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Wenn die Nacht zerbricht

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Wenn die Nacht zerbricht

Die Stille hielt nicht länger.

Ein einziger Schritt genügte.

Richie trat vor.

Hasan ebenfalls.

Für einen Moment standen sie sich direkt gegenüber. Zwischen ihnen lagen nur wenige Meter – und alles, was sich in den vergangenen Tagen aufgestaut hatte.

Campino spürte die Anspannung bis in die Fingerspitzen.

Niemand sprach.

Dann sagte Hasan leise:

„Ihr hättet es dabei belassen können.“

Richie lachte trocken.

„Ihr auch.“

„Ihr habt unsere Westen verbrannt.“

„Nachdem ihr unseren Treffpunkt zerstört habt.“

„Ihr habt angefangen, weiterzugehen.“

Richies Blick wurde hart.

„Und jetzt sind wir hier.“

Hasan machte einen Schritt auf ihn zu.

„Ja.“

Campino sah zwischen den beiden hin und her.

„Richie.“

Sein Freund reagierte nicht.

„Richie, lass es.“

Jetzt drehte er den Kopf.

„Was?“

„Das hier bringt nichts.“

„Dann geh.“

Campino starrte ihn an.

„Das meinst du nicht ernst.“

„Doch.“

„Wir können immer noch...“

Ein Schubser unterbrach ihn.

Niemand wusste später genau, wer angefangen hatte.

Ein Körper prallte gegen den nächsten.

Jemand schrie.

Dann ging alles gleichzeitig los.

***

Campino wurde nach hinten gerissen.

„Verdammt!“

Er fing sich gerade noch.

Vor ihm bewegten sich plötzlich Menschen in alle Richtungen. Schreie, wütende Stimmen, schnelle Schritte. Jemand stieß ihn gegen eine Mauer.

Campino drückte sich davon ab.

„Hört auf!“

Niemand hörte.

Ein weiterer Mann kam auf ihn zu.

Campino wich aus.

Er wollte nicht kämpfen.

Nicht heute.

Nicht mehr.

Doch der andere schlug nach ihm.

Campino blockte den Schlag und stieß ihn zurück.

„Lass mich in Ruhe!“

Doch der nächste kam bereits.

Die Nacht war zu einem einzigen Chaos geworden.

***

Mücke hatte inzwischen das Gelände erreicht.

Er blieb abrupt stehen.

„Scheiße...“

Überall waren Menschen.

Die „Sharks“.

Die „Rats“.

Und dazwischen Erdal.

„Erdal!“

Erdal drehte sich um.

Sein Gesicht veränderte sich sofort.

„Mücke! Was machst du hier?“

„Ich suche Richie!“

„Du musst hier weg!“

„Nein!“

Mücke ging auf ihn zu.

„Wo ist mein Bruder?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du lügst!“

Erdal packte ihn an der Schulter.

„Hör mir zu! Geh nach Hause!“

Mücke riss sich los.

„Ich gehe nicht!“

„Mücke!“

„Du bist mein Freund!“

Erdal erstarrte.

Für einen Augenblick schien der Lärm um sie herum zu verschwinden.

„Dann benimm dich auch wie ein Freund“, sagte Erdal leise.

Mücke sah ihn verständnislos an.

„Was soll das heißen?“

„Geh.“

„Nein.“

„Bitte.“

Mücke schluckte.

Dann sah er hinter Erdal.

„Da ist Richie.“

Erdal drehte sich um.

Mücke rannte los.

***

Richie hatte Hasan erreicht.

Die beiden prallten aufeinander.

Campino sah sie.

„Richie!“

Er versuchte, zu ihnen zu gelangen.

Doch zwei Männer versperrten ihm den Weg.

„Aus dem Weg!“

Campino schob einen zur Seite.

„Richie!“

Keine Reaktion.

Hasan und Richie waren bereits ineinander verkeilt.

Campino rannte weiter.

Ein Schlag.

Ein weiterer.

Richie stolperte zurück.

„Hör auf!“, rief Campino.

Hasan ging wieder auf ihn zu.

Richie hob die Arme.

„Komm!“

Campino blieb stehen.

Etwas stimmte nicht.

Hasans rechte Hand war plötzlich nicht mehr zu sehen.

Campinos Blick fiel darauf.

Dann sah er das Metall aufblitzen.

Sein Herz setzte aus.

„Richie!“

Richie drehte sich um.

Zu spät.

***

Zur selben Zeit stand Serafina noch immer vor der Trinkhalle.

In der Ferne flackerte plötzlich blaues Licht.

Sie starrte in die Richtung.

Polizei.

Ihr Herz begann zu rasen.

„Nein.“

Sie ging einen Schritt auf die Straße.

Dann noch einen.

Sie wusste nicht, was passiert war.

Aber sie wusste, wer dort draußen war.

Campino.

„Bitte nicht.“

Ihre Stimme zitterte.

„Bitte nicht Campino.“

***

Auf dem Industriegelände schien für einen Moment alles langsamer zu werden.

Campino sah nur Richie.

Richies Augen.

Sein überraschter Ausdruck.

Dann griff er sich an die Seite.

„Richie...“

Campino rannte los.

„Richie!“

Hasan wich zurück.

Mücke kam ebenfalls angerannt.

„Bruder!“

Richie taumelte.

Campino fing ihn auf.

„Bleib stehen.“

Richie sah ihn an.

Zum ersten Mal war nichts Kämpferisches mehr in seinem Gesicht.

Nur Erschöpfung.

„Campino...“

„Ich hab dich.“

Campino hielt ihn fest.

„Ich hab dich.“

Mücke kam neben ihnen zum Stehen.

„Richie!“

„Mücke...“

Mücke begann zu weinen.

„Nein.“

Richie sah seinen kleinen Bruder an.

„Du solltest nicht hier sein.“

„Ich wollte zu dir.“

Richie atmete schwer.

Campino blickte hektisch um sich.

„Wir brauchen einen Krankenwagen!“

Jemand rief nach Hilfe.

Andere liefen davon.

Die Auseinandersetzung zerfiel.

Die Wut wich der Erkenntnis.

Die Erkenntnis, dass etwas geschehen war, das sich nicht mehr zurücknehmen ließ.

In der Ferne wurden die Sirenen lauter.

Campino hielt Richie fest.

„Bleib bei uns.“

Richie schloss kurz die Augen.

„Mücke...“

„Ich bin hier.“

„Geh...nach Hause.“

Mücke schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Nein.“

„Mach...es besser.“

Mücke weinte.

„Bitte hör auf, so zu reden.“

Campino sah Richie an.

„Die Hilfe kommt.“

Richie öffnete noch einmal die Augen.

Campino wusste nicht, was er sagen sollte.

Er dachte an Serafina.

An ihr Gesicht.

An ihre Worte.

'Du glaubst, dass du musst.'

Und plötzlich verstand er.

Das hier war der Preis.

Nicht irgendeine abstrakte Gefahr.

Nicht irgendein Gerücht.

Ein Mensch lag in seinen Armen.

Sein Freund.

Sein Leben.

Die ersten Polizeiwagen erreichten das Gelände.

Blaulicht schnitt durch die Dunkelheit.

Menschen rannten auseinander.

Doch Campino blieb.

Er ließ Richie nicht los.

Und irgendwo in der Stadt stand Serafina noch immer an der Straße und wartete auf den Mann, der ihr versprochen hatte, zurückzukommen.

Sie wusste noch nicht, dass die Nacht alles verändert hatte.