LNCrawler

13 I Brüche, ein Moralist und ein Köder

Zwischenfarben — www.fanfiktion.de · All chapters

13 I Brüche, ein Moralist und ein Köder

Guten Tag zusammen,

leider floss das 13. Kapitel viel langsamer aus meiner Feder als ich gehofft hatte. Entschuldigt!

Ein Grund dafür ist, dass ich an einer kurzen Weihnachtsgeschichte sitze :).

Ich freue mich sehr über eure Kommentare und Einsichten – danke!

Liebe Grüße und einen schönen Adventssonntag!

Philander

*****************************************************************************************************

Zwischenfarben

© philander

13 I Moralisten und Köder

„Birger hat vor ‘ner Weile angerufen und gefragt, ob ich mal bei dir vorbeischauen könnte…“, lächelt Urs und pustet in seine dampfemde Kaffeetasse.

Birgers kümmernde Seite ist eine seiner liebenswürdigsten Charakterzüge, sie waren die ganzen Male, die ich ins Zweifeln kam, auch immer das Argument zu bleiben. Deshalb wundert mich die Aktion in gewisser Hinsicht nicht und ich denke an seine leise gemurmelte Bitte von heute Nacht: „Gib uns noch nicht auf, Simon!“. Und an seinen Versuch, unsere Mittwochnachmittage wieder zu beleben oder daran, dass er sich in meine Decke eingemummt hat, meine Latschen an den Füßen – seinen unübersehbarer Wunsch, Nähe zu mir herzustellen, während ich abwesend war. Auch an seine Weigerung, gestern und heute Morgen mit mir zu schlafen. Beide Male waren nicht Ausdruck von Zurückweisung , sondern dafür, dass die Situation ihm massiv zusetzt.

Auf der anderen Seite ist der Schritt, Urs anzurufen, schon nicht ganz ohne. Diese Botschaft kann ich nicht adhoc entschlüsseln und meine Unschlüssigkeit sieht mir Urs offensichtlich an.

„Ich hoffe, es ist für dich okay, dass ich hier einfach vorbeigeschlappt bin, aber er klang sehr dringlich“, kommt es von Urs, „er wollte übrigens nicht, dass ich dir sage, dass er mich angerufen hat, aber es zu verschweigen wäre albern – ich besuch‘ dich montagmorgens ja nicht einfach so“.

„Natürlich…ich freu mich, dass du gekommen bist. Sehr sogar. Es ist nur, dass ich mit so einer Aktion von Birger nicht gerechnet hätte…kann sie noch nicht einordnen“.

Urs zuckt stirnrunzelnd die Schultern: „Was ist denn genau passiert? Ihr habt geredet und dann zieht er am nächsten Tag gleich aus?“

„Nee, bzw. jain - ich hab ihm gesagt, dass ich Abstand brauche und deshalb zu Sebastian will. Und daraufhin meinte er, er halte es nicht aus zu bleiben, solange er nicht wisse, wie es mit uns weitergehe“.

„…Könnte ich unter diesen Umständen an seiner Stelle auch nicht“.

„Dass er sich schützt, versteh‘ ich bestens. Bliebe er, würde ich ihm wahrscheinlich ständig doppelte Botschaften senden. Botschaften, die ich leider irgendwie nicht im Griff hab‘“.

Da Urs nicht nachfragt, kann er sich vermutlich denken, um welche Art von Botschaften es sich handelt. Ich schnuppere an Veits warmem Fell – der Kleine riecht so gut! Schon nach Hund, klar, aber angenehm, warm, vertraut, immer ein bisschen nach Holz – wie sein Herrchen. Unwillkürlich muss ich lachen, als er nach einer Weile zu zappeln anfängt – zu intensive Liebesbezeugungen sind nicht seine Sache – es sei denn, sie kommen von Urs. Da hat er klare Prioritäten und so lasse ich ihn wieder runter auf seine Beinchen, woraufhin er sich gleich kräftig schüttelt, bevor er sich in Richtung Garten davonmacht und auf Entdeckungsreise geht.

„Hat Birger sonst noch was gesagt?“, nehme ich den Gesprächsfaden wieder auf.

„Nicht viel. Er meinte nur, ich wisse ja sicher Bescheid, was bei euch los sei und es sei ihm wohler, wenn du jetzt nicht allein wärst“.

„Es ist komisch – im Moment geht es mir besser als gedacht, ich weiß zwar nicht, ob es für unsere Beziehung etwas bringt, wenn ich mich für eine Weile rausziehe, und dennoch brauche ich genau das jetzt dringend. Im besten Fall wird uns beiden während dieser Zeit klar, was wir tun können, um unsere Beziehung zu retten oder ob eine Trennung besser ist“.

„Die will er offensichtlich nicht. Aber ihr müsst natürlich beide wollen, dass es weitergeht“.

