Slug-Klub
Slug-Klub
Dracos merkwürdiges Verhalten schien Harry noch länger zu beschäftigen. Immer wieder sprach er es an, doch weder Hermine noch Ron waren so sehr daran interessiert, wie er.
„Am meisten macht mir Malfoys zufriedener Gesichtsausdruck Sorgen“, sagte Harry eines Morgens zu Zoe, als sie beide auf dem Weg zum Hühnerstall waren, um die Eier einzusammeln.
„Du solltest dir nicht so viele Gedanken machen“, versuchte Zoe, ihren Freund zu beruhigen. „Du kommst damit eh nicht weiter.“
Harry seufzte und öffnete vorsichtig die Holzklappen des Stalls, während Zoe die Eier einsammelte und in ein Körbchen legte.
„Aber das kann einfach nichts Gutes bedeuten.“ Der Gryffindor ging zum nächsten Kasten. „Oh … hier ist noch ein Huhn drin.“
Irritiert sah sie hinein und blickte dann wieder zu ihrem Freund.
„Was sollen wir tun?“, fragte sie unsicher.
„Es in Ruhe lassen“, antwortete er.
„Aber wir haben noch nicht genug Eier für alle“, protestierte Zoe.
Vorsichtig streckte sie die Hand in den Kasten und zog sie eilig wieder zurück, als die Henne ein tiefes, warnendes Brummen von sich gab. Harry lachte herzhaft.
„Hör auf zu lachen!“, fuhr Zoe den Gryffindor grinsend an. „Hilf mir lieber!“
„Wie?“
„Du musst sie ablenken!“
Nicht sonderlich begeistert begann Harry, mit den Fingern vor dem Kopf des Huhnes herumzufuchteln. Zoe beobachtete die tief gurrende Henne, ein paar Sekunden lang. Beherzt streckte sie schließlich einfach die Hand unter das Huhn. Es fühlte sich warm und flauschig an, während Zoe nach weiteren Eiern tastete und nach und nach vier hervorzog und sie vorsichtig im Korb platzierte.
„Die sind noch warm“, stellte sie verblüfft fest, als Harry die Legebox schloss.
„Sind es jetzt genug?“, wollte dieser wissen.
„Ja, für jeden eins.“
„Also“, sagte der Gryffindor dann, „um auf Malfoy zurückzukommen …“
Zoe seufzte tief und Harry warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Ich versteh nicht, warum ihr nicht genauso neugierig seid, herauszufinden, was er getrieben hat, wie ich!“, protestierte er.
„Weil‘s unmöglich ist, anhand eurer Beobachtungen irgendetwas herauszufinden“, erklärte Zoe abermals. „Wie Hermine schon sagte, es könnte eine Vielzahl von Erklärungen für sein Verhalten geben.“
Schmollend schüttelte Harry den Kopf, während sie sich durch den Gemüsegarten schlängelten und auf den Fuchsbau zugingen, wo Mrs Weasley sie bereits erwarten würde.
„Also für mich hat sich das so angehört“, versuchte Harry zu erklären, „als hätte Borgin einen weiteren kaputten Gegenstand und Malfoy wollte beide haben.“
„Und weiter?“, forderte Zoe ihn auf.
„Ich denke, er will sich rächen, weil sein Vater nun in Askaban sitzt.“
„Rächen?“, wiederholte Zoe und zog die Brauen zusammen. „An wen? An uns? Und wie soll er das anstellen?“
„Das weiß ich eben noch nicht“, gab Harry geschlagen hinzu. „Hör mal!“ Er hielt Zoe davon ab, weiterzugehen, denn sie hatten den Fuchsbau fast erreicht. Die Slytherin sog tief die Luft ein, blieb jedoch stehen.
„Ich weiß, dass du, Hermine und Ron mir nicht glaubt. Aber ich bin mir sicher, Zoe! Malfoy hat den Platz seines Vaters als Todesser eingenommen. Du hast gesagt, das Wegzucken ist dir selbst bei Madam Malkins aufgefallen. Warum glaubst du mir dann nicht?“
„Weil das alles spekulativ ist“, gab Zoe zurück. „Draco mag ein Idiot sein. Aber glaubst du wirklich, Voldemort würde einen Sechzehnjährigen zu einem Todesser machen? Jemand, der noch zur Schule geht und der vermutlich nicht einmal einen ordentlichen Schildzauber hinbekommt?“
„Er wird sich schon etwas mehr dabei gedacht haben, oder?“, hielt Harry dagegen. „Vielleicht will er uns in Hogwarts ausspionieren …“
„Durch Draco?“, wiederholte Zoe und zog die Brauen hoch.
Harry verzog den Mund.
„Was bringt es, sich die ganze Zeit den Kopf darüber zu zerbrechen, Harry?“, sagte Zoe erneut. „Du kommst damit nicht weiter.“
„ZOE! HARRY! SEID IHR FERTIG?“, rief eine Stimme aus dem Küchenfenster.
„WIR KOMMEN, Mrs Weasley“, antwortete Zoe sogleich und wandte sich Harry wieder zu. „Komm schon, vergiss es für den Rest der Ferien!“
Sie bahnten sich einen Weg durch die wild wuchernden Tomatenpflanzen zurück zum Haus. Der Geruch von gebratenem Speck wehte ihnen entgegen. Zoe hörte Bills tiefe Stimme und Fleurs helles Lachen aus dem Inneren.
Als sie die Küche betraten, war der lange Holztisch bereits zur Hälfte gedeckt. Mrs Weasley wirbelte zwischen Herd und Schrank hin und her, derweil Fleur mit leuchtenden Augen von Blumenarrangements sprach.
Während des Essens nutzte Fleur die Tatsache, dass sie alle beisammen saßen, um weiter Pläne für ihre Hochzeit mit Bill zu schmieden. Es machte den Anschein, als habe Rons Mum ein künstliches Lächeln aufgesetzt, um immer dann zu nicken, wenn die Französin ihre Zustimmung suchte. Ginny verdrehte ab und an die Augen und äffte sie heimlich hinter vorgehaltener Hand nach.
