Schleim im Fuchsbau
Schleim im Fuchsbau
„Da bist du ja!“ Molly Weasley zog Zoe an sich.
Eine ganze Weile standen sie nur da und Zoe genoss diese Geste. Die Wärme von Mrs Weasleys Umarmung drang durch ihre Kleider, durch ihre Haut, bis in die Knochen. So hatte sie sich seit Wochen nicht mehr gefühlt, als könnte sie einfach sein, ohne kämpfen zu müssen. Ihre Schultern zitterten, und ehe sie es verhindern konnte, brannte es in ihren Augen. Ein unterdrücktes Schluchzen entwich ihrer Kehle. Ronalds Mutter war das nicht entgangen. Tröstlich legte sie dem Mädchen eine Hand auf den Hinterkopf und drückte sie nur noch ein bisschen fester an sich.
„Na, na“, murmelte sie leise, „es wird alles wieder gut werden, Zoe. Du wirst schon sehen.“
Die Emotionen brachen aus ihr heraus. Zoe schluchzte wie ein kleines Mädchen, das Gesicht in Mrs Weasleys wallendem roten Haar vergraben.
„Danke … dass ich … dass ich kommen durfte“, brachte Zoe nach einer gefühlten Ewigkeit hervor und löste sich aus der Umarmung.
Peinlich berührt wischte sie sich die Spuren der Tränen aus dem Gesicht und konnte so den mitfühlenden Blick von Rons Mum nicht sehen. Aber Zoe hörte die Behutsamkeit in ihrer Stimme.
„Da gibt es nichts zu danken, Zoe. Wir sind doch eine Familie – erst recht nach allem, was wir im letzten Jahr zusammen erlebt haben.“
Zoes Fingernägel gruben sich in die Handflächen. Sie starrte auf den Boden und versuchte nicht an ihren gemeinsamen Aufenthalt am Grimmauldplatz und an Sirius zu denken und zählte stattdessen in Gedanken, bis der Kloß in ihrem Hals kleiner wurde.
„Komm mit in die Küche, Liebes“, sagte Mrs Weasley liebevoll. „Ich mache dir einen Tee und danach kannst du zu Ron und Hermine gehen. Sie ist gestern schon angekommen. Die beiden kümmern sich gerade um das Federvieh.“
Wortlos folgte Zoe ihr und warf nur einen kurzen Blick über die Schulter, um zu sehen, wie sich ihr Großvater mit Arthur im Hof unterhielt.
Alleine betrat sie die kleine, ziemlich vollgestopfte Küche und blieb zunächst etwas ratlos stehen und lauschte den Stimmen. Mrs Weasley betrachtete ein Regal mit Büchern, in denen sie magische Kochbücher mit den Titeln So zaubern Sie Ihren eigenen Käse und Magie beim Backen und Festessen in einer Minute – Das ist Hexerei! aufbewahrte.
Als Mrs Weasley zu ihr hereinkam, schloss sie die Tür sorgfältig, wies Zoe einen Platz am Küchentisch zu und ließ eine Teekanne herbeischweben, während sie eine Teetasse aus einem alten Büffetschrank zog. Der Duft des Kräutertees erinnerte Zoe augenblicklich an ihren Tränkemeister, doch sie schob den Gedanken schnell beiseite.
„Hast du Hunger, Schätzchen?“, fragte Molly freundlich, nachdem sie Zoe mit Tee versorgt hatte.
Die Sechzehnjährige hatte sogar großen Hunger, doch an Appetit fehlte es ihr.
„Nein, danke“, erwiderte sie und hoffte, dass ihr knurrender Magen sie nicht Lügen strafen würde.
„Ich könnte dir schnell ein paar Pancakes machen oder Eier mit Speck?“
„Das ist nicht nötig, aber vielen Dank.“
Mrs Weasley musterte sie skeptisch, sprach jedoch nicht weiter auf sie ein und die Zoe wurde von einem tiefen Miauen abgelenkt. Neben ihr auf dem Boden machte ein großer, orangeroter Kater auf sich aufmerksam. Mit einem Lächeln lehnte Zoe sich im Stuhl zurück und Krummbein nutzte die Gelegenheit, auf ihren Schoß zu springen, um sich von Zoe kraulen zu lassen.
„Uuuuuuh“, ertönte plötzlich eine hohe Frauenstimme, „nimm dich in acht, er könnte Flö’e ’aben.“
Zoe wandte sich zu der Stimme um. Die Frau, die hereinkam schien nicht zu gehen, sondern zu schweben. Jede Bewegung wirkte mühelos und doch irgendwie zu perfekt. Als sie den Kater sah, verzog sie das Gesicht, als hätte sie etwas Fauliges gerochen. Das silberblonde Haar fiel ihr in die Stirn, und sie schob es mit einer eleganten Geste zurück.
„So ein Quatsch“, widersprach Mrs Weasley grober, als Zoe es von ihr gewohnt war, und wandte sich mit einer unverhohlenen Abneigung von ihr ab.
Die junge Frau beachtete sie nicht, strich sich das hüftlange Haar aus den blauen Augen und lächelte Zoe mit einer Reihe makelloser weißer Zähne an.
„Isch erinnere misch“, sprach sie, nachdem Mrs Weasley keine Anstalten machte, sie einander vorzustellen. „Du bist doch eine Freundin von ’arry, nicht wa’r?“
Die Slytherin, die sich an den ehemaligen Trimagischen Champion von Beauxbatons erinnerte, nickte nur überrascht.
„Wusst isch es doch!“, rief sie aus. „Isch vergesse nie ein Gesicht. Isch bin Fleur, Fleur Delacour.“
„A-a-aber, was tust du … also, ich meine … Warum bist du hier?“
„O, du weist es noch nicht?“ Fleur lächelte ausladend. „Bill und ich sind verlobt!“
Sie hielt Zoe flink ihre Hand vor die Nase, an deren Ringfinger sich ein zierlicher, aber schicker Ring mit einem weißen Stein befand. Die Französin strahlte mit dem Brillanten um die Wette, während sie auf Zoes Reaktion wartete.
„Wow“, sagte die Slytherin freundlich und erwiderte ihr Lächeln, „herzlichen Glückwunsch!“
„Danke!“, flötete Fleur und ließ ihre Hand wieder sinken. „Wir werden den Sommer hier verbringen, weil Bill es wünscht, aber danach werden wir in ein richtiges Zu’ause einke’ren.“ Zoe entging der missbilligende Blick, den Mrs Weasley ihrer zukünftigen Schwiegertochter zuwarf, nicht, doch Fleur schien es nicht zu bemerken. „Meine Tata Adelais überlässt es uns. Es ist viel su groß, seit Oncle Louis verstorben ist. Der Armen wird es guttun, su i’rer Schwester su sie’en …“
„Da bist du ja, Ginny!“, unterbrach Mrs Weasley das Gespräch. „Schau mal, wer angekommen ist.“
Die einzige Weasley-Tochter betrat in Begleitung von Hermine und Ron die Küche und sie begrüßten einander. Dann halfen sie Zoe dabei, das Gepäck in Ginnys Zimmer zu bringen. Die Slytherin kannte es noch von ihrem Besuch vor zwei Jahren und außer ein paar Postern, die Quidditch-Spieler abbildeten, schien es sich nicht viel verändert zu haben.
„Wie war es so ganz allein in Hogwarts?“, fragte Hermine behutsam. Es war das erste Mal, dass sie Zoe seit ihrer Ankunft richtig sprechen konnten.
„Wie schon … ätzend, natürlich“, grummelte Zoe missmutig, fing sich aber im nächsten Moment. „Habt ihr etwas von Harry gehört? Wann wird er ankommen?“
Die Slytherin wandte sich zu ihren Freunden um und bemerkte, dass diese hinter ihrem Rücken besorgte Blicke getauscht hatten. Hermine begann ertappt zu stottern: „A-a-a-also … Mr Weasley hat erzählt, dein Großvater will ihn bald abholen.“
Zoe nickte nur, während Ginny sich auf ihr Bett sinken ließ und zwischen der Gryffindor und der Slytherin hin- und hersah.
