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Kapitel 3

Zwischen Den Zeilen- Entfesselte Leidenschaft — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 3

Kapitel 3

Der Klassenraum der diesjährigen zwölften füllte sich so langsam mit den Abiturangehenden. Wie bereits im vergangenen Jahr suchten sich die jungen Frauen und Männer ihre gewohnten Plätze. Dabei tauschte man sich laut über die zurückliegenden Ferien aus und resümierte über Veränderungen, die sich bei dem einen oder anderen in der Zwischenzeit aufgetan hatten.

„Constantin!“ freudestrahlend umarmte Aurelia den jungen braunhaarigen Mann, der sie mit einem schiefen Lächeln in seine Arme schloss.

„Hey Lia! Es tut gut dich wiederzusehen. Erzähl, wie waren deine Ferien?“

Mit Emelie im Schlepptau ließen sich die drei an ihrem Tisch in der hinteren Seite des Raumes nieder.

„Was soll ich da schon groß erzählen? Die ersten vier Wochen waren an Langeweile nicht zu toppen, weil ich bei meiner Großmutter in der Villa war. Und die letzten drei verbrachte ich bei meiner Nonna und meinem Nonno in Italien.“

„Hast du gar nichts mit deinem Dad gemacht?“ fragend musterte der junge Mann sie.

Aurelia warf ihm daraufhin nur einen gequälten Blick zu, der in seiner grotesken Art und Weise selbsterklärend war.

„Nein. Und ganz ehrlich, ich habe ihn auch nicht sonderlich vermisst. Ihm geht seine Arbeit über alles. Scheinbar hängt der Verteidigungsminister an seinen Lippen, zumindest lassen es die neuesten Presseberichte vermuten. Aber er ruft einmal in der Woche bei mir durch.“

Emelie strich ihr tröstend über den Arm und auch Constantin warf ihr einen mitleidigen Blick zu. Aurelia war sich gar sicher, dass die derzeitige emotionale und räumliche Distanz zu ihrem Vater auch ein Glücksfall war. Die junge Schülerin würde lügen, wenn sie behauptet hätte, dass es ihr gänzlich egal war. Jedoch war es zurzeit ein Segen, bekam ihr Herr Papa ja so nicht mit, was sich da zwischen ihr und einem gewissen Lehrer anbahnte.

„Das tut mir leid für dich.“ Constantin tätschelte ihr kurz die Hand.

Die Halbitalienerin wank nur ab und lächelte leicht dabei.

„Es ist nichts, wofür man mich bemitleiden müsste. Also machen wir daraus kein großes Ding.“

Ihre beiden Freunde warfen sich einen vielsagenden Blick zu und griffen den folgenden Themawechsel aber schnell auf. Darin erzählte der Lektor der Schülerzeitung, dass er in den Ferien ein freiwilliges Praktikum in einer großen IT-Firma gemacht hatte. Ihm hatte es dort so gut gefallen, dass er tatsächlich darüber nachdachte nach dem Abitur dort als Auszubildener im dualen Studium anzufangen.

Aurelia beneidete ihren Freund, um die Freiheit sich seinen weiteren Lebensweg selbst aussuchen zu können. Sie selbst sah vor sich einen vorgezeichneten Weg, der links und rechts mit Stacheldraht versehen war, damit ihre Füße bloß nicht in eine andere Richtung ausscheren konnten.

Emelie erzählte soeben, dass sie etwas ganz Ähnliches in den Frühjahrsferien vorhatte, als lärmend und aufmerksamkeitsheischend Victoria Rheinthaler ins Klassenzimmer gerauscht kam. Wie immer hatte sie ihren Fanclub dabei, der an ihren Versen klebte wie Industrieleim.

„Und dann stellt euch vor, da zückt mein Vater seine schwarze American Express und lächelt mich nur an. Ich kann euch sagen, ich bin ausgeflippt!“

In einer parfümierten Wolke stolzierte das blonde Gift an dem Tisch der drei Freunde vorbei und warf ihnen nur kurz einen verächtlichen Blick zu, bevor sich ihre Augen auf Alexander hefteten, der das Übel noch nicht kommen sah.

„Ausflippen schein ein ständiger Gemütszustand bei ihr zu sein. Vielleicht sollte sie das mal ärztlich untersuchen lassen?!“ frotzelte Emelie kleinlaut und erheiterte sich bei dem Anblick, wie Alexander zusammenzuckte, kaum das die mörderisch manikürten Nägel dieser Hexe auf seinen Schultern halt fanden.

„Ehe friert die Hölle zu, bevor auch nur irgendein Arzt, und dabei ist es egal welche Fachrichtung der hat, eine annähernd richtige Diagnose feststellt.“ Lachte Constantin belustigt und holte Block und Stift aus seiner Tasche heraus. Aurelia tat es ihm gleich und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie der Zeiger der Wanduhr über der Tür unaufhörlich auf halb neun zusteuerte.