Bill bemerkte von dem Verhalten scheinbar nichts oder er wollte es schlicht und einfach nicht bemerken. Er hatte nur Augen für seine Geliebte.
Am Morgen der Abreise war Mrs Weasley sichtlich nervös, was sich als unbegründet herausstellte, denn an diesem Tag lief alles glatt und ohne besondere Vorkommnisse. Die Ministeriumswagen standen pünktlich auf dem Hof und die Angestellten halfen dabei, die Koffer zu verstauen.
Die Fahrt nach London verlief ruhig. Zoe beobachtete durch die getönten Scheiben die vorbeiziehende Landschaft und versuchte, das mulmige Gefühl in ihrem Magen zu ignorieren. Neben ihr döste Ginny, während Harry aus dem Fenster starrte, vermutlich noch immer in Gedanken bei Malfoy.
Erst als die grauen Hochhäuser Londons auftauchten und der Verkehr dichter wurde, entspannte sich die Atmosphäre im Wagen etwas. Mrs Weasley begann, hektisch in ihrer Handtasche nach irgendetwas zu kramen, und Ron stöhnte, weil sein Magen knurrte.
Am Bahnhof King’s Cross wurden sie dann von dem gut gelaunten Hagrid in Empfang genommen. Er befand sich in Begleitung zweier bärtiger und grimmig dreinblickender Auroren in Muggelkleidung, die sie eskortieren sollten.
„Schnell, schnell, durch die Absperrung“, drängte Mrs Weasley. „Harry soll am besten zuerst gehen, mit-“, fragend sah sie die Auroren an.
Einer von ihnen packte Harry am Oberarm, doch der Gryffindor riss sich murrend wieder frei und richtete seinen Gepäckwagen auf die Absperrung, durch die sie hindurchgehen mussten.
Dann eilte er hindurch. Ihm folgten Ron und Hermine und Zoe schloss die Augen, als sie daran war, durch die Absperrung zu laufen, und als sie diese wieder aufschlug, stand sie auf dem Bahnsteig neundreiviertel. Das Erste, was ihr ins Auge sprang, war der scharlachrote Hogwarts-Express. Wehmütig dachte sie daran, dass sie sich an ebenjener Stelle vor einem Jahr noch von Sirius verabschiedet hatte, der sie wider Willen aller in seiner Hundegestalt begleitet hatte.
Das Zischen des ausströmenden Dampfes der Lok brachte Zoe zurück auf den Bahnsteig, an dem auch die anderen derweil angekommen waren.
Harry gab ihnen ein Zeichen, ihm zu folgen, um sich ein leeres Abteil zu suchen, doch Ron und Hermine schüttelten beinahe synchron die Köpfe.
„Wir können nicht, Harry.“ Hermine und verzog den Mund. „Ron und ich müssen erst in den Waggon mit den Vertrauensschülern und dann eine Weile die Gänge kontrollieren.“
„Ach ja, hab ich ganz vergessen“, meinte Harry genervt. „Aber du kommst mit, Zoe?“
„Ja“, sagte diese nur knapp und verabschiedete sich von Mr und Mrs Weasley.
Dann ging Zoe voran und steuerte den Zug an.
„Warte kurz“, rief Harry ihr über die Schulter, „ich komme gleich nach!“
Zoe sah, wie er mit Mr Weasley zur Seite ging, um etwas mit ihm zu bereden. Unterdessen hievte sie ihren Koffer in den Zug und wartete. Der Bahnsteig leerte sich und Harry stand bei Rons Dad.
„Der lässt sich ganz schön Zeit“, sagte Zoe missbilligend zu Ginny.
Doch als sie den Kopf umwandte, musste die Slytherin feststellen, dass die Rothaarige bereits weitergegangen war, um mit ihren Jahrgangsfreunden zu plaudern.
Genervt sah Zoe nach draußen und die Lok ließ einen gellenden Pfiff hören. Dann mischte sich auch Rons Mum in das Gespräch ein, trennte Harry und Mr Weasley voneinander und drängte Harry zum Zug, als sich die Türen zu schließen begannen.
„Schnell, Harry!“, rief Mrs Weasley eilig, weil Harry seinen Koffer suchte.
„Ich hab ihn!“, brüllte Zoe nach draußen und der Gryffindor machte einen gewaltigen Satz und landete auf der Stufe des Abteils, bevor sich auch diese Tür schloss.
„Nun, mein Lieber, über Weihnachten kommt ihr zu uns, es ist alles mit Dumbledore besprochen, wir sehen uns also ziemlich bald wieder“, rief Mrs Weasley von draußen durch das offene Fenster hindurch.
Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Rons Eltern warteten auf dem Bahnsteig und ihre Stimmen verklangen im Lärm der Lok und dem Geplauder der Schüler. Zoe und Harry winkten ihnen, bis der Zug eine Kurve genommen hatte und der Bahnhof außer Sicht war. Dann wandte sich Harry zu seiner Freundin um.
„Danke für den Koffer!“, sagte er grinsend.
„Nix zu danken“, gab Zoe zurück. „Was hast du so lange mit ihm beredet?“
Harry sah sich um, ob jemand ihr Gespräch belauschen würde, und kam etwas näher zu Zoe heran.
„Ich hab ihm von unserer Beobachtung von Malfoy erzählt und dass ich glaube, dass er den Platz seines Vaters eingenommen hat.“
Zoe sah ihren Freund mit offenkundiger Verblüffung an.
„Und wie hat er reagiert?“, wollte sie wissen.
„Es schien, als habe er es nicht ernst genommen“, sagte er seufzend. „Er meinte, nach der Festnahme von Lucius Malfoy hätten sie deren Haus durchsucht und alles, was gefährlich war, mitgenommen.“
„Das ist doch immerhin schon eine gute Nachricht.“
Harry schüttelte den Kopf und sagte: „Das ist aber nicht genug!“
„Aber es ist alles, was sie tun konnten, Harry!“, betonte Zoe und sah den Gryffindor ernst an.
Dieser verzog nur unzufrieden den Mund und starrte aus dem Fenster. Zoe ließ ihn jedoch nicht schmollen.
