Dracos Abstecher
Dracos Abstecher
Der Aufenthalt im Fuchsbau tat Zoe gut. Für eine Weile konnte sie ihre Sorgen und Ängste vergessen und einfach ein Teenager sein. Das familiäre Umfeld tat ihr gut, denn Mrs Weasley hatte sowohl Hermine, Harry als auch Zoe mit Aufgaben betraut, die für das Zusammenleben unabdingbar waren, und sie behandelte sie wie ihr eigenes Kind.
Ihre Freizeit verbrachten sie häufig im Garten, wo Ron und Harry oft gegen Ginny und Hermine Quidditch spielten. Sie hatten Zoe zur Schiedsrichterin gemacht und es machte der Slytherin sichtlich Spaß, das Mädchenteam bei dem ein oder anderen fraglichen Spielzug zu bevorzugen.
Es fühlte sich fast so an, als seien dies ganz normale und sorglose Ferien. Doch leider wurde Zoe gerade beim Abendessen immer wieder daran erinnert, dass dem nicht so war. Wenn sie zum Essen zusammensaßen, entgingen ihnen die Neuigkeiten und Diskussionen von Bill und Mr Weasley nicht. Nahezu täglich gab es neue Todesfälle oder Berichte über verschwundene Personen und merkwürdige Unfälle.
Auch Harrys Geburtstagsfeier wurde von schlechten Nachrichten überschattet. Remus Lupin erzählte von weiteren Dementoren-Angriffen und überbrachte ihnen eine überraschende Neuigkeit.
„Igor Karkaroff ist tot“, berichtete er und hängte den Umhang über die Stuhllehne. „Man hat ihn zuvor jedoch übel zugerichtet, scheint ganz so, als hätten die Todesser ihn überrascht.“ Erschöpft ließ er sich auf den Platz sinken. „Seine Leiche wurde in einer Hütte oben im Norden gefunden. Sie haben das Dunkle Mal darüber aufsteigen lassen.“
Lupin sah noch müder und abgemagerter aus, als Zoe ihn je zu Gesicht bekommen hatte. Sein Haar war mausgrau und er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Erschöpft sah er von dem Stück Torte auf, das Molly ihm reichte und bedankte sich. „Also, ehrlich gesagt wundert es mich, dass er ein ganzes Jahr überlebt hat, nachdem er die Todesser verließ. Sirius’ Bruder Regulus hat es nur ein paar Tage geschafft, soweit ich mich erinnere.“
„Er hat sich wirklich von ihnen abgewandt?“, fragte Zoe leise dazwischen und dachte an das, was Sirius einst von seinem Bruder erzählt hatte.
„Nun ja“, Mrs Weasley rieb sich nachdenklich das Kinn, „vielleicht sollten wir über was anderes-“
„Hast du das mit Florean Fortescue gehört, Remus?“, sagte Bill so leise, dass es Zoes Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Der Mann, der den-“
„- Eissalon in der Winkelgasse hat?“, fuhr Harry dazwischen und sah besorgt aus. „Er hat mir immer Eis geschenkt. Was ist mit ihm passiert?“
„Wurde verschleppt, so, wie es in seinem Laden aussieht“, erzählte Bill nun etwas lauter und fing sich damit einen wütenden Blick von Mrs Weasley ein.
„Weshalb?“, wollte Ron wissen.
„Wer weiß? Er muss sie irgendwie geärgert haben. War ein guter Kerl, Florean.“
„Da wir gerade von der Winkelgasse sprechen“, warf Mr Weasley ein, „sieht aus, als wäre Ollivander auch verschwunden.“
Entsetzen machte sich am Tisch breit.
„Der Zauberstabmacher?“, murmelte Ginny ungläubig.
„Genau. Der Laden ist leer. Keine Spur von einem Kampf. Keiner weiß, ob er freiwillig gegangen ist oder entführt wurde.“
„Aber Zauberstäbe …“, sagte Zoe nach einer Weile, „was machen die Leute ohne Zauberstäbe?“
„Die werden sich mit anderen Herstellern begnügen“, entgegnete Lupin schlicht. „Aber Ollivander war der beste nach Ovangkol, und wenn die andere Seite ihn hat, ist das nicht gerade gut für uns.“
„Wer ist Ovangkol?“, hakte Zoe nach.
„Er war der erste Zauberstabmacher in der Winkelgasse“, erzählte Lupin. Eine Schwere legte sich über seine Stimme. „Das einzige Konkurrenzunternehmen, das Ollivander je hatte. Er verschwand während Voldemorts erster Schreckensherrschaft – genau wie jetzt Ollivander.“ Er rieb sich müde über die Augen. „Damals gab es ähnliche Muster. Schlüsselfiguren verschwanden spurlos. Und dann kam der Massenausbruch aus Askaban.“
„Massenausbruch?“ Hermine war aschfahl geworden. „Es gab schon vorher Ausbrüche aus Askaban? Es gilt doch als das sicherste Zauberergefängnis …“
„Nur so lange, wie die Dementoren auf der Seite des Ministeriums stehen“, erklärte Lupin nüchtern, „und die andere Seite ist für sie um einiges attraktiver. Man hätte sie gar nicht mehr einsetzen sollen. Dumbledore hat sich jahrelang darum bemüht. Aber so lange die Zahlen stimmen …“
„A-a-a-aber ein Massenausbruch“, wiederholte Hermine noch immer entgeistert, „das waren auf einen Schlag viele Ausbrüche, wie kann man das rechtfertigen?“
Mr Weasley schmunzelte mild und meinte: „Das waren Ausnahmezustände in Ausnahmezeiten. Das fließt in keine Statistik mit ein und Jahrzehnte später ist alles vergessen … So ist das leider.“
Für einen kurzen Moment herrschte Stille, als würden sie alle den bitteren Nachgeschmack dieser Wahrheit nicht schlucken wollen.
Die folgenden Tage im Fuchsbau waren von einer seltsamen Zweiteilung geprägt. Tagsüber versuchten sie, die Sorgen zu vergessen, doch abends, wenn Mr Weasley von der Arbeit kam und neue Hiobsbotschaften mitbrachte, kehrte die Realität immer wieder mit voller Wucht zurück.