Gleich. Gleich sehe ich ihn endlich wieder!

Innerlich zählte die junge Frau die Minuten und Sekunden mit, die quälend langsam vergehen wollten. Emelie fing ihren Blick auf, der sehnsüchtig zur Uhr starrte. Kopfschüttelnd wandte sie sich ihrem Wochenplaner zu und blätterte die Seite für die Stundenpläne auf. Beide Frauen hatten sich am Vorabend noch lange über ihre Erlebnisse in den Ferien ausgetauscht. Doch Aurelia hatte ihrer Freundin noch nichts von den Geschehnissen erzählt, welche nun dazu führten, dass sie es kaum noch auf ihrem Stuhl aushielt.

Was hätte sie ihr auch sagen sollen?

Sie war sich unsicher, was nun nach diesem Kuss, der von Paul ausgegangen war, aus ihnen werden würde. Ihr Schwarm hatte sich diesbezüglich die ganzen letzten sechs Wochen in Schweigen gehüllt. Ehrlicherweise musste Aurelia aber einräumen, dass sie auch nicht danach gefragt hatte. Viel zu bequem und aufregend war ihr die Sphäre vorgekommen, in die sie sein Kuss beförderte. Wer wollte da schon unwillkommene Wahrheiten hören?

Noch immer erfüllte Victorias prahlerische Erläuterung ihrer phänomenalen Ferien den Klassenraum und die drei Freunde bemerkten, dass Alexander wohl kurz davor war, sich die Ohren zu halten zu wollen.

„Armer Kerl! Ich überlege gerade, ob ich ihm nicht besser helfen soll. Von der ihrem Gequatsche bekommt man einen Hörsturz.“ Constantins braune Augen hefteten sich mitleidig auf den jungen Adelsspross drei Tische weiter. Doch weder Emelie noch Aurelia bekamen die Möglichkeit, ihren Freund weiter darin zu unterstützen, seiner Idee zu folgen. Die Tür zum Klassenraum öffnete sich abermals und herein trat Aurelias Objekt der Begierde.

Wie von selbst saugte sich ihr Blick an ihm fest und folgte jeder seiner Bewegungen, bis er schließlich beim Lehrerpult angekommen war. Gekleidet in einer schwarzen Stoffhose, weißem Hemd und Sneaker schrie alles nach ihrer Aufmerksamkeit.

Aurelia verfluchte ihren Sitzplatz. Hier hinten bekam man nicht mal einen Hauch seines Aftershaves ab. Sehr gut war ihr der Sandelholzduft noch in Erinnerung geblieben, jedoch hätte sie in diesem Moment nichts gegen eine Auffrischung ebenjener gehabt.

„Guten Morgen alle zusammen und willkommen in eurem letzten Jahr hier auf Schloss Bredstedt. Ich hoffe, ihr hattet angenehme Ferien und konntet genug Kraft sammeln für den Endspurt. Denn Leute, lasst euch eines gesagt sein, dieses Jahr wird kein Zuckerschlecken! Es wartet harte Arbeit auf euch.“

Ein leises Raunen ging durch die Schülerinnen und Schüler. Mit einer solchen Begrüßung hatten wohl die wenigsten von ihnen gerechnet.

„Pass auf, gleich packt er die Peitsche aus.“ Flüsterte Constantin zu Emelie und Aurelia. Die Aschblonde kicherte leise, von der Halbitalienerin bekam er hingegen keinerlei Reaktion. Sie schien förmlich an den Lippen des jungen Lehrers zu kleben.

„Aber bevor wir näher darauf eingehen, kommen wir erstmal zu profanen Dingen, wie eurem Stundenplan.“

Das Geraschel mehrerer Seiten war zu vernehmen, als die Abiturklasse ihre Wochenplaner zückte. Arendts startete vorn auf dem Pult seinen Laptop und warf den Beamer an der Decke an. Nachdem er die benötigte Datei aufgerufen hatte, vernahm er von Seiten der Schüler leises aufstöhnen.

Prompt riss Victoria ihren Arm in die Luft und es hätte Aurelia nicht gewundert, wenn sie dabei noch mit den Fingern geschnippt hätte. Es lagen lange Tage vor ihr und ihren Mitschülern. Der Stundenplan war nicht Ohne! Gleich an drei Tagen in der Woche hatten sie bis sechszehn Uhr Unterricht.

„Herr Arendts, wenn wir am Freitag so lange Unterricht haben, kollidiert das nicht mit unseren AG-Zeiten? Ich meine, denken Sie an die Musik-AG.“

Emelie hob abschätzig ihre Augenbrauen und beugte sich tuschelnd zu ihren Freunden hin.

