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Zwischen Loyalität und Gefahr

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Zwischen Loyalität und Gefahr

Der Regen hatte inzwischen aufgehört.

Doch die Straßen glänzten noch immer unter dem gelblichen Licht der Laternen. Wasser tropfte von den Dachrinnen, irgendwo schlug eine lose Metallplatte gegen eine Hauswand. Der Wind trieb Zeitungsfetzen über den Asphalt.

Campino ging neben Richie her.

Seine Hände steckten tief in den Taschen seiner Jacke.

„Du warst lange weg“, sagte Richie.

Campino antwortete nicht.

„Ich rede mit dir.“

„Hab ich gehört.“

Richie warf ihm einen Seitenblick zu.

„Warst du in der Trinkhalle?“

Campino blieb kurz stehen.

„Was geht dich das an?“

Richie grinste.

„Also warst du da.“

„Vielleicht...“

„Bei Serafina?“

Campino setzte sich wieder in Bewegung.

„Du hast echt zu viel Zeit.“

„Und du zu wenig Verstand.“

„Das sagt ausgerechnet du.“

Richie lachte kurz.

Doch dann wurde sein Gesicht wieder ernst.

„Du solltest aufpassen.“

Campino blieb diesmal stehen.

„Auf was?“

„Auf sie.“

„Warum?“

Richie trat näher.

„Weil sie nicht in unsere Welt gehört.“

Campino sah ihn lange an.

„Vielleicht will sie das auch gar nicht.“

„Und du?“

„Was ist mit mir?“

„Willst du in ihre Welt gehören?“

Campino schwieg.

Diese Frage traf ihn unerwartet.

Richie bemerkte es sofort.

„Dachte ich mir.“

„Du weißt überhaupt nicht, was ich will.“

„Ich weiß genug.“

„Nein.“

Campinos Stimme wurde schärfer.

„Du weißt gar nichts.“

Richie musterte ihn.

„Du glaubst, ich merke nicht, wie du sie ansiehst?“

Campino erwiderte nichts.

„Du bist sonst bei jedem Mist dabei. Aber sobald sie irgendwo auftaucht, bist du plötzlich ganz woanders.“

„Halt die Klappe, Richie.“

„Warum? Weil ich recht habe?“

Campino machte einen Schritt auf ihn zu.

Für einen Moment standen sie sich direkt gegenüber.

Zwei junge Männer.

Zwei verschiedene Vorstellungen davon, was man vom Leben erwarten durfte.

Richie wich keinen Zentimeter zurück.

„Ich hab dir nichts getan.“

„Dann fang nicht an.“

„Ich sage nur: Sei vorsichtig.“

Campino sah ihn misstrauisch an.

„Mit Serafina?“

„Mit allem.“

Richie wandte sich ab.

„Die „Rats“ werden nicht ewig stillhalten.“

Campinos Gesicht veränderte sich.

„Was ist passiert?“

„Noch nichts.“

„Noch?“

„Wir haben Gerüchte gehört.“

„Von wem?“

„Ist egal.“

„Nein. Ist es nicht.“

Richie sah über die Schulter.

„Du solltest einfach die Augen offenhalten.“

Dann ging er weiter.

Campino blieb einen Augenblick zurück.

In seinem Kopf hallten Serafinas Worte nach.

'Ich will, dass du wiederkommst.'

Er wusste nicht, warum ausgerechnet dieser Satz ihn so beschäftigte.

Vielleicht, weil ihn sonst niemand darum bat.

Nicht wirklich.

***

Die Fabrikhalle lag dunkel zwischen alten Mauern und rostigen Zäunen.

Die „Sharks“ hatten sich dort eingerichtet, so gut es eben ging.

Eine alte Couch stand an der Wand. Leere Flaschen lagen auf dem Boden. An einem Pfeiler hing eine zerrissene Jacke. Aus einem kleinen Radio drang leise Musik.

Mücke saß auf einer umgedrehten Getränkekiste.

Als Richie hereinkam, sprang er sofort auf.

„Richie!“

„Was?“

„Ich muss mit dir reden!“

„Später.“

„Nein! Jetzt!“

Richie sah ihn an.

