16 I Haftungen
16 I Haftungen
Guten Abend zusammen,
ich schreibe nicht immer chronologisch, sondern oft ereignishaft-punktuell und so ist das 17. Kapitel schon ziemlich fertig – aber ich brauchte ja ein Brückenkapitel…
Ihr wisst, eure Gedanken bringen mich fast immer weiter, weiten meine Perspektive – deshalb freue ich mich auf sie .
Liebe Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
16 I Haftungen
Es haftet etwas Merkwürdiges an diesem Tag heute. Ich trödle herum und verliere immer wieder den Fokus. Heute Morgen kam ich schon kaum aus dem Bett, anschließend kaum aus dem See und hinterher brauchte ich fürs Packen viel zu lange, flieg‘ ja nicht auf nen anderen Kontinent und Sebastians Klamotten passen mir, falls ich was vergessen sollte. Dann schaute Mutter noch überraschend vorbei und brachte zwei Kuchen, einen für Sebastian und einen für mich. So war das schon immer mit ihr, keiner ihrer Söhne soll sich vernachlässigt fühlen, also gab und gibt es immer für jeden etwas. Wir finden das beide schön und genießen es, auch mit siebenunddreißig und zweiunddreißig noch. Wobei die fünf Jahre, die Sebastian und mich trennen, dafür gesorgt haben, dass ich mich durch seine Geburt nicht entthront fühlte. Zudem war er ein unglaublich putziges Baby, das ich stundenlang rumschleppte und mit dem ich gerne spielte. Und heute ist er ein absoluter Goldjunge: Mit seinen rotbraunen Locken, dem sommersprossenübersäten Gesicht, das von großen braunen Augen, einer prägnanten Nase und seinem Grinsemund beherrscht wird, fällt er auf und man schaut ihn gerne genauer an. Seiner allgegenwärtigen Lache kann man schon gar nicht widerstehen. Ich liebe ihn sehr, meinen kleinen Bruder, und als er uns fast genommen worden wäre, sprang meine Welt aus ihren Angeln und genau wie eine ausgekugelte Schulter tat das höllisch weh.
Seither sind wir alle immer ziemlich beschützend, was ihn angeht, auch Birger. Deshalb teilte Sebastian uns eines Tages im Grunde wenig überraschend mit, nach München zu ziehen, weil wir ihm unsäglich auf die Nerven gingen. Ich glaube nicht, dass es leicht für ihn war, denn er liebt den See genauso wie wir alle, vielleicht sogar noch mehr, und war sozial viel stärker eingebunden: Nach der Schule war es keine Frage, dass er hier studierte, er war Mitglied im Surf-und Ruderverein, im Schachclub, hatte und hat immer noch eine Menge Freunde hier, auch wenn er nicht wahnsinnig oft kommt. Er lässt eher uns zu sich kommen und dann gerne bemuttern und bevatern, bebrüdern und „beschwagern“.
Nach seiner schweren mysteriösen Erkrankung und unserer extremen Reaktion darauf musste er sich jedenfalls freischwimmen, verständlich. In München lebt er mit zwei weiteren Informatik-Cracks im Erdgeschoss eines abgefahren-schönen Hauses am Rand des Englischen Gartens. Sie legen stolze dreitausend Euro Miete monatlich hin, aber für München ist das normal - und die Wohnung ist groß.
Die zwei anderen, Louis und Moritz, sind ein Paar. Moritz und Sebastian kennen sich vom Studium und waren zwei Jahre zusammen. Aber sie beschlossen irgendwann, wieder nur befreundet zu sein. Ja, Sebastian schafft so was, nach der Trennung von seinem Lover, weiter friedlich mit ihm und seinem Neuen zusammen zu leben. Ich glaube nicht, dass ich das könnte. Wie auch immer, Sebastian wirkt überzeugend unbelastet von der Tatsache, dass Louis mit von der Partie ist. „Moritz und ich waren nie richtig verliebt, drum ist es so, wie es jetzt ist, viel besser“, antwortete er, als ich ihn fragte, ob ihn die Wohnkonstellation nicht störe.
