Wenn die Nacht kippt
Wenn die Nacht kippt
Die Nacht hatte die Stadt verschluckt.
Nur vereinzelt brannten noch Straßenlaternen zwischen den alten Häuserzeilen. Ihr Licht spiegelte sich in den Pfützen und ließ den Asphalt wie dunkles Glas erscheinen. Hinter den Fabrikhallen ragten Schornsteine in den Himmel, aus denen sich schwere Rauchfahnen über die Dächer zogen.
Campino ging neben Richie.
Keiner von beiden sprach.
Hinter ihnen kamen die anderen Sharks. Schritte auf nassem Beton. Das gelegentliche Klirren einer Flasche. Eine Zigarette glomm im Dunkeln auf und verschwand wieder.
Campino hatte die Hände tief in den Taschen seiner Jacke vergraben.
Doch seine Gedanken waren nicht hier.
Sie waren bei Serafina.
Bei ihrem Gesicht.
Bei ihrer Hand auf seiner.
Bei den Worten, die sie ihm vor wenigen Minuten mitgegeben hatte.
'Komm zurück.'
Er hatte ihr versprochen, dass er zurückkommen würde.
Und plötzlich fühlte sich dieses Versprechen schwerer an als alles, was er sonst mit sich herumtrug.
„Du bist verdammt still“, sagte Richie.
Campino sah ihn von der Seite an.
„Bin ich immer.“
„Nein.“
„Seit wann kennst du mich so gut?“
Richie blieb stehen.
Die anderen gingen noch ein paar Schritte weiter, bemerkten dann, dass Richie stehen geblieben war, und warteten.
„Was ist los mit dir?“
„Nichts.“
„Du denkst an sie.“
Campino sah ihn scharf an.
„Lass sie da raus.“
Richie zog eine Augenbraue hoch.
„Hab ich überhaupt einen Namen genannt?“
„Ich weiß genau, wen du meinst.“
„Dann hast du ja auch genau verstanden, was ich sagen wollte.“
Campino trat einen Schritt näher.
„Serafina hat damit nichts zu tun!“
„Das entscheidest nicht du.“
„Doch!“
Richie musterte ihn.
„Du hast dich verändert.“
„Vielleicht.“
„Seit wann?“
Campino schwieg.
Richie lachte trocken.
„Seit ihr euch nähergekommen seid?“
„Was soll das heißen?“
„Dass du plötzlich etwas zu verlieren hast.“
Der Satz traf.
Campino sah Richie lange an.
Dann sagte er leise:
„Vielleicht hatte ich vorher einfach nichts, was mir wichtig genug war.“
Für einen Augenblick war Richie sprachlos.
Einer der „Sharks“ murmelte etwas, doch Richie hob die Hand.
Sofort war Ruhe.
„Wir haben heute Nacht ein ganz anderes Problem“, sagte Richie schließlich.
„Die „Rats“?“
„Ja.“
Er deutete auf das alte Fabrikgelände.
„Sie waren hier.“
Campino blickte zu den dunklen Mauern.
„Was haben sie gemacht?“
„Alles durchwühlt.“
„Warum?“
„Weil sie zeigen wollten, dass sie es können.“
Richie ging weiter.
„Sie wollten wissen, wie weit sie gehen können.“
Campino folgte ihm.
„Und?“
Richie sah ihn an.
„Das werden wir ihnen heimzahlen.“
Campino blieb kurz stehen.
„Das klingt nicht nach einer Antwort.“
„Es ist eine.“
„Nein. Es klingt nach Krieg.“
Richie schwieg.
Campino sah die anderen an.
Keiner widersprach.
Da wusste er, dass der Waffenstillstand längst nicht mehr das war, was er am Nachmittag noch gewesen war.
Er war nur noch ein Stück Papier.
Etwas, das man zerreißen konnte.
***
Zur selben Zeit:
Serafina stand hinter dem Tresen der Trinkhalle.