Als am nächsten Morgen die Bücherlisten für das kommende Schuljahr eintrafen, saß Zoe bereits in der Küche, wo Mrs Weasley das Frühstück für alle vorbereitete. Ron, der mit den anderen hereinkam, übergab er seiner Mutter gleich die Liste, die sie sofort mit ernster Miene inspizierte.
„Nun, ich denke, wir können einen Besuch in der Winkelgasse nicht mehr länger aufschieben, jetzt, wo ihr die habt“, seufzte sie. „Wir gehen am Samstag, falls euer Vater nicht wieder zur Arbeit muss. Ohne ihn geh ich nicht dorthin.“
Ronald rollte mit den Augen und sprach kichernd: „Mum, glaubst du wirklich, Du-weißt-schon-wer versteckt sich hinter einem Bücherregal bei Flourish & Blotts ?“
„Fortescue und Ollivander sind also im Urlaub?“, zischte Mrs Weasley ihn wütend an. „Wenn du denkst, mit der Sicherheitsfrage lässt sich spaßen, dann kannst du hier bleiben und ich besorg dir deine Sachen alleine-“
„Nein“, lenkte Ronald sofort ein, „ich will mitkommen, ich will den Laden von Fred und George sehen!“
„Dann reiß dich zusammen, junger Mann, sonst beschließe ich, dass du zu kindisch bist, um mit uns zu kommen!“ Seine Mutter wandte sich mit geblähten Nasenflügeln dem Stapel frisch gewaschener Handtücher zu. „Und das gilt auch für deine Rückkehr nach Hogwarts!“
Murrend wandte sich Ron wieder seinen Freunden zu, nahm am Tisch Platz und flüsterte zu Harry: „Meine Güte … hier kann man ja nicht mal mehr einen Witz machen …“
Zoe jedoch konnte Mrs Weasleys Sorgen allzu gut verstehen.
Nach diesem Konflikt war Ron darauf bedacht, sich nicht mehr über Du-weißt-schon-wen lustig zu machen. Mrs Weasley blieb zwar angespannt, hatte aber keinen Grund, einen von ihnen anzuschreien.
Am Samstag brachte Bill Harry Gold aus Gringotts mit, damit sie nicht noch zusätzlich bei ihrem Einkauf die Zaubererbank aufsuchen mussten. Durch die neuen und verschärften Sicherheitsvorkehrungen kam es inzwischen zu Wartezeiten von bis zu fünf Stunden.
Nach dem Frühstück richteten sie sich für einen trüben und nebeligen Tag ein. Bill und Fleur hatten beschlossen, zu Hause zu bleiben, was insbesondere Ginnys Stimmung erhellte. Je näher der Tag der Abreise rückte, desto unwohler fühlte sich Zoe. Sie hatte sich der Bitte ihrer Freunde gebeugt, sie zu begleiten, und letzten Endes war auch sie neugierig auf Weasleys Zauberhafte Zauberscherze . Nichtsdestotrotz saß ihr die Angst im Nacken und das drückte auf ihr Gemüt.
Ihr Herz begann wieder zu rasen.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Hermine und sah sie ernst an. „Du siehst blass aus.“
„J-ja“, antwortete sie und sah zu Rons Mum hinüber.
Der Umstand, dass auch Mrs Weasleys Nerven blank lagen, machte Zoe noch nervöser.
„Ich wäre froh gewesen, wenn Bill uns begleitet hätte“, gab sie leise zu.
„Der will lieber alleine mit Schleim bleiben.“ Ginny und rollte mit den Augen. „Aber dann haben wir wenigstens ein bisschen Ruhe von dem Gesülze der beiden …“
„SIE SIND DA!“, rief Mrs Weasley und nahm ihre Tasche. „Kommt, wir wollen sie nicht warten lassen!“
Gehorsam traten sie gemeinsam in den Hof, in den ein Spezialwagen des Ministeriums vorgefahren war. Als sie eingestiegen waren, winkte Zoe Bill und Fleur ein letztes Mal zu, die am Küchenfenster standen.
„Gut, dass Dad uns die jetzt wieder besorgen kann“, sprach Ron und räkelte sich auf der geräumigen Rückbank.
„Gewöhnt euch nicht daran, das ist nur wegen Harry“, entgegnete Mr Weasley von vorne. „Für ihn gilt die höchste Sicherheitsstufe. Und im Tropfenden Kessel bekommen wir dann auch noch Verstärkung.“
Ihre Worte beruhigten Zoe ein wenig und sie fand tatsächlich ihr Lächeln wieder.
„Vielleicht ist es Tonks“, sagte sie hoffnungsvoll zu ihren Freunden.
Die Fahrt war ereignislos. Hermine grinste gedankenverloren und schüttelte vor Staunen ab und zu den Kopf, wenn das magisch bearbeitete Auto an die Spitze eines Staus sprang oder durch eine Gasse fuhr, die auf den ersten Blick viel zu eng war. Zoe nahm davon keine Notiz und lauschte halbherzig der Quidditch-Unterhaltung von Ginny, Harry und Ron.
Nach einer Weile bog der Wagen in die Charing Cross Road ein und hielt vor einem heruntergekommenen Pub, der zwischen einer großen Buchhandlung und einem Musikladen total unterging. Es war der muggelseitige Eingang Zum Tropfenden Kessel.
„Nun, da sind wir“, verkündete der Fahrer, als er angehalten hatte. „Ich soll auf Sie warten, wissen Sie ungefähr, wie lange Sie brauchen?“
„Zwei Stunden, schätze ich“, entgegnete Rons Dad und sah aus dem Fenster. „Ah, schön, er ist da!“
Zoe folgte seinem Blick und kam nicht umhin, etwas enttäuscht zu sein. Vor dem Auto wartete nicht Tonks, es war auch kein anderer Auror, sondern Hagrid. Harry grinste breit, schnallte sich eilig ab und rief: „Klasse!“
„Harry!“, begrüßte er ihn laut und zog seine Hände aus dem Biberpelzmantel, um ihn zu umarmen.
