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12 I Vorsilben

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12 I Vorsilben

Guten Tag zusammen,

nachdem die letzten beiden Kapitel auf sich warten ließen, kommt dieses rascher.

Freu mich schon auf eure Anregungen!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

12 I Vorsilben

Am frühen Morgen wache ich mit solchen Kopfschmerzen auf, als hätte ich den Kater meines Lebens.

Dennoch brauche ich nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu realisieren, dass Birger nicht mehr neben mir liegt. Wie es sich anfühlt, morgens allein aufzuwachen, kann ich noch nicht greifen, aber schön ist es nicht. Es ist noch nicht mal hell draußen. Dass Birger sich, ohne etwas zu sagen, aus dem Haus geschlichen hat, kann ich mir nicht vorstellen und deshalb krümme ich mich mühsam aus dem Bett und versuche regelmäßig zu atmen, um den Hammer in meinem Kopf zu besänftigen. Kaum dass ich jedoch aufrechtstehe, dreht sich sofort alles um mich herum und ich muss mich wieder setzen. Oh Mann!

Aber es hilft nichts, ich muss wissen, wo Birger steckt. Nach ein paar Minuten geht es endlich, dass ich mich in Bewegung setze. Auf dem Flur sehe ich zwei gepackte Koffer stehen und Birger ist auch nicht weit, ich finde ihn im Arbeitszimmer, wo er Unterlagen und Bücher nahezu geräuschlos in einen weiteren Koffer packt.

Puh!

Als er aufblickt, sehe ich, dass er geweint hat.

Birger, der eigentlich niemals weint.

Wie nahe ihn mir das bringt!

Es fehlt nicht viel, dass ich auf ihn zugehe, ihn festhalte und alles zurücknehme, nur, damit er bleibt. Aber ich weiß, es ist richtig, eine Weile auf Distanz zu gehen, um herauszufinden, was mit mir los ist und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich weiß, wohin ich möchte, weiß, dass ich mich wieder gesund fühlen möchte, aber ich weiß noch nicht wie ich dahinkomme.

„Wenn ich dir versprechen würde, nie mehr fremdzugehen, würde es auch nicht helfen, oder? Du würdest nicht glauben, dass ich das hinbekomme“.

Birgers wieder so leise gestellte Frage zerbricht mich fast.

„Ich würde es glauben wollen “, antworte ich genauso leise.

„Aber…“, er räuspert sich und ich kann meinen Blick nicht von seinen zitternden, mittlerweile ineinander verschlungenen Händen abwenden – er hält sie, als wolle er verhindern, sie auszustrecken, um mich zu berühren, „wir werden schon weiterhin miteinander reden und uns hin und wieder sehen, oder?“

„Natürlich. Und…Birger, ich verstehe auch, dass du nicht hierbleiben willst, solange alles in der Schwebe ist, aber mir geht es genauso wie dir- am liebsten würde ich es verhindern und deine Koffer wieder auspacken. Aber, wie gesagt, ich verstehe es und es ist richtig – du schützt dich und das ist gut so“.

„Wie lange dauert so eine Pause voneinander, was denkst du? Wann weißt du, ob du uns noch willst?“

Mein Gott, er ist plötzlich so klein, so verwundet und er hat keine Scheu mehr, mir seine Verletzung zu zeigen.

„Ich weiß es nicht, aber ich hab‘ nicht vor, es quälend hinauszuzögern“.

„Das, worum du mich gestern gebeten hast – beieinander zu liegen – das war schön. Sehr schön! Hat mir gutgetan. Heute Nacht hab‘ ich darüber nachgedacht über unser „Einander“ – ich finde, wir haben eigentlich gar nicht so wenig miteinander gemacht. Wir haben lange Zeit viel gemeinsam unternommen. Erst seit Max ging das in so ein Nebeneinander über. Was mir aber auffiel, wir haben wahrscheinlich zu wenig füreinander gemacht - auch früher schon“.

„Du meinst, etwas für den anderen zu tun, einfach, weil er er ist, da ist und man ihn liebt? Ohne einen bestimmten Anlass zu haben?“

„Ja –so in etwa“.

Ich frage nicht, ob er es möchte, ich gehe einfach auf ihn zu und drücke ihn feste an mich, so fest, dass er ein bisschen ächzt. Und dann küsse ich ihn, zärtlich zuerst, auf seine Mundwinkel, sein Kinn, auf seine Lippen, eine ganze Weile lang. Solange, bis ich mehr will und seine Lippen mit meiner Zunge öffnen muss . Er stöhnt in den Kuss hinein, aber intensiviert ihn nicht, er hat seinen Entschluss gefasst – nicht mehr mit mir zu schlafen, solange wir nicht wissen, was Sache ist. Für diese Klarheit bewundere ich ihn. Er schützt damit nicht nur sich, sondern auch mich, und er macht mir damit – vielleicht sogar unbewusst – deutlich, dass unsere Sexualität für ihn mehr bedeutet, als ich ihm bisher immer unterstellt habe.

Ich habe ordentlich was nachzuarbeiten – diese unscheinbaren Vorsilben betreffend, die so einen riesigen Bedeutungsunterschied ausmachen:

Miteinander – nebeneinander – beieinander – füreinander .

Birger hat Recht, das Füreinander haben wir nicht groß genug geschrieben – ich im Grunde noch weniger als er.

Zögerlich löse ich meinen Mund von seinem, reibe stattdessen mein Gesicht an seiner rauen Wange: „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, mit einem anderen Mann…“.

Weil ich nicht möchte, dass er meinen Halbsatz als Seitenhieb auf seine Fremdgänge empfindet, beende ich ihn nicht und schmiege mich wieder dicht an ihn.

