denn es war in einem Fotoautomaten in einem Muggelgeschäft entstanden, in dem Jahr, als Gwendolyn ihn zuhause besucht hatte. Dem Jahr, in dem seine Mutter verstorben war. Severus dachte daran, wie Gwen sich über die Regungslosigkeit amüsiert hatte. als sie zum ersten Mal feststellte, dass die Bilder der Muggel keine Bewegung abbildeten. Noch immer erinnerte er sich an ihr Lachen. Ein helles, klares Lachen, wie Glockenklang.

Die Erinnerung brachte ihn selbst zum Lächeln.

Er vermisste sie. Mehr als Worte es je hätten ausdrücken können.

Vermisste ihre intensiven Diskussionen, ihren eifernden Ehrgeiz und ihren Drang, jede Grenze zu hinterfragen, woraus oft Experimente resultierten.

Seine Freundin war nicht immer einfach gewesen, aber Severus fehlte diese ungezwungene Freundschaft und jemand, der loyal und ehrlich war, der ihm auch mal einen dummen Spruch um die Ohren schlug oder ihn seiner Marotten wegen aufzog.

Er vermisste einen Freund.

Severus hatte sich nie mehr so alleine gefühlt wie nach ihrem Tod und er hätte alles dafür getan, noch einmal ihren Rat zu hören, ihre Unterstützung zu erfahren oder einfach ihrer Stimme zu lauschen.

Aber er hatte sie verloren und mit ihr etwas, das er nie zurückgewinnen würde.

Ein kaum hörbares Seufzen entkam seinen Lungen, während er das Buch wieder schloss.

„Gwen“, flüsterte er wehmütig.

Liebvoll strich er ein letztes Mal über das Foto, bevor er das Buch zuklappte und es zurück an seinen Platz stellte. Dann wandte er sich dem Arbeitstisch zu.

Ein scharfes Klopfen an der Tür ließ ihn innehalten.

„Komm herein“, sagte er mit ausdrucksloser Stimme.

Wurmschwanz huschte hinein, eine Tasche voller Zutaten in den Händen, den Blick gesenkt. „Die Ingredienzien, wie befohlen. Alles ... alles ist da.“

Severus nahm sie ohne ein Wort des Dankes entgegen. Seine Finger glitten prüfend über die Phiolen und Päckchen, er las jedes Etikett. Wurmschwanz hatte die Wahrheit gesagt, er hatte die fehlenden Zutaten aus der Winkelgasse besorgt.

„Du kannst gehen.“

Als sich die Tür hinter dem Mann schloss, atmete Severus tief durch. Es war an der Zeit, mit den Vorbereitungen für den Trank zu beginnen. Der Krieg verlangte Opfer, das war ihm bewusst, aber er war gewillt, den Schaden zu begrenzen.

Tatsächlich war Severus Snape nicht der Einzige, der an jenem Abend an Gwendolyn Dumbledore zurückdachte.

In der weit entfernten südwestenglischen Grafschaft Wiltshire thronte ein majestätisches Gebäude inmitten einer weitläufigen, parkähnlichen Landschaft. Dieses alte Herrenhaus war der Landsitz der Familie Malfoy und in einem der Zimmer, die sich der Dunkle Lord nach Lucius Malfoys Versagen angeeignet hatte, saß er vor einem großen, ausladenden Kaminfeuer.

Nur die Schlange Nagini leistete ihm Gesellschaft und lag ruhig und reglos vor der warmen Feuerstelle. Ansonsten war er allein, denn er bevorzugte die Einsamkeit, nicht aus Bedürfnis nach Ruhe, sondern der Kontrolle wegen. Die Abwesenheit anderer bedeutete auch die Abwesenheit von Störungen, von Unvollkommenheit und von Schwäche.

Er saß in einem hohen Sessel, seine dünne Gestalt regungslos, die weißen Finger auf die Armlehne gespreizt, als wären sie Krallen, die sich ins Polster drückten. Die Dunkelheit schmiegte sich an ihn wie ein treuer Diener, während seine unnatürlichen roten Augen geschlossen waren.

Sein Geist jedoch war hellwach und aufmerksam.

Voldemort dachte nach.

Seine Gedanken wanderten zurück. Weiter, als es gewöhnlich seine Art war. Sie rekonstruierten, zerpflückten und analysierten, denn er würde nicht die gleichen Fehler erneut machen.