„Ich will es Urs, glaub mir, aber nicht so, wie es war. Wir sind in eine vollkommen asymmetrische Gefühlslage geraten. Dazu hab‘ ich meinen Teil beigetragen, das ist mir klar, indem ich mir viel zu lange eingeredet hab, dass es unserer Beziehung nicht schadet, wenn er fremdgeht, indem ich – wie ihr mir beide ja mehr als deutlich gespiegelt habt – immer alles mit mir allein ausmache und fertige Entschlüsse präsentiere. Er hat allerdings die Klappe auch nicht aufgekriegt. Da haben wir uns offensichtlich gegenseitig blockiert und das perfekt verdrängt“.

„Vielleicht hattet ihr beide einfach zu viel Angst“.

„Das kommt sicher dazu, das Entscheidende ist jedoch, dass ich im Grunde nicht verstehe, warum er andere Typen braucht. Ich seh‘ zwar ein nachvollziehbares Muster in seiner Fremdgeherei. Und wahrscheinlich hat das Muster irgendwo mit unserer Beziehung zu tun, aber das Wissen darum allein hilft momentan nicht, weil es nur auf rationaler Ebene vorhanden ist; es muss in meinem Gefühl ankommen – verstehst du?“

„Und das kann es nicht, wenn ihr jetzt so tut als wär‘ plötzlich alles wieder gut und sich dein Verstand und deine Gefühle ständig vermischen?“

„Genau“.

„Keine leichte Situation“, bestätigt Urs, „für euch beide nicht. Auf der einen Seite tat er mir heute Morgen unheimlich leid, und ich dachte tatsächlich, vielleicht würdet ihr es auch ohne die Auszeit hinkriegen, auf der anderen Seite seh‘ ich, wie das Ganze buchstäblich an dir nagt“.

Es ist nicht besonders angenehm, wie unverblümt und missbilligend zugleich Urs heute Morgen auf meinen mittlerweile dürren Körper starrt, ich gefalle mir selbst nicht mehr, aber wenigstens haben meine ständige Übelkeit und Appetitlosigkeit mir keine andere Wahl mehr gelassen als zu handeln.

„Wie viel wiegst du eigentlich noch?“

„Zu wenig, das weiß ich selbst!“

„Wie viel?“

„Das ist doch vollkommen egal. Ich weiß, dass ich was tun muss, deshalb brauch ich die Auszeit ja auch“.

Urs grunzt, aber er nickt.

„Ich glaube, er hat Angst, dass dir jemand über den Weg läuft, in den du dich verliebst und dann alles vorbei ist“.

„ Andere Kerle sind zur Zeit mein geringstes Problem. Bisher hatte ich das Bedürfnis nicht, und das weiß Birger auch - das brachte letztlich unsere Situation in so eine Schieflage“.

„Nie? Hast du dir die ganzen fünfzehn Jahre nie überlegt…?“

„Nee – so was gibt’s tatsächlich. Dass einem der Mann, mit dem man zusammenlebt, reicht!“

Daraufhin hebt Urs pseudoabwehrend seine Hände:

„Sachte, sachte – ich wollte dir nicht zu nahetreten. Aber ich erinnere mich auch an den einen oder anderen, von denen du erzählt hast, die dir gefallen haben … hast du dir bei denen wirklich nie überlegt, wie’s wäre?“

„Doch, hab‘ ich. Und außerdem hab ich nie behauptet, dass ich keine Augen im Kopf hab und attraktive Männer nicht wahrnehme und mir auch manchmal überlege, was wäre wenn…aber sich wirklich darauf einzulassen und mit ihnen ins Bett zu gehen, ist was anderes und anscheinend nicht mein Ding“.

„Hmm“.

„Ich kann für mich Liebe und Sexualität nicht trennen“.

„Ist ja gut“, versucht Urs mich zu beschwichtigen, aber es nervt mich, dass ich scheinbar erklären muss, warum ich nicht fremdgehe: „Schau, ich hab‘ nie mit der Moralkeule auf Birger eingeprügelt und übrigens auch nie auf dich, und mir ist klar, dass Menschen denken, wegen meines Berufs müsste ich jedes menschliche Verhalten verstehen, das sind jedoch verschiedene Ebenen – beruflich bin ich gezwungen zu abstrahieren – aber mein eigenes Leben ist nicht abstrakt, sondern konkret und persönlich und ich hab‘ als Privatmensch genauso ein Recht auf ureigene Gefühle und persönliches „Nicht-Verstehen“ so, wie jeder andere Mensch auch“, – ich reibe mein Gesicht, plötzlich müde, weil sich irgendwie die Perspektiven verzerren, scheint mir, und ich den Eindruck habe, erklären zu müssen, warum es mich verletzt, dass Birger fremdgeht.