„Komm“, sagte sie mitfühlend, „lass uns nach einem freien Abteil schauen.“
Harry nickte, hob den Koffer auf und ging schnurstracks auf Ginny zu. Zoe fielen sogleich die gaffenden Blicke und das ungenierte Starren auf, das einige Schüler an den Tag legten, als Harry vorbeiging.
Die Berichte und das Gerücht des Tagespropheten hatten den „Auserwählten“ noch interessanter für sie gemacht, als es der Junge, der Überlebte, zuvor schon gewesen war.
Er erreichte Ginny und fragte: „Wollen wir ein Abteil zusammen suchen?“
„Ich kann nicht, Harry, ich bin mit Dean verabredet“, verkündete Ginny munter und lächelte entschuldigend. „Bis später!“
„Okay“, entgegnete Harry perplex und sah ihr verwirrt nach.
„Was ist los?“, wollte Zoe wissen, die Harrys Reaktion nicht so recht deuten konnte.
Der Gryffindor sah sie fragend an, sagte dann: „Ich weiß es nicht.“
„Du weißt es nicht?“, wiederholte Zoe lachend.
Verärgert wandte sich Harry ab und ging weiter und versuchte, die Blicke seiner Mitschüler zu ignorieren. Es war beinahe aufdringlich.
„Hi, Harry!“, erklang eine vertraute Stimme. „Hi, Zoe!“
„Neville!“, rief Harry erleichtert, und über seine Schulter zurück sagte er zu Zoe: „Da sind Neville und Luna. Luna, hi, wie geht’s?“
„Sehr gut, danke.“ Die Ravenclaw hielt eine Ausgabe des Klitterers an ihre Brust gedrückt und winkte zu Zoe herüber.
„Hi, Luna!“, rief die Slytherin über die Köpfe von ein paar Erstklässlern hinweg.
Die beiden schlossen sich ihrer Suche an und fanden wenig später in der Mitte des Zuges endlich ein leeres Abteil.
„Die starren sogar uns an“, erzählte Neville, als er die Tür hinter sich zugezogen hatte, und sah noch einmal hinaus auf den Gang, „weil wir mit dir zusammen sind!“
„Die starren euch an, weil ihr auch im Ministerium wart“, erklärte Harry und hob zunächst Zoes und dann seinen eigenen Koffer in die Gepäckablage. „Unser kleines Abenteuer war ganz groß im Tagespropheten , wie du sicher gesehen hast.“
„Ja, ich dachte, Oma würde wegen all dem Trubel sauer sein“, plauderte Neville, „aber sie hat sich richtig gefreut. Sie sagte, dass ich meinem Vater endlich Ehre machen würde. Sie hat mir einen neuen Zauberstab gekauft, seht mal!“
Ehrfürchtig zog er den Stab hervor und legte ihn gut sichtbar auf seine Handflächen.
„Kirsche und Einhornhaar“, erklärte Neville. „Wir glauben, dass es einer der letzten war, die Ollivander verkauft hat, am nächsten Tag ist er verschwunden – hey, komm zurück, Trevor!“
Er ließ sich auf die Knie fallen, um seine flüchtende Kröte einzufangen. Zoe sicherte sich einen Platz am Fenster und sah ihm schmunzelnd dabei zu.
„Machen wir dieses Jahr wieder DA-Treffen, Harry?“, wollte Luna wissen und löste eine psychedelische Brille aus ihrem Magazin heraus.
„Hat jetzt keinen Sinn mehr, weil wir Umbridge losgeworden sind, oder?“, meinte Harry.
Neville stieß sich den Kopf am Sitz und kam mit seiner Kröte wieder zum Vorschein.
„Jetzt macht es doch erst recht Sinn“, sagte Zoe monoton, ohne den Blick von der Landschaft zu nehmen. „Wir müssen bereit sein für … Voldemort.“
Stille breitete sich im Abteil aus und schließlich war es Neville, der sie brach. „Ich mochte die DA! Ich hab eine Menge bei dir gelernt!“
„Mir haben die Treffen auch gefallen“, betonte Luna fröhlich. „Es war, als ob ich Freunde hätte.“
Zoe riss den Blick von der Landschaft ab, sah die Ravenclaw protestierend an und sagte: „Luna wir sind-“
Doch Tumult auf dem Flur, direkt vor ihrem Abteil, ließ sie innehalten. Im Gang erschien eine Schar albern kichernder und tuschelnder Viertklässlerinnen.
„Du fragst ihn!“, quiekte eines der Mädchen.
„Nein, du!“
„Ich mach’s!“
Eine Schwarzhaarige mit großen, dunklen Augen und einem markanten Kinn schob schwungvoll die Abteiltür auf und alle sahen erwartungsvoll zu ihr auf.
„Hi, Harry“, sprach sie laut und selbstsicher, „ich bin Romilda, Romilda Vane. Warum kommst du nicht zu uns ins Abteil? Du brauchst nicht bei denen hier zu sitzen.“ Sie warf einen abwertenden Blick auf Neville, der erneut auf dem Boden nach Trevor suchte, und Luna, die bereits die quietschbunte Geisterbrille aus ihrem Magazin aufgesetzt hatte, was sie wie eine durchgeknallte Eule aussehen ließ.
„Das sind Freunde von mir“, antwortete Harry beherzt.
„Oh.“ Die Augen des Mädchens weiteten sich überrascht. „Oh. Okay.“ Dann schob sie die Tür zu und gemeinsam verschwanden sie wieder.
„Die andern erwarten von dir, dass du coolere Freunde als uns hast“, sagte Luna mit einer trockenen Ehrlichkeit.
Zoe musste unweigerlich lachen, als die Blonde mit der beknackten Brille zu ihr herübersah.
„Ihr seid cool“, betonte Harry sofort. „Keiner von denen war im Ministerium. Die haben nicht mit mir gekämpft.“
„Das ist sehr nett, dass du das sagst.“ Die Ravenclaw lächelte fröhlich, schob sich die Brille tiefer ins Gesicht und begann, im Klitterer , der auf ihrem Schoß lag, zu lesen.
