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11 I Drachenblut

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11 I Drachenblut

Guten Abend zusammen,

was sich in Birgers und Simons Leben gerade abspielt, sind Momente, die zu beschreiben, mir ziemlich schwerfiel; deshalb ließ das – auch noch sehr kurze - Kapitel leider wieder auf sich warten.

Danke für eure Impulse, die unheimlich hilfreich sind!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

11 I Drachenblut

„Aber eines sollst du wissen“ – er fasst mich nicht an, aber seine Worte berühren mich mehr als jede noch so feste Umarmung es könnte: „Egal, wie du dich entscheidest, solltest du mich irgendwann zurückhaben wollen, lass ich alles fallen und renn‘ zurück zu dir“.

Und wie am Ende des Gesprächs mit Urs, öffnen sich meine Schleusen erneut und ich heule wie ein Schlosshund.

Und doch ist es nicht Birgers „Versprechen“, das mich meine Fassung verlieren lässt, sondern das, was er davor gesagt hat, sein resigniertes „Das krieg‘ ich nicht hin“. Spiegelt es doch meine Angst, wir beide kriegten unsere Beziehung nicht mehr hin.

Das, was Birger in den letzten Wochen und Monaten durchgemacht hat, hat er in diese fünf Worte gepackt. Er ist genauso wie ich an einem Punkt angelangt, an dem er nicht mehr so weitermachen kann wie bisher. Aber ich hab‘ zu selbstmitleidig in meinem eigenen Elend gebadet, um rechtzeitig genug eine Wende herbeizuführen, die möglicherweise weniger weh täte als das, was über uns jetzt drüberschwappt.

Und das ist einfach unheimlich traurig. Wir sind ein unheimlich trauriges Pärchen von tragischen Don Quijotes, die gegen Windmühlen kämpfen, die sie selbst gebaut haben und die sie immer weiter von einander zu entfernen scheinen.

Ich versuche, meinen Tränenstrom in den Griff zu kriegen und fühle gleichzeitig,

es ist nicht die Zeit, um stark zu sein, auch nicht so zu tun, als würde alles wieder in Ordnung kommen.

Wir beide haben ein Recht auf Verzweiflung und dürfen sie uns auch nicht selbst untersagen.

Und deshalb lass ich meinen Kopf auf meine verschränkten Arme sinken und lass raus, was sich alles angestaut hat:

Unsicherheit, Enttäuschung, Eifersucht, Wut und Verletztsein, vor allem aber Angst und die Erkenntnis, versagt zu haben.

Birger ist sofort bei mir, zieht mich hoch, nimmt mich in seine Arme und hält mich fest. Seine Körperwärme und sein Geruch, der mir so vertraut ist, dass er fast zu meinem eigenen geworden zu sein scheint, geht mir unter die Haut und lässt jedes Härchen auf meiner Haut aufrechtstehen, so dass ich zu zittern beginne: „Es tut mir so leid, dass ich uns nicht helfen kann“, ächze ich in sein Shirt hinein.

Birger umfasst mich noch fester, aber antwortet nicht, was soll er auch sagen? Unwillkürlich drücke ich mich an ihn, will ihn spüren, von oben bis unten. Er ist genauso verletzt wie ich, noch nie habe ich das so deutlich gespürt wie in diesem Moment, in dem ich nur seinen angestrengten Atem in meinem Ohr höre, weil ihm die Worte fehlen.

Ich spüre auch, dass sein Schwanz auf unsere Nähe reagiert und während mich das vor ein paar Wochen genervt hätte, weil es so einfacher für mich war, ihn als dauergeil abzustempeln, muss ich mir in diesem Augenblick nicht mehr einreden, dass ich es nicht immer genauso wollte wie er.

Es ist eine beschissene Idee, mit ihm schlafen zu wollen, da er morgen doch zu Esther ins Exil geht,

was ich verstehe. Und dennoch flehe ich ihn nahezu an: „Schlaf mit mir!“.

„Warum?“

Er lässt mich nicht los, aber schiebt mich so weit von sich, dass er mir ins Gesicht sehen kann.

Ich schüttle nur ratlos den Kopf und versuche, meinen Kopf wieder an seinem Hals unterzubringen.

„Ich will wissen, warum, Simon? Damit du dich später an das letzte Mal genau erinnern kannst?“

Er schaut mich an, als hätte ich ihm in den Magen getreten und hält mich weiter auf Sichtabstand.

„Hältst du mich für so perfide?“

„Nein, aber ich weiß nicht, was in dir vorgeht und obwohl ich hinnehmen muss, dass du eine Pause willst, möchte‘ ich eigentlich verhindern, dass du gehst. Aber das kann ich nicht, weil du schon wieder alles in deinem Kopf beschlossen hast und dagegen bin ich noch nie angekommen“.

Birger wirkt, als möchte er schreien und doch spricht er ganz leise.

Auch Bäume bluten leise , geht mir durch den Kopf.

Und Drachenbäume sondern rotes Harz ab.

Auch Birgers Schmerz ist von einem tiefen Rotbraun, das sich durch mein Hemd hindurch in meine Haut einbrennt.

Birgers Schmerz fließt aus seiner Mitte - meiner hat sich in meinem Kopf eingenistet.

Beide gleichzeitig auszuhalten - das schaffe ich nicht.

„Dann lass uns wenigstens beieinander liegen“, flüstere ich hilflos.

Ich bin plötzlich unheimlich müde.

Und möchte nicht mehr reden.

Während sie sich unsicher auf einem schwankenden Hochseil vortasten, fallen den wenigsten Menschen die richtigen Worte ein.

In meinen Schläfen pocht es immer heftiger und ich will mir nur noch entfliehen.

Wir schaffen es tatsächlich, gemeinsam ins Bett zu kriechen und ich stöhne leise auf, als Birger mich in seine Arme zieht, meinen Kopf auf seine Brust bettet und mit seiner Hand dort hält.

Halten – nur halten, um nicht ins Bodenlose zu fallen.

Seinem kräftigen Herzschlag lauschend, tauche ich irgendwann endlich ab.

Aber seine gemurmelte Bitte höre ich dennoch:

„Gib uns noch nicht auf, Simon!“