Kapitel 2
Kapitel 2
Kapitel 2
Die elektronische Bandansage verkündete soeben über die Zuglautsprecher, dass der nächste Halt Bredstedt sein würde. Aurelia hievte ihren schweren Koffer von der Ablage und zwängte sich durch den engen Gang bis vor zur Eingangstür.
Die letzten Stunden hatten ihr alles an Geduld abgefordert, dessen sie besaß. Noch immer stand ihr die ungläubige Miene ihres Vaters vor Augen, als sie verkündete, dass sie vorhabe mit dem Zug zurück zum Internat zu fahren. Sein Argument, dass sie es im Familienauto doch deutlich bequemer hätte, schmetterte sie mit der simplen Aussage ab, dass sie sich bereits mit einer Klassenkameradin verabredet hätte, mit welcher sie zusammenfahren wollte.
Das es sich hierbei um eine glatte Lüge handelte, konnte ihr Vater jedoch nicht wissen. Immer seltener nahm er einen wirklichen Raum in ihrem Leben ein. Arbeit und Karriere machten einen Großteil von Stefan Kramers Persönlichkeit aus, daher war es für Aurelia auch nicht wirklich überraschend gewesen, wie er auf den Übergriff von Frederick van Martens reagiert hatte.
Ihr Vater und nicht zuletzt auch ihre Großmutter hatten den Vorfall versucht vor ihr herunterzuspielen. Zu ihrer größten Empörung hatten sie ihr sogar eine Mitschuld an dem ganzen gegeben. Aurelia könnte noch immer Gift und Galle spucken, wenn sie daran dachte.
Als ob sie diesem Ekel auch noch Avancen machen würde!
Die junge Frau war froh gewesen, als sich endlich die Zugtüren im Hamburger Hauptbahnhof hinter ihr schlossen und sie sich auf dem Weg nach Bredstedt befand. Während draußen die Landschaft an ihr vorübergezogen war, hatten ihre Gedanken Raum bekommen sich zu entwickeln. Dabei beschäftigten sie sich weniger mit dem Schuljahr, welches vor ihr lag, sondern vielmehr mit jener Person, die sie durch selbiges Begleiten würde.
Paul Arendts.
Junger, dynamischer und ambitionierter Lehrer für Englisch und Musik. Ein exquisites männliches Exemplar der Gattung Homosapiens, mit Augen so blau, wie der Himmel an einem strahlendschönen Sommertag. Gesegnet mit einer tiefen Stimme, die ihr durch Mark und Bein ging. Und vervollkommnet mit samtweichen Lippen, von denen sie bereits zwei Mal kosten durfte.
Bei der Erinnerung an diese beiden Küsse überzog eine Gänsehaut ihren gesamten Körper. An ihrer alten Schule in Hamburg hatte sie all die dummen Hühner immer belächelt, die einen Crush auf ihren Lehrer gehabt haben. Doch nun fand sie sich selbst in dieser Position wieder und bereute es kein bisschen!
Dieser Mann konnte Sachen mit seinem Mund anstellen, da verging einem Hören und Sehen. Aurelia lächelte verträumt vor sich hin, als sie rüde von einem weiteren Fahrgast angerempelt wurde, der sie anfauchte, doch endlich weiterzugehen. Erst jetzt tauchte sie aus ihren Erinnerungen wieder auf und bemerkte, dass der Zug gehalten hatte. Mit einer leisen Entschuldigung auf den Lippen zerrte die junge Schülerin ihren Koffer hinter sich her auf den Bahnsteig.
Die Sonne strahlte vom Himmel und es wehte eine leichte Brise von der Nordsee her, welche einen salzig herben Duft in sich trug. Aurelia schloss für einen kleinen Moment die Augen und atmete tief ein. Endlich hatte das Sehnen ein Ende! Frohen Mutes schnappte sie sich ihren großen Rollkoffer und machte sich auf den Weg zum Internat.