Neville hob den staubigen Trevor unter dem Sitz hervor. Flusen klebten an der warzenübersäten Haut der Kröte.
„Wir haben aber nicht ihm die Stirn geboten“, widersprach er. „Du schon. Du solltest mal hören, wie meine Oma über dich redet. ‚Dieser Harry Potter hat mehr Rückgrat als das ganze Zaubereiministerium zusammen!’ Sie würde alles dafür geben, dich als Enkel zu haben …“
Harry grinste verlegen und sagte schließlich: „Wie sind eure ZAGs verlaufen?“
Luna schien seine Frage nicht gehört zu haben, da sie in ihr Magazin vertieft war.
„Eigentlich ganz gut“, erzählte Neville. „Naja … in Zaubertränke bin ich raus, aber darüber bin ich ehrlich gesagt froh. Und Oma will unbedingt, dass ich mit Verwandlung weitermache, obwohl ich da nur ein ‚Annehmbar’ geschafft hab. Ich bin mir nicht sicher, ob McGonagall das erlaubt …“
„Man braucht bei ihr mindestens ein ‚Erwartungen Übertroffen’“, sagte Zoe, „sonst lässt sie dich nicht in den Kurs.“
„Das hab ich Oma auch gesagt“, erzählte Neville hilflos, „aber sie will irgendwie trotzdem, dass ich es wähle … Und bei euch so?“
„Ich hab alles, außer Geschichte der Zauberei bestanden“, sagte Zoe und streckte sich genüsslich auf dem Sitz aus. „Und Pflege magischer Geschöpfe abgewählt.“
Neville nickte verstehend. „Und du?“, hakte er an den Gryffindor gewand nach. „Alles okay mit dir, Harry? Du siehst so seltsam aus.“
Harry, der offensichtlich in seinen Gedanken vertieft gewesen war, zuckte zusammen. „‚tschuldigung – ich-“, stammelte er.
Luna hob den Kopf, sah ihr Gegenüber an. „Hast du ’nen Schlickschlupf abgekriegt?“
„Ich – was?“
„Einen Schlickschlupf“, wiederholte sie, „die sind unsichtbar, sausen dir durch die Ohren rein und machen dich ganz wuschig im Kopf. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass einer hier rumfliegt.“
Zoe sah der Ravenclaw dabei zu, wie diese mit den Händen in die Luft klatschte, als wolle sie eine Fliege erwischen. Die Jungs sahen sich an und begannen dann, über Quidditch zu sprechen.
Daraufhin sah Zoe wieder aus dem Fenster. Das Wetter war durchwachsen, wie es bereits den ganzen Sommer gewesen war. Mal fuhren sie durch eine undurchdringliche Nebelwand und im nächsten Moment klarte die Sicht auf und wärmende Sonnenstrahlen fielen aufs Gesicht.
Sirius.
Der Name hallte in ihrem Kopf wider, wie er es seit Wochen tat. Manchmal, in unachtsamen Momenten, vergaß sie für Sekunden, dass er tot war. Dann wollte sie ihm von etwas erzählen – von Harrys Malfoy-Verschwörung oder von Ginny und Mrs Weasleys verzweifelten Versuchen, Fleur zu ertragen. Jedes Mal traf sie die Erkenntnis wie ein Faustschlag: Es gab niemanden mehr, dem sie diese Briefe schreiben konnte.
Kein „Lieber Sirius“ mehr. Kein verschwörerisches Grinsen, wenn er ihr von seinen eigenen Schulstreichen erzählte. Keine Hoffnung mehr auf ein gemeinsames Leben am Grimmauldplatz, wo sie mit Harry zusammen endlich eine richtige Familie hätten sein können.
Zoe presste die Lippen aufeinander und spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Das Schlimmste war nicht einmal der Schmerz selbst, sondern die Leere, die er hinterlassen hatte. Als hätte jemand einen Teil ihrer Zukunft einfach wegradiert und nichts zurückgelassen als eine weiße, trostlose Fläche.
Diese Erfahrung hatte sie dazu gebracht, mit dem Träumen aufzuhören. Jetzt konnte sie nur noch hoffen. Hoffen, dass Harry, Ron, Hermine, die Weasleys heil blieben. Hoffen, dass ihr nicht noch jemand entrissen würde.
Die verkohlte Hand ihres Großvaters blitzte vor ihrem inneren Auge auf und Übelkeit stieg in ihr hoch. Selbst Albus Dumbledore war nicht unverwundbar.
Sie sah zu Harry hinüber. Ob ihn dieselben Gedanken quälten? Er wandte ihr den Kopf zu und für einen kurzen Moment sahen sie einander an, bevor er sich wieder Neville zuwandte. In diesem Blick lag dasselbe: Verlust. Angst. Die stille Gewissheit, dass der Krieg noch nicht vorbei war.
Dann wurde die Abteiltür geöffnet und Ron trat mit Hermine ein.
„Wenn der Imbisswagen sich nur mal beeilen würde, ich verhungere noch“, quengelte der Rothaarige und ließ sich neben Luna auf den Sitz fallen. „Hi, Neville, hi, Luna. Weißt du was?“, fügte er an Harry gewandt hinzu. „Malfoy macht keinen Vertrauensschülerdienst. Er sitzt bloß in seinem Abteil mit den anderen Slytherins rum, wir haben ihn im Vorbeigehen gesehen.“
Harry setzte sich aufrecht in seinen Sitz, während sich Hermine auf den freien Platz neben Zoe niederließ.
„Was hat er getan, als er euch gesehen hat?“, wollte er wissen.
„Das Übliche“, antwortete Ron schulterzuckend und ahmte Draco nach. „Sieht ihm aber gar nicht ähnlich, oder? Warum ist er nicht da draußen und schikaniert Erstklässler?“
„Weiß nicht“, gab Harry zu und runzelte die Stirn.
