Kapitel 4
Kapitel 4
Kapitel 4
Emelie und Constantin warteten an der Tür auf sie, doch Aurelia gab ihnen mit einem kurzen Handzeichen zu verstehen, dass sie noch etwas klären musste. Die aschblonde Schülerin kräuselte die Stirn und verließ nur zögerlich den Raum, Constantin hingegen zuckte nur mit den Schultern und folgte seinen Mitschülern nach draußen.
Was hämmerte ihr das Herz in der Brust!
Die Aufregung schien der jungen Schülerin sämtlichen Atem zu rauben oder war es doch der Anblick ihres Schwarms, der sie so atemlos machte? Unzählige schlaflose Nächte hatte sie damit zugebracht, sich den gemeinsam geteilten Kuss immer wieder und wieder in Erinnerung zu rufen. Dieser Zustand schwerelosen Glücks war ihr nicht unbekannt. Schon einige Male hatte sie ihn erleben dürfen. Jedoch fühlte es sich bei diesem Mann anders an. Die Intensität, in der sie für ihn fühlte, erschreckte die Halbitalienerin zuweilen etwas. Jedoch war das Kribbeln in ihrem Bauch zu gut und richtig, als sich Vernunft in den Kopf zu bläuen.
Seine hellblauen Augen legten sich auf ihre Gestalt und musterten sie abwartend.
„Sind doch noch Fragen aufgetaucht?“
Seine Stimme ging ihr durch Mark und Bein. Das Prickeln in ihrem Inneren intensivierte sich nochmals und ließ sie auf anhieb nicht direkt die richtigen Worte finden. Viel mehr war es so, dass sich auf ihren Lippen ein verschmitztes Lächeln zeigte und sie nervös mit den Händen an ihrem Oberteil nestelte.
Ihr Tun sorgte allerdings dafür, dass Arendts irritiert ihre Gestalt maß.
Himmel! Sag endlich was! Er hält dich sonst noch für blöd.
„Ich habe keine Fragen, zumindest keine die die Schule betreffen.“
Bei ihren Worten konnte Aurelia beobachten, wie Arendts Blick immer wieder zur geöffneten Klassenzimmertür sah. Seufzend schulterte der junge Pädagoge seine Tasche und ging an ihr vorbei.
Nun war es an ihr irritiert dreinzublicken. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass Paul Arendts sie einfach wortlos stehen ließ!
„Paul! Bitte ich…“
Doch schnell fuhr ihr der Lehrer über den Mund. Sein Blick machte ihr deutlich, dass sie sich soeben vollkommen im Ton vergriffen hatte.
„Nicht hier, Aurelia! Geh bitte in die Pause, ich möchte den Raum abschließen.“
Sein gereizter Gesichtsausdruck ließ sie verletzt von ihrer rosaroten Wolke der Gefühle herabstürzen. Die kühle Art, mit der er ihr begegnete, erinnerte die junge Frau schmerzhaft an jene Tage zurück, die sie nach der Rückkehr aus Rom hatte verleben müssen.
„Aber wann dann?“ flüsterte sie leise, als sie auf gleicher Höhe mit ihm war.
Arendts Aufmerksamkeit gehörte vollkommen dem halbleeren Gang vor dem Klassenzimmer. Immer mal wieder schoben sich Schülerinnen und Schüler an ihnen vorbei oder grüßten kurz freundlich, bevor sie um die nächste Ecke verschwanden.
„Geh bitte.“ Kam es von ihm und stürzte damit ihre kleine heile Welt in ein Chaos.
Es sorgte dafür, dass ihr Gedankenkarussell sich begann, immer schneller in ihrem Kopf zu drehen. Fragen bauten sich in ihr auf, die wie Berge vor in dem Himmel ragten. Wortlos verließ sie das Schloss und suchte sich draußen eine Bank auf der sie sich heftig atmend niederließ.
Was nur hatte sie gesagt oder getan, dass Paul wieder so abweisend zu ihr war? Welche Worte oder Gesten mochten es gewesen sein, die ihn nun wieder vor ihr zurückschrecken ließen? Kopfschüttelnd ging sie jede kleine Millisekunde des zurückliegenden Gesprächs durch.
