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Der graue Nachmittag

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Der graue Nachmittag

Der Himmel über dem Ruhrgebiet hing so tief über den Häusern, als würde er jeden Moment auf die Straßen herabstürzen.

Graue Wolken schoben sich langsam über die Dächer. Feiner Regen glänzte auf dem Asphalt, sammelte sich in den Schlaglöchern und verwandelte die schmutzigen Straßenlaternen in verschwommene Lichtflecken. Irgendwo in der Ferne dröhnte ein Güterzug über die Gleise. Metall schlug auf Metall.

Das Ruhrgebiet hatte seinen eigenen Klang.

Und seinen eigenen Geruch.

Kohle. Öl. Nasser Beton. Abgase.

Serafina stand hinter dem Tresen der kleinen Trinkhalle und sah durch die beschlagene Scheibe nach draußen.

Fünfundzwanzig Jahre alt.

Schwarzes Haar, das ihr bis über die Schultern fiel. Grüne Augen, die in dieser grauen Umgebung fast zu hell wirkten.

Sie wischte mit einem Lappen über den Tresen, obwohl dort längst kein Fleck mehr zu sehen war.

Eigentlich wartete sie.

Auf jemanden.

Sie wusste selbst nicht genau, warum.

Dann klingelte die kleine Türglocke.

Serafina blickte auf.

Campino.

Er stand im Eingang und schüttelte den Regen von seiner Jacke. Ein paar dunkle Haarsträhnen klebten ihm an der Stirn. Seine Hände verschwanden in den Taschen seiner Jacke, während sein Blick durch den Raum wanderte.

Dann blieb er an ihr hängen.

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Serafina spürte sofort dieses merkwürdige Ziehen in der Brust.

„Morgen“, sagte Campino schließlich.

Sie hob eine Augenbraue.

„Morgen? Es ist fast fünf Uhr.“

Er sah kurz zur Uhr.

„Dann ist es eben ein sehr später Morgen.“

Serafina musste lachen.

„Du bist wirklich nicht ganz normal.“

„Hab ich auch nie behauptet.“

Er trat näher.

Seine Stiefel hinterließen feuchte Abdrücke auf dem Boden.

„Was darf's sein?“

„Cola.“

„Nur Cola?“

„Heute schon.“

„Das klingt verdächtig.“

„Sonst fragst du mich immer, ob ich nicht lieber was Vernünftiges trinken will.“

Serafina stellte die Flasche vor ihn.

„Du hast Glück. Heute bin ich zu müde dafür.“

Campino nahm die Flasche, öffnete sie aber nicht.

„Müde?“

„Ja.“

„Wovon?“

Sie sah ihn an.

„Von euch.“

Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht.

„Das verstehe ich.“

„Nein. Tust du nicht.“

Sein Grinsen verschwand.

Serafina wandte sich ab und begann, Gläser zu sortieren.

„Ihr kommt hier rein, macht Lärm, streitet euch, verschwindet wieder und hinterlasst mir jedes Mal eine halbe Welt voller Probleme.“

„Wir machen Probleme?“

Sie drehte sich zu ihm um.

„Willst du jetzt ernsthaft behaupten, dass ihr keine Probleme macht?“

Campino hob beide Hände.

„Ich habe nichts gesagt.“

„Genau.“

Sie wollte sich wieder abwenden.

Doch Campino blieb stehen.

„Du machst dir Sorgen.“

Serafina hielt inne.

„Was?“

„Um uns.“

„Nein.“

„Doch.“

„Nein.“

„Serafina.“

Seine Stimme war leiser geworden.

Sie sah ihn an.

„Was?“

„Du hast gerade gelogen.“

Ihr Herz machte einen kleinen Sprung.

„Du kennst mich überhaupt nicht gut genug, um das zu beurteilen.“

„Vielleicht nicht.“

Er lehnte sich mit beiden Händen auf den Tresen.

„Aber ich merke, wie du mich ansiehst.“

Stille.

Serafina schluckte.

Draußen rauschte ein Auto durch eine Pfütze.

„Und wie sehe ich dich an?“

Campino hielt ihren Blick fest.

„Als würdest du darauf warten, dass ich irgendwann nicht mehr da bin.“

Sie sagte nichts.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Ist es so?“

Serafina senkte den Blick.

„Manchmal.“

„Warum?“

„Weil ich weiß, wie ihr lebt.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch.“

Sie atmete tief durch.

„Ihr hängt ständig irgendwo herum. Ihr legt euch mit Leuten an. Ihr rennt durch die Gegend, als wärt ihr unverwundbar.“

Campino lächelte schwach.

„Ich bin nicht unverwundbar.“

„Dann verhalte dich auch nicht so.“

Der Satz kam schärfer heraus, als sie beabsichtigt hatte.

Campino richtete sich langsam auf.

„Du hast Angst um mich.“

Serafina sah ihn wieder an.

Diesmal widersprach sie nicht.

„Ja.“

Das Wort stand zwischen ihnen.

Ganz einfach.

Ganz nackt.

Campino sagte zunächst nichts.

Er sah sie nur an.

Dann stellte er die Cola auf den Tresen.

„Warum?“

Serafina spürte, wie ihr die Wärme ins Gesicht stieg.

„Weil du mir nicht egal bist.“

Sein Blick veränderte sich.