„Vielleicht war ihm das Inquisitionskommando lieber“, warf Hermine ein. „Vielleicht kommt ihm das Vertrauensschülerleben danach ein wenig lasch vor.“
„Das glaube ich nicht.“ Harry schüttelte den Kopf. „Ich glaube, er ist-“
Die aufgehende Abteiltür unterbrach ihn. Wieder stand ein jüngeres Mädchen auf dem Gang, etwas außer Atem. Sie kam ungefragt herein und sagte: „Ich soll das hier Zoe Dumbledore, Neville Longbottom und Harry P-Potter überbringen.“ Sie hielt ihnen jeweils eine Botschaft hin und als sie die letzte Pergamentrolle an Harry gab, lief sie puterrot an. Mit einem unverständlichen Murmeln stürzte sie wieder aus dem Abteil.
Mit fragendem Blick zog Zoe eine violette Schleife von der Nachricht und rollte das Pergament auf.
„Was ist es?“ Neugierig beugte er sich über Harrys Schulter.
„Eine Einladung“, antwortete Harry.
Skeptisch begann Zoe zu lesen:
Zoe , ich würde mich freuen, wenn Sie mir bei einem kleinen Mittagsimbiss in Abteil C Gesellschaft leisten würden.
Mit freundlichem Gruß Professor H. E. F. Slughorn
„Wer ist Professor Slughorn?“, wollte Neville wissen und blickte verwundert von seiner Einladung auf.
„Ein neuer Lehrer“, erklärte Harry. „Also, ich schätze, da müssen wir hin, oder?“
„Aber warum will er mich dabeihaben?“ Neville klang nervös.
„Keine Ahnung“, gab Harry zurück. „Hör mal, lass uns unter dem Tarnumhang gehen, dann können wir unterwegs vielleicht einen ausgiebigen Blick auf Malfoy werfen und sehen, was er treibt.“
„Dafür ist der Zug viel zu voll“, sagte Zoe sogleich. „Wie willst du dich durch den Gang kämpfen, wenn jemand rauskommt?“
Harry zog den Umhang trotzdem hervor, musste Zoe aber letzten Endes recht geben, weswegen er ihn in seine Tasche stopfte.
„Gehen wir direkt?“, hakte Zoe nach, als sich Harry erhob.
„Klar“, sagte der Gryffindor, „desto schneller haben wir es hinter uns …“
Sie ließen Hermine, Ron und Luna alleine zurück und machten sich auf den Weg zu Abteil C. Als sie nacheinander eintraten, stellte Zoe überrascht fest, dass sie nicht die Einzigen waren.
„Harry, mein Junge!“, begrüßte sie ein älterer Herr, offenbar Professor Slughorn.
Er war ein wohlgenährter und gut gekleideter untersetzter Mann mit grauen Augenbrauen und einem glänzenden Glatzkopf. Aus seinem faltigen Gesicht blickten gütige, graugrüne Augen auf sie herab und sein großer, imposanter Schnurrbart schimmerte hell und silbrig. Wie Harry es bereits erzählt hatte, erinnerte die Erscheinung dieses Mannes Zoe unwillkürlich an ein Walross.
„Schön, dass Sie da sind, schön, dass Sie da sind! Und Sie müssen Mr Longbottom sein!“ Neville nickte mit verängstigter Miene und Slughorn teilte ihnen Sitzplätze zu. Dann wandte er sich zu Zoe um und seine Augen strahlten freudig. „Miss Dumbledore, gar keine Zweifel“, begrüßte sie Slughorn euphorisch. „Sie sehen ihrer Mutter wirklich außerordentlich ähnlich, wissen Sie das?“
„Ja, Sir“, sagte Zoe nur knapp, als er ihre Hände schüttelte.
„Gwendolyn war eine meiner besten Schülerinnen, wissen Sie? Wahnsinnig talentiert und sehr strebsam.“
Zoe zwang sich zu einem Lächeln, nickte nur und drängte sich, nach einem knappen Grußwort an Ginny und Blaise vorbei, um den letzten freien Platz neben Harry zu ergattern.
„Nun, Sie kennen hier alle?“, fragte Slughorn die Nachzügler. „Blaise Zabini ist ja in Ihrem Jahrgang“, erklärte er. „Das hier ist Cormac McLaggen, vielleicht sind Sie sich schon mal über den Weg gelaufen –? Nein?“
McLaggen, scheinbar ein Gryffindor, war stattlich und hob nur lässig die Hand zum Gruße.
„– und das ist Marcus Belby, ich weiß nicht, ob –?“
Belby, dem Schal nach zu urteilen, den er trug, ein Ravenclaw, lächelte nervös.
„– und diese reizende junge Dame sagt, dass sie Sie kennt!“, erklärte Slughorn mit einem freundlichen Lächeln und deutete auf Ginny, die, als er sich umwandte, mit den Augen rollte.
„Wunderbar, das ist höchst erfreulich“, sprach Slughorn munter. „Eine günstige Gelegenheit, Sie alle ein wenig besser kennen zu lernen. Hier, nehmen Sie sich eine Serviette. Ich habe mein eigenes Mittagessen mitgebracht, wie ich mich erinnere, ist der Imbisswagen etwas lakritzzauberstablastig, und der Verdauungstrakt eines armen alten Mannes kommt damit nicht besonders gut zurecht … Fasan, Belby?“
Der Genannte schreckte auf und setzte sich aufrecht und nahm ein Stück des Vogels zu sich.
„Ich erzählte gerade unserem jungen Marcus hier, dass ich das Vergnügen hatte, seinen Onkel Damocles zu unterrichten“, fasste Slughorn zusammen und gab ein Körbchen mit Brot herum. „Ein exzellenter Zauberer, exzellent, und sein Merlinorden war höchst verdient. Sehen Sie Ihren Onkel häufig, Marcus?“
Der Ravenclaw, überrascht von der Anrede, verschluckte sich prompt am Fasan und begann zu würgen und lief dunkelrot an.
„Anapneo“, murmelte Slughorn und zeigte mit dem Zauberstab auf Belby, dessen Hals sofort wieder frei wurde.