Sie gehörten in eine Zeit, die er längst für erledigt erklärt hatte. In eine Zeit, in der eine junge Frau namens Gwendolyn Dumbledore seinen Weg gekreuzt hatte.

Sie war ein Irrtum gewesen.

Ein Irrtum in seiner ersten Herrschaft, in der er viel zu schnell zu viel gewollt hatte. In der er glaubte, die Masse würde ihm leichter folgen, und in der er nicht mit so hartnäckigem Widerstand von Albus Dumbledore gerechnet hatte. Das hatte seine Pläne zurückgeworfen und ihn zur Entwicklung einer neuen Strategie gezwungen. Gwendolyn auf seine Seite zu locken, ihr Interesse zu halten und ihre Abneigung zu schüren, war ein wichtiger Pfeiler gewesen. Doch die junge Hexe hatte sich als zu aufsässig herausgestellt. Eine Dumbledore durch und durch, mutig, stolz und mit dieser lästigen Neigung zur Gnade. Aber sie war ihm freiwillig gefolgt und hatte für ihn gekämpft. Intelligent, geschickt, unnachgiebig und manchmal – nur manchmal – da war der dem Glauben verfallen, sie würde ihm für immer folgen.

Aber Gwendolyn hatte ihm jedoch nie blind gedient und es war ihm mit keiner Maßnahme gelungen, dies zu erreichen. Sie hatte ihn nur begleitet, ein Stück des Weges und so lange, wie es ihr gefiel.

Der Gedanke daran machte ihn heute noch zornig.

Er hatte die Schmach nie überwunden, sie töten zu müssen.

Er hatte sie haben wollen, mit jeder Faser ihres Körpers, mit jedem Gedanken ihres Geistes, in Demut und in Treue.

Er hatte Gwendolyn begehrt, wie er es zuvor noch nie bei einer Person verspürt hatte, doch ihre widerspenstige Sturheit hatte ihm keine andere Wahl gelassen.

Ihr Tod war notwendig gewesen, um seinen Respekt zu wahren, und letzten Endes auch, weil er es nicht ertragen hatte, dass sie sich ihm so energisch widersetzte. Für seine Dienerschaft hatte das einen tragischen Verlust bedeutet und es blieb ein bohrender Dorn in seinem Fleisch, den er für immer verspürte. Immer dann, wenn er diese Wunde berührte, spürte er sein Versagen und Lord Voldemort versagte nicht!

Doch Gwendolyn Dumbledore hatte sich in seinem Gehirn verewigt und er hatte bisher keine Möglichkeit gefunden, dieses lästige Gefühl zu entfernen.

Gefühle bedeuteten Schwäche und Gwendolyn Dumbledore war tot.

Allerdings hatte sie ihm im Tod noch etwas hinterlassen. Etwas Unvollendetes, das er sich nehmen konnte.

Ihre Tochter – seine Tochter.

Zoe würde seine Schmach und sein Versagen von ihm waschen. Durch Zoe wurde sein Handeln begründet. Das Mädchen würde er noch formen und lenken können, um seinen Erwartungen zu entsprechen. Sie konnte den Platz ihrer Mutter ausfüllen. Konnte die Widerspenstigkeit und den Eigensinn durch Loyalität und Demut ersetzen.

Zoe würde besser sein als ihre Mutter, immerhin war sie von seinem Blut, und da er Gwendolyn schon nicht haben konnte, dann zumindest sie. Er allein hatte ein Anrecht auf sie. Sie war sein Besitz und es würde ein Leichtes sein, an das Mädchen heranzukommen, wenn Dumbledore erst einmal beseitigt war.

So lange er jedoch noch lebte, blieb Zoe unerreichbar.

Dumbledores Tod war in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung für sein Vorhaben. Er hatte ihm viel zu oft im Weg gestanden und nicht nur einmal seine Pläne vereitelt.

Dieses Mal würde er ihn vernichten lassen.

Auf die eine oder andere Weise, das war ihm egal, solange das Ergebnis gleich blieb.

Danach würde er forscher vorgehen. Die Infiltrierung des Ministeriums weiter vorantreiben, es vielleicht sogar schon übernehmen. Die Verbündeten enger an ihn fesseln und mehr Menschen von sich überzeugen – wenn notwendig, mit Gewalt.