Zoe half Hermine beim Ausladen des Weidenkorbs, in dem ein schlecht gelaunter Krummbein mit funkelnden Augen zu ihnen heraussah. Als sie alle ihre Gepäckstücke parat hatten, sagte Hagrid strahlend: „Na dann mal los – nach euch, Molly, Arthur-“
Sie folgte dem Halbriesen durch den vollkommen leeren Tropfenden Kessel hindurch, nur durch die wachsamen Augen des verhutzelten und zahnlosen Wirtes begleitet. Hagrid kündigte ihren Durchgang an und schließlich betraten sie durch die Hintertür einen engen, kühlen Innenhof und blieben vor einer Backsteinmauer stehen. Der Halbriese zog seinen rosa Schirm, berührte einen bestimmten Stein der Mauer und aktivierte damit das Portal zur Winkelgasse. Wenige Sekunden später konnten sie durch einen kleinen Torbogen die dahinterliegende gepflasterte Straße erkennen.
Etwas war anders. Die letzten Male, als sie hier ihre Schulsachen gekauft hatte, war die Gasse voller Leben gewesen: Kinder, die an den Schaufenster drängelten, Hexen, die sich über die neuesten Hüte bei Madam Malkin unterhielten, das laute, fröhliche Chaos der bunten Gesellschaft.
Jetzt war es still. Die wenigen Passanten gingen mit gesenkten Köpfen, in kleinen Gruppen, als hätte jemand die Lautstärke der Welt heruntergedreht. Einige Läden waren komplett dunkel und schienen verlassen. Die Schaufenster waren mit grauen Ministeriumsplakaten beklebt. Warnhinweise, gesichtslose Texte über ›Sicherheit‹ und ›Wachsamkeit‹. Zoe schluckte, als ihr Blick auf die Fahndungsplakate der Todesser fiel, die noch immer auf der Flucht waren. Sie blieb plötzlich stehen. Ihre Füße gehorchten ihr nicht mehr.
Das Plakat hing im Schaufenster eines leeren Ladens. Bellatrix Lestrange starrte sie an. Dieses irre Lächeln, diese wilden Augen, die genau so aussahen wie in jener Nacht im Ministerium, als Sirius sie hatte beschützen wollen. Als er fiel.
Hinter sich hörte Zoe Mrs Weasley rufen, aber die Stimme klang weit weg, als käme sie durch Wasser. Ihre Knie fühlten sich an, als würden sie gleich nachgeben und sie sah die Bewegung noch einmal – diesen einen Moment, als der Vorhang sich schloss und Sirius dahinter verschwand. Einfach so.
„Zoe!“ Eine Hand legte sich auf ihren Arm. Sie zuckte zusammen. „Zoe! Bleib nicht zurück!“ Mrs Weasley griff sie am Unterarm, um sie zu den anderen aufzuholen. „Wir sollten zusammenbleiben, das ist nun sehr wichtig.“
Sie gingen an dem Buchladen Flourish & Blotts vorbei, vor dessen Laden ein Zauberer für Amulette warb, die einen Schutz vor Werwölfen, Dementoren und Inferi versprachen.
„Eins für Ihr kleines Mädchen, Madam?“, rief er ihnen mit rasselndem Atem hinterher. „Damit ihr hübscher Hals geschützt ist?“
Sie schlossen zu ihrem Mann auf, der vor sich hin knurrend den Verkäufer betrachtete.
„Ja, aber jetzt wirst du niemanden verhaften, Liebling“, schaltete sie sich ein und ließ Zoes Arm los, „wir haben’s eilig. Ich denke, wir gehen am besten erst mal zu Madam Malkin, Hermine will einen neuen Festumhang und bei Rons Schulumhang schaut unten schon viel zu viel Knöchel raus, und du wirst auch einen neuen brauchen, Harry, du bist so gewachsen – nun kommt alle-“
„Molly, es ist Unsinn, wenn wir alle zu Madam Malkin gehen“, sagte Mr Weasley. „Warum gehen die drei hier nicht mit Hagrid, und wir können inzwischen zu Flourish & Blotts und die Schulbücher für alle besorgen?“
Während sich Mr und Mrs Weasley über das weitere Vorgehen stritten, schloss Zoe zu ihren Freunden auf.
„Meint ihr, diese Amulette könnten nützlich sein?“, fragte sie in die Runde.
Hermine schnaubte abfällig. „Wenn Amulette wirklich gegen Dementoren helfen könnten, dann hätte Professor Lupin es Harry bestimmt in unserem dritten Schuljahr gesagt. Es wäre so viel einfacher, ein Amulett zu tragen, anstatt einen Patronus heraufzubeschwören.“
„Also gut“, unterbrach Rons Mum ihn hitzig, „komm, Ginny!“
Sie drängte ihre Tochter unter Widerstand in die Buchhandlung und warf den restlichen Teenagern einen besorgten Blick zu. Dann verabschiedete sich auch Mr Weasley von Hagrid, um seiner Frau zu folgen.
„So“, brummte Hagrid schließlich und glättete sich den Mantel, „also los zu M’me Malkin, hm?“
Harry nickte gehorsam und ging zusammen mit Ron voran. Zoe und Hermine folgten ihnen, mit Hagrid im Rücken. Die entgegenkommenden Passanten liefen zumeist gehetzt und in Grüppchen entgegen und das verursachte ein mulmiges Gefühl in Zoes Magengrube. Dieser Ausflug hatte nichts mehr mit einer entspannten Einkaufstour zu tun, es ging vielmehr darum, ihre Besorgungen zielstrebig zu erledigen.
Als sie den Laden für Madam Malkins Anzüge für alle Gelegenheiten erreichten, blieb Hagrid stehen und sah durchs Schaufenster hinein. „Wird vielleicht ’n bisschen eng da drin mit uns allen. Ich halt draußen Wache, alles klar?“
Also betraten die vier Teenager das Bekleidungsgeschäft alleine. Harry öffnete die Tür und die Türglocke erklang, und es schien zunächst, als sei der Laden verlassen, doch dann hörten sie Kundschaft hinter den Kleiderständern mit Festumhängen.
„… kein Kind mehr, falls dir das noch nicht aufgefallen ist, Mutter“, antwortete eine vertraute Stimme. „Ich bin durchaus in der Lage, meine Einkäufe allein zu erledigen.“
Hermine, die anscheinend auch erkannt hatte, sah fragend zu Zoe und diese nickte nur.
„Nun, mein Lieber“, sprach Madam Malkin in höflichem Ton, „deine Mutter hat vollkommen Recht, keiner von uns sollte mehr allein herumlaufen, das hat nichts damit zu tun, ob man ein Kind ist-“
„Passen Sie auf, wo Sie die Nadel hinstecken, ja!“
„Das ist doch-“, begann Hermine, aber bevor sie den Satz beenden konnte, trat der Junge mit dem unverwechselbaren weißblonden Haarschopf hinter den Kleiderständern hervor, um zum Spiegel zu gehen.