Auf den Straßen Bredstedts war so spät am Nachmittag nicht mehr viel los. Lediglich die Pendler befuhren die Hauptstraße. Die Halbitalienerin genoss jeden Eindruck, der sie auf dem Weg zum Schloss begleitete. Sie lächelte über die spielenden Kinder in den gepflegten Vorgärten und begrüßte jede Möwe stillschweigend, die ihr begegnete.
Dann kam schließlich das imposante Schloss in Sicht, das sich majestätisch über die Wipfel der es umgebenden Bäume erhob. Diese so liebgewonnene Silhouette, die schon von der Ferne her im abnehmenden Licht der Sonne, strahlend wie ein Leuchtfeuer, der Heimkehrenden ihren Weg wies.
Aurelia zerrte schnaufend ihren Koffer über die Stufen, bis sie ihn anschließend durch die große hölzerne Eingangstür manövrierte. Im Entre blieb sie kurz stehen und holte erstmal Luft. Der vertraut gewordene Geruch des alten Gemäuers schlich sich ihr in die Nase und fast wäre ihren Lippen ein erleichterter Seufzer entglitten, doch die junge Frau beherrschte sich. Sie war endlich wieder hier!
Die hellgrünen Iriden glitten den Gang entlang, der zum Sekretariat führte. Alsbald ließ sie ihre Füße den gleichen Weg nehmen und klopfte dann anschließend geräuschvoll an die geschlossene Türe. Von drinnen ertönte ein leises Herein , woraufhin Aurelia eintrat.
Frau Ehlers thronte hinter ihrem Schreibtisch und sah auf als sie eintrat. Die füllige Sekretärin musterte kurz Aurelias Gestalt und wandte sich dann einem neben ihren liegenden geöffneten Ordner zu.
„Was kann ich für dich tun?“ kam es näselnd vom Schreibtisch her.
Die junge Frau stellte ihren Koffer neben die Tür, durch welche sie eben gekommen war, und trat näher heran.
„Ich wollte mich nur zurückmelden und fragen, welche Zimmernummer ich dieses Jahr habe.“
Das braune schulterlange Haar von Frau Ehlers schwang nach vorn, als sich die Endfünfzigerin tiefer über den Ordner beugte.
„Wie, sagtest du, war dein Name?“
Aurelia konnte sich nicht daran erinnern, der älteren Dame ihren Namen genannt zu haben. Doch eilig holte sie dies nach. Woraufhin vom Schreibtisch emsiges Seitenumblättern zu vernehmen war.
„Kramer, Kramer… ah hier! Wie gehabt, Zimmer Acht im zweiten Stock.“
Mit einem freundlichen Lächeln bedankte sie sich und schnappte sich ihren Koffer.
Kaum war sie bei den Treppen angelangt, stellten diese sie vor ein Problem. Wie, um alles in der Welt, sollte sie dieses schwere Ungetüm von Reisegepäck in den zweiten Stock schaffen? Ratlos maß Aurelia den dunkelblauen Hartschalenkoffer, der sie mit seiner Größe beinahe zu verhöhnen schien.
„Darf ich mich der Dame als rettender Gentleman anbieten?“ erklang da eine Stimme hinter ihr, die Aurelia lächelnd herumfahren ließ.
Der junge Mann grinste sie auf spitzbübische Art und Weise an. Dabei strahlten seine dunkelgrünen Augen hell auf. Galant verbeugte er sich vor ihr bevor Aurelia ihm lachend in die Arme fiel.
„Alex! Schön dich wiederzusehen. Wie waren deine Ferien?“
Der junge Adelsspross drückte sie kurz an sich, bevor er lächeln von ihr abrückte und nach ihrem Koffer griff.
„Es ist auch großartig, dich wiederzusehen, Lia! Meine Ferien waren vor allem eins, sehr sonnig. Ich war mit der Familie in Spanien und in Griechenland.“
Bewundernd musterte die Halbitalienerin den sonnengebräunten Teint ihres Mitschülers. Kurz strich sie mit einer Hand über seinen Arm.