„Meins du …. ähm“, begann Hermine und warf in einem von Ginnys ungesehenen Moment einen Blick auf sie und biss sich auf die Lippe, „das hat einen besonderen Grund?“
Ron, der noch immer den Türknauf in der Hand hielt, erwartete mit Spannung Zoes Antwort, doch diese zuckte nur mit den Schultern. „Er braucht ihn scheinbar, um einen ehemaligen Lehrer davon zu überzeugen, zurück nach Hogwarts zu kommen.“
„Das ist alles?“, fragte Ron enttäuscht, enthielt sich jedoch jeden weiteren Kommentars, als er Hermines scharfen Blick auffing.
Es folgte bedrücktes Schweigen, das Hermine zu durchbrechen suchte.
„Am Samstag werden wir in die Winkelgasse gehen, um die Einkäufe zu erledigen. Ich bin schon so sehr gespannt auf die Bücherliste.“
Das brachte Zoe tatsächlich zum Schmunzeln und sie machte es sich auf ihrem eigenen Bett gemütlich.
„Und ich brauche einen neuen Festumhang“, plauderte Hermine weiter, „der alte ist etwas eng geworden … Wie sieht’s bei dir aus?“
„Ich habe nicht vor, im kommenden Schuljahr an irgendeiner Art von Festen teilzunehmen“, gab Zoe trocken zurück und zog sich die Decke um die Schultern.
Hermine sah hilfesuchend zu Ginny, bevor sie ebenfalls Platz nahm.
„Außerdem wollten wir Fred und Georges im Laden besuchen“, warf die Rothaarige ein. „Er läuft scheinbar richtig gut. Die beiden haben so viel Arbeit, dass sie schon jemanden einstellen mussten.“
„Wirklich?“, fragte Zoe überrascht, jedoch erfreut. „Das hört sich doch toll an.“
„Ja“, fuhr Ginny fort, „die beiden haben sich zu Workaholics entwickelt. Sie waren schon seit Tagen nicht mehr zuhause, weil sie in einer kleinen Wohnung über ihrem Laden schlafen …“
„Es ist erstaunlich, dass sie dort noch eine freie Verkaufsfläche gefunden haben“, stellte Zoe fest.
„Das ist leider nicht der Fall.“ Ginny verzog missmutig den Mund. „Dad hat erzählt, dass schon ein paar Läden dauerhaft geschlossen haben. Einige Besitzer sind scheinbar abgewandert, andere mussten schließen, weil es nicht mehr so viel Kundschaft gibt.“
Verblüfft sah Zoe ihre Freundin an. Mit keinem Gedanken hatte sie sich eine solche Entwicklung ausgemalt. Die Auswirkungen, welche die aktuelle Situation auch auf den Alltag anderer Hexen und Zauberer hatte. Zumindest war ihr die Vorstellung daran nie so real vor Augen gekommen.
„Ja“, seufzte Hermine, „durch die anhaltenden Warnungen vom Ministerium verzichten natürlich viele auf gemütliche Shoppingausflüge. Man kann es ihnen nicht verdenken.“
„Mum ist total nervös deswegen“, erzählte Ginny und rollte mit den Augen. „Sie hat versucht, unseren gemeinsamen Ausflug in die Winkelgasse abzusagen, und wollte alle Utensilien besorgen oder schicken lassen. Aber Fred und George konnten sie umstimmen …“
„Ist es wirklich so schlimm?“, fragte Zoe erschrocken.
„Es sieht so aus“, antwortete Hermine und seufzte. „Jeden Tag veröffentlicht der Tagesprophet eine neue Hiobsbotschaft.“
„Ich hab’ gar nicht mehr reingeschaut“, gab Zoe zu.
„Ist vielleicht auch besser“, gab Ginny zu. „Das macht nur depressiv.“
Betreten schwiegen die Mädchen eine Minute, bis Krummbein an der Tür kratzte, um hereingelassen zu werden. Hermine öffnete ihm die Tür und der Kater sprang nach einer kurzen Zimmerinspektion auf eines der Betten und rollte sich ein.
„Weißt du schon, wer unser neuer Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste wird?“, fragte Hermine bemüht darum, ein lockereres Thema anzustimmen.
„Leider nicht“, sagte Zoe ernst und sah von Krummbein zurück zu ihren Freundinnen. „Großvaters bisherige Bemühungen verliefen alle im Sande. Er hat aber scheinbar nur noch diesen einen Bekannten, auf dessen Zustimmung er hofft.“
„Nicht, dass uns das Ministerium abermals jemand vor die Nase setzt.“ Ginny zog eine Fratze.
„Ich glaube“, erwiderte Hermine darauf, „das Ministerium hat derzeit größere Sorgen als den Unterricht an Hogwarts … Im schlimmsten Fall werden die Stunden sogar ausfallen.“
„Gerade jetzt, wo wir sie am dringendsten brauchen“, murrte Ron. „Wir müssen auf jeden Fall mit der DA weitermachen!“
„Das halte ich auch für sinnvoll“, bestätigte Hermine und ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Wie wäre es, wenn wir die Sorgen für ein paar Stunden vergessen?“, schlug sie vor und deutete auf den Stapel Spiele in der Ecke. „Ich hab noch nie Goblinstein gespielt. “
„Dann wird es höchste Zeit“, erwiderte Ginny, sprang vom Bett und schnappte sich die Steine. „Wir zeigen dir, wie es geht. Aber wir spielen ohne die fiesen Stink-Regeln, sonst kriegen wir den Geruch bis zum Abendessen nicht mehr aus dem Zimmer.“
Die Freunde verbrachten den Nachmittag mit Gesellschaftsspielen in Ginnys Zimmer. Zoe spürte, wie sich die Anspannung in ihren Schultern mit jedem Lacher ein wenig mehr löste – auch wenn die Sorgen im Hintergrund blieben.
Erst als die Abendsonne durchs Fenster schien und aus der Küche Geschirrgeklapper zu hören war, rief Mrs Weasley sie herunter, damit sie beim Abendessen helfen konnten.
Fleur hatte sich, zur Erleichterung der Weasley-Damen, mit Bill ins Wohnzimmer zurückgezogen. Während Rons Mutter sich um die zahlreichen Töpfe und Pfannen auf dem Herd kümmerte, deckten Zoe und Hermine den Tisch und Ginny und Ron erledigten den Abwasch der gebrauchten Küchenutensilien.
„Wer kommt denn noch zum Essen?“, fragte Zoe neugierig, nachdem sie die Gedecke durchgezählt hatte.
„Tonks und Remus“, antwortete Mrs Weasley über das laute Brodeln eines Topfes hinweg, als es vor der Küchentür schepperte.
„Das wird sie sein“, meinte Ron verschmitzt und deutete zu Tür.
„Ronald!“, tadelte seine Mutter sofort. „Du saust die ganze Küche ein! Pass ein bisschen besser auf!“
Ginny lachte schadenfroh und ihr Bruder zog ihr eine Fratze und beugte sich herab, um den Spülschaum von der Küchenfront zu wischen.
„Ich mach’ auf“, rief Hermine hilfsbereit, doch just in dem Moment kam Tonks in die Küche.
„Tschuldigung“, haspelte sie sofort, „bin über den Ascheeimer gestolpert … Abend zusammen …“
„Tonks!“, rief Mrs Weasley aus. „Schön, dass du gekommen bist. Setz dich doch gleich da drüben hin, direkt neben Bills Platz … Was möchtest du trinken?“
„Einen Tee bitte, Molly, nichts weiter“, antwortete die junge Aurorin und begrüßte die Anwesenden.
