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14 I Vertrauensfragen

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14 I Vertrauensfragen

Guten Tag zusammen, es hat länger gedauert, wieder zu Simons, Birges und Urs' Geschichte Anschluss zu bekommen, aber nun ist das 14. Kapitel endlich fertig und ich hoffe, ihr findet auch euren Weg zurück in die Story. Heute geht es nochmals daru, wie Simon "funktioniert".

Habt Spaß dabei und wenn ihr mir schreibt, was ihr über "die Helden" denkt, freue ich mich sehr!

Liebe Grüße

Philander

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Zum Anschluss – wegen der langen Pause ;) – hier als Zitat die letzte Passage des 13. Kapitels:

„Weißt du, ein Teil in mir beneidet dich um deinen Moralisten. Er hat etwas Rührendes und ich glaube, wenn ich jemanden richtig lieben würde, würde ich ihn auch nicht mit anderen teilen wollen“.

„Und du warst wirklich noch nie so verliebt?“

„Doch – schon. Aber es wurde nichts daraus“.

„Warum?“

„Lange Geschichte…“.

„Von langen Geschichten gibt es immer auch Kurzversionen!“

„Es ging halt nicht…und im Nachhinein ist das auch gut so. Hätte längerfristig sicher nicht gepasst“.

„Du machst mich wahnsinnig mit deinen vagen Andeutungen!“

„Tja, jeder hat in Freundschaften wohl  mit Herausforderungen zu kämpfen, oder nicht?“

„Arsch!“

Darauf schnappt er sich Veit und grinst mich an: „Komm Kleiner, wir gehen, dein Herrchen wird hier beleidigt!“

Aber Veit leckt als Antwort - unbelastet von unserem Geplänkel - hingebungsvoll die große Hand seines Herrchens, die ihn festhält.

„Dieses Gespräch ist noch nicht zu Ende!“

„Für mich schon“, lacht Urs und macht sich mit Veit auf dem Arm von dannen, und ich fahre in die Praxis....

Zwischenfarben

© philander

14 I Vertrauensfrage n

Um halb zehn trotten meine morgendlichen Überraschungsgäste wieder davon, so dass ich rechtzeitig in die Praxis komme und mich auf die erste Patientin des Tages einstellen kann. Das fällt mir heute nicht schwer, auch wenn mich Urs‘ Bemerkung über diese Liebe, die keine Chance hatte, nicht loslässt. Aber all die Fragen, die seither in mir rumoren, muss ich beiseiteschieben: Jetzt ist jedenfalls Frau E. dran. Sie ist erst seit Kurzem bei mir in Behandlung, aber wir können gut miteinander an dem, was sie belastet, arbeiten. Sie kommt jede Woche einmal – zur Rückversicherung, wie sie sagt. Sie will es bald wieder „ohne“ schaffen. Das wird sie, denke ich, im Moment ist sie einfach verunsichert. Das Problem, das sie zu mir geführt hat, ist sozusagen ein kategoriales. Sie weiß nicht, wie sie sich definieren, wo sie sich „verorten“ soll auf der Skala heterosexuell – homosexuell – bisexuell, oder ob sie eventuell auch keiner der drei Orientierungskategorien angehört. „Ich mag klares Rot und Blau – Zwischenfarben mag ich nicht“, entgegnete sie, als ich versuchte, ihr mit einer Farbmetapher zu beschreiben, dass das Feld der sexuellen Orientierung ein sehr sehr weites und vielfältiges ist.

„Und doch haben Sie heute eine Bluse an, die  nicht eindeutig blau ist“, antwortete ich ihr. Sie seufzte, bewusst übertrieben, und grinste dann: „Mir ist durchaus bewusst, dass ich Dinge manchmal zu strikt betrachte und es mir damit selbst schwerer mache als notwendig“.

