Die Kriegserklärung
Die Kriegserklärung
Die Nacht hatte sich über das Ruhrgebiet gelegt, doch in der Trinkhalle brannte noch Licht.
Serafina stand hinter dem Tresen und starrte durch die beschlagene Scheibe nach draußen. Die Straße war fast leer. Nur hin und wieder zog ein Auto vorbei und warf für einen kurzen Augenblick Licht über die nasse Fahrbahn.
Seit Stunden bekam sie dieses Gefühl nicht los.
Etwas war passiert.
Etwas, das größer war als die bisherigen Streitereien.
Dann hörte sie Schritte.
Sie hob den Kopf.
Campino.
Er kam aus der Dunkelheit auf die Trinkhalle zu.
Serafinas Herz machte einen Sprung.
Doch als er durch die Tür trat, verschwand die Erleichterung sofort wieder.
An seiner Jacke klebte feiner Ruß. Sein Gesicht wirkte müde. In seinen Augen lag etwas, das sie noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte.
Entschlossenheit.
Und Angst.
„Campino.“
Er blieb stehen.
„Hi.“
„Was ist passiert?“
„Nichts.“
Serafina sah ihn nur an.
„Sag mir nicht, dass nichts passiert ist.“
Er senkte den Blick.
„Wir hatten Ärger.“
„Das sehe ich.“
Sie deutete auf seine Jacke.
„Und ich rieche es.“
Campino schwieg.
Serafina kam hinter dem Tresen hervor.
„War das die Sache mit den „Rats“?“
Wieder keine Antwort.
„Campino!“
„Ja.“
Das Wort war kaum hörbar.
Serafina schluckte.
„Ihr habt ihren Laden angezündet?“
„Nicht ihren Laden.“
Campino sah sie an.
„Ihr Zeug.“
Er wusste sofort, dass sie verstanden hatte, was er meinte.
„Du warst dabei?“
„Ja.“
„Warum?“
Er fuhr sich über das Gesicht.
„Weil Richie wollte, dass wir ein Zeichen setzen.“
„Ein Zeichen?“
Serafinas Stimme wurde schärfer.
„Das ist kein Zeichen, Campino. Das ist eine Kriegserklärung.“
Er antwortete nicht.
„Du weißt doch, was jetzt kommt.“
„Ja.“
„Und trotzdem gehst du wieder hin?“
Campino sah sie lange an.
„Ich kann die Jungs nicht einfach allein lassen.“
„Aber mich?“
Die Frage hing zwischen ihnen.
Campino atmete tief durch.
„Das habe ich doch gar nicht gesagt.“
„Das musst du auch nicht sagen!“
Serafina trat näher.
„Du kommst hierher, versprichst mir, dass du wiederkommst, und kaum bist du ein paar Minuten da, wartet draußen schon wieder der nächste Einsatz auf dich!“
„Ich weiß.“
„Nein!“
Ihre Stimme zitterte.
„Du weißt es nicht!“
Campino sah sie erschrocken an.
„Du weißt nicht, wie es ist, hier zu stehen und jedes Mal zu denken, dass du vielleicht nicht mehr durch diese Tür kommst!“
Er sagte nichts.
Serafina kämpfte mit den Tränen.
„Wenn du weißt, dass es irgendwann jemanden das Leben kosten wird – warum gehst du trotzdem zurück?“
Campino antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Weil ich sie nicht einfach zurücklassen kann.“
„Und wer lässt dich dann nicht zurück?“
Er sah sie an.
Diesmal fand er keine Antwort.
Serafina wischte sich hastig über die Wange.
„Genau das ist es!“
Campino trat einen Schritt auf sie zu.
„Sera...“
„Nein!“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich will nicht, dass du mir etwas versprichst, was du vielleicht nicht halten kannst!“
„Ich will aber zurückkommen.“
„Dann hast du gerade erst etwas versprochen!“
„Ich weiß.“
„Und jetzt gehst du schon wieder!“
Campino schloss für einen Moment die Augen.
„Ich muss gehen.“
Serafina sah ihn direkt an.
„Nein!“
Er öffnete die Augen.
„Du glaubst nur, dass das du musst!“
***
Zur gleichen Zeit stand Mücke am Rand eines verlassenen Parkplatzes.
„Erdal!“
Keine Antwort.
„Erdal!“
Er lief weiter.
Schließlich tauchte Erdal aus einem Hauseingang auf.
Mücke blieb stehen.
„Da bist du ja.“
Erdal sah ihn ernst an.
„Was willst du?“
„Mit dir reden.“
„Dann red.“
Mücke trat näher.
„Die „Sharks“ wollen heute Nacht los.“
Erdal verzog das Gesicht.
„Dann geh nicht mit.“
„Richie würde mich umbringen.“
„Das glaube ich dir nicht.“
„Du kennst meinen Bruder nicht.“
„Doch.“
Erdal schüttelte den Kopf.