„Was willst du schon wieder?“

Mücke schluckte.

„Ich will dazugehören!“

Richies Gesicht wurde sofort hart.

„Nein.“

„Du hast noch nicht mal gefragt, was ich kann!“

„Das muss ich auch nicht.“

„Ich kann auf mich selbst aufpassen!“

„Du bist siebzehn.“

„Und?“

„Und du bist mein kleiner Bruder.“

„Ich bin kein Kind mehr!“

Richie packte ihn am Arm.

„Genau deshalb sage ich Nein.“

Mücke riss sich los.

„Du bist doch selber ständig hier!“

„Und genau deswegen weiß ich, was das bedeutet.“

Stille.

Mücke sah ihn verständnislos an.

Richie atmete schwer.

„Du glaubst, das hier ist Freiheit?“

Er deutete auf die Halle.

„Das hier ist nichts. Wir hängen hier herum, weil wir nicht wissen, wohin mit uns. Wir haben kein Geld, keine Arbeit, keine Zukunft.“

Mücke sah zu Boden.

Richies Stimme wurde leiser.

„Ich will nicht, dass du so endest wie ich.“

Mücke antwortete nicht.

Campino stand etwas abseits und hatte das Gespräch verfolgt.

Er sah Richie an.

Zum ersten Mal an diesem Abend sah er nicht den Anführer der „Sharks“.

Sondern einfach einen älteren Bruder.

„Er hat recht“, sagte Campino.

Mücke fuhr herum.

„Du hälst auch zu ihm?“

Campino nickte.

„Ja.“

„Ihr seid alle gegen mich!“

„Nein.“

Campino trat näher.

„Wir wollen nur nicht, dass du irgendwann feststellst, dass du hier nicht mehr rauskommst.“

Mücke lachte bitter.

„Und ihr?“

Campino hatte darauf keine Antwort.

Mücke sah von einem zum anderen.

„Ihr seid doch auch hier!“

Dann verschwand er durch den Ausgang.

Richie blickte ihm nach.

„Verdammt.“

Campino legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Er braucht dich.“

Richie schüttelte die Hand ab.

„Er braucht ein anderes Leben.“

***

Später am Abend saß Serafina wieder allein in der Trinkhalle.

Die Neonröhre über ihr flackerte.

Sie blickte auf die Uhr.

Kurz nach zehn.

Die Tür blieb geschlossen.

Sie wusste selbst nicht, warum sie immer wieder hinsah.

Jedes Geräusch draußen ließ sie aufhorchen.

Ein Auto.

Schritte.

Eine Stimme.

Doch nicht Campino.

Sie nahm ein Glas und begann, es zu polieren.

Dann klingelte die Türglocke.

Serafina blickte auf.

Ihr Herz machte einen Sprung.

Campino.

Er stand im Eingang.

Diesmal ohne die anderen.

„Da bist du ja schon wieder.“

„Ich hab's doch versprochen.“

Serafina sah ihn an.

„Was?“

„Dass ich wiederkomme.“

Sie stellte das Glas ab.

„Du hast tatsächlich daran gedacht?“

„Den ganzen Weg.“

Sie lächelte unwillkürlich.

„Das ist gefährlich.“

„Was?“

„Wenn du mir solche Sachen sagst.“

Campino trat näher.

„Warum?“

„Weil ich dir irgendwann glauben könnte.“

„Vielleicht solltest du das.“

Serafina schwieg.

Er blieb vor dem Tresen stehen.

„Du bist anders, wenn niemand da ist.“

„Wie meinst du das?“

„Ruhiger.“

„Du bist doch derjenige, der ständig redet.“

„Stimmt.“

Er lächelte.

Dann wurde sein Blick ernst.

„Du hattest vorhin Angst.“

Serafina senkte den Blick.

„Ein bisschen.“

„Wegen uns?“

„Wegen dir.“

„Das ist ein Unterschied.“

„Nein.“

Sie sah ihn wieder an.

„Wenn dir etwas passiert, ist es mir nicht egal, ob die anderen dabei waren.“

Campino atmete langsam aus.

