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Zwischen Abschied und Hoffnung

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Zwischen Abschied und Hoffnung

Der Morgen kam, ohne dass jemand ihn darum gebeten hatte.

Ein blasses Licht schob sich über die Dächer des Ruhrgebiets. Es fiel auf graue Hausfassaden, auf nasse Straßen und auf die Schaufenster, hinter denen das Leben langsam wieder seinen gewohnten Gang aufnahm. Ein Lieferwagen rumpelte über das Kopfsteinpflaster. Irgendwo schlug eine Haustür zu. Aus einer geöffneten Wohnung drang ein Radio.

Die Stadt machte weiter.

Als wäre nichts geschehen.

Campino saß auf einem Stuhl in Serafinas Trinkhalle und hielt eine Tasse Kaffee zwischen den Händen. Der Kaffee war längst kalt geworden. Er hatte kaum etwas davon getrunken.

Seine Augen brannten. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen.

Immer wieder sah er Richie vor sich.

Richies Gesicht, als er sich zu ihm umgedreht hatte. Den Augenblick, in dem Campino das Messer gesehen hatte. Das Gefühl, seinen Freund festzuhalten und trotzdem nichts mehr für ihn tun zu können.

Er schloss die Augen.

Es half nicht.

„Du musst etwas trinken.“

Serafinas Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück.

Er öffnete die Augen. Sie stand vor ihm und hielt die Kaffeekanne in der Hand.

„Ich hab doch schon Kaffee.“

„Du hast eine Tasse vor dir stehen.“

„Das kommt ungefähr aufs Gleiche raus.“

Sie sah ihn an.

Normalerweise hätte er über diesen Satz gelacht. Vielleicht hätte er eine freche Bemerkung gemacht, sie zum Augenrollen gebracht und damit versucht, die Schwere zwischen ihnen für einen Moment zu vertreiben.

Heute gelang ihm nicht einmal ein Lächeln.

Serafina stellte die Kanne ab und setzte sich ihm gegenüber.

„Hast du überhaupt geschlafen?“

„Nein.“

„Etwas gegessen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Campino.“

„Bitte nicht.“

Sie hielt inne.

„Was bitte nicht?“

„Diese Fragen. Ob ich geschlafen habe. Ob ich gegessen habe. Ob ich etwas brauche. Ich weiß, dass du es gut meinst, aber ich kann gerade nicht so tun, als wäre das hier ein ganz normaler Morgen.“

Serafina schwieg.

Dann nickte sie langsam.

„Du hast recht.“

Er blickte überrascht auf.

„Was?“

„Du hast recht. Es ist kein normaler Morgen.“

Sie legte ihre Hände auf den Tisch.

„Richie ist tot.“

Campino zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen.

Serafina bemerkte es.

„Entschuldige.“

„Nein.“

Er starrte auf die Tasse.

„Sag seinen Namen.“

„Was?“

„Richie.“

Seine Stimme war rau.

„Sag seinen Namen. Alle reden nur noch von dem Toten, dem Verletzten, den beiden Gruppen. Als wäre er nur noch irgendein Fall für die Polizei.“

Er schluckte.

„Aber es war Richie.“

Serafina nickte.

„Ja. Es war Richie.“

Campino beugte sich vor und stützte die Stirn auf seine Hände.

„Verdammt.“

Seine Schultern bebten einmal, kaum merklich.

Dann noch einmal.

Serafina stand auf, ging um den Tisch und setzte sich neben ihn. Sie legte ihm vorsichtig eine Hand auf den Rücken.

Diesmal wich er nicht zurück.

„Ich hätte ihn aufhalten müssen“, flüsterte er.

„Du hast das schon gesagt.“

„Weil es stimmt.“

„Du kannst es hundertmal sagen. Es macht die Nacht nicht rückgängig.“

Er hob den Kopf.

„Das weiß ich selbst.“

„Dann hör auf, dich für etwas zu bestrafen, das du nicht mehr ändern kannst.“

Sein Blick wurde hart.

„Du hast nicht gesehen, wie er da lag.“

„Nein.“

„Du hast nicht gehört, wie er gesprochen hat.“

„Nein.“

„Dann kannst du nicht wissen, wie es war.“

Serafina nahm ihre Hand von seinem Rücken.

Nicht beleidigt. Nicht wütend.

Einfach, weil sie ihm nicht das Gefühl geben wollte, ihn festhalten zu müssen.

„Du hast recht“, sagte sie leise. „Ich weiß nicht, wie es war.“

Campino sah sie an.

