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Vor dem Sturm

Zwischen Beton Und Hoffnung — www.fanfiktion.de · All chapters

Vor dem Sturm

Die Nacht war ungewöhnlich still.

Nicht friedlich.

Nur still.

Als würde selbst die Stadt den Atem anhalten.

In der Trinkhalle brannte noch immer Licht. Serafina stand hinter dem Tresen, obwohl längst kein Kunde mehr gekommen war. Die Uhr über der Tür tickte unerträglich laut.

Sie sah immer wieder zur Scheibe.

Immer wieder zur Straße.

Nichts.

Kein Campino.

Sie presste die Hände auf die kalte Arbeitsplatte.

'Ich komme wieder.'

Das hatte er gesagt.

Aber diesmal klang dieser Satz in ihrem Kopf nicht mehr wie ein Versprechen.

Sondern wie eine Bitte an das Schicksal.

Sie schloss kurz die Augen.

Noch immer spürte sie seine Hand in ihrer.

Und noch immer hörte sie seine Stimme.

'Für dich.'

Serafina schluckte.

„Dann komm zurück“, flüsterte sie.

Ihre Stimme ging im Brummen des Kühlschranks unter.

***

Zur selben Zeit bewegte sich eine Gruppe von Männern durch die dunklen Straßen.

Richie ging vorne.

Campino etwas dahinter.

Niemand sprach viel.

Die Schritte klangen auf dem feuchten Asphalt.

Campino hatte die Hände tief in den Jackentaschen vergraben.

Doch sein Blick wanderte immer wieder zurück.

Zur Stadt.

Zur Trinkhalle.

Zu Serafina.

Richie bemerkte es.

„Du denkst an sie.“

Campino sah ihn an.

„Ja.“

„Du solltest lieber an das denken, was vor uns liegt.“

„Das tu ich.“

Richie blieb kurz stehen.

„Dann weißt du, was wir machen müssen.“

Campino sah ihn ernst an.

„Ich weiß, was du machen willst.“

Richie verzog das Gesicht.

„Ist das nicht dasselbe?“

„Nein.“

Ein paar Sekunden lang standen sie sich gegenüber.

„Du hast dich verändert“, sagte Richie schließlich.

Campino antwortete ruhig:

„Vielleicht habe ich einfach angefangen, über die Folgen nachzudenken.“

Richie lachte kurz, aber ohne Freude.

„Die Folgen?“

„Ja.“

„Seit wann interessiert dich das?“

Campino sah ihn an.

„Seit jemand auf mich wartet.“

Richie schwieg.

Dann ging er weiter.

Campino folgte.

Doch seine Gedanken waren längst wieder bei Serafina.

***

Mücke hatte Erdal schließlich gefunden.

Er stand an einer Mauer, die Hände in den Taschen, den Blick auf den Boden gerichtet.

„Erdal.“

Erdal drehte sich um.

„Du schon wieder?“

„Ich muss mit dir reden.“

„Dann rede.“

Mücke trat näher.

„Du weißt, was heute Nacht passiert.“

„Ja.“

„Und du wirst bei ihnen sein.“

Erdal antwortete nicht.

„Bei den „Rats“.“

„Ja.“

Mücke sah ihn enttäuscht an.

„Dann sind wir also wirklich auf verschiedenen Seiten.“

„Das waren wir vielleicht schon länger.“

„Nein.“

Mücke schüttelte den Kopf.

„Das glaube ich dir nicht.“

Erdal sah ihn an.

„Du bist Richies Bruder.“

„Und du bist mein Freund.“

„Genau das macht es so schwierig.“

Mücke schluckte.

„Dann komm mit mir.“

Erdal schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich nicht so enden will.“

„Und ich?“

Erdal sah ihn lange an.

„Du solltest auch nicht so enden.“

Mücke ballte die Hände.

„Ich kann meinen Bruder nicht allein lassen.“

„Du musst nicht dein ganzes Leben für deinen Bruder riskieren.“

„Das verstehst du nicht.“

„Doch.“

Erdal trat einen Schritt näher.

„Vielleicht besser, als du denkst.“

Mücke sah ihn an.

Für einen Moment waren sie wieder die beiden Jungen, die einfach nur Freunde gewesen waren.

Dann drang aus der Ferne ein Motorengeräusch zu ihnen.

Erdal blickte über die Straße.

„Du solltest gehen.“

„Erdal...“

„Geh!“

Mücke zögerte.

Dann drehte er sich um.

Aber er ging nicht nach Hause.

Er ging dorthin, wo sein Bruder war.

***

In der Trinkhalle öffnete sich plötzlich die Tür.

Serafina fuhr herum.

Ein Mann kam herein.

Er blieb nur kurz stehen.

„Bist du Serafina?“

„Ja.“

„Kennst du einen Campino?“

Ihr Herz schlug schneller.

„Was ist mit ihm?“

„Nichts.“

„Dann sag mir, warum du hier bist.“

Der Mann sah zur Tür.

„Die „Sharks“ sind unterwegs.“

Serafina wurde blass.

