17 I …und Bob Seger
17 I …und Bob Seger
Guten Tag zusammen,
nach einigen Änderungen und Kürzungen, nun das 17. Kapitel. Ursprünglich plante ich einen kleinen Zeitsprung, aber das passte nicht mehr. Im Kapitel passiert nicht wirklich Weltbewegendes, hoffentlich gefällt es euch aber dennoch. Wie immer freue ich mich auf eure Rückmeldungen und grüße alle ganz besonders, die - so wie ich - noch keinen Urlaub hatten
Beste Grüße
Philander
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Zwischenfarben
© philander
…Was wäre aus Urs und mir geworden, wenn wir vor zwanzig Jahren den Mut gehabt hätten, uns aufeinander einzulassen, ja, das Abenteuer uns zu lieben, gewagt und uns nicht hinter unserer „brüderlichen“ Freundschaft verschanzt hätten? ... (aus Kap 16)
17 I …und Bob Seger
Sich abweichende Verläufe und Ausgänge zu real Erlebtem auszudenken - v.a. bezogen auf die eigenen Handlungen – ist ein bewährter Weg, der jedem – nicht nur Patienten - hilft, alternative Verhaltens- und Handlungsmuster zu entwickeln. Wenn wir so erkennen, dass wir unsere Zukunft wenigstens ein Stück weit selbst gestalten können, ist ein wichtiges Ziel zu positiven Veränderungen hin erreicht. Den Blick zurückzurichten, zu überlegen, was wäre gewesen, wenn andere sich anders verhalten hätten, ist problematischer, denn deren Handeln liegt nicht in unseren Händen, sondern in ihren. Und so weiß ich nur zu gut, dass es sinnlos ist, Urs anzurufen und zu fragen, ob er glaubt, wir hätten als Paar wirklich keine Chance gehabt. Und doch ist mein Wunsch, genau das zu tun, mit ihm über unsere Geschichte nochmals zu reden, groß. Nur, wie gesagt, was würde es bringen?
Ich stoße einen seltsamen Laut zwischen Lachen und Grunzen aus, denn auch wenn ich Urs‘ Verhalten nicht ändern kann, kann ich mich bemühen, in seinen Handlungen gründlicher nachzulesen und das hab‘ ich ziemlich sicher viel zu oft versäumt. Es ist so offensichtlich, dass er es war, der unseren unbeholfenen Annäherungen und Rumfummeleien in unserer Jugend ein Ende bereitet hat, er war es, der sich einem anderen zuwandte – die darin enthaltene Botschaft wollte ich nicht wirklich verstehen. Hab‘ sie dagegen so interpretiert, dass sie mir nicht wehtat und als ich Birger kennenlernte, war sie kein Thema mehr – das Fass jetzt wieder aufmachen zu wollen, ist purer Schwachsinn und v.a. eine recht lahme Ablenkung von dem, was wirklich ansteht.
Sicher, die Nähe zwischen Urs und mir ist manchmal so wahnsinnig intensiv, dass der Grat zwischen Freundschaft und MEHR unglaublich schmal scheint. Und doch wiederholt Urs seine Botschaft ja immer wieder: Sanft, aber unmissverständlich – von seinem Kuss auf meinen Mundwinkel heute mal abgesehen – hält er die Grenze zum Mehr aufrecht, um unsere Freundschaft zu schützen. Er wollte in unserer Jugend schon nicht mein Liebster, sondern mein Freund sein, mein bester zwar, aber mehr nicht. Für ihn ist unsere Freundschaft mehr als das, was sich auf der romantischen Ebene abspielen würde. Und in diesem Moment bin ich erleichtert, dass er für unsere Freundschaft so gut sorgt und Verwirrungen und Irrungen einen Riegel vorschiebt.
Ich schaue in den Rückspiegel, sehe mich an und frage mein Spiegelbild: „Würdest mit ihm ins Bett gehen, wenn er es darauf anlegen würde?“
Ich geriete ziemlich sicher in Versuchung und würd' es dennoch nicht tun— sein sanfter Kuss auf meinen Mundwinkel hat mich zwar durchgewirbelt, aber ich sollte ihn als das werten, was er gewesen ist: ein spontaner Impuls, weil es mir nicht gut geht. Urs jedoch jetzt anzurufen, würde ihn irritieren und das kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen – eine Sache bearbeiten zu müssen, reicht, und Birgers und meine Krise kommt einer riesigen Baustelle gleich. Also schalte ich mein Handy aus, konzentriere mich darauf, mich runterzuatmen, was relativ bald gelingt und als ich realisiere, dass ich mittlerweile sehr spät dran bin, fahr ich endlich weiter.