Die düstere Stimmung im Land kündigte seine Herrschaft bereits an und konnte selbst durch den neuen und enthusiastischen Zaubereiminister Rufus Scrimgeour nicht aufgehalten werden. Sorgen und Kummer verbreiteten sich schon wie ein Dämonsfeuer in der britischen Zauberergemeinschaft.

Zwar hatte Lucius Malfoys Versagen im Ministerium und die daraus resultierende Offenbarung seiner Rückkehr ihn in seinen Plänen zurückgeworfen. Aber die Angst und das Misstrauen, das sich in der Gesellschaft ausbreitete, spielten ihm in die Karten, doch sie warnten auch seine Gegenspieler.

Dumbledore würde sich mit dem Widerstand vorbereiten und vermutlich auch den neuen Zaubereiminister Rufus Scrimgeour bei seiner Gegenwehr unterstützen.

Es war von höchster Priorität, dass er Albus Dumbledore endlich loswerden würde.

Wenn der Schulleiter vernichtet war, dann würde er sich die übrigen Pläne einfach umsetzen lassen. Er hatte inzwischen genügend Einfluss gewonnen und die Infiltrierung des Ministeriums machte täglich Fortschritte.

Zwar hatten sie die Ministeriumsabwehr schon verschärft, doch seine Männer saßen bereits an den richtigen Posten, die ihn über die neuesten Vorkehrungen und Änderungen informierten.

Seine Todesser und niederen Schergen sorgten täglich für Unruhen, Attentate und Aufruhr, sodass das Desinformationsbüro rund um die Uhr arbeiten musste, um die Geschehnisse vor den Muggeln zu verbergen. Allein das Vergissmich-Team war ununterbrochen im Einsatz, um die Gedächtnisse aller Muggel zu verändern, die Zeugen ihrer Taten wurden.

Und jede dieser Schlagzeilen schürte in der Gesellschaft die Angst, und Angst erstickte die Hoffnung.

Seine Zeit würde kommen, der Weg war nicht mehr weit.

Ein leises Klopfen unterbrach seine Gedanken. Voldemort wandte den Kopf, seine roten Pupillen fixierten die Tür. „Herein.“

Die Tür öffnete sich langsam, und Draco Malfoy trat ein. Der Junge war bleich und seine Bewegungen steif, als würde er gegen einen unsichtbaren Widerstand ankämpfen. Er verbeugte sich tief.

„Mein Lord“, flüsterte er mit brüchiger Stimme.

Voldemort betrachtete ihn mit kalter Belustigung. Wie zerbrechlich der Junge war. Wie unfertig und doch – er war ein Malfoy. Und die Malfoys würden lernen, was es bedeutete, ihn zu enttäuschen.

„Draco“, sprach er sanft, beinahe väterlich. „Hast du bereits Fortschritte gemacht?“

„Ich ...“, der Junge schluckte, „ich habe Pläne, Mylord. Mehrere Ansätze. Ich werde-“

„ Ansätze .“ Voldemort kostete das Wort aus. „Pläne. Wie ... hoffnungsvoll.“ Er lehnte sich zurück. „Dumbledore ist ein alter Mann, Draco, gebrechlich und verwundbar. Und doch zitterst du vor ihm wie ein Kind.“

„Nein, Mylord, ich-“

„Schweig!“, unterbrach er ihn eisern. „Du wirst mir Ergebnisse bringen. Nicht Worte, Hoffnungen oder deine Familie wird die Konsequenzen tragen. Hast du mich verstanden?“

„Ja, Mylord.“

„Dann geh! Und enttäusche mich nicht.“

Als Draco fort war, lehnte sich Voldemort zurück und schloss erneut die Augen. Nagini zischte leise. Ja, der Junge würde scheitern. Aber sein Scheitern würde Severus in Position bringen. Und das war alles, was zählte.

Dracos Beine trugen ihn derweil mechanisch durch die dunklen Gänge von Malfoy Manor. Seine Hände zitterten und er presste sie gegen seine Seiten, um es zu verbergen. Die roten Augen des Dunklen Lords brannten sich noch immer in sein Bewusstsein, ebenso wie die eiskalte Drohung, die in jedem seiner Worte mitgeschwungen hatte.