„Wo?“

Er schüttelte den Kopf.

„Das weiß ich nicht genau.“

„Aber du weißt, dass Campino dabei ist?“

Keine Antwort.

Serafina ging um den Tresen.

„Ist er verletzt?“

„Nein.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich ihn vorhin gesehen habe.“

Sie atmete erleichtert aus.

Nur für einen Augenblick.

Dann fragte sie:

„Wo sind sie jetzt?“

Der Mann sah sie ernst an.

„Jetzt sind sie auf dem Weg zu den „Rats“.“

Er ging wieder.

Die Tür fiel ins Schloss.

Serafina blieb stehen.

Allein.

Ihre Hände zitterten.

Sie sah auf die Uhr.

Dann zur Straße.

„Komm zurück“, flüsterte sie.

Diesmal lauter.

„Bitte.“

***

Am alten Industriegelände brannte eine einzelne Lampe.

Richie stand im Schatten eines Gebäudes.

Die „Sharks“ warteten.

Campino sah sich um.

Die Luft roch nach feuchtem Beton und kaltem Rauch.

Dann tauchten auf der anderen Seite des Geländes mehrere Gestalten auf.

Die „Rats“.

Hasan ging vorne.

Niemand sagte etwas.

Die beiden Gruppen blieben in einiger Entfernung stehen.

Campino erkannte einige Gesichter.

Auch Hasan erkannte ihn.

Sein Blick blieb an Campino hängen.

„Du bist also auch hier.“

Campino erwiderte seinen Blick.

„Sieht ganz so aus.“

Richie trat nach vorne.

„Wir sind nicht zum Reden gekommen.“

Hasan blieb stehen.

„Das glaube ich dir.“

„Ihr habt unseren Platz zerstört.“

Hasan hob leicht das Kinn.

„Und ihr habt unsere Sachen verbrannt.“

„Ihr habt angefangen.“

„Und ihr habt weitergemacht.“

Richie ging noch einen Schritt vor.

Campino beobachtete ihn aufmerksam.

„Wir können das hier beenden“, sagte Hasan.

Richie lachte bitter.

„Und wie?“

Hasan antwortete:

„Indem einer von uns nachgibt.“

„Das wird nicht passieren.“

„Dann weißt du, was kommt.“

Stille.

Campino spürte, wie sich alles in ihm zusammenzog.

Er dachte an Serafina.

An ihre Worte.

'Du glaubst, dass du musst.'

Vielleicht hatte sie recht.

Vielleicht gab es tatsächlich einen Moment, in dem man sich entscheiden musste, welchen Weg man weiterging.

Aber jetzt stand er hier.

Neben Richie.

Neben den anderen.

Und auf der anderen Seite standen Hasan und die „Rats“.

Ein falscher Schritt.

Ein falsches Wort.

Und alles würde explodieren.

Hasan sah Richie an.

„Letzte Chance.“

Richie antwortete:

„Für euch auch.“

Niemand bewegte sich.

Ein Windstoß zog über das Gelände.

Campino blickte kurz zurück.

In Richtung Stadt.

Dorthin, wo irgendwo die Trinkhalle lag.

Dorthin, wo Serafina wahrscheinlich noch immer wartete.

'Ich komme wieder.'

Er wusste plötzlich nicht mehr, ob er dieses Versprechen halten konnte.

***

Serafina stand inzwischen vor der Trinkhalle.

Die Nachtluft war kalt.

Sie hatte die Arme um ihren Körper geschlungen.

Sie konnte nicht mehr stillstehen.

Also ging sie ein paar Schritte.

Blieb stehen.

Sah auf die Straße.

Nichts.

„Campino...“

Ihre Stimme brach.

Sie wischte sich über die Augen.

Dann sah sie zum dunklen Himmel.

„Bitte...“

Mehr brachte sie nicht heraus.

***

Am Industriegelände trat Richie langsam nach vorne.

Hasan tat dasselbe.

Campino spürte, wie sich die Anspannung in seinem Körper steigerte.

Hinter Richie bewegten sich die „Sharks“.

Hinter Hasan die „Rats“.

Noch immer war niemand losgelaufen.

Noch immer war kein Schlag gefallen.

Aber jeder wusste:

Es würde nicht mehr lange dauern.

Campino schloss für einen kurzen Moment die Augen.

Er sah Serafina vor sich.

Ihr Gesicht.

Ihre grünen Augen.

Ihre Hand in seiner.

Und ihre Stimme:

'Irgendwo wartet jemand auf dich.'

Er öffnete die Augen.

Richie machte einen Schritt nach vorne.

Hasan ebenfalls.

Die Entfernung zwischen den beiden Gruppen wurde kleiner.

Noch ein Schritt.

Noch einer.

Dann standen sie sich gegenüber.

Die Nacht hielt den Atem an.

Und irgendwo hinter den dunklen Fenstern der Stadt wartete eine Frau auf ihn, die nicht wusste, ob sie ihn noch einmal wiedersehen würde.