Kapitel 1
Kapitel 1
Hallo meine Lieben!
Hiermit melde ich mich aus meiner Sommerpause zurück! ;) Es geht endlich weiter und ich freue mich darauf, hoffentlich wieder viele alte Bekannte zu treffen, die mich auch im zweiten Teil dieser Geschichte begleiten möchten.
Wie ihr es bereits von mir gewohnt seid, werde ich immer 1x wöchentlich am Donnerstag updaten. Sollte es einmal wegen diverser Gründe nicht möglich sein, gebe ich euch dahingehend rechtzeitig bescheid! :-)
Und nun wünsche ich euch viel Spaß mit dem ersten Kapitel und sage bis nächste Woche!
Liebe Grüße,
Federpoet
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Kapitel 1
Selten sind mir sechs Wochen Sommerferien so lang vorkommen, wie es diesmal der Fall gewesen ist. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich mich vor einem Jahr gefühlt habe. Ich war so wütend auf meinen Vater, dass er mich eigenmächtig in einem Internat angemeldet hat. Rückblickend war das seine wohl beste Idee. Sonst hätte ich dich niemals kennengelernt
Paul las die Nachricht wieder und wieder. Noch immer konnte sein Verstand nicht ganz erfassen, wie es nur dazu kommen konnte, dass eine Schülerin sein Herz höherschlagen ließ. Doch dies war nun seine neue Realität. Sie hatte mit einem Kuss vor sechs Wochen ihren Anfang genommen.
Du hast damals noch nicht ahnen können, was alles auf dich zukommt. Das ist nun anders. Du weißt, was dich erwartet
Ja, das stimmt. Du erwartest mich
Nachdenklich blickte Paul kurz aus dem Fenster seines Wagens. Er stand bereits seit zehn Minuten auf dem Parkplatz des Internats und schrieb mit Aurelia Nachrichten hin und her. So war es die gesamten Ferien gewesen. Sie hatten sich über Gott und die Welt unterhalten und so den anderen immer besser kennengelernt. Freilich stand es außer Frage, dass man sich außerhalb des schulischen Rahmens Privat traf. Doch wie sollten sie nun im Unterricht miteinander umgehen?
Paul hatte es nicht über sich gebracht, Herrn Jansen darum zu bitten, seine jetzige zwölfte abzugeben. Ihm war zum einen kein vernünftig klingender Grund eingefallen der einen solchen Schritt rechtfertigte und zum anderen hätte er es nicht ertragen, seine erste eigene Abiturklasse abzugeben. Das seine Gefühle für Aurelia durchaus einen Grund zum Wechseln geliefert hätten, ignorierte Paul geflissentlich. Er wusste, es war im höchsten Maße unangebracht, was er da tat. Doch er kam nicht mehr gegen seine Gefühle an. Lange hatte er sich gegen sie gewehrt, doch letztendlich war er machtlos gewesen.
Nicht nur ich. Dich erwartet außerdem ein knallhartes Abiturjahr. Du wirst noch mehr büffeln müssen als im vergangenen Schuljahr. Das darfst du nicht vergessen, Aurelia . Trotz allem bin ich immer noch dein Lehrer und mir ist daran gelegen, dass du einen Prima Abschluss hinlegst
Ja, Herr Arendts, dessen bin ich mir wohl bewusst! :-P
Ihre flapsige Antwort ließ ihn lächeln. Sein Blick glitt zur Uhr auf dem Display seines Smartphones. Seufzend gestand er sich ein, dass er nun losmusste. Die Lehrerkonferenz würde in fünf Minuten beginnen. Selbst wenn er rannte, würde er es wohl nicht mehr pünktlich in die Aula schaffen.
Ich muss nun zur Konferenz. Ich melde mich später nochmal bei dir!
Paul wagte nicht einen Kusssmiley hintenanzusetzen. Obgleich er bereits im realen Leben von ihren Lippen kosten durfte, so hinderte ihn seine Vernunft daran, es auch im virtuellen zu tun. Wie paradox dies war, kam ihm immer wieder in den Sinn, wenn er an der Schwelle stand.
Eigentlich sollte er beschwingter das Internat betreten, da die erste Konferenz des neuen Schuljahres bedeutete, dass er bald Aurelia wiedersah. Doch nur missmutig wollten seine Füße ihren Weg zum Eingang des imposanten Gebäudes finden. Ihm würden mindestens drei Stunden Diskussionen, Stunden- und Aufsichtspläne, Versetzungen von Schülern und abgestandener Automatenkaffee erwarten. Also wenig aussichtsreiche Gründe, ihn zu motivieren, wenigsten ein schmales Lächeln aufzusetzen.
