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Feuerzeichen

Zwischen Beton Und Hoffnung — www.fanfiktion.de · All chapters

Feuerzeichen

Der Motor verstummte.

Dann war es plötzlich still.

Unnatürlich still.

Campino stand zwischen den anderen „Sharks“ und starrte auf die dunklen Fahrzeuge, die wenige Meter vor dem alten Fabrikgelände zum Stehen gekommen waren.

Niemand bewegte sich.

Niemand sagte etwas.

Nur irgendwo tropfte Wasser von einem rostigen Rohr.

Richie machte einen Schritt nach vorn.

„Wer ist da?“

Eine Stimme aus der Dunkelheit:

„Du weißt genau, wer.“

Hasan.

Campino spürte, wie sich seine Finger langsam zu Fäusten schlossen.

Hinter Hasan tauchten weitere Gestalten auf.

Die „Rats“.

Jeanskutten, schwere Stiefel, angespannte Gesichter.

Der Waffenstillstand war endgültig vorbei.

„Was wollt ihr?“, rief Richie.

Hasan lachte kurz.

„Das fragst du noch?“

„Ich frag nur einmal.“

„Dann hör gut zu.“

Hasan deutete hinter sich.

„Euer Laden ist nur noch ein Haufen Schrott.“

Unruhe ging durch die „Sharks“.

Campino sah zu Richie.

Dessen Gesicht war plötzlich völlig ruhig.

Zu ruhig.

„Ihr wart das.“

„Und wenn?“

Richie ging langsam auf Hasan zu.

„Dann hast du einen Fehler gemacht.“

Hasan grinste.

„Welchen?“

„Du bist hierhergekommen.“

Campino trat zwischen einige der Männer.

„Richie.“

Richie sah ihn an.

„Was?“

„Lass es.“

„Was soll ich lassen?“

„Das.“

Campino deutete auf die beiden Gruppen.

„Wir können das noch beenden.“

Einige der „Sharks“ lachten.

Richie dagegen sah ihn nur an.

„Beenden?“

„Ja.“

„Nachdem sie unser Quartier angezündet haben?“

Campino schwieg.

Richie wandte sich wieder Hasan zu.

„Verschwindet.“

Hasan blieb stehen.

„Oder was?“

Richies Stimme wurde leise.

„Oder wir reden morgen anders.“

Hasan grinste.

„Morgen?“

Er trat einen Schritt zurück.

„Ihr bekommt kein Morgen, wenn ihr so weitermacht.“

Dann drehten sich die „Rats“ um.

Die Motoren sprangen wieder an.

Wenige Sekunden später verschwanden die Fahrzeuge in der Dunkelheit.

Campino atmete langsam aus.

„Das war ganz schön knapp.“

Richie sah ihm nach.

„Nein.“

„Was?“

„Das war erst der Anfang.“

***

Das brennende Quartier:

Am nächsten Morgen roch die Luft nach Rauch.

Campino stand vor dem alten Gebäude und sah auf die verkohlten Teile der Fassade.

Ein Fenster war zerborsten.

Die Tür hing schief.

Im Inneren lagen verbrannte Gegenstände zwischen schwarzem Ruß.

Einer der „Sharks“ hob eine verkohlte Jacke auf.

„Die haben wirklich alles kaputtgemacht.“

Campino antwortete nicht.

Er dachte an Serafina.

An ihre Stimme.

An ihre Hände.

An das Versprechen.

'Ich komme zurück.'

Er hatte keine Ahnung, ob er es halten konnte.

„Campino!“

Er drehte sich um.

Richie stand einige Meter entfernt.

„Komm her!“

Campino ging zu ihm.

Richie zeigte auf einen Stapel Gegenstände.

Darunter lagen mehrere Jeanskutten.

„Rats“-Aufnäher.

Zerfetzte Stoffstücke.

„Woher habt ihr die?“

„Gestern eingesammelt.“

Campino sah ihn an.

„Und was willst du jetzt damit machen?“

Richie antwortete nicht sofort.

Dann holte er einen Kanister hervor.

Campino erstarrte.

„Nein.“

Richie sah ihn an.

„Was?“

„Mach das nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil es nichts mehr bringt.“

„Es geht nicht darum, etwas zurückzubekommen.“

Richie stellte den Kanister ab.

„Es geht darum, dass sie verstehen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen.“

Campino schüttelte den Kopf.