Ergebnisse. Keine Worte. Ergebnisse.

Oder seine Familie würde die Konsequenzen tragen.

„Dräcölein!“

Die schrille Stimme ließ ihn zusammenzucken. Aus einem Seitengang trat Bellatrix Lestrange hervor und ihr wahnsinniges Grinsen war selbst im schwachen Licht der Wandfackeln deutlich zu sehen. Sie bewegte sich auf ihn zu wie eine Raubkatze, die ihr Opfer bereits witterte.

„Tante Bella“, presste Draco hervor und versuchte, seine Stimme fest klingen zu lassen. Es gelang ihm nicht.

„Warst du beim Dunklen Lord?“ Ihre Augen glitzerten gefährlich. „Hat er nach deinen ... Fortschritten gefragt?“

Draco nickte steif und antwortete schlicht mit „Ja.“

„Und?“ Sie kam näher, so nah, dass er den Duft ihres Parfüms riechen konnte. Eine gefährliche süße Note mit einem berauschenden, fast narkotischen Hauch von Opium, die sich mit der trockenen Wärme von Zimt und Nelken vermengte. „Hast du ihn beeindruckt? Hast du ihm gezeigt, dass die Malfoys noch zu etwas nütze sind?“

Die Beleidigung traf ihn wie ein Schlag und Draco ballte die Fäuste. „Ich werde meinen Auftrag erfüllen!“

Seine Tante lachte, hoch und schneidend. „Natürlich wirst du das, Kleiner. Du hast ja keine Wahl, oder?“ Sie strich ihm über die Wange. Eine Geste, die gleichzeitig zärtlich als auch bedrohlich wirkte. „Versag nicht. Der Dunkle Lord ist nicht ... nachsichtig mit Versagern. Das musste dein Vater ja bereits lernen.“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand lachend in der Dunkelheit.

Draco blieb allein im Gang zurück. Seine Kehle war wie zugeschnürt und er setzte sich erst nach einer gefühlten Ewigkeit wieder in Bewegung, Schritt für Schritt, bis er endlich die Tür zu seinem Zimmer erreichte.

Als er drinnen war, lehnte er sich gegen das Türblatt und schloss die Augen. Seine Brust hob und senkte sich unregelmäßig.

Sicher. Hier war er sicher. Zumindest für den Moment.

Er stolperte zu seinem Bett und ließ sich auf die Matratze fallen und obwohl er erschöpft war, fand Draco keine Ruhe. Die Schatten der vergangenen Wochen hatten sich in ihn hineingefressen, beständig und schwer, und der Druck auf seiner Brust wollte nicht weichen. Jeder Atemzug war flach, als würde er erdrückt werden.

Seine Mutter hatte vor ein paar Tagen erleichtert seinen fieberfreien Kopf berührt und „genesen“ gesagt.

Genesen .

Was für ein Wort. Er fühlte sich weder gesund noch fit. Er fühlte sich schon lange nicht wohl und seit kurzem auch nicht mehr richtig .

Vermutlich durch die Last, die auf seine Schultern gelegt worden war und die ihn mit Schrecken und mit Unruhe erfüllte. Eine Unruhe, die er nicht abschütteln konnte, egal wie oft er es versuchte. Sie ließ ihn nicht ruhen, nicht schlafen und nagte an ihm, immerzu und stetig weiter. Nicht wie eine Krankheit, sondern eher wie eine schwere Schuld, die er noch nicht begangen hatte, aber bald begehen würde und die unausweichlich war.

Der Gedanke an seinen Auftrag, den der Dunkle Lord ihm persönlich aufgetragen hatte, war für ihn kaum zu ertragen.

Es sei eine Ehre, hatten die Todesser gesagt.

Ehre .

Waren sie wirklich so dumm? Oder womöglich blind?

Draco war noch nicht einmal volljährig und doch wusste er, dass es sich dabei nicht um einen ehrenhaften Auftrag handelte.

Es war eine Prüfung – nein, ein Urteil. Ein Todesurteil, wenn er versagte, und zwar nicht nur für ihn, sondern für seine ganze Familie. Für alles, was er zu schützen versuchte.