Es ist Zeit, meinen verlässlichen und manchmal so mysteriösen Urs, einfach ihn selbst sein zu lassen – mit all seinen Ungereimtheiten und Geheimnissen- und seiner von mir unverdienten Loyalität.
Natürlich gerate ich auf der A96 in einen ellenlangen Stau und stehe am Ende erst um kurz vor elf vor Sebastians Tür, der sie ungewohnt wütend aufreißt und mich anschreit: „Wo warst du denn, du Arsch? Ich hab‘ alle angerufen, keiner wusste, wo du abgeblieben bist und natürlich hatteste dein Handy abgestellt. Oder hast du‘s vergessen oder auf dem Autodach liegen lassen und verloren oder was?“
„Ich freu‘ mich auch, dich zu sehen“, versuche ich ihn ein bisschen runterzubringen.
„Ich mich gerade nicht!“, gibt er zurück.
„Newsflash – ich bin erwachsen und …“, aber er lässt mich nicht ausreden.
„Aber du fährst wie ein Vollhorst und bist gedanklich abwesend und oft daneben und …“.
„Jetzt komm mal runter“, sag‘ ich so ruhig wie möglich, geh auf ihn zu und nehme ihn in den Arm – trotz seiner Gegenwehr.
Das lindert seinen Zorn schließlich und er hält mich feste fest.
„Wer ist denn jetzt alles in Panik?“
„Alle – Mama, Papa, Birger, Urs…“.
Und deshalb verbringe ich die folgende halbe Stunde damit, in Sebastians Zimmer mit allen vieren zu telefonieren und mich dafür zu entschuldigen, dass ich mein Handy ausgeschaltet hatte und auch noch in einen Stau kam. Wie erwartet reagiert Urs am gelassensten, zumindest tut er so, und sein „hab mir schon sowas gedacht“, beruhigt mich. Meines Vaters „Trottel!“, schlucke ich reumütig runter, die Frage meiner Mutter: „Hast du dich wieder verloren –? Oh, mein Schatz!“, macht mich ganz klein, aber nicht allzu lange, Birgers knappes: „Oh Mann!“, aber, gefolgt von einem gemurmelten: „Wenigstens biste heil angekommen“, kann ich nicht leicht abschütteln und deshalb bin ich erleichtert, als Sebastian kommt und mich mit in den großen nächtlichen Garten hinauszieht. Denn der ist einfach wunderschön, mitten in München hört man hier nichts von der Großstadt – außer fernen Unterhaltungen, die aus anderen Gärten herüberschweben, ein wundersames Raunen von Lebensgeräuschen.
Das Faszinierende an meinem kleinen Bruder ist, dass er sehr selten wütend wird und wenn, sich schnell wieder beruhigt: „Der Grill ist noch an…den Salat kannste allerdings vergessen, der ist Matsche“.
Ich schmunzle, Sebastian ist ein begeisterter Griller – ich nicht und Hunger habe ich ohnehin keinen, aber, wenn ich jetzt nichts esse, dann kippt seine Stimmung wieder, befürchte ich. Seine Wohngefährten Louis und Moritz sitzen halb liegend in einer Hängematte und grinsen mir entgegen: „Da isser ja endlich, der große Bruder!“, begrüßt mich Moritz – das R in jedem Wort übertrieben rollend. Wäre Moritz‘ Bruder zu spät aufgetaucht, hätte Sebastian wahrscheinlich ähnlich reagiert. Ja, Sebastian und sein Ex sind sich sehr ähnlich, möglicherweise hat es deshalb nicht zwischen ihnen funktioniert. Ist aber egal, zumindest heute Abend.
Ich setze mich in einen von zwei Standkörben, die einladend unter zwei Bäumen stehen und tu‘ so, als ob ich auf das Steak, das Sebastian für mich „gerettet“ hat, mit Heißhunger warten würde. Lieber würde ich die Augen schließen und einfach hören, was die Nacht zu erzählen hat. Aber Sebastians Sorge ist so rührend und das Steak schmeckt so gut, dass mein Hunger mit dem Essen doch noch kommt. Zwei Gläser Wein später entspanne ich mich zunehmend und höre der Unterhaltung der anderen gerne zu.