Er trug einen edlen Umhang in Dunkelgrün, dessen Ärmel und Säume mit Nadeln abgesteckt waren, und nahm zunächst keine Notiz von ihnen. Erst als er sie durch den Spiegel erblickte, wandte er sich um, musterte sie abschätzig und schließlich blieb sein Blick an Hermine hängen.
„Wenn du dich wunderst“, rief er hämisch, während sein Blick kalt über Hermine glitt, „was hier so komisch riecht, Mutter – eine Schlammblüterin ist gerade reingekommen.“
Die Luft im Laden schien zu gefrieren. Zoe spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Neben ihr versteifte sich Hermine, ihre Wangen verfärbten sich fleckig rot, doch sie hob das Kinn und erwiderte Dracos Blick, ohne zu blinzeln.
Mit einer synchronen Bewegung, die beinahe gespenstisch wirkte, zogen Harry und Ron ihre Zauberstäbe.
„Ich glaube nicht, dass es nötig ist, einen solchen Ton anzuschlagen!“ Madam Malkins Stimme überschlug sich fast, als sie zwischen den Kleiderständern hervorkam und entsetzt auf die gezückten Stäbe starrte. Ihre Hände flatterten nervös. „Und ich verbitte es mir auch, dass in meinem Laden Zauberstäbe gezogen werden!“
Doch niemand rührte sich. Die Spannung knisterte förmlich zwischen den Jugendlichen. Dann trat Hermine an die Jungs heran und flüsterte etwas, das Zoe nicht verstehen konnte.
„Jaah, als ob ihr es wagen würdet, außerhalb der Schule zu zaubern“, spottete Draco. „Wer hat dir ein Veilchen verpasst, Granger? Dem würd ich gern Blumen schicken.“
„Du meinst“, zischte Zoe und trat hinter ihren Freunden hervor, „weil Hermine dir im dritten Schuljahr ebenfalls ein Veilchen verpasst hat?“
Harry und Ron lachten schallend, doch Madam Malkin fuhr mit schneidender Stimme dazwischen.
„Nun ist es aber genug!“, mahnte sie ernst und wandte sich dann zu der Frau, die zwischen den Kleiderständern hervorkam. „Madam – bitte-“
Narzissa Malfoy trat ins Licht der Schaufenster. Zoe erschrak.
Die Frau, die da hervotrat, hatte kaum noch etwas von der stolzen Hexe, die sie einmal gesehen hatte. Ihre Wangenknochen hoben sich scharf aus ihrem Gesicht und ihe Haut war so blass und dünn, dass Zoe die Adern darunter sehen konnte. Der teure Umhang hing an ihr, als wäre sie in den letzten Monaten geschrumpft. Doch in ihren Augen brannte das gleiche kalte Feuer, das Zoe bereits kannte.
„Steckt die weg“, befahl sie schneidend.
Keiner der Jungen bewegte sich.
Narzissas Augen zogen sich kaum merklich zusammen. Sie trat näher, und obwohl sie nicht größer war als Harry, schien sie über ihnen aufzuragen. „Wenn ihr meinen Sohn noch ein Mal angreift“, jedes Wort wurde präzise artikuliert, „dann sorge ich dafür, dass es das Letzte ist, was ihr jemals tun werdet.“
„Wirklich?“ Harry senkte den Zauberstab nicht. Seine grünen Augen funkelten gefährlich, als er auf sie zuging. Inzwischen waren sie auf Augenhöhe, und er schien von ihrer Drohung völlig unbeeindruckt. „Sie holen einfach ein paar von Ihren Todesserkumpels, um uns fertigzumachen, was?“
Vor Schreck zuckte Zoe zusammen, als Madam Malkin aufschrie und sich entsetzt ans Herz griff.
„Also wirklich“, empörte diese sich fassungslos, „diesen Vorwurf solltest du nicht – gefährlich, so etwas zu sagen – die Zauberstäbe weg, bitte!“
Harry und Mrs Malfoy funkelten sich für ein paar Sekunden duellierend an. Dann bildete sich ein Lächeln auf den Lippen von Dracos Mum.
„Seit Sie Dumbledores Liebling sind, haben Sie offenbar ein falsches Gefühl der Sicherheit bekommen, Harry Potter“, sprach sie leise. „Aber Dumbledore wird nicht immer da sein, um Sie zu beschützen.“
„Wow … sehen Sie nur“, rief Harry spöttisch und sah sich im Laden um, „… er ist jetzt gar nicht da! Also, warum nicht mal einen Versuch riskieren? Vielleicht findet sich in Askaban ja eine Doppelzelle für Sie und Ihren Mann, den Versager!“
Draco ging wütend einen Schritt auf Harry zu, stolperte jedoch über den Stoff des Umhangs, den Madam Malkin noch am Abstecken war. Rons schallendes Lachen heizte ihn weiter auf.
„Wag’ es nicht“, knurrte Draco, „so mit meiner Mutter zu sprechen, Potter!“
„Schon gut, Draco“, besänftigte diese ihren Sohn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich schätze, Potter wird wieder mit dem lieben Sirius vereint sein, noch ehe ich mit Lucius vereint bin.“
Harry hob den Zauberstab höher. Das Holz richtete sich direkt auf Narzissa Malfoys Herz.
Die Welt schien für einen Herzschlag stillzustehen.
Harry hob den Zauberstab höher, aber Hermine reagierte schneller und packte seinen Arm.
„Harry, nein!“, brachte sie hervor. „Überleg doch … du darfst nicht … du kriegst dermaßen Ärger …“
Zoe hielt den Atem an. Sie konnte Harrys rasenden Puls an seiner Schläfe sehen, sah, wie seine Hand leicht zitterte. Narzissa hingegen stand reglos da, eine Statue aus Eis und Verachtung, während Madam Malkin zu dem Entschluss zu kommen schien, dass es am besten war, wenn sie so tat, als wäre nichts geschehen. Sie beugte sich zu dem Stoff von Dracos Umhang herab und sagte dann: „Ich denke, dieser linke Ärmel könnte noch ein wenig kürzer sein, mein Lieber, darf ich mal?“
„Autsch!“, zischte Draco und schlug nach der Hexe. „Passen Sie auf, wo Sie Ihre Nadeln hintun, Frau! Mutter – ich glaub, ich will den nicht mehr-“
Mit einer flüssigen Bewegung zog er sich den Umhang herunter und warf ihn auf den Boden. Narzissa Malfoy nickte bekräftigend.