„Serafina...“

„Was?“

„Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll.“

„Dann sag am besten gar nichts.“

Er kam um den Tresen herum.

Serafina wich nicht zurück.

Jetzt standen sie sich ganz nah gegenüber.

Sie konnte sehen, dass er müde war.

Nicht nur körperlich.

Irgendetwas lag in seinem Blick.

Eine Unruhe.

Eine Unsicherheit, die er sonst hinter seinem Grinsen versteckte.

„Du solltest dich nicht um mich sorgen“, sagte er.

„Das kann ich nicht.“

„Wieso nicht?“

Sie sah ihm direkt in die Augen.

„Weil ich dich mag.“

Campino hielt inne.

Die Worte waren ausgesprochen.

Einfach.

Ohne Ausweg.

Sein Blick blieb auf ihr.

„Das hab ich gehofft.“

Serafina blinzelte.

„Was?“

„Dass du das sagst.“

Ihr Atem stockte kurz.

„Warum?“

„Weil ich dich auch mag.“

Sie lächelte zaghaft.

„Das klingt fast zu einfach.“

„Ist es nicht.“

„Warum nicht?“

Campino sah zur Tür.

Dann wieder zu ihr.

„Weil mein Leben gerade alles andere als einfach ist.“

Serafina nickte.

„Das weiß ich.“

„Und ich kann dir nichts versprechen.“

„Das verlange ich nicht.“

„Vielleicht solltest du.“

„Warum?“

Er sah sie ernst an.

„Weil ich nicht weiß, wo ich morgen bin.“

Ihre Augen wurden traurig.

„Dann sag mir wenigstens, dass du versuchst, zurückzukommen.“

Campino nickte langsam.

„Das kann ich dir sagen.“

Serafina legte vorsichtig ihre Hand auf seinen Arm.

Er sah darauf.

Dann wieder in ihr Gesicht.

Keiner von beiden sagte etwas.

Draußen fuhr ein Wagen vorbei.

Das Licht der Scheinwerfer glitt für einen Moment über die Scheiben.

Campino blieb stehen.

Ganz ruhig.

Als wolle er diesen Augenblick nicht zerstören.

„Serafina.“

„Ja?“

„Wenn irgendwann etwas passiert...“

„Sag sowas nicht.“

„Lass mich ausreden.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum Nein?“

„Weil ich sowas nicht von dir hören will.“

Er sah sie lange an.

„Okay.“

Sie ließ seine Hand nicht los.

„Sag mir lieber etwas anderes.“

„Was?“

„Dass du auf dich aufpassen wirst.“

Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Ich werde es versuchen.“

„Nein.“

Sie sah ihn streng an.

„Versprich es mir.“

Er schwieg einen Moment.

Dann nickte er.

„Ich verspreche es dir.“

Serafina lächelte.

„Gut.“

Plötzlich hörten sie draußen Stimmen.

Campino drehte sich um.

Mehrere Männer liefen auf der Straße vorbei.

Er erkannte einige der „Sharks“.

Sein Gesicht wurde sofort ernst.

„Ich muss los.“

Serafina ließ seinen Arm langsam los.

„Jetzt schon?“

„Ja.“

„Ist etwas passiert?“

„Noch nicht.“

Sie erschrak bei dem Wort.

„Noch nicht?“

Campino bemerkte ihren Blick.

„Hab keine Angst.“

„Das sagst du immer.“

„Diesmal meine ich es.“

Er ging zur Tür.

Dann blieb er stehen.

„Serafina?“

„Ja?“

„Danke.“

„Wofür?“

Er drehte sich zu ihr um.

„Dass jemand auf mich wartet.“

Dann ging er hinaus.

Serafina stand hinter dem Tresen und sah ihm nach.

Diesmal wusste sie, dass zwischen ihnen etwas entstanden war, das sich nicht mehr einfach zurücknehmen ließ.

Aber draußen wartete bereits die Welt der „Sharks“.

Und irgendwo in dieser Welt warteten auch die „Rats“.

Der Waffenstillstand wurde brüchig.

Und keiner von ihnen ahnte, wie wenig Zeit ihnen noch blieb.