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18 I …kleiner Bruder, großer Bruder

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18 I …kleiner Bruder, großer Bruder

Guten Tag zusammen,

der Titel sagt ja bereits, worum es in diesem ruhigen Kapitel geht.

Ich danke euch für eure Reviews zum vorangegangenen Kapitel, die in den nächsten Tagen beantworten werde – und freue mich auf neue!

Liebe Grüße

Philander

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Zwischenfarben

© philander

1 8 I … kleiner Bruder, großer Bruder

Meine morgendliche Stunde im See zu Hause hat immer etwas Kontemplatives, und ich brauche es, allein zu sein und das Wasser und die Bewegung genießen zu können, ohne auf Mitschwimmer reagieren zu müssen. Deshalb hab ich ja auch Birgers frühere Angebote mitzukommen, abgelehnt. Er hat gesagt, er verstehe das. Aber dass er aufgehört hat zu fragen, ist noch gar nicht so lange her. Und manchmal denke ich, vielleicht wartete er meist am Ufer auf mich, klar, um sich seine Dosis Geschlechtsverkehr abzuholen, aber vielleicht auch, um etwas bei mir zu hinterlassen, was mich tagsüber an ihn erinnern sollte, so dass ich ihm nicht völlig entglitt? Ja, ich habe an unserem  „Uns-Verlieren“ genauso großen Anteil wie er und seine langen Arbeitstage. Seltsam, dass ich die Tatsache, dass in der Regel beide Seiten an einem Entfremdungsprozess beteiligt sind, monatelang vehement  ausblenden konnte. Die eine Seite mag dabei aktiver als die andere vorgehen, aber der passive Part ist dabei meist nicht weniger effektiv, was die Erosion der Beziehung anbelangt. Sich vor einen Spiegel zu setzen, sich alle scheinbar schützende Camouflage wirklich gründlich aus dem Gesicht zu wischen und sich dann schonungslos in die Augen zu sehen, das tut weh. Um diesen drohenden Schmerz zu vermeiden, habe ich gründliche Arbeit getan, so lange, bis er mir wortwörtlich in die Magengrube schlug und die Nachwirkungen des „Schlages“ spür ich jeden Morgen, wenn sie verhindern, dass ich normal frühstücken kann.

Und deshalb bekam ich heute Morgen auch nur ein paar Löffel Porridge runter. „Wenn das nicht sehr bald besser wird, musst du dich endlich untersuchen lassen. Ich kapier nicht, warum euch das Medizinern selbst so schwerfällt. Traut ihr eurer eigenen Zunft so wenig über den Weg?“.

„Werd‘ ich machen“, versuche ich Sebastian zu beschwichtigen, aber er wird es nicht auf sich beruhen lassen, das zeigen seine missbilligend hochgezogenen Augenbrauen.

„Lass uns jetzt einfach los und einen schönen Tag haben“, schlag‘ ich vor und wir brechen auf, um dem späteren Ansturm zu entgehen, schwimmen eine Stunde und suchen uns anschließend eine schattige Stelle zum Hinlegen. Der See ist von zahlreichen Bäumen umgeben und bietet – auch als es gegen Mittag voll wird – genügend Möglichkeiten, sich niederzulassen, ohne behelligt zu werden.

Es ist schön hier. Einfach schön.

Schön und friedlich, so dass ich ziemlich bald einschlafe.

Irgendwann weckt mich eine Berührung an meiner Unterlippe und ich wische sie unwirsch weg, weil ich denke, ein Insekt sähe sich in meinem Gesicht um. Aber es ist ein Stück Baguette, das mein Bruder mir an den Mund hält und dabei grinst wie ein kleiner Junge: „Ich hab‘ Hunger und du solltest auch was essen“, sagt er in ein Croissant beißend, „die sind mit Schokolade gefüllt!“, fährt er fort und hält mir seine Thermosflasche hin, aus der mir der Duft von leichtestem Milchkaffee entgegenkommt. Sebastians Gebräu ähnelt eher dem Malzkaffee, den uns unsere Oma als Kinder immer servierte, als richtigem Kaffee. Aber heute schmeckt er gut, ist vielleicht genau das Richtige für meinen angenervten Magen. Und ich hoffe, es sind wirklich nur meine Nerven und nichts Organisches.

„Ich mach seit einer Weile jeden Tag Atemübungen – so ne Art autogenes Training. Probier das mal. Mir hilft das unheimlich runterzukommen“.

„Wovon musst du denn runterkommen“. Ich werde hellhörig. Mein kleiner gelassener Bruder braucht tägliche Entspannungsübungen?