„Du hast Recht, Draco“, bekräftigte sie hochnäsig und betrachtete Hermine. „Jetzt weiß ich, was für Abschaum hier einkauft … mit Twilfitt und Tatting sind wir sicher besser bedient.“
Sie wandte sich um und verließ den Laden ohne ein Wort des Abschieds. Draco folgte ihr, nachdem er Ronald so fest er konnte anrempelte. Die Ladenglocke läutete, als die Tür hinter ihnen zufiel, dann war es still.
„Also wirklich!“ Madam Malkin hob seufzend den Umhang vom Boden und saugte ihn mit einem Zauber ab, um den Stoff zu säubern.
Ihr Verweilen in dem Geschäft war im Anschluss etwas gezwungen. Madam Malkin wirkte zerstreut und war nicht ganz bei der Sache. Nachdem sie alle bedient worden waren, geleitete sie sie mit einem falschen Lächeln hinaus und es hatte den Anschein, als sei sie froh darüber, sie endlich losgeworden zu sein.
„Habt ihr alles?“, wollte Hagrid wissen, als sie ihn erreicht hatten.
„Fast“, antwortete Harry. „Hast du die Malfoys gesehen?“
„Jaah“, meinte dieser nebensächlich. „Aber die würden’s nich wagen, mitten in der Winkelgasse Ärger zu machen, Harry, mach dir keine Sorgen wegen den’n.“
Die Freunde tauschten ungläubige Blicke miteinander, doch bevor sie sich weiter hätten beratschlagen können, liefen ihnen Mr und Mrs Weasley mit Ginny über den Weg, die ihre Bücher besorgt hatten.
„Alles in Ordnung bei euch?“, fragte Mrs Weasley sorgenvoll. „Habt ihr eure Umhänge? Gut, dann können wir auf dem Weg zu Fred und George noch in der Apotheke und bei Eeylops vorbeischauen – bleibt jetzt eng zusammen …“
Zoe frischte in der Apotheke ihre Tränkevorräte auf und kaufte einen Schwarztee mit Heilkräutern für ihren Großvater. Anschließend folgte sie ihren Freunden in Eeylops Eulenkaufhaus , wo sie große Schachteln mit Eulennüssen für Hedwig und Pigwidgeon kauften. Mrs Weasley hatte sie derweil ständig im Auge und warf immer wieder nervöse Blicke auf die Uhr.
Als sie auf der Suche nach dem Scherzartikelladen von Fred und George waren, sagte sie eindringlich: „Wir haben wirklich nicht allzu viel Zeit. Deshalb schauen wir uns nur kurz um und gehen dann gleich zum Wagen zurück. Es kann nicht mehr weit sein, das ist Nummer zweiundneunzig … vierundneunzig …“
„Woah“, ertönte plötzlich Rons Stimme und Zoe wandte sich zu ihm um.
Fred und Georges Ladenfront stach regelrecht ins Auge. Zwischen den zugeklebten und verlassenen Läden rechts und links war ihr Schaufenster eine lebendige Abwechslung. Zoe fiel gleich auf, dass es nicht nur ihnen so ging, denn immer wieder blieben neugierige Passanten stehen oder sahen im Vorbeigehen dem Ladenfenster nach.
„Das ist ja der Wahnsinn.“ Staunend ging Zoe näher heran.
Im linken Teil, der das gesamte Sortiment präsentierte, blitzte, knisterte, hüpfte und kreischte es ununterbrochen. Zoe wusste gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte. Überall stiegen kleine Rauchringe auf, und in der Mitte blubberte eine schleimartige Substanz. Es war eine völlige Reizüberflutung, weshalb Zoe schließlich ihren Blick auf das rechte Schaufenster richtete, um das große violette Plakat zu lesen. Darauf standen in gelber Schrift, gestaltet in der nachgeahmten Typografie des Ministeriums, die Worte: Wen ängstigt noch Du-weißt-schon-wer? Ihr solltet EHER Angst haben vor DU-SCHEISST-NIE-MEHR – der Verstopfungssensation, die die Nation in Atem hält!
Harry und Ron hinter ihr begannen unwillkürlich zu lachen und Zoe bedachte die Jungs mit einem bemitleidenswerten Blick.
„Das kostet sie Kopf und Kragen!“, flüsterte Rons Mum entgeistert, nachdem sie das Plakat gelesen hatte.
„Nein, kostet es nicht!“, widersprach Ron. „Das ist genial!“
Und eine Sekunde später waren die Jungs auch schon über die Ladenschwelle hinweg verschwunden. Zoe und Hermine folgten ihnen und kamen schließlich in den überfüllten Verkaufsraum.
„Wow, wie viel hier los ist!“ Ungläubig sah Hermine sich um.
„Ja“, bestätigte Zoe überrascht, „kaum zu glauben, dass sie in Hogwarts angefangen haben …“
Etwas unschlüssig blieben die beiden unweit der Tür stehen und beobachteten das Szenario. Zwischen den Regalen drängten sich die Leute, sodass es kaum möglich war, an die Artikel zu gelangen. Kartons mit der Aufschrift Nasch-und-Schwänz-Leckereien stapelten sich bis unter die Decke und das Regal mit der Beschriftung Nasblutnugat war bald ausverkauft.
Zwischen den Regalreihen standen aufgeständerte Körbe mit Trickzauberstäben, selbstausfüllenden und rechtschreibungscheckenden Federkielen.
„Lass uns mal da herübergehen.“ Hermine und deutete zur Ladentheke.
Zoe schlängelte sich mit ihrer Freundin voran, entschuldigte sich bei einem Mädchen, das sie versehentlich anrempelte und als Hufflepuff erkannte, und blieb schließlich hinter ihr an der Theke stehen.
„Was ist das?“, fragte Zoe, als sie Hermine über die Schulter schielte.
Sie nahm eine der Schachteln in die Hand, die unter der Aufschrift ‚Patentierte Tagtraumzauber …’ verkauft wurden.
