Der Moment danach
Der Moment danach
Die Sirenen kamen näher.
Immer näher.
Blaues Licht zuckte über die Mauern des alten Industriegeländes und ließ die Gesichter der Menschen für Sekunden hell aufleuchten, bevor die Dunkelheit sie wieder verschluckte.
Campino kniete noch immer neben Richie.
Seine Hände zitterten.
„Bleib bei mir“, sagte er leise. „Hörst du? Bleib einfach bei mir.“
Richie antwortete nicht.
„Richie.“
Ein Sanitäter ging neben ihm in die Hocke.
„Wir müssen zu ihm.“
Campino sah ihn an.
„Er braucht Hilfe.“
„Genau deshalb müssen Sie ihn loslassen.“
Campino blickte auf Richie.
Er konnte es nicht.
Nicht sofort.
„Ich hab ihn.“
„Das sehe ich. Aber wir müssen ihn behandeln.“
Campino schluckte.
Langsam löste er seine Arme.
Der Sanitäter übernahm.
Campino wich ein Stück zurück.
Und plötzlich fühlte sich seine Welt leer an.
***
„Richie!“
Mücke stürzte auf seinen Bruder zu.
Ein Polizist hielt ihn zunächst zurück.
„Bleib bitte dort.“
„Das ist mein Bruder!“
„Wir kümmern uns um ihn.“
„Aber ich muss zu ihm!“
Erdal packte Mücke vorsichtig an der Schulter.
„Mücke.“
„Lass mich!“
„Du kannst jetzt nichts machen.“
Mücke sah ihn an.
Tränen liefen über sein Gesicht.
„Er hat immer gesagt, ich soll mich da raushalten!“
Erdal schwieg.
„Er hat immer gesagt, ich soll nicht so werden wie er!“
Mückes Stimme brach.
„Und jetzt liegt er da!“
Erdal zog ihn vorsichtig zurück.
„Ich weiß.“
„Nein!“
Mücke schüttelte den Kopf.
„Du weißt es nicht!“
Erdal sah zu Richie.
Dann zu Mücke.
„Vielleicht nicht.“
Eine Pause.
„Aber ich bleibe bei dir.“
Mücke antwortete nicht.
Er ließ sich einfach von Erdal festhalten.
Campino stand einige Meter entfernt.
Er sah den Sanitätern zu.
Sie arbeiteten ruhig und konzentriert.
Zu ruhig.
Viel zu ruhig.
Einer der Sanitäter schüttelte schließlich kaum merklich den Kopf.
Campino sah es.
Sein Magen zog sich zusammen.
„Nein.“
Er trat einen Schritt vor.
„Was ist?“
Keine Antwort.
„Was ist mit ihm?“
Der Sanitäter sah ihn an.
„Es tut mir leid.“
Campino erstarrte.
Die Worte waren so leise gesprochen worden.
Und trotzdem trafen sie ihn wie ein Schlag.
„Nein!“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, Sie müssen weitermachen!“
„Wir haben alles versucht.“
„Nein!“
Campino ging näher.
„Machen Sie weiter!“
Der Sanitäter sah ihn traurig an.
„Es tut mir leid.“
Campino stand einfach da.
Richie war tot.
Der Gedanke wollte nicht in seinen Kopf.
Er passte nicht hinein.
Noch vor wenigen Stunden hatte Richie neben ihm gestanden.
Hatte geredet.
Gelacht.
Befehle gegeben.
Und jetzt...
Nichts.
***
Mücke hörte die Worte.
„Was?“
Erdal sah ihn an.
Mücke hatte es verstanden.
„Nein.“
Er riss sich los und lief zu seinem Bruder.
„Richie!“
Ein Polizist versuchte, ihn aufzuhalten.
„Junge...“
„Lassen Sie mich!“
Mücke sank neben Richie auf die Knie.
„Du kannst doch nicht einfach...“
Seine Stimme versagte.
„Du kannst doch nicht einfach gehen.“
Keine Antwort.
Mücke legte eine Hand auf die Jacke seines Bruders.
„Du hast gesagt, ich soll nach Hause.“
Er schluchzte.
„Warum bist du dann nicht mitgekommen?“
Erdal stand einige Schritte entfernt.
Campino konnte den Anblick kaum ertragen.
Er wandte sich ab.
Und plötzlich war da wieder Serafina.
Ihre Stimme.
Ihre Augen.
'Du glaubst, dass du musst.'
Campino schloss die Augen.
Vielleicht hätte er Richie zurückhalten können.
Vielleicht hätte er früher eingreifen müssen.
Vielleicht...
„Junger Mann.“
Er öffnete die Augen.
Ein Polizist stand vor ihm.
„Ich muss Sie kurz befragen.“
Campino sah ihn an.
„Jetzt?“
„Ja.“
Campino blickte noch einmal zu Richie.
„Okay.“
***
Die Befragung dauerte nicht lange.
Zumindest fühlte sie sich nicht lange an.