Die Uhr zeigte kurz nach Mitternacht.
Sie hatte längst geschlossen.
Trotzdem war das Licht noch an.
Sie konnte nicht nach Hause gehen.
Nicht solange sie nicht wusste, wo Campino war.
Sie schaltete das Radio leiser.
Draußen fuhr ein Auto vorbei.
Serafina hob sofort den Kopf.
Doch es war nur ein Taxi.
Sie atmete aus.
„Verdammt, Campino.“
Sie nahm das Glas in die Hand, das sie bereits zum dritten Mal abtrocknete.
Ihre Gedanken kreisten.
'Warum habe ich ihn gehen lassen?'
Sie wusste die Antwort.
Weil sie ihn nicht festhalten konnte.
Nicht gegen seinen Willen.
Nicht gegen die „Sharks“.
Und vielleicht auch nicht gegen sich selbst.
Die Türglocke klingelte.
Serafina erschrak.
Ein junger Mann trat herein.
Er war kaum älter als sie und wirkte nervös.
„Noch offen?“
„Eigentlich nicht.“
„Ich brauche nur was zu trinken.“
Serafina musterte ihn.
„Was ist los?“
„Nichts.“
„Sie sehen nicht aus wie jemand, bei dem nichts los ist.“
Er sah zur Tür.
„Die „Sharks“ sind unterwegs.“
Serafina erstarrte.
„Wo sind sie hingegangen?“
„Keine Ahnung.“
„Was haben Sie gehört?“
„Dass es Ärger gibt.“
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
„Mit den „Rats“?“
Der junge Mann nickte.
„Die Sache wird größer.“
Serafina stellte das Glas ab.
„Wie groß?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Groß genug, dass ich heute Nacht nicht auf der Straße sein möchte.“
Dann bezahlte er und verschwand.
Serafina blieb allein zurück.
Sie sah auf die Uhr.
12:17 Uhr.
Ihre Finger zitterten leicht.
Sie dachte an Campino.
'Ich komme zurück.'
„Dann komm zurück“, flüsterte sie.
„Bitte.“
***
Ein paar Straßen weiter:
Campino stand vor der alten Fabrikhalle.
Die anderen diskutierten.
Laut.
Aggressiv.
Wütend.
Er hörte nur Bruchstücke.
„...können uns nicht alles gefallen lassen...“
„...die haben unser Zeug angezündet...“
„...wenn wir jetzt nichts machen, denken die, sie können sich alles erlauben...“
Campino wandte sich ab.
Er brauchte Luft.
Er ging ein paar Meter von den anderen weg und setzte sich auf eine niedrige Betonmauer.
Eine Zigarette.
Ein kurzer Lichtschein.
Dann Dunkelheit.
Er dachte an Serafina.
Nicht zum ersten Mal.
Vielleicht nicht einmal zum hundertsten Mal an diesem Abend.
Er sah sie vor sich.
Ihre grünen Augen.
Ihr schwarzes Haar.
Die Art, wie sie ihn angesehen hatte, als er ihr sagte, dass er Angst hatte.
Sie hatte nicht gelacht.
Nicht gespottet.
Sie hatte einfach seine Hand genommen.
'Ich höre dir immer zu.'
Campino schloss kurz die Augen.
„Scheiße.“
„Redest du mit dir selbst?“
Campino öffnete die Augen.
Richie stand hinter ihm.
„Manchmal ist das die einzige vernünftige Unterhaltung.“
Richie setzte sich neben ihn.
Ein paar Sekunden sagten beide nichts.
„Du kannst immer noch gehen“, sagte Richie.
Campino sah ihn an.
„Wohin?“
„Zu ihr.“
Campino schwieg.
„Du weißt, dass ich recht habe.“
„Vielleicht.“
„Du musst nicht bei uns bleiben.“
Campino sah auf seine Hände.
„Doch, muss ich.“
„Warum?“
„Weil ihr meine Leute seid.“
Richie nickte langsam.