Zu meiner Krise mit Birger sagt er wenig, ich denke, er mag Birger zu sehr, um sich einzumischen. Ich bin gespannt, ob er mich während meines Besuches auf Birger anspricht.
Obwohl ihr Besuch unerwartet war, war ich froh, als Mama Bartels heute Morgen auftauchte und mich von meinen Gedanken an Birgers Abgang gestern Nacht ablenkte. Es geht Birger beschissen und das Beschämende daran ist, dass ich im Grunde nicht mit seiner Reaktion gerechnet habe. Er wirkt ratlos und unsicher, hätte am liebsten, dass ich gleich eine Entscheidung treffe und fürchtet sich zugleich davor. Gott sei Dank hat er nicht gefragt, ob er hochgehen und seine mit Sperma besabbelten Hosen wechseln dürfe, sondern hat sich einfach neue Sachen geholt. Zu fragen, das wäre des Verlustes an Selbstverständlichkeit zu viel gewesen. Wäre der Hintergrund nicht so traurig, wär‘ es zum Lachen – dass zwei alte Hasen sich auf der Terrasse gegenseitig einen runterholen und sich dabei voll machen . Ich schmunzle in mich hinein, denn trotz der verzwickten Situation war es schön. Unbeholfenheit ist manchmal viel berührender als Perfektion. Ich werde es jedenfalls mitnehmen auf meine Fahrt – dieses unsichtbare Mal von Birgers Seufzen an meinem Hals, denn es kam direkt aus seiner Seele.
Natürlich fahre ich noch bei Urs und Veit vorbei. Mir ist klar, dass ich mich benehme, als ginge ich ein Jahr auf Weltreise und nicht für ein paar Wochen nach München, aber ich muss Urs einfach nochmal sehen. Das letzte Gespräch mit ihm hatte eine Intensität, die mich nicht loslässt, auch wenn er versucht, die Schwere, die dieser Intensität anhaftet, lässig herunterzuspielen.
Er ist schwer in seine Arbeit vertieft, als ich in seiner Werkstatt auftauche.
„Wo ist Veit?“, frag‘ ich ihn zur Begrüßung.
„Der schläft im Büro – wir waren heute Morgen drei Stunden am See, jetzt ist er fertig“.
„Du hast ja deinen Bart gestutzt“, fällt mir sofort auf, „macht dich Jahre jünger“.
Was heißt gestutzt? Statt des fürchterlichen Gezottels, das ihm fast bis zur Brust reichte, hat er jetzt einen sexy-gepflegten Sechstagebart, der endlich einen freien Blick auf seinen schönen Mund gestattet und auch nicht von seinen unglaublichen Augen ablenkt.
„Weil das ja auch mein Ziel war“, brummt er.
„Wie kommt’s?“
„Mir war heute Morgen einfach danach!“
„Wahnsinn, was das ausmacht!“
„Beruhig‘ dich, Alter!“, aber ein Grinsen kann er nicht unterdrücken.
„Nee, wirklich – sieht echt gut aus, „an was arbeitest du da?"
„Das ist was ganz Besonderes!“. Sofort strahlt er. „Ein Intarsientisch – etwa 150 Jahre alt, schätze ich. Da, schau mal! An allen vier Seiten ist ein Spiel eingearbeitet. Schach natürlich, Dame . Backgammon und ich glaube, das eine, das ist eine afrikanische Variante von Dame “.
Ich bestaune die unterschiedlichen Holzarten, die offensichtlich verwendet wurden.
„Das ist Birnbaum, das ganz helle Bergahorn und das hier ist Walnuss…“.
Seine Stimme wird ganz weich, während er mir die verschiedenen Holzarten zeigt und fast ehrfurchtsvoll mit einer Fingerspitze darüberstreicht.
