15 I Im Fliegenden Holländer
15 I Im Fliegenden Holländer
Guten Tag zusammen,
in jeder Geschichte gibt es Kapitel, die für mich unheimlich schwer zu schreiben sind, so ist es auch dieses Mal. Entschuldigt also die Verzögerung! Freue mich umso mehr auf eure Gedanken und Rückmeldungen.
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
15 I Im Fliegende n Holländer
Der See und ich harmonieren heute besonders gut. Nach dem Regen in der Nacht ist das Wasser etwas kühler als gestern und umspült mich in unheimlich erfrischender Weise und ich will gar nicht mehr raus. Die zurückliegende Woche lief alles in allem gut, mein Bruder freut sich, dass ich komme und ich freue mich, dass Sebastian genauso wasserfixiert wie ich ist und mit seiner Truppe glücklicherweise nur wenige Kilometer vom Feldmochinger See entfernt wohnt, so dass ich nicht auf Entzug muss, während ich bei ihm bin. Unser Wasserrattentum haben wir beide von unserer Mutter, Vater ist eher der Bergerklimmer und sitzt lieber am Ufer und liest als dass er sich nassmacht. Sebastian mag beides und so ist sein Wohnort ideal für ihn, in mir lösen Berggipfel eher ein Gefühl der Enge als eines der Freiheit aus. Dem Himmel so nah zu sein…das kann warten. Wasser verbindet mich mit der Erde und das brauche ich.
Das Gespräch zwischen Mutter und mir gestern war interessant , will ich mal sagen. Sie wusste schon Bescheid und hat nur auf meinen Besuch gewartet. Ist nicht wirklich erstaunlich, schließlich ist sie Birgers Patientin – und will es auch bleiben, wie sie betont – falls er sie weiter behandeln will, im Fall, dass meine Auszeit zur Trennung von ihm führen sollte. Die beiden haben ein gutes Verhältnis zueinander, das nach Sebastians Erkrankung und Gesundung noch besser wurde, obwohl Birger Mutter damals richtig zusammengefaltet hat. Das Gespräch mit ihr war eines von den beiden, die ich vor mir hergeschoben habe: Es ist immer noch schwer für mich, mich ihren Argumentationssträngen zu entziehen. War es schon immer – deshalb versuchte ich in jüngeren Jahren, alle meine Pläne und Entschlüsse in trockenen Tüchern zu haben, bevor ich mit meiner Mutter und meinem Vater über sie sprach. Immer klein beigeben zu müssen, weil die Eltern in jeder Diskussion und jedem Streit logischer argumentieren als du selbst, ist für jeden Heranwachsenden ein Alptraum und für mich war es fast zerstörerisch – und heute ist es einfach anstrengend, drum vermeide ich es, wenn es sich vermeiden lässt. Aber das Gespräch gestern verlief wesentlich ergebnisoffener als befürchtet. Natürlich wünscht sie sich, dass Birger und ich unsere Beziehung wieder hinkriegen, denn sie mag ihn, aber sie will auch, dass es mir gut geht. „Ob du ihn noch genügend liebst, um an der Beziehung wirklich zu arbeiten, musst du selbst herausfinden – und wenn du darauf keine Antwort weißt, frag dich, ob du dir ein Leben ohne ihn vorstellen kannst oder willst – diese Frage und die Antwort darauf verändert die Perspektive meist, alles andere ist oft nur ein Nebenschauplatz“, war alles, was sie sagte. Alles andere…darunter subsumiert sie auch Birgers Fremdgänge. Seelenklempner sind wir letztlich beide, aber als Pastorin kann sie mit menschlichen Schwächen offensichtlich besser umgehen als ich.
Auf die letzten Tage zurückblickend, drängt sich mir der Begriff Ambivalenz nahezu auf: Ich schwanke zwischen Hochgefühl und Niedergeschlagenheit, bin erleichtert, dass mit meinen Patienten alles glatt gegangen ist, freue mich auf Sebastian, habe bis jetzt die Nächte ohne Birger besser durchstanden als erwartet, und doch hat mir seine körperliche Nähe gefehlt. Die letzten, gemeinsamen Male, die wir miteinander geschlafen haben, zeigen, dass das Schöne, Birgers vertraute Wärme, seine Stimme, sein fester Bauch, an den ich mich drücken kann, sein unverwechselbarer Geruch, die Art, wie er oft seine Nase in meine Haare vergräbt, sich nicht auslöschen und auch nicht einfach ersetzen lassen.