An beruflichen Interessen haben Sebastians Freunde und ich nichts gemeinsam. Ich verstehe nichts von IT und sie interessieren sich nicht für mein Feld. Aber die beiden sind offen und freundlich und wir finden schnell in eine leichtgewichtige Unterhaltung über ihren geplanten Urlaub in den USA, bei dem sie Sebastian eigentlich gerne dabeihätten, der jedoch nicht mitwill. Sie freuen sich unheimlich, dass sie Karten für ein Queen-Konzert in Atlanta ergattert haben und bekommen sich deshalb kaum wieder ein. Als ob dies das Stichwort gewesen wäre, dringt plötzlich aus dem ersten Obergeschoss Bob Segers unverwechselbare Stimme zu uns und alle Vier verfallen wir gleichzeitig in konsensuales Schweigen. Das geniale Saxophon-Intro zu „Turn The Page“ löst bei mir immer ein Gänsehautfeeling aus, so auch heute und ich vergrabe mich tiefer in den gemütlichen Strandkorb.
„Den hört er zurzeit andauernd“, informiert mich Sebastian leise. „Er“ ist ihr Vermieter, der über ihnen wohnt, und nach langer Abwesenheit seit Kurzem wieder zurück in München ist. Begegnet bin ich ihm noch nie, weiß aber von Sebastian, dass er im selben Fachbereich wie ich unterwegs ist und sehr nett sein soll. So überlässt er den Dreien einen Großteil seines verwunschen-schönen Gartens. Und offensichtlich hört er gern die eher balladenhaften Klassiker Bob Segers. Die mag ich auch: Klassiker – nicht nur die Bob Segers – transportieren immer etwas zutiefst Menschliches – Urerfahrungen, zwar meist trauriger Art, könnte man sagen, aber dennoch schön anzuhörende. Dass Erfahrungen des Glücks, der Freude und Zufriedenheit so viel seltener Einlass in musikalische Verewigungen finden, ist kein Zufall, denn es ist leichter Leidvolles, Trauriges geduldigem Papier oder einem Instrument anzuvertrauen, gerade weil diese nicht direkt „antworten“. Menschen, Freunde und Vertraute gar, wollen trösten und relativieren deshalb verständlicherweise gerne. Das aber kann man nicht immer ertragen, wenn es einem so richtig beschissen geht.
ABER: Mir geht es heute Abend definitiv nicht dreckig, ich bin nur müde und auch ein bisschen beschämt, weil ich mich heute Nachmittag gedankenlos verhalten und meine Lieben in Sorge gestürzt habe. Deshalb lehne ich dankend ab, als Moritz nach Mitternacht vorschlägt, mit ihnen ein neues Spiel auszuprobieren: „Die Tavernen in tiefen Thal“. Davon hab‘ ich noch nie was gehört und zudem kann ich Gesellschaftsspiele nicht leiden. Zu beobachten, wie andere sich darin vertiefen, wie sie sich dabei verhalten, ist unterhaltsam, aber mitzuspielen, mag ich nicht.
Sie scheinen alle Drei aber zu spüren, dass ich ziemlich fertig bin und lassen mich gutmütig in Ruhe. Ich bekomme noch mit, wie sie zu spielen beginnen, konzentriere mich aber mehr auf Bob Segers Stimme und komme erst wieder zu mir, als mich Sebastian vorsichtig weckt: „Komm, geh‘ ins Bett!“
Louis und Moritz sind nach drinnen verschwunden, und mir ist trotz der Decke, die Sebastian wohl irgendwann über mich geworfen hat, ein bisschen zu kühl: „Tut mir leid, dass ich weggedriftet bin“, murmle ich, kann ein Gähnen nicht unterdrücken und Sebastian lacht leise: „Ist okay, schlaf dich aus, wir reden morgen“.
Er begleitet mich ins Haus, wartet, bis ich mir die Zähne geputzt und mich gewaschen habe und setzt sich dann zögerlich auf dem Rand seines großen Bettes, während ich es mir darin gemütlich mache.
„Ich geh‘ noch ein bisschen zu den anderen, ok? Morgen gehen wir zusammen an den See zum Schwimmen – und dann reden wir mal in Ruhe“.
Er ist so niedlich, mein kleiner Bruder, wenn er so erwachsen handelt. Ja, es ist amüsant, wenn er versucht, die Rollen zu tauschen, aber auch schön, seine brüderliche Zuneigung zu spüren.
„Dank‘ dir, du! Bin froh, hier sein zu können!“
Er nickt, tätschelt gutmütig meinen Oberarm und geht aus dem Zimmer zu den anderen.
Ihre leise Stimmen lullen mich ein und nicht sicher seiend, ob ich Bob Segers Stimme immer noch höre oder es mir nur einbilde, schlaf ich recht schnell ein.
* https://www.youtube.com/watch?v=GONmFCkCGCc