10 I Ein banaler blauer Fleck
10 I Ein banaler blauer Fleck
Guten Tag zusammen,
weil es schon wieder eine Weile her ist, dass ich ein Kapitel gepostet habe, beginnt das neue Kapitel mit dem Zitat der letzten Sätze des vorangegangenen.
Das nächste wird nicht so lange auf sich warten lassen ;)!
Ich bin gespannt darauf, wie ihr den Verlauf des Gesprächs einschätzt und freue mcih auf eure Rückmeldungen!
Auf euere Reviews zum 9. Kapitel antworte ich später.
Liebe Grüße
Philander
*****************************************************************************************************
Zwischenfarben
© philander
10 I Ein banaler blauer Fleck
Da liegt er, mein Mann, ungeschützt, und so vertraut, zum Greifen nah, der mich liebt und mir doch nicht treu sein kann.
„Simon…du bist zurück“, räuspert er sich und ich weiß nicht, wie lange ich in meinen Gedanken verloren war“.
„Ja“, antworte ich nur und schaue in seine tiefbraunen, warmen Augen.
„Du willst reden“, murmelt er und seine plötzliche Blässe schnürt mir den Hals zu “ .
Sein Erschrecken erschreckt mich auch und dennoch kann ich ihm die Angst, die in diesem Augenblick aus seinem ganzen Sein spricht, nicht wirklich nehmen, denn das, was seine Blässe vertreiben würde, das, was er wahrscheinlich hören möchte, kann ich nicht sagen, weil es eine Lüge wäre, denn ich weiß definitiv nicht, was aus uns werden wird. Ich weiß es nicht, obwohl mir in den letzten Tagen klargeworden ist, dass ich ihn noch liebe. Das einzige, was ich gerade definitiv weiß, ist, dass ich Abstand brauche, denn seine Nähe vernebelt meine klare Sicht.
„Ich glaube, ich würd’ gern rein”, sagt er leise und räuspert sich.
Schade, ich würde gerne draußen bleiben. Aber ich nicke und folge ihm, als er aufsteht, die Decke zusammenfaltet, sich unter den Arm klemmt und vor mir her durchs Wohnzimmer hindurch in die Küche geht und sich an den Tisch, der unter dem Fenster steht, setzt, an dem wir frühstücken, wenn wir genügend Zeit haben.
Da sitzt er, aufrecht, mit meiner nun gefalteten Decke auf dem Schoß – als wäre es ihm auch im geschützten Raum zu kühl – und blickt mich an. Und schauen kann er – sein Gesicht scheint im Augenblick nur aus seinen großen dunklen Augen zu bestehen, die versuchen, in meinem Gesicht zu lesen.
Es wäre so leicht, auf ihn zuzugehen, ihn zu umarmen und zu küssen, ihm den aufgeschreckten Ausdruck zu nehmen, meine Augen zu schließen und alles zu verdrängen, was zwischen uns steht.
Es wäre leicht und vollkommen falsch.
Den Anfang zu machen, ist an mir – das kann ich ihm nicht zumuten. Es wäre taktisch zwar klüger, ihm den Beginn zu überlassen, aber es hieße, ihn ins offene Messer rennen zu lassen und das will ich nicht.
Ich setze mich ihm gegenüber und unterdrücke den Impuls, rüberzugreifen und meine Hand auf seine zu legen.
„Ich denke, die letzte Zeit war für dich nicht weniger belastend als für mich. Es war nicht meine Absicht, dich mit meinem Rumgeeiere zu quälen. Dass mich etwas plötzlich so umtreibt, was ich all die Jahre akzeptiert hab – muss für dich unverständlich sein. Aber ich hab‘ wirklich so lange gebraucht, einzuordnen, was mit mir – uns – los ist“.
Was ich sage, beruhigt Birger augenscheinlich keineswegs und die folgende Frage zu stellen, fällt ihm sichtlich schwer.
„Und was hast du herausgefunden?“
„Ich versuch’s mit einem Bild … es ist, als hätte ich mich irgendwann mal an einer Tischkante gestoßen, hätte es aber kaum bemerkt. Hätte den kleinen blauen Fleck gerieben und vergessen. Weil ich den Tisch aber nie verrückt habe, obwohl er mitten in unserem Lebensraum steht, habe ich mich fast zwangsläufig immer wieder daran gestoßen und kann ihn nicht mehr ignorieren“.