„Und was ist sie?“
Campino antwortete erst nach einer langen Pause.
„Sie ist etwas anderes.“
„Was?“
Campino lächelte schwach.
„Etwas, das ich nicht verlieren will.“
Richie sah ihn von der Seite an.
„Dann solltest du vielleicht dafür sorgen, dass du überhaupt noch etwas hast, das du verlieren kannst.“
Campino verstand.
„Du glaubst, es wird so schlimm?“
Richie sah geradeaus.
„Ich glaube, dass wir die Kontrolle verlieren werden.“
***
Eine Stunde später:
Die Tür der Trinkhalle öffnete sich.
Serafina fuhr herum.
Campino.
Für einen Moment konnte sie nur ihn ansehen.
Dann lief sie um den Tresen herum.
„Du bist zurück?“
„Nur kurz.“
Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht.
„Warum?“
„Ich wollte dich sehen.“
Sie blieb vor ihm stehen.
„Was ist passiert?“
„Noch nichts.“
„Du sagst das schon wieder?“
„Weil es stimmt.“
„Und warum bist du dann hier?“
Campino sah sie an.
„Weil ich dir etwas sagen wollte.“
Serafina wurde nervös.
„Was denn?“
Er trat näher.
„Wenn heute Nacht etwas passiert...“
„Nein.“
„Sera...“
„Nein!“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich will nicht schon wieder darüber reden!“
„Du musst mir zuhören.“
„Ich höre dir zu!“
Ihre Stimme brach leicht.
„Genau das ist doch das Problem! Sag mir nicht wieder, dass alles gut wird!“
Campino sah sie an.
„Warum nicht?“
„Weil du es doch selbst nicht glaubst!“
Er schwieg.
Campino sah sie lange an.
„Ich habe Angst.“
Serafina schluckte.
„Ich auch.“
„Ich weiß.“
„Nein! Du weißt es nicht!“
Sie trat einen Schritt näher.
„Du läufst da draußen herum und tust so, als könnte dir nichts passieren!“
„Das tue ich nicht.“
„Doch!“
Sie legte beide Hände an seine Jacke.
„Du hast keine Ahnung, was es mit mir macht, wenn du einfach verschwindest!“
Campino sah auf ihre Hände.
„Ich will nicht, dass du Angst hast.“
„Dann gib mir einen Grund, keine Angst zu haben!“
Er antwortete nicht.
Serafina sah ihm direkt in die Augen.
„Sag mir die Wahrheit!“
„Welche Wahrheit?“
„Sag mir, dass du nicht sterben wirst!“
Lange Stille.
Dann nickte er.
„Ich habe nicht vor zu sterben.“
Ihre Augen wurden feucht.
„Danke.“
„Wofür?“
„Dass du es endlich gesagt hast.“
Campino hob vorsichtig eine Hand und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Ganz langsam.
Ganz vorsichtig.
„Ich weiß nicht, was morgen ist.“
„Ich auch nicht.“
„Vielleicht weiß niemand von uns das.“
„Dann denk nicht an morgen.“
„Woran soll ich denken?“
Serafina sah ihn an.
„Denk an jetzt.“
Er lächelte kaum merklich.
„An jetzt?“
„Ja.“
Sie legte ihre Stirn für einen Moment an seine.
Beide standen einfach da.
Kein Wort.
Nur ihr Atem.
Ganz nah.
Campino schloss die Augen.
„Was würdest du machen, wenn du morgen verschwinden könntest?“
Serafina öffnete die Augen.
„Mit dir?“
„Wenn du das möchtest?“
Sie lächelte.
„Vielleicht würde ich irgendwohin gehen, wo es ruhig ist.“
„Und dann?“
„Dann ein kleines Haus.“
„Mit einer Trinkhalle?“
Sie lachte leise.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich Feierabend haben möchte.“
„Das klingt vernünftig.“
„Und du?“
Campino dachte nach.