Als sie sich Zoe zuwandte, bemerkte diese sofort eine Veränderung. Die Frau, die da in der Küche stand, hatte kaum etwas mit der Tonks zu tun, die sie vom Grimmauldplatz kannte. Die Tonks von damals war durch den Raum getanzt, hatte gelacht und Witze gerissen, bis Molly Weasley sie mit einem Kochlöffel zum Schweigen gebracht hatte. Diese Tonks stand still, ihr Haar hing schlaff und farblos herab, und ihre Wangen waren eingefallen, als hätte jemand die Luft aus ihr herausgelassen. Als sie lächelte schwach, aber es erreichte es ihre Augen nicht.
Mrs Weasley brachte ihr eine große Tasse dampfenden Tee und sah dann auf die Küchenuhr, die nun provisorisch auf dem Schrank stand. Es war keine gewöhnliche Uhr. Sie hatte neun Zeiger, jeder mit dem Namen eines Familienmitglieds versehen, und sie war offenbar zu Mrs Weasleys ständiger Begleiterin geworden, denn sie trug sie mit sich durchs Haus, als könne sie dadurch ihre Familie besser schützen.
Der Zeiger von ihrem Mann stand immer noch auf ‚Arbeit’ und Mrs Weasley murmelte etwas, das Zoe nicht verstand. Dann wandte sie sich zu Tonks um und erklärte: „Sobald Arthur da ist, können wir mit dem Essen beginnen. Du siehst hungrig aus.“
„Vielmehr müde als hungrig“, antwortete Tonks auf Mrs Weasleys Feststellung. „Vielen Dank für die Einladung, Molly, aber ich werde nur kurz bleiben.“
„Du kannst auch gerne hier übernachten, wir könnten dir ein Bett im Wohnzimmer aufstellen.“
Doch Tonks schüttelte nur milde lächelnd mit dem Kopf, als die Tür aufging.
„O’o … das düftet … nun ja, enteressant.“ Fleur rümpfte die Nase, als sie an Bills Arm in die Küche trat. „Soll ich mal schau’en, was ich noch tun kann? Es ist ain traditionelles Gericht meiner-“
„Danke, nein!“, betonte Mrs Weasley bestimmt und mit einem freudlosen Lächeln auf den Lippen. „Setzt euch doch schon einmal – Bill!“
Mit einem leisen Klicken sprang der Zeiger für Mr Weasley auf der Küchenuhr auf ‚Zuhause’, woraufhin Mrs Weasley hörbar aufatmete. Sie klatschte erleichtert in die Hände, winkte Zoe und Hermine an den Tisch und drängte Ron und Ginny, sich zu beeilen, bevor sie eilig zur Tür eilte, um ihren Mann in Empfang zu nehmen. Im Türrahmen erschien just in dem Moment, da Rons Mum sie erreicht hatte, ein weiterer Besucher.
„Ach, hallo Remus, welch eine Überraschung“, rief Mrs Weasley freundlich.
Zoe und Hermine sahen einander verwirrt an, sagten jedoch nichts. Ihr ehemaliger Professor betrat etwas steif die Küche und begrüßte sie knapp. Mr und Mrs Weasley folgten ihm.
„Guten Abend zusammen“, sprach Rons Dad in die Runde und wandte sich wieder seiner Frau zu. „Ich muss leider gleich noch wegen einer dringenden Sache los, Molly, bin nur kurz vorbeigekommen, um es dir zu sagen.“
„Aber du kannst doch nun zumindest für das Essen bleiben, Arthur“, widersprach Mrs Weasley streng. „Es ist alles so weit.“
„Das geht leider nicht. Dringende Angelegenheit, ich erhalte nähere Infos erst vor Ort, aber sie brauchen mich dort, Liebling.“
Mrs Weasley seufzte und schnippte mit dem Zauberstab. Von dem Brotlaib auf der Anrichte schnitten sich zwei Scheiben ab und dazwischen legte sich ein saftiges Stück vom Braten. Sie pflückte beides aus der Luft und wickelte es eilig in Butterbrotpapier.
„Dann nimm wenigstens etwas mit“, bat sie ernst.
„Danke, Liebling“, sagte Mr Weasley, küsste seine Frau auf die Wange und wünschte ihnen allen einen schönen Abend, bevor er wieder verschwand.
Mrs Weasley sah ihm mit sorgenvoll gerunzelter Stirn nach, seufzte schließlich und kam mit einem großen Kessel Zwiebelsuppe an den Tisch, um ihre Teller zu füllen.
„Mach dir keine Sorgen, Mum“, begann Bill, als sie ihn mit Suppe versorgte. „Dad kann sich nun die Zeit besser einteilen.“
„Wenn er das nur täte“, erwiderte seine Mutter mit einem leichten Kopfschütteln, „aber Scrimgeour erwartet zu viel, wenn ihr mich fragt, und euer Vater hat ein zu großes Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Angestellten.“
„Seiner Angestellten?“, fragte Lupin interessiert und bedankte sich für die Suppe.
„Oh, hat man es dir noch nicht gesagt, Remus? Arthur ist befördert worden.“ Rons Mum wurde gleich ein Stückchen größer vor Stolz, hievte den Kessel zurück zum Ofen und verteilte Brot. „Der Minister hat ein paar neue Büros eingerichtet und hat Arthur zum Leiter für das Büro zur Ermittlung und Beschlagnahme gefälschter Verteidigungszauber und Schutzgegenstände gemacht. Er hat nun zehn Leute unter sich!“
„Gratuliere, Molly“, meinte Lupin anerkennend, „ich kenne niemanden, der es mehr verdient hat.“
„Danke, Remus.“ Sie wuselte unruhig durch die Küche, hatte jedoch inzwischen ein Lächeln auf den Lippen.
„Rufus Scrimgeour scheint ein paar gute Taktiken einzusetzen“, sprach Bill über den Tisch und wollte scheinbar ein Gespräch mit Lupin aufbauen.
Dieser nickte zustimmend, kaute jedoch zunächst auf einem Stück Brot herum, bevor er antwortete: „In der Tat, ein paar Ansätze sind gut, viel besser natürlich als die Verleugnung von Fudge. Mit seiner entschlossenen und harten Haltung gegen Voldemort und dessen Anhänger vermittelt er zwar auf den ersten Anschein Sicherheit, doch ob er die Versprechen halten kann, die er gibt … nun, das wird die Zeit zeigen.“
Zoe, die ihre Suppe etwas zum Abkühlen rührte, hob interessiert den Kopf.
„Im Tagespropheten stand, Scrimgeour sei ein Auror gewesen“, sagte sie ernst. „Müsste er nicht am besten wissen, was in der Situation zu tun ist?“
„Genau darin liegt die Gefahr, Zoe“, antwortete Lupin und deutete mit dem Löffel auf sie. „Wenn man auf Scrimgeours Laufbahn zurückblickt, dann hat man den Eindruck, dass Härte und Repression ihn geprägt haben. Als Leiter der Aurorenzentrale hat ihn dieses Vorgehen zum Erfolg gebracht, doch er kann diese Mittel nicht eins zu eins auf seinen neuen Posten ummünzen.“
„Warum nicht?“, fragte Ron ernst.
„Weil er weder über die notwendigen Ressourcen verfügt, noch die erforderliche Unterstützung hat. Er verspricht zu schnell zu viel und gebrochene Versprechen werden zu einem Unmut in der Zauberergesellschaft führen“, erklärte Lupin schlicht. „Dem Einzigen, dem es derzeit etwas nützt, ist ihm selbst.“
„Er sollte mit dem Orden kooperieren“, warf Bill ein, „es wäre wichtig, dass die Zaubereigemeinschaft endlich einheitlich zusammenarbeitet.“
„Das wird er nicht tun.“ Nun meldete sich auch Tonks zu Wort. „Vielleicht wird er Dumbledore ein Angebot machen, aber nicht, um des Zusammenhalts willen … Mad-Eye pflegte immer zu sagen: ‚Erst wenn das Brüllen des Löwen endet, folgen die Hyänen seiner Fährte’. Und das Brüllen wurde noch nicht vernommen.“
Nachdenklich und beinahe niedergeschlagen rupfte Zoe ihr Brot in Krumen und versenkte sie in ihrem Teller.