„Und aus dem anfänglich banalen blauen Fleck hat sich ein fettes Hämatom entwickelt, das immer wieder neu einblutet“, komplettiert Birger meinen Satz. Er versteht das Bild – und das nicht nur auf rationaler Ebene.
„Ja – so in etwa“.
„Das wollte ich ganz sicher nicht“.
„Ich weiß“.
„Und der finale Stoß war Max“.
„Ja“.
Wir sehen uns an und wissen wohl beide nicht, wie wir fortfahren sollen. Wagen es beide nicht, ungefiltert herauszulassen, was uns durch den Kopf geht: Mir zum Beispiel, dass ich ihn gerade in seiner Zerknirschtheit unheimlich sexy finde und am liebsten besteigen würde. Die körperliche Anziehungskraft, die er auf mich ausübt, hat seit Beginn unserer Beziehung meinen Blick auf unsere unterschiedliche Haltung zu Exklusivität in einer Beziehung zugedeckt. Das darf mir heute nicht passieren.
Birger war in gewisser Weise mein Erster. Der erste Mann, mit dem es richtig zu Sache ging. Vor ihm hatte ich ein paar mehr oder weniger unverbindliche Kurzbeziehungen, die auch sexuell eher oberflächlich blieben. Als ich Birger jedoch kennenlernte, löste er in mir etwas aus, was ich zuvor nicht erlebt hatte: Wenn er mich hielt, sich in mir verlor und mir zeigte, wie sehr er mich wollte, vergaß ich meine Zweifel an Gott und der Welt und v.a. die Zweifel mir selbst und ich konnte nicht genug von ihm kriegen.
Birgers „Erwachen“ lief völlig anders: Als wir uns kennenlernten, hatte er in sexueller Hinsicht viel mehr Erfahrung als ich. Er betont immer, er sei froh, dass der Typ, mit dem er zum ersten Mal geschlafen habe, jemand gewesen sei, der wusste, was er tat, als er ihn in die Freuden analer Penetration einführte.
Ich sehe das anders – finde es mehr als grenzwertig, wenn ein viel Älterer einen Jungen fickt, auch wenn der es will. Es ist einfach so, dass ein Fünfzehnjähriger dem ersten Mal etwas anderes beimisst als ein Erwachsener. Da können sich beide das Gegenteil einreden, solange sie wollen.
Typen wie Birgers „Erster“, so ne Art Jungfrauenjäger, haben definitiv einen Hau.
Da ich nicht ins Schweigen der letzten Monate zurückfallen möchte, gebe ich mir einen Ruck und rede endlich weiter: „Jedenfalls glaube ich, dass es mir guttut, etwas Abstand zu kriegen und deshalb hab‘ ich daran gedacht, Sebastian eine Weile auf die Pelle zu rücken“.
Birgers Nicken folgt ein heiseres: „Wann?“
„Zuerst muss ich regeln, dass meine Patienten eine Weile ohne mich klarkommen und dann möchte ich los“.
„Das bedeutet, unser Urlaub fällt diesen Sommer auf jeden Fall ins Wasser“.
Daran habe ich gar nicht gedacht, aber er hat natürlich Recht, ich kann nicht zweimal mehrere Wochen die Praxis zumachen. Birger stützt seinen Kopf in seine Hände und murmelt: „Das geht alles auf einmal wahnsinnig schnell“.
“Ich will nur in Ruhe nachdenken…so wie jetzt kann ich nicht weitermachen“, sage ich leise.
Er atmet tief durch und sieht mich wieder unverwandt an: „Das ist der Moment, vor dem ich seit fünfzehn Jahren Angst habe, weil ich wusste, dass er kommen wird“.
Als ob er einen Gedanken verscheuchen will, der ihm in den Sinn kommt, schüttelt er vehement den Kopf, bevor er weiterspricht:
„Esther war gestern Abend da und ich hab‘ zum ersten Mal mit jemandem außer dir über alles geredet“.
Dass er sich ausgerechnet Esther anvertraut, erstaunt mich, hätte eher an Daniel* gedacht, die beiden sind ja nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Auf der anderen Seite ist Esther* die ruhigste und klarste der drei. Und natürlich fällt mir auf, dass er ihren Namen plötzlich nicht mehr abkürzt. Das ist interessant, wenn im Moment auch völlig unwichtig.
„Ich hab‘ sie angerufen…ging mir nicht so gut. Wie auch immer. Sie hat ein paar gute Fragen gestellt“.