„Aber ich kann dir zuhören“, fuhr sie fort. „Und ich kann hier sitzen bleiben, wenn du reden willst. Auch wenn du dieselbe Geschichte zehnmal erzählst. Auch wenn du wütend wirst. Auch wenn du heute keine einzige vernünftige Antwort findest.“

Ihre Stimme wurde brüchig.

„Ich kann Richie nicht zurückbringen. Aber ich werde dir auch nicht einreden, dass du so etwas einfach vergessen sollst.“

Campino blickte sie lange an.

Dann lehnte er den Kopf gegen ihre Schulter.

Es war keine große Geste.

Kein dramatisches Zusammenbrechen.

Nur ein erschöpfter Mensch, der für einen Augenblick nicht mehr so tun wollte, als könne er alles allein aushalten.

Serafina legte die Arme um ihn.

Und hielt ihn fest.

***

Der Bruder, der zurückblieb:

Mücke saß auf einer niedrigen Mauer vor dem Haus, in dem er mit Richie gelebt hatte.

Neben ihm lag Richies Jacke.

Er hatte sie irgendwann vom Polizeigelände mitgenommen. Seitdem hielt er sie auf dem Schoß, als wäre sie etwas, das ihm niemand wegnehmen durfte.

Erdal stand ein paar Schritte entfernt.

Er hatte Mücke nach Hause begleitet. Nun wusste er nicht, ob er bleiben oder gehen sollte.

„Du kannst dich setzen“, sagte Mücke schließlich.

Erdal sah ihn an.

„Bist du sicher?“

„Nein. Aber du kannst dich trotzdem setzen.“

Erdal ließ sich neben ihm nieder.

Eine Weile schwiegen sie.

Dann strich Mücke über den Stoff der Jacke.

„Die ist viel zu groß für mich.“

Erdal blickte darauf.

„Richie war auch größer als du.“

„Das ist nicht lustig.“

„War nicht als Witz gemeint.“

Mücke atmete zittrig aus.

„Er hat immer gesagt, ich soll sie nicht anziehen.“

„Warum?“

„Weil ich dann aussehen würde, als wollte ich jemand sein, der ich nicht bin.“

Mücke lachte kurz auf. Es war ein bitteres, gebrochenes Geräusch.

„Dabei wollte ich doch genau das. Ich wollte sein wie er.“

Erdal sagte nichts.

„Alle hatten Angst vor Richie. Die Leute haben Platz gemacht, wenn er irgendwo aufgetaucht ist. Wenn er etwas gesagt hat, haben die anderen zugehört.“

Mücke sah auf die Jacke.

„Ich dachte, wenn ich so werde wie er, kann mir niemand mehr etwas tun.“

Erdal wandte den Kopf zu ihm.

„Und jetzt?“

Mücke schluckte.

„Jetzt ist er tot.“

Die Worte kamen ganz ruhig.

Gerade deshalb taten sie so weh.

Erdal legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter.

„Mücke, du musst nicht werden wie dein Bruder, um jemand zu sein.“

Mücke sah ihn an.

„Das hat er auch gesagt.“

„Dann hatte er wenigstens in einer Sache recht.“

Diesmal musste Mücke tatsächlich ein wenig lächeln. Es verschwand schnell wieder, aber es war da gewesen.

„Ich hasse dich manchmal, weißt du das?“

Erdal nahm die Hand zurück.

„Wegen der „Rats“?“

„Wegen allem.“

„Okay.“

„Du sagst einfach 'okay'?“

„Was soll ich denn sagen? Dass du mich nicht hassen darfst?“

Mücke blickte auf die Straße.

„Ich wollte, dass du mit mir kommst. Ich wollte, dass du auf meiner Seite stehst.“

„Ich weiß.“

„Und du wolltest, dass ich gehe.“

„Ja.“

„Wir haben beide nicht aufeinander gehört.“

Erdal schwieg einen Moment.

„Vielleicht sollten wir damit anfangen.“

Mücke drehte sich zu ihm.

„Womit?“

„Einander zuzuhören, bevor wir uns wieder sagen, auf welcher Seite wir stehen.“

Mücke betrachtete ihn lange.

Dann schob er Richies Jacke ein Stück zur Seite.

„Bleib noch ein bisschen.“

Erdal nickte.

„Mach ich.“

Und zum ersten Mal seit jener Nacht fühlte sich Mücke nicht ganz allein.