„Oha, Blondie hat ein neues Wort gelernt.“

Feixend lehnte sich Constantin zurück und die Halbitalienerin grinste stumm in sich hinein. Indes schmetterte Herr Arendts Victorias Einwand unbeeindruckt nieder.

„Ich kann dir versichern, Victoria, dass sich nicht viel verändern wird. Die Probenstunden finden dieses Jahr am Mittwochnachmittag statt und wie gewohnt außerplanmäßig, falls nötig, am Samstag.“

Damit war das blonde Gift kaltgestellt und der junge Pädagoge konnte sich weiter um die Organisatorischen Belange der Klasse kümmern. Er referierte lange darüber, dass sie sich in seinen Fächern ausschließlich der Wiederholung widmen würden und dass sie selbes auch von den anderen Lehrern erwarten durften. Bei dieser Aussicht stöhnte die Klasse wieder leise auf.

„Denk bitte daran, dass ihr mit den Halbjahresergebnissen euch auf die Suche nach einer passenden Uni, beziehungsweise Arbeitgeber machen werdet. Es ist also sinnvoll bereits jetzt hundert Prozent zu geben. Beherzigt diesen Rat bitte, denn nicht für jeden Studiengang gibt es unendlich viele Plätze. Rechnet damit, dass es vorkommen kann, erstmal nur auf die Warteliste zu kommen. Für diesen Fall haltet euch noch weitere Option offen.“

Aurelia wurde erst jetzt so richtig bewusst, was für Arbeit auf sie zukommen würde. Paul hatte sie zwar schon im Vorfeld gewarnt, doch in ihrer Verliebtheit hatte sie dem nicht viel Bedeutung beigemessen. Ein Fehler, wie sich jetzt herausstellte.

„Kommen wir nun zu unserem letzten Thema. Die Abschlussfahrt.“

Abermals schoss Victorias Arm in die Höhe. Sie rutschte dabei aufgeregt auf ihrem Stuhl herum und lächelte ihrer Entourage gewinnend zu. Aurelia war sich nicht sicher, doch sie meinte, Paul resigniert seufzen zu hören.

„Mein Vater hat deswegen bereits mit dem Direktor gesprochen. Darf ich der Klasse verraten, wohin es dieses Jahr gehen wird?“

Es war für die junge braunhaarige Halbitalienerin fast eine Genugtuung als ihr Schwarm abwehrend den Kopf schüttelte. Dabei setzte er nur eine oberflächig entschuldigende Miene auf.

„Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, Victoria. Doch nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Direktor sind wir schließlich darin übereingekommen, dass Dubai kein passendes Ziel für die Abschlussfahrt ist. Wir müssen daran denken, dass in dieser Klasse auch Schülerinnen und Schüler sitzen, deren Eltern nicht einen so reichhaltigen finanziellen Hintergrund haben. Außerdem fände ich es, abgesehen vom Geld, auch zu weit.“

Constantin verbiss sich das laute Gelächter, welches ihn überkommen wollte, beim Anblick von Victorias Gesicht. Der blonden Natter fiel soeben alles aus Selbigen. Ungläubig und wütend hatte sie den Mund zu einem stummen Protest geöffnet. Doch Arendts strenger Blick sorgte dafür, dass nicht ein leiser Pieps über ihre Lippen kam.

„Über das Ziel der Fahrt werden wir uns noch einmal austauschen und ihr bekommt alle die Gelegenheit, Ideen einzubringen. Doch vorerst müssen wir dieses Thema vertagen.“

Kurz herrschte Stille im Klassenraum. Es war den Schülern anzumerken, dass ihnen diese Unklarheit zwar nicht passte, sie sich mit dem Vorschlag, selbst Ideen einzubringen, jedoch anfreunden konnten.

„Das war es nun von meiner Seite aus. Habt ihr noch fragen oder gibt es Unklarheiten?“

Erneut war nichts im Raum zu vernehmen und die ersten jungen Frauen und Männer begannen bereits ihre Sachen in den Taschen und Rucksäcken zu verstauen.

„Gut. Nach der Pause verteilen wir noch eine Infozettel und dann geht jeder in seinen Unterricht.“

Da sie heute am ersten Schultag später angefangen hatten, läutete es jetzt bereits zur ersten größeren Pause um zehn Uhr. Aurelia Klassenkameraden machten sich auf den Weg nach draußen, allen voran eine wutschnaubende Diva namens Victoria, die im Vorbeigehen leise zornig vor sich hinmurmelte.

Auch ihre Freunde erhoben sich nun und folgten den anderen. Aurelia hingegen ließ sich mit Absicht Zeit beim einräumen ihrer Sachen. Sie wollte unbedingt noch mit Paul sprechen. Sechs lange Wochen hatte sie auf diesen Moment gewartet. Sie wollte ihn nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen!