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1I Auftakt

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1I Auftakt

Guten Tag zusammen!

Etwas Neues von mir - den Rahmen der Geschichte findet ihr in der Kurzbeschreibung. Freue mich, wenn ihr mit auf die Reise geht und mir einen Gedankengruß dalasst!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

1 I Auftakt

„…wenigstens sind Jungs verlässlicher …“, eröffnet sie das Gespräch mit gesenktem Kopf anstelle eines Rückblicks auf die vergangene Woche – so wie besprochen. Sie ist den Tränen nah. Sie und ich haben noch keine tränenlose Sitzung hinter uns gebracht, seit sie die Therapie begonnen hat.

Ihr Satz schmeckt bitter und fast lache ich zynisch auf.

„Jungs vielleicht, bei Männern wäre ich da nicht so sicher…“, liegt mir auf der Zunge, aber es auszusprechen, wäre unprofessionell. Höchst unprofessionell sogar.

„Fiel etwas Konkretes vor, das Sie zu dieser Schulfolgerung bewegt?“

Sie schweigt eine gefühlte halbe Stunde, was angesichts der 50 Minuten, die die Sitzung dauert, nicht besonders zielführend ist. Wir sitzen nicht hier, damit sie mich anschweigt. Aber wenn es nach mir geht, dann sitzt sie mir auch nicht mehr lange gegenüber.

Also warte ich, bis sie mir antwortet und gebe vor, weiterhin anwesend und nicht mit meinen Gedanken schon am See zu sein. Sie ist heute meine letzte Patientin und wenn ich Glück habe, kann ich noch vor sieben ins Wasser und mir den Tag vom Leib und alles andere von der Seele schwimmen, bevor Birger nach Hause kommt – oder auch nicht kommt.

Ich brauche nicht lange von meiner Praxis nach Hause. Zwanzig Minuten mit dem Rad – gerade genug, um genügend Distanz zwischen Beruf und Privatleben herzustellen. Die längste Zeit meines beruflichen Lebens ist mir das gut gelungen. In letzter Zeit bleibt manches, was ich in diesen geschützten Räumen höre, zu sehr an mir kleben. Zeit für eine Supervision – oder eine Auszeit!

Frau H.s beharrliches Schweigen bringt mich zurück zu ihr. Ich versuche ein Reset und betrachte sie möglichst unvoreingenommen. Selten habe ich damit solche Schwierigkeiten wie bei ihr.

Frau H. ist 32 Jahre alt und unterrichtet seit drei Jahren Deutsch und Französisch an einem der hiesigen Gymnasien. Lieber hätte sie Musik studiert, aber damit könne man nicht mal kleine Brötchen backen, meint sie. Sprachen brauche man immer und man würde damit ernster genommen an einer Schule, als wenn man Musik unterrichte. Mag sein, aber meiner Meinung nach können manche unterrichten, was sie wollen, und werden ernst genommen und andere nicht einmal, wenn sie Mathe und Physik an die Schülerschaft bringen sollen.

An der Fächerkombination liegt es meines Erachtens sicher nicht, würde ich ihr das jedoch – unprofessionellerweise - sagen, bräche sie erneut in Tränen aus.

Frau H. sollte sich einen anderen Job suchen, das denke ich seit der dritten oder vierten Sitzung, denn das, was sie v.a. von angeblich schwierigen Schülerinnen erzählt, scheint mir ziemlich normal und auch nicht des Pudels Kern. Doch das herauszufinden, ist ihre Aufgabe, ich kann nur den Geburtshelfer ihrer Erkenntnisprozesse spielen.

Die Beweggründe ihrer Berufswahl sind wir schon durch, wiederholt.

„Weil man abgesichert ist, sobald man drin ist“, wiederholt sie mantramäßig aus voller Überzeugung.

Wer das sage, fragte ich sie – die Erfahrung meinte sie.

Absicherung der Lehrkraft scheint mir nicht das beste Motiv zu sein, um die Zukunft unseres Landes bilden und erziehen zu wollen. Auch darauf muss sie selbst kommen.

Diese Woche brach sie also vor ihrer „Zehnten“ erneut in Tränen aus. Vor zwei Wochen geschah es vor der Jahrgangsstufe 12. Am Alter der Elevinnen scheint es also auch nicht zu liegen.

Als eine Schülerin ihr riet, sie solle die Kirche mal im Dorf lassen, meinte ein Knabe zur Ratgeberin, sie solle Frau H. in Ruhe lassen. Nobel von ihm. Aber wenn eine meiner Lehrerinnen angefangen hätte, im Unterricht zu heulen, weil die Hälfte der Klasse keine Hausaufgaben hatte, wäre ich als Fünfzehnjähriger auch baff gewesen.

„Wollen Sie ein Glas Wasser?“, biete ich an.

Sie schüttelt nur den Kopf.

Fein. So kommen wir garantiert weit – bei dieser Sitzung.

Ich bin nicht gut drauf heute, was bedeutet, dass ihr zuzuhören, bzw. ihr Schweigen auszuhalten, mich heute noch mehr an den Rand bringt als sonst.

Aber ich bin selten gut drauf in letzter Zeit. Und irritiert hat mich Frau H. von Anfang an.

Obwohl sie privat versichert ist, ist sie lieber Selbstzahlerin und löhnt 200 € die Sitzung, warum?

Sie ist Lebenszeitbeamtin, es kann ihr also nichts passieren.

Jetzt nagt sie wieder an ihren Nägeln und ich unterdrücke gerade noch rechtzeitig einen unwilligen Laut und zwinge mich, mich daran zu erinnern, dass ich eigentlich ein erfahrener Arzt und Therapeut bin, eigentlich – wenn ich nicht gerade in der Krise meines Lebens stecke.

Zu meiner Ehrenrettung versichere ich mir, dass ich ihr nach den ersten beiden probatorischen Gesprächen nahegelegt habe, eventuell einen Kollegen, der auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert sei, aufzusuchen, was sie aber abschmetterte, sie habe kein Essproblem, sondern bösartige Schülerinnen seien ihr Problem.

Nach der vierten Sitzung deutete ich erneut an, dass ein Wechsel vielleicht eine kluge Entscheidung sei. Was sie wiederum nicht in Betracht zog, denn sie ziehe immer alles durch, was sie angefangen habe.

Eingedenk ihrer dürren Ärmchen, kritzle ich ein großes V -> A auf das vor mir liegende Blatt. Ihr an und für sich eher kleiner Kopf wirkt heute besonders überproportioniert auf ihrem dünnen, sehnigen Hals. Ich muss das entweder beharrlicher im Auge behalten oder es gelingt mir endlich, sie zu einem Kollegen zu überweisen.

Frau H. und ich funktionieren nicht gut. Egal, ob sie alles durchzieht, was sie sich vornimmt. Nicht alle Patienten kapieren, dass Therapie bei aller Professionalität ein Beziehungsgeschehen ist, das nicht mit beliebigen Mitspielern gleich gut funktioniert.

„Wie häufig haben Sie diese Woche trainiert?“

Die Testfrage überrascht sie sichtlich, denn sie zuckt zusammen, als hätte ich zu laut gesprochen.

„Sie hatten sich vorgenommen, einmal auszusetzen, erinnern Sie sich?“, lege ich nach.

Ihr Schweigen und die roten Flecken an ihrem Hals bestätigen meinen Verdacht, dass sie ihren mageren Körper doch wieder jeden Tag geschunden hat.

„Ich sehe einfach keinen Zusammenhang, Dr. Bartels – zwischen meinem Anliegen und Ihrer Unterstellung, ich hätte eine Essstörung!“, antwortet sie schließlich trotzig.

Das ist mein Stichwort.

„Ich glaube, wir sollten den bisherigen Therapieprozess heute nochmals genau in den Blick nehmen, Frau H.“.

Eine Stunde später schließe ich meine Praxis ab, später als geplant, aber zufrieden, dass ich Frau H. an einen Kollegen vermitteln und ihr glaubhaft versichern konnte, dass es sich nicht um einen Therapieabbruch, also weder um ein Versagen ihrerseits noch meinerseits handele, sondern ich aufrichtig davon überzeugt sei, dass mein Kollege ihr besser helfen könne. Das denke ich auch wirklich.

Ich schwinge mich aufs Rad und sobald ich unser Haus sehe, geht es mir besser. Das ist mein wundervolles, unverdientes Paradies, für das ich nichts Anderes getan habe, als Erbe zu sein.

Bevor Birger einzog, habe ich das Haus rundum sanieren und modernisieren, aber nicht vergrößern lassen, das hätte seinen Charme zerstört. Den ziemlich laienhaft verglasten Wintergarten habe ich abreißen und neu bauen lassen. In ihm verbringe ich die meiste Zeit, wenn ich nicht schlafe oder draußen bin.

Seit Jahren wehre ich alle Kaufangebote ab, die regelmäßig in unseren Briefkasten flattern. Mein Kleinod verkaufe ich für keinen Preis. Schon die Auffahrt und der parallel dazu verlaufende Weg zur Fronttüre ist ein Genuss. Der Landschaftsgärtner hat aus unterschiedlich großen Steinplatten und-plättchen verschiedener Gesteinsarten und Kieselsteinen unregelmäßig-regelmäßige braun-grau-bläuliche Muster unterschiedlicher Größe und Form gelegt, in welchen es immer wieder Neues zu entdecken gibt. Barfuß darauf zu laufen, fühlt sich für mich wie eine Yoga-Übung an.

Ich stelle mein Rad auf der Terrasse hinter dem Haus ab und ziehe mich an Ort und Stelle aus, schnappe mir eine der Badehosen von der Wäschespinne und renne die 20 Meter runter zum See. Die Luft hat sich schon ziemlich abgekühlt, aber das Wasser empfängt mich mit der vom Tage gespeicherten Wärme – zumindest in Ufernähe. Weiter draußen wird es kälter, aber auch das ist mir gerade recht. Abends reicht mir eine dreiviertel Stunde – zwanzig Minuten hin und 25 zurück – um in mir anzukommen und mich wiederzuerkennen. Morgens brauche ich dazu ein bisschen länger.

Birger wollte heute eigentlich um halb acht zurücksein und für uns kochen; er kocht gut, am liebsten mag ich sein Limettenrisotto mit Zander, aber auch alles andere schmeckt mir, was er auf den Tisch bringt, wenn er Zeit hat oder sich die Zeit nimmt. Doch als ich zurück auf das Haus zu schwimme, sehe ich nirgendwo ein Zeichen von ihm.

Der Carport gähnt mir als Bestätigung leer entgegen.

Es überrascht mich nicht und kotzt mich dennoch an. Überhaupt ist Kotzen zurzeit ein Thema. Aber rumzusitzen und auf ihn zu warten, darauf habe ich heute definitiv keine Lust. Also dusche ich schnell, schnappe mir das Rad und fahre zu Urs. Er wird noch in seiner Werkstatt sein, aber vielleicht kann ich ihn dazu überreden, mit mir etwas essen zu gehen.

Wieder einmal frage ich mich, wozu ich mit jemandem zusammenlebe, wenn ich von sieben Abenden in der Woche sechs alleine esse. Der Witz ist, dass Birger mit mir zusammenziehen wollte, damit wir mehr Zeit füreinander hätten.