„Willst du mir sagen, welche?“
„Zum Beispiel, ob ich denn nie Angst gehabt habe, dich wegen meiner Seitensprünge zu verlieren“.
„Und was hast du geantwortet?“
„Dass ich die Angst, dich zu verlieren, jeden beschissenen Tag hatte – von Anfang an. Ich wusste immer, dass du es sein wirst, der geht – war für mich nur eine Frage des Zeitpunkts“.
„So was kann man nicht wissen, Birger“.
„Ich wusste es. Ich wusste, dass dir das mit mir nicht ein Leben lang reicht. Du bist immer einen Meter weiter, höher gesprungen als ich, Simon – wolltest immer mehr als ich“.
„Versteh‘ ich das richtig? Du wolltest das Ende mit deiner Fremdgeherei provozieren, weil du dachtest, es kommt ohnehin?“
„Nein – so ist es nicht. Es gibt kein ‚System‘, das dahintersteckt. Es ist ja auch nicht so, dass ich mir je vorgenommen hätte: Hey, s ’ist Zeit, mal wieder mit einem anderen in die Kiste zu springen. Es ergab sich meistens“.
„Wann genau ergibt sich so was denn? Kannst du mir das sagen?“
Ich kann nicht glauben, dass wir dieses Gespräch erst heute führen, dass ich mich tatsächlich fünfzehn Jahre lang um den heißen Brei herumgedrückt und die Fresse gehalten habe, denn er hat sich ja offensichtlich Gedanken über die potenziellen Auswirkungen seiner Seitensprünge gemacht.
„…am Anfang unserer Beziehung – ich weiß nicht, ob du dich noch erinnerst…“.
„Natürlich erinnere ich mich“.
„Ich hab' mich gleich so wahnsinnig in dich verknallt. Das hat eine regelrechte Panik in mir ausgelöst“.
„Und da dachtest du, wenn du dir ein paar Optionen offenhältst, dann setzt du dich weniger der Gefahr aus, dich … was? Zu verlieren?“
„…Auf die Schnauze zu fallen. Ich wollte dich so wahnsinnig, dass ich überzeugt war, das kann nicht gutgehen. Ich will dich ja immer noch. Du bist der einzige Mann, mit dem ich je eine Beziehung wollte. Und du sagtest damals, du kannst damit umgehen. Das hat mich irgendwie entlastet und zugleich genervt. Schwer zu erklären. Ich kann mich noch genau daran erinnern – wie du aussahst, als wir darüber redeten. Wie deine Mutter, wenn sie predigt, dass man Personen und ihre Handlungsweisen voneinander trennen muss. Das stimmt ja auch, aber es ist so theoretisch. So lebensfremd in meinen Augen. Egal, nach einiger Zeit hab‘ ich mich ja eingekriegt.
Doch dann wolltest du plötzlich nach Wien. Ich wusste, wenn ich nicht mitgehe, war’s das. Nicht deinetwegen – meinetwegen. Ich hätte es nicht durchgehalten, eine Fernbeziehung zu führen“.
„Und dann wollte ich wieder zurück und schließlich sogar hierher“, führe ich seinen Gedanken weiter.
„Versteh‘ mich nicht falsch – meine Fremdficks sind keine kindischen Racheaktionen oder so was – sie haben sich wirklich immer irgendwie ergeben. Manchmal gingen sie von mir aus, meistens aber nicht“.
Und dann stell ich die Frage, die ich bisher noch nie zu stellen gewagt habe und deren Beantwortung letztlich auch vollkommen unwichtig ist und doch will ich es wissen:
„Wie oft ging es denn von dir aus – und wie oft von anderen?“
Vielleicht hat er ja den Überblick verloren, flüstert mir ein zynisches Kontra-Ich zu.
Birger runzelt die Stirn und sieht mit seinen Oberdackelfalten natürlich zum Fressen aus, das nehme ich auch in dieser schwierigen Situation wahr, und ich würde die Frage gerne zurücknehmen, denn macht es wirklich einen Unterschied, ob er zwanzigmal oder vierzigmal fremdgegangen ist?
Aber er antwortet, bevor ich reagieren kann.
„Zweimal ging’s von mir aus und fünfmal von den anderen“.
Siebenmal, denke ich, lasse die Zahl in mir spazieren gehen und fühl‘ zunächst nichts dabei.