Obwohl. Gespräch kann man das nicht nennen. Das war eher eine Zurecht- und Zurückweisung!
Der Halbitalienerin war zum Heulen zumute. Die vergangenen sechs Wochen hatten in ihr die Hoffnung genährt, dass es zwischen Paul und ihr mehr geben könnte als das offensichtliche. Doch da hatte sie sich wohl getäuscht.
„Lass mich raten, deine Gewittermiene hat nichts damit zu tun, dass Victoria gerade über deinen Herzallerliebsten herzieht, oder?“ mit diesen Worten ließ sich Emelie neben ihr auf die Bank fallen. Constantin folgte ihr mit kleinem Abstand und zog bei Emelies Worten die Stirn kraus.
„Herzallerliebsten? Habe ich da was nicht mitbekommen oder verschweigt ihr mir was wichtiges?“
Aurelia stöhnte innerlich auf. Das konnte sie nun nicht auch noch gebrauchen!
„Emchen übertreibt. Da gibt es niemanden, der auch nur ansatzweise diese Bezeichnung verdienen würde!“ dabei blickte die braunhaarige Schülerin ihre Freundin scharf an. Diese verstand wohl sofort, verzog aber beleidigt die Lippen zu einem Strich.
„Oh gut. Ich dachte schon! Victoria zieht gerade übelst über Arendts her. Witzig, wenn man bedenkt, dass sie ihm sonst wie ein Schoßhund hinterherrennt.“
Aurelia zuckte nur die Schultern und starrte dann weiter finster vor sich hin.
„Na und? Soll sie doch! Vielleicht haben wir Glück und Herr Arendts bekommt es mit. Das wäre doch mal ein Aufmacher für die nächste Ausgabe der Schülerzeitung. Dafür würde ich tatsächlich drüber nachdenken eine Klatschspalte einzufügen“
Constantin lachte laut auf und grinste seine Freundin belustigt an.
„Es würde in jedem Fall die Auflage steigern, so viel ist sicher. Jetzt nachdem Arendts wieder Single ist, hechelt ihm ohnehin die Hälfte der Schülerschaft hinterher und damit meine ich nicht die männliche. Auch wenn ich finde, dass es ein Jammer ist, dass Arendts nicht schwul auf diese Welt kam.“
Die Halbitalienerin wollte sich am liebsten die Ohren zuhalten. Doch konnte sie Constantin keinen Vorwurf machen, er wusste schließlich nicht, welche Gefühle sie mit Arendts verband.
„Was wolltest du eigentlich noch von ihm, vorhin? Ich fand, dass er klar umrissen hat, um was es dieses Jahr geht.“ Wechselte der Lektor der Schülerzeitung abrupt das Thema und musterte sie äußerst interessiert.
Nur eine Ausrede konnte sie noch retten, doch Aurelia verfluchte ihren Klassenkameraden und Freund gerade, ihr wollte keine einfallen!
„Hast du nicht schon gestern gesagt, dass du ihn wegen der Musik- AG was fragen wolltest?“ sprang ihr Emelie helfend bei und rettete sie vor dem Moment, sprachlos keine Antwort parat zu haben. Dankbar lächelte Aurelia ihrer Zimmergenossin zu.
„Ja, das stimmt. Nachdem er Victoria so über den Mund gefahren ist, vorhin, dachte ich, ich stelle die Frage lieber nach dem Unterricht.“
Constantin runzelte erneut die Stirn.
„Und deshalb sitzt du jetzt wie Siebentageregenwetter hier und glotzt Löcher in den Boden?“
Die junge Schülerin maß ihren Kumpel nun mit ebenjenem Blick und fauchte ihn dabei ungehalten an.
„Zuerst einmal glotzte ich nicht, du Genie! Und zum anderen hat Arendts mich genau wie Victoria eiskalt abblitzen lassen.“
„AHH! Jetzt verstehe ich. Und das passt dir natürlich nicht.“
Hilfesuchend sah Aurelia Emelie an. Doch die konnte nur hilflos mit den Schultern zucken. Seufzend lehnte sie sich zurück und starrte bitter auf den Eingang des Schlosses.