Mit tränenden Augen bedankte sich der Junge und sagte keuchend: „Nicht … nicht allzu häufig, nein.“
„Ja, natürlich, ich vermute, er ist sehr beschäftigt“, meinte der Professor und sah Belby fragend an. „Den Wolfsbann-Trank hat er gewiss nicht ohne ein beträchtliches Maß an harter Arbeit entwickelt!“
„Ich denk nicht …“, antwortete der Ravenclaw und lehnte sich im Sitz zurück. „Ähm … er und mein Dad kommen nicht sehr gut miteinander klar, verstehen Sie, deshalb weiß ich eigentlich nicht viel über …“
Mit einem gewissen Maß an Überraschung stellte Zoe fest, wie Slughorns Lächeln künstlich wurde und sein Interesse noch während des Gesprächs zu schwinden schien. Verwundert zog sie die Brauen kaum merklich zusammen, als sich Slughorn McLaggen zuwandte.
„Nun zu Ihnen, Cormac“, sagte er, „zufällig weiß ich, dass Sie sich oft mit Ihrem Onkel Tiberius treffen, denn er hat ein ganz prächtiges Bild von Ihnen beiden auf der Jagd nach Nogschwänzen, in – war das nicht Norfolk?“
„Oh, jaah, das war lustig, wirklich“, erzählte der Gryffindor. „Wir sind zusammen mit Bertie Higgs und Rufus Scrimgeour losgezogen – natürlich, bevor er Minister wurde-“
„Ach, Bertie und Rufus kennen Sie auch?“ Slughorns Stimme war erfreut und als er einen Teller mit Pasteten weitergab, schien er Belby versehentlich zu übergehen. „Nun sagen Sie mir doch mal …“
Slughorn und McLaggen verfielen in eine für Zoe langweilige Unterhaltung und es dauerte eine Weile, bis sich der Professor dem nächsten Schüler zuwandte.
„Und wie geht es Ihrer Mutter, Blaise?“, begann Slughorn. „Man munkelt, ihre Schönheit sei nahezu unvergänglich. Wann wird sie mit ihrem Geheimnis je herausrücken.“ Er zwinkerte, um seinen Worten den nötigen Witz zu verpassen, und fügte dann für die Anwesenden hinzu: „Mrs Zabini war schon damals außerordentlich geschickt im Umgang mit der Braukunst. Verfolgt sie dieses Talent noch?“
„Selten“, gab Blaise zu, „in den letzten Monaten eher selten …“
„Verständlich“, murmelte Slughorn mitfühlend, „nach dem vergangenen Schicksalsschlag. Sie hat scheinbar kein Glück mit ihren Gatten, die Liebe. Mysteriöse Umstände, durch die sie verstorben sind … Wie oft war sie nochmal verheiratet gewesen?“
Blaises Miene verfinsterte sich, als er leise sagte: „Siebenmal …“
„Mächtige magische Zahl, zweifellos“, betonte Slughorn und gab einen Krug mit Butterbier herum. „Doch scheinbar nicht mächtig genug. Wie geht es Ihren Eltern, Neville?“, fragte er im Anschluss, als würde er nach dem Wetter fragen.
Zoe erkannte sofort, wie unangenehm dem Gryffindor das Thema war.
„Wie ich hörte, sind sie weiterhin im St.-Mungo-Hospital?“
„Ähm“, brachte Neville hervor und sah auf seinen Teller, „ja, Sir.“
„Grausam, was man ihnen angetan hat. Wirklich grausam“, beschwor Slughorn ernst. „Dabei habe ich Frank und Alice noch lebhaft in Erinnerung. Sie waren aufgeschlossene und freundliche Schüler. Leider nicht in meinem Haus, sehr schade. Sie waren sicherlich fähige Auroren …“
Es hörte sich für Zoe beinahe so an, als spräche ihr Lehrer über eine Sammlung seltener Gegenstände und nicht über lebendige Menschen.
„Wo wohnen Sie nun, wenn ich fragen darf?“
„Bei meiner Großmutter, Sir.“
„Augusta Longbottom?“
„Ja, Sir“, gab der Gryffindor kleinlaut bei.
„Ohoooo“, machte Slughorn und hielt sich den mit Samt überzogenen Bauch, „die hält Sie sicherlich auf Trab!“
Neville lächelte gezwungen und nickte nur.
„Und Sie, Zoe, eine Slytherin, was?“, sagte er plötzlich und wandte sich ihr zu.
Diese neigte zur Zustimmung nur knapp den Kopf.
„Wissen Sie, zu meiner Zeit war ich der Hauslehrer in Slytherin. Ich war es auch, der ihre Mutter damals als Vertrauensschülerin vorschlug …“
„Tatsächlich?“, konnte Zoe dazu nur sagen.
Slughorn bejahte eifrig und fügte dann witzelnd hinzu: „Doch eigentlich blieb mir ja auch keine andere Wahl, nicht? Bei der Laufbahn, die Gwendolyn an den Tag legte. Sehr bedauerlich, dass sie so jung verstarb. Aber viele gute Hexen und Zauberer sind Du-weißt-schon-wer unterlegen. Tragisch, dass sie ihn trotzdem herausforderte.“
Stille erfüllte das Abteil und Zoe hörte laut und deutlich das rhythmische Rattern des Zuges, während sie die Blicke der anderen auf sich spürte. Selbst Blaise betrachtete sie nun interessiert.
Slughorns Neugierde schien für einen Moment gestillt zu sein und so wandte er sich dem letzten Gast zu und es kam Zoe beinahe so vor, als hätte er sich sein Kronjuwel bis zum Schluss aufgehoben.
„Und nun“, sprach der Professor feierlich, „Harry Potter! Wo fangen wir an? Ich habe das Gefühl, dass ich nur ein wenig an der Oberfläche gekratzt habe, als wir uns im Sommer trafen!“ Er machte eine theatralische Pause, bevor er hinzufügte: „Der ‚Auserwählte’ werden Sie jetzt genannt!“
Harry erwiderte nichts und Zoe kam es beinah wie eine Erleichterung vor, dass die Augen der anderen nun nicht mehr auf ihr selbst ruhten.