Mrs Weasleys Suppe schmeckte vorzüglich und Zoe versuchte, sich auf das Gespräch zwischen Hermine und Ginny zu konzentrieren, um die Sorgen der Erwachsenen nicht mit anhören zu müssen.
Nach dem Essen halfen die Mädchen beim Abräumen und Spülen, während sich Bill und Fleur für einen Abendspaziergang verabschiedeten. Ron war auf wundersame Weise aus der Küche verschwunden, ohne dass jemand von ihnen seine Abwesenheit zu bemerken schien. Zurück blieben nur Tonks und Lupin, die sich leise am Tisch unterhielten.
Mrs Weasley hielt sie währenddessen so eilig auf Trab, dass Ginny schon motzig wurde, weil ihr als einzige Ronalds Fehlen aufgefallen war.
Als Zoe die große Suppenterrine zurück an ihren Platz stellte, schnappte sie ein paar Worte der Erwachsenen auf.
„Es ist nicht deine Schuld“, betonte Lupin ernst und setzte sich aufrecht auf den Stuhl. „Es ist nur-“ Er stockte, als er Zoe bemerkte, die am Buffet-Schrank neben ihnen die Tür öffnete.
„Schon gut“, warf Tonks trocken ein. „Ich weiß, was du sagen willst!“
„ZOE!“ Mrs Weasley reckte den Kopf über Ginny hinweg und beäugte sie mit Argusaugen. „Würdest du bitte noch diese Wäsche hier ins Wohnzimmer bringen, damit ich sie später zusammenlegen kann?“
Die Slytherin gehorchte, ohne Widerrede, packte den großen Weidenkorb und schlug den Weg ins Wohnzimmer ein. Als sie eintrat, sah sie gerade noch, wie Ron hinter dem Sofa Deckung suchte.
„Ich hab’ dich gesehen, Ron“, meinte Zoe mit einem milden Lächeln auf den Lippen. „Ginny ist schon sauer, weil du dich vor der Hausarbeit drückst.“
„Ich drücke mich nicht“, widersprach er sofort. „Ich … ähm … befürchte, dass wir hier ein kleines Gnomproblem haben …“
„Ein Gnomproblem?“, ertönte eine Stimme vom Flur her.
Ginny war hereingekommen, stemmte die Arme in die Hüfte und hatte plötzlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihrer Mutter.
„Du kannst dich um das Gnomproblem im Garten kümmern!“, fauchte sie. „Ich hab Mum gesagt, dass du heute Abend dran bist, du hast schließlich noch gar nichts getan.“
„Das ist nicht wahr!“, keifte Ron zurück. „Ich hab’ heute Morgen den Hühnerstall gemistet und eben-“
„Wollen wir schon einmal hochgehen, Zoe?“, fragte Hermine, die ebenfalls in der Tür erschienen war.
Die Slytherin nickte eilig, stellte den Korb auf dem kleinen Tisch ab und folgte ihrer Freundin die Treppe hinauf. Das Geschrei der Streithähne noch in den Ohren.
„Ich freue mich schon auf Harrys Ankunft“, sagte die Gryffindor munter, als sie Ginnys Zimmer erreicht hatten. „Ich glaube, Ronalds Nerven liegen auch blank, er will es nur nicht zugeben.“
Albernes Lachen drang aus dem Garten durch das Fenster zu ihnen hinauf. Zoe und Hermine lugten beide neugierig hinab und erkannten Bill und Fleur, die auf einer Schaukel unter einem Apfelbaum saßen und miteinander turtelten.
„Die haben’s gut“, seufzte Hermine schmunzelnd. „Neben all den schlimmen Dingen, die geschehen, haben sie wenigstens einander gefunden … Wenn Fleur nur nicht so schrecklich eingebildet wäre.“
Zoe wandte sich vom Fenster ab und warf sich auf ihr Bett und beobachtete die Manöver einer Quidditch-Spielerin auf einem der Poster an der Wand.
„Was ist los mit dir?“, fragte Hermine ernst und drehte sich ihr zu.
„Ich bin nur etwas müde“, antwortete Zoe lustlos und suchte nach einem Thema, um von sich abzulenken. „Hat Viktor dir schon in den Ferien geschrieben?“
„Klar, wir schreiben uns immer noch regelmäßig“, erklärte Hermine und ließ sich zu Zoe auf das Bett sinken. „Aber es ist nur höflicher Small-Talk.“
Das Stampfen im Flur, das plötzlich erklang, schien eine Herde Nilpferde anzukündigen, doch es war nur Ginny, die wuchtvoll die Tür aufschlug und „Grrrrrrr!“ rief.
„Ron ist so ein Idiot! Benimmt sich wie ein Achtjähriger!“ Sie schloss ihre Zimmertür.
Sie brüskierte sich noch eine geschlagene halbe Stunde über ihren Bruder und schließlich ließen die Mädchen den Abend mit Kartenspielen und Lästereien ausklingen. Als Zoe einschlief, war es das erste Mal seit Tagen, dass die Albträume ausblieben.
Am nächsten Morgen war der geschwisterliche Streit bereits vergessen. Am Frühstückstisch herrschte ausgelassene Stimmung und Ron ging von sich aus den Hühnerstall öffnen und brachte die Eier mit. Mrs Weasley zauberte daraus ein leckeres Omelett, das sie zusammen mit Toast und gebackenen Bohnen und Würstchen aßen.
Als Fleur nach dem Frühstück zu ihnen stieß, wurde die Atmosphäre wieder etwas angespannter. Mit gerümpfter Nase betrat sie die Küche und ihre erste Frage galt dem Zustand des übrig gebliebenen Essens in der Pfanne.
„Isch muss unbedingt einmal Croissants et Brioches machen“, hauchte sie mit einem traurigen Blick auf den Herd, „I’r werdet begeistert sein.“
„Ganz bestimmt, meine Liebe“, antwortete Mrs Weasley mit geblähten Nasenflügeln und wandte sich wieder ihren Kindern zu. „Sobald ich fertig bin, könnt ihr Harry das Frühstück nach oben bringen. Er sieht ziemlich mager aus, der Arme …“
„Harry ist hier?“, fragte Ron sofort und hob den Kopf. „Wo?“
„In Fred und Georges Zimmer“, erklärte seine Mutter.
Ron und Hermine sprangen beinahe synchron auf und rannten in den Flur hinaus. Auch Zoe folgte den beiden in den zweiten Stock und betrat vorsichtig das dunkle Zimmer der Zwillinge.
„Wasnlos?“, nuschelte Harry verschlafen.
„Wir wussten nicht, dass du schon da bist!“, maulte Ron und schlug seinen Freund an den Hinterkopf.
„Ron“, mahnte Hermine sogleich vorwurfsvoll, „hau ihn nicht!“
Der Boden war vollgestellt mit unzähligen versiegelten und unbeschrifteten Pappkartons und machte eher den Eindruck eines provisorischen Lagerraums, als eines Jugendzimmers. Zoe schlug ein beißender Geruch entgegen, der sie an Schießpulver erinnerte.
Harry grummelte, fuhr sich müde übers Gesicht und tastete mit zusammengekniffenen Augen nach seiner Brille. Doch Zoe war schneller. Im Vorübergehen hob sie sie vom Teppichläufer auf und drückte sie ihm in die Hand.
