Zwischen zwei Welten
Zwischen zwei Welten
Der Abend war kälter geworden.
Über den Dächern hing ein schwerer Himmel, der kaum noch erkennen ließ, wo die Wolken aufhörten und die grauen Fassaden begannen. Aus einem Schornstein quoll dunkler Rauch und zog langsam über die Häuser hinweg.
Serafina stand hinter dem Tresen der Trinkhalle und sah hinaus.
Seit einer Stunde hatte sie kaum Kundschaft gehabt.
Und trotzdem war sie unruhig.
Immer wieder wanderte ihr Blick zur Tür.
Sie wusste selbst nicht, warum.
Oder besser gesagt: Sie wusste es ganz genau.
Wegen Campino.
Seit ihrem Gespräch vom Vorabend bekam sie ihn nicht mehr aus dem Kopf.
Seine Stimme.
Seinen Blick.
Und diesen einen Satz:
'Ich komme nicht nur wegen der Cola hierher.'
Serafina hatte versucht, sich einzureden, dass sie sich nichts daraus machen sollte.
Es funktionierte nicht.
Draußen knirschten Schritte über den nassen Gehweg.
Sie hob den Kopf.
Die Tür blieb geschlossen.
Ein Schatten zog am Fenster vorbei.
Dann nichts.
Serafina atmete langsam aus.
„Verdammt“, murmelte sie.
Sie nahm ein Glas und stellte es zurück ins Regal.
Da hörte sie plötzlich ein Klopfen.
Nicht an der Tür.
An der Scheibe.
Sie fuhr herum.
Campino stand draußen.
Er hob eine Hand.
Serafinas Herz machte einen Satz.
Sie öffnete.
„Du kommst spät.“
Campino trat herein.
„Ich weiß.“
Er schloss die Tür hinter sich.
Serafina sah ihn genauer an.
„Was ist passiert?“
„Nichts.“
„Campino.“
„Was?“
„Du siehst aus, als hätte dich ein Lastwagen überfahren.“
Er grinste kurz.
„Seh ich so schlimm aus?“
„Fast.“
Sie ging um den Tresen herum.
Jetzt sah sie es.
Eine Schramme an seiner Wange.
Die Knöchel seiner rechten Hand waren aufgerissen.
Nicht schlimm.
Aber deutlich genug.
Serafinas Gesicht wurde ernst.
„Setz dich.“
„Warum?“
„Weil ich mir deine Hand ansehen will.“
„Ist nur ein bisschen Blut.“
„Das sehe ich.“
„Dann weißt du ja, dass es nicht schlimm ist.“
„Campino.“
Er sah sie an.
Dann gab er nach.
„Okay.“
Er setzte sich auf einen der Hocker.
Serafina holte ein sauberes Tuch und eine kleine Flasche aus einem Schrank.
„Das wird jetzt etwas brennen.“
„Ich bin hart im Nehmen.“
„Das sagen Männer immer kurz bevor sie jammern.“
„Ich jammere nicht.“
„Wir werden sehen.“
Sie nahm vorsichtig seine Hand.
Campino wurde still.
Serafina tupfte das Blut von seinen Knöcheln.
„Was ist passiert?“
„Eine Auseinandersetzung.“
„Mit den „Rats“?“
Er antwortete nicht.
Sie hielt inne.
„Ja oder Nein?“
„Noch nicht direkt.“
„Was bedeutet 'noch nicht direkt'?“
Campino sah auf ihre Hände.
„Es wird schlimmer.“
Serafina sagte nichts.
Sie arbeitete weiter.
„Richie meint, die Stimmung kippt.“
„Und du?“
„Ich glaube, er hat recht.“
Sie hob den Blick.
„Dann halt dich lieber raus.“
Campino lachte leise.
„So einfach ist das nicht.“
„Wieso nicht?“
„Weil ich zu den „Sharks“ gehöre.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“
„Nein.“
Sie legte das Tuch beiseite.
„Du könntest jederzeit Nein sagen.“
Campino sah sie an.
„Könnte ich das?“
„Ja, könntest du.“
„Und wenn die anderen mein Nein nicht akzeptieren?“
Serafina schwieg.
Er zog seine Hand langsam zurück.
„Genau das ist das Problem.“
Für einen Moment herrschte absolute Stille.
Dann sagte Serafina:
„Du könntest gehen.“
Campino sah sie an.
„Wohin denn?“
„Irgendwohin. Ich weiß es doch auch nicht.“
„Siehst du?“
Er lächelte traurig.
„Das ist genau das Problem. Alle sagen immer: Geh. Mach was anderes. Such dir Arbeit. Fang neu an.“
„Aber?“
„Aber keiner sagt einem, wie man das machen soll.“
Serafina setzte sich ihm gegenüber.