„Vielleicht würde es mich irgendwohin ziehen, wo keiner weiß, wer ich bin.“
„Und was dann?“
„Dann würde ich herausfinden, wer ich eigentlich bin.“
Serafina sah ihn lange an.
„Und ich?“
Er zögerte.
Dann sagte er:
„Du wärst wahrscheinlich der Grund, warum ich nicht allein gehen würde.“
Serafina schloss kurz die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, stand Campino noch immer vor ihr.
„Du machst es mir schwer.“
„Was?“
„Zu gehen.“
„Dann geh nicht.“
Er sah sie an.
Doch bevor er antworten konnte, hörten beide draußen Stimmen.
Campino drehte den Kopf.
Sein Gesicht veränderte sich sofort.
„Ich muss los.“
Serafina hielt ihn am Arm fest.
„Nein.“
Er sah auf ihre Hand.
„Ich muss.“
„Ich weiß.“
Sie ließ ihn langsam los.
„Aber komm zurück.“
„Ich versuche es.“
„Nein.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Sag es.“
Campino sah sie lange an.
Dann nahm er ihre Hand.
„Ich werde zurückzukommen.“
Serafina nickte.
„Gut.“
Er ging zur Tür.
Doch bevor er sie öffnete, drehte er sich noch einmal um.
„Serafina?“
„Ja?“
„Wenn ich wiederkomme...“
Er brach ab.
„Ja?“
Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„...dann trinken wir gemeinsam eine Cola.“
Sie musste trotz ihrer Angst lächeln.
„Abgemacht.“
„Abgemacht.“
Dann ging er.
Die Tür schloss sich.
Serafina blieb zurück.
Sie hörte seine Schritte.
Immer leiser.
Dann nichts mehr.
Sie stand mitten in der verlassenen Trinkhalle.
Ihre Hand lag noch immer dort, wo seine Hand eben gewesen war.
Und plötzlich wusste sie:
Die Nacht hatte sich verändert.
***
Das alte Fabrikgelände:
Richie stand zwischen den anderen „Sharks“.
Ein Wagen hielt.
Jemand stieg aus.
„Die „Rats“ kommen.“
Stille.
Richie hob den Kopf.
„Wie viele?“
„Keine Ahnung.“
„Dann finden wir es heraus.“
Campino sah zu ihm.
„Richie?“
„Was?“
„Das muss nicht passieren.“
Richie sah ihn an.
„Doch.“
„Vielleicht können wir noch reden.“
„Reden? Mit denen?“
„Warum nicht?“
Richie schüttelte den Kopf.
„Weil sie bereits entschieden haben.“
Campino sah über das Gelände.
Die anderen „Sharks“ sammelten sich.
Ketten.
Stangen.
Schwere Stiefel.
Wut.
Adrenalin.
Er spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
Für einen Moment dachte er daran, einfach wegzugehen.
Zurück zur Trinkhalle.
Zu Serafina.
Doch dann sah er seine Freunde.
Und er blieb.
Nicht weil er keine Angst hatte.
Sondern weil er Angst hatte.
***
In der Ferne heulte ein Motor auf.
Dann noch einer.
Campino hob den Kopf.
Lichter tauchten hinter den alten Fabrikmauern auf.
Richie trat nach vorn.
„Da sind sie.“
Campino ballte die Hände.
Und irgendwo weit entfernt stand Serafina noch immer hinter dem Fenster der Trinkhalle.
Sie wusste nicht, was gerade geschah.
Sie wusste nur, dass sie auf ihn wartete.
Auf das Geräusch seiner Schritte.
Auf das Öffnen der Tür.
Auf seine Stimme.
Auf drei Worte:
'Ich bin zurück.'
Doch in dieser Nacht würde die Stadt ihnen keine Ruhe lassen.
Der Waffenstillstand war vorbei.
Und was als Revierstreit begonnen hatte, drohte zu etwas zu werden, das niemand mehr kontrollieren konnte.