Der Dunkle Lord hatte ihn ausgewählt, als Strafe und zur Warnung, und Draco hatte keine Wahl gehabt. Er musste tun, wozu er auserwählt worden war, wenn er wollte, dass seine Familie überlebte. Sein Herz begann unregelmäßig zu klopfen und seine Hände krallten sich in die Decke.

Die Vorstellung, Dumbledore zu töten, war wie ein giftiger Stachel in seinem Fleisch. Der Dunkle Lord hatte ihn als ‚alten Mann‘ betitelt, ja. Dennoch blieb er ein Hindernis und eine Figur von solch unerschütterlicher Präsenz, dass Draco nicht einmal wusste, ob er es überhaupt physisch schaffen konnte. Ganz davon zu schweigen, ob er es tun wollte .

Selbst wenn … Wie konnte man es anstellen?

Verzweifelt ratterten die Bilder durch seinen Geist.

Gifte? Flüche? Hinterhalte?

Was davon konnte funktionieren?

Albus Dumbledore war mehr als irgendein Zauberer, er war ein Symbol, eine Instanz, eine Bastion. Und Draco? Ein sechzehnjähriger Schüler mit einem schweren Erbe und zu wenig Mut.

Doch all das war nicht einmal das Schlimmste.

Stumm liefen ihm Tränen die Wangen herab und benetzten den dicken Stoff seines Kissens.

Das Schlimmste war das Dilemma, in dem er nun steckte, denn da war jemand .

Jemand , dessen bloße Gegenwart alles komplizierter machte. Jemand , den Draco schon so lange sah, der ihn jedoch einfach nicht wahrnahm. Da war jemand, der keine Angst vor ihm hatte und ihn auch nicht für seine Herkunft bewunderte. Dessen bloße Anwesenheit ihn entwaffnete und bei dem all seine Versuche, Eindruck zu machen, in törichtem und dämlichem Verhalten seinerseits endeten.

Er durfte nicht daran denken. Aber er tat es dennoch immer wieder und heimlich.

Immer dann, wenn er die Ansprüche von außen kaum aushielt. Wenn die Stimmen um ihn zu laut oder zu fordernd wurden und auch, wenn er bemerkte, dass er nur noch funktionierte, anstatt zu sein. In solchen Momenten floh er oft in seine Gedanken. Dachte an diesen bestimmten Duft, an den Klang einer Stimme – und dann unweigerlich an sich selbst. An seine Ungeschicklichkeit, seine Überheblichkeit, seine ständigen Versuche, sich größer zu machen, als er war. Er erinnerte sich an all die Szenen, in denen er sich aus Eifersucht profiliert und damit alles vermasselt hatte. An all die Male, an denen er verhöhnt, gespottet und weggesehen hatte, ohne etwas zu erreichen – außer mehr Distanz.

Draco schämte sich.

Nicht nur für das, was er getan hatte, sondern vor allem für das, was er nie gewagt hatte. Dabei kannte er die Ursache des Problems ganz genau.

Jene Person stand auf der falschen Seite.

Die Seite der Hoffnung, der Freundschaft, der Wahrheit – wie erbärmlich weich all das klang, wenn man es laut aussprach, und doch – wie oft hatte er sich gewünscht, auch dort zu stehen. Wenn er es sich nur hätte leisten können. Wenn er es dürfte. Wenn er … frei wäre.

Doch das war Draco nie gewesen.

Die Familie Malfoy war dem Dunklen Lord seit jeher treu ergeben, weil dieser für die richtigen Dinge kämpfte: für Werte, Tradition und die Erhaltung des reinen Blutes. Und als einziger Erbe einer der letzten wertvollen reinblütigen Familien durfte Draco sich weder Fehler noch exotische Träume leisten und erst recht keine Schwächen.

Denn der Dunkle Lord wartete nicht und der Dunkle Lord verzieh nicht.

Er dachte an das Gesicht seiner Mutter, in dem immerzu diese tiefe, stumme Angst lag – die ihm eine Mahnung war.

Draco versuchte, die Gedanken auszublenden. Seine Hoffnungen und Wünsche und auch die Fragen, die sich stellten, ohne dass sie ausgesprochen werden durften. Er hatte keine Zeit für Zweifel, wenn dringend Lösungen gebraucht wurden.

Denn wenn er keine Lösung fand, würden sie alle sterben.