***

Ein Ort voller Erinnerungen:

Am Nachmittag kehrte Campino zum alten Treffpunkt zurück.

Serafina hatte ihn nicht davon abgehalten. Sie hatte nur gefragt, ob er wollte, dass sie mitkam.

Er hatte den Kopf geschüttelt.

„Ich muss das allein sehen.“

Sie hatte seine Hand genommen.

„Dann geh. Aber komm wieder.“

Er hatte sie angesehen.

Diesmal hatte er nicht leichtfertig versprochen, dass alles gut werden würde.

„Ich versuche es.“

Nun stand er vor dem beschädigten Gebäude.

Die Spuren des Feuers waren noch deutlich zu erkennen. Dunkle Flecken zeichneten sich an den Wänden ab. Auf dem Boden lagen Glasscherben und verkohlte Reste.

Hier hatten sie gestanden.

Hier hatten sie gestritten.

Hier hatte Richie entschieden, dass die Sache mit den „Rats“ nicht länger auf sich beruhen durfte.

Campino ging langsam hinein.

Jeder Schritt brachte eine Erinnerung zurück.

Richie, der sich über irgendetwas aufregte.

Richie, der lachte.

Richie, der Mücke anschrie und ihn fünf Minuten später trotzdem beschützte.

Richie, der sich nie hatte anmerken lassen, wie viel Angst er davor hatte, seinen kleinen Bruder zu verlieren.

Campino blieb stehen.

„Du verdammter Idiot“, murmelte er.

Seine Stimme hallte durch den leeren Raum.

„Warum hast du nicht einfach aufgehört?“

Natürlich kam keine Antwort.

Campino trat gegen einen kleinen Stein. Er rollte über den Boden und blieb an einer Mauer liegen.

„Wir hätten gehen können.“

Er starrte auf die verkohlte Stelle.

„Wir hätten uns etwas anderes suchen können. Irgendwas. Arbeit, eine Wohnung, keine Ahnung.“

Er lachte leise, ohne jede Freude.

„Du hättest wahrscheinlich gesagt, dass ich spinne.“

Er schluckte.

„Und vielleicht hätte ich dich sogar noch ausgelacht.“

Dann wurde er still.

„Aber ich hätte es versuchen sollen.“

Hinter ihm knirschte Kies.

Campino drehte sich um.

Zwei „Sharks“ standen am Eingang.

Einer von ihnen trat näher.

„Wir haben dich gesucht.“

„Warum?“

„Wir müssen reden.“

Campino verschränkte die Arme.

„Worüber?“

Der andere sah ihn finster an.

„Über Hasan.“

Campino schloss kurz die Augen.

Da war es wieder.

Die Wut.

Der Wunsch, jemanden für das bezahlen zu lassen, was geschehen war.

„Was ist mit Hasan?“

„Er darf damit nicht davonkommen.“

Campino sah die beiden an.

„Und was wollt ihr machen?“

„Du weißt genau, was wir machen wollen.“

„Nein. Ich will es von euch hören.“

Der erste trat einen Schritt vor.

„Wir holen ihn uns.“

Campino starrte ihn an.

„Und dann?“

„Dann wird er verstehen, was er getan hat.“

„Richie kommt dadurch nicht zurück.“

„Das weiß ich selbst!“

„Warum wollt ihr es trotzdem?“

Der Mann ballte die Hände.

„Weil wir das nicht einfach so auf uns sitzen lassen können!“

Campino trat näher.

„Doch. Genau das könnt ihr. Ihr könnt weiterleben. Ihr könnt dafür sorgen, dass nicht noch jemand stirbt.“

„Du redest, als wäre das alles so einfach.“

„Nein.“

Campinos Stimme wurde lauter.

„Ich rede so, weil ich Richie in meinen Armen gehalten habe. Ich habe gehört, wie er gesprochen hat. Ich habe gesehen, wie er aufgehört hat zu antworten! Glaubst du, ich weiß nicht, was du fühlst?“

Die beiden schwiegen.

Campino atmete schwer.

„Ich will auch, dass er noch hier wäre. Ich will auch, dass das alles nicht passiert wäre.“

Er sah von einem zum anderen.

„Aber wenn wir jetzt zu Hasan gehen, wird irgendjemand wieder auf dem Boden liegen. Vielleicht einer von uns. Vielleicht jemand, der überhaupt nichts damit zu tun hat.“

Der erste schüttelte den Kopf.

„Du bist nicht mehr derselbe.“

Campino nickte langsam.