„Ihren Wunsch, sich selbst klar zu zuzuordnen, teilen Sie mit den meisten Menschen. Es geht nicht nur um Eindeutigkeit, die immer leichter zu handhaben ist als Vieldeutigkeit, sondern auch um Zugehörigkeit. Auch wenn jemand zu einer Minderheit gehört, gehört er zu jemandem . Ist Ihnen dieses Gefühl der Zugehörigkeit verloren gegangen?“

„Wer weiß, ob ich es je hatte. Wenn ich es recht bedenke, war ich in meinem Leben immer mehr eine Beobachterin als eine Teilnehmerin, schon als Kind. Und damit das nicht so auffiel, habe ich mich immer so verhalten wie ich dachte, es würde erwartet. Also habe ich nach dem Studium geheiratet. Ich meine, mein Ex-Mann ist ein netter Mann, sensibel und zugewandt, es war also kein Opfer, ihn zu heiraten. Wir haben viele Jahre gut zusammengelebt, ich ging arbeiten und er blieb zu Hause, machte den Haushalt und studierte nebenher. Keine klassische Rollenverteilung, aber sie funktionierte. Warum verliebe ich mich dann aus heiterem Himmel in eine Kollegin? Verlasse meinen Mann und ziehe mit ihr zusammen, um nach vier Jahren festzustellen, dass ich mich wieder ungemein zu einem Mann hingezogen fühle, einem Mann auch noch, der nicht viriler und dominanter sein könnte“, erzählte sie fast fassungslos und ich konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: „Virile Männer können sehr anziehend sein“.

Daraufhin fing sie an zu lachen und ich glaube, mein ziemlich unprofessioneller und zugleich selbstoffenbarender Kommentar entspannte sie ungemein und nahm wenigstens in unseren Gesprächen den Druck raus, dem sie sich unablässig unterworfen fühlt.

Es ist spannend mit ihr zu arbeiten, sie stellt sehr viele Fragen an sich und mich , die in mir auch nach den Gesprächen oft noch nachhallen. Ein Knackpunkt ist, sie vergleicht sich immer wieder mit anderen Menschen , die ihr „normaler“ vorkommen, und das löst Stress aus, weil sie ihr „Anderssein“ als Defizit empfindet. Davon ist sie bis jetzt noch nicht ab gekommen , obwohl sie rational nachvollziehen kann, dass es nicht um Defizite geht , wenn man einer konventionellen Norm nicht entspricht .

„Was ist, wenn ich mich übermorgen wieder in eine Frau vergucke und so weiter und so weiter?“

„Orientierungszuordnungen sind Annäherungen, es gibt - wie gesagt - in diesem Zusammenhang unzählige Schattierungen; manche Menschen machen gleichgeschlechtliche Erfahrungen eher episodenhaft, die sich nicht wiederholen, andere fühlen sich sozusagen in Zyklen zum gleichen und dann wieder zum anderen Geschlecht hingezogen und wieder andere fahren immer auf einer Schiene durch die Landschaft“.

„So wie Sie?“, fragt sie – und schmunzelt.

Mein Privatleben interessiert sie, das ist ganz „normal“, auch wenn es meine Patienten natürlich nichts angeht. Aber dass ich schwul bin, ist kein Geheimnis, manche kommen gerade deshalb zu mir.

„Ja, so wie ich…“, jetzt schmunzle ich auch.

„Das find ich schön, wenn das jemand so klar von sich sagen kann“, seufzt sie.

Wenn sie wüsste, wie es in meinem Gefühlsleben gerade zugeht, klänge sie wahrscheinlich nicht so sehnsuchtsvoll.

„Haben Sie das Gefühl, dass die Veränderungen in ihrer Empfindungswelt jeweils aus dem Nichts kamen?“, fahre ich fort und kehre damit zu ihrem Thema zurück.

„Ja und ich weiß nicht, warum sie jeweils eintraten  und v.a. weiß ich nicht, wann sie wieder über mich herfallen werden und das ist beängstigend“.

„Das ist tatsächlich nicht vorauszusagen. Vielleicht verlieben Sie sich ab jetzt nur noch in Männer, vielleiht wieder in Frauen, aber letztlich kann niemand voraussehen, in wen er sich irgendwann verliebt“.

„Bei mir ist es aber wie emotionales Hakenschlagen – mal dahin, mal dorthin oder vielleicht ganz woandershin! Das ist doch nicht normal“, antwortete sie.

„Was bedeutet ‚normal‘ für Sie in diesem Zusammenhang?“

„Einen klaren Weg zu gehen, vielleicht mit kleinen Umwegen, aber das Ziel muss klar sein, egal unter welcher Fahne ich segle, ich muss wissen, wohin es geht, verstehen Sie? Dieses Wechselhafte, das reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Meine Ex-Freundin fühlt sich von mir verraten und mein Ex-Mann denkt, ich hätte meine Freundin nur vorgeschoben, um von ihm wegzukommen. Und mein neuer Freund lässt sich schon gar nicht richtig auf eine Beziehung ein - ich verstehe alle drei, ich bin für niemanden mehr verlässlich…“.

„Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass wir die Etiketten „normal“ und „unnormal“ für heute mal ausklammern?“

Sie nickt, kann den Vorschlag offensichtlich annehmen und ich erkläre, warum ich den Vorschlag gemacht habe:

„Mit dem Normalsein im emotional-zwischenmenschlichen Bereich ist das so eine Sache – was für einen Menschen normal sein mag, ist für einen anderen möglicherweise unvorstellbar. Mit welchem Recht könnte hier jemand den Maßstab der Normalität anlegen wollen?“

„Das heißt dann, anything goes …?“

„Nicht unbedingt – Beziehungen – auch die zu sich selbst - müssen im Grunde immer wieder ausgehandelt werden und es muss darauf geschaut werden, was für alle beteiligten Seiten funktioniert“.

Sie nickt mit zusammengezogenen Brauen und blickt anschließend etwas verloren vor sich hin.

„Was Ihre Verlässlichkeit anbelangt…ich möchte Ihnen gerne sagen, was ich diesbezüglich bei Ihnen wahrnehme. Wollen Sie es hören?“

Sie nickt wieder – aber zögerlich.

„Sie haben mir erzählt, dass Sie das Studium Ihres jüngeren Bruders finanzierten und die Patin seiner Kinder sind. Sie erzählten auch, dass Sie Ihrem geschiedenen Mann ein zinsloses Privatdarlehen gewährt haben, damit er sich nach der Scheidung eine eigene Existenz aufbauen konnte, und  Sie und er haben weiterhin Kontakt. Sie haben mir gegenüber weder über Ihren Ex-Mann noch über Ihre Ex-Freundin abwertend gesprochen, Sie besuchen einmal im Monat Ihre Eltern, die 700 Kilometer von hier entfernt wohnen, Sie arbeiten seit 20 Jahren mit denselben Partnern zusammen…“.

Die steile Falte auf Ihrer Stirn vertieft sich und sie sieht mich durchdringend an, ist aber noch nicht bereit, selbst auszusprechen, was ich ihr sagen will, also fasse ich es in Worte:

„Ich entdecke keine Indizien dafür, dass Menschen sich nicht auf Sie verlassen können“.

„Aber ich kann mich nicht mehr auf meine Gefühle verlassen“.

„Dann schlage ich vor, dass wir uns gemeinsam ansehen, wann genau dieses Gefühl begonnen hat“.

Und damit verbringen wir den Rest unserer Sitzung.

Wie immer gehen die 50 Minuten mit Frau E. schneller vorbei als mit manch anderen Patienten. Bevor sie geht, eröffne ich ihr, dass ich für eine gewisse Zeit abwesend sein werde, sie trägt es mit Fassung, ihr fragender und zugleich wissender Blick scheint eher auf meine Situation gerichtet als auf die ihre, aber sie sagt glücklicherweise nichts. Wir vereinbaren eine Art Online-Sprechstunde während meiner Auszeit. Sie ist nicht akut gefährdet und möchte zu keinem anderen Kollegen vermittelt werden – es genügt ihr, dass sie weiß, sie könnte mich erreichen, wenn sie wollte und für mich ist es auch in Ordnung.

Um halb acht abends bin ich fix und fertig, denn in meinen zwei üblichen Pausen hab‘ ich rumtelefoniert und Patienten, die eine engmaschige Begleitung brauchen, Kollegen avisiert; es wird bei allen klappen. Und andere, die ihre Therapiestunden eher als allgemeine Lebensbegleitung brauchen, können mich wie Frau E. im Notfall auch online kontaktieren.

Nach den Terminen morgen und am Donnerstag kann ich mich im Grunde schon aufmachen und in  meine Auszeit eintauchen.

Noch von der Praxis aus rufe ich Urs an, vielleicht hat er Zeit, mit mir bei „Lorenzo“ essen zu gehen. Er hat tatsächlich Zeit und kommt gerne mit, denn Lorenzo liebt Veit. Allerdings macht mein Freund Urs zur Bedingung seines Mitgehens, dass ich keine Fragen stelle, die er ohnehin nicht beantworten werde.

Natürlich weiß ich, worauf er anspielt und er weiß, dass mich seine „Enthüllung“ nicht loslassen wird. Was ich nicht weiß, ist, warum er so ein Geheimnis darum macht.  Seine „Eröffnung“ heute Morgen klang so wehmütig – wehmütig und auch ein bisschen verloren –  und sein Gesichtsausdruck geht mir erst recht nicht mehr aus dem Kopf, auch wenn er ihn gleich wieder hinter seiner allzeit abgeklärten Maske zu verstecken versuchte. Dass sich Urs verloren fühlt, die Vorstellung ertrag ich ganz schlecht. Aber vielleicht hat er sich verloren in einem Lebensarrangement, das er zwar selbst kreiert hat, das ihm aber auch enge Grenzen setzt. Sicher, er hat seine Leute, er hat sein geliebtes Geschäft, auf das er so stolz ist, und das ihm so viel einbringt, dass er gut leben kann, er hat sein Boot und natürlich Veit – und auch mich. Ja, auch mich und ich habe ihn, und er ist so ungeheuer wichtig für mich. Deshalb löst das Gefühl, er könnte sich manchmal einsam und oder verlassen fühlen, Sorge in mir aus. Vielleicht interpretiere ich zu viel in alles hinein, denn meist wirkt er sehr zufrieden mit seinem Leben – möglicherweise hat meine Krise aber auch in ihm etwas ausgelöst, worauf er nicht vorbereitet gewesen ist.

Wir treffen uns vor der Pizzeria und ich kann mein Grinsen nicht eindämmen, als ich Urs und Veit anradeln sehe, Veit in seinem Fahrradanhänger immer sicher „reisend“.  Urs wäre ein super Vater, umsichtig, geduldig, hingebungsvoll, aber sehr klar in dem, was geht und was nicht, denke ich.

„Hallo, ihr Zwei!“

Während wir Menschen uns kurz umarmen, rennt Veit schon zum Eingang, er kennt den Weg. Und nachdem der kleine Kerl ein ihm von Lorenzo kredenztes Näpfchen ungewürzten pürierten Fisches aufgeschleckt hat, liegt er friedlich zusammengerollt neben Urs‘ auf dem Boden – natürlich auf einer gefalteten Decke, die sein Herrchen für solche Gelegenheiten immer mitbringt.

„Und? Wie lief‘s heute?“, beginnt Urs das Gespräch.

„Besser als erwartet, am Wochenende könnte ich prinzipiell schon fahren. Und wie war’s bei dir?“

„Gut!“ Seine linke Augenbraue erreicht zwar seinen Augenansatz, aber dabei belässt er es.

„Wirst du mit Birger nochmals reden, bevor du gehst?“

„Ich werde ihn auf jeden Fall davor anrufen – keine Sorge!“

„Ich habe keine Sorge , aber ohne ein Wort zu gehen, fände ich … es wäre eben keine nette Geste“.

„Und damit sind wir wieder beim Thema? Oder? Dass ich zum Studium nach Dresden gegangen bin, ohne dir etwas zu sagen?“

„Neee – du hast es mir ja gesagt – drei Wochen, bevor du gegangen bist. Aber im Gegensatz zu dir, hab‘ ich gerade überhaupt nicht daran gedacht!“, sagt er ruhig und betrachtet mich wie ein Kind, dem man etwas erklären muss, was außer ihm alle anderen bereits wissen.

„Tut mir leid, wollte dir nicht unterstellen, dass du alles auf dich beziehst, machst du nicht“, bietet er mir an, als ich ihn irritiert anschaue.

„Dann is ja gut!“, sage ich und er hält mir sein Weinglas hin, damit wir anstoßen und ein bisschen Spannung ablassen können.