Ein übertrieben buntes Pärchen war darauf abgebildet und sie schienen auf einem Piratenschiff zu stehen.
„‚Ein einfacher Zauberspruch, und schon versinkst du in einem hochwertigen, äußerst realistischen dreißigminütigen Tagtraum, der sich leicht in eine ganz normale Schulstunde einbauen lässt und so gut wie unaufspürbar ist (Nebenwirkungen unter anderem leerer Blick und leichtes Sabbern)“‘, las Hermine vor. „Kein Verkauf an Personen unter sechzehn Jahren.“
„Da sind wohl eher Jungs die Zielgruppe“, stellte Zoe nüchtern fest, „dafür brauche ich ehrlich gesagt keinen Zauber.“
Hermine kicherte.
„Aber trotzdem … Weißt du, das ist wirklich außergewöhnliche Magie!“
„Dafür“, ertönte eine Stimme hinter ihnen, „kriegst du einen umsonst, Hermine.“
Es war Fred, der sie beide anstrahlte. Er trug einen leuchtend magentafarbenen Umhang, der sich unglaublich mit seinem feuerroten Haar biss.
„Wie geht’s euch?“ Er begrüßte sie mit einem Händeschütteln. „Und was ist mit deinem Auge passiert, Hermine?“
Die Gryffindor sah ihn finster an und antwortete: „Dein boxendes Teleskop.“
„Oh, verdammt, die hab ich ganz vergessen“, gab er zu. „Hier-“
Er nahm eine Dose hervor, öffnete sie und hielt Hermine eine dicke gelbe Paste hin.
„Nur dünn auftragen“, erklärte er, „dann ist der Bluterguss in einer Stunde weg. Wir mussten einen anständigen Blutergussbeseitiger finden, wir testen die meisten unserer Produkte an uns selbst.“
„Immer noch?“, fragte Zoe überrascht.
„Natürlich“, antwortete Fred munter.
Hermine warf einen skeptischen Blick auf die Paste und sagte: „Das ist doch ungefährlich, oder?“
Er ging nicht auf die Frage ein und begrüßte stattdessen Harry, der zu ihnen stieß, und ließ sie mit den Worten „Komm mit, Harry, ich führ dich rum“ einfach stehen.
Hermine sah fragend zu Zoe und betrachtete die Paste an ihren Fingern. „Was meinst du?“
„Naja, schlimmer kann‘s nicht werden, oder?“, gab Zoe zurück.
„Bei den beiden bin ich mir nicht so sicher …“
Die Slytherin kicherte und sah Hermine dabei zu, wie sie mit Hilfe der Spiegelung der Theke ihr Auge einrieb.
„Meint ihr, die funktionieren wirklich?“ Ginny stieß zu ihnen, aber sie klang skeptisch.
„Ich werde mal einen versuchen“, entgegnete Hermine schmunzelnd. „Fred hat mir einen geschenkt.“
„Cool. Ich denke“, warf die Rothaarige ein, „die beiden sollten uns einen Familienrabatt gewähren.“
In dem Moment lief George zusammen mit einer blonden Hexe, die den gleichen magentafarbenen Umhang wie er trug, an ihnen vorbei, ohne Ginnys Aufschrei Beachtung zu schenken. Dann stießen Harry und Fred wieder hinzu.
„Habt ihr Mädchen etwa unsere speziellen Wunder-Hexe Produkte noch nicht gesehen?“, wollte der Zwilling grinsend wissen. „Folgen Sie mir, Ladys …“
Verwundert warfen die Mädchen einander Blicke zu und folgten ihm. Fred führte sie zu einem Fenster, in dessen Nähe eine Reihe quietschrosafarbener Ware aufgebahrt worden war. Es dauerte eine Weile, bis sie herankamen, denn davor tummelte sich eine Traube kichernder Mädchen. Hermine und Ginny blieben skeptisch zurück, doch Zoe folgte Fred, der ausladend auf die Produktpalette deutete.
„Hier, bitte sehr“, präsentierte er stolz. „Die beste Auswahl an Liebestränken, die ihr weit und breit finden werdet.“
„Wirken die?“, wollte Ginny wissen.
„Natürlich wirken die, bis zu vierundzwanzig Stunden am Stück, je nach Gewicht des betreffenden Jungen-“
„- und je nach Attraktivität des Mädchens“, ergänzte George, der urplötzlich bei ihnen stand. Dann bedachte er Ginny mit einem strengen Blick und fügte hinzu: „Aber an unsere Schwester verkaufen wir die nicht, nicht, wenn sie schon zirka fünf Jungs am Laufen hat, nach dem, was wir-“
„Was auch immer ihr von Ron gehört habt“, verteidigte sie sich sofort, „ist eine dicke, fette Lüge.“
„Sind Liebestränke nicht verboten?“ Zoe nahm verdutzt eines der Flakons genauer unter die Lupe.
„ Echte Liebestränke, ja“, betonte Fred grinsend und zwinkerte.
„Dieser hier fällt in eine Grauzone, weil er ein Scherzartikel ist“, beteuerte George stolz.
„Also kein Amortentia“, schloss Hermine.
„Ganz genau“, flöteten die Zwillinge zeitgleich.
„Was ist das?“, fragte Ginny und nahm eine rosafarbene Tube aus dem Regal vor ihnen.
„Zehn-Sekunden-Pustel-Entferner mit Garantie“, antwortete Fred, und alle drei Mädchen wurden hellhörig. Zoe stellte das Flakon zurück, während der Zwilling fortfuhr: „Wirkt hervorragend bei allem Möglichen, Furunkel bis Mitesser, aber lenk jetzt nicht ab. Gehst du zurzeit mit einem Jungen namens Dean Thomas oder nicht?“
„Ja, allerdings“, gab Ginny zu und bedachte ihren Bruder mit einem finsteren Blick. „Und als ich das letzte Mal nachgeschaut hab, war er definitiv nur ein Junge, nicht fünf. Was ist das?“
Dann sah sie auf einen kleinen, ausgestreuten Glaskasten, in dem eine große Anzahl flaumiger Bälle in den unterschiedlichen Rosa- und Lilatönen herumrollte. Zoe trat näher heran und hörte das leise, schrille Quieken, das von ihnen ausging.