Dann bahnte sie sich vorsichtig ihren Weg durch das Zimmer, darauf bedacht, nicht auf einen der verstreut herumstehenden Kartons zu treten. Schließlich erreichte sie das Fenster und zog behutsam die Vorhänge auf.
Sofort strömte Sonnenlicht in den Raum und ließ eine Vase voller Blumen auf dem Schreibtisch aufleuchten. Hedwig stieß ein schrilles Kreischen von sich, fächerte empört die Flügel und wetterte von ihrem Platz auf dem großen Kleiderschrank herab, als wolle sie die Eindringlinge vertreiben.
Langsam setzte Harry die Brille auf und blinzelte dem Licht entgegen.
„Alles klar?“, fragte Ron mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Bestens“, erwiderte Harry, rieb sich den Hinterkopf und ließ sich wieder ins Kopfkissen sinken. „Und bei dir?“
Ron zog einen größeren Karton heran und nahm darauf Platz. „Geht so. Wann bist du gekommen? Mum hat es uns eben erst gesagt!“
„Heute Nacht, gegen eins.“
„Waren die Muggel okay? Haben sie dich anständig behandelt?“, fragte Zoe besorgt, die wusste, dass die Dursleys sich nicht um Harry scherten.
„So wie immer“, antwortete dieser und rückte zur Seite, damit Hermine sich auf den Bettrand setzen konnte. „Sie haben nicht viel mit mir geredet, aber das ist mir sowieso lieber.“ Er machte eine kurze Pause und Zoe war beinahe so, als brächte er einen weiteren Satz nicht übers Herz. Schließlich wandte er den Blick von Zoe ab und sah Hermine an, die ihn aufdringlich und argwöhnisch beäugte.
„Wie geht’s dir, Hermine?“
„Oh, mir geht’s gut“, sagte sie sofort, während sie ihren Freund mit einem eindringlichen Blick musterte.
Ein unangenehmes Schweigen entstand und Zoe lehnte sich gegen die Zimmerwand und sah hinaus in den Garten. Dann durchbrach Harrys Magenknurren die Stille und Ron lachte ungeniert darüber.
„Wie viel Uhr ist es?“, fragte Harry. „Hab ich das Frühstück verpasst?“
„Kein Problem, Mum bringt dir ein Tablett hoch“, erzählte Ron und fügte augenrollend hinzu, „sie findet, dass du unterernährt aussiehst. Also, was war bei dir los?“
„Nicht viel, ich saß ja bei meiner Tante und meinem Onkel fest, oder?“
„Hör schon auf damit!“, fuhr Ron ihn an. „Du warst mit Dumbledore unterwegs!“
Fragend sah Harry von seinem Freund zu Zoe und fragte in den Raum: „Hat er dir nicht erzählt, was er vorhatte?“
„Nur“, antwortete Zoe, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen, wo sie eine Amsel im Apfelbaum beobachtete, „dass er mit dir einen alten Kollegen besuchen möchte.“
„Also, jetzt erzähl schon, wie es war“, drängte Ron.
„Das war nicht sonderlich spannend. Er wollte nur, dass ich ihm helfe, diesen alten Lehrer zu überreden, dass er aus dem Ruhestand zurückkommt. Er heißt Horace Slughorn.“
„Oh“, meinte Ron nachdenklich, „und dafür habt ihr so lange gebraucht? Wir dachten-“
Hermine räusperte sich und sah Ronald scharf an. Zoe erkannte es nur aus den Augenwinkeln.
„- wir dachten uns schon, dass es um so was Ähnliches ging“, murmelte Ron.
„Tatsächlich?“ Harrys Stimme klang amüsiert.
„Jaah … ja, jetzt, wo Umbridge weg ist, brauchen wir natürlich einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, nicht wahr?“
„Wir haben uns schon Sorgen gemacht, ob er jemanden findet“, meinte Hermine.
„Hermine hat sich Sorgen gemacht“, korrigierte Ron und fing sich erneut einen bösen Blick von seiner Freundin ein. „Also, ähm, wie ist er?“
„Er sieht ein bisschen wie ein Walross aus und war mal Hauslehrer von Slytherin“, erzählte Harry. „Ist irgendwas, Hermine?“
Zoe riss ihren Blick vom Fenster ab, wandte sich wieder ihren Freunden zu und sah gerade noch, wie Hermine heftig mit dem Kopf schüttelte.
„Nein, natürlich nicht!“, stritt die Gryffindor sogleich ab. „Also, ähm, sieht Slughorn nach einem guten Lehrer aus?“
„Weißnich“, antwortete Harry. „Schlimmer als Umbridge kann er nicht sein, oder?“
„Ich kenn jemanden, der schlimmer ist als Umbridge“, sprach Rons Schwester, zur gerade die Tür hereinkam. Mit einer verärgerten Miene begrüßte sie Harry.
„Was ist mit dir?“, wollte Ron wissen.
„Es ist wegen ihr“, zischte Ginny, schloss die Tür hinter sich und setzte sich neben Harry. „Sie macht mich wahnsinnig.“
„Was hat sie denn jetzt wieder getan?“, fragte Hermine besorgt.
„Es ist die Art, wie sie mit mir redet – man könnte meinen, ich wär gerade mal drei!“
„Ich weiß“, bestätigte Hermine leise. „Sie ist so was von eingebildet.“
„Könnt ihr beide sie nicht mal fünf Sekunden lang in Ruhe lassen?“, fuhr Ron die zwei Mädchen energisch an.
„Oh, alles klar, verteidige sie nur“, zischte seine Schwester. „Wir wissen alle, dass du nicht genug von ihr kriegen kannst.“
Harry zog die Brauen zusammen und sah Zoe fragend an, als die Tür aufgeschlagen wurde und Fleur hereintrat. In den Händen hielt sie ein schwer beladenes Frühstückstablett und sie begrüßte Harry direkt überschwänglich.
Nur ein paar Sekunden später kam auch Mrs Weasley herein und ihr Gesichtsausdruck hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Ginnys.
„Es wäre nicht nötig gewesen, das Tablett hochzubringen, das wollte ich gerade selber tun!“, sagte Rons Mutter schnippisch.
„Es war mir ein Vergnügen“, flötete Fleur, stellte es ab und begrüßte Harry mit einer Akkolade. „Isch ’ab misch danach gesehnt, ihn su se’en. Erinnerst du disch an meine Schwester Gabrielle? Sie redet dauernd nur von ’Arry Potter. Sie wird entsückt sein, disch wiedersuse’en.“
Während Fleur Harry von der Verlobung berichtete, kam Ginny zu ihnen herüber und machte hinter dem Rücken ihrer zukünftigen Schwägerin eine Geste, als würde sie sich gleich übergeben. Es brachte Zoe für einen kurzen Moment zum Schmunzeln.
„Also – genieß dein Frühstück, ’Arry!“, schloss sie schließlich und stolzierte aus dem Zimmer.
Mrs Weasley sah ihr mit einem verächtlichen Laut hinterher.
„Mum hasst sie“, erklärte Ginny auf Harrys fragenden Blick hin.
„Ich hasse sie nicht!“, erwiderte Mrs Weasley verärgert. „Ich meine nur, dass sie es mit dieser Verlobung zu eilig hatten, das ist alles!“
„Sie kennen sich seit einem Jahr“, meinte Ron.
„Also, das ist nicht sehr lang!“, erklärte seine Mutter. „Ich weiß natürlich, warum es passiert ist. Wegen dieser ganzen Unsicherheit, seit Du-weißt-schon-wer wieder zurück ist, die Leute denken, dass sie morgen schon tot sein könnten, also treffen sie alle möglichen überstürzten Entscheidungen, mit denen sie sich normalerweise Zeit lassen würden. Als er das letzte Mal mächtig war, war es genau dasselbe, wo du hinkamst, haben sich die Leute gegenseitig an den Hals geworfen-“
„Auch du und Dad“, hakte Ginny schelmisch nach.