„Ich bin nicht promiskuitiv, Simon. Und auch nicht hypersexuell. Ich mach’s gern, ohne Zweifel, und vielleicht ist es mir wichtiger als anderen, aber am liebsten mach ich‘s mit dir, ob du das nun glaubst oder nicht“.
Sieben Typen– nur einer mehr als ich ohnehin wusste. Ich habe eine weit höhere Dunkelziffer vermutet. Allerdings sind sieben ja auch nicht wenig – in 15 Jahren. Im Schnitt alle zwei Jahre einer. Nicht schlecht. Aber auch nicht promiskuitiv. Doch von irgendwoher kommt ein Anfall von Erbsenzählerei über mich: „Und wie lange dauerte deine längste Phase ‚OHNE‘?“
„Neun – nein zehn Jahre“.
WOW – immerhin!
„Gibt’s ein Muster?“
„In den ersten zwei Jahren waren’s vier. In Wien einer und die letzten beiden – innerhalb der letzten drei Jahre. Ich denke nicht, dass es ein Muster gibt“.
„Das denk‘ ich schon. Da du so eine lange Trockenphase hattest, gibt es ziemlich sicher Auslöser“.
„Hast du mit mehr oder weniger gerechnet?“
„Definitiv mit mehr“.
„Mit wie vielen?“
„Weiß nicht...Zwanzig?“
„WOW…doch so wenige!“; er schüttelt den Kopf, um ihn dann in seine Hände zu legen.
„Ich weiß es nicht, Birger, im Grunde wollte ich mir keine Gedanken darüber machen. Was ich nicht wusste, belastete mich nicht“.
„…und dann kam Max“, Birger wiederholt „den" Satz.
„Ja – und ich denke, er war einer derjenigen, auf den du zugegangen bist“.
„Nein, war er nicht. Aber – da wir nun mal schon beim Aufdecken sind – er war einer der wenigen, in die ich mich hätte verlieben können. Ich fand es unsäglich, dass er bei dir aufgetaucht ist, aber ich mochte ihn. Die Art, wie er über Kunst spricht, von Schönem schwärmt und so – das hat mir gefallen. Über das Reale hinauszudenken, hinauszuträumen, wenn du so willst. Ist ja nicht gerade etwas, was mir zufliegt“.
„Und das hab‘ ich gespürt, dass es mit Max etwas anderes war“.
„Gegangen wäre ich wegen ihm aber dennoch nicht“.
„Auch das kannst du nicht wissen, Birger“.
„Und du kannst nicht wissen, was ich zu wissen, mir sicher bin“.
Damit hat er Recht.
„Darüber zu spekulieren, ist wahrscheinlich müßig“, sag‘ ich abschließend, denn Spekulationen bringen uns nicht weiter.
„Worüber willst du dir klarwerden, wenn du bei Sebastian bist? Ob du ohne mich glücklicher wärst“.
„…ich will mir darüber klarwerden, was genau ich brauche, um aus meiner Krise herauszukommen. Das ist egoistisch, ich weiß, aber solange ich das nicht klar habe, schliddere ich immer weiter in die Krise – und das hilft uns beiden nicht“.
Es dauert gefühlte zehn Minuten, bis er darauf antwortet: „Esther hat mir angeboten, eine Weile bei ihr zu wohnen, sollte das mit uns heute eskalieren. Das hat es zwar nicht, aber ich denke, ich werde ihr Angebot annehmen. Ich kann die nächsten Wochen, bis du alles mit deinen Patienten geregelt hast, nicht neben dir herleben, neben dir im Bett liegen, dich nicht berühren dürfen – oder falls du trotz allem weiter mit mir schläfst - zu wissen, dass unsere Tage eventuell gezählt sind. Das krieg‘ ich nicht hin“.
Jetzt bin ich es, der nur nicken kann – wissend, dass er richtig handelt, wissend, dass er mit seiner Angst alles andere als falsch liegt – weil mir jede mögliche Antwort im Hals stecken bleibt.
„Aber eines sollst du wissen“ – er fasst mich nicht an, aber seine Worte berühren mich mehr als jede noch so feste Umarmung es könnte: „Egal, wie du dich entscheidest, solltest du mich irgendwann zurückhaben wollen, lass ich alles liegen und stehen und renn‘ zurück zu dir“.
Auch das kann er nicht wissen, niemand kann voraussehen, wie sich die Dinge entwickeln werden. Weder er noch ich.
Und wie am Ende des Gesprächs mit Urs, öffnen sich meine Schleusen erneut und ich heule wie ein Schlosshund.