„Minimuffs“, meinte George. „Kleine Knuddelmuffs, wir können sie gar nicht schnell genug nachzüchten.“
„Die sind süß“, schwärmte Zoe und beugte sich über das Gehege. Ein flaumiger rosa Ball kugelte an ihren Finger, warm und lebendig. „Aber ist die Neuzüchtung magischer Tierwesen nicht-“
Sie brach ab. Freds Augenbrauen waren in die Höhe geschossen. „Sag mal, Zoe“, unterbrach er sie langsam. „Hat dich das Ministerium geschickt?“
„Du bist ja schlimmer als Percy“, fügte George mit einem Grinsen hinzu.
Zoe fühlte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Es war einfach so herausgerutscht, dieser kleine nervöse Teil von ihr, der immer die Regeln sehen musste und die Gefahr dahinter.
„War ja bloß ’ne Frage“, murmelte sie kleinlaut.
„Die sind nicht unsere Eigenzüchtung“, erklärte Fred nun lachend. „Wir vertreiben sie lediglich.“
„Und um auf dich zurückzukommen, Ginny.“ George visierte wieder seine Schwester an. „Was ist eigentlich mit Michael Corner?“
„Ich hab mit ihm Schluss gemacht, er war ein schlechter Verlierer“, erwiderte die Rothaarige knapp. „Die sind echt süß!“
„Die sind ziemlich knuddelig, ja“, räumte Fred ein. „Aber wechselst du deine Freunde nicht ein bisschen arg schnell?“
Ginny wandte sich zornesfunkelnd um und stemmte die Hände in die Hüften. Damit erinnerte sie Zoe unwillkürlich wieder an ihre Mrs Weasley.
„Das geht dich nichts an“, stellte sie energisch klar, und als Ron gerade mit vollbeladenen Armen herankam, fügte sie an ihn gewandt hinzu: „Und dir wäre ich dankbar, wenn du diesen beiden hier keine Geschichten mehr über mich erzählen würdest!“
Verdattert blieb Ron stehen.
„Das macht drei Galleonen, neun Sickel und einen Knut“, sagte Fred nach einem geschulten Blick auf die Produkte, die in seinen Armen lagen. „Her damit.“
„Ich bin dein Bruder!“, maulte Ron garstig.
„Und das sind unsere Sachen, die du da klaust“, erwiderte der Zwilling eisern. „Drei Galleonen, neun Sickel. Den Knut schenk ich dir.“
„Aber ich hab keine drei Galleonen und neun Sickel!“
„Dann stellst du am besten alles wieder zurück, und, bitte, in die richtigen Regale.“
Ronald fluchte wütend und einige der Schachteln fielen von seinem Arm, als er die Hand für eine beleidigende Geste in Freds Richtung hob. Just in dem Moment erschien Mrs Weasley bei ihnen.
„Wenn ich das noch mal bei dir sehe, hex ich dir die Finger zusammen“, fuhr sie Ron an und dieser trollte sich, um die Schachteln zurückzubringen.
„Mum, kann ich einen Minimuff haben?“, flehte Ginny.
„Einen was?“ Mrs Weasley kam misstrauisch näher und Zoe rückte etwas zur Seite.
„Schau mal, die sind so süß …“
„Das sind sie in der Tat, Liebes. Aber so ein Haustier bedeutet Verantwortung“, warf Mrs Weasley ein.
„Ich bin fünfzehn, Mum“, erinnerte Ginny ihre Mutter genervt. „Ron hat Pig und davor hatte er Krätze.“
Geschlagen seufzte Mrs Weasley, dann senkte sie die Stimme und flüsterte: „Aber Schatz, du hast schon gesehen, was sie kosten, oder?“
„Den bekommt sie geschenkt“, sprach Fred sogleich, der seine Schwester in ihrem Vorhaben unterstützte.
Dem konnte Mrs Weasley nichts mehr entgegensetzen. „Also gut, na schön“, sagte sie schließlich. „Dann such dir einen aus.“
Ginny fiepte vor Entzückung und machte einen Freudensprung, als Mrs Weasley sich zurückzog.
„Möchtest du auch einen haben, Zoe?“, fragte Fred, als er seine Schwester dabei beobachtete, wie sie sich über das Gehege beugte.
„Nein, danke“, meinte die Slytherin melancholisch. „Ich hatte mal einen Knuddelmuff, aber leider werden sie nicht so alt.“
„Ja, das ist wahr“, gab George zu, als Fred verschwand, um einen Kunden zu bedienen. „Und diese hier nur ein paar Monate.“
„Ich nehme diesen.“ Ginny hob einen fuchsiafarbenen Minimuff aus der Einstreu. „Und er wird Arnold heißen. Was meinst du, Zoe?“
„Sehr süß“, gab die Slytherin zu, die das flauschige Etwas in ihren Händen begutachtete.
„Und du, Hermine?“
Als eine Antwort ausblieb, drehten sich die Mädchen nach ihrer Freundin um. Doch es war keine Spur mehr von ihr oder Harry zu sehen.
„Die sind bestimmt drüben bei unserem seriösen Sortiment“, spekulierte George.
„Seriöses Sortiment?“, wiederholte Zoe fragend.
„Hat Fred es euch noch nicht gezeigt?“, wollte der Zwilling wissen. „Dann kommt mit!“
Ginny setzte sich den Minimuff auf die Schulter und bedeckte ihn mit ihren roten Haaren. Dann folgten sie George in eine Art Nebenraum. Er ließ sie unter einem Vorhang hindurchhuschen und Zoe wusste auf Anhieb, warum sie diesen ‚seriös’ nannten.
Die Produkte waren nicht in so auffällig bunten Verpackungen verstaut. Alles in allem sah es aus wie in einem normalen Laden. Neugierig las Zoe die Regalaufschrift.
„Schildzauber?“, las sie ungläubig.
„Eine Marktlücke, diese Produktpaletten: Verteidigung gegen die Dunklen Künste“, sagte George und nickte. „Es ist eigentlich kaum zu glauben, aber könnt ihr euch vorstellen, wie viele Leute nicht einmal einen vernünftigen Schildzauber beschwören können? Sogar Ministeriumsmitarbeiter! Deswegen haben wir die hier entwickelt: Schildhüte, Schildumhänge, Schildhandschuhe.“
„Das ist clever“, stellte Zoe fest.
George grinste von einem Ohr zum anderen.