„Na ja, dein Vater und ich waren füreinander geschaffen“, betonte Mrs Weasley, „wieso hätten wir warten sollen? Während Bill und Fleur … nun … was haben sie denn wirklich gemeinsam? Er ist ein fleißiger, bodenständiger Typ, sie dagegen ist-“
„Eine Kuh“, half Ginny hilfsbereit nach. „Aber Bill ist gar nicht so bodenständig. Er ist ein Fluchbrecher, stimmt’s, er mag’s gern ein bisschen abenteuerlich, ein bisschen glamourös … Ich glaube, deshalb fährt er auf Schleim ab.“
Harry und Hermine lachten ungeniert und auch Zoe trieb Ginnys Abneigung ein Schmunzeln auf die Lippen.
„Hör auf, sie so zu nennen, Ginny“, tadelte ihre Mutter mit scharfem Ton. „Also, ich geh jetzt besser … Iss dein Rührei, solang es noch warm ist, Harry.“
Und mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und ließ die Teenager alleine.
„Gewöhnt man sich nicht an sie, wenn sie im selben Haus wohnt?“, fragte Harry, an Ron gewandt, nachdem er verwirrt den Kopf geschüttelt hatte.
„Doch, schon“, antwortete dieser. „Aber wenn sie sich überraschend auf dich stürzt, wie vorhin …“
„Es ist erbärmlich“, zischte Hermine, erhob sich vom Bett, verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich neben Zoe.
„Du willst sie doch nicht im Ernst ständig um dich haben?“, giftete Ginny und sah ihren Bruder prüfend an. „Also, Mum wird dem ein Ende bereiten, wenn sie kann, da geh ich jede Wette mit dir ein.“
„Wie will sie das schaffen?“, fragte Harry.
„Sie bemüht sich ständig, dass Tonks zum Abendessen kommt“, plauderte Ginny drauflos. „Ich glaube, sie hofft, dass Bill sich dann stattdessen in Tonks verliebt. Das hoffe ich auch, ich hätte viel lieber Tonks in der Familie.“
Ron verdrehte die Augen: „Jaah, das wird sicher funktionieren. Hör mal, kein Typ, der sie noch alle hat, wird sich in Tonks verknallen, solange Fleur in der Nähe ist. Ich meine, Tonks sieht okay aus, wenn sie nicht gerade blödsinnige Sachen mit ihrem Haar und ihrer Nase anstellt, aber-“
„Sie ist verdammt viel netter als Schleim“, beharrte Ginny und stemmte wieder die Hände in die Hüften.
„Und sie ist intelligenter, sie ist ein Auror!“, warf Hermine ein.
„Fleur ist nicht dumm, sie war so gut, dass sie es bis ins Trimagische Turnier geschafft hat“, betonte Harry.
„Du nicht auch noch!“, entgegnete Hermine entrüstet.
„Vielleicht hat sie es auch nur wegen Moody geschafft …“, murmelte Zoe so leise, dass die anderen es durch die lautstarke Diskussion nicht hörten.
„Ich schätze“, Ginny klang verächtlich, „du magst die Art, wie Schleim immer ‚’Arry’ sagt, was?“
„Nein“, entgegnete dieser sofort und machte große Augen. „Ich hab nur gesagt, dass Schleim – ich meine, Fleur-“
Doch Ginny ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.
„Ich hätte viel lieber Tonks in der Familie“, beteuerte sie abermals. „Sie ist wenigstens lustig.“
„In letzter Zeit war sie gar nicht so lustig“, stellte Ron fest. „Jedes Mal, wenn ich sie getroffen habe, sah sie eher aus wie die Maulende Myrte.“
„Das ist nicht fair“, fuhr Hermine ihn an. „Sie ist immer noch nicht über das weggekommen, was passiert ist … du weißt … ich meine, er war verwandt mit ihr!“
Es gab einen kleinen Stich in Zoes Herzen. Betroffen senkte sie den Blick zu Boden. Zoe war sofort aufgefallen, dass Hermine es vermieden hatte, seinen Namen auszusprechen, und sie hoffte, dass die anderen es dabei belassen würden.
Doch Ronald war nicht so taktvoll. „Tonks und Sirius kannten sich kaum!“, warf er ein. „Sirius war ihr halbes Leben lang in Askaban, und davor haben sich ihre Familien nie getroffen-“
„Darum geht’s nicht. Sie meint, es war ihre Schuld, dass er umgekommen ist!“, erklärte Hermine.
Während ihre Freunde weiter stritten, sah Zoe erneut in den Garten und konzentrierte sich darauf, nicht an das Vergangene zu denken. Es reichte, dass es sie bis in ihre Träume verfolgte. Sie wollte nicht auch noch am Tage daran erinnert werden.
Die Diskussion fand ein jähes Ende, als Mrs Weasley abermals den Kopf in das Zimmer steckte und mit einer übertrieben freundlichen Stimme flötete: „Ginny, komm runter und hilf mir mit dem Mittagessen.“
„Ich unterhalte mich gerade!“, brüskierte sich die Rothaarige.
„Sofort!“, erwiderte ihre Mutter in einem Ton, der keine Widerworte duldete, und verschwand dann.
Ginnys Miene verfinsterte sich.
„Sie will mich nur unten dabeihaben, damit sie nicht mit Schleim allein sein muss!“, meinte die Rothaarige missgelaunt und äffte beim Herausgehen Fleurs anmutige Bewegungen nach. „Ihr solltet besser auch schnell runterkommen.“
Dann war es wieder still. Nur das leise Klappern von Harrys Gabel auf dem Teller war zu hören. Hermine griff schließlich in einen der am Boden stehenden Kartons und zog einen teleskopartigen Gegenstand daraus hervor.
„Was ist das denn?“, fragte sie neugierig.
„Keine Ahnung. Aber wenn Fred und George es hier gelassen haben, ist es wahrscheinlich noch nicht fertig für den Scherzladen, also sei lieber vorsichtig“, warnte Ronald sie.
„Deine Mum meinte, dass der Laden gut läuft. Fred und George hätten ein echtes Händchen für gute Geschäfte“, plauderte Harry schließlich.
„Das ist untertrieben“, sagte Ron. „Die schwimmen in Galleonen! Ich kann’s gar nicht erwarten, bis ich den Laden mal sehe. Wir waren noch nicht in der Winkelgasse, weil Mum will, dass Dad sicherheitshalber mitkommt, und der hatte in letzter Zeit bei der Arbeit so viel zu tun, aber es hört sich absolut spitze an.“
„Und was ist mit Percy?“, wollte Harry wissen. „Redet er wieder mit deiner Mum und deinem Dad?“
„Von wegen!“ Ron klang verärgert. „Aber er weiß, dass dein Dad die ganze Zeit über Recht hatte, wegen Voldemort, dass er jetzt zurück ist-“
„Dumbledore meint“, begann Hermine, die näher ans Fenster trat, um das Teleskop auszuprobieren, „dass es den Menschen viel leichter fällt, anderen zu verzeihen, wenn sie sich geirrt haben, als wenn sie Recht hatten. Ich hab gehört, wie er das zu deiner Mum gesagt hat, Ron.“
„Klingt ganz nach Dumbledore, diese Art von Weisheit“, meinte Ron, der sich ein Stück Toast von Harrys Tablett nahm.
„Er will mir dieses Jahr Einzelunterricht geben“, erzählte Harry, und Zoe spürte seinen Blick auf sich, ignorierte es jedoch.
Ron hingegen würgte keuchend seinen Bissen herunter und brachte dann hervor: „Das hast du uns verschwiegen!“
„Ist mir eben erst wieder eingefallen. Er hat es mir letzte Nacht in eurem Besenschuppen gesagt.“
„Wahnsinn … Einzelunterricht bei Dumbledore!“, sagte Ron beeindruckt. „Ich frag mich, warum er …?“
Harrys Besteck klimperte leise.