„Das Prachtstück hat der Kunde in Südfrankreich entdeckt, ziemlich ramponiert, aber er hat die Besonderheit sofort erkannt.“
Es ist ein Geschenk, wenn man seinen Beruf so liebt. Urs liebt ihn so sehr wie er einen Menschen lieben könnte, geht mir merkwürdigerweise durch den Kopf, weil man das einfach nicht vergleichen kann. Und doch – Urs kann lieben, das weiß ich, das sehe ich – aber, er will es nicht. Ich schaue ihm lange versonnen zu, bis er sich mir so zuwendet wie nur er sich jemanden zuwenden kann – so, als sähe er nur sein Gegenüber und wirklich nichts Anderes. Sein Augenblau, das wie gefrorenes Eis aussehen kann, erwärmt sich dann zu einem samtigen Mittelblau. Er schaut mich ruhig an und kein Hauch von dem Stahlblau ist zu sehen, das sie haben, wenn er zumacht und sein Gegenüber vollkommen ins Leere laufen lässt. Wieder einmal scheint Ungesagtes zwischen uns in der Luft zu hängen. Aber heute will Urs definitiv nicht auf meinen Redezug aufspringen.
„Jetzt fahr mal los“, sagt er leise, lächelt mich an und ist einfach nur wunderschön. Sich in ihn zu verlieben, würde bedeuten, sich zu verlieren, dessen bin ich mir urplötzlich sicher; aber ich bin mir auch sicher, dass er den, den er zurückliebt, nicht verlorengehen lässt.
„Schau mich nicht so bedeutungsschwanger an“, spöttelt er.
„Immer eine ironische Bemerkung auf der Zunge, wenn’s dir mulmig wird“, fordere ich ihn eher halbherzig heraus und streiche doch schnell die Segel: „Hast recht, ich sollte mal los, Sebastian erwartet mich zwischen sieben und acht“.
Daraufhin zieht er mich in seine Arme, riecht nach Holz und Honig, wobei ich mir den Honig immer dazu denke, weil ich mit Honig eine Farbe verbinde und weniger einen Geruch. Honigholz - assoziiere ich mit meinem Freund, der mich plötzlich leicht auf meinen linken Mundwinkel küsst.
Das hat er schon ewig lange nicht mehr gemacht.
„Fahr vorsichtig und meld‘ dich bei Gelegenheit!“
„Mach ich!“
Wir halten uns noch eine Weile, eine lange Weile, und das Loslassen fällt mir schwer. Schließlich begleitet Urs mich zum Auto, schließt die Fahrertür von außen, bevor er sich umdreht und zu seiner Arbeit zurückgeht. Und dann sitze ich bedröppelt in meinem alten Saab, in dem ich mir einbilde, Urs’ Geruch wahrzunehmen, obwohl er ja gar nicht dringesessen hat, und fahre in einem merkwürdig intensiv-bewussten und gleichzeitig fast-besoffen-abwesenden Zustand über die Schweiz und Bregenz nach München. Und brauche natürlich länger als jeder andere, weil eine plötzlich aufpoppende, äußerst ungebetene Frage mich schwindeln lässt, sodass ich in eine Parknische fahren, anhalten und die Augen schließen muss, um runterzukommen.
Weil ich kein mutiger Mensch bin, habe ich mir diese eine Frage nie gestellt, nie zu stellen gewagt, obwohl sie schon immer nahe lag: Was wäre aus Urs und mir geworden, wenn wir vor zwanzig Jahren den Mut gehabt hätten, uns aufeinander einzulassen, ja, das Abenteuer uns zu lieben, gewagt und uns nicht hinter unserer „brüderlichen“ Freundschaft verschanzt hätten? Und kaum habe ich mich wegen dieser unbeantwortbaren Frage beruhigt, schleichen sich Birgers tiefbraune Augen in mein Herz und ich höre wieder sein sehnsuchtsvolles Seufzen, das jetzt schmerzhaft an meinem Hals brennt, obwohl es doch nur ein Hauch war. Sie haften beide auf ihre unverwechselbare Weise unablösbar an mir, die beiden Männer, die ich liebe, unterschiedlich liebe, aber keinen weniger als den anderen.
Sie sind äußerlich wie charakterlich so unglaublich verschieden, aber in ihrer manchmal schwer auszuhaltenden intensiven Präsenz ähneln sie sich in faszinierender Weise. Von Urs entfremdete ich mich ein paar Jahre lang und bin glücklich, dass er nicht zugelassen hat, dass wir uns endgültig verloren - ob das mit Birger auch so sein wird?