„Esther kommt bald – meinen Wagen hol‘ ich dann später mal – ist das okay?“

Der plötzliche Themenwechsel überkommt mich wie eine kalte Dusche, aber wir können tatsächlich nicht ewig so rumstehen. Dass Birger nicht selbst fährt, überrascht mich, doch es ist weise, er ist so durch den Wind.

Tja, und wie Birger gestern gesagt hat – plötzlich geht alles ganz schnell. Ehe wir uns versehen, läutet Esther und lächelt uns beide ein bisschen zögerlich an, als wir ihr zu zweit entgegenkommen.

Sie verneint meine Frage, ob sie hereinkommen und einen Kaffee trinken wolle, zieht es vor, an der Türe stehen zu bleiben – und ich bin ihr dafür dankbar. Ihr fehlt es nicht an Klarheit, sie ist hier für Birger.

Als ich nur Minuten später dastehe und regungslos zusehe, wie Birger seine Koffer in Esthers Auto hievt, kommt sie doch noch auf mich zu und umarmt mich zaghaft. Sie und ich sind nicht die engsten Freunde, aber ich mag sie und im Nachhinein bin ich froh, dass Birger sie um Hilfe gebeten hat.

„Ich glaube, es ist gut, dass ihr euch ein bisschen Zeit ohne einander nehmt, man sieht aus einer gewissen Distanz einfach klarer auf die Dinge“.

„Und du redest mich ihm auch nicht aus?“

„Sicher nicht – pass‘ du besser mal auf, dass du dir ihn nicht ausredest“, kontert sie irritiert mit hochgezogener Augenbraue.

„Touché“, murmele ich, ihre Antwort geschieht mir recht.

Birger ist nicht aus der Welt, Esther bringt ihn nur in ihre 15 Kilometer entfernte Wohnung und nicht auf einen anderen Kontinent, versichere ich mir. Aber es fühlt sich dennoch so an, als wandere er aus.

Ich sehe ihnen nach, bis ich Esthers Volvo nicht mehr sehen kann. Birger blickt die ganze Zeit kein einziges Mal zurück, sitzt steif und unbeweglich auf dem Beifahrersitz. Er hat zwar selbst entschieden, zu Esther zu gehen, fühlt sich aber dennoch von mir vertrieben. Den Schuh muss ich mir anziehen, auch wenn er höllisch drückt. Meistens ist es für derjenigen, der geht, ein bisschen leichter – in unserem Fall ist es nicht so. Birgers Weggang ist nur eine Reaktion auf meine Entscheidung. Wieder einmal muss ich feststellen, dass etwas zu verstehen, nicht verhindert, es schmerzhaft zu fühlen.

Mir geht Birgers Vorsilbenreihe nicht aus dem Sinn. Und Esther hat, ohne es zu wissen, noch eine weitere Silbe hinzugefügt –, ohne einander - hört sich nicht wie eine Vor-, sondern eher wie eine Trenn silbe für mich an…auch wenn es sowas eigentlich gar nicht gibt.

Um 11 Uhr hab‘ ich heute meinen ersten Patienten und hinterher noch vier. Noch ausreichend Zeit, runter an den See zu gehen und weit weit rauszuschwimmen. Vielleicht kann ich die Kopfschmerzen wegschwimmen, meine Magenschmerzen ertränken und meine Herzschmerzen ein bisschen umspülen lassen. Aber wenn ich dieses Mal zurückschwimme, wird Birger nicht auf mich warten.

Beide, Birger und Urs, haben mir mit unterschiedlichen Worten vorgehalten, dass ich Entscheidungen, die nicht nur mich, sondern auch meine Beziehungen betreffen, nur mit mir selbst ausmache und die anderen vor vollendete Tatsachen stelle. Diesen „Vorwurf“ muss ich annehmen, sie haben Recht. Lange Zeit eingeübte Verhaltensmuster sind allerdings zäh und langlebig, sie aufzubrechen, ist zwar Teil meines „Jobs“ und es gelingt mir meist bei Patienten, gelingt es mir bei mir selbst nicht – sieht es düster aus.

Der See empfängt mich mit einer angenehmen Frische und ich pflüge mit kräftigen Arm- und Beinschlägen durchs Wasser. Ich vertraue meinen Körper dem morgendlichen See an und mein Herz der Hoffnung. Der Hoffnung, dass Birger und ich einen gemeinsamen Weg finden werden – wohin auch immer dieser führen wird.

Heute bleibe ich länger als üblich draußen, will nicht zu einem leeren Ufer zurückkehren, schwimme, bis meine Arme müde werden. Bin irgendwann fast froh, dass meine beanspruchten Muskeln mir die Entscheidung abnehmen und mich zwingen, umzukehren und mich dem Tag zu stellen. Als ich auf dem Terrassentisch zwei Frühstücksgedecke und eine Brötchentüte sehe und - ins Wohnzimmer tretend – aus der Küche kommenden Kaffeeduft wahrnehme, fühle ich inmitten der ganzen Misere eine unbeschreibliche Erleichterung.

„Hey, mein Kleiner!“, freue ich mich, „was machst du denn hier?“. Ich beuge mich zu dem kleinen Kerl hinunter, nehme ihn auf den Arm und reibe meine Nase an seinem warmen Fell, was er mit leichtem Schwanzwedeln honoriert. Als hätten Veit und sein Mensch geahnt, dass ich heute Morgen ihre Gesellschaft brauche…

„Birger hat vor ‚ner Weile angerufen und gefragt, ob ich mal bei dir vorbeischauen könnte…“, lächelt Urs, und pustet in seine dampfemde Kaffeetasse.