„Ich weiß nicht genau“, begann Harry holprig, und Zoe ahnte, was er Ron und Hermine nun sagen wollte, „warum er mir Unterricht geben will, aber ich denke, es muss wegen der Prophezeiung sein … Ihr wisst schon, die sie versucht haben, aus dem Ministerium zu stehlen.“
„Aber keiner weiß, wie sie gelautet hat“, sprach Hermine ruhig, doch ihr Griff um das Teleskop war so fest, dass ihre Knöchel hervortraten. „Sie ist zerbrochen.“
„Der Prophet behauptet allerdings-“, wollte Ronald sagen, wurde von Hermine jedoch mit einem Zischen zum Schweigen gebracht.
„Der Prophet hat Recht“, flüsterte Harry. „Die Glaskugel, die zerbrochen ist, war nicht die einzige Aufzeichnung der Prophezeiung. Zoe und ich haben alles in Dumbledores Büro gehört, ihm gegenüber wurde die Prophezeiung ausgesprochen, also konnte er es mir verraten.“ Er machte eine kurze Pause, atmete tief durch und fuhr dann fort. „Der Prophezeiung zufolge bin ich wohl derjenige, der Voldemort erledigen muss … zumindest sagte sie, dass keiner von uns leben kann, während der Andere überlebt.“
Die Worte hingen in der Luft, schwer und kalt wie Nebel. Zoe hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Sie wollte etwas sagen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Niemand atmete. Niemand sprach.
Hermine fingerte nervös an dem Messingrelief des Teleskopes herum. Gerade in dem Moment, da die Stille kaum mehr zu ertragen war, gab es einen lauten Knall. Zoe sprang von ihrer Freundin weg, die plötzlich in schwarzen Rauch gehüllt war, und Ron und Harry schrien zeitgleich auf.
Hustend wedelte sich die Muggelgeborene den Qualm aus dem Gesicht und als ihr buschiger Haarschopf wieder zu sehen war, schmückte ein leuchtend rotes Veilchen ihr Auge.
„Ich hab es gedrückt und es – es hat mir einen Schlag verpasst!“, keuchte sie und deutete auf das Teleskop in ihrer Linken.
Daraus hing, an einer Feder befestigt, eine kleine Faust, die scheinbar aus dem Okular hervorgeschossen kam.
„Keine Sorge“, beruhigte Ron seine Freundin. „Mum kriegt das schon wieder hin, kleinere Verletzungen kann sie prima behandeln-“
„Ach was, ist jetzt nicht so wichtig!“, meinte Hermine und tat sowohl die Überraschung als auch den Schmerz ab. „Harry, oh, Harry …“ Sie legte den Scherzartikel wieder in den Karton und nahm erneut neben ihrem Freund auf dem Bett Platz. „Als wir aus dem Ministerium zurück waren, haben wir uns schon gefragt … Natürlich wollten wir nichts zu dir sagen, aber nach dem, was Lucius Malfoy über die Prophezeiung erzählt hat, dass sie dich und Voldemort betrifft, also, da dachten wir uns gleich, dass es so was sein könnte … oh, Harry … Hast du Angst?“
„Inzwischen nicht mehr so viel“, gab der Gryffindor zu. „Als ich sie zum ersten Mal gehört hab, schon … aber jetzt kommt es mir so vor, als hätte ich immer gewusst, dass ich ihm am Ende gegenübertreten muss …“
„Als Zoe uns erzählte, dass Dumbledore dich persönlich abholt, dachten wir, dass er dir vielleicht etwas mitteilen oder etwas zeigen will, das mit der Prophezeiung zu tun hat“, meinte Ron. „Und irgendwie hatten wir Recht, nicht wahr? Er würde dir nicht Unterricht geben, wenn er dich schon aufgegeben hätte, er würde seine Zeit nicht verschwenden – er denkt ganz sicher, dass du eine Chance hast!“
„Das stimmt“, bestätigte auch Hermine. „Was er dir wohl beibringen wird, Harry? Richtig fortgeschrittene defensive Magie wahrscheinlich … wirkungsvolle Gegenflüche … Bannbrecher …“
„Das glaube ich nicht“, unterbrach Zoe ruhig und zog damit die Blicke ihrer Freunde auf sich.
Für einen Moment war es wieder still im Zimmer und Zoe erinnerte sich an das Duell zwischen ihrem Großvater und Voldemort im Ministerium. Es war großartige fortgeschrittene Magie gewesen – kein albernes Zauberstabgefuchtel. Bei dem bloßen Gedanken daran stellten sich ihr wieder die Nackenhärchen auf. Harry konnte all das nie in so kurzer Zeit erlernen.
Deprimiert und geistesabwesend schüttelte sie den Kopf.
„Warum nicht?“, fragte Ron Zoe.
„Was könnte er schon Wirkungsvolles in so kurzer Zeit lernen?“
„Aber was könnte ihm dein Großvater sonst vermitteln?“, überlegte Hermine neugierig und legte die Stirn in Falten.
Für ein paar Sekunden dachte auch Zoe nach, anschließend antwortete sie: „Etwas, das ihm einen Vorteil verschafft. Vielleicht etwas über … über Voldemorts Schwächen …“
„Das klingt in der Tat nach deinem Großvater“, schloss Hermine, dann wandte sie sich wieder Harry zu. „Also, wenigstens kennst du ein Fach, das du dieses Jahr haben wirst, das ist eins mehr, als Ron und ich kennen. Wann kommen eigentlich unsere ZAG-Ergebnisse?“
Ronald verdrehte die Augen und antwortete: „Kann nicht mehr lange dauern, es ist schon einen Monat her.“
„Augenblick mal“, meinte Harry plötzlich. „Ich glaube, Dumbledore hat gesagt, dass unsere ZAG-Ergebnisse heute kommen!“
„Heute?“ Hermine sprang hektisch vom Bett auf. „Heute? Aber warum hast du nicht – o mein Gott – das hättest du doch sagen müssen- … Ich schau mal nach, ob irgendwelche Eulen da sind …“
Sie verließ eilig das Zimmer und polterte die Treppe hinunter. Ron rief ihr beschwichtigend nach und folgte Hermine dann mit einem Achselzucken in Harrys Richtung, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Zoe sah den beiden schmunzelnd hinterher und drückte die Tür vorsichtig ins Schloss.
Als sie sich erneut zu Harry umwandte, bemerkte sie, dass er den Blick eilig auf sein Tablett senkte.
„Bist du nicht auf deine ZAGs gespannt?“, fragte er, ohne aufzusehen.
„Meine Noten sind mir egal“, antwortete Zoe schlicht, weil sie es wirklich so empfand. „Was sind sie jetzt noch wert?“
Harrys Blick hing an ihr. Sie spürte es, ohne hinzusehen. Für ein paar Herzschläge lang schwiegen sie. Dann ergriff er schließlich erneut das Wort.
„Und was gibt’s bei dir neues?“
„Nichts“, wehrte Zoe sogleich ab.
Sie erkannte, dass ihm ein Thema auf der Seele brannte, und hoffte, dass er es nicht ansprechen würde. Sie wollte nicht über Sirius sprechen – es tat zu weh. Allein der Gedanke an ihn schnürte ihr die Kehle zu und trieb ihr die Tränen in die Augen.
Zoe blinzelte sie weg und Harry sah wieder auf sein Tablett herab und stocherte lustlos in den Resten seines Rühreis.
„Was ist mit der Hand deines Großvaters passiert?“, fragte er, um irgendetwas zu sagen.
Die Slytherin seufzte schwer und antwortete: „Es ist ein Fluchschaden. Er hat einen verfluchten Ring berührt.“
„Einen Ring?“, wiederholte Harry verwundert und hob den Kopf. „Woher hatte er ihn?“
„Keine Ahnung“, meinte Zoe nur und zuckte mit den Schultern.