„Vielleicht musst du nicht sofort wissen, wohin du gehen musst.“
„Was soll ich dann machen?“
„Neu anfangen.“
„Und womit?“
Sie sah ihm direkt in die Augen.
„Vielleicht mit etwas, das dir wichtig ist.“
Campino schwieg.
Dann fragte er:
„Und wenn du das wärst?“
Serafina hielt den Atem an.
„Was?“
„Wenn du die Sache wärst, die mir wichtig ist?“
Ihr Blick blieb an seinem hängen.
„Campino...“
„Ich meine es ernst.“
Er beugte sich ein wenig vor.
„Seit ich dich kenne, denke ich darüber nach, wie es wäre, wenn mein Leben nicht ständig aus Ärger bestehen würde.“
Serafina sagte leise:
„Ja? Und?“
„Und dann denke ich an dich.“
Ihr Herz schlug schneller.
„Warum?“
„Weil es bei dir ruhig ist.“
Sie lächelte kaum merklich.
„Hier ist es nie ruhig.“
„Du weißt, was ich meine.“
Ja.
Das wusste sie.
Sie sah auf seine verletzte Hand.
„Ich möchte nicht, dass du wegen mir Ärger bekommst.“
„Bekomme ich nicht.“
„Richie sieht uns.“
„Richie sieht alles.“
„Und er mag es nicht.“
Campino atmete tief ein.
„Richie hat andere Probleme.“
„Er ist eifersüchtig.“
Campino hob eine Augenbraue.
„Auf mich?“
„Auf das, was zwischen uns passiert.“
Er lehnte sich zurück.
„Was passiert denn zwischen uns?“
Serafina lächelte schwach.
„Da fragst du noch?“
„Vielleicht will ich es von dir hören.“
Sie sah ihn lange an.
„Ich weiß es nicht.“
„Lügnerin.“
„Was?“
„Du weißt es ganz genau.“
Serafina schwieg.
Dann sagte sie:
„Ich fühle mich bei dir sicher.“
Campinos Gesicht wurde ernst.
„Das solltest du vielleicht nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil ich selbst nicht weiß, wie sicher ich bin.“
„Dann bleib bei mir, solange du hier bist.“
Er sah sie an.
„Das klingt fast wie eine Bitte.“
„Vielleicht ist es eine.“
„Und wenn ich gehen muss?“
„Dann komm wieder zurück. Immer.“
„Immer?“
Serafina nickte.
„Wenn du kannst.“
Campino sah sie lange an.
Dann stand er auf.
Serafina blieb sitzen.
Er kam um den Tisch herum.
Langsam.
Ohne Hast.
Er blieb vor ihr stehen.
„Du machst es mir verdammt schwer.“
„Was?“
„Zu gehen.“
Sie blickte zu ihm auf.
„Dann geh nicht.“
Ein kurzer Moment.
Sein Atem stockte.
Er setzte sich neben sie.
Nicht gegenüber.
Neben sie.
Ihre Schultern berührten sich.
Serafina spürte die Wärme seines Körpers durch ihre Kleidung.
Keiner sagte etwas.
Draußen fuhr ein Zug vorbei.
Das Fenster vibrierte leicht.
Campino sah geradeaus.
„Ich hab Angst.“
Serafina drehte den Kopf.
„Wovor?“
„Dass irgendwann einer von uns nicht mehr aufsteht.“
Ihre Augen wurden feucht.
„Sag das nicht.“
„Es ist die Wahrheit.“
„Dann hasse ich diese Wahrheit.“
Campino sah sie an.
„Ich auch.“
Serafina legte vorsichtig ihre Hand auf seine.
Diesmal zog er sie nicht zurück.
Seine Finger schlossen sich langsam um ihre.
„Du solltest mich nicht so ansehen“, sagte er.
„Wie?“
„Als wäre ich etwas, das du behalten willst.“
„Vielleicht will ich das.“
Ein kaum sichtbares Lächeln.
„Das ist gefährlich.“
„Das hast du schon einmal gesagt.“
„Dann hast du vielleicht nicht richtig zugehört.“
„Doch, hab ich.“
Sie drückte seine Hand leicht.
„Ich höre dir immer zu.“
Campino sah auf ihre ineinanderliegenden Hände.
„Das ist neu für mich.“
„Was?“
„Dass mir jemand zuhört.“
Serafina antwortete nicht.
Sie blieb einfach neben ihm sitzen.
Und genau das schien ihm mehr zu bedeuten als jedes große Versprechen.
***
Zur gleichen Zeit stand Richie draußen vor der Fabrikhalle.