„Wahrscheinlich bin ich privat ein Moralist, mag sein, das mag auch für euch ein Bruch sein - aber keiner, den ich glätten will, ich kann nichts daran falsch finden, meinen Mann nicht mit anderen teilen zu wollen, sei es auch nur hin und wieder und nur wenn’s ums Ficken geht. Ich hab‘ das viel zu lange weggeschoben, warum, darüber muss ich noch mit mir ins Reine kommen… jetzt kommt auf jeden Fall das Ganze umso vehementer hoch. Schau – zum Beispiel – wir sind schon so lange zusammen und doch läuft bei uns nichts ohne Kondom – findest du das ‚normal‘? Weißt du, er hat mir gestern erst erzählt, dass er mit insgesamt sieben Typen was hatte und zehn Jahre lang nicht fremdging…das wusste ich nicht. Am Anfang war ich richtig erleichtert, ich hatte mit viel mehr gerechnet. Gleichzeitig finde ich einen schon zu viel. Und dann – deshalb erzähl‘ ich das mit den Kondomen – hat er ja die Option nie ausgeschlossen, auch in den zehn Jahren ‚ohne‘ nicht– sonst hätte er nicht auf Gummis bestanden, denn mein Wunsch waren sie sicher nicht“.

„Gott sei Dank hat er darauf bestanden, Simon!“

„Jaaa – mir ist klar, dass er mich nie gefährden wollte, er ist ja kein Oberarsch, aber das potenzielle, latent immer mögliche Fremdgehen ist für mich gerade schwerer zu schlucken als das faktische“.

„Ach Simon…“.

Urs wuschelt durch meine Haare und lächelt mich in dieser Weise an, die ich so mag – wenn sich unzählige Fältchen um seine intensivblauen Augen legen und er eine unglaubliche Milde ausstrahlt. Er schafft es so immer wieder, mit kleinen Gesten oder versöhnlichen Worten zu verhindern, dass wir ernsthaft streiten, auch wenn er mich in letzter Zeit ziemlich durchschüttelt.

„Der Moralist in dir hat ja auch seine guten Seiten“, jetzt streichelt er mir sogar die Wange, „er hat dafür gesorgt, dass du mich nicht hast fallen lassen, obwohl ich dir wie ein Fremder vorgekommen bin, einfach, weil man den besten Freund nicht fallen lässt. Und er sorgt dafür, dass du dir die Entscheidung mit Birger alles andere als leichtmachst, weil man 15 Jahre Beziehung nicht hinwirft. Aber manchmal kommst du dabei ein bisschen abgehoben rüber“.

„Der Moralist in mir ist absolut nicht abgehoben, sondern eher kleinlaut, weil er sich so ‚out of time‘ vorkommt – und wenn du dich weiter so verhältst, als wärst du 40 Jahre älter als ich, kommst du abgehoben rüber“.

Urs lacht, wuschelt mir nochmals gutmütig durch meine nach Seewasser müffelnden Haare, lässt von seinem pseudoväterlichen Verhalten dennoch nicht ab.

„Jetzt geh‘ mal duschen und ich richte dir währenddessen dein Frühstück und wir essen zusammen!“

Und so machen wir das dann auch. Nach dem Duschen esse ich brav die vier Brötchenhälften, die Urs für mich geschmiert hat, während wir uns noch eine Weile über seine aktuellen Arbeiten, darüber wie es seinen - und meinen - Eltern geht, was mein kleiner Bruder Sebastian so treibt und all so was unterhalten.

Am Ende unseres Gesprächs, kurz bevor meine morgendlichen Überraschungsgäste wieder davontrotten, sagt Urs allerdings etwas, was ich nicht auf sich beruhen lassen kann, obwohl wir kaum mehr Zeit haben, weil wir beide zur Arbeit müssen.

„Weißt du, ein Teil in mir beneidet dich um deinen Moralisten. Er hat etwas Rührendes und ich glaube, wenn ich jemanden richtig lieben würde, würde ich ihn auch nicht mit anderen teilen wollen“.

„Und du warst wirklich noch nie so verliebt?“

„Doch – schon. Aber es wurde nichts daraus“.

„Warum nicht?“

„Lange Geschichte…“.

„Von langen Geschichten gibt es immer auch Kurzversionen!“

„Es ging halt nicht…und im Nachhinein ist das auch gut so. Hätte längerfristig sicher nicht gepasst und dadurch viel zu viel kaputtgemacht“.

„Du machst mich wahnsinnig mit deinen vagen Andeutungen!“

„Tja, jeder hat in Freundschaften wohl mit Herausforderungen zu kämpfen, oder nicht?“

„Arsch!“

Darauf schnappt er sich Veit und grinst mich an, während er ihn hinter den Ohren krault: „Komm Kleiner, wir gehen, dein Herrchen wird hier übelst beleidigt!“

Aber Veit leckt als Antwort - vollkommen unberührt von unserem Geplänkel - hingebungsvoll die große Hand seines Herrchens, die ihn festhält.

„Dieses Gespräch ist noch nicht zu Ende!“

„Für mich schon“, lacht Urs und macht sich mit Veit auf dem Arm von dannen, und ich fahre in die Praxis. Urs hat heute einen Köder ausgelegt, sicherlich ungewollt, aber das Gespräch über seine Liebe, die nicht geklappt hat, ist definitiv für mich noch nicht zu Ende.