Sie war zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich um die Verletzungen ihres Großvaters zu sorgen, als dass sie sich irgendwelche Gedanken um den Ring gemacht hätte. Es war ihr auch schlichtweg egal.
„Es ist gut, dass du es ihnen erzählt hast“, meinte Zoe um das Thema auf das vorangegangene Gespräch zu lenken.
Harry nickte und meinte dann: „Ich habe lange darüber nachgedacht, aber ich fühl mich jetzt unglaublich erleichtert. Allerdings … nun werden sich Ron und Hermine ebenfalls Sorgen machen.“
„Aber sie können auch helfen.“
Harry schnaubte trocken.
„Bei was?“, fragte er schließlich.
„Deine Bürde zu tragen …“
„Dabei kann mir niemand helfen …“, entgegnete er nüchtern. „Wer weiß … vielleicht dauert es noch Jahre, bis es so weit ist …“
„Wer weiß schon, was kommt“, sagte Zoe schwermütig. „Wir warten es ab und wenn es so weit ist, dann werden wir bereit sein.“
Harry hob den Kopf und versuchte zu lächeln.
„… SIN’DA!“, brüllte Hermine von unten zu ihnen herauf. „HARRY! ZOE!“
Harrys verzerrter Gesichtsausdruck wurde zu einem Grinsen.
„Sie macht sich so viele Sorgen und hat garantiert die besten Noten von uns allen“, seufzte er und klaubte seine Kleider vom Boden auf.
„Vermutlich“, gab Zoe lachend zu und ging dann vor, damit Harry sich umziehen konnte.
Als sie die Küche betrat, saß Hermine auf einem Schemel und Mrs Weasley stand über sie gebeugt und betrachtete ihre Verletzung. Fleur lehnte unterdessen am Stangenofen, trank einen Tee und musterte beide kritisch.
„Das sieht nicht schlimm aus, Liebes.“ Rons Mum und deutete mit dem Zauberstab auf ein schmales Regal in einer Nische: „Accio Heilers Helferlein .“
Ein kleines Buch flog an Zoe vorbei und landete zielgenau in Mrs Weasleys freier Hand, die sofort darin zu blättern begann.
„Wo sind sie?“, fragte Zoe und sah sich um.
„Was?“, wollte Hermine wissen.
„Die Briefe“, entgegnete Zoe und zog die Brauen zusammen.
„Noch nicht da“, antwortete Hermine mit schmerzerfüllten Gesicht und schloss die Augen, als Mrs Weasley ein paar Zauber anwandte.
„Aber du hast gerufen, dass-“
„… sie noch nicht da sind“, brachte Hermine zwischen den Zähnen hervor.
„Da tut sich überhaupt nichts“, sagte Mrs Weasley, als Harry die Küche betrat.
„Sieht ganz nach der Art von Scherz aus, die Fred und George lustig finden“, meinte Ginny, die ihrer Mutter über die Schulter schaute. „Die würden dafür sorgen, dass es auch ja nicht mehr weggeht.“
„Aber es muss weggehen!“, jammerte Hermine verzweifelt. „Ich kann doch nicht bis in alle Ewigkeit so rumlaufen!“
„Das wirst du auch nicht, meine Liebe, wir finden schon ein Gegenmittel, mach dir keine Sorgen“, beschwichtigte sie Mrs Weasley.
„Bill ’at mir gesagt, wie sehr amüsant Fred und Schorsch sind!“, plauderte Fleur darauf los.
Zoe wandte sich von der Szene ab und nahm Harry das Tablett aus der Hand und brachte es zur Spüle, um den Abwasch zu erledigen. Sie wollte irgendetwas tun, das sie Vor einer erneuten Diskussion und dem aufflammenden Streit ablenkte.
Möglichst laut klimperte sie mit dem Geschirr im Becken und horchte erst wieder auf, als Hermine spitz aufschrie.
Erschrocken fuhr Zoe herum und plötzlich hatte sie ihren Zauberstab in der Hand. Doch als sie Hermines Deuten mit dem Blick folgte, erkannte sie ein paar Eulen im Anflug und entspannte sich wieder.
„Das sind eindeutig Eulen“, bestätigte Ron und verdeckte Zoes Sicht, als er sich vor das Fenster schob, um hinauszusehen.
Verdutzt sah Zoe an sich herab und betrachtete den Zauberstab in ihren Händen – überrascht über ihre eigene Reaktionsfähigkeit. Dann ließ sie ihn hastig wieder in ihrer Tasche verschwinden.
Ihr Herz trommelte noch immer heftig in ihrem Brustkorb.
„Und es sind vier“, sagte Harry, der nun ebenfalls ans Fenster trat.
„Eine für jeden von uns“, japste Hermine und packte die Jungs an den Armen. „O nein … o nein … o nein …“
Mrs Weasley verscheuchte sie vom Fenster und öffnete es, damit die Eulen mit ihren dicken Pergamentumschlägen hereinfliegen konnten. Der Reihe nach landeten sie auf dem Küchentisch und streckten jeweils ihr rechtes Bein hoch.
Hermine jammerte in schrillem Ton, sie zitterte so sehr, dass sie ihre Eule beim Abbinden des Briefes ins Wanken brachte. Der Vogel schüttelte verärgert sein Gefieder.
Dann war es plötzlich vollkommen still in der Küche. Zoe trocknete ihre Hände, nahm dankbar den Umschlag, den Harry ihr reichte, öffnete ihn und zog den Bogen Pergament daraus hervor, faltete ihn auf und begann zu lesen:
ERGEBNIS DER ZAUBERERGRAD-PRÜFUNGEN
Bestanden mit den Noten:
Nicht bestanden mit den Noten:
Ohnegleichen (O)
Mies (M)
Erwartungen übertroffen (E)
Schrecklich (S)
Annehmbar (A)
Troll (T)
ZOE DUMBLEDORE hat folgende Noten erlangt:
Astronomie:A
Pflege magischer Geschöpfe:O
Zauberkunst:O
Verteidigung gegen die dunklen Künste:E
Arithmantik:E
Alte Runen:E
Kräuterkunde:E
Geschichte der Zauberei:M
Zaubertränke:O
Verwandlung:O
Zoe betrachtete den Zettel in ihren Händen und war zufrieden. Dass sie Geschichte der Zauberei nicht bestanden hatte, machte ihr nichts aus.
„Bin nur in Wahrsagen und Zaubereigeschichte durchgefallen, und wen juckt das schon?“, sprach Ron mit einem glücklichen Grinsen zu Harry, die im Anschluss ihre Zettel austauschten.
„Gut gemacht!“, lobte Rons Mum ihren Sohn und verstrubbelte seine Haare. „Sieben ZAGs, das sind mehr, als Fred und George zusammen hatten!“
„Hermine?“, fragte Ginny die Gryffindor mit besorgtem Gesichtsausdruck und zog damit Zoes Neugier auf sich. „Wie ist es bei dir gelaufen?“
„Ich – nicht schlecht“, antwortete Hermine leise.
„Jetzt hör aber auf!“ Ron ging ungläubig zu ihr hinüber und schnappte ihr den Zettel aus der Hand. „Jep – zehn ‚Ohnegleichen’, und ein ‚Erwartungen übertroffen’. Du bist tatsächlich enttäuscht, stimmt’s?“
Hermine schüttelte mit verkrampfter Miene den Kopf und brachte sie alle damit zum Lachen.
„Also, jetzt sind wir UTZ-Schüler!“, meinte Ron sichtlich stolz. „Mum, sind noch Würstchen da?“
Und während Mrs Weasley lachend zum Herd eilte und die Teenager ihre Noten verglichen, kehrte für einen kurzen Moment so etwas wie Normalität in den Fuchsbau zurück.