„Da hast du recht.“ Gab sie resigniert von sich.
Constantin ließ sich auf ihrer anderen Seite nieder und legte wohlwollend den Arm um ihre Schultern.
„Na nun blas doch nicht gleich Trübsal wegen sowas. Das Jahr ist noch lang. Außerdem ist an den ersten Schultagen für die Lehrer immer besonders viel zu tun. Vielleicht war unser lieber Herr Arendts einfach nur im Stress und hatte keine Zeit. Du bekommst sicher noch deine Gelegenheit, ihm die Fragen zu stellen, die dir so unter den Nägeln brennen.“
Emelie nickte zustimmend.
„Consti hat recht, Lia. Mach dir keinen Kopf. Spätestens in der AG kannst du ihm deine Frage stellen. Alles halb so wild.“
Aurelias Blick in Emelies Richtung machte deutlich, dass sie nun nicht weiter über diese Thematik sprechen wollte und so half ihr die Leiterin der Schülerzeitung noch einmal helfend aus und wechselte das Thema. Über dieses sprachen sie dann alle drei, bis der Gong der Schulglocke sie wieder zum Unterricht rief.
Stunde um quälend lange Unterrichtsstunde hatte sie dagesessen und sich den Kopf darüber zermartert, was Paul zu einem überdenken ihrer gemeinsamen Situation bewogen haben könnte. Doch nichts an ihrem Verhalten gab ihr einen logischen Rückschluss darauf, was es war. Die Nachrichten, welche sie in den Sommerferien miteinander ausgetauscht hatten, ließen nicht vermuten, dass ihr Lehrer nun doch kalte Füße bekam.
Seufzend zog sie die Bürste durch ihr nun mittlerweile schulterlanges Haar. Sie würde wohl in den nächsten Ferien ihren Friseur aufsuchen müssen, um dieses Ärgernis zu beseitigen. Aurelia möchte ihren Look, der stark an die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnerte. Sie fand ihn äußerst elegant und doch auch etwas frech. Geübt band sie sich ein Seidentuch in ihr Haar als das Smartphone auf dem Waschtisch neben ihr vibrierte.
Komm zum Lehrerparkplatz . Ich warte dort im Auto auf dich.
Kein Smiley und auch kein sonderlich warmer Ton, der aus dieser kurzen Nachricht durchscheinen ließ, dass sie ihm wichtig war. Aurelia legte niedergeschlagen das Handy zurück und beendete ihr Styling. Danach zog sie sich eine dünne Jacke über und hinterließ Emelie eine kurze Nachricht, dass sie bald wieder zurück sein würde. Ihre Zimmerkameradin hatte heute ihre erste Redaktionszeit für die Schülerzeitung und würde wohl vor zwanzig Uhr nicht zurück sein.
Die Sonne schien noch warm vom Himmel, als Aurelia das Schloss hinter sich ließ und der Allee aus alten Buchen, Eichen und Eschen folgte, die auf dem Lehrerparkplatz endete. Ihr kam es so vor, als wäre sie das Opferlamm, welches nun langsam zur Schlachtbank geführt wurde.
Wollte sie wirklich jene zerstörerischen Worte aus seinem Mund hören, die ihre Welt vollends einstürzen ließ?
Alles in ihr sträubte sich dagegen, doch was blieb ihr für eine andere Wahl? Ihr verletztes Herz forderte Antworten, welche allein Paul ihr geben konnte.
Der schwarze Audi stand ganz am Ende des Parkplatzes. Aurelia wusste, dass er so vom Schloss her nicht zu sehen war. Mit dahinfliegendem Puls öffnete sie die Autotür und ließ sich auf den Beifahrersitz des Wagens fallen. Laut schlug die Tür, gleichsam wie in einer Gefängniszelle, hinter ihr zu.
Nun gab es kein zurück.
Und vielleicht auch keine Hoffnung, dass zwischen Paul und ihr je mehr sein könnte als das normale Schüler-Lehrerverhältnis.