„Sie werden es verstehen.“

„Gut.“

„Aber dann hören sie nicht auf.“

Richie sah ihn an.

„Das haben sie doch längst entschieden.“

***

Mücke:

Einige Straßen entfernt saß Mücke auf einer niedrigen Mauer.

Er hatte kaum geschlafen.

Immer wieder dachte er an Erdal.

An den Imbiss.

An das Essen.

An ihre Gespräche.

An den Moment, als er erfahren hatte, dass Erdal zu den „Rats“ gehörte.

Er hatte geglaubt, damit wäre alles vorbei.

Aber jetzt, wo die beiden Gruppen tatsächlich aufeinander losgingen, fühlte sich diese Entscheidung plötzlich falsch an.

„Mücke.“

Er sah auf.

Erdal stand vor ihm.

Mücke sprang auf.

„Was machst du hier?“

„Ich will mit dir reden.“

„Du solltest verschwinden.“

„Warum?“

„Weil es für dich gefährlich ist.“

Erdal sah ihn ernst an.

„Für dich ist es auch gefährlich.“

Mücke schwieg.

„Dein Bruder wird etwas tun“, sagte Erdal.

„Ich weiß.“

„Und Hasan auch.“

„Ich weiß.“

Erdal trat näher.

„Dann geh nicht hin.“

Mücke schüttelte den Kopf.

„Ich kann nicht.“

„Warum?“

„Weil Richie mein Bruder ist.“

„Und ich?“

Mücke sah ihn an.

Eine lange Pause.

„Du bist mein Freund.“

Erdal nickte.

„Dann hör auf, dich zwischen uns entscheiden zu wollen.“

Mücke blickte zu Boden.

„Ich weiß nicht, wie.“

„Dann fang damit an, nicht mitzumachen.“

Mücke sah ihm nach, als Erdal langsam davonging.

Zum ersten Mal fragte er sich ernsthaft, ob sein Bruder tatsächlich recht gehabt hatte.

Vielleicht war die Welt der „Sharks“ keine Freiheit.

Vielleicht war sie eine Falle.

***

Serafina:

In der Trinkhalle war es ungewöhnlich ruhig.

Serafina stand hinter dem Tresen und hörte zwei Männer über den Brand sprechen.

„Das alte Fabrikgebäude?“

„Ja. Komplett hinüber. Und jetzt drehen die „Sharks“ völlig durch.“

Serafinas Herz blieb beinahe stehen.

„Entschuldigung?“

Die Männer sahen sie an.

„Was?“

„War jemand namens Campino dort? Er gehört zu den „Sharks“.“

Einer der beiden zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung.“

„Bitte.“

„Ich weiß es wirklich nicht.“

Serafina spürte, wie ihre Hände kalt wurden.

Sie drehte sich weg.

'Bitte nicht. Nein'

Sie wollte nicht weinen.

Nicht hier.

Nicht vor Fremden.

Sie griff nach einem Tuch und wischte über den Tresen.

Einmal.

Zweimal.

Immer wieder.

Bis einer der Männer sagte:

„Mach dir keine Sorgen. Die Jungs passen schon auf sich auf.“

Serafina sah ihn an.

„Das sagen immer alle.“

„Was?“

„Dass sie auf sich aufpassen.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Und irgendwann tut es einer nicht.“

***

Das Wiedersehen:

Es war bereits später Nachmittag, als sich die Tür öffnete.

Serafina sah auf.

Campino.

Sie sagte zunächst nichts.

Er auch nicht.

Er sah müde aus.

Staub lag auf seiner Jacke.

Sein Gesicht war angespannt.

Doch er war da.

Das genügte.

Serafina ging langsam um den Tresen herum.

„Du bist wieder da.“

„Hab ich doch gesagt.“

Sie blieb vor ihm stehen.

„Du hast es versprochen.“

„Ja.“

„Dann halt dein Versprechen.“

Campino sah sie an.

„Ich versuche es.“

„Ich will nicht hören, dass du es versuchst.“

Er schwieg.

„Ich will, dass du zurückkommst.“

„Sera...“

„Nein!“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich weiß, dass du nicht einfach verschwinden kannst! Ich weiß, dass Richie dein Freund ist! Ich weiß, dass die anderen auf dich zählen!“

Ihre Stimme zitterte.