„Natürlich gibt es seit Jahren Gerüchte“, plauderte Slughorn darauf los. „Ich erinnere mich noch, als – nun – nach dieser schrecklichen Nacht – Lily – James – und Sie überlebten – und es hieß, dass Sie Kräfte haben müssen, die über die gewöhnlichen-“
Blaise hüstelte künstlich, um sein spöttisches Lächeln zu verbergen, und Ginny fuhr zornig zu ihm herum. „Jaah, Zabini, weil du ja so begabt bist … im Schöntun …“, zischte sie wütend.
„Ach je!“, gluckste Slughorn und wandte sich der Rothaarigen zu. „Seien Sie lieber vorsichtig, Blaise! Ich hab gesehen, wie diese junge Dame den herrlichsten Flederwichtfluch ausführte, als ich durch ihren Waggon ging! Ich würde ihr nicht in die Quere kommen!“
Blaise schnaubte nur kaum hörbar und Slughorn widmete sich erneut Harry.
„Wie auch immer“, entgegnete er munter. „Solche Gerüchte diesen Sommer. Natürlich weiß man nicht, was man glauben soll, der Prophet hat bekanntlich immer wieder mal ungenau berichtet und Fehler gemacht – aber angesichts der vielen Zeugen ist wohl kaum zu bezweifeln, dass es einen ziemlichen Tumult im Ministerium gab und dass Sie mittendrin steckten!“ Auf Harrys knappes Nicken hin sagte er nur: „So bescheiden, so bescheiden, kein Wunder, dass Dumbledore so angetan ist – Sie waren also da? Aber die anderen Geschichten – so sensationell, dass man ja gar nicht recht weiß, was man glauben soll – diese sagenhafte Prophezeiung beispielsweise-“
„Wir haben nie eine Prophezeiung gehört“, warf Neville dazwischen, dessen Hautfarbe ein wenig an unreife Erdbeeren erinnerte.
„Das stimmt“, fügte Ginny hinzu. „Zoe, Neville und ich, wir waren nämlich auch da, und der ganze Unsinn mit dem ‚Auserwählten’ kommt nur vom Propheten, der wie immer Sachen erfindet.“
„Sie waren auch da, tatsächlich?“ Slughorn sah sie der Reihe nach an. „Ja … nun … es ist wahr, dass der Prophet häufig übertreibt, selbstverständlich … Ich weiß noch, wie die liebe Gwenog zu mir gesagt hat – ich meine natürlich Gwenog Jones, die Kapitänin der Holyhead Harpies -“
Er schweifte in öde Erzählungen aus vergangenen Tagen ab, in denen er von dem Begehren, zum Slug-Klub zu gehören, berichtete. Für Zoe verging die Zeit nur zäh, weil sie nicht wirklich an Professor Slughorns Anekdoten teilhatte.
Gelangweilt pickte sie auf dem kleinen Teller herum und sah aus dem Fenster, während sie hoffte, dass Hogwarts endlich in Sichtweite kam. Als sie abermals in eine Nebenfront hineinfuhren und das rote Licht der untergehenden Sonne sich darin diffus verstreute, sah Slughorn auf die Uhr.
„Du meine Güte, es wird ja schon dunkel! Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie die Lampen angemacht haben!“, gab er zu. „Sie sollten jetzt besser alle gehen und Ihre Umhänge anziehen. McLaggen, Sie müssen unbedingt noch mal vorbeischauen und sich das Buch über Nogschwänze ausleihen. Zoe, Harry, Blaise – wann immer Sie in der Nähe sind … Das gilt auch für Sie, Miss.“ Er grinste und zwinkerte Ginny zu. „So, jetzt aber fort mit Ihnen, fort mit Ihnen!“
Blaise lief als Erster auf den Gang und ihm folgten Harry, Ginny und Neville. Zoe drängte sich an McLaggen vorbei und schnappte theatralisch nach Luft, als sie das Abteil hinter sich gelassen hatte.
„Endlich!“, seufzte sie genervt. „Ich dachte, wir kommen da nie mehr weg.“
„Ich bin auch froh, dass es vorbei ist“, murmelte Neville leise. „Komischer Kerl, oder?“
„Ja, schon ein wenig“, gab Harry zu.
„Komisch ist gar kein Ausdruck!“, pflichtete Zoe ihm bei.
„Wie bist du eigentlich da gelandet, Ginny?“, wollte Harry wissen.
„Er hat gesehen, wie ich Zacharias Smith verhext hab“, erklärte Rons Schwester, „du weißt doch, dieser Blödmann aus Hufflepuff, der in der DA war. Der hat die ganze Zeit gefragt, was im Ministerium los war, und am Ende war ich so genervt, dass ich ihn verhext hab – als Slughorn reinkam, dachte ich, jetzt krieg ich Nachsitzen, aber er hat nur gesagt, dass das richtig gut gehext war, und mich zum Mittagessen eingeladen! Verrückt, was?“
Zoe lachte.
„Besserer Grund, als jemanden einzuladen, weil seine Mutter berühmt ist“, warf Harry ein und deutete mit einem Kopfrucken in Blaises Richtung, der ihnen einige Meter voraus war, „oder weil sein Onkel-“
„Oder weil sein Onkel was?“, hakte Zoe nach, da Harry mitten im Satz geendet hatte.
Doch ihr Freund antwortete nicht und zog stattdessen den Tarnumhang aus seiner Tasche und sagte: „Wir sehen uns später.“
„Aber was hast du –?“, wollte Neville wissen.
„Später!“
„Harry!?“, zischte Zoe, doch der Gryffindor verschwand im nächsten Moment unter dem Umhang.
„Harry!?“, zischte Zoe, doch der Gryffindor verschwand im nächsten Moment bereits.
Verblüfft schauten sich Neville, Ginny und Zoe an. Die Rothaarige zuckte mit den Schultern. „Ich geh dann mal weiter“, meinte sie und verabschiedete sich von den anderen.
Zoe und Neville blieben zurück und starrten auf die leere Stelle, wo Harry eben noch gestanden hatte.
„Was meinst du, was er vorhat?“ Neville sah ihm mit fragendem Blick nach, bevor er sich wieder in Bewegung setzte. Zusammen gingen sie an den Abteilen vorbei, in denen ihre Mitschüler saßen. Manche trugen schon ihre Schulumhänge, andere waren noch in Muggelkleidung.