Der Gedanke an die vor mir liegenden Wochen lässt mich aber eindeutig freier atmen, gleichzeitig macht mir das große Fass, das ich aufgemacht habe und in das ich möglicherweise hineinfallen und böse darin rumstrampeln werde, Angst. Ich nehme eine Auszeit, um klarer zu sehen und erkenne zugleich, dass ich so vieles, zu vieles nicht gesehen habe, habe nicht sehen wollen. Das trifft nicht nur auf meine Beziehung zu Birger, sondern auch auf mein Verhältnis zu Urs zu. Man kann beide und beides nicht vergleichen und dennoch sind Birger und Urs – abgesehen von meiner Familie – die beiden Menschen, mit denen ich in meinem Leben bisher emotional am engsten und längsten verbunden bin und das macht die Ungereimtheiten und Unsicherheiten so groß und wichtig. Um mein Verhältnis zu beiden zu beleuchten, muss ich mich auf die Untiefen in mir einlassen, davor fürchte ich mich auch und zugleich erleichtert mich die Gewissheit, dass der Prozess absolut notwendig ist und wenn er gut ausgeht, wird das Ergebnis im besten Fall uns allen dreien eine neue Perspektive bringen. Und so fühle ich mich seit einigen Tagen wie in einem Fliegenden Holländer, auf der einen Seite reizt es mich bei jeder Gelegenheit, mit einem zu fahren und auf der anderen Seite wird es mir darin genauso jedes Mal übel.
Das Gespräch mit Birger ist das zweite, das ich die Woche wie ein streunender Tiger umkreist habe. Er kommt heute Abend vorbei. Es wundert mich, dass er hierher kommt, habe eher erwartet, er würde sich einen weniger persönlichen, weniger belastenden, sicheren Ort aussuchen, ich wäre in die Praxis gekommen. Er klang ganz klein und verhalten am Telefon, aber was erwarte ich auch anderes? Er hängt genauso zwischen den Seilen wie ich und fühlt sich noch dazu verdammt, auf meine Entscheidung warten zu müssen. Wir sind beide in einen Farbtopf gefallen, in dem der Lebensmaler Farben so richtig aufmischt und mit einem riesigen Stock kräftig darin herumrührt, aber noch nicht zu wissen scheint, von welcher Farbe er mehr oder weniger reinmischen soll.
Ich bin in der Küche, als ich Birgers Auto höre, und saumäßig nervös, deshalb bin ich schon an der Türe, bevor er sich bemerkbar machen kann. Ich hoffe, so ist es einfacher für ihn, wäre ich an seiner Stelle, wüsste ich nicht, ob ich läuten oder mit meinem Schlüssel einfach die Tür öffnen sollte. Bescheuerte Situation. Alle bisherigen Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind außer Kraft gesetzt. Nach einer Woche „Beziehungsabstinenz“ steht er vor mir und es gibt an seinem Anblick nichts zu beschönigen: Er ist wahnsinnig blass, hat Augenringe und scheint abgenommen zu haben, obwohl das in den wenigen Tagen kaum geht. Mein Bären-Birger wirkt wie ein ausgehungerter Braunpelz, der nach einem langen harten Winter keine Fettreserven mehr und noch keine neuen Nahrungsquellen gefunden hat . Ich geh auf ihn zu - kann gar nicht anders - und stürze mich in seine Arme und atme erst wieder, als er sie um mich schließt und mich hält. Er hält mich fest an sich gedrückt, wenn auch nicht allzu lange.
Wir setzen uns auf die Terrasse, auf der ich ein bisschen was zum Essen hingestellt hab‘. Nicht viel, er kommt direkt aus der Praxis, muss doch hungrig sein, kann aber nichts essen, auch das darf mich nicht wundern.