„Vielleicht nicht.“

„Wegen dieser Frau?“

Campinos Blick wurde scharf.

„Lass Serafina aus dem Spiel.“

„Seitdem du sie kennst, willst du ständig weg.“

„Nein. Seit ich sie kenne, frage ich mich, ob es überhaupt einen Grund gibt, hierzubleiben.“

Der Satz stand zwischen ihnen.

Campino hatte ihn selbst nicht geplant.

Aber jetzt, da er ausgesprochen war, wusste er, dass er stimmte.

Einer der Männer wandte sich ab.

„Dann geh doch.“

Campino sah ihm nach.

Es tat weh.

Mehr, als er erwartet hatte.

Diese Jungs waren ein Teil seines Lebens gewesen. Er hatte mit ihnen gelacht, gestritten, sich geprügelt und Nächte verbracht, in denen sie geglaubt hatten, dass ihnen niemand etwas anhaben könnte.

Er wollte sie nicht verlieren.

Aber er konnte auch nicht mehr so tun, als wäre ihre Loyalität wichtiger als alles andere.

„Ich gehe nicht, weil sie es von mir verlangt“, sagte Campino leise.

Die beiden sahen ihn an.

„Ich gehe, weil ich nicht will, dass Richie umsonst gestorben ist.“

Dann wandte er sich ab.

Und ging.

***

Die Entscheidung:

Als Campino in die Trinkhalle zurückkam, stand Serafina hinter dem Tresen und sortierte Waren ein.

Sie blickte auf.

„Du bist wieder da.“

Er blieb vor der Tür stehen.

„Ja.“

Sie legte die Schachtel beiseite.

„Wie war es?“

Campino zog seine Jacke aus und hängte sie an den Haken.

„Schrecklich.“

Serafina nickte.

„Das hatte ich befürchtet.“

Er kam zu ihr.

„Die anderen wollen Hasan suchen.“

Sie wurde still.

„Und du?“

„Ich habe Nein gesagt.“

Serafina sah ihn aufmerksam an.

„Warum?“

Er dachte über die Frage nach.

„Weil ich nicht will, dass noch jemand stirbt.“

Sie antwortete nicht sofort.

„Und weil ich nicht mehr so leben will.“

Campino senkte den Blick.

„Ich weiß nur nicht, wie man das macht.“

Serafina kam um den Tresen herum.

„Was genau?“

„Ein anderes Leben anfangen.“

Er lachte unsicher.

„Ich kann nicht einfach aufstehen, mir eine Arbeit suchen und so tun, als wäre ich plötzlich ein vernünftiger Mensch.“

„Das verlangt auch niemand.“

„Aber was, wenn ich wieder rückfällig werde? Wenn ich irgendwann wieder mit den Jungs losziehe, weil ich denke, dass ich ihnen etwas schuldig bin?“

Serafina sah ihn lange an.

„Dann musst du dich wieder entscheiden.“

Campino schüttelte den Kopf.

„Du machst es dir verdammt einfach.“

„Nein. Ich mache es dir nicht einfach.“

Sie trat näher.

„Ich werde dir nicht versprechen, dass es leicht wird. Ich werde dir auch nicht versprechen, dass ich nie Angst haben werde. Ich habe Angst, Campino. Jeden verdammten Tag, an dem du durch diese Tür gehst und ich nicht weiß, ob du zurückkommst.“

Ihre Stimme zitterte.

„Aber ich kann dich nicht zwingen, ein anderes Leben zu wollen. Das musst du selbst entscheiden.“

„Und wenn ich es nicht schaffe?“

„Dann werde ich dir nicht die ganze Zeit erzählen, wie enttäuscht ich bin.“

Sie atmete tief durch.

„Aber ich werde auch nicht dabei zusehen, wie du dich selbst kaputtmachst.“

Er nickte langsam.

„Das klingt fair.“

„Es soll nicht fair klingen. Es soll ehrlich sein.“

Campino musste zum ersten Mal seit Stunden beinahe lächeln.

„Du bist ganz schön stur.“

„Das sagt ausgerechnet der Richtige.“

Ein leises Lachen entwich ihm.

Es war kurz.

Brüchig.

Aber Serafina lächelte, als hätte er ihr etwas Kostbares geschenkt.

Dann wurde er wieder ernst.

„Ich liebe dich.“

Sie hielt den Atem an.

Obwohl sie es bereits gesagt hatte, obwohl sie es gehofft hatte, obwohl sie seit Tagen auf ein Zeichen gewartet hatte, trafen sie diese Worte völlig unvorbereitet.