Schritt um Schritt näherte er sich der verhassten Aula. Schließlich stieß er die Tür auf und betrat den großen Raum, wo vor wenigen Wochen seine Musik-AG einen glanzvollen Auftritt bei der Abschlussklasse des vergangenen Jahres hingelegt hatte. Im Geiste sah Paul noch Aurelia auf der Bühne sitzen und ihre Stücke performen. Still ergab er sich in sein Schicksal und ließ sich neben Herrn Prien, dem Deutschlehrer, nieder. Wie es bei den Schülern in wenigen Tagen ausführlicher stattfinden würde, tauschten sich die Kollegen bereits kurz über ihre Ferien aus, bis Herr Jansen mit einem leisen Räuspern die Aufmerksamkeit aller einforderte.
„Liebe Kollegen, ich begrüße Sie zum neuen Schuljahr und hoffe, dass Sie alle einen angenehmen Urlaub verbracht haben. Ich würde zunächst mit den Stundenplänen der niedrigeren Jahrgänge beginnen wollen, bis wir uns später mit den Stufenplänen befassen. Gibt es irgendwelche Anmerkungen dazu?“
Die Lehrer schwiegen und schüttelten die Köpfe. Paul stöhnte innerlich. Es war jedes Jahr dasselbe. Der junge Lehrer fragte sich, ob der Direktor des Internats diese Rede daheim vor dem Spiegel probte. Selbst wenn es so war, half dies wenig, seine Unlust in echte Motivation umzuwandeln.
So vergingen die Minuten und Stunden im zähen Gespräch mit dem Schulleiter. Listen und Pläne türmten sich alsbald vor jeder Lehrkraft in den Himmel. Julia Osterhus, die Biologielehrerin, und Caroline Falconi, Lehrkraft für Italienisch, sahen beide danach aus, als würden sie die Papiere vor sich am liebsten Verbrennen wollen. Es war Paul ein schwacher Trost dies zu sehen, ging es ihm doch genauso. Mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck musterte er die Tasse vor sich, die mittlerweile den nun mehr dritten lauwarmen Kaffee enthielt. Stillschweigend beschloss der junge Englischlehrer, dass er seinem Magen dieses fadenscheinige Gesöff nicht weiter zumutete.
Seine hellblauen Augen durchmaßen den Saal und machten Frau Bellinger am Eingang der Aula aus, die soeben mit einer Kaffeekanne bewaffnet, den Raum betrat. Paul ahnte, was sich in der Kanne befand. Vermutlich noch mehr von dieser bitteren Plürre.
„Habe nur ich das Gefühl oder schleppt Agatha da den nächsten aufgewärmten Ersatzkaffee an?“ flüsterte Prien neben ihm.
Paul biss sich auf die Lippen, um nicht in lautem Gelächter auszubrechen und warf seinem Kollegen einen wissenden Blick zu.
„Noch eine Tasse dieses Teufelszeugs und ich übergebe mich, ich schwöre es.“ Kam es geflüstert von Pauls rechter Seite, wo Herr Hallstedt saß. Als die resolute Hauswirtschafterin an die Herren herantrat hielten alle drei kollektiv die Hände über ihre Tassen und wanken dankend ab. Die übrigen Lehrer besahen sich das Schauspiel belustigt.
Missmutig zog Bellinger weiter und stellte die Kanne schließlich neben dem Direktor ab, welcher ihr kurz dankte und dann in seinem Monolog fortfuhr.
Paul spürte, wie es in seiner Tasche vibrierte. Er beugte sich hinab und zog das Smartphone heraus. Das Display leuchtete auf und zeigte ihm, dass Aurelia geantwortet hatte. Es juckte ihn in den Fingern, die Nachricht zu öffnen und ihre Worte in sich aufzunehmen. Doch die Gefahr war groß, dass seine Kollegen sehen könnten, mit wem er da schrieb. So ließ er das kleine Gerät wieder in den Tiefen seiner Umhängetasche verschwinden und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
Seine Gedanken schweiften ab und kehrten zu jenem Tag vor sechs Wochen zurück, an dem seine Gegenwehr in sich zusammengefallen war. Er sah sich mit Aurelia vor der Tür des Wohnhauses stehen, indem sie mit ihrem Vater in einer Wohnung lebte. Ihre ganze Erscheinung hatte so gefasst gewirkt, obwohl sie noch zuvor von diesem niederländischen Ekel bedrängt worden war.
Paul juckte jetzt noch die Faust, wenn er nur an diesen Bastard dachte. Die junge Frau hatte versucht stark zu bleiben, auch wenn es in dieser Situation niemand von ihr verlangt hätte. Ihre Augen hatten tapfer in seine geblickt. War es der Ausdruck von Hilflosigkeit darin, der ihn schließlich dazu verleitet hatte, alle Vernunft fahren zu lassen? Oder waren es die Berührungen ihrer Hände während der Autofahrt gewesen, die stumm von dem Schrecken erzählten, der hinter ihr lag.
Was auch immer es war, der Kuss hatte sich ihm ins Gedächtnis gebrannt. Anders als die intime Berührung in Rom, war diese Begegnung ihrer Lippen eine völlig andere gewesen. Dies war gewollt, von beiden Seiten. Paul hatte sich nicht zügeln können. Besitzergreifend forderte er sie für sich ein.