'Wo waren sie gewesen?'
'Wer war zuerst da?'
'Wer hatte angefangen?'
'Was haben Sie gesehen?'
Campino antwortete mechanisch.
„Ich weiß es nicht.“
„Sie waren direkt dabei?“
„Ja.“
„Haben Sie gesehen, wer ihn verletzt hat?“
Campino schwieg.
Vor seinem inneren Auge sah er wieder das kurze Aufblitzen des Metalls.
Hasan.
Richie.
Der Moment.
„Ja.“
Der Polizist wartete.
„Wer?“
Campino hob den Blick.
Hasan stand nicht weit entfernt.
Auch er wurde gerade befragt.
Ihre Blicke trafen sich.
Keiner sagte etwas.
Dann wandte Campino sich wieder dem Polizisten zu.
„Hasan.“
Der Name blieb zwischen ihnen hängen.
***
Inzwischen war die Nachricht in der Stadt angekommen.
Serafina wusste noch immer nichts Genaues.
Sie stand hinter dem Tresen und sah auf die Uhr.
Immer wieder.
Dann ging die Tür auf.
Ein Bekannter trat ein.
Sein Gesicht war ernst.
Serafina wusste sofort, dass etwas passiert war.
„Was ist?“
Er schwieg.
„Sag es mir.“
„Es gab eine Schlägerei.“
Serafinas Herz begann zu rasen.
„Wo?“
„Bei den alten Fabrikhallen.“
„Campino?“
Der Mann sah sie an.
„Er lebt.“
Serafina atmete aus.
Ihre Knie wurden weich.
Sie musste sich am Tresen festhalten.
„Gott sei Dank.“
Dann bemerkte sie seinen Blick.
„Was?“
Er antwortete nicht sofort.
„Richie ist tot.“
Serafina erstarrte.
Ihre Hand glitt vom Tresen.
„Nein.“
„Es tut mir leid.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Serafina...“
„Campino war dabei?“
„Ja.“
Sie schloss die Augen.
Jetzt verstand sie.
Campino hatte Richie sterben sehen.
Und irgendwo tief in ihr wusste sie:
Er würde nicht einfach nach Hause kommen und so tun können, als wäre nichts passiert.
***
Es war weit nach Mitternacht, als sich die Tür der Trinkhalle erneut öffnete.
Serafina blickte auf.
Campino.
Er stand im Türrahmen.
Er sah nicht aus wie der Mann, der wenige Stunden zuvor gegangen war.
Seine Schultern waren gesenkt.
Sein Blick war leer.
Serafina sagte nichts.
Sie ging einfach zu ihm.
Campino sah sie an.
Für einen Moment bewegte er sich nicht.
Dann brach etwas in seinem Gesicht.
„Er ist tot.“
Mehr brachte er nicht heraus.
Serafina nahm ihn in die Arme.
Campino hielt sich an ihr fest.
Ganz fest.
Als müsste er sich daran erinnern, dass er selbst noch da war.
„Ich hab ihn gehalten“, flüsterte er.
Serafina schloss die Augen.
„Ich weiß.“
„Er hat noch mit mir geredet.“
„Ich weiß.“
„Und dann...“
Campino konnte nicht weitersprechen.
Serafina strich ihm langsam über den Rücken.
„Du musst nichts sagen.“
Er atmete schwer.
„Ich hätte ihn aufhalten müssen.“
„Campino.“
„Ich hätte ihn zurückhalten müssen.“
„Du kannst nicht alles verhindern.“
„Aber vielleicht hätte ich...“
„Nein.“
Serafina sah ihn an.
„Du warst dort. Du hast versucht zu helfen.“
Campino schüttelte den Kopf.
„Es hat nicht gereicht.“
Serafina nahm sein Gesicht vorsichtig in ihre Hände.
„Du bist zurückgekommen.“
Campino sah sie an.
Dieser Satz traf ihn.
Er hatte es versprochen.
Und er war tatsächlich zurückgekommen.
Aber der Preis dafür war ein anderer Mensch gewesen.
Er lehnte seine Stirn gegen ihre.
Beide schwiegen.
Draußen fuhr ein Polizeiwagen vorbei.
Blaulicht wanderte über die Scheibe der Trinkhalle.
Campino schloss die Augen.
„Ich weiß nicht, ob ich noch zurück kann.“
Serafina antwortete leise:
„Dann musst du vielleicht auch nicht zurück.“
Er öffnete die Augen.
Sie hielt seinen Blick fest.
„Vielleicht gibt es einen anderen Weg.“
Campino sagte nichts.
Zum ersten Mal glaubte er selbst, dass es diesen Weg vielleicht geben könnte.
Aber bevor er ihn gehen konnte, musste er verstehen, was diese Nacht aus ihm gemacht hatte.
Serafina nahm seine Hand.
Und diesmal ließ sie sie nicht wieder los.
Draußen wurde es langsam stiller.
Doch für Campino war die Nacht noch lange nicht vorbei.