„Du fährst also morgen?“, beginnt er das Gespräch, „mit dem Zug?“
„Nee, mit dem Auto“.
Meine Fahrkünste sind ein empfindliches Thema zwischen uns, denn mein zwanzig Jahre alter Saab bleibt öfters mal liegen und ich fahre zudem grottenschlecht, aber mit der Bahn ist es mir zu umständlich.
„Aha – willst du meinen?“
„Nee, geht schon, war die Woche in der Werkstatt“.
„Vor der letzten Panne warst du das auch und dann blieb dein Oldtimer mitten in der Nacht in der Pampa liegen“.
„Ich fahr ja bei Tag“.
Und dann kommt das große Schweigen zwischen uns und es dauert gefühlte zwei Stunden, bis Birger erneut den Anfang macht.
„Du hast gesagt, du brauchst Abstand, um zu dir zu kommen. Ich hab‘ die ganze Woche versucht, damit umzugehen – mit der Bedeutung, was das genau heißt. Es wird mir nicht klar. … Was ich damit sagen will, ist, falls du das nur sagst, um es mir oder dir leichter zu machen, damit ich nicht gleich alle Hoffnung verliere und du noch nicht das endgültige Aus aussprechen musst, dann bitte ich dich jetzt, Klartext zu reden, denn ein Hinauszögern hilft mir zumindest nicht. Ich hab‘ die Woche kaum gepackt und ein klarer Schnitt wäre einfacher, glaube ich, als noch ein paar Wochen warten zu müssen…“.
Ich versteh ihn. Würde mir genauso gehen. „Was ich gesagt hab‘, hab‘ ich auch so gemeint. Würde ich behaupten, ich wüsste schon, wie – oder ob - es mit uns weitergeht, würde ich lügen“.
„Ok“, sagt er leise, aber ob er nun erleichtert ist, kann ich nicht sagen, denn er sieht mich nicht an, sondern starrt auf seine Hände, die verschränkt in seinem Schoß liegen.
„Weißt du, mir ist schon eine Weile klar, dass ich mir eingeredet habe, du hättest kein Problem damit. Wäre es tatsächlich so gewesen, hättest du nicht gewollt, dass ich nie darüber rede“.
„Was Ausblenden von dem, was wir nicht sehen wollen, anbelangt, sitzen wir scheinbar im selben Boot – ich mit Sicherheit in einem noch viel größeren als du“.
Seine hochgezogenen Augenbrauen zeigen mir, dass er nicht ganz versteht, was ich genau meine, aber über Urs zu reden, wäre jetzt kontraproduktiv.
„Wann fährst du denn los?“. Birger wechselt das Thema und bleibt im Grunde doch dabei.
„Irgendwann im Lauf des Tages“.
„Mir wäre es lieber, du nimmst meinen Wagen, ist einfach sicherer“.
„Vor dem, was mich zum schlechten Fahrer macht, schützt mich auch dein Audi nicht“.
„Dann fahr eben mit der Bahn!“
„Birger, es wird gut gehen, ich werde unversehrt in München ankommen…“.
Natürlich verschiebt er seine Angst, mich zu verlieren, auf etwas Reales, und mein Herz schnürt sich zusammen, ihn so zu sehen.
„Ist noch irgendwas da? Was dich …?“.
„An dich bindet?“, vollende ich den Satz, den er offensichtlich nicht zu Ende führen kann, „ja. Es ist noch ganz viel da“.
„Auch was, was nichts mit meinem Penis zu tun hat?“
„Ja. Absolut.“.
Wobei die körperliche Anziehungskraft, die er auf mich ausübt, ungebrochen ist – gerade deshalb wird mir der Abstand guttun. Denn der uralten Weisheit folgend, dass Abschiedsszenarien den besten Sex hervorbringen, regt sich mein Schwanz in meiner Hose und fragt an, warum er seit einer Woche beschäftigungslos ist. Groteskerweise fühlt sich gleichzeitig mein Gesicht unerwartet heiß an, ich werde definitiv rot – ich habe mit dem Mann, der mir gegenübersitzt, schließlich unzählige Male geschlafen und in allen möglichen Variationen Sex gehabt und doch ist es mir peinlich, dass ich gerade jetzt so auf ihn reagiere.