Nachdenklich glitten seine Finger über seinen Mund, während er nur mit einem halben Ohr den Worten Herrn Jansens Gehör schenkte.
Paul war es damals schwergefallen, sich von ihren Lippen zu lösen. Atemlos waren sie danach dicht beieinandergestanden, seine Stirn hatte auf ihrer geruht. Ihr Atem hatte sich gemischt.
Ich dachte, dass sei der falsche Ort und die falsche Zeit. Du sagtest zu mir, du seist mein Lehrer. Nicht und nicht weniger.
Ihre geflüsterten Worte hatten ihn aufgerüttelt, wie es eine kalte Dusche nicht besser vermocht hätte. Doch Paul hatte sich nicht imstande gesehen, seine Gefühle zurückzudrängen und der Vernunft mehr Raum einzuräumen, wie es wohl richtig gewesen wäre.
Seine Antwort war ein weiterer sehnsuchtsvoller Kuss gewesen, den sie mit der gleichen Begierde erwidert hatte.
„Was halten Sie von dem Vorschlag, Herr Arendts?“ Jansens Stimme umwehte fragend sein Ohr und Paul setzte sich aufrechter hin. Unangenehm spürte er die Blicke seiner Kollegen auf sich. Verdammt, von welchem Vorschlag redete der Direktor da?
„Ich bitte um Entschuldigung, Herr Jansen. Können Sie freundlicherweise wiederholen, was Sie eben sagten? Ich war in Gedanken.“ Gab der junge Lehrer beschämt zu und verbannte alle Erinnerungen an diese eine spezielle Szene in seinen Hinterkopf.
Der Schulleiter hob nur kurz seine grauen buschigen Augenbrauen und wiederholte seine Worte.
„Ich fragte Sie, ob sie mit dem Vorschlag von Herrn Rheinthaler, dass die Schüler ihre Abschlussfahrt in Dubai machen, einverstanden sind.“
Auch das noch! Vermutlich musste Victoria ihren Vater in den Ferien beschwatzt haben. Dieses Mädchen verlor jedes Maß und Ziel aus den Augen. Von Anstand mal ganz abgesehen.
„Ich finde nicht, dass es eine gute Idee ist, Herr Jansen. Nicht alle Schüler aus der Klasse haben einen so guten finanziellen Hintergrund. Bereits letztes Jahr hatten einige Eltern Probleme damit, die Kosten für die Stufenfahrt zu zahlen. Ich denke, es macht mehr Sinn, die Abschlussfahrt an ein Ziel zu machen, welches nicht so horrende Kosten mit sich bringt.“
Seitens seiner Kollegen vernahm Paul leise Zustimmung.
„So sehr ich die Zeit in Rom genossen habe, muss ich Paul recht geben, Herr Jansen. Das Hotel, auf welches sich der Elternbeirat seinerzeit auf Herrn Rheinthalers einwirken hin, entschlossen hatte, war nicht gerade günstig. Ehrlicherweise musste ich schlucken, als ich sah, was mich diese Fahrt kosten würde. Sicher werden es viele Eltern nicht gutheißen, wenn es dieses Jahr finanziell wieder so ausufert.“
Paul warf Caroline Falconi einen dankbaren Blick zu. Nachdenklich furchte der Schulleiter seine Stirn. Schließlich nickte er und strich etwas auf dem Blatt Papier durch, welches vor ihm auf dem Tisch lag.
„Nun gut. Ich werde diesbezüglich noch einmal Rücksprache mit Herrn Rheinthaler halten und komme dann wieder auf Sie zu, Herr Arendts.“
Der junge Englischlehrer musste sich zusammen mit seinen Kollegen daraufhin nicht mehr lange durch die Konferenz quälen. Erleichtert verließ Paul das Schloss und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen. Dabei mahnte er sich, dass er in Zukunft seine Gedanken besser in Griff behielt. So etwas wie gerade eben durfte ihm nicht zu oft passieren, sonst sähe er sich unangenehmen Fragen gegenüber.
Die Autotür schlug zu und Paul griff nach dem Smartphone in seiner Tasche.
Ich zähle die Stunden, bis es endlich zurück nach Bredstedt geht. Ich vermisse dich, Paul.
Bittersüß durchfuhr ihn die Sehnsucht nach dieser jungen Frau. Der Ausdruck in seinem Gesicht wurde weicher, während er eine Antwort eintippte. Wie oft in den letzten sechs Wochen hatten sie sich solche Nachrichten geschrieben? Paul vermochte es nicht zu sagen. Doch seine Entscheidung, ihr weiterhin nah zu bleiben, würde er nicht revidieren. Sein Beruf und sein Herz kollidierten miteinander und ließen ihm auf einem schmalen Grat nicht viel Spielraum übrig. Er hoffte, dass sie beide nicht abstürzen würden.
So wie ich dich.