„Wir haben eben auf den Markt reagiert. Als wir die ersten Hüte verkauft haben, kam jemand vom Ministerium vorbei und hat gleich fünfhundert Stück für seinen gesamten Außendienst gekauft!“
„Was? Wirklich?“ Ginny wirkte fassungslos.
„Ja“, bestätigte George. „Und laufend kommen neue Riesenaufträge rein!“
„Wie gut sind die?“, wollte Zoe wissen. „Habt ihr das auch getestet?“
„Selbstverständlich“, beteuerte George gleich. „Gegen richtig gute Zauber helfen die natürlich nicht und einen Unverzeihlichen halten die auch nicht ab, aber sie sind schon mal ein Schutz gegen kleinere bis mittelschwere Flüche oder Verwünschungen … Seht euch das hier mal an: Peruanisches Istant-Finsternispulver. Wir importieren es direkt aus Peru.“
„Was tut es?“, wollte Zoe wissen und betrachtete den glitzernden, kristallinen Klumpen neugierig.
„Undurchdringbare Finsternis. Besonders gut für einen schnellen Abgang“, antwortete George. „Oder diese Bluffknaller. So simpel: Man aktiviert sie heimlich, lässt sie zu Boden und sie laufen los und machen plötzlich einen riesen Lärm. Es ist das perfekte Ablenkungsmanöver.“
Zoe betrachtete die verschrobenen, hupenartigen Gegenstände mit den winzigen Füßchen und kam nicht umhin, die Weasley-Zwillinge für ihre Genialität und ihren Geschäftssinn zu bewundern.
„George“, Fred steckte den Kopf durch den Vorhang, „du wirst hier vorne gebraucht, Verity ist heillos überfordert.“
„Ich komme“, beteuerte George und folgte seinem Zwilling. „Seht euch ruhig weiter um.“
Zoe und Ginny blieben zurück und sahen sich derweil ein bisschen um, bis der Slytherin einfiel, warum sie überhaupt hierhergekommen waren.
„Von den anderen dreien fehlt immer noch jegliche Spur“, stellte Zoe fest.
„Wahrscheinlich haben wir sie drinnen im Tumult übersehen“, grübelte Ginny, „sollen wir zurück?“
Zoe nickte und folgte der Weasley wieder in den großen Verkaufsraum, wo sie an einer Dose Essbare Dunkle Male vorbeikamen. Fragend sahen sie sich nach Hermine, Harry und Ron um, doch sie konnten sie nicht finden.
„Seid ihr fertig?“ Mrs Weasley stieß zu ihnen.
„Wo sind die anderen?“, hakte Ginny nach.
Ihre Mutter sah verwundert zu den Mädchen herab und antwortete: „Ich dachte, sie seien bei euch?“
Als Ginny und Zoe mit den Köpfen schüttelten, schürzte sie missbilligend die Lippen.
„Oh, also … also gut, Mädchen.“ Sie sah sich nervös um. „Dann teilt euch doch bitte auf und lasst sie uns suchen. Wir treffen uns gleich an der Theke.“
Und mit diesen Worten wuselte sie durch die Menge davon. Auch Zoe und Ginny trennten sich, um die Regalreihen nacheinander abzusuchen. Doch schließlich war es Hermine, die Zoe fand.
„Wo wart ihr denn?“, fragte die Slytherin skeptisch, als sie sah, dass auch Harry und Ron bei ihr waren.
„Kurz unterwegs“, versuchte Hermine sie zu beschwichtigen.
Dann zogen sie Zoe beiseite, zwischen den wenig besuchten Regalreihen, wo Muggelzaubertricks zu verkaufen standen.
„Wir haben Malfoy beschattet“, flüsterte ihre Freundin, als sie sicher waren, dass sie nicht belauscht wurden.
„Jetzt gerade?“, fragte Zoe verwundert.
Die beiden Jungs stimmten in Hermines Nicken ein.
„Harry hatte den Tarnumhang“, erklärte Ron.
„Was hat er getan?“, wollte Zoe sofort wissen.
„Er war bei Borgin und Burkes “, antwortete Harry, und Hermine fügte erklärend hinzu: „Ein Geschäft in der Nokturngasse.“
„Und ohne Mummy“, ergänzte Ron.
„Hat er etwas gekauft?“, wollte die Slytherin wissen.
„Nein, aber er hat sich etwas reservieren lassen, was Borgin reparieren soll.“
„Was war es?“
„Das wissen wir nicht“, gab Harry entnervt zurück.
„Wir konnten es nicht sehen“, fügte Hermine erklärend hinzu.
„Aber“, meinte Harry und sah kurz herüber, ob sie noch ungestört waren, „es schien so, als habe er versucht, dem Inhaber Druck zu machen. Er hat ihm mit einem Freund der Familie gedroht.“
„Fenrir Greyback“, ergänzte Hermine.
„Greyback?“, wiederholte Zoe.
„Kennst du ihn?“, wollte die Muggelgeborene wissen.
Doch Zoe schüttelte mit dem Kopf.
„Und er hat Diskretion verlangt“, erzählte Harry weiter, „auch seiner Mutter gegenüber.“
„Hm“, brummte Zoe grübelnd, „nur ganz ohne Hinweise … Es könnte alles Mögliche sein.“
„WO SEID IHR GEWESEN?!“ Es war Mrs Weasleys donnernde Stimme, die sie in ihrer Unterhaltung störte.
„Im Hinterzimmer!“, verteidigte Ron sich sofort.
„Da haben wir nachgesehen!“, hielt seine Mutter dagegen.
„Wir müssen uns verpasst haben.“
„Ich verpasse dir gleich eine!“, keifte Mrs Weasley aufgebracht. „In diesen Zeiten! Ich habe mir Sorgen gemacht, Ronald Bilius Weasley!“
Zoe prustete hinter Mrs Weasleys Rücken in ihre Hände, bei Erwähnung von Rons Zweitnamen. Dieser warf ihr einen finsteren Blick zu und entschuldigte sich mit: „Tut mir leid, Mum.“
„Das will ich auch meinen!“, betonte sie lautstark. „Und nun Abmarsch mit euch! Wir gehen jetzt nach Hause!“
Und ohne Widerrede folgten sie Rons Mum hinaus in die Winkelgasse, wo Hagrid bereits auf sie wartete.