„Campino...“

„Lass mich ausreden.“

Er nahm ihre Hände.

„Ich weiß nicht, was morgen ist. Ich weiß nicht, ob ich schon der Mensch bin, den du verdienst. Ich weiß nicht einmal, ob ich in einem Monat noch genauso sicher bin wie heute.“

Er schluckte.

„Aber ich weiß, dass ich dich nicht verlieren will. Und ich will nicht, dass du irgendwann aufhörst, auf mich zu warten, weil ich zu feige war, etwas zu ändern.“

Serafina spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

„Ich will nicht, dass du dich für mich veränderst, bis du dich selbst nicht mehr erkennst.“

„Das will ich auch nicht.“

„Ich will nicht dein Grund sein, jeden Morgen aufzustehen.“

Er sah sie verwirrt an.

„Warum nicht?“

„Weil du auch für dich selbst leben musst.“

Campino schwieg.

Sie strich mit dem Daumen über seinen Handrücken.

„Ich möchte mit dir zusammen sein. Ich möchte mit dir lachen, mit dir streiten, mit dir Pläne machen, die vielleicht nicht funktionieren. Ich möchte dich abends sehen und morgens wissen, dass du noch da bist.“

Sie lächelte traurig.

„Aber ich möchte nicht jeden Tag um dein Leben betteln müssen.“

Campino schloss die Finger um ihre Hände.

„Das sollst du nicht.“

„Dann zeig es mir.“

Er nickte.

„Das werde ich versuchen.“

Serafina lächelte ein wenig.

„Das reicht für heute.“

Er sah sie an, als wollte er sich jedes Detail ihres Gesichts einprägen.

Dann zog er sie vorsichtig an sich.

Sie legte die Arme um ihn.

Und als er sie küsste, war es kein Kuss, der alle Probleme löste.

Es war ein Kuss voller Trauer, Angst und Unsicherheit.

Ein Kuss zwischen zwei Menschen, die wussten, dass Liebe allein nicht ausreichen würde.

Aber vielleicht war sie ein Anfang.

***

Ein Abschied, der keiner sein sollte:

Später am Abend saßen sie nebeneinander vor der Trinkhalle.

Der Himmel war dunkelblau geworden. In einigen Fenstern gingen die Lichter an.

Campino hatte Serafina erzählt, was die anderen „Sharks“ gesagt hatten. Sie hatte ihm zugehört, ohne ihn zu unterbrechen.

Jetzt blickte er auf die Straße.

„Ich glaube, ich werde sie vermissen.“

Serafina wusste, wen er meinte.

„Die Jungs?“

Er nickte.

„Auch wenn ich manchmal kaum noch ertragen habe, wie sie sich benommen haben. Es war trotzdem...mein Leben.“

„Du musst nicht so tun, als wäre alles schlecht gewesen.“

Er sah sie an.

„Du meinst, ich darf mich an die guten Zeiten erinnern?“

„Natürlich.“

Sie legte den Kopf leicht schief.

„Nur weil du einen anderen Weg gehst, musst du nicht alles aus deiner Vergangenheit hassen.“

Campino dachte darüber nach.

„Und wenn sie mich nicht mehr sehen wollen?“

„Dann wird dir das wehtun.“

„Du bist wirklich gut darin, einen aufzumuntern.“

Sie stupste ihn mit der Schulter an.

„Ich könnte auch lügen.“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein. Bitte nicht.“

Sie schwiegen eine Weile.

Dann fragte Campino:

„Glaubst du, dass wir hier jemals wirklich wegkommen?“

Serafina sah über die Straße.

„Ich weiß es nicht.“

Er verzog den Mund.

„Das ist nicht gerade ermutigend.“

„Ich werde dich nicht anlügen, nur damit du dich besser fühlst.“

Er blickte sie an.

Sie nahm seine Hand.

„Aber wir können anfangen. Vielleicht nicht morgen mit einem großen Plan. Vielleicht erst einmal mit kleinen Dingen.“

„Zum Beispiel?“

„Du könntest dir eine Arbeit suchen.“

„Und wenn mich keiner nimmt?“

„Dann suchst du weiter.“

„Und wenn ich mich mit dem Chef streite?“

„Dann versuchst du, ihn nicht gleich umzuhauen.“

Campino lachte auf.

Diesmal war es ein richtiges Lachen, wenn auch noch vorsichtig.

„Du verlangst eine Menge von mir.“

„Ich weiß.“

Er sah sie an.