Ganz leicht.

Aber sie bemerkte es.

„Ich bin dir nicht egal?“

„Campino...“

„Nein.“

Er trat einen Schritt näher.

„Sag's nicht, wenn du's nicht so meinst.“

„Ich meine es so.“

„Dann sag es.“

Serafina atmete langsam ein.

„Du bedeutest mir was.“

Campino stand jetzt auf der anderen Seite des Tresens direkt vor ihr.

Nur wenige Zentimeter trennten sie.

Sie konnte seinen Atem hören.

Ruhig.

Warm.

Ungewöhnlich nah.

„Du weißt schon“, sagte er leise, „dass das gefährlich ist.“

Serafina sah ihm in die Augen.

„Was?“

„Dass du mir sowas sagst.“

„Warum soll das gefährlich sein?“

„Weil ich es vielleicht gerne höre.“

Sie hielt den Atem kurz an.

„Und das wäre schlimm?“

Campino sah sie lange an.

„Ich weiß es nicht.“

Ein Zug fuhr irgendwo hinter den Häusern vorbei.

Das Dröhnen vibrierte durch die Scheiben.

Doch keiner von beiden bewegte sich.

Dann lächelte Campino ganz leicht.

„Außerdem bin ich gar nicht so schlimm, wie Richie behauptet.“

Serafina musste trotz allem lachen.

„Richie behauptet, du wärst komplett verrückt.“

„Richie ist bloß neidisch.“

„Auf wen?“

„Auf mich.“

„Warum?“

Campino nahm endlich einen Schluck von seiner Cola.

„Weil ich besser aussehe.“

Serafina starrte ihn an.

„Das war jetzt hoffentlich ein Witz.“

„Natürlich.“

„Du hast wirklich ein Problem.“

„Kann sein.“

Er grinste.

Und genau dieses Grinsen war es, das ihr Angst machte.

Nicht weil es gefährlich war.

Sondern weil es ihr gefiel.

Zu sehr.

Sie kannte die Geschichten über ihn.

Sie kannte Richie.

Die „Sharks“.

Die Streitereien.

Die Nächte auf der Straße.

Die Wut.

Die Langeweile.

Das Gefühl, dass irgendwo hinter den Fabrikhallen eine Welt existierte, in die man hineingeraten konnte, ohne zu merken, wie tief man bereits darin steckte.

Und Campino war ein Teil davon.

„Du solltest jetzt gehen“, sagte sie leise.

Er sah sie verwundert an.

„Warum?“

„Weil Richie dich sucht.“

Campino seufzte.

„Richie sucht immer irgendwen.“

„Diesmal sucht er dich.“

„Dann hat er Pech gehabt.“

Serafina schüttelte den Kopf.

„Du nimmst wohl gar nichts ernst.“

„Doch, etwas nehme ich ernst.“

„Was denn?“

Sein Blick wurde wieder ruhig.

„Dich.“

Sie verstummte.

Campino stellte die Flasche ab.

„Ich komme nicht nur wegen der Cola hierher.“

Ihr Herz schlug schneller.

„Das weiß ich.“

„Gut.“

„Aber du solltest trotzdem aufpassen.“

„Worauf?“

„Auf Richie.“

Er nickte langsam.

„Mach ich.“

„Und auf die „Rats“.“

Sein Gesicht wurde ernst.

„Mach ich.“

„Und auch auf dich selbst.“

Campino sah sie an.

„Das wird schwieriger.“

„Warum?“

Ein kleines Lächeln.

„Weil ich dich gerade ziemlich gern ansehe.“

Serafina konnte nichts erwidern.

Für einen Augenblick schien die ganze Trinkhalle stillzustehen.

Nur ihr Atem war noch zu hören.

Dann öffnete sich draußen plötzlich die Tür.

Die Glocke klingelte.

Campino drehte den Kopf.

Ein Schatten fiel durch den Eingang.

Eine Stimme drang aus dem Regen.

„Hey!“

Richie.

Campino schloss kurz die Augen.

„Na toll.“

Serafina sah ihn an.

„Geh.“

„Willst du mich etwa loswerden?“

„Nein.“

Sie hielt seinen Blick fest.

„Ich will, dass du wiederkommst.“

Campino blieb stehen.

Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht.

„Das werd ich.“

„Versprochen?“

Er zögerte.

Dann nickte er.

„Versprochen.“

Er ging zur Tür.

Doch bevor er hinausging, drehte er sich noch einmal um.

Ihre Blicke trafen sich.

Keiner sagte etwas.

Dann verschwand Campino im Regen.

Serafina blieb hinter dem Tresen stehen.

Sie sah ihm durch die beschlagene Scheibe nach, bis seine Gestalt zwischen den grauen Häusern verschwand.

Und plötzlich war da dieses ungute Gefühl.

Dieses leise, hartnäckige Gefühl, dass der Nachmittag nicht einfach nur ein weiterer Nachmittag gewesen war.

Irgendetwas lag in der Luft.

Etwas, das größer war als eine Cola, ein paar Worte und ein Blick.

Etwas, das vielleicht schon längst begonnen hatte.

Und Serafina wusste nur eines ganz sicher:

Sie wollte nicht erleben, dass Campino eines Tages durch diese Tür nicht mehr zurückkam.