Eine Zigarette glühte zwischen seinen Fingern.
Neben ihm standen zwei der „Sharks“.
„Hast du ihn gesehen?“, fragte einer.
„Wen?“
„Campino.“
Richie sah ihn an.
„Nein.“
Der andere grinste.
„Der ist bestimmt wieder bei Serafina.“
Richies Blick wurde hart.
„Halt die Klappe!“
„Was denn? Stimmt doch.“
„Ich hab gesagt, du sollst die Klappe halten!“
Der Mann hob die Hände.
„Schon gut.“
Richie wandte sich ab.
Doch der Gedanke ließ ihn nicht los.
Campino.
Serafina.
Die beiden waren sich nähergekommen.
Und Richie wusste nicht, warum ihn das so wütend machte.
Vielleicht, weil er selbst gehofft hatte, dass Serafina IHM gehören würde.
Vielleicht, weil Campino etwas besaß, das Richie nicht kontrollieren konnte.
Oder vielleicht, weil er spürte, dass sich gerade etwas veränderte.
Nicht nur zwischen zwei Menschen.
Sondern innerhalb der ganzen Gruppe.
***
Mücke saß unterdessen allein auf einer niedrigen Mauer.
Er hatte die Hände in den Taschen vergraben.
Dann hörte er Schritte.
Erdal.
Mücke sprang auf.
„Was willst du?“
Erdal blieb stehen.
„Mit dir reden.“
„Wir haben nichts zu reden.“
„Warum?“
„Weil du einer von ihnen bist.“
Erdal sah ihn traurig an.
„Und du bist einer von ihnen.“
„Ich bin ein „Shark“.“
„Ich bin gehöre zu den „Rats“.“
„Dann weißt du ja, was das bedeutet.“
Erdal nickte langsam.
„Ja.“
„Dann geh.“
Erdal blieb stehen.
„Willst du das wirklich?“
Mücke sah ihn nicht an.
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ich keine Probleme will.“
„Seit wann?“
Mücke schwieg.
Erdal trat einen Schritt näher.
„Du hast mir vertraut.“
„Das war ein Fehler.“
„Nein.“
„Doch.“
„Warum? Weil ich zu den „Rats“ gehöre?“
Mücke ballte die Hände.
„Ja.“
Erdal sah ihn lange an.
„Dann sind wir beide vielleicht genau das, was die anderen aus uns machen wollen.“
Mücke blickte auf.
Doch Erdal war bereits gegangen.
***
Kurz vor Mitternacht öffnete sich die Tür der Trinkhalle erneut.
Campino stand auf.
„Ich muss los.“
Serafina sah ihn an.
„Schon?“
„Ja.“
„Zu Richie?“
Er nickte.
„Er wartet.“
Sie stand ebenfalls auf.
„Campino.“
Er drehte sich um.
Serafina ging zu ihm.
„Pass auf dich auf.“
„Mach ich.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Sie sah ihn prüfend an.
„Und wenn etwas passiert?“
„Dann komme ich zu dir.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Er öffnete die Tür.
Kalte Luft strömte herein.
Serafina blieb hinter ihm stehen.
„Campino?“
Er drehte sich noch einmal um.
„Ja?“
Sie zögerte.
Dann sagte sie:
„Komm zurück.“
Sein Blick wurde weich.
„Ich komme zurück.“
Die Tür fiel ins Schloss.
Serafina blieb allein.
Doch diesmal war die Angst stärker.
Denn kaum hatte Campino die Straße erreicht, sah er Richie am Ende des Gehwegs stehen.
Und hinter Richie warteten mehrere „Sharks“.
Keiner lachte.
Keiner redete.
Richie sah Campino entgegen.
„Wir müssen los.“
Campino blieb stehen.
„Wohin?“
Richie antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Zum alten Gelände.“
„Warum?“
„Die „Rats“ waren dort.“
Campinos Gesicht wurde hart.
„Was haben sie gemacht?“
Richie warf die Zigarette auf den Boden.
„Frag lieber, was sie als Nächstes machen werden.“
Campino sah zurück.
Zur Trinkhalle.
Hinter dem Fenster stand Serafina.
Ihre Blicke trafen sich ein letztes Mal.
Dann drehte Campino sich um.
Und ging mit Richie in die Dunkelheit.
Hinter ihnen blieb das Licht der Trinkhalle zurück.
Ein kleiner heller Fleck in einer Stadt, die immer dunkler zu werden schien.
Und irgendwo zwischen den verlassenen Fabriken begann der Waffenstillstand endgültig zu zerbrechen.
Der nächste Schritt würde nicht mehr mit Worten gemacht werden.