„Ich kenne Richie gut genug, um zu wissen, dass er dich nicht verlieren will.“
Mücke sah zu Boden.
„Ich bin kein Kind mehr.“
„Darum geht es nicht.“
„Worum dann?“
Erdal trat näher.
„Wenn du heute mitgehst, bist du nicht mehr nur Richies kleiner Bruder.“
Mücke sah ihn fragend an.
„Was bin ich dann?“
Erdal zögerte.
„Einer von ihnen.“
Mücke schwieg.
Diese Worte trafen ihn härter, als er erwartet hatte.
„Und du?“
„Was ist mit mir?“
„Du bist einer von den „Rats“.“
Erdal sah ihn lange an.
„Ich bin Erdal.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“
Mücke schüttelte den Kopf.
„Für mich nicht.“
Erdal sah zur Seite.
„Vielleicht ist genau das unser Problem.“
***
In der Trinkhalle war es wieder still geworden.
Campino stand noch immer vor Serafina.
„Ich weiß, dass du Angst hast.“
„Ich hab nicht nur Angst.“
„Was dann?“
Serafina sah ihn an.
„Ich hab mich in dich verliebt, Campino.“
Campino erstarrte.
Für einen Moment war nur das leise Brummen des Kühlschranks zu hören.
Serafina senkte den Blick.
„Jetzt weißt du es.“
Campino sagte nichts.
„Du musst nichts dazu sagen.“
„Ich will aber.“
Er trat näher.
„Ich wusste nicht, dass du das fühlst.“
„Ich habe versucht, es dir nicht zu zeigen.“
„Warum?“
„Weil ich wusste, dass du irgendwann wieder gehen wirst.“
Campino schluckte.
„Sera...“
„Ich verlange nicht, dass du heute Nacht alles aufgibst.“
Sie sah ihm in die Augen.
„Ich verlange nur, dass du dich daran erinnerst, dass irgendwo jemand auf dich wartet.“
Campino nahm vorsichtig ihre Hand.
„Das werde ich.“
Draußen fuhr plötzlich ein Wagen vorbei.
Beide drehten sich zur Tür.
Der Wagen hielt nicht.
Aber Campino wusste, was es bedeutete.
Er musste gehen.
„Richie“, sagte er leise.
Serafina schloss die Augen.
„Natürlich.“
„Ich komme wieder.“
Sie öffnete die Augen.
„Dann tu es auch.“
„Das werde ich. Nicht für Richie.“
Campino sah sie an.
„Für dich.“
Er drückte ihre Hand.
Dann ließ er sie los.
Die Entfernung zwischen ihnen war plötzlich viel größer als nur ein paar Schritte.
Campino ging zur Tür.
Seine Hand lag bereits auf dem Griff.
„Campino?“
Er drehte sich um.
Serafina stand noch immer hinter dem Tresen.
„Pass auf dich auf.“
Er nickte.
„Du auch.“
Dann war er draußen.
Serafina sah ihm durch die Scheibe nach.
Bis seine Gestalt zwischen den Häusern verschwand.
***
Richie wartete bereits.
Mehrere „Sharks“ standen um ihn herum.
Niemand sprach.
Dann tauchte Campino auf.
Richie sah ihn an.
„Da bist du ja endlich.“
„Was ist los?“
„Hasan hat seine Leute zusammengerufen.“
Campino blickte in die Runde.
„Jetzt?“
Richie nickte.
Campino atmete langsam aus.
„Und was hast du vor?“
Richie zog seine Jacke enger.
„Heute Nacht endet das.“
Campino sah ihn an.
„Richie, denk nach.“
„Hab ich.“
„Nein. Du bist wütend.“
Richie trat näher.
„Natürlich bin ich wütend.“
„Das bringt uns nicht weiter.“
„Vielleicht doch.“
Campino schwieg.
Richie blickte zu den anderen.
„Wir lassen uns nicht noch einmal vorführen.“
Campino sah in die Gesichter der „Sharks“.
Jeder wusste, dass es jetzt kein Zurück mehr gab.
Dann wanderte sein Blick über die Straße.
Dorthin, wo die Trinkhalle lag.
Er dachte an Serafina.
An ihre Stimme.
An ihre Hand in seiner.
'Irgendwo wartet jemand auf dich.'
Campino schluckte.
Dann wandte er sich wieder Richie zu.
„Gehen wir.“
Die Gruppe setzte sich in Bewegung.
Hinter ihnen blieb die Straße dunkel zurück.
Und irgendwo in dieser Dunkelheit stand Serafina noch immer hinter der Scheibe der Trinkhalle.
Sie wusste nicht, was diese Nacht bringen würde.
Aber zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass ihre Angst nicht unbegründet war.
Der Krieg hatte begonnen.
Und Campino war mittendrin.