„Von allem Möglichen. Wir hatten in den letzten Monaten ziemlich viel Druck wegen einer der Firmen, mit der wir arbeiten. Und beziehungstechnisch lief es auch nicht gut“.

„Moritz?“

„Quatsch, das ist wirklich Schnee von vorvorgestern. Ich hatte was mit einer Frau, die zwei halbwüchsige Söhne hat. Ein paar Wochen lief alles gut, aber dann wollte der eine plötzlich zu seinem Vater ziehen und sie hat mich daraufhin abserviert, weil die Jungs einfach noch nicht so weit seien. Hab ich auch irgendwie verstanden, aber weh tat es dennoch“.

„Warum hast du denn nichts gesagt?“

„Dir? Du hast genug mit dir zu tun und Mama und Papa? Nee, dann fahren sie mit nem Möbelwagen vor und wollen, dass ich wieder zurück nach Hause komme. Und nee, das mach‘ ich sicher nicht“.

„Wie war – oder ist sie denn?“

„Gut! Sie war gut für mich. Voller Leben, ein bisschen überdreht manchmal, aber nicht in einer nervigen Art. Hat ne tolle Stimme. Ganz warm und ziemlich tief. Sehr klar. Wenn sie lacht, musst du einfach mitlachen“.

„So wie’s bei dir ist? Wenn du lachst, muss man auch mitlachen“.

„Wie auch immer, es ist jetzt ok, aber ich hab‘ ein bisschen gebraucht, länger als wir zusammen waren“.

Er schüttelt den Kopf, als bestehe zwischen der Verarbeitung eines Verlustes ein Bezug zur Dauer des Beziehung. Das ist nicht so. Hier gibt es keine eindeutigen Interdependenzen. Schmerz und Schmerzverarbeitung sind die individuellsten Prozesse, die ich kenne – egal, was irgendwelche Ratgeber hierzu von sich geben.

Die Art wie er die Frau beschreibt, ist typisch für Sebastian. Ihr Aussehen erwähnt er mit keinem Wort, sondern ihr Lachen, ihre klare Stimme. Das erste Mal, dass er mit Moritz geschlafen hatte, war, nachdem beide ziemlich lange an einem mathematischen Problem herumgebrütet hatten und Moritz mitten in der Nacht in sein Zimmer gestürmt war und die Lösung gefunden hatte. „Das war ein unheimlich geiler Augenblick“, erzählte Sebastian mal.

„Was zieht dich an Männern an?“

„Willst du jetzt meiner Sexualität auf den Grund kommen?“

„Nee – es interessiert mich einfach“.

„Kann ich nicht in wenigen Worten sagen – du fragst aber nicht, damit ich nicht anfange, bei dir nachzubohren - oder“.

„Nein, ich weiß, dass du nicht lockerlassen wirst, jetzt, da ich schon mal hier bin“.

„Ok! Also dann – mir ist wichtig, dass der- oder diejenige starke Persönlichkeiten haben.  Gespräche, die mich nicht langweilen, dass mich die Person herausfordert, ohne mich dominieren zu wollen, das zieht mich an“.

Während ich darüber nachdenke, was er aufgezählt hat, lacht er und schiebt eine Information nach, die ich zu bekommen, nicht erwartet hätte:

„Nur sexuell, da will ich, dass der andere die Regie übernimmt. Da will ich nicht denken und machen müssen, sondern mich nur gehenlassen. Das ist manchen zu passiv, aber so mag ich‘s nun mal“.

Als ich darauf nichts sage, lächelt er mich an: „Und ich denke, du bist genauso drauf“.

Ich schaue auf den See hinaus und nicke: „Stimmt!“

Eine Weile betrachten wir den See gemeinsam, ohne etwas zu sagen.

„Ich weiß, dass du Birger magst, deshalb hab‘ ich dir auch nichts erzählt. Ums kurz zu machen: Mein Problem mit ihm ist, dass ich ihm nicht mehr ganz vertrauen kann. Ich wusste immer, dass er immer mal wieder was mit anderen hatte. Nahm sogar viel mehr Seitensprünge an, als er dann tatsächlich auch hatte. Beim letzten ging es aber nicht mehr nur um was Körperliches, sondern er gab zu, dass er dabei war, sich in den anderen zu verlieben. Und das war zu spüren. Ich spürte die Gefahr, sag‘ ich mal, aber sprach sie nicht an – bzw. erst,  nachdem der Typ bei mir in der Praxis auftauchte – unter einem anderen Namen, ich aber dennoch irgendwann merkte, dass der von meinem Mann sprach. Davon weiß bisher nur Urs“.