Zoe warf einen Blick in die Richtung, in der Blaise verschwunden war. „Ich denke, er will die Slytherins belauschen.“
„Aber wieso?“, fragte der Gryffindor und hielt Zoe die Abteiltür auf, als sie es endlich.
„Keine Ahnung“, antwortete diese und schlüpfte hindurch, „danke.“
Das Abteil war fast leer. Nur Luna saß noch lesend darin und blickte auf, als sie hereinkamen.
„Oh, ihr seid schon zurück“, stellte sie fest und sah durch die bunte Brille. „War’s schön?“
„Ziemlich öde“, erklärte Zoe und ließ sich auf den Sitz fallen, nachdem sie ihren Umhang aus dem Koffer gefischt hatte. „Sind Ron und Hermine wieder am Patrouillieren?“
„Ja, sie sind schon eine ganze Weile weg“, erzählte Luna und zog sich endlich die Pappbrille von der Nase. „Wir sind wohl gleich da?“
„Kann zumindest nicht mehr lange dauern“, antwortete Zoe und setzte sich wieder ans Fenster.
„Und Harry habt ihr bei diesem Professor gelassen?“
„Er-“, begann Neville.
„… ging unterwegs verloren“, erklärte Zoe und sah den Gryffindor etwas länger an als notwendig.
Neville verstand und begann schließlich, im Koffer nach seinem Umhang zu kramen.
Als der Nebel sich allmählich wieder lichtete, konnte Zoe für ein paar Minuten die Konturen des Schlosses erkennen. Schon bald würde der Zug in Hogsmeade einfahren und so konnten sie in die von Thestralen gezogenen Kutschen steigen, die sie nach Hogwarts bringen würden.
Kurz überlegte die Slytherin, ob sie am Bahnsteig Daphne, Tracey oder Theodore suchen sollte, doch eigentlich verspürte sie keine große Lust darauf, die üblichen Floskeln nach dem langen Wiedersehen auszutauschen.
Ihre beiden Slytherinfreunde hatten ihr in diesem Jahr ein paar Mal geschrieben, doch Zoe hatte keine Muse, um zu antworten. Zwar waren sie im vergangenen Schuljahr mit dem Versprechen auseinandergegangen, Freunde zu bleiben, dennoch fürchtete sich Zoe davor, dass die Ferienzeit dieses Vorhaben womöglich zerstört hatte.
„Der Zug wird langsamer“, sagte Neville, stand auf und streckte den Kopf in den überfüllten Gang. „Wo bleibt Harry?“
„Vielleicht kann oder will er sich nicht durch all die Schüler quetschen“, gab Zoe zu bedenken. „Wir könnten seinen Koffer mitnehmen.“
Im Schritttempo fuhr der Zug in den Bahnhof ein und die drei warteten geduldig, bis sich der Tumult auf den Gängen lichtete.
„Sollen wir?“ Luna, rollte ihr Magazin zusammen und zog ihren Koffer herunter.
„Lass, Zoe, ich nehm Harrys Gepäck!“, sagte Neville und hob das Gepäck nacheinander von der Ablage.
„Gut, dann hol ich den Eulenkäfig. Neville, du hast Trevor vergessen“, mahnte Zoe den Gryffindor, der bereits das Abteil verlassen hatte.
„Oh, nein!“
„Keine Sorge, ich hab ihn“, beruhigte die Slytherin ihren Freund, da sie die Kröte schon auf ihrem Unterarm sitzen hatte.
Mit kleinen Trippelschritten folgten sie den restlichen Schülern hinaus und reihten sich bei den Wartenden ein, um zu den Kutschen zu kommen.
„Warum dauert das so lange?“, wollte Neville wissen.
„Womöglich untersuchen sie uns auf Schlickschlupfe“, spekulierte Luna.
Zoe wandte sich von den beiden Freunden ab, warf einen Blick zurück über die Schulter und sah, wie Hermine und Ron durch die leeren Abteile gingen, um nach den Rechten zu schauen. Von Harry war allerdings noch immer keine Spur zu sehen.
Sie warteten länger als üblich, ergatterten dann eine der Kutschen. Doch bevor Zoe einsteigen konnte, berührte sie jemand am Arm. Die Slytherin wandte sich um und blickte in ein bekanntes Gesicht.
Tonks’ Haare waren noch immer kurz, glatt und mausbraun. Sie sah damit ungewöhnlich nüchtern und erwachsen aus.
„Oh, hi“, sagte Zoe verdattert. „Was machst du denn hier?“
„Ich bin in Hogsmeade stationiert, um die Schule zu schützen“, erklärte Tonks knapp und fügte mit ernster Miene hinzu: „Ist Harry nicht bei euch?“
„Nein“, sagte Zoe, „wir haben zwar sein Gepäck mitgenommen, ihn aber zuletzt im Zug gesehen.“
„Okay“, antwortete die junge Aurorin. „Keine Sorgen, ich kümmere mich darum.“
Erleichtert über diese Worte nickte Zoe und sah Tonks dabei zu, wie sie in Richtung des Hogwarts-Expresses davonging.
Dann erschienen Ernie Macmillan und Roger Malone aus Hufflepuff an ihrer Kutsche.
„Habt ihr noch Platz?“, fragte Ernie und lächelte freundlich, als Zoe nickte.
Dann kletterte die Slytherin hinein und nahm zwischen Luna und Neville Platz.
„Dauert heute ganz schön lange, ’was?“ Roger, der auf der gegenüberliegenden Bank saß, streckte die Beine aus.
Es vergingen weitere Minuten, bis die Kutsche ins Rollen kam. Zoe warf einen letzten Blick aus dem Fenster, um nach Harry zu sehen. Womöglich saß er schon in einer der anderen Kutschen, auch wenn Zoe es für ungewöhnlich hielt, dass er sein Gepäck nicht suchte. Doch dann fuhren sie aus dem Bahnhof und der Zug geriet außer Sichtweite. Zoe wandte sich den Gesprächen ihrer Mitschüler zu, die sich bereits ihrem vergangenen Abenteuer im Ministerium vor ein paar Wochen zugewandt hatten.