„Aber ich kann nicht so tun, als wäre es mir egal!“

Campino trat näher.

„Das sollst du auch nicht.“

„Was soll ich dann tun?“

„Auf mich warten.“

Serafina sah ihn an.

„Das mache ich doch längst!“

Ein trauriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Ich weiß.“

Sie legte eine Hand an seinen Arm.

„Was ist passiert?“

„Unser Quartier ist zerstört.“

„Und ihr?“

„Wir sind okay.“

„Alle?“

Campino zögerte.

„Ja.“

Sie atmete erleichtert aus.

Dann bemerkte sie seinen Blick.

„Was ist?“

„Es wird schlimmer.“

„Wieviel schlimmer?“

„Sehr viel schlimmer.“

Serafina schloss kurz die Augen.

„Ich hasse dieses Wort.“

„Welches?“

„'Sehr viel schlimmer'.“

Campino nahm ihre Hand.

„Ich will nicht, dass du Angst hast.“

„Dann bleib.“

Er sah sie an.

„Ich wünschte, ich könnte das.“

„Kannst du das nicht?“

Campino schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Serafina ließ seine Hand nicht los.

„Dann komm wenigstens wieder.“

„Das werde ich.“

„Versprochen?“

Er nickte.

„Versprochen.“

***

Das Feuer:

Am Abend versammelten sich die „Sharks“ erneut.

Das alte Fabrikgelände lag im Dunkeln.

Nur eine einzelne Lampe brannte.

Richie stand in der Mitte.

Vor ihm lag eine der erbeuteten Kutten der „Rats“.

Campino stand etwas abseits.

Er wusste bereits, was passieren würde.

Richie öffnete den Kanister.

Der Geruch von Benzin breitete sich aus.

„Richie.“

Keine Antwort.

„Richie, hör auf.“

Richie sah ihn an.

„Warum?“

„Weil das nichts löst.“

„Vielleicht nicht.“

Er goss Benzin über den Stoff.

„Aber sie werden es verstehen.“

Campino ging einen Schritt auf ihn zu.

„Sie werden zurückschlagen.“

„Dann schlagen wir eben auch zurück.“

„Und dann sie wieder. Und irgendwann...“

Richie sah ihn an.

„Was ist dann?“

„...irgendwann ist einer tot.“

Stille.

Für einen Moment sah Richie ihn nur an.

Dann wandte er sich ab.

„Vielleicht ist es dafür längst zu spät.“

Campino spürte einen Kloß im Hals.

Er dachte an Serafina.

An ihre grünen Augen.

An ihre Hand in seiner.

An ihre Worte.

'Komm zurück.'

Richie nahm ein Streichholz.

Das kleine Holzstäbchen flackerte zwischen seinen Fingern.

Einer der „Sharks“ hielt den Atem an.

Campino sagte:

„Richie.“

Richie sah ihn an.

„Was?“

„Denk nochmal drüber nach.“

„Das hab ich schon.“

Das Streichholz fiel.

Die Flamme berührte den Stoff.

Feuer breitete sich aus.

Die Kutte begann zu brennen.

Orangefarbenes Licht tanzte über die Gesichter der Männer.

Campino stand reglos da.

Er konnte die Hitze spüren.

Doch er sah nicht auf das Feuer.

Er sah in die Flammen und dachte nur an eine einzige Person.

Serafina.

'Ich komme zurück.'

Richie trat neben ihn.

„Jetzt wissen sie, dass wir es ernst meinen.“

Campino antwortete nicht.

Denn in diesem Augenblick wusste er etwas anderes.

Der nächste Schritt würde alles verändern.

Und irgendwo in der Stadt wartete eine Frau hinter einer kleinen Trinkhallentür auf ihn.

Sie wusste nicht, dass gerade ein Feuer entzündet worden war, das weit mehr verbrennen konnte als ein Stück Stoff.

Campino drehte sich um.

„Ich muss zu ihr.“

Richie sah ihn überrascht an.

„Jetzt?“

„Ja.“

„Warum?“

Campino blickte noch einmal auf die brennende Kutte.

Dann sagte er:

„Weil ich ihr etwas versprochen habe.“

Er ging.

Hinter ihm schlugen die Flammen höher.

Und keiner der Männer ahnte, dass dieses Feuer nur das erste Zeichen einer Nacht war, die noch lange nicht zu Ende war.