Sebastian sieht mich fassungslos an: „Wer kommt denn auf so eine perverse Idee?“

„Och – mehr Menschen als man glauben möchte, ticken aus, wenn es um scheiternde Beziehungen geht. Meist ist der Grund Verzweiflung, nicht Perversion“.

„Das heißt, er kam erst zu dir, nachdem die Sache mit Birger zu Ende war?“

„Ja, wegen Birger ging seine langjährige Beziehung in die Brüche und dann beendete Birger das Ganze, weil er merkte, dass es mehr als ein paar zusätzliche Orgasmen ging und das war der Auslöser".

„Und seither bist du aus dem Tritt. Weil du zwar mit Birgers Fremdgeherei nicht einverstanden warst, aber davon ausgingst, dass du seine große Liebe bleiben würdest“.

„So ungefähr. Birger und ich schlichen nur noch umeinander herum und machten uns gegenseitig fertig mit all dem Unausgesprochenen, der Angst, uns zu verlieren und der Unfähigkeit, etwas dagegen zu tun. Und so war ich mir plötzlich meiner Liebe zu ihm nicht mehr sicher und deshalb bin ich hier, um herauszufinden, was ist, ob es noch reicht, um mich auf einen Neuanfang einlassen zu können. Manchmal bin ich mir sicher, dass ich es kann und manchmal nicht. Er hat mich in den letzten Wochen mit einer unheimlichen Verletzlichkeit überrascht und mit einer seelischen Nacktheit, die mich nicht klar denken lässt“.

„Das ist alles wirklich heftig “.

„Ich versteh das Konzept nicht, weißt du… warum muss jemand mit anderen ins Bett gehen, wenn er doch seinen Mann liebt und im Bett – nach eigener Aussage – alles stimmt? Ich versuche, es nicht zu verurteilen, aber es ist mir einfach zutiefst fremd. Mir ist schon klar, dass andere das anders sehen“.

„Weiß ich nicht, ob viele das anders sehen. Wenn ich in jemanden so richtig verliebt bin, möchte ich auch nicht teilen“.

„Das hat Urs auch gesagt, würde er jemanden richtig lieben, wolle er ihn auch nicht teilen, obwohl er sonst diese Dinge nicht so eng sieht“.

„Tut er das?“

„Ja schon, was menschliche Schwächen anbelangt, ist er sehr … ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll…“.

„Indifferent vielleicht?“

„Nee, gleichgültig ist er sicher nicht, er denkt da einfach sehr sehr weit“.

Sebastian gibt keine Antwort, zupft vielmehr gedankenverloren an seinem Grashalm herum und ich frage mich, ob er mit Urs seit Neuestem ein Problem hat, denn das würde mich irritieren. In unserer Jugend haben wir ihn nie ausgeschlossen, wenn er mit uns abhängen wollte. Dass er nicht überall dabei sein konnte, war klar, aber das wollte er auch nicht. Und von Urs‘ Eskort-Zeit weiß er nichts. Weiß außer mir eigentlich niemand aus seinem näheren Umfeld was. Und das ist auch gut so.

„Und was sagt Birger denn genau? Was wünscht er sich. Was ist er bereit zu tun, damit es besser wird? Als ich ihn gestern angerufen habe, weil du nicht aufgetaucht bist, ist er ausgeflippt – also gespielt sind seine Gefühle für dich sicher nicht“.

Ich bin froh, dass Sebastians Frage meine Gedanken unterbricht.

„Das weiß ich. Er sagt, er würde mir versprechen, nicht mehr fremdzugehen, wisse aber, dass ich das nicht glauben würde. Er befindet sich auch in einem beschissenen Dilemma, das ist mir schon klar und mittlerweile schieb ich ihm ja auch nicht mehr die Hauptverantwortung zu“.

„Dann ist das aber doch genau das Richtige hier für dich hier – versuch, Abstand zu kriegen, dich zu entspannen und zu erholen, ein bisschen was auf die Rippen zu kriegen und aus deiner inneren Tretmühle rauszukommen“.

Durch das relativ dichte Blätterdach über uns stehlen sich ein paar Sonnenstrahlen und tanzen leichtfüßig auf Sebastians sommersprossigem Gesicht herum. Meines Bruders Farben sind so unheimlich warm: Dunkelbraune Augen, rotbraune Haare, goldbraune Sommersprossen – sogar seine Lippen haben eine leicht ins Bräunliche gehende Tönung. Einfach ein hübscher Kerl, finde ich und bin glücklich, ihn in meinem Leben zu wissen.

Den Rest des Tages passiert nicht viel, außer dem wachsenden Eindruck, dass ich mich schon deutlich besser fühle, als wir uns abends mit Moritz und Louis wieder zusammen im Garten zum Essen zusammensetzen.