„Und was machst du, wenn ich es nicht schaffe?“

Serafina wurde ernst.

„Dann müssen wir ehrlich miteinander sein. Ich kann dir helfen, aber ich kann nicht deine Entscheidungen für dich treffen.“

Er blickte wieder auf die Straße.

„Ich habe Angst.“

Serafina lehnte ihren Kopf an seine Schulter.

„Ich auch.“

„Und trotzdem willst du es versuchen?“

Sie hob den Kopf.

„Ja.“

Er sah sie lange an.

Dann drückte er ihre Hand.

„Wenn du es wirklich willst.“

Campino blickte auf ihre verschränkten Finger.

Er dachte an Richie.

An Mücke.

An all die Dinge, die er nicht mehr ändern konnte.

Dann sah er Serafina an.

„Ja. Ich will es.“

***

Zwischen Beton und Hoffnung:

Einige Tage später war das Ruhrgebiet noch immer grau.

Die Mauern standen noch immer dort, wo sie immer gestanden hatten. Die Straßen waren dieselben, die Menschen gingen denselben Wegen nach, und die alten Konflikte verschwanden nicht einfach, nur weil ein Mensch gestorben war.

Richie würde nicht zurückkommen.

Mücke musste lernen, ohne seinen Bruder weiterzuleben. Erdal musste entscheiden, ob er ihre Freundschaft trotz der Rivalität retten konnte. Die „Sharks“ würden sich verändern müssen, wenn sie nicht noch mehr verlieren wollten.

Und Campino?

Campino stand vor der Trinkhalle und wartete darauf, dass Serafina abschloss.

Er hatte sich nach Arbeit umgesehen. Noch war nichts sicher. Er hatte mit einigen der Jungs gesprochen, und nicht jeder hatte Verständnis für seine Entscheidung gezeigt.

Es gab Tage, an denen er wütend wurde.

Tage, an denen er am liebsten alles hingeworfen hätte.

Aber er war nicht wieder zu Richie zurückgegangen.

Nicht, weil er ihn vergessen hatte.

Sondern weil er sich an ihn erinnern wollte, ohne denselben Weg weiterzugehen.

Serafina schloss die Tür ab und steckte den Schlüssel ein.

„Fertig.“

Campino nickte.

„Dann los?“

Sie hakte sich bei ihm unter.

„Wohin?“

Er überlegte kurz.

„Keine Ahnung.“

Serafina lachte.

„Ein wirklich hervorragender Plan.“

„Ich arbeite noch daran.“

„Das hoffe ich.“

Sie gingen die Straße entlang.

Nach einigen Schritten blieb Campino stehen und sah zurück.

Die Trinkhalle lag im schwindenden Abendlicht. Das warme Licht hinter der Scheibe spiegelte sich auf dem nassen Asphalt.

Ein Ort, an dem er früher nur angehalten hatte, um etwas zu trinken.

Ein Ort, an dem er irgendwann angefangen hatte, sich nach etwas anderem zu sehnen.

Nach Ruhe.

Nach Nähe.

Nach einem Leben, das nicht ständig davon abhing, wer stärker war und wer als Letzter zurückwich.

Serafina bemerkte, dass er stehen geblieben war.

„Was ist?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nichts.“

Sie hob eine Augenbraue.

„Campino.“

Er lächelte schwach.

„Ich dachte nur nach.“

„Das solltest du öfter tun.“

„Jetzt wirst du frech.“

„Ich war schon vorher frech.“

Er lachte leise.

Dann nahm er ihe Hand.

„Komm.“

Sie gingen weiter.

Vor ihnen lag keine sichere Zukunft. Es gab keine Garantie, dass ihre Liebe allen Schwierigkeiten standhalten würde. Sie wussten nicht, wohin ihr Weg sie führen würde oder wie oft sie unterwegs stehen bleiben und neu anfangen mussten.

Aber sie gingen.

Nicht, weil die Vergangenheit plötzlich keine Bedeutung mehr hatte.

Sondern weil sie nicht länger allein über ihre Zukunft bestimmen sollte.

Hinter ihnenvlag eine Welt aus Beton, Wut und verlorenen Versprechen.

Richie würde nicht zurückkommen. Die Nacht ließ sich nicht ungeschehen machen.

Doch als Campino mit Serafina die Straße entlangging, wusste er zum ersten Mal seit langer Zeit, dass sein Leben nicht zwangsläufig dort enden musste, wo er bisher immer wieder hingegangen war.