„Und dabei hast du dir einen mächtigen Sonnenbrand zugelegt, oder? Spanien und Griechenland, sagtest du? Wie kommt man denn dazu, beide Länder in sechs Wochen zu bereisen?“
„Indem man mit der Familienjacht reist. Wir waren auch noch in Italien und haben auch Djerba in Tunesien besucht. Den Sonnenbrand habe ich mir aber tatsächlich dann in Kefalonia zugezogen. Ich habe mich da vergessen einzucremen!“ hierbei verzog der Schwarzhaarige gespielt wehleidig das Gesicht.
„Wenn ich Zeit habe, werde ich dich bedauern!“ lachte sie und machte sich daran, die Treppen in Angriff zu nehmen.
„Wo wir gerade von Bedauern sprechen. Was zum Teufel hast du in deinem Koffer drinnen? Steine?!“
Mit hochgezogener Augenbraue wandte sich Aurelia wieder ihrem Mitschüler zu und schürzte pikiert die Lippen.
„Darin ist alles, was Frau als notwendig erachtet, euer Hochwohlgeboren.“
„Aha“ kam es nur lapidar von ihrem Gegenüber, welcher Geräuschvoll das schwere Reisegepäck über die alten Steinstufen des Schlosses schleifte.
Aurelia ließ Alexander an sich vorüberziehen, um dann von hinten mitanzupacken. Gemeinsam schafften es die beiden Schüler schließlich schnaufend und fluchend bis in den zweiten Stock.
„Welches Zimmer?“ fragend musterte Alex seine Klassenkameradin.
„In die Acht, so wie letztes Jahr. Ich hoffe, ich teile mir mit Emelie wieder ein Zimmer.“
Der Adelssohn zog ihren Koffer hinter sich her und ging dabei die Reihen der zartrosa gestrichenen Türen ab.
„Normalerweise ändert sich an der Belegung der Zimmer nichts. Einzig, wenn zwei Zimmerkameraden gar nicht miteinander klarkommen, dann würde man tauschen. Aber da du mit Emelie befreundet bist und ihr super miteinander auskommt, sollte sich da nichts geändert haben, also keine Bange!“
Schließlich kamen sie vor der Tür an und Alex stellte Aurelias Koffer daneben.
„Ich würde dir ja noch weiter Gesellschaft leisten, aber ich muss mich erstmal selbst einrichten. Ich glaube, Emelie ist vorhin kurz nach mir hier angekommen. Ihr zwei möchtet sicher in Ruhe miteinander quatschen, ich würde ja da doch nur stören! Man sieht sich also später beim Abendessen.“
Aurelia dankte ihm und umarmte den jungen Grafensohn noch einmal, bevor dieser sich wieder ein Stockwerk tiefer in sein Zimmer begab.
Die junge Frau hoffte darauf, dass Alex recht behielt und sie hinter der Tür ihre liebgewonnene Freundin wiedertraf. Also klopfte sie kurz an und öffnete schließlich die Tür.
Emelie besah sich das Chaos auf ihrem Bett verzweifelt. Da wollten ihre Eltern ihr mal was gutes Tun und hatten ihr einen extragroßen Koffer besorgt. Nur hatte dieses verdammte Ding nichts Besseres zu tun als mitten auf der Treppe aufzuspringen und seinen gesamten Inhalt über die Stufen des altehrwürdigen Schlosses zu ergießen. Ihre Wangen zierten noch immer eine blassrote Färbung, als sie daran dachte, wie einer ihrer BHs vor Herrn Priens Füße gelandet war. Ausgerechnet vor jenem Mann, welchen sie mit ihrem journalistischen Können zu beeindrucken versuchte.
Ein Klopfen an der Zimmertür riss sie aus ihrer Verzweiflung heraus und ließen sie ihre dunkelblauen Augen das rosa Türblatt finden. Eine zierliche Gestalt schob sich durch den geöffneten Zugang.
„Aurelia!“
Emelie flog ihrer Freundin beinahe entgegen. Beide jungen Frauen fielen sich in die Arme und drückten sich fest.
„Endlich bist du da!“
Lachend drückte ihre Freundin sie von sich und durchmaß das Zimmer mit ihrem hellgrünen Blick, der sich schließlich lächelnd wieder auf sie richtete.
„Ja. Ich bin endlich wieder hier.“