„Ich wollt es nicht, aber ich hab‘ jeden Tag darauf gewartet, dass du anrufst!“, kommt es aus Birgers Ecke.
Ihn anzusehen – seiner Sicherheit beraubt, ihm, dem es so wichtig ist, nie die Kontrolle zu verlieren – ist schwer auszuhalten.
„Ich sehn mich unheimlich nach dir, Simon. Obwohl ich auch das gar nicht will. Ich reagiere auf das hier genauso wie ich es nicht will – nie wollte. In meinen Szenarien habe ich mir immer ausgemalt, dich souverän gehen zu lassen, wenn du es willst. Und jetzt …“.
Er hat sich Szenarien unseres Abschieds ausgemalt...
„Ich will dich nicht gehen lassen, aber wenn du gehen musst, dann gleich…“.
Er stößt seinen nächsten Atemzug nahezu gewaltsam aus, ein Blick in seine Augen zeigt, dass er kurz davor ist zu weinen.
Auch bei ihm ist der Fliegende Holländer zu Gast, ein Teil von ihm möchte alles beenden, bevor ich das Ende ansage und der andere Teil will mich festhalten. Dieser Zwiespalt treibt mich seit Monaten auch um, gerade jetzt aber will ich ihm nur nah sein, ihn in meinen Armen wiegen und ihn beruhigen, obwohl es keinen Grund zur Entwarnung gibt.
„Komm doch her“, flüstert er plötzlich und ich steh‘ auf und setz mich auf seinen Schoß. Mein Mund findet seine vertrauten Lippen blind. Sie sind so weich und fest zugleich, er küsst zielstrebig und gleichzeitig sanft und mein Mund öffnet sich, lädt Birgers Zunge ein und nimmt sie gierig auf. Unsere Körper sind sich so viel näher als unsere Gedanken. Eine warnende Stimme in meinem Kopf mahnt, dass es eine ganz schlechte Idee ist, uns gerade jetzt von Hormonen steuern zu lassen, aber ich schalte den Ton aus, ich will das jetzt und was in ein paar Wochen kommt, weiß ich nicht, will ich vielleicht gar nicht wissen.
Birger küsst mich so zärtlich, dass ich fast heulen muss, beendet den Kuss aber viel zu früh, legt seine Stirn an meine und fasst zögerlich in meinen Schritt, streichelt meine Erektion vorsichtig und murmelt: „ Wir waren, sind doch viel mehr als das, was sich zwischen uns in der Kiste abspielt“.
Ich nicke und mach mich mit meiner Zunge zu einem gemächlichen Spaziergang seinen Hals entlang auf, den er mit einem Seufzen begleitet, das mich an alle jene Momente erinnert, in denen es um mehr so viel mehr als Eingleisiges zwischen uns ging. Um ein Mehr, das es nur zwischen Menschen gibt, die sich lieben und wichtig sind. Dieses Mehr will ich, kann ich nicht teilen – und genau darum geht es in der „Sache mit Max“ – mit Max war Birger vielleicht zum ersten Mal auf dem Weg dazu, etwas zu teilen, was ich für mich beanspruche.
Nichts liegt näher, als ins Haus zu gehen und miteinander zu schlafen, aber wir sind uns unausgesprochen einig, dass wir draußen bleiben. Als Birgers Streicheln intensiver wird, öffne ich meine Hose und biete ihm ungehinderten Zugang an und er tut es mir nach. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir uns das letzte Mal so geliebt haben: ein bisschen unbeholfen und vorsichtig, einander nicht mehr sicher seiend, angstvoll, den anderen zu überfordern. Mit ekstatischem Abschiedssex hat das hier wenig zu tun: Wir bringen uns beide ohne Eile zum Höhepunkt und Birger seufzt seinen Orgasmus – seinen Mund an meinem Hals – in meine Haut hinein. Und das Mal, das er auf ihr hinterlässt, wird vielleicht nicht verblassen.