„Dass Birger dich angerufen hat heute Morgen, hat mich ziemlich aus den Socken gekippt…“.

Urs reagiert erst nach einer kurzen Weile darauf, so, als ob er abwägen müsste, was er mir antworten kann, will, darf.

„Es war nicht das erste Mal ... Damals, als du beschlossen hattest, wieder hierherzuziehen, kam er an einem Wochenende zu mir,  um mit mir zu reden“.

Ich erinnere mich, dass Birger zu der Zeit mal ein Gespräch mit dem Leiter der Urologie an der Uniklinik in Konstanz hatte und allein hierherfuhr. Dass er sich mit Urs treffen wollte, wusste ich nicht.

„Worüber?“, frag ich deshalb.

„Er wollte von mir wissen, ob du meinetwegen wieder zurück an den See wolltest“.

„Wie bitte?“

„Ja, er sagte, er wolle nicht alle Brücken in Dresden abbrechen, nur um dann irgendwann feststellen zu müssen, dass doch was zwischen uns laufen würde“.

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“.

Ich weiß es wirklich nicht.

„Ich fand es mutig, dass er auftauchte und so direkt fragte. Hätte ich mich im umgekehrten Fall, glaube ich, nicht getraut. Ich hab‘ ihm aber versichert, dass zwischen uns nichts Sexuelles läuft und auch nicht laufen wird. Dass wir wie Brüder sind. Dass Brüder tatsächlich so aneinander hingen wie wir, fände er ungewöhnlich, meinte er und ich fragte ihn, wie er gerade jetzt auf die Idee komme, und er sagte, du seist wahnsinnig auf die Rückkehr fokussiert und hättest andere, vielversprechendere Stellen ausgeschlagen, das wundere ihn“.

„Ich hatte genug von großen Städten, in einer Klinik zu arbeiten, hatte ich keine Lust, und ich wollte wirklich einfach wieder nach Hause“.

„Hab ich ihm auch gesagt und, dass er von mir nichts zu befürchten habe, darauf bedankte er sich und ging wieder. War eine merkwürdige Szene “, Urs lacht leise vor sich hin, „anscheinend hat er mir geglaubt und das Gespräch klärte, was es zwischen ihm und mir zu klären gab und deshalb, glaube ich, hat er heute Morgen anrufen können“.

„Weil er dir vertraut“.

„Ja“.

Ich leere mein Weinglas in einem Zug und fülle es gleich wieder.

„Und warum vertraust du mir nicht?“

„Simon…“, er klingt überrascht, aber v.a. genervt, doch das ist mir egal, ich muss es wissen.

„Mir ist das heute Morgen einfach so rausgerutscht. Aber ich möchte nicht mir dir darüber reden, weil du es nicht verstehen würdest und ich es nicht mit dir durchkauen möchte - mit niemandem. Es ist gegessen, schon lange. Vergiss es deshalb einfach wieder, bitte “.

Ich antworte nicht, weil ich es nicht vergessen werde, aber ich lass ihn vorerst in Ruhe damit.

Der Rest des Abends läuft entspannter, Lorenzo kommt irgendwann mit zwei Gläsern Brunello aufs Haus an den Tisch, interessiert sich aber mehr für Veit als für uns.

Plötzlich würde ich Birger wahnsinnig gerne eine Nachricht schicken, aber ich weiß, dass das keinen Sinn hat. Nicht nur ich brauche Zeit, auch Birger braucht welche. Dass er mich damals nicht selbst gefragt hat, sondern Urs, tut im Nachhinein weh und das sollte es auch, zeigt es mir Birgers Unsicherheit deutlicher denn je. Ich werde dennoch zu Sebastian fahren, aber meine Rolle in der ganzen Krise muss ich von Grund auf überdenken

„Unabhängig von dem, was war, weißt du, dass du einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben bist, oder?“

Urs nickt und zieht mich an sich und drückt mich an seine breite Brust, weil er weiß, dass ich das brauche: „Und du bist der wichtigste in meinem Leben…nach Veit“.

Und wir lachen beide, er in meine Haare und ich in sein Hemd hinein.